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Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru

Arthur Schurig: Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleFrancisco Pizarro, der Eroberer von Peru
publisherCarl Reissner
year1922
firstpub1922
printrun1. - 3. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051219
projectid14b39939
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XV

Kuzko, die Hauptstadt des Reiches, lag etwa 1200 km weiter südöstlich. Pizarro hätte am liebsten den Vormarsch unverzüglich fortgesetzt, so schwierig es gewesen wäre. Gleichwohl zögerte er und zwar aus wohlerwogenen Gründen. Er konnte sich mit seinen geringen Truppen und Kriegsmitteln nicht noch mehr vom Landungsort entfernen. Rückwärtige Verbindung hatte er sowieso nicht. Dazu kam das Erfordernis, den gefangenen Inka in sicherm Gewahrsam zu halten, denn an dessen Person knüpfte sich das weitere Schicksal der Spanier. Und schließlich war die Stimmung unter den Soldaten alles andre als kriegslustig und zuversichtlich. Die Bestien wollten Beute machen. Ein andres Ideal kannte die Horde nicht.

So sandte Pizarro einen Eilboten nach San Miguel mit dem Auftrage, den dortigen Spaniern seinen großen Erfolg zu verkünden und vor allem genaue Meldung zu holen, ob und welche Verstärkungen aus Panama eingetroffen wären.

Bis zum Eintreffen dieser Nachrichten war er keineswegs untätig. Ein Heer, und mag es noch so klein sein, muß bekanntlich stets Beschäftigung haben. Pizarro ließ die Mauern der Stadt nach abendländischer Art in Stand setzen. Jede Spur an die Ereignisse des 16. Novembers wurde getilgt. Sodann ward eines der Steinhäuser zur christlichen Kirche hergerichtet und dem Heiligen Franziskus geweiht. Die Dominikaner hielten darin tagtäglich die Messe ab.

Atahuallpa beobachtete alles, was die Fremdlinge taten. Sehr bald erkannte er, daß der Sinn der Eroberer nur den einen Drang hatte: nach Gold. Alles andre, ihre militärische Zucht, ihr regelmäßiger Gottesdienst, ihr organisierendes Beamtentum, diente jenem Einen. Ohne die Gier und Hoffnung auf Gold wären sie auseinandergestoben. Sie mochten ihm fortan vorreden, was sie wollten, der kluge Fürst glaubte nicht an ihre angeblichen Ideale von der Verbreitung ihres Glaubens und ihrer Zivilisation. Und in der Tat, das Christentum des 16. Jahrhunderts hatte nichts mehr gemein mit dem der Frühzeit, und die Zivilisation dieser Spanier war blutige Barbarei.

Diesen Goldhunger beschloß Atahuallpa auszunutzen, um sich die Freiheit zu verschaffen. Die Sache schien ihm zu drängen, denn sein besiegter Rival, König Huaskar, der in Andamarka, nicht allzufern von Kaxamalka, gefangen saß, durfte gar nicht erst erfahren, daß der Sieger Atahuallpa inzwischen selber ein Besiegter geworden war; andernfalls mußte ihm die Herrschaft über das ganze Reich geradezu von selber wieder zufallen.

Ohne seine innere Unruhe zu verraten, erklärte Atahuallpa, wenn Pizarro ihn freilasse, verpflichte er sich, den Fußboden des Zimmers, in dem sie beide gerade weilten, mit Gold zu bedecken. Der Generalkapitän erwiderte nichts. Die anwesenden Offiziere lächelten ungläubig. Dies reizte den Inka, dem Gold so viel galt wie einem Abendländer Messing.

»Nicht nur den Boden,« rief er, temperamentvoll wie er war, »das ganze Gemach, so hoch Ihr mit der Hand reichen könnt!«

Dabei streckte er seine Hand so hoch er konnte.

