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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typemisc
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Vorrede zu der Rede

Nachstehende Rede war nicht eigentlich zum Druck bestimmt; so wie es aber mit vielen Dingen geht, sie erreichen oft ihre eigentliche Bestimmung nicht, so ging es auch dieser Deklamation, sie ward gedruckt und wird nun immer gedruckt bleiben, wenn man auch noch so oft wünschen sollte, daß sie es nicht sein möchte. Unterdessen verdiente dieser Mann wirklich mehr bekannt zu sein, er hatte in der Tat viel Eigenes; wäre er eine Pflanze gewesen, so würde man ihn als eine seltsame Spielart vielleicht in Kupfer gestochen haben; nun er aber Mensch und zwar Antiquarius war, und weil sich das Sonderbare in ihm eben nicht immer zeigte, so will man ihn vergessen. Die Gelehrten sollten sich schämen, daß sie nur sich oder andere Gelehrte, und höchstens Prinzen und Helden, und diese oft nur gegen Bezahlung, bekannt machen. Es ist nur gut, daß der gemeine Mann sich nicht viel um Ruhm bekümmert, sonst könnte er wirklich bei dem Ruhme manches Gelehrten sagen, was er gewöhnlich sagt, wenn er dem Taschenspieler unter den Tisch geguckt hat: Ja, so ist's keine Kunst.

Was die meisten Menschen an Kunkeln vermissen, war Bescheidenheit, und ich als aufrichtiger Redner muß bekennen, daß ich sie auch an ihm vermisse. Und wenn es immer die Pflicht eines Lobredners ist, zu entschuldigen, so muß ich bekennen, daß ich hier nur zwei Wege vor mir sehe, es mit meinem Kunkel zu tun. Die eine Art ist die allgemeine Entschuldigung der menschlichen Schwachheiten, daß wir schwache Werkzeuge sind, daß wir unsere Gebrechen haben müssen, weil wir Menschen sind, und dann noch mit dem Satz eines großen praktischen Philosophen (le philosophe bienfaisant), der im vierten Teile seiner vortrefflichen Werke sagt: La modestie devroit être la vertu de ceux à qui les autres manquent. Aber Kunkel hatte genug andere.

Rede dem Andenken des sel. Kunkels gewidmet.
In einer Versammlung von Studenten gehalten.
Worin vieles zur gelehrten Geschichte
der letzten Monate Gehöriges vorkommt

(Rede heißt es, weil es nur auf 500 Schritte um meinen Armsessel herum gilt.)

 

Liebste Mitbrüder

Im Dezember starb er. – – Nun schon April und noch ist alles stille. Ostermesse – – und noch kein Wort! O Deutschland, Deutschland! ist dieses der Dank für ein ganzes kümmerliches Leben, das wir dir aufopfern? Und Du, Göttingen, so sorgfältig erzogen, trittst schon in die Fußstapfen deiner undankbaren Mutter, auch du hast schon gelernt, Verdienste zu fordern und dann zu vergessen, auch Du hast es gelernt, Unwissenheit und Faulheit mit allezeit wacher Lästerzunge zu rügen, Emsigkeit hingegen, Patriotismus und Treue halbgähnend einmal zu nennen, und dann auf ewig zu vergessen. Mayer, Heilmann etc. ich will nicht weiter gehen, meine Herren, ich sehe schon, die meisten unter Ihnen kennen diese Namen nicht, allein Grau, Butschany (hier hält der Redner etwas ein, bis das Lachen der Zuhörer vorüber ist) –- ja ich sehe schon, diese kennen Sie alle. Nun gut. Aber unter uns gesprochen, meine lieben Deutschen, sind denn unsere Narren so vorzüglich possierlich, daß wir ihre Portraite überall aushängen, und durch das hundertzüngige Journal ihre Schulübungen bis an die Seine und Themse verkündigen, wo man uns schon ohne unser Wort nur allzugerne glaubt, daß wir auch unser Landkreuz mit Narren und schlechten Schriftstellern haben. Man hat es allezeit als eines der deutlichsten Zeichen von Boerhaavens Größe angesehen, daß ein Brief aus China unter der Adresse an Herrn Boerhaave Medicus in Europa richtig sei bestellt worden, bald, bald wird dieses Maß von Verdienst trügen. Glauben Sie wohl, daß ein Brief aus Ungarn unter der Aufschrift an Herrn Butschany, Algebraisten in Deutschland, retour laufen müßte? Und welcher Knabe, glauben Sie, würde nicht einen Boten von Voltaire an Herrn Schmid weisen können, wenn auch der verkappte Bazin das en l'illustre Université vergessen haben sollte; Werden nicht Wilke und Wichmann jetzo öfter genannt als die ersten Stifter ihres immer wachsenden Namens? Der Verdruß, meine Herren, den ich zugleich mit der Verzeihung meiner Ausschweifung auf Ihren Augen lese, ist gerecht, ich merke, Sie fühlen die nämliche patriotische Bewegung über die gänzliche Vergessenheit, womit man unseres verklärten Kunkels Verdienst auf gut Göttingisch zu belohnen sucht. Sein Sie aber ruhig, ich will Sie und meinen Kunkel wo nicht an einem strafbaren Publikum rächen, doch gewiß durch eine genauere Erörterung der Verdienste dieses Mannes demselben zeigen, wie ihrem mindern Wert schon gleiche Vergessenheit droht, die schon den feuchten Schwamm in ihrer Rechten schüttelt, um mit einem Zug die vermeintlich ewigen Annalen, die ihre Taten enthalten, wegzuwischen.

