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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Viertes Kapitel

Die Gesellschaft zerstreute sich hierauf, und Franz verließ nach dem Getümmel gern das Haus, um sich in den Schloßgarten zu begeben. Hier gesellte sich der Jäger zu ihm, der im Walde die Antwort des Liedes mit einer schönen vollen Stimme gesungen hatte, er war ein junger Edelmann, der einen der vornehmeren Dienste bei der Herrschaft versah, Arnold war sein Name. Seine Miene hatte etwas Schwermütiges und Leidendes, auch hatte er an den Scherzen und Streitigkeiten bei der Tafel keinen Anteil genommen. Er ging mit Franz in den schattigen Gängen auf und nieder, indem sie sich vertraulich von der heutigen Jagd, von Sternbalds Reise, und von der Schönheit der Gräfin unterhielten. »Da kömmt sie den Lindengang heruntergeschritten!« rief plötzlich der Jüngling mit einer lebhaften Empfindung aus, »seht, wie sich das reiche Gewand um den edlen Leib schmiegt, und der Purpur des Kleides mit den goldenen Spangen in der grünen Dämmerung schimmert, schon fliegt der Strahl der himmlischen Augen, um mich festzuhalten, aber heute wenigstens will ich einmal einer traurigen Freiheit genießen.« Mit diesen seltsamen Worten verließ er schnell den staunenden Maler. Die geschmückte Dame, die er anfangs nicht wiedererkannt hatte, schritt ihm im Gange freundlich entgegen, sie sah dem Jäger-Jünglinge vom Morgen nur wenig ähnlich. Sie begrüßte ihn freundlich, ihr Blick und ihre Rede waren holdselig, nach einem kurzen Gespräche entfernte sie sich wieder. Franz lehnte sich sinnend an einen künstlichen Springbrunnen, der mit seinen kristallenen Strahlen die Luft lieblich abkühlte, und ein sanftes Geräusch ertönen ließ, zu dem die nahen Vögel williger und angenehmer sangen. Er hörte auf den mannigfaltigen Wohllaut, auf den Wechselgesang, den der spielende Quell gleichsam mit den Waldbewohnern führte, und sein Geist entfernte sich dann wieder in eine entfernte wunderbare Zaubergegend.

»Bin ich getäuscht, oder ist es wirklich?« sagte er zu sich selber; »ich werde ungewiß, ob mir allenthalben ihr süßes Bild begegnet, oder sie meine Phantasie nur in allen Gestalten wiedererkennt. Diese Gräfin gleicht ihr, die ich nicht zu nennen weiß, die ich suche und doch zögre, für die ich nur lebe und sie doch gewiß verliere.«

Eine Flöte ertönte aus dem Gebüsch, und Franz setzte sich auf eine schattige Rasenbank, um den Tönen ruhiger zuzuhören. Als der Spielende eine Weile musiziert hatte, sang eine wohlbekannte Stimme folgendes Lied:

    »Holdes, holdes Sehnsuchtrufen
Aus dem Wald, vom Tal herauf:
Klimm herab die Felsenstufen,
Folge diesem Locken, Rufen,
Hoffnung tut sich, Glück dir auf.

    Wohl seh ich Gestalten wanken
Durch des Waldes grüne Nacht,
Die bewegten Zweige schwanken,
Sie entschimmern wie Gedanken,
Die der Schlaf hinweggefacht.

    Komm Erinnrung, liebe Treue,
Die mir oft im Arm geruht,
Singe mir dein Lied, erfreue
Dieses matte Herz, der Scheue
Fühlt dann Kraft und Lebensmut.

    Kinder lieben ja die Scherze,
Und ich bin ein töricht Kind,
Treu verblieb dir doch mein Herze,
Leichtsinn nur im frohen Scherze,
Bin noch so wie sonst gesinnt.

    Wald und Tal, ihr grüne Hügel
Kennt die Wünsche meiner Brust,
Wie ich gern mit goldnem Flügel
Von der Abendröte Hügel
Möchte ziehn zu meiner Lust.

    Erd und Himmel nun in Küssen
Wie mit Liebesscham entbrennt; –
Ach! ich muß den Frevel büßen,
Lange noch die Holde missen
Die mein Herz mir ewig nennt.