Die Spanier machten große Augen. Pizarro war nachdenklich geworden. So manches fuhr ihm durch den Sinn: das Gerücht vom fabelhaften Goldreichtum des Landes, das ihn vor nunmehr acht Jahren auf den Gedanken gebracht hatte, Perú zu erobern. Und hatte ihm Atahuallpa nicht selber von seiner Hauptstadt, seinen Schlössern, den Tempeln seines Landes und seinen Schätzen auf das Lebhafteste erzählt? Hatte er nicht gesagt, daß die Dächer mit Goldziegeln gedeckt und die Mauern mit Goldplätten bedeckt seien?

Im Moment rief ihm der Dämon, der ihn durch so viele Gefahren hierher geführt, heimlich zu: »Nimm all das verheißene Gold Und überlaß den Mann und sein Reich dem Schicksale!«

Gewiß waren ihm alle seine Spanier, von den Hauptleuten abwärts bis zu den Schreibern und Pfaffen, nur gefolgt des Goldes wegen. Es bot sich ihnen in märchenhafter Fülle! Und er? Er, der er vor der Mit- und Nachwelt ein zweiter Alexander, ein zweiter Julius Cäsar, zum mindesten ein zweiter Ferdinand Cortes sein wollte?

»Ich werde das Gold nehmen!« entschloß er sich. »Und das Reich Perú dazu.«

Blitzschnell sah er im Geist den Verlauf seines Planes. Das Gold sollte die Soldateska nur noch golddurstiger machen! Hundertmalmehr sollte ihm der gefangene Inka auftürmen, ohne selbst dann die heißersehnte Freiheit zu bekommen! Was brauchte ein abendländischer christlicher Ritter einem eingesperrten morgenländischen Heiden das Wort zu halten?

Das Pakt ward geschlossen.

Einer der Offiziere zog einen roten Strich in Reichhöhe an der Wand hin, und der Kaiserliche Notar setzte die Bedingungen des Vertrages umständlich und feierlich auf: den berüchtigten Fetzen Papier, der die Geschichte der Europäer zur endlosen Groteske macht!

Nach den Angaben von Pizarros Geheimschreiber Xeres hatte das Zimmer eine Länge von 22 Fuß und eine Breite von 17 Fuß; die vereinbarte Höhe betrug 9 Fuß. Dieser Raum sollte mit goldnen Bechern, Krügen, Töpfen, Schüsseln, Platten usw. binnen acht Wochen angefüllt werden, ebenso ein anstoßendes kleineres Zimmer dreimal mit Silbergerät.

Sofort sandte Atahuällpa Boten nach Kuzko und in die größeren Städte seines Landes mit dem Befehl, man solle alles goldne Gerät und Zierat aus den Königlichen Palästen, aus den Tempeln und Staatsgebäuden schleunigst fortnehmen, sammeln und nach Kaxamalka bringen.

Der Inka verblieb in Pizarros Quartier. Wenngleich er scharf bewacht wurde, erfreute er sich doch ziemlicher Freiheit, und vor allem wurde er von jedermann seinem Range gemäß behandelt. Er trüg keine Fesseln, verfügte über mehrere Gemächer, hatte die Favoritin seines Harems bei sich und lebte völlig ungestört. Es bildete sich sogar ein kleiner Hofstaat um ihn. Er empfing Edelleute und Untertanen unter strenger Wahrung der peruanischen Etikette. Auch der Vornehmste zog vor der Audienz seine Schuhe aus und trug als Zeichen seiner Ehrfurcht eine symbolische kleine Last auf dem Rücken.

Pater Valverde versuchte es mit Bekehrungsversuchen. Der Inka hörte ihm gelassen und aufmerksam zu. Eines soll ihn bewegt haben. Als der Dominikaner ihm vorhielt, der Gott der Peruaner habe ihn in Not und Gefahr verlassen; folglich könne er nicht der höchste Gott in der Welt sein, da gab er dies voll Ernst und Würde zu. Mehr aber erreichte der Priester nicht.

Insgeheim beschäftigten ihn ganz andere Dinge.

Der gefangene Huaskar hatte von der Gefangennahme Atahuallpas und seinem Vertrage mit den Spaniern erfahren. Um seine Freiheit wiederzuerlangen, bot er dem Statthalter ein weit größeres Lösegeld als sein Bruder an, wozu er sagen ließ, Atahuallpa kenne die Stadt Kuzko und ihre Schätze gar nicht. Er habe nur flüchtig in der Hauptstadt verweilt und wisse die Reichtümer des Landes nicht zu finden.

