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Franciscéische Curiosa

Franz Gräffer: Franciscéische Curiosa - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleFranciscéische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1849
year1849
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleFranciscéische Curiosa
created20051112
sendergerd.bouillon
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Des Kaisers Privatbibliothek und der Hofrath Young.

Kaiser Franz hatte schon als Knabe und Jüngling Neigung, Bücher zu sammeln; nahmentlich interessirte er sich stets für Botanik, in welcher Wissenschaft er, wie bekannt, sehr bewandert war. Er vervollständigte diesen Zweig, und vergrößerte seine Bibliothek überhaupt mit den kostbarsten Werken aus eigenen Mitteln, daß sie im Laufe der Jahre zu einem wahren grandiosen Curiosum anwuchs, auch in so fern sie Stücke enthält, Druckstücke nähmlich, von denen es nur 2 Exemplare gibt, oder gar nur eines; nicht zu erwähnen mancher andern Eigenheit, daß der Kaiser z. B. seinem Principe nach, manche Autoren oder gewisse Werke von ihnen ganz ausschloß, z. B. Voltaires Romane, dessen Pucelle &c. – Eine sehr exacte Übersicht dieser höchst merkwürdigen Büchersammlung hat der gewissenhaft genaue unverdrossen fleißige Buchdruckereyfactor F. H. Böckh in seinem Buche: »Wiens lebende Schriftsteller &c.« geliefert; hier folgt sie:

Die Bibliothek ist in einem schönen, zwey Stockwerke hohen, an die kaiserlichen Gemächer stoßenden Locale aufgestellt. In dem ersten, welches drey geräumige Säle und vier kleine Zimmer hat, sind die Bücher in zweckmäßiger Ordnung; in dem zweyten, aus zwey Sälen und einem Cabinete bestehenden Stockwerke ist die Kupferstichsammlung aufbewahrt. Die Bücher belaufen sich auf beyläufig 40,000 Bände, nebst vielen tausend Deductionen, Abhandlungen und anderen kleineren Schriften, und umfassen die auserlesensten und kostbarsten Werke aus allen Fächern der Wissenschaften. Am reichsten besetzt sind die Fächer der Philologie und der classischen Literatur, der Reisebeschreibungen, der Geschichte sammt ihren Hülfswissenschaften, der Naturgeschichte, insbesondere der Botanik, der Öconomie und Technologie, dann der schönen Wissenschaften und bildenden Künste; hierunter eine große Menge der vorzüglichsten und kostbarsten Pracht- und Kupferwerke, welche Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien hervor gebracht haben. Das Fach der Jurisprudenz erhielt vor kurzem einen ansehnlichen und schätzbaren Zuwachs durch den Ankauf der von dem seligen Reichshofrathe Peter Anton Freyherrn von Frank hinterlassenen Büchersammlung. Das theologische Fach zeichnet sich durch mehrere Bibeln in verschiedenen Sprachen aus, worunter auch die prachtvolle englische Bibel von Macklin. Alle typographischen Merkwürdigkeiten und Seltenheiten, welche die Bewunderung derjenigen auf sich ziehen, denen der Zutritt zu dieser Bibliothek gegönnt wird, hier anzuführen, gestattet der Raum nicht. Unter mehreren auf Pergament gedruckten Werken verdienen die folgenden einer besonderen Erwähnung, nähmlich: M. Cornelii Frontonis Opera inedita; invenit et illustravit Angelus Majus, Mediolani 1815; in  4. (Das einzige Exemplar, welches auf Pergament abgezogen worden ist.) – FlOre médicale par Fr. Pierre Chaumeton. Paris 1813–1820; »avec les peintures originales de Mr. Turpin et de Mme. Panckouke, les planches imprimées en bistre.