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Franciscéische Curiosa

Franz Gräffer: Franciscéische Curiosa - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleFranciscéische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1849
year1849
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleFranciscéische Curiosa
created20051112
sendergerd.bouillon
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General Lindenau.

noch einmahl, nachdem er schon im 1, 2. und 8. Theile von Gräffer's Wiener-Memoiretten (Letzterer Wiener-Tabletten) Seite 51, 68 und 297 berührt; vom Volke schlechtweg General genannt, wiewohl die vielen letzten Jahre Feldzeugmeister gewesen. Ein wahres Curiosum, eine der populärsten Figuren Wiens. Bey diesem Buche hier das Titelbildchen. Der Degen dürste noch ein wenig horizontaler, das Beinkleid noch etwas knapper, am Besatz einschneidender seyn; dieses Beinkleid nähmlich, von welchem so gar Mancherlei anzubringen wäre. – Die Vorderseite (das heißt des ganzen Mannes, der Figur an und für sich) biethet, was Costum und Haltung betrifft, noch Besonderes dar: die drosselnde Halsbinde; das ungeheure Jabot, breit und lang, herausquellend aus der stets offenen Weste, in der zuweilen die rechte Hand ruhte; die Kürze des Beinkleides, zwischen welchem und dem Gilet man fast das Hemd sah (wahrscheinlich keinen Hosenträger); am Uhrtäschchen an einem Schnürlein ein messingener Uhrschlüssel; die Uhr selbst alt und plump, bloß von Silber. Und dieß Beinkleid also gegen alle hofkriegsrathische Regel von Hirschleder, vom dicksten Hirschleder, daß es aussah wie Büffelhaut, grell gelb mit sogenannter Stritzelfarbe der Maurer angestrichen, und so eng anliegend als möglich, nur etwa einen halben Zoll bis unter die Kniescheibe reichend.

Eine Monographie dieses Beinkleides, eine Selbstbiographie dieser Hose würde Crebillonsches Interesse (Sopha &c.) haben. Indeß nur ein Anecdötlein, das nicht Crebillonisch ist. Der General wird zur Kaiserinn beschieden, und erscheint natürlich in der Hose, das heißt in der gelben Hirschhose im Vorzimmer. Eine Hofdame rügt dieses Etiquetteverbrechen; der General aber kalt, gemessen und höflich entgegnet: »Um Vergebung, ich konnte nicht wissen, daß Ihre Majestät mit meinem Beinkleid sprechen wollen.«

Diese gelbe Hose sprach aber dennoch selbst; den ganzen Tag hindurch von der frühen Morgenstunde an, bis oft spät nach der Theaterzeit machte diese gelbe Hose den plastischen Köchinnen, Einkäuferinnen, Milchmädchen, Gewaltdirnen und ordinären Nymphen die Cour, sey es auch nur plaudernd, schäckernd, witzelnd, meist aber rendezvousanknüpfend, und das eben so natürlich zum Ärgerniß der sogenannten Sicherheitswache, der Damen und selbst des Militärs. Nach und nach freylich wurde man diese Abnormitäten fast so gewohnt, daß sie kaum mehr auffielen. Ämtliche Collisionen gab es oft. Die gelbe Hose wurde einst zu wiederhohlten Mahlen einer Gemeingutdame wegen eingeladen, erschien auch, aber fluchend und mit der Erklärung ein für allemahl: »Was will man; sie ist ein ordinäres Mensch, es ist wahr, aber sie hat eine pompöse Figur.«

Zu eng wurde die Hose auch in der Campagne nicht. Bey dem unglücklichen Rückzuge 1809 fragte (wie erzählt wird) der erzherzogliche Prinz den General: »Was wird nun die Welt dazu sagen?« – Und der General antwortet in stoischer Ruhe. »Hoheit! Die Welt wird sagen, Sie sind ein junger Mensch, und ich bin ein alter Esel.«

Anecdoten galanter Art stünden ein paar Dutzend zu Diensten; allein in dem keuschen Deutschland, wo man in sexueller Hinsicht alles Mögliche thun, nur nichts darüber reden, vielweniger drucken darf (außer etwa in französischer Sprache, und das paßt hier nicht) müssen wir uns dieser Dienstleistung enthalten. Höchstens wird es angehen, oder vielmehr höchstens wird es erlaubt seyn, anzufragen, ob es gestattet sey, zu erzählen, daß der General bey seinen zärtlichen Unterhaltungen die Schöne in die eine, sich selbst in die Zimmerecke gegenüber zu stellen, und er die Katze, sie die Maus zu spielen pflegte. Und was derley Kindereyen mehr sind.

