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Franz Sternbalds Wanderungen

Ludwig Tieck: Franz Sternbalds Wanderungen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrühe Erzählungen und Romane
authorLudwig Tieck
year1978
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05211-5
titleFranz Sternbalds Wanderungen
pages699-986
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1798
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Fünftes Kapitel

Der Morgen kam. Franz hatte eine Gesellschaft gefunden, die auf dem Kanal mit einem Schiffe nach Rotterdam fahren wollte, dort wollten sie dann ein größeres nehmen, um vollends nach Antwerpen zu kommen.

Es war helles Wetter, als sie in das Boot stiegen; die Gesellschaft schien bei guter Laune. Franz betrachtete sie nach der Reihe, und keiner darunter fiel ihm besonders auf, außer ein junger Mensch, der einige zwanzig Jahr alt zu sein schien, und ungemein schön von Gesicht und sehr anmutig in seinen Gebärden war. Franz fühlte sich immer mehr zu den jüngern als zu den ältern Leuten hingezogen; er sprach mit den letztern ungern, weil er nur selten in ihre Empfindungen einstimmen konnte. Bei alten Leuten empfand er seine Beschränkung noch quälender, und er merkte es immer, daß er ihnen zu lebhaft, zu jugendlich war, daß er sich gemeiniglich an Dingen entzückte, die jenen immer fremd geblieben, und daß sie doch zuweilen mit einem gewissen Mitleiden, mit einer hoffärtigen Duldung auf ihn hinabblickten, als wenn er endlich allen diesen Gefühlen und Stürmen vorüberschiffen würde, um in ihr ruhiges kaltes Land festen Fuß zu fassen. Vollends demütigte es ihn oft, wenn sie dieselben Gegenstände liebten, die er verehrte; Lob und Tadel, Anpreisung und Nachsicht aber mit so scheinbarer Gerechtigkeit austeilten, daß von ihrer Liebe fast nichts übrigblieb. Er dagegen war gewohnt aus vollem Herzen zu zahlen, seine Liebe nicht zu messen und einzuschränken, sondern es zu dulden, daß sie sich in vollen Strömen durch das Land der Kunst, sein Land der Verheißung ergoß; je mehr er liebte, je wohler ward ihm. – Er konnte sein Auge von dem Jünglinge nicht zurückziehn, die lustigen hellen braunen Augen und das gelockte Haar, eine freie Stirn, und dazu eine bunte, fremdartige Tracht machten ihn zum Gegenstand seiner Neugier.

Das Schiff fuhr fort, und man sah links weit in das ebene Land hinein. Die Gesellschaft schien nachdenkend, oder vielleicht müde, weil sie alle früh aufgestanden waren; nur der Jüngling schaute unbefangen mit seinen großen Augen umher. Ein ältlicher Mann zog ein Buch hervor und fing an zu lesen; doch es währte nicht lange, so schlummerte er. Die übrigen schienen ein Gespräch zu wünschen.

»Der Herr Vansen schläft«, sagte der eine zu seinem Nachbar, »das Lesen ist ihm nicht bekommen.«

»Er schläft nicht so, Nachbar Peters, daß er Euch nicht hören sollte«, sagte Vansen, indem er sich ermunterte. »Ihr solltet nur etwas erzählen, oder ein lustiges Lied singen.«

»Ich bin heiser«, sagte jener, »Ihr wißt es selber; auch hab ich eigentlich seit Jahr und Tag das Singen schon aufgegeben.«

Der fremde Jüngling sagte: »Ich will mich wohl anbieten, ein Lied zu singen, wenn ich nur wüßte, daß die Herren es mit der Poesie nicht so genau nehmen wollen.«

Sie versicherten ihn alle, daß es nicht geschehn würde, und jener sprach weiter: »Es ist auch nur, daß man sich das bißchen Freude verbittert; alle Lieder, die ich gern singe, müssen sich hübsch geradezu, und ohne Umschweife ausdrücken. Ich will also mit eurer Erlaubnis anfangen.

Über Reisen kein Vergnügen,
    Wenn Gesundheit mit uns geht:
Hinter uns die Städte liegen,
    Berg und Waldung vor mir steht.
Jenseit, jenseit, ist der Himmel heiter,
Treibt mich rege Sehnsucht weiter.

Schau dich um, und laß die trüben Blicke,
    Sieh, da liegt die große weite Welt,
In der Stadt blieb alles Graun zurücke,
    Das den Sinn gefangenhält.
Endlich wieder Himmel, grüne Flur,
Groß und lieblich die Natur.

Auch ein Mädchen muß dich nimmer quälen,
    Kömmst ja doch zu Menschen wieder hin,
Nirgend wird es dir an Liebe fehlen,
    Ist dir Lieben ein Gewinn:
Darum laß die trüben Blicke,
Allenthalben blüht dein Glücke.

Immer munter, Freunde, munter,
    Denn mein Mädchen wartet schon;
Treibt den Fluß nur rasch hinunter,
    Denn mich dünkt, mich lockt ihr Ton.
Günstig sind uns alle Winde,
Stürme schweigen, Lüfte säuseln linde.

    Siehst du die Sonne nicht
        Glänzen im Bach?
    Wo du bist, spielt das Licht
        Freundlich dir nach.

    Durch den Wald Funkelschein,
        Sieht in den Quell;
    Kuckt in die Flut hinein,
        Lacht drum so hell.

    So auch der Liebe Licht
        Wandelt mit dir,
    Löschet wohl nimmer nicht.
        Ist dorten bald hier.

