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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 17
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typemisc
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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projectid3da83a91
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Wider Physiognostik

Eine Apologie von G.C.L.

 

Quid cum illis agas, qui neque Jus neque
bonum atque aequum sciunt;
Melius, pejus, prosit, obsit, nihil vident
nisi quod lubet.

Terentius

Nach den wiederholten, kostbaren Beweisen, welche die Physiognomen von ihrer tiefen Menschenkenntnis bisher von Zeit zu Zeit ihren Subskribenten haben zufließen lassen, konnten die letzteren wohl mit Recht auch einmal für ihr Geld eine Probe von der Menschenliebe verlangen, welche die Einweihung in ihre Lieblings- Wissenschaft bei großen, freigebornen Seelen untrüglich befördern soll. Auch diese ist nunmehr für die Ostermesse 1778 fertig geworden. Sie ist simpel, zweckmäßig, und dieses Mal wohlfeil. Überdas wird sie von einem Manne geliefert, der einer der größten Physiognomen und folglich der größten Menschenfreunde unsers Jahrhunderts ist, und der außerdem, um die Sache recht angenehm machen zu können, bei einer gewissen angebornen Gabe von gefälliger, Bostonischer Urbanität, nichts von dem besitzt, was man hohle Festlichkeit in der Sprache, Konventions-Rhythmus unserer Zeit, oder, mit unsern Alten zu reden, heroische expressiones nennen könnte.

Meine Leser werden vermutlich schon jetzt merken, daß ich die menschenfreundliche Einleitung zu einer Abhandlung über die Harmonie zwischen Schönheit und Tugend meine, die im März des Deutschen Museums auf den ersten Seiten befindlich ist. Die Huld die jede Zeile derselben belebt, ist zwar an sich schon jedem fühlbar, der nur etwas in den Segensformuln unserer kritischen Gerechten bewandert ist; allein, um den Leser die ganze Salbung derselben erst recht schmecken zu lassen, muß ich zu meiner Schande bekennen: Ich habe den Mann, der der Verfasser sein soll, seit jeher auf Reisen und zu Hause bitterlich gelästert; ich habe ihn sogar in Briefen an ihn selbst geschmäht; wenn einfältige Leute, die, der Himmel weiß wie?, Kredit in und außer Deutschland haben, mir ins Ohr raunten: Er sei doch bei allem dem ein großer Mann, so habe ich allemal mit Hitze widersprochen, ob gleich alles so klar erwiesen war, daß ich selbst im Herzen dachte es wäre nicht anders. Und nun bedenke man einmal dieses Herzensmanns Verfahren gegen mich. O J'aime cette sensibilité de coeur; J'aime ces braves Suisses sagte der König von Preußen einmal von einem gewissen Schweizer, Schreiben des Herrn Leibmedicus Z. in H. an einen seiner Freunde. 1773. S.13. und ich sage es nach einem Irrtum von 8 Jahren auch. Allein der rechtschaffene Mann kann auch von nun an daraufrechnen, es soll ihm Huld um Huld widerfahren. Ich werde keine Gelegenheit vorbeilassen ihm zu dienen, und ich ergreife daher gleich diese erste öffentlich zu bekennen, daß ich mich geirrt habe – Doch – hier kommt mir der Übergang meines Weimarschen Rezensenten Merkur. November 1777. S. 117. vortrefflich zu statten: Ich habe lange genug ernsthaft geredet, es ist nun Zeit, daß ich anfange zu spotten.

Die Erscheinung im März des Museums ist allerdings merkwürdig. Ein philosophischer Aufsatz über die Harmonie zwischen Schönheit, Tugend und Verstand, mit einer Einleitung, worin weder Philosophie, noch Schönheit noch Tugend noch Verstand ist; eine Schrift, die die simple Sprache der Wahrheits-Liebe redet, und auf welcher deutsche Philosophie und deutsche Redlichkeit zu ruhen scheint, mit allem dem Witz-Zwang und dem ausländischen Prunk der sich bewußten Impotenz angekündigt; und endlich eine Abhandlung von einem Weltweisen, der niemand in Europa über sich hat, von einem angepriesen, der sehr wenige unter sich zu haben scheint: dieses sind allerdings seltsame Erscheinungen hier zu Lande. Auch muß ich bekennen, ich habe bei meiner nicht geringen Erfahrung in der Welt nur ein einziges Mal etwas Ähnliches gesehen, und das war – – Eine Bibel hinter einen Eulenspiegel gebunden.

