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Franciscéische Curiosa

Franz Gräffer: Franciscéische Curiosa - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleFranciscéische Curiosa
authorFranz Gräffer
firstpub1849
year1849
publisherIgnaz Klang
addressWien
titleFranciscéische Curiosa
created20051112
sendergerd.bouillon
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Kolbielsky, der geniale, vielkundige und vielseitige Abenteurer.

»Wenn von österreichischen Memoires und geheimen Geschichtsquellen die Rede ist, so darf ein kecker Abenteurer nicht mit Stillschweigen übergangen werden, der von der zweyten Theilung Polens bis zur Vermählung Marien Louisens eine nicht minder einflußreiche und fast unglaubliche Rolle gespielt hat, als in andern Kreisen und Beziehungen der ihm geistesverwandte Casanova

Mit diesen wohlbegründet spannenden Worten beginnt einer der gelehrtesten, geistreichsten und fruchtbarsten Geschichtforscher und Historiographen Deutschlands die Lebensskizze des Polen Kolbielsky, eines der merkwürdigsten Männer der Neuzeit und von ganz eigenem Interesse für Österreich, insbesondere aber rücksichtlich der Periode des Kaisers Franz wie nicht minder der Person dieses Monarchen selbst. Gleichwohl wird man so gut als vergebens die vielerley geschichtlichen oder biographischen Wörterbücher nachschlagen, und man muß daher dem Herrn Verfasser jenes lebensfrischen Umrisses warmen Dank zollen. Aus dem eben angeführten Grunde wird es wohl auch zu rechtfertigen seyn, wenn wir jenes köstliche Medaillon für unsre vorliegende Sammlung entlehnen, um es auch in unsrem Leserkreise zur Kenntniß zu bringen, da jenes umfangreiche Werk (Anemonen; von Freyh. v. Hormayr, ein unendlich reicher Schatz, politisch, publicistisch, historisch, anecdotisch &c.; ein Buch, das trotz seiner entschiedenen Werthhältigkeit und Wichtigkeit aus guten Gründen viele Gegner haben muß) dem großen Publicum nicht leicht zugänglich ist. In einem seiner frühern Werke gibt der Herr Verfasser einige vorläufige Notizen über unsern Helden, und bemerkt dabey: »Seine reichhaltigen Memoires existiren in mehreren Abschriften.« – Der Sammler und Redacteur gegenwärtiger Blätter hatte vor Jahren von einem Freunde eine dieser Copien in 3 Quartbänden zur Durchsicht erhalten. Dieser Freund (v. M–z) ist heimgegangen; das Manuscript der Himmel weiß wo. Sehr zu wünschen wäre, daß einer der allerdings wenigen Besitzer dieser Kolbielsky'schen Denkwürdigkeiten die Herausgabe derselben veranlasse. So viel wir uns erinnern können, spielte Kolbielsky auch hie und da den Philanthropen und Cosmopoliten, so wie rücksichtlich des Projects eines ewigen Friedens auf Erden den Anhänger Heinrichs IV., St. Pierres, Kants &c. Doch . . . schweigen wir, und lassen wir den Meister sprechen!

