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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Achtes Kapitel

Als Franz in das Zimmer trat, fand er die Tochter allein, die die Zither spielte; sie dünkte ihm liebenswürdiger als je. Sie lehnte sich, wie in Sehnsucht aufgelöst, auf dem Ruhebette zurück, und sang eben die letzten Verse eines schmachtenden Liebesgedichtes. Er nahte verlegen, sie bemerkte ihn endlich, aber auch zugleich seine Ängstlichkeit, sie stand auf, faßte ihn zärtlich bei der Hand und fragte: ob er krank sei? »O meine teure, schöne, mir so freundlich liebe Sara«, fing Franz an, »in meinem Herzen ist ein Sturm, eine Verwirrung, die Ihr vielleicht lösen und beruhigen könnt, wenn ich Euch recht aufrichtig meine sonderbaren Leiden vertraue, und zugleich alles, was mir begegnet ist.« »Setzt Euch, mein lieber Freund«, sagte Sara, als die Magd hereintrat, auf welche Sara sogleich errötend zulief, sie bei der Hand nahm, und sich mit ihr in den Bogen eines Fensters stellte, um ein eifriges heimliches Gespräch mit ihr zu führen. Sara schien zu erschrecken und die Magd entfernte sich wieder. »Gott im Himmel!« rief das Mädchen unter Tränen aus, indem sie sich auf das Ruhebett warf; »also ist es nun gewiß? Ich kann mich nicht mehr täuschen? Alles wird Wahrheit, schreckliche Wahrheit, was immer nur noch als düstre Ahndung mich umschwebte.« Tränen und Schluchzen erstickten ihre Sprache, und Franz trat freundlich zu ihr, ihr einige tröstende Worte zu sagen, und sich nach der Ursach ihrer Wehklage zu erkundigen. Sie ließ ihn neben sich niedersitzen und richtete einen zärtlichen Blick auf ihn. »Nein, mein liebster Freund«, rief sie, »ich habe mich nicht mehr in meiner Gewalt, ich muß Euch mein Leiden klagen, Euch vertraue ich allein, und Ihr werdet mein Vertrauen nicht mißbrauchen. Seit acht Wochen leide ich unaussprechlich. Ihr seid gut, Ihr habt Mitleid mit mir getragen, ich habe es wohl bemerkt. Was soll ich Euch sagen? Ich liebe, ich bin unglücklich, ohne Hoffnung. Ein junger Mann in unserer Nachbarschaft, ohne Vermögen, ohne Stand, aber das liebevollste Herz, die biederste Treue – ach! weiß ich es, wie mein Auge, und bald darauf meine ganze Seele immer nach ihm gerichtet wurde? Begreif ich es, wie es kam, daß wir uns sprachen, uns alles sagten? Nun ist er krank geworden, krank aus Liebe, jetzt ohne Trost, und seit gestern ist sein Zustand gefährlich, da ihm jemand erzählt hat, daß mein Vater mich verheiraten wolle. Mein Vater kann es nicht wollen, er kann meinen Tod nicht wünschen. Geht zu ihm, Ihr mein liebster, mein einziger Freund, beruhigt ihn, tröstet ihn. Ach! wollt Ihr Euch mir so gütig erzeigen? Gewiß, es glänzt eine himmlische Güte aus Euren Augen. Er wird Euch rühren, Ihr werdet ihn auch lieben müssen, gewiß, wenn auch nicht so, wie ich.«