    Liebst du die Morgenpracht,
Wenn nach der schwarzen Nacht
Auf diamantner Bahn
Die Sonne ihren Weg begann?

    Wenn alle Vögel jubeln laut,
Begrüßen fröhlich des Tages Braut,
Wenn Wolken sich zu Füßen schmiegen,
In Brand und goldnem Feuer fliegen?

    Auch wenn die Sonne nun den Wagen lenkt,
Und hinter ihr das Morgenrot erbleicht,
Lust, Heiterkeit durch alle Welt hin fleugt,
Bis sich zum Meer die Göttin senkt.

    Und dann funkeln neue Schimmer
        Über See und über Land,
    Erd und Himmel im Geflimmer
        Sich zu einem Glanz verband.

    Prächtig mit Rubinen und Saphiren,
Siehst du dann den Abendhimmel prangen,
Goldenes Geschmeide um ihn hangen,
Edelsteine Hals und Nacken zieren,
Und in holder Glut die schönen Wangen.
Drängt sich nicht mit stillem Licht der Chor
Aller Sterne, ihn zu sehen, vor?
Jubeln nicht die Lerchen ihre Lieder,
Tönt nicht Fels und Meer Gesänge wider? –

    Also wenn die erste Liebe dir entschwunden,
Mußt du weibisch nicht verzagen,
Sondern dreist dein Glücke wagen,
Bald hast du die zweite aufgefunden,
Und kannst du im Rausche dann noch klagen:
›Nie empfand ich was ich vor empfunden?‹

    Nie vergißt der Frühling wiederzukommen,
Wenn Störche ziehn, wenn Schwalben auf der Wiese sind.
Kaum ist dem Winter die Herrschaft genommen,
So erwacht und lächelt das goldene Kind.

    Dann sucht er sein Spielzeug wieder zusammen,
Das der alte Winter verlegt und verstört,
Er putzt den Wald mit grünen Flammen,
Der Nachtigall er die Lieder lehrt.

    Er rührt den Obstbaum mit rötlicher Hand,
Er klettert hinauf die Aprikosen-Wand,
Wie Schnee die Blüte rot unter die Blätter dringt,
Er schüttelt froh das Köpfchen, daß ihm die Arbeit gelingt.

        Dann geht er und schläft im waldigen Grund,
Und haucht den Atem aus, den süßen,
Um seinen zarten roten Mund
Im Grase Viol' und Erdbeer sprießen:
Wie rötlich und bläulich lacht
Das Tal, wann er erwacht!

    In den verschloßnen Garten
Steigt er übers Gitter in Eil,
Mag auf den Schlüssel nicht warten,
Ihm ist keine Wand zu steil.

    Er räumt den Schnee aus dem Wege,
Er schneidet das Buchsbaumgehege,
Und friert auch am Abend nicht,
Er schaufelt und arbeitet im Mondenlicht.

    Dann ruft er: ›Wo säumen die Spielkameraden
Daß sie so lange in der Erde bleiben?
Ich habe sie alle eingeladen,
Mit ihnen die fröhliche Zeit zu vertreiben.‹

    Die Lilie kommt und reicht die weißen Finger,
Die Tulpe steht mit dickem Kopfputz da,
Die Rose tritt bescheiden nah,
Aurikelchen und alle Blumen, vornehm und geringer.

    Der bunte Teppich ist nun gestickt,
Die Liebe tritt aus Jasminlauben hervor.
Da danken die Menschen, da jauchzet der Vögel ganzes Chor,
Denn alle fühlen sich beglückt.

    Dann küßt der Frühling die zarten Blumenwangen,
Und scheidet und spricht: ›Ich muß nun gehn.‹
Da sterben sie alle am süßen Verlangen,
Daß sie mit welken Häuptern stehn.

    Der Frühling spricht: ›Vollendet ist mein Tun,
Ich habe schon die Schwalben herbestellt.
Sie tragen mich in eine andre Welt,
Ich will in Indiens duftenden Gefilden ruhn.

    Ich bin zu klein, das Obst zu pflücken,
Den Stock der schweren Traube zu entkleiden,
Mit der Sense das goldene Korn zu schneiden,
Dazu will ich den Herbst euch schicken.

    Ich liebe das Spielen, bin nur ein Kind,
Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt.
Doch seid ihr satt der Winterleiden,
Komm ich zurück zu andern Freuden,
Die Blumen, die Vögel nehm ich mit mir,
Wenn ihr erntet und keltert, was sollen sie hier?
        Ade! Ade! ist die Liebe nur da,
        So bleibt euch der Frühling ewiglich nah!‹«

»Ihr habt das Lied sehr schön gesungen«, sagte Vansen, »aber es ist wahr, daß man es mit dem Texte nicht so genau nehmen muß, denn das letzte hängt gar nicht mit dem ersten zusammen.«

»Ihr habt sehr recht«, sagte der Fremde, »indessen Ihr kennt das Sprichwort: Ein Schelm gibt's besser, als er es hat.«

»Ich habe einen guten und schönen Zusammenhang darin gefunden«, sagte Franz. »Der Hauptgedanke ist der fröhliche Anblick der Welt, das Lied will uns von trüben Gedanken und Melancholie abziehen, und so kömmt es von einer Vorstellung auf die andre. Zwar ist nicht der Zusammenhang einer Rede darin, aber es wandelt gerade so fort, wie sich unsre Gedanken in einer schönen heitern Stunde bilden.«

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