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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 23
Quellenangabe
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authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Etwas Stoff zu Montags-Andachten

1) Alle einander gleich zu sein, erwarten wir erst im Himmel gewiß. Es ist viel darüber gestritten worden, ob sich dieser Zustand früher erwarten ließe oder nicht. Allein die streitenden Parteien, wenigstens die besten unter ihnen, sind nicht so verschieden als man glaubt. Die Gleichheit der einen möchte wohl nichts anders sein als die Ungleichheit der andern. Die Gleichheit, die der Mensch hier verlangen kann, ist sicherlich: der erträglichste Grad der Ungleichheit. Schade, daß dieses Gleichgewicht sich nur durch Druck und Gegendruck erhalten läßt, und daß sich die zuletzt anordnende Partei immer, zur Sicherheit für die Zukunft einen kleinen Ausschlag vorbehält, und vorbehalten wird.

2) Das Gesetz ehrt und fürchtet man, aber lieben im eigentlichen Verstande kann man es nicht. Was für ein großer Gedanke daher, ihm einen Repräsentanten zu geben, den man nicht bloß ehren und fürchten, sondern auch lieben kann, einen guten Regenten. Die Welt würde sich dem Himmel nähern, wenn dieses von beiden Seiten anerkannt würde. Ohne etwas Anthropomorphismus läßt sich selbst Gott bloß fürchten und ehren, aber nicht lieben. Der Grund hiervon liegt sehr tief in unsrer Natur, aber sicher und unabänderlich. Verehrung von Tyrannen und Anbetung der Heiligen sind bloße Abartungen des Triebes, zeugen aber immer von der Realität der Art. Hierbei werden wir wohl ruhen müssen. Noch hat keine Götter-Demokratie eine Welt erschaffen und erhalten, oder sie alle waren eins, und was heißt das?

3) Lord Shaftesbury sprach einmal mit einem Freunde über Religion. In derselben Stube befand sich ein Frauenzimmer, die sich, um die Unterredung nicht zu stören, mit ihrer Arbeit in einen entfernten Winkel gesetzt hatte. Shaftesbury sagte: Verschiedenheit der Meinungen in Religionssachen, fänden sich nur unter Menschen von mittelmäßigen Fälligkeiten und Kenntnissen; Leute von Geist hätten durchaus nur Eine Religion. Und was ist das für eine, Mylord, fragte das Frauenzimmer, begierig auffahrend. Das sagen Leute von Geist nicht, war die Antwort.

4) Furcht, sagt Lukrez, hat die Götter geschaffen, aber wer schuf diese allmächtige Furcht?

If fear made Gods, who made
almighty fear?

5)»Sie wollen keinen Herrn;
Selbst Herrn sein wollen Sie.«

Bishops they would not have,
but they would be.

6) Da die Handlungen eines jeden Menschen sich notwendig ungleich sein müssen: so frage dich: welches ist die schlechteste die du in deinem Leben begangen hast. Die Antwort pflegt guten Menschen bald einzufallen. Diese Frage kann auch am Sonntage getan werden, und desto sicherer ohne Schaden, da die Antwort außer uns selbst, nur noch von einem Einzigen gehört wird.

7) Du dringst auf Preßfreiheit. Recht gut. Nur frage ich dich: würdest du sie auch alsdann verstatten, wenn dein von Dir gekränktes, hülfloses Weib, dein von dir tyrannisiertes Gesinde, dein hingehaltener Gläubiger, und vor allen Dingen der Mann anfangen wollte von dir drucken zu lassen, der durch seine höhere Einsicht dich mit deinem ganzen Kompilator-Ruhm, durch einen Federstrich vielleicht, in Staub verwandeln könnte?

8) Die große und untrügliche Kunst, sich in Gesellschaft allgemein lieben, ja selbst verehren zu machen, ist sicherlich nicht die, eignen Witz und Verstand und Kenntnisse an den Tag zu legen, sondern: ohne Zudringlichkeit und als brächte es die Natur der Unterredung so mit sich, jedem der Gegenwärtigen, wo möglich, Gelegenheit zu geben, zu zeigen, daß Er Witz oder Verstand oder Kenntnisse besitze. Jedem nach seiner Art. Wenn doch dieses beherzigt würde, was würde nicht aus den Gesellschaften werden? Diese große, aber freilich etwas seltne Gabe, die immer in dem Subjekte Menschenliebe und Weltkenntnis, und überdas bescheidenes Gefühl von eigenem anerkannten Wert voraussetzt, wird nicht leicht jemand in einem höhern Grade besitzen können, als sie unser unsterblicher Moser besessen hat. Wahrlich, sagte einmal ein Mann von Geist zu uns, wenn man mit Mosern oft in Gesellschaft kömmt, so fängt man an zu glauben, man wisse etwas und sei etwas.

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