    Morgenröte kommt gegangen,
Macht den Tag von Banden frei,
Erd und Himmel bräutlich prangen:
Aber ach! ich bin gefangen,
Einsam hier im süßen Mai.

    Lieb und Mailust ist verschwunden,
Ist nur Mai in ihrem Blick,
Keine Rose wird erfunden; –
Flieht und eilt ihr trägen Stunden,
Bringt die Braut mir bald zurück!«

Es war Rudolph, der nun hervortrat, und sich zu Sternbald an den Rand des Springbrunnens niedersetzte. »Ich erkannte dich wohl«, sagte Franz, »aber ich wollte dich in deinem zärtlichen Gesange nicht stören; doch siehst du muntrer aus, als ich dich erwartet hätte.«

»Ich bin recht vergnügt«, sagte Florestan, »der heutige Tag ist einer meiner heitersten, denn ich kenne nichts Schöneres, als so recht viel und mancherlei durcheinander zu empfinden, und deutlich zu fühlen, wie durch Kopf und Herz gleichsam goldne Sterne ziehen, und den schweren Menschen wie mit einer lieben wohltätigen Flamme durchschimmern. Wir sollten täglich recht viele Stimmungen und frische Anklänge zu erleben suchen, statt uns aus Trägheit in uns selbst und die alltägliche Gewöhnlichkeit zu verlieren.«

»Gewiß«, sagte Sternbald, »nur muß es nicht geschehn, bloß um mit uns selbst ein Spiel zu treiben, denn das Schöne und Ersprießliche ist, daß diese Stimmungen und Anregungen mit goldnem Schlüssel die Kammern unsers Geistes eröffnen, und uns die Schätze zeigen, die wir selber noch nicht kannten. So entsteht ein reiches und vielseitiges Leben, ein vertrauter und wohltuender Umgang mit uns selbst, und wir entfliehen jener abgeschlossenen Geistesarmut, die anfangs alles eigensinnig und spröde von sich weiset, und endlich durch nichts mehr gerührt und entzückt wird, denn der Mensch soll nicht sagen: ›Dieses will und werde ich niemals denken und fühlen!‹ aber er soll auch die Entzückungen seines Herzens nicht vergeuden, bloß um die Zeit auszufüllen, sonst verarmt er ebenfalls, und vielleicht noch schneller, auf diesem Wege. Darum hat mir auch der Schluß deines heutigen Trinkliedes nicht gefallen wollen; vielleicht ist mir überhaupt der Scherz und Leichtsinn unverständlich, der nicht zugleich Tiefsinn und Ernst sein könnte.«

»Nun so suche den Schlüssel zu bekommen«, rief Rudolph, »der dir auch diese Geisteskammer noch einmal eröffnet. Wie bist du denn heute so gar schwerfällig geworden, daß du es mit einer augenblicklichen Begeisterung so ernst und strenge nimmst? Laß doch der unschuldigen Poesie ihren Gang, wenn der klare Bach sich einmal ergießt. Liebster, sollen wir denn nicht auch unsre Gedanken, Fühlungen, Wünsche, Tränen und Lachen zuzeiten in die spielende Natur der Töne auflösen dürfen? Ich kann der Flöte, jedem Klange, der Nachtigall, dem Wasserfall, dem Baumgeräusch so innig zuhören, daß mein Seele ganz Ton wird. Man könnte sich, wenn man sonst Lust hätte, ein ganzes Gesprächstück von mancherlei Tönen aussinnen.«

»Es kann sein«, antwortete Franz, »von Blumen kann ich es mir gewissermaßen vorstellen. Es ist freilich immer nur ein Charakter in allen diesen Dingen, wie wir ihn als Menschen wahrzunehmen vermögen.«

»So geschieht alle Kunst«, antwortete Florestan; »die Tiere können wir schon richtiger fühlen, weil sie uns etwas näher stehn. Ich hatte einmal Lust, aus Lämmern, einigen Vögeln und andern Tieren eine Komödie zu formieren, aus Blumen ein Liebesstück, und aus den Tönen der Instrumente ein Trauer-, oder, wie ich es lieber nennen möchte, ein Geisterspiel.«

»Die meisten Leute würden es zu phantastisch finden«, sagte Sternbald.