Ich weiß es allzuwohl, meine Herren, daß viele auch sogar unter Ihnen meine ganze Rede für Satyre halten werden; ein sicheres Zeichen, wie wenig man den werten Mann gekannt hat. Ohnstreitig ist dieses der traurigste Zustand, in den der Charakter eines Sterblichen kommen kann, wenn man Tadel desselben für wahr und Lob für Satyre hält, ein solcher Zustand ist mit dem des bekannten Epaminondas in der letzten Schlacht einerlei, von welchem die damaligen Feldscherer behaupteten, daß er allemal endlich hätte sterben müssen, man hätte nun den Speer herausziehen oder stecken lassen mögen. Auch dem Redner, der zur Verteidigung einer solchen Person auftritt, ist es schwer, der Person recht beizukommen. Denn was helfen ihm alle seine Bemühungen, wenn der Zuhörer noch immer freie Hand behält, sie zu erklären wie er will, und was helfen alle Versicherungen, seitdem Liscow auf sein Wort versichert hat, Philippi sei ein großer Mann gewesen. Es bleibt mir nur ein Weg übrig, mich meinem Kunkel mit Anstand zu nähern, und das ist, zu zeigen, daß dasjenige, was er tat, und was jedermann weiß, daß er getan hat, auch einer andern Erklärung fähig sei, und daß mehr die einmal durch ein Ohngefähr in den Strom gebrachte Laune eines flatterhaften Publikums, als eine absolute Possierlichkeit des Mannes, allen seinen Handlungen dieses zweifelhafte Licht erteilt habe. Daß es oft in der Welt so gehe, sehen wir, (deuten Sie, meine Herren, dieses Gleichnis nicht eher, bis Sie es ganz gehört haben) an dem Esel; eine etwas burleske Figur, wozu er nichts kann, und dabei das unschuldige Ansehen haben vermutlich einen mutwilligen Possenreißer einmal verleitet, seinen Witz an diesem guten Tiere zu kühlen, und da nun einmal das Loch gebohrt war, so zog sich alles darnach, und der Esel ist nun das Gespötte der Gassenjungen und das Gelächter von ganz Europa geworden. Wer will es dem Esel übelnehmen, wenn er uns von seiner Seite wiederum hinter seinem harten Fell mit einer verstellten Faulheit neckt, und den Stock, den einzigen Dolmetscher zwischen Menschen und ihm, nicht erkennen will. In Arabien, wo die Leute sich mehr auf Mathematik legten, mehr Griechisch verstanden und überhaupt vernünftiger dachten als in Deutschland, denken sie auch hierin ganz anders, der Esel heißt bei ihnen »der Aufgeweckte, der Pfiffige« und ist unser völliger Fuchs. Wer weiß, ob Kunkel in Arabien nicht der Niedliche, der Herzhafte, der Patriot geheißen hätte, da ihn unsere Stadt (mit Unwillen nenne ich die Worte) den Trunkenbold, den Taugenichts, den elenden Kerl und dergleichen, unaufhörlich nannte, was Wunder denn, wenn er zuweilen wie der Esel ausschlug, und gegen alle Verweise taub, und selbst gegen den Stock der Obrigkeit fühllos, statt aller gehofften Besserung einmal den Schwanz wedelte, und seines alten Ganges fort ging?

Tun Sie dieses nicht, meine Herren, es ist immer gefährlich, in einer gar zu tiefen Gleise zu fahren, fahren Sie einmal eine neue Spur, betrachten Sie Kunkeln wieder einmal selbst und nicht das lächerliche Bild, welches eine spöttische Stadt von ihm gemacht hat, und welches desto betrüglicher ist, weil es Wahrheit mit Karikatur verflochten enthält, die man von Anfang als eine Strafe für die erstere für billig und zuletzt gar auch für wahr ansieht. Betrachten Sie erst die Verdienste des Antiquarius, des Bücherkenners, des standhaften Bürgers; ja, Kunkel, du warst standhaft; betrachten Sie den mesalliierten Ehemann, halten Sie dieses mit seinen Lastern, die außer den beiden Nachbarn nie andere beleidigten, zusammen, so werden Sie das gemeine Gemisch finden, das man menschliche Natur heißt und das des großen Lärmens, das man davon machte, gar nicht wert ist.