»Es war dieses Carl Friedrich Glave Kolbielsky, geboren 1750, jüngerer Sohn eines wenig bemittelten masurischen Edelmannes. – Zeuge der ersten Zerstückelung seines polnischen Vaterlandes (1773), nährte er einen glühenden Haß gegen den preußischen Namen. Äußerungen und Umtriebe dieses Sinnes sollen ihm schon in der Jugend eine kurze Festungshaft in Colberg zugezogen haben? Sie war bey des großen Friedrich türkischen Justizideen nicht auffallend, daher auch bald vergessen. Kolbielsky diente nach einander mittel- und unmittelbar allen Factionen Polens, nur den preußischen und russischen Interessen ist er zu keiner Zeit, wohl aber jenen Österreichs dienstbar gewesen, und der Sinnesart jetzt der Kolontay's, jetzt der Potocki's, jetzt der Czartorisky's und Poniatowsky's gefolgt. – Während des letzten Türkenkrieges (1788–1790), und der Wirren um die Grodnoer Constitution (1791) und der zweyten Theilung arbeitete er im Cabinet des Königs Stanislaus August Poniatowsky und gerieth schon früh in Verhältnisse mit Thugut. Wie dieser von Paris, wo er Marien Antoinetten mit Rathschlägen zur Contrerevolution unterstützen sollte, den Geheimschreiber Mirabeau's, Pellene, mit nach Wien brachte, von wo dieser erst 1810 an die Seine zurückkehrte, zogen auch seine Verwicklungen in Polen, Kolbielsky nach Wien und ins Hauptquartier der Rheinarmee. Kolbielsky hatte gegen Stackelberg und gegen Lucchesini, vorzüglich aus persönlichem Hasse gegen Letzteren, ausgezeichnete Dienste geleistet. Er hatte über das ungarische Comité zu Berlin Winke gegeben, die mit dem Martinovits-Hainoczyschen Hochverrathsproceß und mit mehreren andern, keineswegs unbedenklichen Verwicklungen im seltsamsten Einklange standen. Selbst mit Martinovits, selbst mit Leopolds II. Cabinetsspion, Szvétis, war Kolbielsky in Verbindung gewesen. Sein Gegner, früher sein Freund, Hugo Kolontay, selber warnte ihn zuletzt, schnell zu gehen, und bedeutete ihm, er werde jetzt in Wien der guten Sache weit nützlicher seyn können?? So sah man denn plötzlich den geheimnißvollen Fremden in Wien. Er verschwand aber bald und erschien wieder am Rhein im Hauptquartier des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, begünstigt von dessen Adjutanten, General Seckendorf, von dem hoffnungsreichen Grafen Max Plunkett, vorzüglich von dem (wie es schien, mehr als irgend Einer zum Premierminister Österreichs berufenen) Grafen, nachmahls Fürsten Franz Dietrichstein. – Der betrügerische Subsidienvertrag mit England, Preußens unrühmliche Politik in polnischen und deutschen Angelegenheiten, seine Separatunterhandlung, der Baseler Friede, die Neutralitäts- und Demarcationslinie, die geheimen Entschädigungsverträge für Preußen und Oranien waren nach einander der Gegenstand seiner kräftigsten leidenschaftlichen Ausfälle. – Dieß gewann ihm einen warmen Bewunderer an dem edlen und gelehrten Reichsreferendar, Baron Frank. –

Kolbielsky war klein und elegant von Statur, von unverwüstlicher Gesundheit bis in sein achtzigjähriges Alter, trotz unausgesetzter Arbeit, trotz wilder Leidenschaftlichkeit in allen, auch in den geringsten Dingen, und trotz großer Verluste und Unglücksfälle. Seine Lebensart war mäßig, seine priapeische Virtuosität berühmt und dankbar anerkannt. Die Protection des Herrn vom Hause suchte er meist durch die Liebschaft mit der gebietenden Dame des Hauses zu verkitten. Seine Manieren waren die der guten Gesellschaft, etwa die unangenehme Hastigkeit in Bewegungen und Reden abgerechnet und die maßlose Eitelkeit, mit der er in gleicher Zuversicht die Finanzen oder einen Schraubstock zerlegte, den Staat oder eine Uhr zurecht richtete, und noch als Greis unwiderstehlich für alle Damen zu seyn, fest überzeugt war. – Die vage Wildheit im Blick, der Grimm in den Mundwinkeln, der schwarzgallige Teint, die ersten unbewachten Äußerungen, zeigten alsbald den Mann, der weder Tugend noch Laster kenne, sondern nur Mittel. In der That erzählte man von ihm in Wien (mit Grund oder Ungrund) ein Vademecum sinnreicher Betrügereyen. Wie Viele seines Gleichen, diente er stets der geheimen Polizey, war aber auch von ihr unaufhörlich bewacht. Er hatte manche Vorzüge und alle Fehler des polnischen Nationalcharacters.

