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Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru

Arthur Schurig: Francisco Pizarro, der Eroberer von Peru - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Schurig
titleFrancisco Pizarro, der Eroberer von Peru
publisherCarl Reissner
year1922
firstpub1922
printrun1. - 3. Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051219
projectid14b39939
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XIV

Kaxamalka hatte nur 2000 Einwohner, aber die Menge königlicher Bauten, die ihre Mauern umschloß, machte sie zu einer ansehnlichen und überaus gepflegten sauberen Stadt. Die in der Nähe (eine Legua weiter östlich) befindlichen, seit uraltersher bekannten heißen Quellen waren die Ursache dieser Bevorzugung.

Die in der Tat von ihren Bewohnern verlassene Stadt hatte einen sehr geräumigen dreieckigen Hauptplatz (die Spitze nach Süden), der auf allen drei Seiten von langen steineren Hallen umrahmt war. An der östlichen Basis stand das Königsschloß mit einer stattlichen Freitreppe nach dem großen Platz zu und einem Hintertor, an das man unmittelbar nach der Heeresstraße gelangte, die vom Warmbad und den Bergen nach der Stadt führte. Die Häuser von Kaxamalka waren zumeist aus Lehm und mit Balken und Stroh gedeckt, nur die Paläste aus Stein. Dicht vor der Stadt, auf einer kleinen Anhöhe, inmitten eines Heiligen Haines, strahlte blendend weiß die Moschee des Sonnengottes. Eine ziemliche Anzahl andrer kleinerer Tempel überragte die Häuser. Etwas von der Stadt entfernt, thronte die Burg, von einer schneckenförmig dreimal um ihren Hügel sich windenden Steinmauer umgürtet. Gewiß lagen hier in Friedenszeiten ein paar Kompagnien des stehenden Heeres in Garnison.

Pizarro ließ seine Truppen auf den großen Platz rücken. Er erwartete einen Empfang durch Atahuallpa. Aber der Inka kam nicht, sondern blieb in seinem Lager am Warmbad. Ungeduldig begab sich der Statthalter auf den Turm des Königschlosses und schaute nachdenklich nach den östlichen Bergen hin, wo er am Hang die langen Reihen weißer Zelte erkannte: das Lager des Herrschers von Perú.

Als es gegen Abend zu regnen und hageln begann befahl Pizarro, in den Hallen am großen Platze Quartier zu nehmen. Die Artillerie, die Pferde und die Bagage legte er unter dem Befehl des Artillerieführers in die Burg. Die Tore der Stadt wurden durch starke Posten bewacht.

Pizarro war voller Sorge, wenngleich er es sich nicht anmerken ließ.

Was hatte Atahuallpa vor?

Darüber war sich Pizarro in Zweifel. Es beunruhigte ihn und so sandte er noch am 15. November seinen besten Offizier, den Hauptmann Hernando de Soto, mit fünfzehn Reitern nach dem feindlichen Lager, mit dem Auftrage, zu versuchen, Audienz beim Inka zu erlangen.

Soto war noch nicht lange abgeritten, da kam Hernando Pizarro, um sich Befehle zu holen für den Fall eines feindlichen Angriffes während der Nacht. Francisco erzählte seinem Bruder, daß er Soto abgeschickt habe. Hernando äußerte seine Bedenken. Man habe nur 60 Reiter. Obendrein seien mehrere Pferde marode. Fünfzehn zu detachieren, dünke ihn mißlich. Greife der Feind sie an, so sei man hier wie dort zu schwach. Jedwede Schlappe aber werde das Schlimmste nach sich ziehen.

Daraufhin entsandte Pizarro alle gefechtsfähigen Reiter unter dem Kommando von Hernando Pizarro, mit dem Auftrage, den Umständen gemäß zu handeln.

Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß Hernandos Bericht über diesen seltsamen Ritt (geschrieben im Jahre 1533) auf die Nachwelt gekommen ist, so daß wir hier manche Einzelheit wissen.

