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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Drittes Buch

Erstes Kapitel

O Jugend! du lieber Frühling, der du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des Lebens liegst! wo mit zarten Äugelein die Blumen umher, des Waldes neugrüne Blätter, wie mit fröhlicher Stimme dir winken, dir zujauchzen! Du bist das Paradies, das jeder der spätgebornen Menschen betritt, und das für jeden immer wieder von neuem verlorengeht.

Gefilde voll Seligkeit! überhangend von Blüten, durchirrt von Tönen! Sehnsucht weht und spielt in deinen süßen Hainen. Vergangenheit so golden, Zukunft so wunderbar: wie mit dem Sirenengesange der Nachtigall lockt es von dorther; mondliche Schimmer breiten sich auf dem Wege aus, liebliche Düfte ziehen aus dem Tale herauf, vom Berge nieder der Silberquell. O Jüngling, in dir glänzt Morgenröte, sie rückt mit ihren Strahlen und wunderglänzenden Wolkenbildern herauf: dann folgt der Tag, bis auf die Spur sogar verfließt die himmlische Sehnsucht; alle Liebesengel ziehen fort, und du bist mit dir allein. War alles nur Dunst und bunter Schatten, wornach du brünstig die Arme strecktest? –

    Aus Wolken winken Hände,
An jedem Finger rote Rosen,
Sie winken dir mit schmeichlerischem Kosen,
Du stehst und fragst: wohin der Weg sich wende?

    Da singen alle Frühlingslüfte,
Da duften und klingen die Blumendüfte,
Lieblich Rauschen geht das Tal entlang:
»Sei mutig, nicht bang!

    Siehst du des Mondes Schimmer?
Der Quellen hüpfendes Geflimmer?
In Wolken hoch die goldnen Hügel?
Der Morgenröte himmelbreite Flügel?

    Dir entgegen ziehn so Glück als Liebe,
Dich als Beute mit goldenen Netzen zu fahn,
So leise lieblich, daß keine Ausflucht bliebe
Umstellen sie dich, bald ist's um dich getan.«

    – Was will das Glück mit mir beginnen?
O Frühlingsnachtigall! singst du drein?
Schon dringt die sehnende Lieb auf mich ein;
Wie Mondglanz webt's um meine Sinnen.

    Wie bang ist mir's, gefangen mich zu geben,
Sie nahn, die Scharen der Wonne, mit Heeresmacht!
Verloren, verträumt ist das fliehende Leben,
Schon rüstet sich Lieb und Glück zur Schlacht.

    Der Kampf ist begonnen,
    Ich fühle die Wonnen
    Durchströmen die Brust:
    O selge Gefilde,
    Ich komme, wie milde
    Erquickt und ermattet des Lebens Lust!

        Es sinket vom Himmel
    Der Freuden Gewimmel
    Und lagert sich hier:
    Im Boden, ich fühle
    Der Freuden Gewühle,
    Sie streben und drängen entgegen mir.

        Der Quellen Getöne,
    Der Blümelein Schöne,
    Ihr lieblicher Blick,
    Sie winken so eigen,
    Ich deute das Schweigen,
    Sie wünschen mir alle zum Leben Glück. – –

    Nun wandelt das Kind auf grünen Wegen
Den goldglänzenden Strahlen entgegen,
Im bangen Harren geht es weit,
Es klopft das Herz, es flieht die Zeit.

    Da ist's, als wenn die Quellen schwiegen,
Ihm dünkt, als dunkle Schatten stiegen,
Und löschten des Waldes grüne Flammen,
Es falten die Blumen den Putz zusammen.

    Die freundlichen Blüten sind nun fort
Und Früchte stehn an selbigem Ort;
Die Nachtgall versteckt die Gesänge im Wald,
Nur Echo durch Still und Einsamkeit schallt. –

    »Morgenröte! bist du nach Haus gegangen?«
Ruft das Kind, und streckt die Händ und weint;
»O komm! ich bin erlöst vom Bangen,
Du wolltest mich mit goldnen Netzen fangen,
Du hast es gewiß nicht böse gemeint.