Franz ließ sich das Haus bezeichnen und eilte atemlos dahin. Er kam in eine armselige Stube, in welcher der Kranke in einem Bette lag, und vor sich Papiere hatte, auf denen er zeichnete. Als Sternbald näher kam, erstaunte er, den Schmied vor sich zu sehn, mit dem er vor Nürnberg am Tage seiner Auswanderung gesprochen hatte. »O mein lieber Freund!« rief er aus, »wie ist es möglich, daß ich Euch nicht früher irgendwo gesehn habe? Jetzt führt mich das sonderbarste Verhältnis, der schönste Befehl zu Euch. Längst hätte ich Euch aufgesucht, wenn ich nur ahnden konnte, daß Ihr wieder in Antwerpen wärt.« Der junge Schmied erkannte den Maler auch sogleich wieder und hüllte sich weinend in die Kissen, als Franz von Sara sprach, und er hörte, welche zärtliche Botschaft sie ihm sende. »O Maler!« rief er aus, »Ihr glaubt nicht, was ich ausgestanden habe, seitdem ich Euch damals gesprochen hatte. Aber über Euch muß ich klagen, denn Ihr seid eigentlich schuld an allem: ist es doch nicht anders, als wäre damals von Eurer Zunge Gift durch meine Ohren in meinen Körper geflossen, daß sich seitdem alle meine Sinne verdreht und verschoben haben, und ich darüber ein ganz anderer Mensch geworden bin. Seit ich Euren Dürer sah, hatte ich keine Ruhe mehr in mir selber, es war, als wenn es an allen meinen Sinnen zöge und arbeitete, daß ich immer an Malereien und Zeichnungen denken mußte; an nichts in der Welt fand ich mehr Gefallen, die Schmiedearbeit war mir zur Last. Ich zeichnete täglich etwas, und selbst in der Krankheit kann ich es nicht lassen; seht, da habe ich eine herrliche Figur von Lukas von Leyden.«

Franz betrachtete sie; der junge Mensch hatte sie sehr gut kopiert, und Franz verwunderte sich darüber, daß er es ohne allen Unterricht so weit habe bringen können. Der Schmied fuhr fort: »So kam ich nach Antwerpen zurück und nichts war mir hier recht. Ich hatte immer noch den Dürer und seine Werkstätte im Kopf, es kam so weit, daß ich mich meines Hammers schämte, ich verdarb die Arbeit, ich konnte nicht mehr fort. Es lebt hier der alte Messys, der Maler, der auch ein Schmied gewesen ist. Ich wollte auch nicht mehr arbeiten, denn jeder Schlag auf dem Amboß ging mir durch Herz und Gehirn, weil ich glaubte, daß ich mit jedem meine Hand schwerer und unbehülflicher machte, und darüber noch weniger würde zeichnen können. Ich warf den Hammer weg, wie meinen ärgsten Feind. Nun kamen und gingen mir Bilder hin und her, und auf und ab; alles wollte ich in Gedanken malen, ich träumte von großen Sälen, die alle dicht voll Schildereien hingen, die ich gemacht hatte. Das war aber noch nicht das größte Unglück, daß ich mich schon unter den übrigen Menschen wie ein Halbverrückter umtrieb. Bis dahin hatte es auf mir nur noch wie auf kaltem Eisen gehämmert, aber nun kam ich in die Glut, und da wurde vollends mein altes Wesen aus mir herausgebrannt und -geschlagen als wenn viele tausend Funken bei jedem Hiebe aus Brust und Herzen flogen. O Maler, ich habe viel ausgestanden.

Seht, Freund, ich habe wohl sonst auch die Menschen, und Weiber und Mädchen mit einem scharfen, guten Auge angesehen, aber seit ich mich geübt hatte, daß ich in allen schönen Linien mit meiner Seele mitging, seit ich gefühlt hatte, was die wundersame Farbe bedeuten könne, und wie gleichsam ein ganzes Paradies von Wangen und Lippen und ein ewiges Firmament aus den Augen leuchten könne, da war ich ein verlorener Mensch, denn gerade um die Zeit, als dies Gefühl mich, möcht ich doch sagen wie ein heißes Fieber befiel, sah ich sie, Sara, bei schönem Sommerwetter in der Türe stehn. Ich hatte sie früher auch schon gesehn und immer gedacht: ›Ein schönes, reiches Mädchen!‹ aber sie blieb die Fremde, die mich nichts anging: – aber von jener Stunde an, Maler – doch Ihr begreift es nicht, wenn ich's auch sagen wollte: – von jenem Augenblick, als ich sie so im Vorbeigehn ansah und grüßte, wie oft geschehn war, und sie mich grüßte – seht, da flog aus ihrem Auge in meins, und in meine Seele eine Angst, eine Lust, ein ganzer Himmel hinein, so daß mir mein ganzes Wesen zu enge wurde, daß es wie tausend und aber tausend Frühlingsbäume und Blumenbeete in mir aufging, knospete, und mit allen Prachtfarben losbrach, und mein Herz von den unzähligen Blüten, wie vom dichtesten Regen überschüttet wurde, und meine Seele vor Duft, Farben und Glanz in süße matte Betäubung sank. Und nun stand sie ganz aufrecht in meinem Herzen, und dehnte und dehnte sich, und stellte sich auf die Zehen, und die goldenen Haare fielen herunter, und so war ich darin wie eingewickelt in meinem Fieberwahn, und sie war noch größer als Himmel und alle Bäume und Blumen. Ich konnte nichts mehr zeichnen, sie und immer nur sie saß mir im Blut, und quoll aus den Fingerspitzen, und sah ich dann, wie plump die knechtische grobe Hand sie hingestellt hatte, so warf ich das Blatt gegen die Wand, dann riß ich es wieder vom Boden auf, und küßte die Züge mit meinen Lippen weg. Nicht wahr, Maler, der Mensch kann ein rechter Narr sein, wenn es erst in ihm so recht reif dazu wird.