Soto trabte mit seinen fünfzehn Reitern die breite Heeresstraße hin, die von Kaxamalka nach dem Warmbad führte. Links und rechts weiteten sich Wiesen. In einer halben Stunde war die Legua zurückgelegt. Man kam an einen seichten Fluß. Eine Holzbrücke führte hinüber. Peruanische Posten standen drüben. Offenbar erwarteten sie die Fremdlinge; aber sie verrieten weder Freundschaft noch Feindschaft.

Die vorsichtigen Spanier mieden die Brücke und ritten durch das träge Wasser. Dann fragten sie nach dem Königlichen Quartier. Einer der Indianer erbot sich zum Führer. Soto folgte ihm zu Pferd, seine Reiter am Flusse lassend; nur der indianische Dolmetscher Felipillo (Philippchen) kam mit.

Zu beiden Seiten der Straße leuchteten die Zelte der Peruaner durch den trüben Abend. Soto gelangte an ein geräumiges Lusthaus. Es war weiß getüncht; rote bizarre Figuren auf den Flächen. Ringsum ein Säulengang. Dahinter ein halboffener Hallenhof. Auf dem Vorplatz ein Weiher, von weißem Stein umfaßt. Hier ließ man den Ritter und seinen Begleiter eine Weile warten.

Inzwischen kam Hernando Pizarro, mit ihm sein Adjutant; beide zu Pferde. Alsbald geleitete man die vier Reiter in den großen rückwärtigen Hof des Gebäudes, der sichtlich öfters zu Empfängen diente.

Der Inka saß auf kostbaren Kissen, erhöht, unter der Halle des Lusthauses, einfach gekleidet, auf dem Haupt den scharlachroten Turban (Llautu), dessen Troddel ihm tief über die Stirn fiel. Diese »rote Troddel« (Paytscha) war das geheiligte Zeichen seiner Königswürde.

Bei ihm standen Generale, Edelleute, Minister, der hohe Priester, sowie einige Frauen, alle in Gala, reich geschmückt und in feierlicher Haltung. Weiter ab in Gruppen sah man andere hohe Würdenträger.

Die drei spanischen Offiziere näherten sich dem Fürsten in langsamem Schritt, ohne abzusitzen. Nahe vor ihm machten sie Halt und begrüßten den Inka mit spanischer Grandezza. Atahuallpa erwiderte den Gruß mit einer vornehmen Geste, ohne ein Wort zu sagen. Keine Miene seines jungen schönen energischen Gesichts verriet seine Gedanken, seine Stimmung, seinen Willen. Die nämliche Gelassenheit und Urbanität waltete über dem gesamten Hofstaate.

Unter nochmaliger Verbeugung begann Hernando Pizarro zu sprechen. Satz für Satz ward dem Fürsten durch Felipillo in die Inka-Sprache übertragen. Er sagte, er sei der Bruder des Feldherrn der Spanier, abgesandt, dem Herrn des Landes seine Ankunft in Kaxamalka zu vermelden. Sie kämen weither über das Weltmeer im Auftrage des mächtigsten Herrschers der Erde. Don Francisco Pizarro bäte den Inka, ihm die Ehre eines Besuches zu vergönnen und seine Trappen zu besichtigen. Er habe von seinem jüngsten Siege vernommen, und er sei bereit, auf seiner Seite zu kämpfen.

Der Inka blieb schweigsam. Nichts an ihm zeigte an, daß er den Fremdling verstanden hatte.

Einer der Edelleute ihm zur Seite erwiderte für ihn das eine Wort: »Gut!«

Nichts in der Welt hätte den Spaniern eindringlicher bedeuten können, daß sie unangenehme Eindringlinge waren, als das königliche Schweigen und dies eine kurze herrische Wort des Granden.

Hernando Pizarro unterbrach schließlich die unheimliche Stille. Er bat den Inka, ihm in eigener Person zu sagen, wie er sich zu ihnen stellen wolle. Auch ersuche er ihn untertänigst, ihnen Quartiere in Kaxamalka anzuweisen.