»Das würde gerade meine Absicht sein«, antwortete Rudolph, »wenn ich mir Mühe geben wollte, es niederzuschreiben. Sieh, es ist indes schon Abend geworden. Kennst du Dantes großes Gedicht?«

»Nein«, sagte Franz.

»Auf eine ähnliche ganz allegorische Weise ließe sich vielleicht eine Offenbarung über die Natur schreiben, wenn es dem Dichter verliehen wäre, so wie der große Florentiner von Begeisterung und prophetischem Geiste durchdrungen zu sein. Aber laß das; versuchen wir einmal einen Wechselgesang, ob er uns heut so ohne Vorbereitung gelingt, da wir neulich unterbrochen wurden.«

»Wir können es wenigstens wagen«, sagte Franz; »aber du mußt das Silbenmaß setzen.«

Rudolph fing an:

Wer hat den lieben Frühling aufgeschlagen
        Gleich wie ein Zelt
        In blühnder Welt?
Wer konnte Wolkennacht verjagen?
        Das Tal voll Sonne,
        Der Wald mit Wonne
        Und Lied durchklungen: –
Der Lieb ist nur so schönes Werk gelungen.

                    Franz
Der Lieb ist nur so schönes Werk gelungen
        Daß Winter kalt
        Entflohen bald,
Die holde Macht hat ihn bezwungen:
        Die Blumen süße,
        Der Quell, die Flüsse,
        Befreit von Banden
Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden.

                    Rudolph
Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden
        Der Wechselsang,
        Der Echoklang,
Daß sie im heitern Raum sich fanden.
        Die Nachtigallen-
        Gesänge schallen,
        Die Lindendüfte
Umspielen liebekosend Frühlingslüfte.

                    Franz
Umspielen liebekosend Frühlingslüfte
        Gras, Blume, Baum,
        Wie Liebestraum
Hängt Rosenbluth um Felsenklüfte.
        Um Grotten schwanken
        Die Geißblattranken,
        Des Himmels Ferne
Erhellen tausend goldne kleine Sterne.

                    Rudolph
Erhellen tausend goldne kleine Sterne
        Die Nacht so hold,
        Der Brunnen Gold
Gießt strahlend sich zur Erde gerne:
        Mit Liebesblicken
        Uns zu beglücken
        Schaut hoch hernieder
Die Liebe, gibt uns unsre Grüße wieder.

                    Franz
Die Liebe gibt uns unsre Grüße wieder,
        Drum Blumenwelt
        Uns zugesellt,
Gesandt von ihr des Waldes Lieder:
        Sie schickt die Rose
        Daß sie uns kose,
        Wie uns zu danken
Glänzt sie daher und lacht aus Efeuranken.

                    Rudolph
Glänzt sie daher und lacht aus Efeuranken?
        Ja, Lilienpracht
        Scheint hell mit Macht,
Ihr Glanz belebt den Liebeskranken,
        Und leise drücken
        Wie Kuß, Entzücken
        Auf Lilien-Wange,
Daß hold die Liebe Dank von uns empfange.

                    Franz
Daß hold die Liebe Dank von uns empfange
        Wird Mädchenmund
        In trauter Stund
Geküßt bei Nachtigallgesange:
        Die Liebe höret
        Was jeder schwöret,
        Sie wacht den Eiden,
Sie straft den Frevelnden mit bittern Leiden.

                    Rudolph
Sie straft den Frevelnden mit bittern Leiden,
        Wann er erglüht
        Das Mädchen flieht,
Und selbst die Häßlichen ihn meiden;
        In Händen welken
        Ihm Ros und Nelken,
        Die Himmelslichter
Erblassen ihm, er singt als schlechter Dichter.

»Und darum wollen wir lieber aufhören«, sagte Rudolph, indem er aufstand, »denn ich gehöre selbst nicht zu den unbescholtensten.«

Die beiden Freunde gingen zurück. Der Abend hatte sich schon mit seinen dichtesten Schatten über den Garten ausgestreckt, und der Mond ging eben auf. Franz stand sinnend am Fenster seines Zimmers, und sah nach dem gegenüberliegenden Berge, der mit Tannen und Eichen bewachsen war, zu ihm hinauf schwebte der Mond, als wenn er ihn erklimmen wollte, das Tal glänzte im ersten funkelnd gelben Lichte, der Strom ging brausend dem Berge und dem Schlosse vorüber, eine Mühle klapperte und sauste in der Ferne, und nun aus einem entlegenen Fenster wieder die nächtlichen Hörnertöne, die dem Monde entgegengrüßten, und drüben in der Einsamkeit des Bergwaldes verhallten.

