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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 22
Quellenangabe
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typemisc
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Ein Wort über das Alter der Guillotine

Der Lyoner Arzt Jean Baptiste Guillotin wird gewöhnlich, und wie ich glaube, mit Recht, für den Erfinder der berüchtigten Maschine gehalten, durch die er selbst am 14. März 1794, weil er einer verdächtigen Korrespondenz mit Turin beschuldigt wurde, sein Leben endigen mußte. Des Mannes Absicht war gut, denn, wenn doch einmal Köpfe abgeschlagen werden sollen, so ist nicht leicht eine vollkommnere Maschine zu dieser Absicht möglich, als die Guillotine. Sie wird indessen nunmehr das so unsichere Schwert oder das nicht viel zuverlässigere Beil bei uns nicht mehr verdrängen, seitdem die Hunnen des achtzehnten Jahrhunderts sie zu einer Absicht genützt haben, die mit ihrer eigentlichen ersten Bestimmung fast eben einen solchen Kontrast macht, als Herrn Guillotins Vorname (Johannes der Täufer) mit Herrn Guillotins Erfindung selbst. Man hat darüber gespottet, daß ein Arzt eine Köpfmaschine erfunden habe; gerade als wenn es so etwas Seltenes wäre, daß Ärzte Mittel erfänden, die Menschen geschwind aus der Welt zu schaffen. Es ist noch eine große Frage, durch welche Erfindung mehr Menschen gefallen sind: durch die Guillotine oder durch die beliebten Pülverchen des Herrn Doktor Ailhaud.

Man hat bisher in verschiedenen Blättern Nachrichten über das Alter dieser Erfindung geliefert, wovon mir vermutlich die wenigsten zu Gesicht gekommen sind, weil ich überhaupt nicht darnach gesucht, sondern mir nur angemerkt habe, was ich in Schriften fand, die ich ohnehin würde gelesen haben. So wird in dem European Magazine January 1794 S. 7 die Erfindung auf das Jahr 1590 zurückgeführt; im Gentleman's Magazine, January 1794 S. 40 bis auf 1553. In den Hamburger Addreß-Comtoir-Nachrichten 1794 Nro 65 bis auf 1552. In allen diesen Nachrichten wird sich auf Abbildungen bezogen. Die älteste mir vorgekommene Nachricht von einem Werkzeuge, das sich hierherziehen läßt, befindet sich aber in einem Werke, dessen man, wo ich nicht irre, einmal in der Jenaischen Literatur-Zeitung zu gleichem Zweck gedacht hat, das mir aber vor schon geraumer Zeit, von unserm Herrn Bibliothekar Reuß aus hiesiger Bibliothek mitgeteilt worden ist. Ich setze den Titel her: Catalogus Sanctorum et gestorum eorum ex diversis voluminibus collectus etc. a Dom. Petro de Natalibus de Venetiis, Dei gratia Episcopo Equilino. Impressum Lugduni per Jacobum Saccon. Anno 1514. In diesem Werke, dessen nicht sehr elegante Holzschnitte die Inspektion aller derer verdienen, die einmal willens sind neue Marter-Maschinen zu erdenken, befindet sich auch Fol. 16, 18, 85, 89 eine solche Maschine abgebildet. Nämlich ein schweres Beil, das, wie der Block einer Ramme, zwischen Rahmen aufgezogen, auf den Hals des Opfers herabfällt, und ihn, auf einen Klotz gelehnt, abhackt. Dieses allein beweisen alle diese antiquarischen Untersuchungen. Aber das ist keine Guillotine. Alle diese Anstalten, so weit man sie aus den Abbildungen beurteilen kann, sind so sehr von der Guillotine unterschieden, als das Hackemesser von dem Krauthobel. Das herabfallende schwere Beil hackt den Kopf ab, aber die Guillotine schneidet ihn ab. Das ist doch offenbar zweierlei, und, wo ich mich recht erinnere, hat auch Herr Guillotin hierauf einen besondern Akzent gelegt. Es ist ein sehr großer Unterschied zwischen abhacken und abschneiden. Die Unterscheidung findet sich ja schon sogar in der Sprache, wenigstens in der unsrigen. Bei allen den alten Köpfmaschinen, die man für Guillotinen ausgibt, fällt die Schneide des Messers oder Beils horizontal herab, faßt also alle Fibern des Halses nach der Breite auf Ein Mal, und bleibt, nachdem der Kopf (wenn der Himmel will) ab ist, auf dem Klotze liegen. Auch ist von der ganzen Schneide des Beils, nur ein geringer Teil wirksam, nämlich gerade so viel davon als die Breite des Halses beträgt. Bei der Guillotine hingegen ist die Schneide stark gegen den Horizont geneigt, das fallende Messer greift also nur anfangs wenige Fibern des Halses an, und bahnt sich so unvermerkt den Weg zu dem stärkern Teil. Daher auch der Hals bei der Guillotine in einer Aushöhlung, oder gar in einer Art von Halsband, das durch Bretter formiert wird, liegen muß, um bei dem ersten Anfall, nicht von der Seite auszuweichen, und das Messer bleibt nicht auf einem Block liegen, sondern geht an den Brettern ganz vorbei, über den abgeschnittenen Hals hinaus, wie der Hobel. Der wirksame Teil der fallenden Schneide ist hier sehr viel größer, als bei dem hackenden Beil, und richtet sich nach dem Neigungswinkel der Schneide gegen den Horizont. Wird nun übrigens dafür gesorgt, daß die Zeit des Durchgangs des Messers durch den Hals nicht größer ist, als die zum Abhacken nötige, so wird auch dieser kleine Zeitraum bei der Guillotine minder empfindlich sein als bei dem fallenden Beil. Die Sache ist einer mathematischen Darstellung fähig, womit ich aber unsere Leser verschonen will. Ich habe gehört, daß das Messer der Guillotine einen Fall von 32 Fußen haben soll. Das Gewicht desselben ist mir unbekannt. Das Beil klemmt zugleich indem es schneidet, so wie die Schere, und ist schmerzhaft, weil die Muskelfibern der senkrecht auf ihre Länge eindringenden Schneide den größtmöglichen Widerstand leisten, und ohne Klemmung des Ganzen nicht getrennt werden können. Der Leidende stirbt freilich in beiden Fällen (wenn die Maschine kräftig genug ist) in einem Augenblick; aber die Schmerzen dieses Augenblicks haben ihre Grade, wo nicht immer für den Leidenden selbst von Dauer, doch für die Zurückgebliebenen, die sich diesen Punkt mit Recht, in seinem Namen, zu Minuten ausdehnen. Aber auch was der Leidende in dem kritischen Punkt in welchem er leidet, von Zeit zu wenig für die Empfindung hat, das hat er sehr oft im Vorauswissen zu viel. Wer da weiß, daß er unter dem Beil sterben muß, in einem Augenblick, betrachtet diesen Augenblick durch ein Vergrößerungsmittel. Unter solchen Umständen, glaube ich, ist es Pflicht, selbst für die praktische Mechanik, jene schwere Passage nach allen Kräften zu erleichtern.

