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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Drittes Kapitel

Indem Rudolph und Franz ihren Weg fortsetzten, sprachen sie über ihre Begleiter, die sie verlassen hatten. Franz sagte: »Ich kann es mir nicht erklären, warum ich vom ersten Augenblicke einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen diesen Bildhauer empfunden habe, der sich mit jedem Worte, das er sprach, vermehrte; selbst die freundliche Art, mit der er am Ende Abschied nahm, war mir recht im Herzen zuwider.«

»Der Geistliche«, antwortete Rudolph, »hatte im Gegenteil etwas Anlockendes, das gleich mein Zutrauen gewann; er schien ein sanfter, freundlicher Mensch, der jedem wohlwollte. Nur möchte ich glauben, daß er dem Stande nicht angehört, dessen Kleidung er trägt, denn sein Gang war zu frei und männlich.«

»Er hätte uns«, fuhr Sternbald fort, »die Geschichte des alten Mannes erzählen sollen, von dem er sprach; eine sonderbare Neugier bemächtigte sich meiner, und es schmerzt mich, so von ihm geschieden zu sein, denn es gibt Begebenheiten, aus deren Erzählung man für sein ganzes Leben lernen kann.«

»Und ich begreife nicht«, sagte Rudolph, »was in jeder Geschichte anders noch als Geschichte sein kann, mir war es lieb, daß es nicht zur Erzählung kam, denn schon in den Büchern ist es mir immer sehr verhaßt gewesen, wenn auf eine ähnliche Frage und unnötige Veranlassung eine Novelle oder Historie vorgetragen wird, und in dem Augenblick, als er sich zum Vortrage anschickte, gemahnte es mir gerade so, als wenn ich ein solches Buch läse.«

Ein Fußsteig führte sie in einen dichten kühlen Wald hinein, und sie bedachten sich nicht lange, ihm nachzugehen. Eine erquickende Luft zog durch die Zweige, und der mannigfaltigste, anmutigste Gesang von unzähligen Vögeln erschallte. Es war ein lebendiges Gewimmel in den Gebüschen; die buntgefiederten Sänger sprangen hier- und dorthin: die Sonne flimmerte nur an einzelnen Stellen durch das dichte Grün.

Beide Freunde gingen schweigend nebeneinander, indem sie des schönen Anblicks genossen. Endlich stand Rudolph still und sagte: »Wenn ich ein Maler wäre, Freund Sternbald, so würde ich vorzüglich Waldgegenstände studieren und darstellen. Schon der Gedanke eines solchen Gemäldes kann mich entzücken. Wenn ich mir unter diesen dämmernden Schatten die Göttin Diana vorübereilend denke, den Bogen gespannt, das Gewand aufgeschürzt und die schönen Glieder leicht umhüllt, hinter ihr die Nymphen in Eil und die Jagdhunde springend, so wird mir dies von selbst zum Bilde. Oder stelle dir vor, daß dieser Fußweg sich immer dichter in das Gebüsch hineinwindet, die Bäume werden immer höher und wunderbarer, plötzlich steht eine Grotte, ein kühles Bad vor uns, und in ihm die Göttin, mit ihren Begleiterinnen, entkleidet. Da ist die Einsamkeit, Grün, Felsen und Baum und die nackte Schönheit majestätischer, hoher und jungfräulicher Leiber vereinigt: füge vielleicht den Aktäon hinzu, so tritt jener wundersame Schreck und die seltsame Freude noch in das Gemälde, in seinen Hunden kannst du schon die tierische Wut und den Blutdurst darstellen, so ist hier das Widersprechendste in ein poetisches Bild notwendig und schön verknüpft.«

»Oder«, sagte Franz, »hier im tiefen Walde die Leiche eines schönen Jünglings, und über ihm ein Freund und die Geliebte im tiefsten Schmerz, vielleicht Venus und Adonis, oder ein lieblicher Knabe, von wilden Räubern erschlagen: die dunkelgrünen Schatten, unter ihnen die blendenden Jugendgestalten, der frische Rasen, die einzelnen, zerspaltenen Sonnenstrahlen von oben, die nur das Gesicht und einzelne kleine Teile hell erleuchteten, der Eber, oder die Räuber in der Ferne, wie von Gewitterschatten eingehüllt, alles dies zusammen müßte ein vortreffliches Gemälde der Schwermut und Schönheit ausbilden.«

