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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Beiträge zur Geschichte des***

Gegen das Ende des ersten Jahrhunderts wurde mitten in dem Sitze des guten Geschmacks und der Gelehrsamkeit (die Studenten der damaligen Zeit nannten es Tiber-Athen) ein Geschöpf geboren, das aussah wie andere Menschen. So viel uns auch die Geschichtschreiber hier und da von seinen Gemütsgaben sagen, so ist doch alles, was sich aus ihren Nachrichten von dem Geschlechte desselben schließen läßt, sehr unsicher und widersprechend. Man müßte denn daraus, daß es in spätem Jahren einen weiblichen Namen annahm, schließen wollen, daß es zum schönen Geschlecht gehört hätte, welches aber durch andere männliche Verrichtungen, die es nach dem Zeugnis einiger Schriftsteller unternahm, wieder unwahrscheinlich gemacht wird, wenn ich nur die beiden anführen will, daß es fechten konnte und studiert hatte. Man wird mir also verzeihen, wenn ich, um so unparteiisch als möglich zu sein, immer mit Es von dieser Person rede, einem Wort, das doch sonst keinen Nutzen hat, als etwa einen bescheidenen Schriftsteller aus einer Verlegenheit zu ziehen, wie die, in der ich mich so eben noch befunden habe.

Was in seinen jüngern Jahren schon von ihm in die Augen fiel, war ein ungewöhnlich einnehmendes Wesen, eine Fähigkeit und Begierde zu mancherlei Dingen, nebst einem unwiderstehlichen Triebe, alle diese mannichfaltigen Begierden zu befriedigen. Auf Universitäten machte es auch einen Versuch dazu; es ging in der Tat von einer Sache zur andern, und gab allezeit bei der letzten sich die heimliche Versicherung, bei dem zweiten Besuch mehr zu tun. So kam es in der Arithmetik bis in die Brüche, und in der Geometrie bis zu der Bisektion des Winkels; es sprach sehr fertig über das summum bonum, über Raum und Zeit, beurteilte die Werke der Kunst, wußte von Titus Feldzügen zu sprechen, und machte Verse. Es las sehr viel, doch ohne viel zu lernen oder zu wissen, so wie manche Leute viel essen, und dennoch, oder vielleicht eben deswegen auszehren. So wie aber überhaupt das, was nicht sitzen bleibt, durch irgend einen andern Weg wieder fortgeht, so hatte es eine Gabe, sehr viel über vielerlei mit Beifall zu sprechen, welche Ausleerung zum Erstaunen der Umstehenden zuweilen mehrere Stunden nach einander anhielt. Nun ist bekannt, daß, was ein sehr gesunder Verstand seinem Besitzer vielleicht mit der Zeit verschafft, Verteidiger, Bewunderer, Nachahmer, eine sehr gesunde Figur dem ihrigen gewiß und in kurzer Zeit verschafft. Dies geschah auch hier: die Nachahmung und Bewunderung verbreitete sich erst über die schönen Körper, und stieg dann immer weiter bis auf die schönen Geister. Diese brachten die Wissenschaft, den Kopf in Gesellschaft mit Anstand und so auszuleeren, daß es aussieht, als bliebe er noch voll, so weit in ein System, als sie sich dazu bringen läßt. Hier findet sich die erste Spur der Taschenwörterbücher, und die Art zu studieren, die für die Erlernung der Wahrheit eben das ist, was die berühmte Kurbelmethode des Doktors zu Lagado für die Erfindung derselben wäre, ich meine unsere so berühmte Insularmethode. Man schrieb und las, statt Bücher, Rezensionen, und sprach nur, anstatt zu wissen und zu denken, und Gedächtnis fing an, die Haushaltung für Vernunft und Geschmack zu führen. Unser Geschöpf hatte das Vergnügen, in seinen besten Jahren Personen vom Lehrstand unter seine Nachahmer zu zählen, obgleich diese es nicht für ihr Original hielten. Ich kann hier nicht verschweigen, daß es damals hier und da einige Leute gab, die ihm den Namen des Halbköpfigen beilegten, und zwar, wie man glaubt, aus einem ähnlichen Grunde, weswegen die Portugiesen dem scharfsinnigen Don Diego de Mendoza den Namen des Siebenköpfigen gaben, nicht sowohl wegen einer besonderen Stärke oder Form des Kopfes, als vielmehr desjenigen unsichtbaren Wesens, das sich, der gemeinen Meinung nach, in demselben aufhält.

Als sich bei unserm Subjekt diejenige Neigung zu regen anfing, die sich in unsern besten Jahren am heftigsten regt, und von welcher so viel Unheil in der Welt herrührt, ich meine die Neigung Bücher zu schreiben, so fand es sich in der größten Verlegenheit. Es hatte Witz, das heißt, Fähigkeit, etwas gut zu sagen, wenn es etwas zu sagen gehabt hätte; allein diese Fähigkeit fand etwa ein paar hundert Ideen, die nach allen möglichen Kombinationen und mit dem Bande der flüchtigsten Ähnlichkeit zusammengeknüpft, doch noch immer keinen großen Gedanken, und noch weniger ein Buch machen konnten. Dieses mußte ich notwendig erinnern, ehe ich sagen konnte, daß es um diese Zeit anfing – – Liederchen zu schreiben. Und nun schrieb ganz Tiber-Athen Liederchen aus Nachahmung, und größtenteils auch aus gleicher Beschaffenheit ihrer Seelenkräfte und Seelenschwächen. Wer ein Mädchen hatte, schrieb auch gewiß

Der muntern Kleinen holde Briefchen
Voll Liebe und – – Diminutivchen.

So wie dieser Geschmack allgemeiner wurde, fing die Vernunft an im Gehalt zu fallen, daß die wahre endlich so selten wurde, daß selbst die Yameos die ihrige mit Profit hätten absetzen können. Es ging Wörtern, womit man sonst ganz leichte Dinge bezeichnete, wie heutzutage den Wörtern Algebra, Nachtgedanken oder Griechisch, es lief den Leuten dabei wie kaltes Wasser den Rücken hinunter. Ja, einige gestanden, daß es ihnen, wenn sie ihre Vernunft gebrauchen sollten, wäre, als wenn sie mit der linken Hand arbeiten, oder etwas Geschriebenes im Spiegel lesen wollten. Und doch wurde viel geschrieben und disputiert, weil man aber einander nicht verstand, so entstand ein solches Schreiben omnium contra omnes, daß niemand sicher war. Was ward aber aus unserm Geschöpf? Es lebte sehr lang, ging endlich im Alter in ein Kloster, lehrte aristotelische Philosophie, und stopfte sich mit Philosophie, anstatt sich damit zu nähren, und verlor endlich unter dem Namen Barbarei in einem sehr hohen Alter Ehre und Leben.

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