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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 21
Quellenangabe
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authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Miszellaneen

Hupazoli und Cornaro, oder: Tue es ihnen nach wer kann

Ich glaube kaum, daß Hupazoli, wenn man alles zusammen nimmt, je seinesgleichen gehabt hat, wenigstens in der Zeit des neuen Testaments nicht. Er ward den 15ten März 1587 zu Casale geboren, und starb den 27ten Jänner 1702 in seinem 115ten Jahr. Er lebte also in drei Jahrhunderten, ein Glück, das selbst der 169jährige Henry Jenkins, wiewohl nur um zwei Jahre verfehlte: er wurde nämlich 1501 geboren und starb 1670 Der berühmte Thomas Parr war hierin bei seinem geringeren Alter glücklicher: er wurde 1583 geboren, und starb 1735, wurde also 152 Jahr alt, und lebte in drei Jahrhunderten. Er heuratete fünf Frauen, mit denen er vier und zwanzig Kinder zeugte, und außerdem zählte er noch fünf und zwanzig Bastarte. Er trank nie etwas anderes als Wasser, rauchte keinen Tabak, aß wenig aber gut, besonders Wildpret und Früchte, und weil er glaubte, daß ihn diese hinlänglich mit Feuchtigkeit versähen, so trank er öfters ganze Monate hindurch nichts als den Saft der Skorzonerwurzel Dieses ist nicht sehr präzis gesprochen: Er trank nie etwas anders als Wasser – und weil er Feuchtigkeit genug hatte, so trank er etc. Vermutlich gebrauchte er den Skorzonersaft nicht als regelmäßiges Getränk, sondern nur zuweilen in kleinen Dosen, oder man muß diesen Trank mit zu dem Saft aus Früchten rechnen. Er wohnte nie einem Schmause bei, um allzeit früh zu Abend essen und eine halbe Stunde nachher zu Bette gehen zu können. Er ließ nie zur Ader und brauchte keine Arznei als seine Diät (dieses Wort klingt neben den neun und vierzig Kindern ein wenig sonderbar, indessen ist auch nur die Rede von Seiner Diät). Im 100ten Jahre wurden seine grauen Haare wieder schwarz; im 109ten verlor er die Zähne, und im 111ten bekam er wieder zwei neue. Er hinterließ zwei und zwanzig Bände, worin alles aufgeschrieben war, was er in seinem Leben verrichtet hatte. Ich entlehne diese Geschichte, deren Wahrheit ich weiter nicht verbürgen kann, aus dem Hannoverschen Magazin (1787. St. 38), in welches sie aus dem Berliner Intelligenzblatt gekommen ist. Man wird da noch mehrere Umstände aufgezeichnet finden. – Ob dieser Mann noch etwas außer Seiner Diät in der Welt getrieben hat, weiß ich nicht. Weiter nachzusuchen verstattet mir jetzt die Zeit nicht. Im Jöcher, den ich bei der Hand habe, habe ich ihn vergeblich gesucht, und freilich, wenn er weiter nichts geschrieben hat als seine zwei und zwanzig Bände, so geben ihm diese so wenig ein Recht auf eine Stelle in jenem Werk, als seine fünf und zwanzig Bastarte. Ob wohl diese Bände irgendwo vorhanden sein mögen? Ein merkwürdiges Manuskript wäre es allemal, und ich möchte wohl lieber einmal einen Blick in dasselbe tun, als in irgend ein gedrucktes Opus von so vielen Bänden das ich kenne. Strenge und ununterbrochene Mäßigkeit in Essen und Trinken, die nach dem gewöhnlichen Maßstabe geschätzt, fast an Mangelleiden grenzt, durch dauerhafte Gesundheit und ein hohes und kraftvolles Alter belohnt zu sehen, hat etwas sehr Angenehmes und zu Nachahmung Reizendes, und das Lesen solcher Geschichten ist daher sehr am