Kolbielsky hatte ein abschweifendes Gedächtniß und mathematisches Talent. Die großartigsten Berechnungen, die verwickeltsten Probleme waren ihm ein Spiel. Er brachte aber auch aus den sciences exactes allen Eigensinn, alle Infallibilitätswuth, alle Beschränktheit mit in die Verwaltung und in die Politik hinüber im Dünkel eines universellen Genies. Einer durch und durch edeln Natur wie Stadion war dieser Mensch unausstehlich, er wollte ihn nie sprechen, aber der Kaiser Franz sah ihn oft, meist Frühmorgens nach der Messe. Er ließ sich von Kolbielsky über alle Finanz- und politischen Gegenstände Memoires ausarbeiten, die er aber fast jedesmahl den Ministern, gegen die sie gerichtet waren, öfters wie durch Verstoß ohne eine Zeile dazu, übersendete. – Es läßt sich denken, welchen Haß, welche Rache Kolbielsky dadurch auf sich gezogen habe? Seine Unklugheit und Unverschämtheit waren nicht geringer als sein scharfer Feuergeist, als seine ausgebreiteten Kenntnisse, als seine an mehreren wichtigen Höfen, in mehreren Hauptquartieren, Cabinetten und Ministerien, Clubbs und Orgien gesammelten Erfahrungen.

Im Bonapartehaß war Kolbielsky (schon 1802 mit Armfeld und d'Antraigues verbunden) sich immer gleich und auf seine Weise ehrlich. Es ist auch keine Spur, daß man dort je versucht hätte ihn zu gewinnen. – Es läßt sich denken, wie gefährlich der verwegene, vor nichts erschreckende, seinen mathematischen Calculs wie der Providenz vertrauende Kolbielsky in der Hand eines gemüthlichen, talent- und kenntnißreichen Staatsdilettanten und Finanz-Feuerwerkers war, wie der muntere Staatsrath Matthias von Faßbender, der Gärtner so vieler Reformpilze und optimistischer Glashausbeete?? Doch Kolbielsky wurde dieser regenverkündenden Aurora bald ungetreu, sich dem Franz Colloredisch-Cobenzlisch- und Collenbachischen Eulenschrey zuwendend. – Auch war bereits in der hohen Polizey Summeraus schwäbische Wassermelone und des klugen Ley Faßbenderische Affinität und Consanguinität außer Cours gesetzt durch den in den böhmischen Bädern gehörig gewaschenen, gewandten Philipp von Stahl, der, nachdem ihn Cobenzl in Petersburg weggeschickt hatte, nichts zweckmäßiger fand, als eine Kammerfrau der Kaiserinn zu ehelichen und in dem äußerst raschen Trauungssegen des Burgpfarrers Aloys Langenau das Schwungbrett des Emporkommens zu finden. Sehr geringen Dank erntete jedoch seine Wohlthäterinn, die Kaiserinn Theresia, die 1804/1805 der Kriegspartey gewaltig im Wege stand. – Man muß es Kolbielsky nachrühmen, daß diese Kniffe und jene gegen den Erzherzog Carl ihn nie zum Mitschuldigen hatten. Er fiel wenigstens ehrlich in jenem ruhmvollen, wenn auch unglücklichen Kampfe von 1809 für den ganzen, armen Überrest seines brausenden und schäumenden Lebens. –

