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Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru

Arthur Schurig: Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleFrancisco Pizarro, der Eroberer von Peru
publisherCarl Reissner
year1922
firstpub1922
printrun1. - 3. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051219
projectid14b39939
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XLII

Centeno stand in der Nähe des Titicaca-Sees und verlegte Pizarro den Weg nach Chili. In der Tat hatte sich dieser entschlossen, sich weiter nach Süden zurückzuziehen. Um den Kampf mit Centeno zu vermeiden, begann er mit ihm zu unterhandeln, ohne dadurch etwas zu erreichen. So kam es zur Waffenentscheidung am südöstlichen Zipfel des Sees, nahe der alten Inkastadt Huarina.

Es war am 26. Oktober 1547, als die beiden Heere einander begegneten. Auf Centenos Seite standen 1000 Mann, darunter 250 gutberittene Reiter und 150 Büchsenschützen. Die 600 Pikeniere, in der Eile angeworben, waren minderwertig. Pizarro seinerseits gebot über 480 Mann, darunter 350 Büchsenschützen und nur 85 Reiter. Die Büchsenschützen, die Carbajal ausgebildet hatte und persönlich führte, waren ausgezeichnet. Diese Truppe entschied die schon halb verlorene Schlacht. Die Reiterei hingegen ward völlig geschlagen. Pizarro, der wie immer auf prächtigem Streitroß in glänzender Kleidung mitten im Getümmel focht, verlor sein Pferd im Kampfe und geriet in die größte persönliche Gefahr.

Von Centenos Heer fielen 350 Mann; von den Verwundeten starben noch 100 in der eiskalten Nacht. Pizarro verlor 100 Mann und fast alle Pferde. Die Beute war groß, zumal an Silberbarren. Im Lager Centenos fanden die Sieger das Siegesmahl auf langen Tafeln fertig gedeckt vor. Selten haben es sich ungebetene Gäste so gut schmecken lassen wie Pizarros Landsknechte an jenem Oktoberabend.

Carbajal leitete die Verfolgung, ohne die kein Sieg ein Sieg ist. Unermüdlich ritt der Dreiundachtzigjährige auf seinem festen, aber unscheinbaren Gaule, unter gewöhnlichem Indianerkoller seinen Rang verbergend, auf den schlechten Gebirgswegen mit allen noch übrigen Reitern auf Beutepferden den Fliehenden nach. Wer erwischt wurde, war ein Kind des Todes.

Centeno, der, weil er leidend war, in einer Sänfte die Sierra zu gewinnen versuchte, mußte unterwegs das Polster mit dem Sattel tauschen. Es gelang ihm zu entkommen.

Nach diesem unerwarteten Siege gab Pizarro seinen Plan, nach La Plata zurückzugehen, auf und erreichte nach kurzer Rast die Stadt Kuzko. Ein Triumphbogen empfing ihn. Die biederen Bürger der alten Königsstadt waren politische Chamäleons. Pizarro wohnte mit seinen Offizieren und Soldaten dem Te Deum in der Stiftskirche bei. Dann begab er sich sofort in sein Quartier und lehnte alle anderen Ehrungen ab.

Die Nachricht vom Mißgeschick des so siegessichern Centeno rief im Lager von Xauxa ziemliche Bestürzung hervor. Aber Gasca ließ sich nicht irremachen. Am 29. Dezember 1547 brach er auf und zog über Huamanga in den Gau Andaguaylas, in dessen mildem Klima er sein Winterquartier bezog. Hier verblieb er bis in den März des kommenden Jahres.

Nach wiederhergestellter Gesundheit stellte sich Centeno wieder ein; auch Benalcazar erschien mit Truppen. Bald nach ihm meldete sich Pedro de Valdivia, der aus dem Süden von Chili kam, um Nachschub anzuwerben. Gasca begrüßte ihn besonders herzlich. »Ihr allein seid mir lieber als 800 Mann Verstärkung!« soll er zu ihm gesagt haben.

Außer diesen tapferen Offizieren kamen nach und nach ins Lager die Bischöfe von Lima, Quito und Kuzko, die vier Richter der neuen Audiencia und eine Anzahl angesehene Beamte und Geistliche. Selbst diese unkriegerischen Herren stärkten die Zuversicht des Heeres; ihr Kommen bewies, daß man für eine gute Sache kämpfte.

Die Truppenstärke stieg auf 2000 Mann, davon 1000 Büchsenschützen. An Reitern hatte Gasca etwa 300; dazu 11 Geschütze. Hinojosa bekam den Oberbefehl; Alvarado wurde stellvertretender Befehlshaber, Valdivia Obrist im Stabe.

Beim Vormarsch auf Kuzko bereitete der Übergang über den Apurimak viel Schwierigkeiten. Man mußte eine Brücke bauen, um die Geschütze und die Bagage über den breiten Strom zu bekommen. Trotzdem die Vorhut Pizarros den Brückenbau zu verhindern versuchte, gelang er.

Carbajal riet daraufhin, Kuzko unter Mitnahme aller Kassen und Schätze zu räumen. Gasca rechne auf die Gelder, ohne die er 2000 beutegierige Soldaten nicht lange beisammenhalten könne. Wenn sich Pizarro in die Sierra zurückzöge, vermöge ihm der des Geländes unkundige Gegner nichts Ernstliches anzuhaben, während Pizarro ihn durch Streifzüge und Überfälle mürbe machen könne. Die Zeit als Helferin ändere manches!

