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Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru

Arthur Schurig: Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleFrancisco Pizarro, der Eroberer von Peru
publisherCarl Reissner
year1922
firstpub1922
printrun1. - 3. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051219
projectid14b39939
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XVII

Inzwischen hatten sich die Dinge im spanischen Hauptquartiere wenig verändert, aber es war doch mancherlei geschehen. Etliche Tage nach Hernandos Abmarsch hatte Franz Pizarro im Einverständnis mit Atahuallpa eine Gesandtschaft (einen Offizier und zwei Mann) nach der Hauptstadt Kuzko abgeschickt, mit dem Auftrage, sich zu überzeugen, ob die Goldtransporte im rechten Gange seien. Durch den Begleitbrief des Inka ward den Gesandten allerorts die beste Aufnahme zuteil. In Sänften, von Indianern geschleppt, die sich an den Poststationen regelmäßig und unverzüglich abwechselten, hatten sie die 600 Leguas bequem und rasch zurückgelegt. Auch hieran erkennt man, daß Perú damals durchaus kein barbarisches Land war. Die Spanier staunten über die Menge blühender und sauberer Städte und Dörfer, die sie unterwegs sahen.

Hier sei eine Schilderung eingefügt, die wir von Cieza de Leon haben, in seiner Cronica del Perú (1553). Sie gilt nicht der Landschaft, die jene drei Spanier damals durchzogen, sondern der Provinz Kollja, aber das ist unwesentlich.

»Dieser Gau ist der gebietreichste und menschenvollste von ganz Perú. Er beginnt bei Ayaviri, reicht bis Karakonja und wird von vielen Flüssen bewässert, die alle der Südsee zuströmen. In den fast das ganze Jahr hindurch grünen Tiefebenen (Vegas) könnten alle uns bekannten Getreidearten gedeihen. Die nicht angebauten Fluren werden von zahlreichen Lamaherden belebt. Tage und Nächte sind fast immer gleich lang. Der Winter beginnt im höhergelegenen Gelände im Oktober und währt bis Anfang April. Er bringt dort oft strenge Kälte und hindert nicht nur den Baumwuchs, sondern sogar den Anbau von Mais, der Hauptgetreideart hierzulande. Die Ortschaften stehen nahe beisammen, haben steinerne strohbedeckte Häuser und sind stark bevölkert. Auf den Feldern baut man hauptsächlich Kartoffeln. Sie ist hier die Hauptnahrung der Eingeborenen. Männer wie Frauen tragen Wollkleider; die Männer als Schmuck eine mörserartige Wollmütze, Tschuko genannt, die Frauen Kapuzen wie unsere Mönche. Sie haben uralte Gebräuche. Die Toten ehren sie mehr als die Lebenden, wiewohl sie ihren Vornehmen mit sklavischer Unterwürfigkeit begegnen. Edelleute und Würdenträger erscheinen niemals ohne Leibwache und werden stets auf Tragsesseln getragen; zu Fuß gehen sie grundsätzlich nicht. Viele der Vornehmen sind kluge und erfahrene Leute, was aus ihrer Rede und Antwort hervorgeht. Man hat eine eigene Zeitrechnung und gewisse Kenntnisse vom Umlauf der Himmelskörper, besonders der Sonne und des Mondes. Hiernach berechnet man das Jahr, das zehn Monate zählt. Wichtige Begebenheiten erben sich in Volksliedern und Romanzen von Geschlecht zu Geschlecht fort. So wird nichts Erinnerungswertes vergessen, obgleich man keine Schriftzeichen hat. Gemäß der allgemeinen Weltanschauung widmet man den Wohnungen der Lebendigen geringe Sorgfalt, während die Ruhestätten der Verstorbenen kostbar ausgestattet werden, als ob das höchste Glück auf Erden ein schönes Grabmal sei. Nahe den Dörfern sieht man allerorts kleine viereckige, aus Stein und Erde errichtete Türme, meist mit Steinplatten, selten mit Stroh gedeckt, mit Türen dem Sonnenaufgang zu; das sind die Grabstätten. Die Begräbnisfeiern sind umständlich. Die Verwandten und Freunde des Gestorbenen weinen und jammern tagelang. Man schleppt allerlei Totengaben herbei, besonders junge Lamas und Mais. Zu Ehren des Toten werden Zechgelage veranstaltet; an Tschitscha wird dabei nicht gespart. War der Dahingegangene ein Vornehmer, so folgt seinem letzten Gange die gesamte Dorfgemeinde. Man verbrennt an seinem Grabe zehn bis zwanzig Lamas, tötet wohl auch einige seiner Frauen und Kinder, im Wahne, daß sie ihm in die andere Welt begleiten, daß er ihrer daselbst bedarf. Die Hinterbliebenen, zumal die Diener, schneiden sich zum Zeichen ihrer Trauer das Haupthaar kurz. Die Priester stehen in hohem Ansehen.«

In Kuzko fand ein feierlicher Empfang durch die Behörden und das Volk statt. Die den Spaniern angewiesenen Quartiere ließen nichts zu wünschen übrig. In der Hauptstadt war es besonders »die große Moschee«, die ihre höchste Bewunderung erregte.