Er blieb in Wien, inmitten der Feinde, und wurde der Mittelpunct nicht nur der Umtriebe, welche die österreichische Polizey von Ofen nach Neuhäusel aus in Wien und in den vom Feinde besetzten Provinzen spann. Er that auch den gleichen, aber besser bezahlten Dienst für Bathurst und Bardaxi, die Bevollmächtigten Englands und der spanischen Corres. – Durch rasche und planmäßige Unterstützung Tirols gleich nach der Schlacht von Aspern konnte diese, Deutschland, Italien und die Schweiz trennende Diversion den großartigsten Character erhalten und Napoleon zu den schwächendsten Detachirungen zwingen. Kolbielsky war sehr eifrig dafür – trotz der heiligsten Versprechungen geschah aber bis zum Waffenstillstande gar nichts. – Auch die kurze Besetzung Nürnbergs, Bayreuths, Leipzigs und Dresdens war ohne jegliches Gewicht; – es hieß: »Alles müsse im Marchfelde entschieden werden, alle hors d'oeuvre nützten nichts.« – So that man nichts in Flanken und Rücken, aber auf dem Hauptpunct auch nichts, – das zeigten die so viel besprochenen, unüberwindlichen Verschanzungen, und daß man Napoleon, um ihn desto besser zu verfolgen, mit aller Übermacht ruhig herüberließ, statt ihn im Detail zu schlagen, als wenn der Möglichkeit des Verfolgens nicht zuerst die Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeit des Schlagens vorausgehen müßte?? Der auf vierzehn Tage geschlossene Waffenstillstand wurde durch ein Vierteljahr verlängert, bis die Armee in den Sümpfen Ungarns nahe an 60,000 Kranke zählte, und eine Niederlage und ein Rückzug den Verlust alles Geschützes und Materials und die Einschiffung des Kaisers Franz nach England nach sich gezogen haben würde, für welche, so wie für die Fortschiffung des Privatschatzes, in Fiume die Anstalten durch Barbier getroffen waren.

Die Kriegsleute waren in Totis die allerfriedfertigsten. – Staatsrath Baldacci, bekanntlich sehr gern im Rücken wirkend, mit dem bald verabschiedeten Stadion, mit den Generalen Bubna und Koller, der Einzige, der noch den Kopf völlig beysammen hatte, träumte nichts als von Insurrectionen und Guerillas im Rücken der Franzosen; ganz recht, wenn man nur die Menschen zur Ausführung gehabt hätte, wenn die Emissärs sich nicht ungeschickt benommen hätten, daß der Feind sie aus ennui und Mitleid beim Kopfe nahm, und warum geschah denn gar nichts im Juny und July, als Tyrol noch mächtig und von Constanz bis Laibach Alles aufständisch war?? –

Kolbielsky war zwischen allen diesen Netzen. Er glaubte recht viele Guineen verdienen und wieder verschwenden zu können, überdieß war ihm die Intrigue kein Mittel, sie war ihm Hauptzweck alles Lebens.

In der siegreichen französischen Armee waren gleichwohl nicht geringe Keime ihrer Auflösung oder vielmehr der Ausstoßung Napoleons vorhanden. Sie waren zum Erstaunen herangereift und im bewunderungswerthen Geheimniß erhalten. Schon während seines Marsches von Madrid auf Corunna hatte ein wohlüberlegter Plan aufgezuckt, ihn zu stehlen und in die Hände der Engländer zu liefern. In der Armee selbst bestanden drey bis vier geheime Gesellschaften zu seinem Untergang, nicht mit thörichten Projecten der Absetzung und philosophischen Quiescirung, sondern ganz practisch mit seiner Auslieferung oder Ermordung beschäftigt. Dreymahl hat Kolbielsky Oudet gesprochen, der von ganz anderem Character war, als Moreau, und bey Wagram gewiß durch keine österreichische Kugel fiel.