»Fühlst du nicht oft«, fuhr Rudolph fort, »einen wunderbaren Zug deines Herzens dem Wunderbaren und Seltsamen entgegen? Man kann sich der Traumbilder dann nicht erwehren, man erwartet eine höchst sonderbare Fortsetzung unsers gewöhnlichen Lebenslaufs. Oft ist es, als wenn der Geist von Ariosts Dichtungen über uns hinwegfliegt, und uns in seinen kristallenen Wirbel mit fassen wird; nun horchen wir auf und sind auf die neue Zukunft begierig, auf alle die Erscheinungen, die an uns mit bunten Zaubergewändern vorübergehen sollen: dann ist es, als wollte der Waldstrom seine Melodie deutlicher aussprechen, als würde den Bäumen die Zunge gelöst, damit ihr Rauschen in verständlichem Gesang dahinrinne. Nun fängt die Liebe an, auf fernen Flötentönen heranzuschreiten, das klopfende Herz will ihr entgegenfliegen, die Gegenwart ist wie durch einen mächtigen Bannspruch festgezaubert, und die glänzenden Minuten wagen es nicht zu entfliehen. Ein Zirkel von Wohllaut hält uns mit magischen Kräften eingeschlossen, und ein neues verklärtes Dasein schimmert wie rätselhaftes Mondlicht in unser wirkliches Leben hinein.«

»O du Dichter!« rief Franz aus, »wenn du nicht so leichtsinnig wärst, solltest du ein großes Wundergedicht erschaffen, voll von gaukelndem Glanz und wandelnden Klängen, voll Irrlichter und Mondschimmer; ich höre dir mit Freuden zu, und mein Herz ist schon wunderbar von diesen Worten ergriffen.«

Nun hörten sie eine rührende Waldmusik von durcheinanderspielenden Hörnern aus der Ferne; sie standen still und horchten, ob es Einbildung oder Wirklichkeit sei: aber ein melodischer Gesang quoll durch die Bäume ihnen wie ein rieselnder Bach entgegen, und Franz glaubte, die Geisterwelt habe sich wohl plötzlich aufgeschlossen, weil sie vielleicht, ohne es zu wissen, das große zaubernde Wort gefunden hätten; als habe nun der geheimnisvolle unsichtbare Strom den Weg nach ihnen gelenkt, und sie in seine Fluten aufgenommen. Sie gingen näher, die Waldhörner schwiegen, aber eine süße Stimme sang nun folgendes Lied:

    »Waldnacht! Jagdlust!
Leis und ferner
Klingen Hörner,
Hebt sich, jauchzt die freie Brust!
Töne, töne nieder zum Tal,
Freun sich, freun sich allzumal
Baum und Strauch beim muntern Schall.

    Kling nur Bergquell!
Efeuranken
Dich umschwanken,
Riesle durch die Klüfte schnell!
Fliehet, flieht das Leben so fort,
Wandelt hier, dann ist es dort –
Hallt, zerschmilzt, ein luftig Wort.

    Waldnacht! Jagdlust!
Daß die Liebe
Bei uns bliebe,
Wohnen blieb' in treuer Brust!
Wandelt, wandelt sich allzumal,
Fliehet gleich dem Hörnerschall: –
Einsam, einsam grünes Tal.

    Kling nur Bergquell!
Ach betrogen –
Wasserwogen
Rauschen abwärts nicht so schnell!
Liebe, Leben, sie eilen hin,
Keins von beiden trägt Gewinn: –
Ach, daß ich geboren bin!«

Die Stimme schwieg, und die Hörner fielen nun wieder mit schmelzenden Akkorden darein; dann verhallten sie, und eine männliche volle Stimme sang von einem entfernteren Orte:

»Treulieb ist nimmer weit,
Nach Kummer und nach Leid
Kehrt wieder Lieb und Freud:
Dann kehrt der holde Gruß,
    Händedrücken,
    Zärtlich Blicken,
    Liebeskuß.

Treulieb ist nimmer weit!
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir, nur dir geweiht.
Bald kömmt der Morgen schön,
    Ihn begrüßet
    Wie er küsset
    Freudenträn'.«

Die Hörner schlossen auch diesen Gesang mit einigen überaus zärtlichen Tönen.