Soviel ich habe erfahren können, so hat unser Kunkel, als er noch grade Glieder hatte, mit Gläsern gehandelt, nicht mit optischen, denn seine schon damaligen Kenntnisse des Zustandes der Gelehrsamkeit seines Vaterlandes hielten ihn ab, einen Handel zu treiben, der in Deutschland, wo sich die Reichsten wenigstens mit der Natur in so fern sie mit den bloßen Augen erkannt wird, schon behelfen, grad zum Bettelstab führt. Nein! Er hat sich zu seinem Fach die weniger abstrakten und mehr gebräuchlichen Trinkgläser gewählt, anfangs in dem einträglichen Verstand, da sie eine Ware bedeuten, und bei veränderter Lebensart behielt er sie noch, aber auch in einem veränderten Verstande bei. Es ist merkwürdig, daß sich schon ein Kunkel in dieser Materie hervorgetan hat und zwar ein Verwandter unseres erblaßten Glashändlers, nämlich der berühmte Verfasser der Glasmacherkunst. Der Unterschied zwischen beiden besteht eigentlich nur darin, daß jener Glas und Gläser verfertigen lehrt, dieser aber sie in seiner Jugend gerne verkaufte und im männlichen Alter gerne austrank. Freilich ein beträchtlicher Unterschied, den aber der Selige in der Tat einigermaßen wieder dadurch aufhob, daß er ihn völlig fühlte. Eine nicht ganz launlose Vergleichung seiner mit seinem großen Vetter war sein Lieblingsartikel, und beinah sein Steckenpferd. »Dieses Buch, Herr, hat mein Vetter geschrieben,« sagte er, und zeigte die Glasmacherkunst, »das war ein anderer Mann als ich,« so klang ohngefähr die Einleitung zu der Vergleichung, in der er sich aber doch nie dasjenige von der Ehre vergab, was ihm aus einer solchen Verwandtschaft von Gott und Rechts wegen gehörte und das ihm jeder Zuhörer als eine Vergütung für die größere Demütigung von der andern Seite auch gerne zugestand. Nun sagen Sie selbst, meine Herren, wer ist der größte Mann, der Junker, der auf eine Kette von Wildschützen stolz ist, davon keiner mit jenem Kunkel, vielleicht nicht allemal mit diesem in Vergleichung kommt, oder der Buchtrödler, der nach einer offenherzigen Abrechnung mit seinem Vorfahren, Ursache hat auf ihn stolz zu sein? Er hat es erkannt, daß sein Vetter groß war, und hat es erkannt, daß er selbst nichts war, das letztere hat man schon öfters Adel der Seele geheißen, um durch diese Benennung sehr sorgfältig die beiden Arten von Adel von einander zu unterscheiden. Wer, meinen Sie wohl, ist der Größte! Ohne Ihre Antwort abzuwarten, kann ich bei dem Denkmal unseres Erblaßten ausrufen: Hier war mehr als Junker. Vielleicht wäre unser Freund vom Gläserhandel noch auf das Gläsermachen und von da auf das Silbermachen, so wie sein Vetter gestiegen, wenn nicht ein trauriger Zufall, der seinem Körper begegnete, seinen Seelenkräften eine ganz andere Richtung gegeben hätte. Diesen Zufall kann ich Ihnen unmöglich verschweigen, denn was kann wichtiger sein als ein Umstand, der Leib und Seele zugleich ändert? Unser Kunkel war einer von den Glashändlern, die ihre Ware in einem Korbe an einem Riemen vor sich hertragen. Ich muß gestehen, daß mir diese Art mit Glas zu handeln allzeit seltsam vorgekommen ist. Einen großen Teil seiner zeitlichen Güter an einem Riemen, der an den Korb, in welchem sie sind, nur allzeit schwach befestigt werden kann, so zu tragen, daß sie dasjenige, was zu ihrer Erhaltung billig doch zu sehen sehr nötig ist, die Füße, dem Auge ganz verdecken, ist in der Tat etwas, das der Betrachtung eines aufmerksamen Menschen unmöglich gleichgültig sein kann, wenn er es auch nur so ganz schlechtweg ansieht. Aber wenn er zugleich typischen Witz liebt, so findet er hier reichen Stoff zu Betrachtungen über Glück und Leben, Vorsicht und Vergänglichkeit. Etwas, das leicht zerbrechen kann, an einem schwachen Riemen hängt, das auch noch fallen kann, ohne daß der Riemen bricht, an den man nur allein gedacht hat, Augen, die allzeit in die Ferne sehen und das Nahe nicht sehen können und wollen etc., wie reiche Materie! die ich aber nun nicht verarbeiten will und in einer solchen Versammlung auch nicht zu verarbeiten nötig habe. Kunkel war also ein solches wandelndes Sinnbild der menschlichen Hinfälligkeit, er fiel auch wirklich und zerbrach wohl über drei Viertel seiner zeitlichen Güter, wenn ich auch das Bein, das er zugleich brach, noch so geringe anschlagen wollte. Ob er schon damals seine Gläser zu etwas Mehrerem als zum Verkaufe brauchte, oder ob, wie es nun vielen feinen Männern geht, das gute Pflaster in einigen Straßen ihm seine Füße für das schlechte in den andern unbrauchbar gemacht hatte, so wie Leute, die das Klavier zu spielen gewohnt sind, gewöhnlich auf der Orgel ins Stocken geraten, will ich hier nicht untersuchen, weil ich es schon ehedem einmal vergeblich untersucht habe. Genug für unseren Schmerz, wir wissen, er brach sein Bein auf eine solche Art, daß nach langer Überlegung, ob man ein beständiges Hinken oder den Tod erwählen sollte, die Barbiere beinah das letztere gewählt hätten, hätte der Selige nicht allezeit hartnäckig auf dem ersteren bestanden. Er ward also lahm, und das mit genauer Not, weil wirklich die Barbiere ihre unbeschworenen Pflichten nicht gerne der Caprice eines Glashändlers aufopfern wollten, und sie würden obgesiegt haben, hätte nicht der Zufall sich ins Mittel geschlagen und endlich über die Feldscherer triumphiert. Das eine Bein ward um einen halben Fuß kürzer, und weil ein Gestell mit einem Fuß oder, welches nicht viel besser ist, mit zwei ungleichen, nicht mehr für Gläser taugt, so ward dieses Feld von unserm Freund verlassen und dafür ein anderes gewählt, für welches wir den zweiten Teil unserer Gedächtnisrede aufbehalten.