Wenn mir jemand Fehler aufrückt, die ich verbessern kann, und nicht will, und er züchtigt mich sogar, wenn er Witz hat; gut, so bin ich zufrieden; ich will ihn wieder züchtigen, wenn ich Witz habe und er Fehler die er verbessern kann und nicht will. Satyre muß sich jeder gefallen lassen, und der am ersten der selbst welche schreibt. Das sind Kleinigkeiten. Ich denke mit Churchill: Tho' pointed at myself be satire free,
To her 'tis pleasure and no pain to me.

Allein ums Himmels willen habt Witz, Ihr die ihr dieses gefährliche Lehramt antretten wollt, und nehmt hier ein Exempel an eben erwähntem Eulenspiegel, wie verzwickt es läßt seinen Gegner benässen wollen wenn – – – wenn man nicht kann.

Wie aber, wenn uns ein Mann Fehler aufrückt und zur Last legt, die wir nicht verbessern können, wie da; O gegen den ist selbst Göbhard ein Engel; und wäre ich ein Engel gegen Swift und Horaz, so müßte es aus alter Bekanntschaft geschehen, oder ich würdigte ihn nicht einmal der Ehre ihn unter die Sterne aufzuknüpfen. Doch nun näher zur Sache.

Es hätte freilich nach dem Beifall, welchen die kleine Antiphysiognomik im Göttingischen Taschen-Kalender erhalten hat, ein Anfall, wie der in eben erwähnter Einleitung, dem Verfasser nicht ganz unerwartet sein sollen. Er kannte die Sitten einiger seiner erhabenen Gegner und ihre Schwachheiten lange ehe sie sich durch gedruckte Offenbarungen selbst der minder prüfenden Klasse von Menschen auf diese Art enthüllt haben. Unpolierten Tadel konnte er von denen, deren Lob selbst unpoliert ist, desto sicherer erwarten, je weniger er selbst die Kunst verstund die Fackel der Wahrheit durch ein solches Gedränge zu tragen ohne irgend ein Kopfzeug oder einen angesetzten Bart zu versengen. Allein dem ohngeachtet, muß er bekennen, fand er sich doch am Ende in der Hauptsache betrogen. Denn was er, aus wichtigen Gründen, allein erwarten zu müssen glaubte, waren prächtige Machtsprüche des blinden sich gekränkt glaubenden Hochmuts, ungesittete Ausbrüche verzweifelnder Mäklerei, und höchstens, was Physiognomik anging, die alte Aussichten wieder durch neue Löcher. Statt dessen aber sah er mit lächelndem Erstaunen ein hohes selbstständiges Wesen, einen physiognomischen Welt-Erlöser, der auf einen Angriff wie der seinige höchstens als auf einen kleinen Zusatz zu seiner irdischen Leidens-Geschichte mit erhabner Ruhe hätte herabsehen sollen, würklich und im Ernst beschäftigt und genötigt, sich deutliche Begriffe von Berlin zu verschreiben – um ein Paar Kalender-Blättchen zu widerlegen.

Ich sage dieses gar nicht um jenes Verfahren zu tadeln. Das sei ferne von mir. Ich lobe es gegenteils als sehr weise und der Beförderung von Menschenliebe und Menschenkenntnis höchst zuträglich. Daß man von fremdem Boden holen kann, was der unsrige nicht trägt, ist ein Haupt-Vorteil des gesellschaftlichen Lebens, nur mögte ich wünschen, jener Kommerz-Traktat wäre um einige Jahre früher geschlossen worden.

Der Plan war übrigens im Ganzen nicht schlecht angelegt. Mendelssohns Name (denn der ist der Verfasser jenes Aufsatzes) hat bei den prächtigen Nichtdenkern unserer Zeit eben so viel Gewicht, als des verehrungswürdigen Mannes Schlüsse bei Denkern haben, und bei Denkern und Nichtdenkern zu verlieren, das heißt unstreitig bei der ganzen gelehrten Welt verlieren. Ich also, der höchstens ein bißgen Namen gewinnen kann, mit Personen im Streit die teils des ihrigen gewiß sind, teils für ihr Bißgen bis aufs Blut fechten würden, das ist freilich eine traurige Aussicht, bei Eröffnung eines Feldzugs. Und ein solches Treffen war es grade, was mein heißatmender Gegner wünschte, eines bei welchem mich selbst der Sieg zu Grunde richten mußte. Ob die Wahrheit darunter gewann oder nicht, ist wohl solchen Philosophen gleichgültig. Auch muß ich bekennen, man suchte mir mein Leiden erträglich zu machen; weil nämlich ein sehr erleuchteter Teil des deutschen Publikums mehr nach Namen, als Sachen richtet, so hielt man aus alter Bekantschaft Mendelssohns Namen äußerst geheim. Denn da man in Deutschland die Verfasser anonymischer Aufsätze gemeiniglich schon kennt, ehe sie geschrieben sind, so konnte ich, daß Mendelssohn der Verfasser eines Aufsatzes wider mich im Museum sein würde, mit gnauer Not kaum vier Wochen vorher erfahren ehe er gedruckt ward.