Wunderbar! ich wußte es, daß auch in ihr was vorging, denn der blaue ewige Strahl war doch aus ihrer Seele in mich gegangen, und sie mußte fühlen, wie viel vom eigenen Herzen sie in mich gegossen hatte. So dachte ich, und so war es auch. Ich ging wieder vorüber: sie stand wie im Glanz, der sie rings umfloß, und es zog mich, daß ich mich auch in die Röte hinein zu ihr stellte. Wir sprachen, wir verstanden uns. Bin ich doch kein einzigesmal verwundert gewesen über das, was sie mir sagte: ich erschrak vor Wonnegefühl, daß sie mich so liebte, aber es war mir nur, als wenn ich es selbst gesagt hätte. Seht, Wandersmann, ich spreche etwas im Fieber, die vernünftigen Leute, wie Ihr, verstehn das nicht recht.

Ihr Vater hatte in Leiden Geschäfte und reisete dorthin; nun sah ich sie öfter: wir gingen heimlich miteinander spazieren. Des Abends, wenn ich sie nicht sprechen konnte, zeichnete ich ihr Bild, oder stellte mich dem Hause gegenüber, und ließ so die Nacht heranrücken. Ehe wir es uns versahen, kam der Vater zurück. Nun war es mit unsern Zusammenkünften aus; ich konnte sie nur manchmal im Vorbeigehn grüßen. Wie eine Decke fiel es mir von den Augen, und mein Herz wollte springen. Ich sah nun wieder den Unterschied unter uns beiden, wie mich der reiche Vater verachten müsse, wie ich so nichts gegen ihn sei. Nun hörte ich noch dazu, Sara würde bald verheiratet werden; ach! und es geschieht auch gewiß. Was soll ich anfangen? Mein Handwerk ist mir ein Abscheu, alles, worauf ich mich sonst wohl freuen konnte, Meister zu werden, und bei Gelegenheit eine künstliche Arbeit, einen Springbrunnen, Gitterwerk, oder dergleichen zu unternehmen, kommt mir nun kläglich vor. Ein Maler zu werden, dazu bin ich nun zu alt, Sara darf ich nicht sehn, nichts hoffen, so geh ich zugrunde, alles das zusammen hat mich so krank und schwach gemacht, daß ich bald zu sterben hoffe. Warum begegnen nur dem Menschen so sonderbare Gefühle? Aber das sag ich Euch, wer sie heiratet, den bring ich um; und bin ich schon vorher tot, so reißt mich die Verzweiflung gewiß noch als Gespenst hervor, um dem Bösewicht zu schaden. Damit kann man sich doch noch trösten. O Maler, helft mir doch zum Verstande, oder zu Sara, oder macht, daß mir Verstand und Leben gänzlich entweichen.«