Ein feines Lächeln flog über Atahuallpas bisher unbewegte Züge. Sodann erwiderte er: »Sagt Eurem General meinen und meines Hofes Besuch auf morgen an! Er möge mit seinen Soldaten Quartier in den Gebäuden am großen Platz nehmen, alle ändern Paläste aber frei lassen. Das Übrige werde ich morgen persönlich anordnen.«

Die freie Seite des Hofes gewährte Ausblick in die weite Ebene. Der Hauptmann Soto, dem offenbar ein schwerer Stein von Herzen gefallen war, verspürte das Bedürfnis, dem Inka zu imponieren. Er war der beste Reiter in Pizarros Heer, und er hatte bemerkt, daß der Inka an seinem edlen Pferde, das ungern stillstand und schon längst ungeduldig in die Trense b|ß, Gefallen fand. Da ritt er an, setzte über die Barriere hinweg, die den Hof von den Wiesen trennte, und legte drüben einen großen Zirkel an, auf dem er die volle Schönheit seines Tieres zeigte. Allmählich verstärkte er den Galopp zur wilden Karriere. Unversehens verließ er dann die Bahn und ritt auf Atahuallpa los. Einen Schritt vor ihm parierte er das Pferd, indem er es scharf auf die Hinterhand setzte, und ließ es langsam steigen. Der Schaum sprühte über das Gewand des Inka. Alles wich erschrocken zurück. Nur Atahuallpa blieb unbeweglich wie aus Marmor. Zwei Diener wollten dem fremden Ritter in die Zügel fallen. Da winkte der Fürst leicht ab. Später ging die Kunde, der Inka habe die Voreiligen in der folgenden Nacht als Feiglinge hinrichten lassen.

Jetzt wurden den Spaniern Brot, Wein und Früchte angeboten. Sie dankten und nahmen nur den Tschit- scha-Wein, der ihnen in riesigen goldenen Pokalen von holden Händen gereicht ward. Nun erst kam Leben in die Gruppen. Die spanischen Offiziere dünkten sich wie in einem arabischen Märchen. Beim Wiederabreiten bildeten Hunderte von glänzend bewaffneten Kriegern, die Lanzen bei Fuß, in schweigsamer Haltung, Spalier.

Als die Vier wieder in Kaxamalka waren, fanden sie kaum Worte, all die Herrlichkeit zu schildern, die sie geschaut. Pizarro hörte seines Bruders Erzählung schweigsam an. Das Gerücht von tausend und abertausend Kriegern im Gefolge des Inkas mochte wohl stimmen. Schützten diese Scharen die fabelhaften Schätze dieses Reiches nicht genug? Standen, ini Hinterlande, insbesondere in der fernen Hauptstadt des Landes, nicht noch andre Zehntausende? War der heutige Empfang und der morgige Besuch im Grunde etwas anderes als das spöttische Spiel eines Allgewaltigen mit einem dem sicheren Tode geweihten Häuflein verwegener Narren?

Was war zu erwarten, was zu tun?

Die zahllosen Lagerfeuer, die durch die dunkle Nacht wie unheimliche Schicksalssterne leuchteten, gaben den nachdenklich gewordenen Landsknechten keine ermutigende Antwort. Nur Pizarro, der einzige, der nicht einen Augenblick an seinem Glücke zweifelte, war sich klar. Er entschloß sich zu einer verwegenen Tat. Gelang sie, so war er Herr von Peru; mißlang sie, so war es um ihn und seine Genossen geschehen.

Keinem verriet er seinen Plan. Für die Nacht ordnete er scharfen Wachtdienst an. Den Ortsdienst übernahm Hernando Pizarro.

Am ändern Morgen, Sonnabend den 16. November 1532, kam ein Offizier Atahuallpas mit der Botschaft, der König werde erst am Nachmittag den fremden Befehlshaber aufsuchen.

Die Indianer im Gefolge dieses Gesandten plauderten mit den Indianerinnen, die zum Troß der Spanier gehörten. Sie warnten sie und rieten ihnen zu entfliehen. Atahuallpa habe die Absicht, die Fremdlinge anzugreifen und zu vernichten.

Der Offizier richtete im Namen seines Herrschers aus, Atahuallpa werde mit bewaffneter Macht kommen, weil Pizarros gestrige Gesandtschaft bewaffnet bei ihm erschien sei. Der Statthalter erwiderte, der König möge kommen, wie es ihm beliebe. Er werde ihn als Freund und Bruder empfangen.