« Von diesem Werke sind nur zwey Exemplare auf Pergament abgezogen worden. Das zweyte besitzt der König von Frankreich. – Lucani Pharsalia, curante Angelo Illycino. Vindobonae typis et impensis J. Degen, in Groß-Quart. – Magna Charta Regis Joannis. Londini apud Joannem Whittaker 1816. In Folio, ganz mit Gold gedruckt. – Unter den Producten aus den ersten Zeiten der Buchdruckerkunst, deren Anzahl sich auf mehr als 200 beläuft, und worunter viele von äußerster Seltenheit sind, sind merkwürdig: Dionis Chrysostomi Prusaci de Regno opusculum s. a. et l., sed 1469, in 4. min. – Ein schönes, vollständiges Exemplar des Tewrdank, beyde auf Pergament. – Auch besitzt die Bibliothek einige alte Manuscripte. Die sehenswürdigsten, auf Pergament geschrieben, zum Theile mit Miniaturen geziert, sind: ein sehr alter Liber Evangeliorum; Virgilii Aeneis; Juvenalis Satyre; Ovidii Metamorphosae; Senecae Tragoediae; T. Livii prima et secunda Decas de Bello punico, et de Bello macedonico Lib. X.; Cornelius Celsus de Medicina; Franchini Gafurii Laudensis Harmonia Instrumentalis; les Livres de J. Boccacc des nobles hommes et femmes infortunées, translaté de latin en français par Laurent de Premierfait, Clerc du dyocèse de Troyes. – Mehrere liturgische Werke, worunter das Breviarium Romanum ad usum Sereniss. Burgundiae Ducis Caroli Audacis; Joannis Gilemaus, Canonici Regularis S. Augustini et Subprioris in Rubra Valle juxta Bruxellam, Agyologium Brabantinum; Vovale Sanctorum Sanctilogium in acht dicken Folianten, von diesem im Jahre 1487 gestorbenen frommen Manne mit eigener Hand geschrieben. Diese drey Werke, welche nie gedruckt worden sind, benützten die Bollandisten in ihren Actis Sanctorum (V. Foppens Biblioth. Belg. Tom II. p. 647); Psalmen in Iberisch-Georgianischer Sprache und Schrift; – Fragmente von Psalmen, Evangelien, Lectionen aus Briefen des Apostels Paulus in Coptischer Sprache und Schrift, mit arabischen Aufschriften; – ein griechisches Anthologium; – ein persisches Gedicht des Abdelraman Ben Ahmed, genannt Molla Giami – Catena aurea etc. etc. – Unter den auf Papier geschriebenen Handschriften bemerkt man: Francisci Petrarchae de remediis utriusque Fortunae; – Jo. Longini Historiae polonicae Tomi III. in folio etc. etc. – Eine Zierde der Bibliothek sind auch drey Bände in Folio mit allerley Thieren, auf Pergament gemahlt von Georg Hoefnagel für Kaiser Rudolph den II. – Man trifft auch daselbst 35 chinesische Werke. Die Sammlung der Kupferstiche und Handzeichnungen besteht aus 950 großen Portefeuilles, wovon 700 lauter Porträte enthalten. Die Sammlung der einzelnen und auf Leinwand abgezogenen Landkarten und Pläne beläuft sich auf mehr als 3000, nebst 107 gebundenen Atlanten. Da diese Bibliothek bloß zum Privat Gebrauche Seiner Majestät dient, so ist sie zum öffentlichen Einlasse nicht bestimmt, und die Besichtigung derselben wird nur mit besonderer Allerhöchster Bewilligung gestattet.