Pizarros Temperament drängte zu rascherer Entscheidung. Carbajal fügte sich ironisch lächelnd. Er war Fatalist. Es lag ihm längst nichts mehr am Leben. Nur riet er, sofort den Paß zwischen dem Apurimak und Kuzko zu besetzen.

»Ich werde die Sache selber machen! Gebt mir 200 Büchsenschützen!«

»Vater,« erwiderte ihm Pizarro, »bleibt lieber bei mir! Ich bedarf Eurer.«

Darauf erhielt Juan de Acosta diesen wichtigen Auftrag, dessen Ausführung der Ritter regelrecht verballhornte. Als er in jugendlicher Saumseligkeit mit seinen 200 Schützen an die Paßnähe kam, fand er ihn von den gegnerischen Vortruppen besetzt. Ein Deserteur hatte dem Feinde den Plan verraten. Unverrichteter Dinge kehrte Acosta um.

Nunmehr nahm Pizarro eine Stellung im Tale von Xaquixaguana, etwa 27 km westlich von Kuzko, ein. Er verfügte über 900 Mann und sechs Geschütze. Diese Streitmacht war trefflich ausgerüstet; doch es fehlte der Mehrheit die Hauptsache: unbedingte Zuverlässigkeit.

Am Morgen des 8. April, am Karfreitag des Jahres 1547, kam es zur letzten Entscheidung, aber das Kriegsglück lächelte dem Eroberer nicht mehr. Noch ehe die Schlacht sich voll entwickelte, gingen die Truppen nach und nach auf die kaiserliche Seite über. Mit ihm trabte der Ritter Garcilasso de la Vega ab, der Vater des späteren Chronisten, und mancher andre. Als selbst Cepeda, der Führer der Pikeniere, angesichts aller das Weite suchte und auch auf den Rückhalt des Heeres, die Büchsenschützen, kaum mehr zu rechnen war, gab Pizarro seine Sache auf und ließ »Das Ganze halt!« blasen. Die ihm noch Treuen begaben sich auf die Flucht.

Pizarro ritt an diesem Tage ein kräftiges temperamentvolles Pferd von kastanienbrauner Farbe, auf dem der elegante Reiter, die Lanze schwingend, so recht das Bild eines wahren Ritters und Helden abgegeben hatte. Jetzt hielt er von der Höhe seiner Stellung stumm Ausschau. »Sterben wir wie Römer!« rief ihm Acosta zu. »Besser als Christen!« erwiderte der mutlos Gewordene und ritt sein Pferd langsam an, in Richtung auf die bergan heranrückenden Scharen seiner Feinde. Als ein Ritter auf ihn zukam, übergab er ihm seinen Degen.

Zu Gasca geführt, der mit seinem Stabe hinter seinen Truppen zu Fuß hielt, grüßte ihn Pizarro ehrerbietig vom Pferd herab. Der ruhmlose Sieger dankte kühl und stellte, unsoldatisch und unritterlich wie nur ein Pfaffe sein kann, ohne Weiteres eine Art Verhör mit ihm an. Empört zogen sich die kaisertreuen Ritter zurück, um die Demütigung eines ehrenwerten Mannes nicht mit ansehen zu müssen.

Auf die törichten Fragen, warum er das Land in Aufruhr gestürzt, den Vizekönig umgebracht, gegen die Regierung gekämpft und die angebotene kaiserliche Gnade ausgeschlagen habe, erwiderte Gonzalo Pizarro in kurzer knapper Rede:

»Meine Familie war es, die dies Land erobert hat. Ich hatte allen Anspruch auf die Statthalterschaft und habe für mein Recht gefochten.«

»Gewiß,« entgegnete Gasca, »Euer Herr Bruder hat Perú für Kaiser und Reich erobert. Dafür hat Seine Majestät ihn und Euch aus dem Staube emporgehoben. Francisco Pizarro war ein treuergebener Diener sein Leben lang; aber Ihr wart undankbar und ungehorsam.«

Pizarro schwieg und ward abgeführt.

Carbajal versuchte, nachdem abgeblasen war, sein Glück auf der Flucht. Beim Übergang über den Fluß stürzte sein Pferd. Da ergriffen ihn seine eignen Leute und brachten ihn in der Hoffnung auf besondre Belohnung ins feindliche Lager. Sein Lieblingslied: »Mutter, der Wind weht mir das Haar vom Haupt...« vor sich hersummend, ritt er, in den Ausgang seines Schicksals ergeben, mitten in der fluchenden und ihn höhnenden Horde dahin.

Im Lager traf ihn Centeno, der ehrfurchtsvoll grüßend an ihn herantrat, um ihn von der Soldateska zu befreien.

»Wer seid Ihr?« fragte ihn spöttisch Carbajal.

»Kennt Ihr mich nicht? Bin Diego Centeno!«

»Verzeihung, edler Don!« rief der alte Held, auf Centenos schimpfliche Flucht anspielend. »Ich hatte nur noch Euern Hintern im Gedächtnis und Euer Gesicht vergessen!«

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