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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 16
Quellenangabe
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authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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An die Leser des Deutschen Museums

Es vergeht selten ein Posttag, daß ich nicht durch Briefe, und fast kein Tag, daß ich nicht mündlich befragt werde, ob ich denn gar nichts auf die verschiedenen Angriffe erwidern wollte, die man in den stürmischen Monaten des Museums von diesem Jahr auf die kleine Antiphysiognomik, und auf mich getan hat. Man halte, setzte kürzlich jemand hinzu, mein Stillschweigen hier und da für Überzeugung, und die Unpolierten fingen bereits an zu triumphieren. Ich stehe also keinen Augenblick länger an, diesen Freunden mein Vorhaben öffentlich und bestimmt zu erklären.

In jenen Monaten ist eigentlich Viererlei enthalten, das mich angeht. A) Eine philosophische Abhandlung über die Harmonie zwischen Schönheit, Tugend und Verstand, von Herrn Mendelssohn, nebst B) einer Einleitung dazu, worin weder Philosophie, noch Schönheit, noch Tugend, noch Verstand ist. C) Eine schön geschriebene Abhandlung von Herrn Lavater wider mich mit D) einem Paar Noten von Tobias Göbhard dazu.

Auf A) werde ich nicht antworten: 1) weil der Aufsatz nicht wider mich gerichtet, sondern schon ein Jahr vor Ausgabe des Kalenders durch einen Freund des Herrn Mendelssohn veranlasset worden ist, der mir dieses selbst berichtet hat. 2) Weil er nicht mit meinen Sätzen streitet, sondern, die schöne Bezeichnung der Begriffe und deren logische Ordnung ausgenommen, das meiste davon schon im Kalender steht, und weil 3) derselbe Freund Mendelssohns völlig mit mir darin eins ist, daß nach gehöriger Entwicklung der gedrängten Sätze, die er enthält, Herrn Lavaters Gedanken über das Physiognomische in der Schönheit dadurch auf das Kompletteste (das sind seine Worte), widerlegt werden. Dieses werde ich in dem zweiten Teil meiner Schrift wider die Physiognomen, die künftige Messe erscheinen wird, und auch ohne diese Schriften nicht eher erschienen sein würde, deutlich zeigen. Daraus wird sich dann in Rücksicht auf B) von selbst ergeben, daß a) der Kopf des Verfassers, der die Abhandlung nicht verstanden hat, eben so schwach sein muß, als seine Absicht boshaft, und seine Aufführung ungezogen war, und daß es ihm b) nicht sowohl um Belehrung seines Gegners, als um dessen Unterdrückung zu tun war, anderer Betrachtungen jetzt nicht zu gedenken.

C) werde ich umständlich beurteilen: Herr Lavater wird daraus sehen, daß er sich mit Beobachtung der güldenen Regel: Wenn dir die Widerlegung deines Gegners gar zu leicht wird, so frage dich zuweilen: habe ich ihn auch verstanden? will er mir auch überall widersprechen? drei Viertel seines Aufsatzes hätte ersparen können.

Wo ich mit ihm allein rede, kann er allezeit auf Bescheidenheit rechnen; aber er wird mir auch verzeihen, wenn ich, vor wie nach, auf das Heuschreckenheer von Physiognostikern, das seine Wärme ausgebrütet hat, losschlage, wo es mir dazwischen fliegt, und seine polternden Apostel, zwischen welchen und ihm schon jetzt, im sechsten Jahr der wieder hervorgesuchten Physiognomik, ein Unterschied ist, wie zwischen Großinquisitor und Paulus, züchtige, wenn sie mir unter Pauken und Trompeten dazwischen predigen wollen. Was endlich D) angeht, so kann der Verfasser darauf rechnen, ich werde seine vogelfreie Grobheit nie erwidern. Satyre muß sich jeder gefallen lassen, und also auch ich.

Tho' pointed at myself be Satire free,
To her 'tis pleasure and no pain to me.

Allein, dieser Mann ist offenbar über die Linie hinausgegangen, die den Pöbel vom Mann von Erziehung unterscheidet, dem diese bostonische Urbanität gewiß immer unerreichbar bleiben wird. Man antwortet nur auf Angriffe, die wenigstens einigen Personen treffend geschienen haben; ich habe aber noch zur Zeit nicht einen einzigen vernünftigen Mann angetroffen, nicht einen einzigen, der gesagt hätte, ein vernünftiger und ein rechtschaffener Mann könne so schreiben, wie die Verfasser von B und D an einigen Stellen. Ich verlange keinen großem Sieg.

Allein äußerst nahe geht es mir, daß es einigen müßigen Verleumdern beliebt hat, auszusprengen, ein gewisser berühmter Mann, mein geneigtester Gönner, sei der Verfasser von B und D. Ich widerspreche hiermit diesem ehrenrührigen Gerücht auf das feierlichste, und deklariere: wofern sie fortfahren, mit solchem Schandgewisper ihre Nachbaren anzustecken, so will ich auf meine eigene Kosten einen bereits bekannten Verteidiger der Unschuld bestellen, der diese Lästermäuler gewiß auf ewig stopfen soll.

Göttingen, den 21. Mai 1778.

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