Hier könnte ich fragen: war es billig eine Abhandlung die für ein Taschenbüchelchen geschrieben war,das man nach einem Viertel-Jahr gemeiniglich wegwirft, einer Prüfung zu unterwerfen, die eigentlich nur für jene festlichen Kompilationen unserer Prächtigen gehört, in welchen einem die gewagten Gedanken und die neuen Entdeckungen um den Kopf schwärmen, daß man nicht weiß wo er einem endlich mehr steht? Allein ich verachte dieses Argument, und setze nur dieses hinzu: hätte der, der so sehr gegen die kleine Schrift tobt, sie unter meinen Umständen, an meiner Stelle für ein solches Büchelchen geschrieben, so wäre sie gewiß prächtiger und gewiß seichter geworden. Es ist viel gesagt, aber es kommt auf eine Probe an.

Indessen, ich weiß nicht, ich fürchtete Mendelssohns Abhandlung schlechterdings nicht. Ich kenne des vortrefflichen Mannes philosophische Unparteilichkeit, und seine von aller gelehrten Stockjobberei entfernte Wahrheitsliebe. Ich habe sie lange gekannt und eben deswegen schon 1772 bei dem berüchtigen Bekehrungs- Werk gewünscht, wo nicht der Jude, doch der kluge, ruhige, stille Denker mögte der Bekehrer sein. Und mein Gott, warum hätte ich den Mann fürchten sollen? Den Profit für meine Physiognomik hatte ich einmal bar in der Tasche, das Lob des größten Philosophen hätte mich um keinen Pfennig reicher und sein Tadel um keinen ärmer gemacht. Alles was ich also von seiner Schrift insofern sie schnurstracks wider mich gewesen wäre im schlimmsten Fall erwarten konnte, war Überführung eines Irrtums, und wahrlich, wenn dieses für den, der von Grund des Herzens zu lernen wünscht, kein Vorteil ist, was ist Vorteil? O ich weiche einem gründlichen Argument sehr gerne (was hülfe es auch wenn ich nicht gerne wiche? ich könnte gar den Hals über dem Mutwillen brechen) und ferne sei es von mir je in der Welt einen Mann mit Bitterkeit zu behandeln der meine Vernunft belehrt. Ja ich würde sogar schweigen, wenn er mich mit Bitterkeit belehrte. Bitterkeit ist nur gegen Stammbetrüger, oder eingebildete betrogene Betrüger, gegen stolze Plauder- und stolze Polter-Köpfe, oder gegen Leute gut angebracht, die einen dreimal wiederholten Beweis für einen dreifachen halten, und ihre Irrtümer immer weniger fühlen je öfter sie sie begehen, zumal wenn sie von der Art sind, daß sie zwar Huld mit Huld erwidern, aber was die Sache betrifft ruhig fortfahren. Ich habe dem Himmel sei Dank gelernt mich über das temporelle Gegickel und Geflüster derer wegzusetzen, die keine Meinung über irgend etwas haben und daher auch das Vergnügen belehrt und in sich selbst sicherer zu werden nicht schmecken können. Überhaupt denke ich, was unser einem in der Welt gefährlich ist, sind nicht sowohl die langen Arme der Großen als die verhenkerten kurzen der interessierten Kammerdiener. Ich erwartete also in aller Ruhe eines Lehrbegierigen was Herr Mendelssohn sagen würde.