Die Schlacht von Aspern, – das Einsperren der Munition, der Verwundeten und einer Kerntruppe auf der Insel Lobau, hatte schon in jenen Tagen unter manchen der höchsten Führer die Idee gereift, Napoleon zur Abdankung zu zwingen, Eugen als Kaiser auszurufen und der Welt den Frieden zu verkündigen. – Andere, wohl die einzig zweckmäßigen Nuancen, wollten seine Entführung und Auslieferung an die Engländer in Fiume. Bathurst in Ofen konnte zwey Millionen zur augenblicklichen Disposition stellen. – Napoleon's Jugendfreund, Mitschüler und Vertrauter Bourrienne, steckte mehr oder weniger hinter allen gewaltthätigen Entwürfen gegen ihn. Fouché und Talleyrand erblickten Beyde ganz richtig im spanischen Kriege den Mühlstein an Napoleons HalsFouché nahm sich gegen die 1808 vor und nach der Bayonner Consulta in Paris befindlichen spanischen Großen, namentlich vor Infantado, San Carlos, Castelfranco, Escoiquiz &c. so wenig als Talleyrand ein Blatt vor den Mund, selbst in Gegenwart des bey Beyden in ganz besonderer Achtung stehenden Grafen Metternich! –, und Ersterer stack gleichfalls hinter allen jenen Armee-Conspirationen. Er war Bernadotte vertraut. Befangene Boten der ersten Bestürzung hatten ihm Napoleons Verlegenheit nach den zwey Pfingsttagen von Aspern übertrieben hinterbracht. Er dachte sogleich wie später im August nach der brittischen Landung, auf allgemeine Bewaffnung der Nationalgarde. Seine Äußerung an einen geheimen Boten, eben jenes Fürsten von Ponte Corvo, nach dem Tage von Wagram lautete laconisch genug: – Comment revenir nous demander quelque chose, quand vous auriez déjà dû avoir tout accompli, à vous seuls!? On le fourre dans un sac (Napoleon), on le noye dans le Danube – et puis tout s'arrange facilement et partout. – Ein französischer Oberster der Armeepolizey war in alle diese Dinge verwickelt und gab Unterpfänder seiner Aufrichtigkeit. – Oberst Mériage, der allmächtige Adjutant des ehemahligen Bothschafters, jetzigen Generalgouverneurs in Wien, Andreossy, war gewonnen, ebenso der beym Platzcommando vielvermögende Oberstlieutenant Schweitzer. Es geschahen kaum glaubliche Unvorsichtigkeiten im Übermuth der Sicherheit und des eigenen Einflusses und Zutrauens. – Gueniard, Mériage's Vertrauter, und mehrere subalterne Officiere wurden auf der Schmelz bey Schönbrunn erschossen. Ein drohender und doch geheimthuender, düsterer Aufruf hierüber erging an die Armee, und auch der Mordversuch des muthigen Schwärmers Friedrich Staps aus Naumburg, den Tag vor Unterzeichnung des Friedens mißglückte nur, weil er aus Ungarn herauf, schon sieben Tage früher, Napoleon verrathen war. Von dieser Stunde an war Savary eingeschärft, Bathurst müsse verschwinden.

Im Hauptquartier des Kaisers Franz, in Totis, dessen erhabene Gemahlinn Ludovica schwer kränkelte, zumahl seit dem Ableben ihres durchlauchtigsten Herrn Bruders, des Primas, befehdeten sich indessen mit der größten Erbitterung eine Widerstands- und eine Unterwerfungspartey. – Bey zwey in unrühmlichen Processen befangen gewesenen Officieren in Wien, Grafen K**** und C***, zeither Polizey-Mouchards, war indessen Compromittirendes vorgekommen. K**** wurde von den Franzosen in seiner Wohnung im rothen Hause verhaftet. Er mußte die Execution auf der Schmelz mit ansehen, seine Papiere compromittirten einen Haushofmeister Kugler und einen Commissär Kraus. Unter beyden Nahmen aber steckte Kolbielsky. Allein jener Oberst der französischen Armeepolizey half ihm durch nach Preßburg und am Ende war große Klage darüber, daß »die dummen Sachsen in Preßburg« den Bösewicht Kraus hätten entschlüpfen lassen.

