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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Da alle das Talent des Mannes bewunderten, sagte Rudolph im Unwillen: »Es geschieht dem Wein keine sonderliche Ehre, daß Ihr ihn auf solche Art lobt, denn es klingt beinahe, als wenn Ihr aus Not ein Dichter wäret, der den lieben Wein nur besingt, weil er sich diesen Gegenstand einmal vorgesetzt hat; es ist wie ein Gelübde, das jemand mit Widerwillen bezahlt. Warum quält Ihr Euch damit, Verse zu machen? Ihr könnt den Wein so durch funfzig Strophen verfolgen, von seiner Herkunft anfangen und seine ganze Erziehung durchgehn. Ich will Euch auf diese Art auch ein Gedicht über den Flachsbau durchsingen, und über jedes Manufakturprodukt.«

»Das hören wir sehr ungern!« rief einer von den Jägern.

»Wir haben den Mann immer für einen großen Dichter gehalten«, sagte ein andrer, »warum macht Ihr uns in unserm Glauben irre?«

»Es ist leichter tadeln, als besser machen!« rief ein dritter.

Der Poet selbst war sehr aufgebracht, daß ihm ein fremder Ankömmling seinen Lorbeer streitig machen wollte. Er bot dem berauschten Florestan einen dichterischen Zweikampf an, den die Gesellschaft nachher entscheiden sollte. Florestan gab seine Zustimmung, und der alte Sänger begann sogleich ein schönes Lied auf den Wein, das alle Gemüter so entzückte, daß Franz für seinen Freund wegen des Ausganges des Krieges in billige Besorgnis geriet.

Während dem Liede war die Tafel aufgehoben, und Florestan bestieg nun den Tisch, indem er seinen Hut aufsetzte, der mit grünem Laube geputzt war; vorher trank er noch ein großes Glas Wein, dann nahm er eine Zither in die Hand, auf welcher er artig spielte und dazu sang:

    »Erwacht ihr Melodieen,
Und tanzt auf den Saiten dahin!
Ha! meine Augen glühen,
Alle Sorgen erdwärts fliehen,
Himmelwärts entflattert der jauchzende Sinn.

    In goldenen Pokalen
Verbirget die Freude sich gern,
Es funkeln in den Schalen
Ha! des Weines liebe Strahlen,
Es regt sich die Welle ein schimmernder Stern.

    In tiefen Bergesklüften,
Wo Gold und der Edelstein keimt,
In Meeres fernen Schlüften,
In Adlers hohen Lüften,
Nirgend Wein wie auf glücklicher Erde schäumt.

    Gern mancher sucht' in Schlünden,
Wo selber dem Bergmann graut,
In felsigen Gewinden,
Könnt er die Wonne finden,
Die so freundlich uns aus dem Becher beschaut.« –

Rudolph hielt inne. »Ist es mir, Herr Poet«, fragte er bescheiden, »nun wohl vergönnt, das Silbenmaß ein wenig zu verändern?«

Der Dichter besann sich ein Weilchen, dann nickte er mit dem Kopfe, um ihm diese Freiheit zuzugestehn. Rudolph fuhr mit erhöhter Stimme fort:

    »Als das Glück von der Erde sich wandte,
Das Geschick alle Götter verbannte,
Da standen die Felsen so kahl,
Es verstummten der Liebenden Lieder,
Sah der Mond auf Betrübte hernieder,
Vergingen die Blumen im Tal.

    Sorg und Angst und Gram ohne Ende,
Nur zur Arbeit bewegten sich Hände,
Trüb und tränend der feurige Blick,
Sehnsucht selber war nun entschwunden,
Keiner dachte der vorigen Stunden,
Keiner wünschte sie heimlich zurück.

Nicht wahr«, unterbrach sich Rudolph selber, »das war für die arme Menschheit eine traurige Lage, die so plötzlich das goldene Zeitalter verloren hatte? Aber hört nur weiter:

    Alle Götter ohn Erbarmen
Sahn hinunter auf die Armen,
Ihr Verderben ihr Entschluß.
Oh, wer wäre Mensch verblieben,
Ohne Götter, ohne Lieben,
Ohne Sehnsucht, ohne Kuß? –

    Bacchus sieht, ein junger Gott,
Lächelnder Wang, mit Blicken munter
Zur verlaßnen Erd hinunter,
Ihn bewegt der Menschheit Not.

    Und es spricht die Silberstimme:
›Meine Freunde sind zu wild,
Ihrem eigensinngen Grimme
Unterliegt das Menschenbild.

    Dürfen sie die Welt verhöhnen
Weil kein Tod uns Göttern dräut?
Sollen denn nur Angst und Stöhnen
Leben sein und bittres Leid?‹

Aber, meine Freunde, ich bin des Singens und Trinkens überdrüssig.« Und mit diesen Worten sprang er vom Tische herunter.

Unter der berauschten Gesellschaft entstand ein Gemurmel, weil sie stritten, welcher von den beiden Poeten den Preis verdiene. Die meisten Stimmen schienen für den alten Sänger, einige aber, die durch ihre Vorliebe für das Neue einen bessern Verstand anzudeuten glaubten, nahmen sich des Florestan mit vielem Eifer an. Auch Sternbald mischte sich scherzend in den Streit, um seinem Freunde beizustehen.