Dieser Sonnentempel hatte den Namen Korikancha (Goldhag). Er bestand aus einem Hauptbau nebst mehreren Kapellen und Nebengebäuden. Eine Steinmauer umschloß das Ganze, das beträchtlichen Umfang hatte. Der Tempel war so imposant, daß einer der Eroberer (Sarmiento), der ihn im vollen Glanze gesehen, versichert, in ganz Spanien ließen sich nur zwei Bauten mit ihm vergleichen. Das Innere war buchstäblich mit Gold bedeckt. Dem Eingang gegenüber hing eine ungeheure Sonnenscheibe mit einem Menschengesichte und zahllosen, die Wand füllenden Strahlen, alles aus purem Gold mit tausend und abertausend funkelnden Smaragden. In der Frühe ward das Haupttor weit geöffnet, so daß die Morgensonne den hohen weiten Raum des Heiligtums mit ihrem Licht erfüllte und an ihrem goldnen Ebenbilde und von allen den Goldplatten der andern Wände in wunderbaren Flammenfluten zurückstrahlte. Das Gold hieß im Volksmunde der Peruaner »Sonnentränen«.

Die Nebenkapellen waren dem Monde, den Planeten, dem Siebengestirn geweiht. Das polierte Silber, das hier vorherrschte, glänzte und gleißte mit wundersamem Reiz. Mit Hilfe von Spiegelungen in den Regenbogenfarben verstanden die Priester märchenhafte Stimmungen zu erzeugen. Die heiligen Geräte im Tempel, die Räucherpfannen, die symbolischen Tier- und Pflanzenfiguren, riesig in ihren Maßen, grotesk in ihren Formen, alles aus Gold, Silber und Smaragd, erhöhte das Geheimnisvolle.

Der Tempel von Kuzko war das Nationalheiligtum. Die ganze Stadt und ihre Umgegend waren heilig. »Jede Quelle, jeder Pfad, jeder Stein,« sagt ein alter Chronist, »war den Pilgern, die von nah und fern kamen, ein Mysterium«. Zumal die Inka-Edelleute wähnten nicht glückselig sterben zu können, wenn sie nicht noch einmal die Sonnenstadt besucht hatten.

Von dem Goldschmuck des Tempels wurden im Beisein der drei Spanier siebenhundert Platten abgerissen. Als die habgierige Gesandtschaft sich damit nicht zufrieden erklärte, brachte man Gold von andern Stellen her. Schließlich zog man mit 200 Lasten Gold ab, jede von vier Indianern getragen.

Die drei Spanier hatten sich in der Hauptstadt sehr mißliebig gemacht, weil sie sich anmaßend und frech betrugen, vor allem aber, weil sie in das Kloster der Sonnenjungfern eingedrungen waren und daselbst Liebeleien anzuknüpfen versucht hatten.

Diese Sonnenjungfern waren, gleich den Vestalinnen im alten Rom, keine Priesterinnen, sondern Dienerinnen des Sonnengottes. Man nannte sie Akllas. Sie wurden aus den jungen Mädchen des ganzen Landes ausgewählt. Nur die schönsten und untadeligsten aus den besten Familien nahm man. Mit dem achten Lebensjahre kamen sie in das Kloster. Für den Dienst im Tempel zu Kuzko suchte man aus der Schar der herangewachsenen Jungfrauen nur Töchter von Inka-Edelleuten heraus. Auch der Harem des Inka rekrutierte sich aus diesen Akllas. Die Aufnahme darin galt als hohe Ehre für die Familien der Erkorenen. Die Zahl dieser Nonnen soll über tausend betragen haben. Einschließlich der Mägde wohnten etwa dreitausend Frauen, und Jungfrauen im Kloster. Je zehn standen unter Obhut einer Matrone (Mamakona). Zwanzig Eunuchen bildeten die Torwache. Die Nonnen wurden auf das Beste erzogen, köstlich gekleidet, erlesen ernährt und überaus gepflegt. Ertappte man eine der »Auserwählten« bei einer Liebschaft, so wurde sie zur Strafe lebendig begraben, ihr Liebhaber erdrosselt. Die Familie der Sünderin war auf immerdar entehrt.

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