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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typemisc
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Dienbare Betrachtungen für junge Gelehrte in Deutschland, hauptsächlich auf Universitäten

Es ist ausgemacht, was auch unsere Gedanken sein mögen, wie oder von was sie hin und her getrieben werden, so gibt es in uns zuweilen gewisse Passatwinde, die ihnen eine beständigere Richtung geben, wogegen kein Steuern und kein Lavieren hilft. Es ist kein geringer Vorteil für das moralische Kommerz, diese Zeiten und diese Richtungen zu kennen; man segelt mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit. Ich kann es an mir deutlich bemerken, in den Dezemberabenden streichen alle meine Gedanken meistens zwischen Melancholie und ängstlicher Selbstverkleinerung. Dieses ist die Zeit, wo jedermann ohne weitere Bestechung gradzu zu meinem Herzen kommen kann, und die Zeit, wo ich in der Besserung meiner selbst wieder alles so in den alten Stand stelle, daß man glauben sollte, es hätte das ganze Jahr so gestanden. Eine solche Zeit, habe ich schon längst einmal gedacht, wo vielleicht mancher guter Mensch eben in den Umständen ist, vielleicht gern an sich besserte, wenn er nur wüßte, wo der Riß wäre, das wäre vielleicht die beste Zeit, meinen jungen Mitbürgern etwas zu sagen, die beste Zeit für mich und für sie. Ihnen schreibe ich mein Werkchen zu, ungenannter Verfasser der paradoxen Wünsche, aus vielerlei Ursachen, vorzüglich aber, weil mir Ihre Schrift auch etwas von dem Wasser bei sich zu haben scheint, wovon ein Tropfen das gesundeste Schriftstellerblut unumgänglich gerinnen macht, eine gewisse laue Geschmacklosigkeit, die seit einigen Jahren in den jungen Schriftstellern unserer Nation epidemisch ist, und wider welche diesmal vorzüglich meine Betrachtungen streichen werden.

Sechs ganzer Jahre habe ich bei gesunder Vernunft auf einer berühmten Universität zugebracht, ich habe die ersten Schritte von mehr als hundert jungen Leuten gemessen, auf die man vorzüglich sah, unter diesen, ich wette wohl hundert gegen eins, werden keine zwei, vielleicht keiner den gelehrten Fond unseres Vaterlandes um einen Groschen bereichern. Ihre große Belesenheit, und ihre vielfachen Bemühungen spitzen sich gemeiniglich am Ende in ein paar Liedchen, oder in eine Übersetzung zu, woran Deutschland nichts liegen kann und liegt, und dann ist es ein Glück für den Staat, der um einen Kopf ärmer ist, wenn er noch die beiden Hände brauchen kann. Sie schreiben gemeiniglich eine Art von unbiegsamer Kandidatenprosa, die der Kenner wegwirft und der Mann im Dienst oft für zu schön hält. Dieses Übel ist größer, als vielleicht viele glauben, die es hindern könnten. Die alte bekannte Barbarei, wie sie noch jung war, mein Herr, sah damals in Rom vielleicht noch reizender aus, als diese Schöne unsern jungen Schriftstellern zulächelt, ich meine natürlich die Zeit, ehe sie sich in ein Kloster warf und Aristotelische Philosophie lehren wollte. So muß es eine junge Barbarei anfangen, wenn sie Anhang finden will; glauben Sie denn, Rom würde sie gehört haben, wenn sie gleich die Sprache vom Jahre Christi 600 geredet hätte? Das römische Publikum? Das Augsburgische würde sie kaum jetzt eines Seitenblicks würdigen. Nein, sie sprach erst wie tändelnder Witz auf plaudernde Philosophie angewendet, balancierte Antithesen und schmachtete zärtliche Nonsense, bis endlich durch sie Geschmack, von Natur und Wahrheit getrennt, eine bloße Mode ward, die jeder kritische Schneider nach Willkür lenkte, und jeder junge Herr auch ohne Zurückhalten mitmachte.

Die Ursachen dieses Verderbens können mannichfaltig sein, ich überlasse es einem andern, die nicht fruchtlose Mühe über sich zu nehmen, die Naturgeschichte der Barbarei zu liefern, oder eine Pathologie des Geschmacks zu schreiben. Ich zweifle nicht, daß die Ursachen dieses Übels nicht sehr viele sein sollten, die für den Arzt schwer zu treffen sind, für den heilenden sowohl als den beschreibenden. Ich schreibe für eine gewisse Klasse von Menschen, die ich genau kenne, und wer sich die Mühe nehmen will, sich 8 Tage unter sie zu mischen, wird vielleicht meine Bemerkungen treffend finden. Dieses war eine kleine Verbeugung gegen den Lehrstuhl der Kritik. Nun komme ich der Sache näher.