Franz sagte mit Wehmut: »Nein, Ihr dürft nicht sterben; glaubt mir, daß Ihr gewiß noch Zeit genug habt, ein guter Maler zu werden, wenn Ihr diese Liebe zur Kunst behaltet. Ihr zeichnet schon so gut, als wenn Ihr lange in der Lehre gewesen wäret, und es kommt also nur auf Euch an, ein Maler zu werden. Dann dürft Ihr auch auf Eure Geliebte hoffen, denn der Vater achtet die Malerei und will nur einen Malerkünstler zum Eidam haben; darum hat er mir noch heut, so arm ich auch bin, seine Tochter angetragen. Deshalb tröstet Euch, sammelt wieder Lust zum Leben und Kräfte, denn Ihr könnt noch recht glücklich werden.«

Der Kranke schüttelte mit dem Kopfe, als wenn er nicht daran glauben könne, doch Franz fuhr so lange fort, ihn zu trösten, bis jener etwas beruhigt war. »Nun«, sagte er endlich, »Ihr habt mir versprochen, sie nicht zu nehmen, und es könnte Euch auch nicht zum Gedeihn ausschlagen. O Freund, wenn ich mir das hätte einbilden können, als wir im Busch miteinander frühstückten, so wärt Ihr mir nicht so mit heiler Haut davongekommen. Gebt mir noch einmal die Hand darauf, daß Ihr sie nicht wollt.« Franz reichte sie ihm, und jener drückte sie so stark, daß dem Maler ein Ausruf des Schmerzes entfuhr. Er eilte sogleich zu Vansen, den er bei einer Flasche Wein und bei guter Laune antraf. »Jetzt will ich Euch meine Antwort bringen, aber Ihr müßt mir mit Geduld zuhören.« Er erzählte hierauf die Geschichte seines Freundes, und sprach von der gegenseitigen Liebe der beiden jungen Leute. »Ihr wolltet mir«, schloß er, »als einem armen Menschen, der nicht mehr, als dieser Schmied besitzt, Eure Tochter geben, Ihr wolltet auf meine Zurückkunft warten: nun so tut es mit diesem, um das Glück Eurer einzigen Tochter zu begründen: sie ist jung, ich versichre Euch, der Kranke ist in wenigen Jahren ein guter Maler, der Euch Ehre macht, und so sind alle Eure Wünsche erfüllt.«

»Und Ihr seid überzeugt, daß er mit der Zeit gut malt?« fragte Vansen.

»Gewiß«, sagte Sternbald, »seht nur diese Zeichnungen, die wahrlich einen guten Schüler verraten.«

Er zeigte ihm einige Bilder, die er von Horstens Hand (so hieß der Jüngling) mitgebracht hatte, und Vansen betrachtete sie lange mit prüfenden Blicken; doch schien er endlich mit ihnen zufrieden zu sein. »Ihr seid ein braver junger Mensch«, rief er aus, »Ihr könntet mich zu allem bewegen. So geht also zu dem armen Teufel und grüßt ihn von mir, sagt, er soll nur gesund werden und wir wollen dann weiter miteinander sprechen.«

Franz sprang auf. Im Vorsaal begegnete ihm Sara, der er mit wenigen Worten alles erzählte; dann eilte er zum Kranken. »Seid getrost«, rief er aus, »alles ist gut, der Vater bewilligt Euch die Tochter, wenn Ihr Euch auf die Malerei legt. Darum werdet gesund, damit Ihr ihn selber besuchen könnt.«