So weit Böckh. Wir setzen nun noch Einiges hinzu. Lucans Pharsalia, von dem verdienten Philologen Grafen d'Elci edirt und auf dessen Kosten gedruckt, ist eine Spende desselben. Kaiser Maxens und Pfintzings Theuerdank ist in den beyden ersten Ausgaben (1517 und 19) da. Die Hauptmasse der Incunabeln, unter denen sich sehr viele durchaus unerhebliche befinden, war dem deutschen Ordensherrn Bar. Ulm vermutlich aus einer Art Discretion abgekauft worden. Bey der Annäherung des französischen Heeres 1809 war die Bibliothek dem Buchhändler Carl Schaumburg zur Aufbewahrung übergeben worden, welcher sie, in Kisten gepackt, im Erdgeschoße des Trienterhofes verbarg, und dafür mit einer kostbaren Dose belohnt wurde.

Viele Jahre war der nachmahlige Hofrath Pet. Thom. Young (von dem verlauten wollte, er sey ein Seitenverwandter einer hohen Person) Oberbibliothekar. Wir biethen hier eine aus echter Quelle geflossene biographische Notiz dieses Mannes, welche uns vor mehreren Jahren für ein größeres lexicalisches Werk (in welches sie auch aufgenommen) zugekommen war: »Peter Thomas Young, k. k. Hofrath, geh. Cabinetssecretär und Vorsteher der Privatbibliothek des Kaisers Franz, Schatzmeister des kaiserl. österr. Ordens der eisernen Krone, und Mitglied mehrerer gelehrten Gesellschaften, war am 28. Juny 1764 zu Livorno geboren, wo sein Vater, ein schottischer Edelmann, ansäßig war. Unter der väterlichen Leitung erhielt er die erste Erziehung. Hierauf bezog er die großherzogliche adelige Academie zu Pistoja, woselbst er schon die ihm stets eigene Geläufigkeit und Gewandtheit in der lateinischen Dichtkunst zeigte. Nach Vollendung der Studien im 18. Lebensjahre hatte Y. in seinem ersten literarischen Producte: De ignivomorum montium et terrae motuum natura effectibusque exinde profluentibus, Pistoja 1782, die Meinungen und Ansichten mehrerer Gelehrten, welche das Erdbeben und die vulcanischen Ausbrüche von einem Centralfeuer und der electrischen Wirkung desselben herleiten wollten, bestritten. Dann wurde Y. an den großherzoglich toscanischen Hof berufen, wo er in das öffentliche Geschäftsleben eintrat. Als der Großherzog Leopold nach dem Tode Kaiser Joseph II. die Regierung aller österr. Erbstaaten übernahm, war Y. unter Jenen, welche den Monarchen in die neue Residenz begleiteten. Nach dem Tode Leopold's II. erkannte Kaiser Franz Y's Talente, und bestätigte ihn in der Stelle, welche er bis jetzt im geh. Cabinete bekleidete, ernannte ihn in der Folge zum geheimen Cabinetssecretär, dann zum Vorsteher der kaiserl. Privatbibliothek, Hofrath und endlich zum Schatzmeister des kaiserl. Ordens der eisernen Krone. Als Vorsteher der Privatbibliothek des Kaisers bewies er viele Kenntnisse in der ihm anvertrauten Leitung und Umsicht in der Anwendung der zur Emporbringung der Bibliothek bestimmten Dotation. Die Ordnung, in welcher Y. die verschiedenen Werke aufstellte, und die Verzeichnisse, die er nach einem von ihm selbst entworfenen technisch-wissenschaftlichen Systeme abfaßte, erhoben seine Verdienste um jene Anstalt noch mehr. Über die unter ihm angeschafften Incunabeln verfaßte Y. vier Cataloge. Er hatte eine sehr gelungene italienische Übersetzung von Wieland's Oberon geliefert und mit bewunderungswürdiger Reinheit, Flüssigkeit und Gewandtheit der Sprache des Palingenius: Zodiacus vitae, im einsylbigen italienischen Versmasse übersetzt. Seine Emsigkeit kannte keine Gränzen; der unermüdliche Bibliograph erreichte das Alter von 64 Jahren und starb den 14. Februar 1829.«

Hofrath Young war ein äußerst urbaner, höflicher, zuvorkommender und liebenswürdiger Mann, nebstbey gesagt, auch ein schöner anmuthiger Mann. Seine Berufspflichten ließ er sich mit der größten Gewissenhaftigkeit, mit dem regsten Eifer, dem unermüdlichsten Fleiße und einer wirklich außerordentlichen Pünktlichkeit, die fast an Kleinlichkeit gränzte, angelegen seyn. Hie und da ging er auch critisch ein, wie er denn z. B. vom Theuerdank eine Liste der Varianten anlegte und daraus auf viel mehr Editionen schloß, als deren existiren, übersehend, daß Kaiser Max von der ersten Ausgabe einzelne Blätter hatte umdrucken lassen. Young's Oberon gelangte nicht zum Drucke; noch weniger konnte, oder vielmehr durfte dieß bey seinem ketzerischen Palingenius der Fall seyn. Seit den Märztagen stünde nun nichts mehr im Wege. Das Manuscript ist, im Besitz der Erben, noch vorhanden.

Die Privatbibliothek Kaiser Franzens ging als solche an Seine Majestät den Kaiser Ferdinand über. Damahls hielt es nicht so leicht, daß ein Schriftsteller oder Herausgeber eines Buches dasselbe zur Annahme des Kaisers für dessen Bibliothek bringen konnte. Es mußte wohl eigens darüber referirt werden, und nur in manchen Fällen erfolgte auch eine materielle Würdigung. In diesem Anbetracht ist seitdem ein total erfreulicher Unterschied eingetreten, und zwar durch die allbekannte und wirklich so wie aus den triftigsten Gründen auch allverehrte Humanität und Literaturliebe des Herrn Oberstkämmerers, eines Mannes, der seinen edlen Eifer für Wissenschaft und Kunst und seine warme Berücksichtigung der Schriftsteller und Künstler als echter Mäcen durch unzählige Thatsachen bewährt hat. Es unterliegt nicht nur keinen Schwierigkeiten mehr, irgend ein literarisches Product für Seine Majestät den Kaiser und dessen Privatbibliothek anzubringen, sondern es erfolgt auch größtenteils eine besondere Anerkennung. Selbe besteht häufig in Verleihung der goldenen Medaille mit der Devise: De literis merito, oder in jener: Literis et Artibus, Beyde von Kaiser Ferdinand und wohl gleichfalls auf Anregung jenes Herrn Oberstkämmerers gegründet, welch' Letzterer sich auch, nebenher erwähnt, durch seine Stiftung einer Denkmünze auf unsern großen Numismatiker Eckhel selbst verewigt hat.

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