Der Trieb der Selbsterhaltung und zur Fortpflanzung äußern sich auf so verschiedene Art, treiben hier und da unter so mancherlei Gestalten, daß der Philosoph die Lust verliert, sie unter der Hülle aufzusuchen. Ein jeder hat tausend Löcher, herauszukommen. Stopft man das Loch A zu, so guckt er zum Loch B heraus, und wenn das Loch B zugehalten wird, so steht er hinter dem Loche C usw. Es ist vergeblich; gebt euch keine Mühe mehr, sie zu zähmen. Um die Zeiten des ersten Barts pflegt sich noch ein dritter zu ihnen zu gesellen, der eben so heftig ist, als diese beiden, aber an schrecklichen Folgen gewiß ärger, und dieses ist der Trieb, Bücher zu zeugen, oder überhaupt eine Begierde, die Majorennität seiner Seele in Gedanken und Worten, gesagt oder gedruckt, darzutun. Dieser, besonders mit dem erstem verbunden, ist fähig, die mühsamsten Werke zu liefern, mit dem zweiten verknüpft, schafft er nur kleine, als Briefe und Lieder, und findet er keine majorenne Seele, die lächerlichsten Geburten, weit unter der Würde der Vernunft und der Einbildungskraft eines Menschen. Ich bin beinah überzeugt, daß wir dem Trieb der Fortpflanzung mehr alberne Possen zu danken haben, als Menschenkinder, aber auch sehr viele Werke des Genies vom größten Gehalt, davon bin ich auch überzeugt.

Das Übel, welches die jungen Schriftsteller drückt, die ich meine, hat seinen Grund unstreitig in einer unglücklichen Verbindung des Autortriebs mit dem Trieb der Fortpflanzung, Liebe mag man sagen, wenn man will, mir ist es einerlei, doch wünschte ich, daß man dieses Wort lieber von jener Seelenmischung verstehen möge, die vielleicht manchen ehrlichen Deutschen glücklich macht, zu deren unaussprechlichen Erscheinungen aber unter uns Wieland zuerst die Sprache gefunden hat, der Empfindungen so ausspricht, daß sie augenblicklich wieder Empfindungen werden, durch deren Wärme die kleinsten Körner einer glücklichen Schwärmerei zu Gefilden von Glückseligkeit aufblühen können. Aber was ihr meistens Liebe nennt, ist Hunger, und wird noch keine Liebe durch die zärtliche Etiquette, womit ihr euch selbst zu blenden sucht, oder ist tändelnder Wörtertausch, den ein hoher Grad von unmännlicher Eitelkeit unterstützt; dieses letztere ist die eigentliche Schwindsucht der Vernunft, wie sie Hofmannswaldau heißt, die Mutter unendlicher schlechten Schriften und vorzüglich das Übel, das ich meine. Eine Empfindung mit dem größten geistigen Appetit in sich selbst genossen, ist ihm nichts wert, wenn sie nicht in ein Briefchen gebracht werden kann. Sie schätzen den Wert ihrer Empfindung nach der Tändelei, die sie ihnen darreicht, und kennen nicht den Genuß seines eignen Selbst, wodurch der philosophische Trinker oder Liebhaber sich wieder mit dem Helden ins Gleichgewicht bringt und Taten aufwiegt, wovon der Ruf durch Jahrtausende durchhaut. Der größte Teil denkt von allem so einfältig, wie von der Liebe, er getraut sich aber allein in diesem Fach zu schreiben, weil sich hier die Natur vielleicht am mindesten vergreifen läßt, und weil Meisterstücke in dieser Art den Unwissenden eher durch den Schein einer Leichtigkeit zur Nachahmung einladen. Also nicht Genie, sondern Verfall der Seelenkräfte, nicht Sammlung derselben zu einem Punkt, sondern Neigung, mit so wenig Kraft als möglich so viel als möglich zu tun, das ist es, was so viele unserer jungen Herrn begeistert, wenn eine wahre Entgeisterung diesen Namen anders verdient. Sobald ein solches Geschöpf einmal glaubt, es singe sanfte Empfindungen ins Herz, singe den Scherz der Freude und der Grazien, mit einem Wort, wenn es einmal glaubt, sein poetisches Zuckergebackenes sei die einzige würdige Speise für die menschliche Seele und ein Brot des Lebens für das Herz, alsdann ist es so schwer, ihm mit Gründen beizukommen, als dem Idealisten, der durch den Zauberstab seiner Imagination mit einem Streich Widerlegungen zu Tausenden schafft, durch welche keinem Fleisch zu dringen verstattet ist. Es gibt keine Sprache, die, ohne den Kopf des andern nötig zu haben, grade in sein Herz, oder ohne das Herz nötig zu haben, grade in seinen Kopf gehen könnte. Was ich andern sage, sagen sie sich eigentlich selbst, nur auf meinen Befehl. Wie soll ich also einen jungen Schwätzer überzeugen, bei dem der Tag der Vernunft sich zu einer weichlichen Dämmerung geneigt hat, bei der nur weniges sichtbar bleibt, aber freilich allemal hinlänglich, eine verzärtelte Einbildungskraft mit Bildern einer tändelnden Wollust zu versehen. Wieland und Gleim sind also keine Gründe, meine Herrn, die sich so anfangen: tändelt wie Wieland und Gleim, und das 25ste Jahrhundert wird es euch noch Dank wissen, hier finde ich den Menschen, so wie in den neueren Meisterstücken des ersteren überall. Hätte ich geschrieben, was sie geschrieben haben, ich wollte einem Gericht der schärfsten Aristarchen aller Zeiten mit solcher Zuversicht unter die Augen treten, als ich mit meinem jetzigen Pfund einem gewissen Rezensenten tun wollte. Jacobi hat sehr schöne Sachen geschrieben, sie sind aber für die Nachahmer gefährlicher, in seinen Liedchen weiß er sich mit unglaublicher Leichtigkeit auf der Linie zu erhalten, auf der man allein von pedantischer Artigkeit, und kindischer Tändelei gleich weit entfernt ist. Allein sein Brief an die Gräfin, die ihm Musarion schenkte, hier war Jacobi gewiß von der Linie herunter; nach welcher Seite, läßt sich leicht entscheiden, wenn man bedenkt, daß er nicht leicht pedantisch sein kann. Dichter von Range sollten solche Sachen nicht von sich sehen lassen, sie allein können gutes und böses Exempel geben. Eine große Seele braucht zum Scherz und der Freude solche Briefe so wenig, als eine Lorenzodose, um tugendhaft zu sein. Sie entbehrt aber ungern oder mit Schaden, komische Erzählungen, Agathons, Musarions oder Yorickische Reisen. Ich habe von Jugend auf mit dem wenigen Vergnügen, das mir Konstitution und Umstände zuließen, sehr ökonomisch gelebt, und gar zuweilen gefastet, seit einer gewissen Zeit lasse ich mehr aufgehen, ohne mir zu schaden, und dies ist, seitdem Agathon heraus ist.