Atahuallpa erfuhr Huaskas Angebot. Noch mehr beunruhigte ihn Pizarros Mitteilung, er wolle Huaskar nach Kaxamalka bringen lassen, um unparteiisch zu untersuchen, wer von beiden Brüdern wirklich Anspruch auf den Thron von Perú habe.

In Wahrheit sah sich Pizarro als Herrn des Landes an, und es war ihm völlig gleichgültig, ob Atahuallpa oder Huaskar legitimer König war. Den großen Wert aber dieser Frage für die Spanier hatte er längst erkannt. Nur war ihm noch nicht klar, in wessen Wagschale er seinen Degen werfen sollte. War es vorteilhafter für seine eigenen Pläne, diesen oder jenen als rechtmäßigen Herrscher zu erklären, d. h. zu einem Werkzeug zu machen, durch das er selber schrankenlos im ganzen Lande schalten und walten konnte. Es galt zunächst festzustellen, welcher von beiden Nebenbuhlern den Herzen der Peruaner näherstand.

Atahuallpa durchschaute den fremden Bedrücker, und er wußte auch, daß sich das breite Volk, vor eine Wahl gestellt, für den friedliebenden milden Huaskar erklären werde, ebenso die Mehrheit des übriggebliebenen alten Inka-Adels. Zu ihm hielten die neuerungssüchtigen Geister. Und vor allem die Armee. Es gab nur einen Weg, der ihn retten konnte, den politischen Mord. Huaskar mußte verschwinden. Dann war es Atahuallpa, den Pizarro am Leben und Ansehen erhalten mußte, um nicht selber unterzugehen.

Er erteilte einem seiner Getreuen den geheimen Auftrag, Huaskar zu ermorden. Es geschah unverzüglich. Der unglückliche Fürst ward im Flusse Andamarka ertränkt.

Man sagte dem Toten viel Gutes und Schönes nach, aber man darf nicht vergessen, daß sowohl den spanischen wie peruanischen Geschichtsschreibern daran lag, ihn zum Nachteile Atahuallpas als rechten und gerechten Herrscher zu feiern. Huaskar war wohl ein Weichling sein Leben lang, Atahuallpa hingegen ein leidenschaftlicher Mann, der um seine Freiheit, seine Macht, sein Leben rang. Die Nachwelt muß ihn höher schätzen als den Schwächling, den er besiegt und sodann geschont hatte, solange er ihm unschädlich dünkte.

Langsam aber stetig gingen inzwischen die anbefohlenen Gold- und Silbersendungen ein. Die Verwunderung der habgierigen Abendländer wuchs mit jedem Tage. Zugleich mehrte sich ihre geheime Angst. Die Häufung so unglaublicher Schätze war vielleicht nur List und Tücke. Wer bürgte, daß ein allgemeiner Aufstand der Peruaner im Gang war, um am Tage der Erfüllung des hohen Lösegeldes all dies Gold und Silber mit dem Blute der Spanier zu färben? Das unheimliche Gerücht einer Volkserhebung wollte nicht verstummen. Ja, man bezeichnete klipp und klar die 70 km weiter südlich gelegene kleine Stadt Huamachuko als Sammelort der Aufständischen.

Pizarro hielt dem gefangenen Fürsten das Gerücht vor und forderte Aufklärung. Atahuallpa wies die Anklage, er zettele insgeheim eine Verschwörung im Lande an, erregt zurück, indem er beteuerte:

»Kein einziger meiner Untertanen würde es wagen, ohne meine ausdrückliche Erlaubnis mit Waffen in meinem Wohnorte zu erscheinen. Und ich, dessen Leben in Eurer Hand ist, ich sollte den unsinnigen Befehl zu einem Versuche geben, der mein sicherer Tod wäre? Ihr habt in meiner Person die volle Sicherheit für meine unbedingte Friedfertigkeit Euch gegenüber.«

Pizarro beschwerte sich weiterhin über die Saumseligkeit beim Aufbringen des ausbedungenen Lösegeldes.