Franz und Rudolph waren indes näher geschritten und standen jetzt still, an einen alten Baum gelehnt, der sie fast ganz beschattete. Sie sahen eine Gesellschaft von Jägern auf einem grünen Hügel gelagert, einige darunter waren diejenigen, die vorher an ihnen vorübergeritten waren. Auf der mittleren Erhöhung des Hügels saß ein wundersam schöner Jüngling, in einer Jagdkleidung von grünem Sammet, von einem violetten Hute schwankten bunte Federn, in einem reichen Bandelier, das über der erhabenen Brust hing, trug er ein kurzes Schwert; er hatte das erste Lied gesungen; aus dem Anstande, der Schönheit und dem Wuchse des Jünglings sahe Franz, daß er ein Mädchen sei: sie glich, indem sich die schlanke Gestalt erhob, und die Hitze der Jagd in ihrem Gesichte glühte, der Göttin der Wälder. Alle Jäger sprangen auf, die verschiedenen ruhenden Gruppen wurden plötzlich lebendig, und versammelten sich um sie her, die Hunde kamen herbei, die bisher teils zu ihren Füßen schnaufend, teils unter den kühlen Bäumen gelegen hatten. Ein Jagdruf der Hörner erklang, und alles machte sich zur Rückkehr fertig. Die wiehernden Rosse wurden von Dienern aus dem Schatten des Waldes herbeigeführt. Jetzt ward sie die beiden Reisenden gewahr und ging freundlich auf sie zu, indem sie sich erkundigte, auf welche Weise sie dorthin gekommen wären. Rudolph merkte nun erst, daß sie sich verirrt haben müßten, denn sie sahen keinen Weg, keinen Fußsteig vor sich. Auf den Befehl der Jägerin reichte man ihnen Wein in Bechern zur Erfrischung; dann erzählten sie von ihrer Wanderschaft. Da die schöne Jägerin hörte, daß Sternbald ein Maler sei, bat sie beide Freunde, dem Zuge auf ihr nahe gelegenes Schloß zu folgen, Sternbald solle ausruhen, und nachher etwas für sie arbeiten.

Franz war begeistert, er wünschte nichts so sehr, als in der Nähe dieser herrlichen Erscheinung zu bleiben, und ihr auf irgendeine Weise gefällig oder nützlich sein zu können. Die Jäger bestiegen ihre Pferde, und zwei von ihnen boten Franz und Rudolph ihre Hengste an. Sie stiegen auf, und Rudolph war immer der vorderste im Zuge, wobei sich seine ausländische Tracht, seine vom Hute flatternden Bänder gut ausnahmen: Sternbald aber, dem diese Übung noch neu war, schien ängstlich und blieb hinten, er wünschte, daß man ihn zu Fuß hätte folgen lassen.

Jetzt eröffnete sich der Wald. Eine schöne Ebene mit Gebüschen und krausen Hügeln in der Ferne lag vor ihnen. Die Pferde wieherten laut und fröhlich, als sie die Rückkehr zur Heimat merkten; das Schloß der Gräfin lag mit glänzenden Fenstern und Zinnen zur Rechten auf einer lieblichen Anhöhe. Ein Jäger, der mit Rudolph den Zug angeführt hatte, bot diesem an, einen Wettlauf bis zum Schlosse anzustellen: Rudolph war willig, beide spornten ihre Rosse und flogen mit gleicher Eile über die Ebene, Rudolph jauchzte, als er seinem Mitkämpfenden Vorsprung abgewann; die übrigen folgten langsam unter einer fröhlichen Musik der Hörner.

Es war um die Mittagszeit, als der Zug im Schlosse ankam, und die ganze Gesellschaft setzte sich bald darauf zur Tafel; die schöne Jägerin war aber nicht zugegen. Die Tischgesellschaft war desto lustiger, Rudolph, vom Reiten erhitzt, und da er überdies noch vielen Wein trank, war er beinahe ausgelassen, um so mehr aber belustigte er die Gesellschaft, die es nicht müde wurde, seine Einfälle zu belachen. Franz fühlte sich gegen seine Leichtigkeit unbeholfen und ohne alle Fähigkeit Scherz und Lachen zu vernehmen. Ein ältlicher Mann, der im Hause aufbewahrt wurde, galt für einen Dichter: er sagte Verse her, die ungemein gefielen, und noch mehr deswegen, weil er sie ohne Vorbereitung singen oder sprechen konnte. Unter dem lautesten Beifall der Gesellschaft sang er folgendes Trinklied:

    »Die Gläser sind nun angefüllt,
Auf, Freunde, stoßet an,
Der edle Traubensaft entquillt
Für jeden braven Mann.
Es geht von Mund zu Mund
Das volle Glas in die Rund,
Wer krank ist trinke sich gesund.

    Es kommt vom Himmel Sonnenschein
Und schenkt uns Freud und Trost,
Dann wächst der liebe süße Wein,
Es rauschet uns der Most.
Es geht von Mund zu Mund
Das volle Glas in die Rund,
Wer krank ist trinke sich gesund.«

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