Der Kranke wußte nicht, ob er recht höre und sehe. Franz mußte ihm die Versicherung öfters wiederholen. Als er sich endlich überzeugte, sprang er auf und kleidete sich schnell an. Dann tanzte er in der Stube herum, wobei er alte niederländische Bauernlieder sang, bald umarmte und küßte er Sternbald, dann weinte er wieder, und trieb ein seltsames Spiel mit seiner Freude, das den jungen Maler innig bewegte. »Ist es so gekommen?« rief er dann; »so? Ei so gibt es ja da draußen auch noch was, was ebenso gut, wie die Trauer drinnen ist. Aber das soll auch dem langen breitschultrigen Burschen, meinem Schwiegervater, von Gott und von mir vergolten werden! Ich schwöre, Maler, sowie ich nur erst mit den Farben umzugehn weiß, daß ich ihn Euch hinstelle, wie er leibt und lebt, mit seiner Erbse auf der Mitte der Nase, wie er sein Geld zählt, wie er die Stücke prüfend betrachtet, und die linke Hand den Geldhaufen vorsorglich und tastend deckt, alles, wie er in seiner Schreibestube herumhantiert. Die ganze Schreibestube male ich ab, auch seinen Handelsdiener, mit seinem krummen, spitzigen Rücken, und dem verfluchten Gesicht, das man durch eine Nadel fädeln könnte. Auch seine rote, gelbe Federmütze soll zu Ehren kommen. Gott verzeih' mir die Bosheit, wie oft, wenn ich ihn über die Straße gehn sah, und ich fühlte so recht im Herzen seinen Hochmut, trieb mich der Teufel an, daß ich ihm die Mütze abreißen, und einen recht derben Schlag mit dem Hammer auf den Kopf geben wollte. Aber nein, nun wird er gemalt, ganz, alles an ihm, nun ist er mein Schwiegervater, und ich beweise ihm Liebe und Ehrfurcht. Kommt, lieber Franz, glaubt nicht, daß ich so böse bin, ich bin nur zu glücklich, und dumme Gedanken hat auch der beste Mensch. Ihr kriegt dergleichen wohl auch noch einmal. Kommt nun!«

Sie machten sich auf den Weg nach Vansens Hause. Auf der Straße taumelte der Kranke, als ihn die ungewohnte freie Luft umfing; Franz unterstützte ihn und so kamen sie hin. Das erste was sie im Hause sahen, war Sara, und Horst gebärdete sich wie ein Verrückter; sie schrie laut auf, da er plötzlich so unvermutet und blaß vor ihr stand. Sie kamen in das Zimmer des Vaters, der sehr freundlich war, Horst war verlegen und blöde. »Ihr liebt meine Tochter«, sagte der Kaufmann, »und Ihr versprecht, Euch auf die Malerei zu legen, so daß Ihr Euch in einigen Jahren als ein geschickter Mann zeigen könnt: unter dieser Bedingung verlobe ich sie Euch; aber dazu müßt Ihr reisen, und trefflich studieren, ich will Euch zu diesem Endzweck auf alle Weise unterstützen. Vor allen Dingen müßt Ihr suchen, gesund zu werden.«

Die beiden Liebenden kamen hierauf in Gegenwart ihres Vaters zusammen und fühlten sich unaussprechlich glücklich. Horst mußte eine bessere Wohnung beziehen, und nach einigen Tagen war er fast ganz hergestellt. Er wußte nicht, wie er unserm Freunde genug danken sollte.

Es waren jetzt die letzten Tage des Februars, und die erste Sonnenwärme brach durch die neblichte Luft. Franz und Rudolph machten sich auf die Reise. Ehe sie Antwerpen verließen, erhielt Franz von Vansen ein ansehnliches Geschenk; der Kaufmann liebte den jungen Maler zärtlich. Sternbald und Florestan hatten jetzt schon die Tore der Stadt weit hinter sich, sie hörten die Glocken aus der Ferne schlagen, und Rudolph sang mit lauter Stimme:

»Wohlauf! es ruft der Sonnenschein
    Hinaus in Gottes freie Welt!
Geht munter in das Land hinein
    Und wandelt über Berg und Feld!

Es bleibt der Strom nicht ruhig stehn,
    Gar lustig rauscht er fort;
Hörst du des Windes muntres Wehn?
    Er braust von Ort zu Ort.

Es reist der Mond wohl hin und her,
    Die Sonne ab und auf,
Guckt übern Berg und geht ins Meer,
    Nie matt in ihrem Lauf.

Und, Mensch, du sitzest stets daheim,
    Und sehnst dich nach der Fern:
Sei frisch und wandle durch den Hain,
    Und sieh die Fremde gern.

Wer weiß, wo dir dein Glücke blüht,
    So geh und such es nur,
Der Abend kommt, der Morgen flieht,
    Betrete bald die Spur.

Laß Sorgen sein und Bangigkeit,
    Ist doch der Himmel blau,
Es wechselt Freude stets mit Leid,
    Dem Glücke nur vertrau.

So weit dich schließt der Himmel ein,
    Gerät der Liebe Frucht,
Und jedes Herz wird glücklich sein,
    Und finden was es sucht.«

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