Geburts- oder Neujahrstage zu empfehlen. Freilich taugt dazu Hupazolis Geschichte weniger, als die des bekannteren Cornaro, weil bei ersterem die offenbare Parteilichkeit der Natur bei der Aussteuer seines Körpers eher niederschlagend als aufmunternd ist. Die Geschichte des letzteren hingegen wird man nicht ohne lebhaftes Vergnügen in einem vortrefflichen Aufsatz des Herrn Hofmed. Hufeland in Weimar (deutsch. Merkur 1792. St.3. S.256) über die Verlängerung des Lebens lesen. Man sieht da deutlicher, welches Ursache und welches Wirkung ist. Er führte bis in sein vierzigstes Jahr ein sehr schwelgerisches Leben, und zog sich dadurch eine fürchterliche Krankheit zu. Die Ärzte gaben ihn nicht bloß auf, sondern bestimmten ihm so zu sagen schon die Stunde seines unvermeidlichen Todes. Indessen er genas, (vielleicht weil ihn die Ärzte verlassen hatten), und unterwarf sich nun einer Diät und hielt sie mit einer Präzision, die freilich von ungewöhnlicher Seelenstärke und Macht über sich selbst zeugt. Wo ich nicht irre, so waren es nicht viele Unzen was er täglich aß, und so brachte er sein Leben über hundert Jahre hinaus. O! wenn man doch alle die Gewichte und Gegengewichte kennte, wodurch der große Mann einen so schweren Entschluß auf einer so feinen und zerbrechlichen Spitze über ein halbes Jahrhundert durch so weg balancierte, ohne auch nur zu wanken, als hätte alles auf der gleichen Erde gestanden! Liebe zum Leben oder zu körperlichem Wohlbehagen war es schwerlich allein. Vielleicht Gefallen an der Sache selbst, Ehrgeiz, hohe überspannte Begriffe von der Würde des Menschen, religiöse Büßung oder sonst etwas das man nicht erfahren hat. Der Himmel führt seine Heiligen wunderlich. – Ich bin überzeugt, daß die Hälfte des menschlichen Geschlechts, wenigstens des zahmen Teils desselben, den man den gesitteten nennt, über die Hälfte zu viel ißt, denn was man, zumal unter den höhern Klassen, Hunger nennt, ist meistens mehr ein Appetit nach Hunger, als der eigentliche Bedürfnishunger selbst. Was müßte nicht ein allgemeines Essen à la Cornaro bewirken, in den Körpern und in den – Finanzen! Ich sagte soeben, daß man bei Cornaros Geschichte deutlicher sähe was Ursache und was Wirkung hierin sei. Ich glaube nämlich, daß, in mancher von dergleichen Geschichtserzählungen, beide verwechselt worden sind. Ich habe mehr alte Leute gekannt, die einen großen Teil ihrer Zeit damit hinbrachten, das Logbuch bei ihrer uninteressanten Reise über das leidige Mare mortuum des Lebens mit großer Pünktlichkeit zu führen, so wie Hupazoli. Sie waren überhaupt pünktlich. Die sogenannte Leute nach der Uhr werden gewöhnlich alt. Das Handeln nach der Uhr aber setzt innere uhrmäßige Anlage voraus, wovon ersteres nur die Fortsetzung und Sichtbarmachung ist. Alles, was man treibt ut apes Geometriam, führt gewiß zum Zweck der Natur. Umgekehrt könnte Zwang, auch wenn ihn die Vernunft gut hieße, zuweilen wenigstens eben so wirken, wie Mangel an Diät, und es auch in manchen Fällen wirklich sein. Nun – so eben bemerke ich erst, daß ich bei der besten Absicht Mäßigkeit und ein Leben à la Cornaro zu empfehlen, unvermerkt Gefahr laufe der Verteidiger des Gegenteils zu scheinen. Einen kräftigeren Wink für einen Schriftsteller, abzubrechen, gibt es wohl in der Welt nicht. Also kein Wort weiter.

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