Kaum war der Bote fort, da sah man auch bereits die peruanischen Truppen anrücken. Eine halbe Stande vor der Stadt machten sie Halt and marschierten links und rechts der Straße aufden Wiesen auf. Hinter der Front wurden in langen Linien Zelte aufgeschlagen. Dieser Anmarsch währte bis zum Mittag. Auf der Heeresstraße im Rücken der Peruaner wimmelte es von Truppen und Fahrzeugen.

Eine Weile später erschien ein zweiter Gesandter mit der Meldung der König könne erst am nächsten Tage erscheinen. Pizarro geriet in Erregung. Seine Truppen hatten in der Nacht nur wenig geschlafen, standen seit Morgengrauen unter Waffen, waren müde, erregt, ungeduldig. Nichts macht Soldaten und Soldatenpferde untüchtiger als Warten in banger Stimmung. Und was bedeutete Atahuallpas Unentschlossenheit?

Er ließ dem Fürsten sagen, er bäte um Erfüllung seines gestrigen Versprechens. Es sei alles bereit, ihn nach Gebühr zu empfangen. Er erwarte ihn zu seiner heutigen Abendtafel die nicht eher begänne als er da sei.

Pizarro legte 20 Mann gefechtsbereit in sein Quartier am großen Platze. Die Reiter standen in zwei Trupps abgesessen bei ihren Pferden hinter den Hallen; den einen befehligte der Obrist Hernando Pizarro, den andern der Hauptmann Hernando de Soto. Das übrige Fußvolk lag in drei Abteilungen in den Hauptstraßen, die zum Markte führten, gewissermaßen im Hinterhalt. An sämtlichen Toren der Stadt standen Posten und Patrouillen. Die beiden Geschütze waren auf die Anmarschstraße gerichtet. Der Platz selbst blieb leer.

Hernando Pizarro revidierte unausgesetzt alle Abteilungen, Wachen und Patrouillen. Alle ermahnte er in kurzer leutseliger Rede, schlagfertig zu bleiben, mutig zu sein, Gott und ihrem Führer zu vertrauen und, sobald der Befehl erteilt sei, mit Kraft und Umsicht das Nötige zu tun. Ein abendländischer Soldat, der seine Sache brav und klug mache, könne es gut mit fünfhundert Wilden aufnehmen.

Am Nachmittag kam ein dritter Bote. Atahuallpa werde alsbald mit geringem Gefolge ohne Waffen kommen und die Nacht in Kaxamalka verbleiben. Man solle das »Schlangenhaus« am großen Platze für ihn bereit halten. Das war ein steinerner Palast, der ein Schlangenbild an der Stirnmauer trug.

Unmittelbar darauf sahen die Spanier, daß ein Vortrupp die Stellung der Peruaner verließ und auf die Stadt zukam. Es war eine Schar Indianer in schachbrettartig bunter Tracht, die das Amt hatten, die Straße zu säubern. Es folgten weitere Trupps, in andrer Kleidung, Sänger und Tänzer. Dann kam ein Trupp Soldaten, dann ein Stab von Offizieren, in goldnen und silbernen Panzern und Helmen, ohne Waffen, in ihrer Mitte KönigA tahuallpa auf einer hohen offenen Sänfte, die mit Papageifedern bekleidet und mit Gold- und Silberschmuck behangen war. Dem königlichen Tragsessel folgte der Hofstaat, darunter zwei andre Sänften, auf denen Großwürdenträger saßen, sowie zwei Hängematten mit Standespersonen, alle von zahlreicher Mannschaft getragen. Den Schluß bildete ein starker Trupp Soldaten; die Offiziere wiederum in goldener und silberner Rüstung.

Sowie der Vortrupp die Plaza betrat, teilte er sich in militärischer Ordnung, um dem König und seinem Gefolge Spalier zu bilden. Der Gesang, der den Spaniern aus der Ferne wie »Gesang der Hölle« geklungen hatte, verstummte. Der Tragsessel des Herrschers gelangte zur Mitte des Platzes und ward dort zur Erde gestellt. Insgesamt standen, wohlgeordnet, jetzt etwa dreitausend Personen da, aber kein einziger Spanier.