Atahuallpa lächelte.

»Kennt Ihr die großen Entfernungen so wenig?« erwiderte er. »Einen Eilboten kann man in fünf Tagen von Kaxamalka nach Kuzko schicken. Ein stark belasteter Träger aber braucht zu derselben Strecke mehrere Wochen. Sendet von Euren Leuten wen Ihr wollt nach meiner Hauptstadt! Ich will Euren Boten einen Geleitsbrief mitgeben. Sie können sich überall überzeugen, daß alles Nötige im Gang ist, um das geforderte Gold zusammenzubringen, und nirgends werden sie feindselige Umtriebe bemerken.«

Der Statthalter beschied sich.

Insgeheim bekam der Hauptmann Hernando Pizarro den Auftrag, mit einer Abteilung von zwanzig Reitern und einigen Büchsenschützen in der Richtung auf Huamachuko den Zustand von Land und Leuten zu erkunden, vor allem aber den berühmten Tempel zu Pachakamak mit seinen fabelhaften Goldschätzen zu inspizieren. Er brach am Dreikönigstage 1533 auf.

Vierzehn Tage zuvor (am 20. Dezember 1532) trafen etliche indianische Boten in Kaxamalka ein mit einem Briefe aus San Miguel, worin vermeldet ward, daß der Hauptmann Diego de Almagro auf drei Karavellen mit 120 Mann und 84 Pferden aus Panama im Hafen von San Miguel eingetroffen war. Zugleich wären 30 Mann auf einer kleineren Karavelle aus Nikaragua angekommen. Almagros Schiffe hatte der Großlotse Bartolomäo Ruiz geführt. Die Fahrt beider Geschwader, die sich unterwegs trafen, war nicht ohne Mühe und Not vor sich gegangen. Man wußte nicht, wo Pizarro gelandet war. Schon wollte man in Puerto Viejo umkehren, da brachte die Karavelle, die Almagro auf Tumbez vorausgesandt hatte, Nachricht von Pizarros Ansiedelung zu San Miguel.

Hier angekommen, erfuhr Almagro von dem ungeheuren Lösegelde, das der Inka verheißen habe und das bald zusammengetragen sei. Die Goldgier des Landsknechtsführers und seiner Abenteurerschar stieg zur Glut. Am liebsten wäre man unverweilt aufgebrochen. Etliche Ansiedler warnten davor. Dem heimtückischen und herrschsüchtigen Pizarro solle man sich nicht ohne weiteres anvertrauen.

Almagro gab diesen Stimmen recht und wartete. Erst als Pizarros Antwort auf seine Meldung kam, entschloß er sich zum Marsche nach Kaxamalka. Pizarro schrieb ihm, er freute sich, daß sein längsterwarteter lieber Genosse gelandet sei; er erwarte ihn in seinem Hauptquartier und lasse sogleich das nötige Gold einschmelzen, um die Schiffsmieten zu bezahlen, damit die Karavellen so bald als möglich zurück nach Panamá segeln könnten.

Pizarros Freude war echt. Gold hatte er in Hülle und Fülle, und gern gab er davon, was er zu geben hatte. 150 Mann Verstärkung waren ihm wichtiger als sonst etwas.

Almagros Geheimschreiber namens Perez hatte dem Schreiben Almagros an Pizarro ein Brieflein an Pizarros Geheimschreiber Xerez beigelegt. Intrigant, der er wie fast alle jene Abenteurer war, ließ er Pizarro vor Almagro warnen. Dieser sei durchaus nicht gekommen, um die zweite Rolle zu spielen. Pizarro kannte Almagros Eifersucht zur Genüge. Auch wußte er sehr wohl, daß persönliche Zwietracht unter den Truppenführern einer Kolonie immer nur gemeinsamen Schaden zur Folge hat. So übersandte er dem mißtrauischen Genossen den Brief des Verräters zum Beweise seiner eigenen Treue. Almagro war beruhigt, verfehlte aber nicht, seinen Sekretär auf der Stelle an den Galgen zu befördern.

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