»Müssen mich diese Töne durch mein ganzes Leben verfolgen?« seufzte Franz; »wenn ich einmal zufrieden und mit mir zur Ruhe bin, dann dringen sie wie eine feindliche Schar in mein innerstes Gemüt, und wecken die kranken Kinder, Erinnerung und unbekannte Sehnsucht wieder auf. Dann drängt es mir im Herzen, als wenn ich wie auf Flügeln hinüberfliegen sollte, höher über die Wolken hinaus, und von oben herab meine Brust mit neuem, schöneren Klange anfüllen, und meinen schmachtenden Geist mit dem höchsten, letzten Wohllaut ersättigen. Ich möchte die ganze Welt mit Liebesgesang durchströmen, den Mondschimmer und die Morgenröte anrühren, daß sie mein Leid und Glück widerklingen, daß die Melodie Bäume, Zweige, Blätter und Gräser ergreife, damit alle spielend mein Lied wie mit Millionen Zungen wiederholen müßten.« –

In der Einsamkeit spielte und sang er in leisen Tönen folgendes Lied, in welchem er die heitre Beklemmung, die süße Müdigkeit, die Träume, die schon die Stunde der Nacht im voraus besuchen, aussprechen wollte.

Mondscheinlied

                        Träuft vom Himmel der kühle Tau,
Tun die Blumen die Kelche zu,
Spätrot sieht scheidend nach der Au,
Flüstern die Pappeln, sinkt nieder die nächtige Ruh.

    Kommen und gehn die Schatten,
Wolken bleiben noch spät auf,
Und ziehn mit schwerem, unbeholfnem Lauf
Über die erfrischten Matten.

    Schimmern die Sterne und schwinden wieder,
Blicken winkend und flüchtig nieder,
Wohnt im Wald die Dunkelheit,
Dehnt sich Finster weit und breit.

    Hinterm Wasser wie flimmende Flammen,
Berggipfel oben mit Gold beschienen,
Neigen rauschend und ernst die grünen
Gebüsche die blinkenden Häupter zusammen.

    Welle, rollst du herauf den Schein,
Des Mondes rund freundlich Angesicht?
Es merkt's und freudig bewegt sich der Hain,
Streckt die Zweig entgegen dem Zauberlicht.

    Fangen die Geister auf den Fluten zu springen,
Tun sich die Nachtblumen auf mit Klingen,
Wacht die Nachtigall im dicksten Baum,
Verkündet dichterisch ihren Traum,
Wie helle, blendende Strahlen die Töne niederfließen,
Am Bergeshang den Widerhall zu grüßen.

    Flimmern die Wellen,
Funkeln die wandernden Quellen,
Streifen durchs Gesträuch
Die Feuerwürmchen bleich. –

    Wie die Wolken wandelt mein Sehnen,
Mein Gedanke, bald dunkel, bald hell,
Hüpfen Wünsche um mich wie der Quell,
Kenne nicht die brennenden Tränen.

    Bist du nah, bist du weit,
Glück, das nur für mich erblühte?
Ach! daß es die Hände biete
In des Mondes Einsamkeit.

    Kömmt's aus dem Walde? schleicht's vom Tal?
Steigt es den Berg vielleicht hernieder?
Kommen alte Schmerzen wieder?
Aus Wolken ab die entflohne Qual?

    Und Zukunft wird Vergangenheit!
Bleibt der Strom nie ruhig stehn.
Ach! ist dein Glück auch noch so weit,
Magst du entgegengehn;
Auch Liebesglück wird einst Vergangenheit.

        Wolken schwinden,
        Den Morgen finden
        Die Blumen wieder:
Doch ist die Jugend einst entschwunden,
Ach! der Frühlingsliebe Stunden
Steigen keiner Sehnsucht nieder.

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