    Ich will mich gerne drein ergeben,
Es kann und soll nicht anders sein:
Ich opfre dir mein junges Leben,
O komm zurück, du Himmelsschein!« –

    Aber hoch und höher steigt das Licht,
Und bescheint das tränende Gesicht;
Die Nachtigall flieht waldwärts weiter,
Quell wird zum Fluß und immer breiter.

    »Ach! und ich kann nicht hinüberfliegen,
Was mich erst lockte, ist nun so weit,
Der Morgenglanz, die Töne müssen jenseits liegen,
Ich stehe hier, und fühle nur mein Leid!« –

    – Die Nachtigall singet aus weiter Fern:
»Wir locken, damit du lebest gern,
Daß du dich nach uns sehnst, und immer matter sehnst,
Ist, was du töricht dein Leben wähnst.« – –

Franz Sternbald und sein Freund Rudolph Florestan durchwanderten jetzt den Elsaß. Es war die Zeit im Jahre, wenn der Frühling in den Baumknospen schläft, und die Vögel ihn in den unbelaubten Zweigen aufwecken wollen. Die Sonne schien blaß und gleichsam blöde auf die warme, dampfende Erde hernieder, die das erste neue Gras aus ihrem Schoße gebar. Sternbald erinnerte sich der Zeit, als er zuerst seine Pflegeeltern verließ, um bei Albrecht Dürer in Nürnberg zu lernen, gerade in solchem Wetter hatte er sein friedliches Dorf verlassen. Er gedachte der kindischen Verwunderung, mit der er von Hügeln und Waldhöhen die schäumenden, Schnee wälzenden Bäche im Glanze der ersten Wärme hatte rollen sehn, welch wundersamer Duft, wie Lebenshauch, ihm aus der locker gewordenen Erde aufgestiegen, und wie im ernsten Braun hie und da die grünen Streifen ihn wie ein Lächeln angesehn, und ihm schon vom Sommer und seinem Obst erzählt hatten: wie nach der Wanderung vieler Tage sich endlich dieses Märchen durch das Wunder der großen Stadt im brennenden Abendgolde, und beim Schein des Lichtes mit Dürers edlem Antlitz beschlossen habe. Sie gingen, indem Rudolph fröhliche Geschichten erzählte, durch die schöne Gegend. Straßburg lag hinter ihnen, noch sahen sie den erhabenen Münster; in der nächsten Stadt wollten sie einen Mann erwarten, der auf der Rückreise von Italien begriffen war.

In Straßburg hatte Franz seinem Sebastian folgenden Brief geschrieben:

 

Jetzt, lieber Sebastian, ist mir sehr wohl, und Du wirst Dich darüber freuen. Meine Seele ergreift das Ferne und Nahe, die Gegenwart und Vergangenheit mit gleicher Liebe, und alle Empfindung trage ich sorglich zu meiner Kunst hinüber. Warum quäle ich mich ab, da ich mich doch am Ende überzeugen muß, daß jeder nur das leisten wird, was er leisten kann? Wie kurz ist das Leben; und warum wollen wir es mit unsern Beängstigungen noch mehr verkürzen? Jeder Künstlergeist muß sich ohne Druck und äußern Zwang, wie ein edler Baum mit seinen mancherlei Zweigen und Ästen ausbreiten; er strebt von selbst durch eigne Kraft nach den Wolken zu, und so erzeugt sich die erhabene oder sinnige Pflanze, sei es Eiche, Buche oder Zypresse, Myrte oder Rosengesträuch, je nachdem der Keim beschaffen war, aus dem sie zuerst in die Höhe sproßte. So musiziert jedes Vögelein seine eigentümlichen Lieder. Freilich will es unter ihnen auch jezuweilen einer dem andern nach- und zuvortun; aber sie verfehlen doch nie so sehr ihren Weg, wie es dem Menschen nur gar zu oft geschieht.