Verwundert fragte Atahuallpa seinen höchsten Begleiter: »Wo sind die Fremdlinge?«

In diesem Augenblick trat der Padre Vicente de Valverde, der Geistliche im Stabe Pizarros, später Bischof von Kuzko, aus dem Quartier des Statthalters und schritt in heuchlerischer Würde über den Platz auf den König des Landes zu, die Bibel in der einen, das Kruzifix in der andern Hand. Vor Atahuallpa angekommen, begrüßte er ihn mit priesterlicher Geste und begann im Predigerton zu ihm zu sprechen: »Im Namen Gottes des Herrn, im Namen Jesu des Heilands der Welt, im Namen der Christenheit begrüße ich Euch! Seid unser Freund! Gott hat uns hierher gesandt. Ich bringe Euch seine Botschaft, die geschrieben steht in diesem heiligen Buche. Empfangt unseres Kaisers, des Herrn der Welt, Statthalter. Er wartet auf Euch!«

Andrer Überlieferung nach soll Valverde eine längere Rede gehalten haben, die mit der Aufforderung schloß, Atahuallpa solle sich zu Kaiser Karls Vasallen erklären und den Christenglauben annehmen.

Pizarros Dolmetscher Felipillo, ein Indianer aus der Stadt Tumbez, ein Schelm, der sein Vaterland tausendfach verriet, machte den Vermittler – auf seine Art.

»Man hat mir vermeldet,« erwiderte Atahuallpa voller Ernst und Würde, ohne auf Valverdes Worte einzugehen, »daß Ihr Fremdlinge auf Eurem Wege hierher gemordet und geplündert habt.«

Der Mönch bestritt die Tatsache, indem er die Schuld auf die Indianer im spanischen Gefolge zu schieben versuchte.

»Und was Ihr sonst gesagt habt, von Eurem Gott, Eurem Glauben, Eurem Kaiser, so mag es wohl sein, daß Euer Herr groß und mächtig ist, aber über mir steht kein Fürst auf Erden. Ich verstehe nicht, daß ihm irgendwer ein Land geschenkt haben soll, das ihm gar nicht gehört, Ebensowenig geht mich Euer Gott an. Ich verehre den meinen ...«

Dabei wies er auf die glutrot hinter den Bergen untergehende Sonne.

»Dort steht Gott und blickt auf uns herab, auf seine Kinder!«

Sodann ließ er sich die Bibel reichen.

Der Dominikaner händigte ihm den Folianten ein. Der König versuchte die Schließe aufzuhaken. Da es ihm nicht gelang, streckte Valverde den Arm aus, um behilflich zu sein. Diese Bewegung war offenbar gegen die höfische Sitte in Perú. Atahuallpa stieß des Priesters Hand mit leichtem Schlag zurück. Nach einem weiteren Versuche öffnete er das Buch, blätterte drinnen, ohne die geringste Verwunderung zu zeigen, und warf es dann gelangweilt zu Boden.

Wahrscheinlich hatte er vom Sinn der priesterlichen Rede und vor allem von der Bedeutung des Buches nichts verstanden, denn es ist nicht anzunehmen, daß der kulturell ungleich höherstehende Peruanerfürst die Fremdlinge in ihrem Glauben verletzen wollte. Er war gewillt, die Spanier mit der Höflichkeit eines großen Herrschers zu behandeln. Mehr war er sich nicht schuldig. Daß ein Buch etwas Heiliges sein könne, ahnte er nicht.

»Sagt Eurem General,« begann er von neuem, »daß ich Rechenschaft verlange über Euer Verhalten in meinem Reiche. Ich werde nicht eher von hier fortgehen, als bis Ihr für alles Unrecht, das Ihr begangen, Genugtuung geleistet habt.«

Valverde hob die Bibel auf. In dramatisch übertriebener Empörung eilte er zu Pizarro, der auf das Erstbeste wartete, was sein Vorhaben vor der Mit- und Nachwelt motivieren sollte.

»Seht!« rief der Gottesmann dem Feldherrn zu. »Während wir uns vor diesen Barbaren heiser reden, zieht Trupp auf Trupp in die Stadt! Unser Heiligstes ist geschändet. Wehrt Euch! Greift an! Haut die Heiden nieder! Gott gibt Euch allen Absolution!«

Der General-Kapitän küßte das Kruzifix. Dann gab er das verabredete Signal. Der Artilleriehauptmann ließ die Geschütze abfeuern. Das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff der Spanier.