Wenn ich anders recht gesehen habe, so verbindet schon das Schwert selbst, Beil und Guillotine. Die Spitze des Schwerts beschreibt beim Abhauen nicht durchaus einen Kreis, sondern der erste Einhieb ist ein Abhacken, und der zweite Teil ein Schnitt, wobei das Schwert von dem Scharfrichter angezogen wird. Aus diesen wenigen Betrachtungen mit jedes eigner Erfahrung im Leben bei Verwundungen zusammen gehalten, wird leicht erhellen: Daß die Guillotine mit langer Schneide, großem Gewicht, und hohem Falle, das sanfteste Mittel ist, den Kopf vom Rumpf zu trennen; sie allein schneidet, im eigentlichen Verstande; das Beil hackt und klemmt; das Schwert hackt und schneidet, und klemmt also auch, weil es hackt; die Schere klemmt und schneidet; die Säge, das schmerzhafteste Werkzeug unter allen, zerreißt durch Dehnung und schneidet. Wenn also nichts Näheres über die fallenden Messer der Alten bekannt wird, so ist und bleibt die Erfindung der Guillotine eine Erfindung des Herrn Jean Baptiste Guillotin zu Lyon. Denn wenn man einmal in der Geschichte der Erfindungen nicht subtiler distinguieren wollte, als hierbei bisher geschehen ist, so wäre offenbar der Erfinder der Holzaxt auch der vom Aderlaß-Schnepper. Zum Beschluß füge ich, gewisser Leser wegen, ein Paar Anmerkungen bei, aus welchen die übrigen machen können, was sie unmaßgeblich wollen.

In Herrn Hofrat Richters chirurgischen Bibliothek finde ich im IXten Bande S. 178, die Nachricht, daß die vier Ärzte, denen der unglückliche König im Jahr 1782 die Untersuchung von Mesmers Magnetismus übertrug, waren: Bortin, Sallin, d'Arcet und Guillotin. War dieses wohl der Erfinder der Maschine? Das wäre die erste Bemerkung. Die zweite ist kürzer. Des unglücklichen und guten Königs Amme hieß Guillot. Die Sache ist, wenn man Zeitungen trauen darf, gewiß, Ich habe es in mehreren bemerkt gefunden. Dem ungeachtet könnte ein lügenhafter Franzos leicht das Ammen- Histörchen hingeworfen haben, ein Sinngedichtchen darauf zu pflanzen. Ich habe aber wenigstens das Pflänzchen nicht gesehen.

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