Als ich endlich die Philosophische Abhandlung selbst las, wie groß war nicht meine Freude, meine Meinung mit der des vortrefflichen Mannes nach einigen gemachten Einschränkungen völlig zusammentreffen zu sehen, hingegen wie groß mein Erstaunen über den Einleiter, der sie, vermutlich ohne sie durchgedacht und mit der meinigen ernstlich verglichen zu haben, oder welches mir wahrscheinlicher ist ohne beide zu verstehen, dem Publikum als eine Widerlegung von mir aufhängen will. Sie ist so wenig eine Widerlegung von meinen Sätzen, daß sogar wenn ich die vortreffliche logische Ordnung der Sätze, die gnauere Unterscheidung der Begriffe und deren Bezeichnung mit neuen Namen ausnehme, die ich nicht hätte unternehmen dürfen, ohne daß Dietrichen 3000 Kalender liegen geblieben wären, so steht in Herrn Mendelssohns Abhandlung wenig, was ich nicht schon selbst gesagt hätte. Warum sagt der sinnreiche Einleiter dann nicht lieber gleich, ich habe meine Abhandlung durch meine Kupferstiche widerlegt? Ich selbst lasse die Tugend schön, das Laster häßlich zeichnen. Ich sage mit Herrn Mendelssohns Worten: die Tugend macht schöner und das Laster häßlicher, ich sage, wüchsen unsere Körper in reiner Himmels-Luft, durch keine äußere Kräfte gestört, so würden Tugend und Talent ihre untrüglichen Zeichen haben, vielleicht nennten wir auch alsdann jene Zeichen schön, und nun tritt ein Mann auf und sagt, und dieses noch dazu in Ausdrücken und Anspielungen, deren Billigkeit ich auf seinem Gewissen lassen will, ich leugne alle Harmonie zwischen Schönheit und Tugend. Was diesen ungereizten Gegner hierzu bewogen haben kann, will ich wenigstens jetzt nicht untersuchen. Wo sich Leute so weit vergehen, da findet die bitterste Satyre ihr Werk schon getan. Ich wende mich vielmehr zu Dir, teuerster Mendelssohn, zum Heiligtum der Philosophie, ohne mich um die polternde aber längst unschädliche Hellebarte des Trabanten zu bekümmern, der sich so ungeschickt als ungebeten vor die Tür gepflanzt hat.

Doch muß ich vorher einige Anmerkungen machen. Die Absicht meiner Schrift war nicht Herrn Lavater in allen Stücken zu widerlegen, sondern nur dem Heuschrecken-Heer von Physiognostikern zu steuren, das durch seine Wärme ausgebrütet jetzt unsere Gesellschaften schändet; sie war nicht, zu erweisen, daß man gar nicht aus den Gesichtern urteilen könne, sondern daß diese Urteile äußerst trüglich seien; sie war, Mißtrauen und Behutsamkeit gegen Herrn Lavaters Schriften bei Leuten zu erwecken, die was er Wahres hat nicht mehr von seinen Irrtümern unterscheiden konnten, und die, weil er ein rechtschaffener Mann ist, gleich glaubten, er sei ein untrüglicher Mann. Wenn Herr Lavater sagt Physiognomik Tom. I. p. 58.: Es sei ein fast gotteslästerlicher Gedanke zu glauben, daß Gott das was ihm am liebsten, und an sich selbst das Liebenswürdigste ist, (die Tugend) gleichsam mit dem Siegel seines Mißfallens stempeln könne, so wollte ich zu verstehen geben, es sei ein fast gotteslästerlicher Gedanke sich auf diese Art zum Richter des Unbegreiflichen aufzuwerfen, und daß, wenn ich je glauben könnte, daß Gott seine Werke mit dem Zeichen seines Mißfallens stempelte, so müßte es der Verstand desjenigen sein, der so etwas ohne Einschränkung behaupten könnte. Ich sage dieses nicht gegen Herrn Lavatern selbst. Ich weiß, er glaubt es nicht, oder weiß sich mit seiner Unterscheidung zwischen häßlicher und leidender Tugend zu helfen. Allein er muß bedenken, sein Werk ist weitläuftig, seine Ordnung entschuldigt der Titul. Mörder haben die Bibel zitiert, wieviel eher können alberne superfizielle Menschenfeinde seine Physiognomik zitieren. Schon im Jahr 1778 findet sich ein Unterschied zwischen Lavatern und Physiognostikern, der größer ist als der zwischen Paulus und einem Groß-Inquisitor. Meine flüchtige Schrift, von welcher ich mich als ich sie schrieb geschämt hätte zu denken, daß sie nur die Hälfte des Aufsehens machen würde, das sie gemacht, hat es einzig der Verbitterung beider Parteien zu danken, an der ich unschuldig bin. Lavaters Feinde schrien, da habt ihrs nun endlich, und seine Freunde, zumal die Polter-Köpfe die schlechterdings nichts mit Kälte prüfen können, glaubten, sie hättens nun würklich, und fingen deswegen an alles so bitter zu widersprechen, als – wenn sie's im Herzen glaubten.