Eines oder Zwey übrigens können wir noch thun. Erstens den flüchtigen Lebensabriß unsers Helden aus jenem zweyten Theile der Wiener-Memoiren anfügen, und zweytens aus Lindenau's Testament einen Extract geben. Also:

General Lindenau war aus der Schule Friedrich des Großen in österreichische Dienste getreten. Diese Schule mit ihren tactischen Grundsätzen hatte er ganz in sein innerstes Wesen aufgenommen; sie war mit seinem ganzen Seyn und Wirken verwachsen. Er trennte sich von ihr nur mitunter und mit Schmerz. Des genialen Bülow Geist des neuern Kriegssystems und anderweitige neologische Militär-Schriften waren natürlich nicht nach seinem Geschmack. Inzwischen konnte, durfte er nicht umhin, sich mancherley Modificationen zu fügen. Wie Alles seiner Zeit war auch Friedrichs Schule einst die neueste, beste und bewährteste. 1789 hatte Lindenau seine beyden Werke: Über Winterpostirungen &c. und über die höhere preußische Tactik herausgegeben; 1789, in welch verhängnißvollem Jahre der Anfang gemacht ward, alsbald von Winterpostirungen so gut als nichts, und von der preußischen Tactik so wenig als möglich mehr wissen zu wollen.

Lindenau, als wissenschaftlicher Kopf, als Talent, als Schriftsteller, als Mann geistigen Umgangs machte sich bald bemerkbar genug. Der Feldmarschall Lascy faßte ihn auf, beschützte ihn, hob ihn. Lindenau stieg und stieg. Er glänzte in höhern Kreisen, genoß und benützte die Freundschaft des Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen, seinen ununterbrochenen Umgang bis einige Jahre vor dessen Tode. Lindenau's weltmännische Formen, seine Heiterkeit, Lebhaftigkeit, sein sogenannter Witz begünstigten sehr seine Laufbahn. Dieser Witz aber war eigentlich nur derbe Witzigkeit, oft höchst trivialer Art, oft brüsk und beleidigend. Die meisten seiner derley Einfälle sind nicht geeignet, aufbewahrt zu werden. Der Preuße befand sich sehr wohl in dem humanen, discreten, großmüthigen Dienste Österreichs, daher er zu sagen pflegte: Die österreichische Ungnade ist mir lieber als die preußische Gnade.

Zu seinen literarischen Freunden gehörten Ayrenhoff, Retzer, Leon, Bened, Arnstein. Für die Wiener war er, stets in Uniform, eine Stadtfigur.

Carl Friedrich von Lindenau war 1752 geboren, er starb den 14. Februar 1817 zu Wien als Feldzeugmeister, Theresien-Ritter und Inhaber des Infanterie-Regiments Nr. 29. Wie Friedrich II. erwartete er den Tod in voller Generals-Uniform mit Stiefel und Sporen, in stoischer Ruhe. Er war ein menschenfreundlicher Mann. Das beurkundet auch sein Testament, zu dessen Vollstrecker er seinen Freund, den Feldmarschall-Lieutenant Blum ernannt hatte.

Auszug aus dem Lindenau'schen Testamente.

»Mein Testament und letzter Wille von mir eigenhändig geschrieben, unterschrieben und besiegelt. – Wien den 15. August 1816.

Meine sämmtlichen Capitalien betragen 18762 fl. W. W. Sage Achtzehntausend siebenhundert zwey und sechzig Gulden W. W. Hierüber disponire und ordne also:

Dem Erziehungshause meines Regiments 4000 fl. W. W (sage viertausend Gulden W. W.)

Dem hiesigen Kloster der Elisabethinerinnen 4000 fl. W. W. (sage viertausend Gulden W. W.) Dem hiesigen Kloster der barmherzigen Brüder ebenfalls 4000 fl. W. W. (sage viertausend Gulden W. W.)

Den Armen der beyden protestantischen Gemeinden, der lutherischen und der reformierten Gemeinde 4000 fl. W. W. (sage viertausend Gulden W. W.)

Diese vier Vermächtnisse und Legate betragen zusammen 16000 fl. W W. (sage sechzehntausend Gulden W. W.)

Es verbleiben also noch von obiger Summe der 18762 fl. W. W. an zweytausend siebenhundert zwey und sechzig Gulden W. W, über welche ich in den folgenden Zeilen disponiren werde.