 

Zweiter Teil

Die Seele mag nun da sitzen, wo die Schenkel sich durchkreuzen würden, wenn sie sich durchkreuzten, wie einmal ein Philosoph behauptet hat, oder in den Schenkeln selbst, welches gewiß noch einer einmal behaupten wird, oder da wo sie wirklich sitzt, so wird keine Sekte leicht leugnen können, daß, wenn man einen Schenkel bricht, so daß der höchste Absatz, der nur möglich ist, kaum den Verlust ersetzen kann, daß, sage ich, die Seele dadurch allemal eben so sehr kann in Schrecken gesetzt werden, als eine Spinne, welcher man einen Hauptfaden entzweireißt. In der Tat Kunkels Seele sah dadurch einen von ihren Hauptfäden zerrissen, und sobald als sie wieder völlig zu sich gekommen war, spann sie einen neuen nur mit dem Unterschiede, daß sie ihn weislich an einem anderen Fleck anheftete. Ich meine, nachdem der Selige diejenigen Gläser, die damals ganz geblieben waren, und die wenigen, die er noch im Hause hatte, teils verkauft und teils zum eigenen Gebrauch hingestellt hatte, erwählte er sich diejenige Lebensart, mit welcher nur in großen Städten oder freien Universitäten einiger Nutzen verbunden ist, nämlich den Handel mit alten oder wenigstens gebundenen Büchern. Man pflegt Leute, welche diese Bahn betreten, Antiquarios zu nennen. Wer etwas über das Fortrücken der Titel in der Welt nachgedacht hat, wird sich nicht wundern, wie diese Leute zu einem solchen Titel gekommen sind. Es ist der menschlichen Natur nichts so gemäß als wie dieses beständige Bestreben zum Höheren, und ein Hauptargument gegen die Vernunft der Tiere, daß sie sich jetzo noch immer einander so rufen, wie sie sich im medio aevo und lange vorher schon gerufen haben. Dafür daß die Buchtrödler jetzo Antiquarii heißen, heißen die ehemaligen Antiquarii jetzo Paläologen, Archäologen, zweite Winckelmanns u. d. gl. und haben außerdem heutzutage den großen Vorzug, daß ihre Bemühungen sogar das Favoritstudium der Philosophen, der Damen und der Stutzer geworden sind. Kunkel ward also Antiquarius, oder wie er es im Ernste selbst nannte, er legte sich auf belles lettres. Ein Ausdruck, aus dem ich mir wenigstens eben so viel Moral herauszuziehen getraute, als aus dem oben erwähnten Glaskorbe, wenn er es ernstlich gemeint hat, und hat er es im Scherz gesagt, eben so viel zur Ehre der Denkungsart meines Freundes, als ich aus seiner Prahlerei mit Ahnen gezogen habe. Ich will mir gar nicht zu Nutz machen, daß man heutzutage Büchertitul – oder Editionen – und Rezensionenkenntnis öfters belles lettres heißt, man leugne, daß der leutselige Kunkel je ein Humanist gewesen sei, so wird man nicht leugnen, daß er wirklich dadurch, daß er Antiquarius war, und zwar ein solcher wie Er, mehr als Belletrist war, daß er Beförderer des Geschmacks gewesen ist. Große Gönner der Gelehrsamkeit haben gewöhnlich nur einen Weg, zu ihrem Endzweck zu gelangen, sie geben denjenigen, die Lust und Genie haben, die Werkzeuge in die Hände, wodurch sie in den Stand gesetzt werden, etwas Tüchtiges auszurichten; unser Kunkel hatte noch einen anderen eingeschlagen, er nahm auch denjenigen, die die Werkzeuge sonst woher hatten und nicht gebrauchen konnten, dieselben weg, um sie (dieses ist der schon erwähnte Weg) in bessere Hände spielen zu können. Dieses begreiflicher zu machen, muß ich den Begriff von einem Universitätsantiquarius notwendig vorher in ein etwas helleres Licht setzen, als dasjenige ist, womit er gewöhnlich beleuchtet wird. Wem schon bekannt ist, was man unter Mäkler in einer Handelsstadt versteht, dem kann ich viel Nachdenkens dadurch ersparen, wenn ich sage, daß der Antiquarius etwas Ähnliches im Handel und Wandel zwischen dem Apoll und andern Göttern und Göttinnen ist. Wenn diese die Waren jenes nicht annehmen wollen, weil sie dieselbe nicht brauchen können, so schlägt sich der Antiquarius ins Mittel, und setzt sie um. So hebt er auf einmal oft die Schwierigkeiten, welche die schönste Göttin immer macht, wenn sie Pandekten, Dogmatiken, Reißzeuge u.d.gl. für bar annehmen soll; verwandelt Atlante in seidene Schnupftücher, chronologische Tabellen in Bänder, Spitzen, und dem taumelnden Gott zu gefallen setzt er klassische Dichter in baren Wein, und Hefte in Punsch um. Der Göttin der Jagd zu gefallen, schmelzt er aus dem unverstandenen Agathon Hagel und Kugeln, um diese dem Liebling der Musen, dem Studenten, in Hasen- oder Schnepfengestalt schmackhafter zu machen. Auch mir hat der Selige ein Buch, das ich bei einer Subskribentenpressung nehmen mußte, in ein mir weit brauchbareres italienisches Lexikon umgesetzt, womit ich mir seitdem ganz andere Aussichten verschafft habe. O lebte er jetzo noch, da mich Leichtgläubigkeit und Rezensentenbetrug mit einem Schwarm von Büchern endlich überladen hat! ich vermisse den Reiniger meiner Bibliothek