Es ist mir leid, daß ich sagen muß, daß Herr Lavater der mein Kalender-Blättchen im 4ten Teil seiner Physiognomik einer Antwort von 38 Seiten in groß 4 to mit Kupfern gewürdigt hat in denselben Fehler verfallen ist. Mit dieser Idee im Kopf konnte es ihm freilich nicht fehlen, er mußte Widersprüche in jeder Zeile finden. Was kann Ich dazu, daß seichte Prüfer glauben wenn etwas über eine Sache herauskommt, so muß es entweder pro oder contra sein, und daß es kein Mittel gebe zu zeigen, daß sich beide irren. Ist das meine Schuld? Mein Gott! Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch? Ich erkläre mich noch einmal, hier und da läßt es sich physiognomisieren, wie hier und da prophetisieren, der eine mehr der andere weniger. Im ganzen und in Millionen Fällen gegen einen ist alles ein Nichts und Physiognomik eine Prothetik. Ich werde noch einige Zeit fortfahren in dem nächsten Stücke meiner Schrift dieses nach Kräften zu zeigen, ich sage einige Zeit, und wenn sie es alsdann nicht glauben wollen, gut, so sollen sie es, nach dem 10ten Quartanten, selbst finden.

Nun erlauben Sie mir, teurer Mann, einige Anmerkungen über Ihre Sätze zu machen, bloß ihren Zusammenhang mit den meinigen zu zeigen. Sie sagen S. 195 »Die organische Schönheit steht sehr oft mit der leblosen Schönheit in Harmonie – Sie sind aber sehr oft in Kollisionsfällen genötigt« pp. Allein was ist sehr oft? Zwei ist mehr als eins und eine Million auch. Ferner bei der tierischen Schönheit sind die Kollisions-Fälle noch häufiger, also schon häufiger als sehr oft, und endlich beim Menschen sind sie noch desto häufiger, als bei der bloß tierischen Schönheit, folglich schon häufiger als häufiger als sehr oft. Das ist es eben was ich sage, und doch betrachten die Physiognomen diese Kollisionen nicht als Kollisionen, sondern nach den Regeln einer unleugbaren Pathognomik bringen sie alle ersteren Erscheinungen irgend unter eine Regel der letzteren. Sie geben jedem Zug, der nicht mit dem Pallasch gezeichnet ist, auf irgend eine Weise eine Bedeutung von innerer Anlage, und müssen das tun so lang sie bestehn wollen. Ich wollte ja nicht a priori bestimmen was Menschen sein könnten, ich wollte nicht Menschen schaffen, sondern die geschaffenen beobachten. Daß der Mensch lebloser, organischer, tierischer und eines Ausdrucks von Seelen-Schönheit, wie Sie vortrefflich unterscheiden, fähig ist, ist klar, sobald man annimmt, daß er aus Ingredienzien besteht, die einzeln jener Schönheit fähig sind. Auch muß der vollkommenste Mensch alle jene Schönheiten alsdann besitzen, weil er sonst nicht der vollkommenste wäre. Allein hier eröffnet sich auf einmal ein entsetzliches Leere in der Anthropologie, welches auszufüllen vielleicht der Mensch nicht einmal Vollmacht von der Natur hat. Nämlich inwiefern steht leblose Schönheit mit der tierischen, und leblose, organische und tierische mit Schönheit der Seele in Verbindung? Daß irgend eine Verbindung zwischen ihnen ist, leugne ich nicht, oder will es wenigstens nicht leugnen, so lang diese Abhandlung selbst einigen Einfluß auf den Amerikanischen Krieg hat. Könnte nicht, um bloß ein Exempel zu geben, die organische Schönheit Gesundheit und die tierische Stärke Behendigkeit usw. bedeuten? Ich leugne nicht, daß jede dieser vier Schönheiten sich allen vieren wiederum mitteile, aber in welchem Grad, und nach welchen Verhältnissen? Mit dem bloßen sehr oft kommen wir hier nicht aus. Die Frage ist wie weit kann die eine abnehmen, bis die andere merklich leidet»Kann nicht, allen wechselseitigen Einfluß zugegeben, die leblose, tierische und organische Schönheit sich um 1000 verändern, wenn die der Seele um 1 abnimmt? Ich sollte dieses denken, da man