Kolbielsky sah nun in Totis den Kaiser Franz. – Er sah täglich den mit der Armeepolizey beauftragten feinen General Koller und den häufig nach Schönbrunn zu Napoleon gehenden Bubna.– Ihnen offenbarte Kolbielsky, was er vom Treiben einer Partey, die Napoleon los seyn wollte, im französischen Heere erfahren, aber auch, was er von einer schmählichen, aber ohnmächtigen Clique entdeckt, die trotz der allgemeinen, patriotischen Begeisterung, den Franzosen alle Schwächen der Armee verrieth, die ihnen Olmütz in die Hände spielen möchte, um den Kaiser zum Frieden um jeden Preis zu zwingen. – Der Fürst Johann Liechtenstein avouirte noch 1824–1827 die Thatsachen gegen bekannte Patrioten, daß Champagny ihm einmahl, wie in einem Anfall von Vertraulichkeit, Napoleon's Absicht zur Scheidung und Wiederverheirathung, wenn auch nur fern und allgemein angedeutet habe. –

Bey Kolbielsky's erster Ankunft in Totis trugen die Vaterlandsfreunde das Haupt noch ziemlich hoch. Der Kaiser war voll Fragen über die »Verräther,« – »wegen Olmütz« &c. Kolbielsky kam gerade von Wien und hatte die, Napoleon's baldigen Untergang aus seiner eigenen Unersättlichkeit und Schwäche weissagenden Franzosen ungehindert gesehen. Er hatte nichts vernommen von Compromittirung Bubna's oder des (mit der Auswechslung der Gefangenen beauftragten, zugleich aber in Alles eingeweihten) Generals Leopold von Rothkirch. Zum zweyten Mahle nach Totis kommend, fragte der Kaiser nicht eine Sylbe mehr nach den »Verräthern«; Kolbielsky fand Baldacci in Verzweiflung, Stadion auf dem Abgehen nach Prag, – Koller und Bubna in augenblicklicher halber Ungnade, – Letzterer war zur Übergabe der Inseln des Quarner ernannt – »um der verdienten Ahndung zu entgehen!!« – Fiel denn nicht auf den Herrlichen, auch nachdem er 1821 Oberitalien gerettet und beruhigt, giftige Verleumdung? Freylich aus welcher Quelle? –

Doch die antibonapartische Partey verlor noch immer den Muth nicht; – Graf Münster war ihr ein treuer Dolmetsch in England, – Graf Ferdinand Waldstein ein rastloser Agent, ebenso fest und thätig Gneisenau, Blücher, Chazot, Grolmann &c. unter den Preußen. – Was sich 1809 unter Österreichs Fahnen geflüchtet, ging jetzt nach England und Spanien. – Über Malta wurde ein ordentlicher Verkehr eingeleitet, Walmoden und Nugent sollten, Jeder in seiner Art, die Verbindung mit England beleben. Der Erzherzog Franz dachte ernstlich an eine dereinstige Verbindung mit der Tochter seiner Schwester, der Königinn von Sardinien; an bewaffnete Unternehmungen von Lissa und von Sicilien aus mit englischen Streitkräften. Die geheimen Artikel schrieben Österreich eine starke Verminderung seiner Streitkräfte vor. Es sollte den Kern seiner Officiere, die Wallonen, die Italiener, die Rheinbündner, kurz alle der Gleba »des großen Reichs« Angehörige von seinen Fahnen entfernen. Große Lieferungen von Kriegsvorräthen nach Cadix und in den Tajo wurden festgesetzt zwischen dem »Baron Mondenfels« (Kolbielsky) und zwischen dem scheidenden Badaxi und Bathurst, den Kolbielsky vergebens warnte und fast auf den Knien beschwor, nicht nach dem Norden (wo ihn bald Savary's Verfolger einholten und ihn in jenen märkischen See stürzten), sondern über Constantinopel zu gehen. – In dieser Zeit der Noth, des Zwangs- und Fremdlingsjoches sollte eine doppelte Politik, ein (mit dem Polizey- und Kundschaftswesen enge vereinigtes) doppeltes Cabinet, seyn, ein sichtbares und ein unsichtbares.