und Göttingen mit mir den Mann, der gedruckten Witz gehörig zu verteilen wußte, der als ein Werkzeug der Vorsicht geschaffen gewesen zu sein scheint, hier den harten Griechen oder Römer aus einer Bibliothek von französischer Zärtlichkeit herauszustechen, um dort eine Lücke zu füllen, die der hohe Meßpreis vielleicht noch lange offen gehalten hätte. Sagen Sie mir hier nicht, meine Herren, daß noch andere Männer leben, die sich hierzu schickten, Sie würden mich allein durch den Gedanken, daß Kunkel wieder könne ersetzt werden, durch diesen Gedanken, sage ich, allein schon abschrecken können, seine Verdienste weiter zu entwickeln. Denken Sie nur an seine Billigkeit im Handeln, ich weiß, Sie werden mir antworten, forderte er nicht immer dreimal mehr für ein Buch als es wert wäre ist das billig? Nur einen Augenblick Geduld, meine Herren, ich versichere Sie, Kunkel war in keinem Stück billiger, als in diesem. Denn was heißt es eigentlich, dreimal mehr fordern als ein Buch wert ist? Kunkel forderte nie mehr, als der Meßpreis betrug, und meistens sehr viel darunter, also muß man mir zeigen, daß ein gebundenes Buch allezeit 3 mal weniger wert ist, als es roh kostet, oder ich drücke den ersten Satz der Menschlichkeit gemäßer so aus: Kunkel nahm allezeit mit einem Dritteil von demjenigen vorlieb, was er anfangs forderte, und diesen Verstand hat auch der erste Satz wirklich bei jedem, der ihn wenigstens von Kunkel behauptet, und es ist bloß popularis aura, die ihn bald so bald anders ausdrücken lehrt. Hier könnte ich vieles sehr Tiefsinniges über der Göttin Fama wunderliche Art sich heutzutage auszudrücken sagen, die, wie ich gefunden habe, nicht allemal in ihren 2 Trompeten Grund hat, wie Butler glaubt, und wie ich nach vielfacher Abstraktion endlich gefunden habe, daß der Ruf wirklich etwas Reelles sei, und nicht ein bloßes accidens, sondern eine Substanz, die auch plaudern würde, wenn sie auch gleich nichts von dem Dinge zu plaudern wüßte, von dem sie sich zu plaudern vorgenommen hat. Ohnstreitig sind Betrachtungen über das Phantom, das man Kredit nennt, das erste, was sich einem darbietet, sobald man nur einen Blick auf Kunkels Leben wirft. Er hatte beständig mit diesem Gespenst etwas zu tun, und bis auf den letzten Augenblick lagen sie einander in den Haaren. Noch um die Zeit des letzten Schützenhofs, also ¼ Jahr vor seinem Tode, hat Kunkel ihm den derbsten Streich gespielt, den sich nur zwei Feinde spielen können, doch kamen sie endlich wieder ein bißchen zusammen, bis Kunkel starb und sein Feind ihn völlig verließ. Ich kann mich aber unmöglich dabei verweilen, weil ihre Streitigkeiten mich auf verdrießliche Partikularitäten führen würden, die allzeit eine schlimme Wirkung auf den Zuhörer tun müssen, wenn er das Subjekt nicht völlig kennt, dem man sie aufbürdet. Doch kann ich einen Umstand nicht unerwähnt lassen, von dem, wenn Fama hundert Zungen hat, wenigstens täglich 99 derselben in beständiger Bewegung zur Verunglimpfung unseres Freundes waren. »Er trinkt wie ein Vieh« sagte seine Frau, »das ist freilich wahr,« antwortete die ganze Stadt, und »es kann vielleicht sein,« sag' ich, trotz seiner Frau und der ganzen Stadt. Wundern Sie sich nicht, meine Herren, über meine Zurückhaltung, ich habe über keine Materie mehr gedacht als über diese, und doch bin ich nie zurückhaltender, als wenn es darauf ankommt, zu sagen, ob es recht oder unrecht sei zu trinken, und zwar so, was die Leute zu viel trinken nennen. Wir kennen die Vorschriften einer gesunden Pinik bis jetzt noch viel zu wenig, das was der menschlichen Seele noch jenseits der Bouteille zugehört, ist noch viel zu unbekannt, und bisher mehr besehen als bebauet worden. Wie wenn Kunkels Frau zu wenig getrunken hätte? Ist Nüchternheit eine billige Richterin für den Trinker? Ich glaube, wer weiß, was Judex competens ist, wird mit mir die Frage mit Nein beantworten. Es gibt eine Art Wein zu trinken, die sich zu der gewöhnlichen niedrigen, die der Deutsche mit Saufen bezeichnet, eben so verhält, als wie die platonische Liebe zu der tierischen. Sie erlauben mir dieses ein platonisches Trinken zu nennen, dieses könnte ohnstreitig wissenschaftlicher behandelt werden als die Liebe, und meinen Entwurf dazu werde ich Denselben vielleicht anderswo mitteilen. Freilich werden dazu noch Genies erfordert, die mit der Gabe zu trinken, ein gutes Vermögen und eine gute Logik besitzen, mit einem Wort, reiche und studierte Kunkels, die ihren Agathon neben der Bouteille liegen haben, sonst ist alles vergebens. Kunkels Neigung zum Trunke wird man also vielleicht in späteren Zeiten Genie zu einer noch nicht entwickelten Wissenschaft nennen, so wie unsere Zeiten die Zauberer, Empedokles, Faust und Roger Baco als große Geister verehren. Warum vermehrt die