Pizarro zog sein Schwert und stürmte unter dem Schlachtruf: »Hie Sankt Jago!« aus seinem Hause auf Atahuallpa los.

»Hie Sankt Jago!« erklang es jetzt auch in den Zugangsstraßen. Die bereitstehenden Abteilungen marschierten auf den großen Platz. Die Reitertrupps drangen mit ihren Lanzen in die Haufen der Wehrlosen. Trompeten schmetterten. Die Hakenbüchsen krachten. Allerwegs wilde Rufe, Waffenlärm und Pferdegewieher.

Die Bestürzung der Peruaner kam grenzenloser Panik gleich. Hunderte fielen, zu Boden geritten, niedergesäbelt, totgestochen. Keiner dachte an Widerstand; keiner hatte ja Waffen mitgebracht. Die Edelleute scharten sich um ihren König. Die Spanier ritten Bresche, und schon stand Pizarro vor Atahuallpa, der wie gelähmt auf seinem Tragsessel saß und mit flammendem Auge rings um sich im Dämmerlichte Tod und Verderben walten sah.

Sein Gegner brach sich Bahn durch das wilde Getümmel.

» Nadie hiera al Indio so pena de la vida!« rief er mit Donnerstimme. »Niemand vergreife sich am Inka, wem sein Leben wert ist!«

Getreue hatten Atahuallpas Sänfte erfaßt, um ihn davon zu tragen. Sie kamen nicht vom Fleck. Der Sessel schwankte hin und her. Ein paar der Träger sanken zu Tode getroffen nieder. Der hohe Sitz neigte sich. Atahuallpa fiel hinunter. Spanier fingen ihn auf. Ein Landsknecht, Miguel Estete, riß ihm die rote Troddel von der Stirn, das Königsabzeichen. Pizarro nahm den Fürsten persönlich gefangen und sorgte dafür, daß er unversehrt in eines der nahen Häuser gebracht wurde.

Damit war des Eroberers verwegener Plan ausgeführt und gelungen.

Außer Atahuallpa waren zahlreiche Gefangene gemacht worden: Edelleute, Offiziere, Würdenträger, Soldaten, Diener, insgesamt an tausend. Auf dem Großen Platze lagen die Toten in Reihen und Haufen. Den Entflohenen ward eifrig nachgesetzt. Viele von ihnen fielen auf den Feldern vor der Stadt In Ganzen wurden zweitausend Peruaner hingeschlachtet.

Als es Nacht geworden war, ließ Pizarro abermals die Geschütze abfeuern und die Trompeten zur Retraite blasen. Es fand ein Appell vor seinem Quartier statt.

Pizarro fragte die vor der Front stehenden Hauptleute: »Ist jedermann wohlbehalten?«

Hernando Pizarro meldete: »Kein einziger Hispanier ist verwundet, nur eines unsrer Pferde!«

Da nahm der Statthalter den Helm ab und rief den Truppen zu: »Danken wir Gott dem Herrn inbrünstig für das erhabene Wunder, das uns heute widerfahren! Ohne seine besondere Gnade und Hilfe wäre es unmöglich gewesen, bis hierher vorzudringen, und unmöglich, über so zahlreiche Feinde den Sieg zu erringen. Gott war mit uns! Wolle er uns weiterhin in Barmherzigkeit beizustehen. Wiewohl der Allerhöchste mit uns ist, müssen wir doch immerdar auf der Hut sein. Dreitausend unsrer Feinde sind tot und gefangen. Zehntausend lagern dort an den Bergen. Alle sind sie hinterlistig, grausam, kriegserfahren. Ihr König ist in unsrer Hand. Man wird alle Tücke und List anwenden, ihn zu befreien. Haltet also gute Wacht! Jeder tue seine Pflicht! Wir müssen zu jeder Stunde gefechtsbereit sein!«

Darauf begab er sich in sein Quartier, in das man inzwischen den gefangenen Inka gebracht hatte. Halbnackt saß er da. Bei der Gefangennahme hatten ihm die spanischen Landsknechte sein kostbares Gewand vom Leibe gerissen. Pizarro ließ ihm einheimische Kleider bringen. Sodann setzte er sich zu ihm und versuchte ihm durch Felipillo Trost zuzusprechen. Der unglückliche Fürst verriet seinen seelischen Zustand nicht. »So ist das Kriegsglück!« soll er in meisterlicher Selbstbeherrschung gesagt haben.