einem Arme und Beine, Nase und Ohren abschneiden, wodurch die leblose und organische Schönheit nicht wenig leiden, und eine geringe Verletzung des Rückenmarks alle Glieder lähmen kann, ohne die Seele in ihren übrigen Verrichtungen zu stören. Auch hat die Natur in Bildung der Menschen zu unserer Belehrung solche Schritte getan, daß ich, der ich bloß für den Gebrauch schrieb ohne mich um das Spinnengewebe der Theorie zu bekümmern, allemal im Jahr 1778 sagen konnte, leblose organische und tierische Schönheit in der Oberfläche hat nichts mit Schönheit der Seele zu tun. Der abstrakte Geometer kann immer Ludolf van Ceulens Verhältnis zwischen Diameter und Umfang des Zirkels für wichtig halten, dem Arbeiter ist meistens die von 100 zu 314 hinreichend. Ich sagte: Leute nehmen diesen Louisdor nicht, er taugt nicht, und Herr Mendelssohn sagt, Ihr Scheidekünstler, 2 Taler könnt ihr dafür geben, denn es ist so viel Gold, so viel Silber und so viel Kupfer darin. Die Menge wird, so lange die Welt steht, das für schön halten, was ihr gefällt. Was hätte mir alle Scheidung der Begriffe geholfen, wenn jedes Mädchen, die einen Husar-Offizier nicht von einem Engel und einen Sokrates nicht von einem Teufel unterscheiden kann, die Ingredienzien in der nächsten Minute beim Gebrauch in der Haushaltung wieder zusammengeschüttet hätte! Daß ich unter der Schönheit S. 7 des Kalenders die leblose und organische verstanden habe, hingegen unter der S. 15 die Ausdrucks-Schönheit verstanden wissen wollte, wird jedem einfallen, der nicht aus mikroskopischer Beobachtung einer einzigen Periode oder gar eines Ausdrucks die ganze Richtung der Abhandlung erklären will, sondern der aus der Beobachtung des Ganzen die Tendenz der einzelnen Perioden erwägt und einzelne Ausdrücke entschuldigt. Neue Namen diesen Schönheiten beizulegen, fiel mir an einem Ort, der so weit vom Katheder entfernt ist, nicht ein. Ferner ist nicht zu leugnen, daß ich eben so, wie man Harmonie zwischen Schönheit und Tugend erweiset, auch Harmonie zwischen Tugend und einer guten Lunge erweisen könnte, indem ein vollkommener Mensch ohne diese nicht gedacht werden kann. Nicht Krankheit allein, sondern Kränklichkeit, die sich auf Mangel an organischer Vollkommenheit gründet, in vielen Fällen die Oberfläche erreicht und zu Mangel an Schönheit wird, diese ist sage ich nur allzu oft das Los der Tugend. Hatte ich deswegen Unrecht, wenn ich so gradeweg fragte: Was hat Schönheit des Leibes (leblose, organische, tierische) mit Schönheit der Seele zu tun? War es seltsamer als wenn ich gefragt, was hat Gesundheit des Leibes mit Schönheit der Seele zu tun? Daß Tugend Ausdrucks-Schönheit bewürken kann leugne ich nicht, ja nicht allein dies, sondern ich sage es selbst, und auch das nicht bloß schlechtweg, sondern ich habe es mit Schwabacher drucken lassen. Kalender S. 15. Zweite Auflage S. 62. Und was soll ich sagen, wenn selbst Du, rechtschaffener Mann, an Gesundheit und Leibesstärke von dem Einleiter zu Deiner Abhandlung übertroffen wirst, der Dir so weit nachsteht und mich, seinen ehmaligen Bekannten, nicht etwa mit Satyre, sondern mit Bostonischer Urbanität behandelt; Nicht mich zu überzeugen, welches er sich nicht getraute zu tun, sondern bloß um mir zu schaden oder mich lächerlich zu machen, welches er nicht konnte.

Es gibt Städte in Deutschland und Familien in allen Städten, wo man alle vom Gewitter Getroffenen für Bösewichter, und den Schlagfluß, wo ich nicht irre, êáô' åîï÷çí die Hand Gottes nennt, und das sind grade die, in denen wenigstens einige Kapitel des Herrn Lavater zur Würde des Thomas a Kempis, Habermann und Kuhbach erhoben worden sind.

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