Natur den Wein in einer Proportion, die gar nicht der Vermehrung der Menschen entspricht? bloß um durch eine mehr sublimierte Nahrung die nun schon seit 5 000 Jahren fallenden Kräfte der menschlichen Natur plötzlich wieder auf die erste Stufe zu stellen, und gleichsam aufzuwinden, daß sie hernach wieder 5 andere tausend Jahre, ohne sich zu .verlieren, fallen können. Was kann Kunkel dazu, daß dieser Trieb zur Erhöhung in ihm sich in einem Jahrhunderte regte, da er in dem meisten Teile der Menschen noch etwas mehr schlief. Daß wir einen Trinker liederlich nennen, und ihn aus aller honetten Compagnie ausgeschlossen wissen wollen, scheint mir mit dem lächerlichen Verfahren unsrer gutherzigen Voreltern, die Hexen zu verbrennen, keine geringe Ähnlichkeit zu haben, wer weiß, wo der Christian Thomasius der Zweite lebt (in Deutschland gewiß), der seinem Vaterland in überzeugenden Vernunftschlüssen, wovon die meinigen nur ein bloßer Schatten sind, die große Wahrheit begreiflich machen wird, die ich, ein Deutscher, in dieser Barbarei schon erkannt zu haben, mich rühmen darf. Il boit comme un Allemand, sagt der Franzose, so he does, Sir, he drinks like a German, antwortete der Engländer u.d.gl. Aber wie, wenn hierin der Grund unserer Empfindsamkeit läge, unser Hang zu philosophicis, zur Martialischen Kritik, der Grund zu unserer lächelnden Gründlichkeit, zu unserm süßen Ernst, ohne welche wir so gut Franzosen wie jene, oder so gut Engländer, als wie diese sein könnten? Und wenn nun der Deutsche trinkt, so frage ich, für was für ein Publikum hat Kunkel getrunken, für ein französisches oder für ein deutsches? Ohnstreitig müssen wir von unsern Mitbrüdern klein denken, wenn wir sie mit französischen Augen betrachten, da wir wissen, wie wir bei den Franzosen stehen. Allein, liebe Landsleute, wann, frage ich, wann wollen wir anfangen, mit unsern eigenen guten deutschen Augen zu sehen? Wann wollt ihr euch einmal so zeigen, so wie jeder will, daß ihr zwischen dem Rhein und der Donau aussehen könnt und eigentlich aussehen sollte französische Tracht, französische Sprache, französische Philosophie, französische Sitten überall. Umsonst ruft die gelehrte Zeitung, gebt uns deutsche Charaktere, ihr Brüder, was hilfts? Kunkel trat als Original auf, er hätte in einem deutschen Originalroman wirklich brilliert, nichts hielt den Deutschen auf, er füllte seine Sphäre ganz mit deutschem herkulischen Fleiß; aber was sagte das Publikum: C'est un pauvre misérable que cet homme-là, il boit comme un Allemand. So, liebes Publikum, bemühst du dich vergeblich um Originale, wenn du sie, sobald sie auftreten, mit einer französierenden Kritik wieder niederschlägst. So ist es nicht schwer, meine Herren, zu demonstrieren, daß wir überhaupt noch wenig große Leute gehabt haben, nur frisch durch den Batteux geguckt, so wird man wenige unserer größten Schriftsteller mehr sehen. Und ich soll es dulden, daß man dich, deutsches Original, so französisch behandelt, bloß weil du nicht vornehm genug wärest, verewigter Kunkel! Schande für dich, Deutschland, ewige Schande, daß du Männer Trunkenbolde und Taugenichtse nennst, deren gnädige Weste du vielleicht geküsset hättest, wenn sie an einem Hofe oder auf einem Rittergute gesoffen hätten. Ich merke, ich werde warm, und danke es meinen Lehrmeistern, daß ich es hierbei werden kann. Nein, Kunkel, unter deiner alten roten Weste floß ein Blut, das verdiente, unter drap d'argent und brocade zu fließen, dort gehörtest du hin; hättest du 30,000 £ jährliche Einkünfte gehabt, um dir einen andern Standpunkt zu kaufen, so würdest du einem Distrikt von 30 Meilen vielleicht in dem Licht erschienen sein, in welchem dich nun nur allein der Philosoph erblickt. Sie haben nun schon, werteste Zuhörer, hinlänglich gesehen, was die Stadt von ihm dachte, die ihn beständig als ein monströses und sogar schädliches Glied ansah, da sie ihn doch höchstens nur als ein an sich sehr gesundes, aber ausgefallenes hätte ansehen sollen. Ich habe Ihnen auch gezeigt, was der unparteiische Bemerker davon sagen muß, Sie haben aber noch nicht das Ganze dieses Mannes übersehen können, hauptsächlich seines schönsten Teiles, seiner Seele. Ich werde also den dritten Teil meiner Rede dazu anwenden, ihn von dieser Seite zu schildern, und eine solche glückliche Verbindung von Kräften in einer Seele wird mir zu keiner geringen Entschuldigung gereichen, wenn Sie bisher geglaubt haben, daß ich die Sache zuweilen anders vorzustellen gesucht habe. Denn wo die innere Einrichtung einer Maschine gut ist, da haben wir die üblen Wirkungen allezeit in den äußern Dingen zu suchen, und so mußte ich notwendig in Kunkels Seele vieles für Phänomene erklären, was ich bei jedem andern in der üblen Einrichtung seiner selbst würde gesucht haben.