Kolbielsky's Stellung mußte durch alles dieses stündlich gefährlicher werden. Auf Dornen und Scherben stolperte er aber blind und keck längs des Abgrundes hin. Er gab Blößen die Hülle und die Fülle! – Der Kaiser verlangte sein Gutachten über des Finanzministers, Grafen Odonel (der 1794/1795 als Armeecommissär in den Niederlanden untersucht worden war) – auf geistliches Gut! – neu projectirtes Rosenwasser gegen die Krebsschäden der Finanzen. – Kolbielsky ergoß sich darüber aufs Leidenschaftlichste und leider! mit vielfachem Grunde.

Noch am Vormittage des für den ganzen Überrest seines Lebens entscheidenden Tages wurde Kolbielsky herzlich und ernstlich gewarnt, wie er meinte, durch den edelmüthigen Erzherzog Rainer, Stellvertreter des Kaisers im Innern, und durch seinen alten Gönner, den Fürsten Franz Dietrichstein. – Des späten Abends am 26. März 1810 verhaftete ihn in seiner Wohnung der Obercommissär Göhausen. Lange saß Kolbielsky im Wiener Polizeyhaus in der Krebsgasse, au grand secret. Von irgend einer Ursache, Nachfrage, Gehör, Untersuchung, Urtheil war nie eine Frage. – Teilnehmenden Freunden gab man leise und ängstlich zu verstehen, er sey Mitwisser kecker Anschläge auf das geheiligte Leben des gesalbten kaiserlichen Schwiegersohnes gewesen. Wer es daher gut mit ihm meine, solle vor Allem sein »gänzliches Vergessen und Verschwinden« befördern. – Nach geraumer Zeit kam Kolbielsky in die ungarische Festung Leopoldstadt an der Waag, hatte sein gutes Auskommen, schrieb ungestört seine Memoires und besuchte die edelsten Familien der Umgegend in Begleitung eines Officiers, den Grafen Erdödy in Freystadtl, Mednyánsky in Veszele, Záy in Bucsan &c. – Man konnte sich ungestört mit ihm unterhalten. Er brachte seine Manuscripte mit. Man konnte sie lesen und ausziehen, und das geschah auch fleißig. – Was in Kolbielsky's Memoires wahr und lesenswerth ist, das wird unverkümmert zur allgemeinen Kenntniß gelangen. Ihre Mäßigung ist bewundernswerth. –

Es ist erfreulich, wie zwey unter sich höchst verschiedene Unglückliche im wohlwollenden und gemüthreichen Österreich die regste Theilnahme auf sich zogen, Mack und Kolbielsky!? Wir wollen etwa nicht den ehrlichen, edeln, liebenswerthen, nur zu biegsamen Mack mit Kolbielsky vergleichen. – Aber als Mack, dessen Rathschläge Europa's Monarchen suchten und ehrten, den 1794 in England Kanonendonner empfing, processirt, aller Ehren und Würden, selbst des Theresienkreuzes beraubt, in elender Gesundheit, in St. Pölten lebte, in seinem Gärtchen so eifrig als der letzte Taglöhner umgrub und manchmahl zum Vergnügen ein Bündelchen Reisig aus dem nahen Holz nach Hause trug, war er dort herzlich geliebt, und die halbe Garnison jeden Sonntag nach der Parade bey ihm, wie zur Cour beym Commandirenden. Welche Ehrensäule für die österreichische Gemütlichkeit!? Mack's Zögling, der edle Carl Schwarzenberg, der auf dem Leipziger Siegesboden seiner zuerst mit Bitte beym Kaiser gedachte, ja der hochgesinnte Erzherzog Carl ging fast nie durch St. Pölten, ohne Mack auf's Teilnehmendste zu sprechen. – Freylich war Mack orthodox und correkt. Er konnte vergessen, daß in Ulm ein Dutzend anderer Generale weit Ärgeres verdient hätten, da sie weder verstanden zu gehorchen, noch auch ihn, wenn er wirklich geistesverwirrt war, und Verderbliches wollte, nach den Kriegsartikeln zu verhaften und dem Ältesten den Oberbefehl zu übertragen. – Mack, der treueste Freund, uneigennützig, heiter, hatte, wie gesagt, zu seinem Glück eine tüchtige Portion Servilism. Er konnte sich beugen und winden, – Gnade für Recht begehren, – er verstand die Verbesserung des Glückes durch das klassische: injurias ferendo et gratias agendo. – Gentz schildert Mack unvergleichlich.