Da ich meine Pension zusammt der dermahligen Zulage gewöhnlich nur nach Verlauf von zwey Monathen erhebe, überdieß auch immer zu außerordentlichen Ausgaben, als zum Hauszins, zu Kleidungen und dergleichen vorräthiges Geld habe, wird man gemeinhin an zwey bis dreytausend Gulden auch noch mehr in W. W. oder Scheinen, bey mir finden, rechnet man hierzu die Zinsen von den obbenannten Capitalien, nebst der am 1. November fälligen Ordenspension zu vierhundert Gulden, so dürfte es wohl noch mehr, noch an viertausend Gulden betragen; diese Scheine liegen eingerollt in alten Planen und Landkarten vertheilt, in den beyden untersten Fächern der zwey Comoden meines Schlafzimmers.

An barem Gelde besitze ich dermahlen gegen 132 Ducaten (sage einhundert zwey und dreyßig Ducaten, worunter einige Louisdor, alles im Golde). Dieses Geld liegt auch in dem Fache des großen schwarzen Koffers, wo die fürstl. Schwarzenbergischen Obligationen sich befinden, und zwar im rothen Zimmer.

In eben diesem verborgenen Fache habe ich auch einiges Silberzeug verwahrt, zum Theil auch in einem Fache des Commode meines Schlafzimmers der Thüre gegenüber. Es sind zwölf starke Messer, Löffeln und Gabeln, dann ein großer und zwey kleine Vorleglöffel, und endlich zwölf Kaffehlöffeln. Das Gesammte dürfte wohl an dreyhundert Gulden Conv. Münze, oder nach gegenwärtigem Cours an achthundert Gulden W. W. werth seyn.

Noch besitze ich einen brillantenen Ring, ein Geschenk des Erzherzogs Johann kais. Hoheit, mit dessen Nahmenszuge, für diesen Ring haben mir hiesige Juweliere als Neuling und Wieser, mehrmahlen 800 fl. Conv. Münze und darüber gebothen, so nach jetzigem Course gewiß 2200 fl. W. W. (sage zweytausend zweyhundert Gulden W. W.) beträgt.

Ferner habe ich zwey Paar starke silberne Sporen und ein kleines Ordenskreuz im Knopfloche einzuschieben, dann zwey Lotterie-Loose auf die Güter Hlubasch und Pitschin, so alles zusammen in einem hölzernen Kästchen befindlich ist, welches im zweyten Fache der Comode an der Thüre meines Schlafzimmers stehet.

Noch befinden sich in dem großen schwarzen Koffer eine wenig getragene Gala-Uniform, eine goldbortirte Weste, eine fast neue Gala Generals-Schabrake, eine Obersten-Schabrake, und in einem Comoden-Fache ein Tressenhut und andere derley Gegenstände, zusammen genommen mögen wohl 300 fl. W. W. (sage dreyhundert Gulden W. W.) werth seyn.

Summirt man nun alle vorbemeldten Artikel, so dürften solche insgesammt betragen, die Summe von 11862 fl. W. W. Über diese Summe disponire ich also:

Erstens, daß man davon meine Begräbnißkosten jedoch so einfach als möglich bestreite, denn was nützen hier überflüssige Verschwendungen! Zweytens, daß man den Arzt oder die Ärzte, die mich vor meinem Absterben behandelten, Falls es nicht schon durch mich geschehen wäre, hiervon bezahle.

Eben so sollen auch die etwaigen Kleinigkeiten von Schulden davon abgetragen werden.

Was endlich von dieser Summe der 11862 fl. übrig bleibt, soll zu drey gleichen Theilen den Legaten und Capitalien zugeschlagen werden, so dem Kloster der barmherzigen Brüder, dann den barmherzigen Schwestern oder Elisabethinerinnen, und endlich den Armen der beyden protestantischen Gemeinden, der lutherischen und der reformirten Gemeinde vermacht habe, und zwar jeden viertausend fl. W. W. vorhero.

Nunmehr komme ich auf meine Dienerschaft u. s. w.

Im Nachtrag.

Endlich muß ich meines Hundes gedenken. Dieser soll dem Jakob, unter dessen Obhut er immer gewesen, zufallen; da der Hund als Pudel zu der leidlichen Art und Figur dieser Race gehört, so wird derselbe bald einen Herrn für ihn finden, indessen sollen ihm bis er diese Gelegenheit trifft, 30 fl. Kostgeld ausbezahlt werden. Da man hier in Wien die Quartiere auf ein halbes Jahr voraus bedingen muß, so habe ich auch das meinige noch nächsten Michaeli bis künftigen Georgi für 700 fl. W. W. gemiethet, worüber ebenfalls, im Falle ich, wie ich vermuthe, früher und vielleicht bald sterben sollte, mit der Witwe und Hausfrau, oder einem andern Miether ein Abfinden getroffen werden müßte.

An Planen, Landkarten, Schriften u. dgl. wird man nichts von Bedeutung bey mir finden, hiervon überzeugt, habe ich schon mehreren solchen Wust früher vertilgt.

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