Dritter Teil

Ich habe am Ende der vorigen Abteilung gesagt, daß ich diesen dritten und letzten Teil der Seele des Verstorbenen widmen wollte. Ich wünschte, daß ich sogleich, ohne Weitläuftigkeit zu machen, zu Werke gehen könnte; allein blindes Vorurteil, Verleumdung und Mißgunst muß bei jedem Schritt erst bekämpft werden, wenn er mit einiger Sicherheit getan werden soll. Es ist unglaublich, wie ein einziger gegründeter Tadel tausend ungegründete, ein Zweifel, der mit Recht gemacht wird, hundert andere kleine und große Mutmaßungen ausheckt, so daß derjenige, der sich gegen sie auflehnt, oft nicht recht weiß, wie ihm der Kopf steht. In welchem Land, außer dem Göttingischen, würde man wohl nötig haben, solchen Zweifeln zu begegnen, als ich gleich zu Anfang meiner dritten Abteilung tun muß. O teuerster Freund, rechne es mir nicht zu, wenn dir selbst eine solche Verteidigung beleidigend vorkommt, es sind Zweifel eines verblendeten Publici, die dein Verteidiger mit Tränen wiederholt, ja meine Herren, mit Tränen muß ich es Ihnen sagen, daß man hier öffentlich gezweifelt hat, ob der Erblaßte eine Seele gehabt habe. Rasende, tollkühne Bosheit! O wenn doch jeder, der daran zweifelte, allemal die Existenz seiner eigenen hätte dartun müssen, vielleicht wäre nie gezweifelt worden. Doch was erhitze ich mich mit solchen Gegnern! sah er nicht aus wie andere Menschen, von denen man behauptet, sie hätten Seelen, ja wenn er frisiert war und sein gutes Kleid anhatte, so sah er aus wie unser einer, Ihr Mitbrüder. Er hatte eine Büchersammlung, ich weiß wohl nur zum Hinstellen oder zum Verkaufen größtenteils, allein er las auch. Er hatte, so wahr ich ehrlich bin, Sie können mir glauben, er hatte den Renommisten gelesen und mit Empfindung, sogar habe ich ihn gefunden, daß er im Young las, ohnerachtet er mir freimütig gestand, daß er ihm zu mathematisch wäre; Sie müssen sich über diesen Ausdruck nicht wundern, er heißt oft bei dergleichen Leuten so viel als dunkel, und wird von etwas vornehmeren, der Nebenideen halber, nicht leicht mehr gebraucht. Er focht vortrefflich, und seine übrige Leibesstärke machte, daß der Gegner selten einigen Nutzen aus den ungleichen Schenkeln des Verstorbenen schöpfen konnte, da er hingegen von seiner Seite, die Vorteile, die dieser Naturfehler ihm zuweilen wenigstens gewährte, allezeit zu gebrauchen wußte. Auf ein gutes Lager beim Fechten hielt er sehr viel, dieses gab er oft dadurch zu verstehen, daß er auf das vorgesetzte Knie mit Heftigkeit schlug, und dabei die Worte hie murus aheneus esto, mit einer Stimme donnerte, die bei einer ernstlichen Gelegenheit dem Lager selbst nicht wenig Nachdruck würde haben verschaffen können. Können wir also einem solchen lächerlichen Zweifel noch Gehör geben? Wer wollte uns widrigenfalls denn zuweilen gut dafür sein, daß wir Seele hätten. Kunkel trank; trinken wir nicht auch? Er verkaufte seine Bücher, ohne sie gelesen zu haben; tun wir dieses nicht auch zuweilen? Wie? Ja, aber er prügelte seine Frau? seltsames Argument gegen das Dasein einer Seele! Haben dieses nicht große Männer vor ihm getan? Ich will nur den einzigen Dechant Swift nennen, dem vielleicht der witzige Lamettrie selbst seine Seele nicht streitig machen würde. Ich übergehe die Vorteile, die ich selbst aus diesem Argument gegen meine Gegner ziehen könnte. Haben wohl je die Naturgeschichtschreiber bei dem unvernünftigen Vieh so etwas als Uneinigkeit in der Ehe bemerkt, zumal von Seiten des Männchens? Wenn ich also daraus schließen wollte, daß Vernunft dazu gehört, seine Frau zu prügeln, so könnte es mir niemand verdenken, aber ich lasse diese Waffen stecken, und sage, wie Scipio einmal etwas Ähnliches bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: kommt Freunde, laßt den Narren reden, wir wollen von etwas andrem sprechen. Also nun, geliebte Mitbrüder, bei dieser Seele, deren Dasein wir nun erwiesen haben, fällt augenblicklich in die Augen eine beinah stoische Standhaftigkeit, so eisern, als nur immer eine auf Grundsätze aufgeführte sein konnte. Sich immer gleich; Verleumdung, Gelächter, Schimpfen, nichts konnte ihn biegen; nie sich verleugnet, allzeit so fest Kunkel, als nur immer Cato Cato war; darauf lebte er, und darauf starb er. Er hätte am rechten Orte Wunder getan. Hätte ich einen Wahlspruch für ihn zu wählen, so müßte es dieser sein: da mihi quo pedem figam et terram movebo. Er konnte einen ganzen Trupp von Jungen, dem sich vielleicht Epiktet selbst entzogen hätte, so kalt um sich stehen sehen, als ich einen Trupp Hühner, keine Runzel, kein Zug machte einen Absatz mit dem Hauptgang seines unerschütterlichen Vorsatzes. Er hörte oft des Abends in seiner Stube das Schimpfen der Vorübergehenden gegen ihn, und wie hörte er es? so wie der Weise das Geplauder der unermüdeten Lästerzunge in seiner Reise durch dieses Leben. Sagte er zuweilen etwas, so war es mehr in der Form einer kalten Betrachtung, als einer Bewegung des Ehrgeizes, die der Absicht