Kolbielsky dagegen war hartnäckig, unglaublich leichtsinnig und unglaublich eitel. Noch in seiner Haft schrieb er Dinge an den Kaiser, die nothwendig seine Feinde nur erbittern mußten, und disponirte über die Haut des noch frisch im Walde umherlaufenden Bären, über die Entschädigungssumme, die er bey seiner Befreyung und Wiedereinsetzung erhalten würde. Er meinte noch als ein Siebziger auf die jüngsten Damen Eindruck zu machen, und demonstrirte den Platzofficieren und den Besuchern seinen Rang eines wirklichen geheimen Rathes als ehemahliger Cabinetssecretär des Königs Stanislaus.

Auch als Gefangener durch beynahe 20 Jahre blieb er so reizbar, satyrisch und zornmüthig, als bisher. Seine Behandlung war nicht immer so milde gewesen, als der Kaiser wohl gewollt, doch hatten Frau und Tochter ungehinderten Zutritt zu ihm. Die Frau wurde bald unschädlich, indem die Naderer ihr Verhältniß zum Wirthschaftsrath eines gräflichen Hauses deshalb begünstigten. Aber durch die Tochter erfuhr der Monarch Manches, was den Blaumeisen empfindliche Nasen drehte, ohne daß ihnen gleich klar wurde woher der Streich komme? Als sie es endlich gemerkt, packten sie das Mädchen in eine Postchaise, der Vertraute fuhr mit ihr geradeswegs nach Regensburg in den Gasthof zum Engel und war in ein paar Stunden plötzlich verschwunden, Fräulein Kolbielsky mit einer Summe Geldes ganz sich selbst überlassend. – Der Zufall spielte aber der Hermandad einen köstlichen Streich. Eine von Wiesbaden nach Wien heimkehrende (Kolbielsky etwas befreundete) polnische Dame hielt eben auf ihrer Reise an, sieht das Mädchen, erkennt sie, erstaunt, zieht sie zur Tafel und eilt mit ihr binnen 40 Stunden nach Wien zurück, wo sie bereits wieder Audienz gehabt hatte, als ihr amtlicher Entführer recht bequem und quasi de re optime gesta zurückkam und rapportirte. – Man kann sich sein kälbernes Erstaunen und den wüthenden Zorn seines Meisters vorstellen!? Diese Tochter ehelichte später einen wackern Hauptmann des Geniecorps, Emanuel Zitta, Fortifications-Local-Director zu Ofen, und wurde vom Kaiser ausgesteuert.– 1828 erhielt Kolbielsky die Vergünstigung bey ihr zu verscheiden. Das Jahr der Cholera 1831 (ein Jahr des Entsetzens für Ungarn), war auch sein letztes. Er starb achtzigjährig.– Der Commandirende in Ungarn, Erzherzog Ferdinand, der ehrwürdige Fürsterzbischof von Wien, Graf Hohenwart, die Fürsten Carl Schwarzenberg und Franz Dietrichstein, die Generale Bubna, Koller, Mayer, Mack, Stutterheim zeigten ihm die menschenfreundlichste Theilnahme, erkannten seine Fehler, erkannten aber unter den Vorzügen auch seinen patriotischen Eifer und zuckten die Schultern über sein Loos.«

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