An der Abendtafel erzählte er gelassen, man habe ihn von der Stunde der Landung an über das Tun und Treiben der Spanier unterrichtet. Ihre geringe Zahl trage die Schuld, daß er die Gefahr unterschätzt habe. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, sie allesamt beim Aufstieg zum Passe oder nach der Ankunft in Kaxamalka zu vernichten.

Atahuallpa, damals ungefähr dreißig Jahre alt, war gut gebaut und wohlbeleibt, kräftiger denn sonstwelcher Peruaner, mit schönem energischem Gesichtsausdruck und feurigen Augen, ungemein gemessen in seinen Bewegungen bei offizieller Gelegenheit, im vertraulichen Kreise lebhaft und gesprächig. Feierlich und ernst vor seinen Landsleuten, war er in der Folgezeit den Spaniern gegenüber höflich, gütig, unbefangen und gern heiter. Öfter äußerte er scherzhafte Einfälle. Alles in allem: er war Grandseigneur. Die Grausamkeit, die ihm die abendländischen Geschichtsschreiber nachzusagen pflegen, ist erdichtet oder übertrieben, um die barbarische Behandlung zu rechtfertigen, die er durch die Spanier erdulden mußte. Die Weltgeschichte ist immer nur eine Kette von Treubrüchen, Vergewaltigungen und Lügen. Atahuallpa war der gastlichen Einladung von Fremdlingen gefolgt, vertrauensvoll, ohne Waffen, ohne bewaffnete Begleitung. Jetzt saß er zwar am Tische Pizarros, aber als Gefangener durch Hinterlist und unritterlichen Überfall.

Am andern Morgen wurde die Stadt von den Toten gesäubert. Patrouillen durchstreiften das Vorfeld und das verlassene Zeltlager vor dem Tore. Ein Trupp von 60 Reitern ritt nach dem Warmbade. Auch das große Lager war verlassen. Der General Ruminjahuai, der Führer der im Lager zurückgebliebenen Truppen, deren Zahl vielleicht noch fünftausend betragen haben mag, war auf die Nachricht von der Gefangennahme des Inka merkwürdigerweise abmarschiert. Man kann sieh diese Maßnahme nur damit erklären, daß im Reiche Peru niemals etwas geschah und geschehen durfte ohne den bestimmten Allerhöchsten Befehl. Im Augenblick des unvoraussehbaren Geschehnisses stand die Staatsmasehine einfach still. Nirgends leistete man den geringsten Widerstand.

Die Beute der Spanier war geradezu riesenhaft. Man schleppte eine beträchtliche Zahl von Indianern und Indianerinnen zusammen; dazu eine große Menge Lamas, Gerät aus Gold und Silber, kostbare Stoffe und Edelsteine. Man zählte 80000 Pesos Gold, 7000 Mark Silber, 14 besonders große Smaragden.

Viele seiner Offiziere rieten dem Statthalter, alle Gefangenen abzuschlachten oder ihnen wenigstens die Hände abzuhauen. Pizarro wies dies ab. Er gestattete jedem Spanier, sich etliche Indianer und Indianerinnen als Sklaven auszuwählen. Die übrigen entließ er unter der Bedingung, sich unverzüglichst und friedlichst in ihre Heimatsorte zu begeben. Offenbar sagte er sich richtigerweise, daß weiteres Morden die gefährliche Lage der Spanier nur verschlimmern müsse. Auch in der Stadt fand man reiche Vorräte an wollenen und baumwollenen Stoffen in prächtigen Farben. Man hätte mehrere Schiffe damit befrachten können. An Lebensmitteln ward übergenug erbeutet. An manchem Tage schlachtete man bis zu hundertundfünfzig Lamas. Die Spanier wüsteten und verwüsteten sinnlos.

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