des Schimpfers korrespondierte; seine Augen blieben unverrückt, wie seine Contenance, er trank fort, mit der Miene des platonischen Trinkers, der mit einem Glas Hochheimer, den ihm sein Mädchen reicht, die Gunst oder den Haß einer Welt und alle curas inanes mit heiterer Miene aufwiegt. Ich kenne Zeiten, da der Student ihm des Abends seine Leibesgebrechen mit lauter Stimme vorrückte, ja, meine Herren, eine Schande für unsere Akademie, ich erinnere mich, daß es für eben so brav gehalten wurde, dieses zu tun, als vor einem Jahr: schleifen lassen, zu rufen. Aber wie verhielt sich Kunkel bei diesem Zeitvertreib des nicht studierenden Studenten? Wo nicht wie ein Fels, doch gewiß so gut als irgend ein praktischer Philosoph. Er sah gegen die Gasse hin mit einem Kopfschütteln höherer Art, das sich in gute Betrachtungen würde entladen haben, hätte eben der Kopf, der geschüttelt wurde, gewußt, daß diese Ausbrüche oft mehr geschätzt werden, als die Tat selbst. Kurz, meine Herren, da man selbst gewisse große Eigenschaften sonst reißender Tiere dem Menschen empfiehlt, so kann ich um so mehr hier ausrufen, seid standhaft wie Kunkel, gleichgültig bei dem Gespötte der Toren, wie dieser Antiquarius war, so wird man euch, Menschen, wenn ihr weniger trinkt, vielleicht als die Epiktete und Senecas eurer Kirchspiele, noch lange kennen. Ich lasse hier den standhaften Kunkel, und wende mich nun zu dem witzigen. Ja, meine Herren, Kunkel hatte wirklich Witz, zwar nicht von dem ganz feinen, so wie ihn Kästner schreibt, oder Reich in Leipzig gerne verlegt, aber doch immer Witz; eine Gabe, seinen rohen Vorrat von Begriffen unter gewisse Klassen zu bringen, und mit dem groben Band einer zuweilen ekelhaften Ähnlichkeit zwei und zwei immer zusammen zu kuppeln, diese besaß er in einem sehr hohen Grade. Skurrilische Briefe und eine Bibliothek der elenden Skribenten hätte er schreiben können, und er hat wirklich so viel in der Materie gesprochen, als 6 Stücke austragen. Daß truncus ein Klotz heißt, hat er mit Burmann und Wilken zugleich gesehen, ohne einen oder den andern gelesen zu haben. Ich bedaure nichts mehr, als daß wir diesen Mann zu einer Zeit verloren haben, die er sich so sehr zu überleben wünschte. Die kriegerische Kritik war sein Favoritdiscours, und er gab wirklich nach dem Krieg die kriegerischen politischen Zeitungen auf und hielt sich lange statt derselben kriegerische gelehrte Zeitungen und Journale, bis Paoli sich zu zeigen anfing, da er denn die Hamburger wieder wählte. Einer seiner größten Wünsche war, daß er den Antikritikus einmal bei Grabensteiner oder auf dem Kruge vor dem Geismartore finden möchte, die Klotzische Partei hätte sich viel von ihm zu versprechen gehabt, denn er pflegte gewöhnlich Streitigkeiten, worin er sich mischte, entweder zu endigen, oder sie wenigstens in eine andere zwischen ihm und der Obrigkeit zu verwandeln. Daher kam wirklich einer seiner Hauptfehler, ein heimlicher Groll gegen die Obrigkeit; er glaubte nämlich, daß Gerechtigkeit aus der zweiten Hand nur halbe Gerechtigkeit wäre. Ich habe gefunden, daß sich alles bei ihm auf einen gewissen falschen Satz gründete, er meinte, alles was er gerne täte, sei Beruf; diesem Worte, das er immer in einem sehr weitläuftigen Verstande nahm, wenn es darauf ankam, eine Handlung zu entschuldigen, muß man vieles von dem Ungewöhnlichen zuschreiben, das man in dem Leben des Mannes antraf, denn Sie glauben kaum, meine Herren, was ein solcher Begriff sich unter allerlei Gestalten zeigen kann, wenn er sich in einem Kopfe festsetzt, der niemals ist, ohne etwas zu wollen. Seine Frau, sagte z. E. dieser unglückliche Philosoph, prügelte er niemals, als wenn er in sich einen Beruf von allen Seiten, wie er es nannte, dazu spürte, und es flösse ihm auch nicht sonst, und er könne deswegen gar nicht begreifen, wie Leute so verstockt sein könnten, bei jeder kleinen Ursache auf ihre Weiber zuzuschlagen. Traurig, liebe Zuhörer! aber menschlich; erinnern Sie sich der famosen Distinktion zwischen per se und a se, erinnern Sie sich, was Mandeville geglaubt hat? Ich hoffe, Sie werden mit mir dieses dem Verstorbenen zu gut halten; einen Teil rechnen wir für die menschliche Natur, und den andern für etwas, was man Halbgelehrsamkeit nennt, die ich eine Fertigkeit nenne, eine Menge falscher Begriffe richtig anzuwenden. Außerdem, meine Herren, hat man mich versichert, daß Kunkel nichts weniger als Gefahr lief, den Tod des Poggius zu sterben; er machte sich also desto weniger ein Gewissen daraus, eine Gesellschafterin, die ihm gegeben war, einem gewissen Beruf zu entsprechen, den er selten verspürte, für einen andern Nutzen, der ihm. öfter ankam, zu gebrauchen. Ich führe dieses an, um zu zeigen, daß dieser Mann durch falsche Distinktionen hätte unsterblich werden können, wenn er noch die vier Gaben gehabt hätte, ein großer Mann zu werden: Modernen Witz, Latein, Kühnheit und einen Verleger.

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