»Man weiß nicht recht, was der junge Mensch mit seinem Gesange oder Liede will«, sagte einer von den ältesten. »Ein gutes Weinlied muß seinen stillen Gang für sich fortgehen, damit man brav Lust bekömmt, mitzusingen, weshalb auch oft blinkt, klingt und singt darin angebracht sein muß, wie ich es auch noch allenthalben gefunden habe. Allein was sollen mir dergleichen Geschichten?«

»Freilich«, sagte Florestan, »kann es nichts sollen; aber, lieben Freunde, was soll euch denn der Wein selber? Wenn ihr Wasser trinkt, bleibt ihr auch um vieles mäßiger und verständiger.«

»Nein«, schrie ein andrer, »auch im Weine kann und muß man mäßig sein; der Genuß ist dazu da, daß man ihn genießt, aber nicht so gänzlich ohne Verstand.«

Rudolph lachte und gab ihm recht, wodurch viele ausgesöhnt wurden und zu seiner Partei übergingen. »Ich habe nur den Tadel«, sagte Sternbald, »daß dein Gedicht durchaus keinen Schluß hat.«

»Und warum muß denn alles eben einen Schluß haben?« rief Florestan, »und nun gar in der scherzenden fröhlichen Poesie! Fangt ihr nur an, zu spielen, um aufzuhören? Denkt ihr euch bei jedem Spaziergange gleich das Zurückgehen? Es ist ja schöner, wenn ein Ton leise nach und nach verhallt, wenn ein Wasserfall immer fortbraust, wenn die Nachtigall nicht verstummt. Müßt ihr denn Winter haben, um den Frühling zu genießen?«

»Es kann sein, daß Ihr recht habt«, antworteten einige, »ein Weinlied nun gar, das nichts als die reinste Fröhlichkeit atmen soll, kann eines Schlusses am ersten entbehren.«

»Aber wie ihr nun wieder sprecht!« rief Florestan im tollen Mute, indem er sich hastig rundherum drehte. »Ohne Schluß, ohne Endschaft ist kein Genuß, kein Ergötzen durchaus nicht möglich. Wenn ich einen Baumgang hinuntergehe, sei er noch so schön, so muß ich doch an den letzten Baum kommen können, um stillzustehn und zu denken: ›Dort bin ich gegangen.‹ Im Leben wären Liebe, Freude und Entzücken nur Qualen, wenn sie unaufhörlich wären, daß sie Vergangenheit sein können, macht das zukünftige Glück wieder möglich, ja, zu jedem großen Manne mit allen seinen bewundernswerten Taten gehört der Tod als unentbehrlich zu seiner Größe, damit ich nur imstande bin, die wahre Summe seiner Vortrefflichkeit zu ziehen, und ihn mit Ruhe zu bewundern. In der Kunst gar ist der Schluß ja nichts weiter, als eine Ergänzung des Anfangs.«

»Ihr seid ein wunderlicher Mensch«, sagte der alte Poet, »so singt uns also Euren Schluß, wenn er denn so unentbehrlich ist.«

»Ihr werdet aber damit noch viel weniger zufrieden sein«, sagte Florestan, »doch es soll Euch ein Genüge geschehn.« Er nahm die Zither wieder in die Hand, spielte und sang:

    »Bacchus läßt die Rebe sprießen,
Saft durch ihre Blätter fließen,
Läßt sie weiche Lüfte fächeln,
Sonnet sie mit seinem Lächeln.

    Um die Ulme hingeschlungen
Steht die neue Pflanz im Licht,
Heimlich ist es ihm gelungen,
Denn die Götter merken's nicht.

    Läßt die Blüten rötlich schwellen
Und die Beeren saftig quellen,
Fürchtend die Götter und das Geschick
Kommt er in Trauben verkleidet zur Welt zurück.

    Nun kommen die Menschlein hergegangen
Und kosten mit süßem Verlangen
Die neue Frucht, den glühenden Most,
und finden den Gott, den himmlischen Trost.

    In der Kelter springt der mutwillige Götterknabe,
Der Menschen allerliebste Habe,
Sie trinken den Wein, sie kosten das Glück,
Es schleicht sich die goldene Zeit zurück.

    Der schöne Rausch erheitert ihr Gesicht,
Sie genießen froh das neue Sonnenlicht,
Sie spüren selber Götter- und Zauberkraft,
Die ihnen die neue Gabe schafft.

    Die Blicke feurig angeglommen
Zwingen sie die Venus zurückzukommen,
Die Göttin ist da und darf nicht fliehn,
Weil sie sie mächtig rückwärts ziehn.

    Da schauen die Götter herab mit staunendem Blick,
Es kommt beschämt die ganze Schar zurück: –
›Wir wollen wieder bei euch wohnen,
Ihr Menschen bauet unsre Thronen.‹

    ›Was brauchen wir euch und euer Geschick?‹
So tönt von der Erde die Antwort zurück,
›Wir können euch ohne Gram entbehren,
Wenn Wein und Liebe bei uns gewähren.‹«

Nun schwieg er still und legte mit einer anständigen Verbeugung die Zither weg. »Das ist nun gar gottlos!« riefen viele von den Zuhörern, »Euer Schluß ist das Unerlaubteste von allem, was Ihr uns vorgesungen habt.«

Der Streit über den Wert der beiden Dichter fing von neuem an. Sternbald ward hitzig für seinen Freund, und da er ihn einigemal bei seinem Namen Florestan nannte, so ward der andere Poet dadurch aufmerksam gemacht; er fragte, er erkundigte sich, das Gespräch nahm eine andere Wendung. Man sprach von Vettern, Oheimen, Basen, in Deutschland, Italien und Frankreich, tausend Namen wurden genannt, viele Stammbäume entwickelt, und endlich fand es sich, daß die beiden Streitenden Verwandte waren: sie umarmten sich, freuten sich, einander so unverhofft anzutreffen, und es wurde nun weiter an keine Vergleichung ihrer Talente gedacht.

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