So will ich mich denn der Zeit und mir selber überlassen. Mein Freund Rudolph lacht täglich über meine unschlüssige Ängstlichkeit, die sich auch nach und nach verliert. Im reinen Sinne spiegeln sich alle Empfindungen, und lassen nachher eine Spur zurück, und selbst das, was das Gemüt nicht aufbewahrt, nährt heimlicherweise den Sinn der Kunst und ist nicht verloren. Das tröstet mich und hemmt die Beklemmungen, die mich sonst nur gar zu oft überwältigten.

Auf eine magische Weise, (zauberisch oder himmlisch, denn ich weiß nicht, wie ich es nennen soll) ist meine Phantasie mit dem Engelsbilde angefüllt, von dem ich Dir schon so oft gesprochen habe. Es ist wunderbar. Die Gestalt, die Blicke, der Zug des Mundes, alles steht deutlich vor mir, und doch wieder nicht deutlich, denn es dämmert dann wie eine ungewisse, vorüberschwebende Erscheinung vor meiner Seele, daß ich es festhalten möchte, und Sinnen und Erinnerung brünstig ausstrecke, um es wirklich und wahrlich zu gewahren und zu meinem Eigentum zu machen. So ist es mir oft seitdem ergangen, wenn ich die Schönheit einer Landschaft so recht innigst empfinden wollte, oder die Größe eines Gedankens mir festhalten, oder eine wundersame Empfindung oder Blicke in das Überirdisch-Schöne, oder den Glauben an Gott. Es kömmt und geht; bald Dämmerung, bald Mondschein, nur auf Augenblicke wie helles Tageslicht. Der Geist ist in Arbeit, im rastlosen Streben, sich aus den Ketten aufzurichten, die ihn im Körper zu Boden halten.

Oh, mein Sebastian! wie wohl ist mir, und wie lieblich fühl ich in mir die Regung der Lebenskraft und die heitre Jugend! Es ist herrlich, was mir die Rheinufer, die Berge um Bonn, und die wunderbaren Krümmungen des Gewässers verkündigt haben. Von dem großen Münster in Straßburg, von Köln und seinen Herrlichkeiten will ich Dir ein andermal reden, ich bin zu voll davon.

In Straßburg habe ich für einen reichen Mann eine Heilige Familie gemalt. Es war das erstemal, daß ich meinen Kräften in allen Stunden vertraute, und mich begeistert, und doch ruhig fühlte. In der Muttergottes habe ich gesucht die Gestalt hinzuzeichnen, die mein Inneres erleuchtet, die geistige Flamme, bei der ich mich selber sehe und alles, was in mir ist, und durch die alles vom lieblichsten Widerscheine verschönt und strahlend lebt. Es war beim Malen derselbe Kampf zwischen Deutlichkeit und Ungewißheit in mir, und darüber ist es mir vielleicht nur gelungen. Die Gestalten, die wir wahrhaft anschauen, sind eben dadurch in uns schon zu irdisch und wirklich, sie tragen zu viele Merkmale an sich, und vergegenwärtigen sich darum zu körperlich. Geht man aber im Gegenteil aufs Erfinden aus, so bleiben die Gebilde gewöhnlich luftig und allgemein, und wagen sich nicht aus ihrer ungewissen Ferne heraus. Aus dem Mittel zwischen beiden habe ich wie etwas Übermenschliches gesucht, und eine Gestalt hervorgebracht, die mich zauberisch von der Tafel anblickte. Sollte die Kunst vielleicht immer so verfahren, um Überirdisch-Unsichtbares sichtbar zu machen? Und, sonderbarer Gedanke, kann ich vielleicht nur dichtend malen, bis ich sie wiederfinde? und dann sollte wohl in ihrer Gegenwart mein Talent erlöschen, weil mein Geist sie nicht mehr zu suchen brauchte? Nein, ich will es nicht glauben, festen Mutes will ich in das Gebiet der Kunst vorrücken; ich fühle es ja, wie mein Herz für das Edle und Schöne entzückt ist, es ist also mein Gebiet, mein Eigentum, ich darf darin schalten und mich einheimisch fühlen.

Wirf mir nicht Stolz vor, Sebastian; denn Du tätest mir Unrecht. Ich bin und bleibe, wie ich war. Der Himmel schenke Dir Gesundheit. –

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