Ich heiße eine Seele majorenn, nicht wenn der ihr zugegebene Leib sich dreimal die Woche rasieren läßt, sondern die mit einer bescheidenen Überzeugung, daß sie nun die Welt auch aus ihrem Standpunkt mit ihren Augen sehen und mit ihren Händen greifen könne, im Rat der Menschen über Wahrheit und Irrtum Sitz und Stimme nehmen kann. Es ist diese Majorennität an kein Alter gebunden, wie schon aus der einzigen Erfahrung erhellt, daß sie bei vielen Menschen niemals eintritt. Die Bemühung, selbst zu beobachten, kann uns nicht früh genug beschäftigen; aber doch wünschte ich, daß man selbst darauf verfiele. Denn ich glaube immer, logische Vorschriften zu nutzen, ist von Anfang schwerer, als sich selbst die ersten wenigstens durch Zweifeln zu finden, und sie werden nur alsdann, und alsdann auch gewiß mit Vorteil studiert, wenn man sie mehr lies't, um seinen eigenen Fond daraus zu bereichern, als ein Kapital daraus anzulegen. Aus jeder Wissenschaft, die man studiert, sollte man vorher schon etwas auf die Art gelernt haben, die man dem eigentlichen Studieren immer entgegen setzt, durch eigene Erfahrung. Ich bin überzeugt, dieses war der Weg der größten Geister. Allen künstlichen Fertigkeiten, und allen Wissenschaften entsprechen gewisse natürliche; diese müssen uns erst bekannt gemacht, bestimmt und so stufenweise erhöht werden, daß der Übergang aus dem eigenen Vorrat ins Buch kaum merklich ist, denn ich nehme hier an, daß die wenigsten Bücher sich bis zu einem solchen Unterricht erniedrigen und sich erniedrigen können, ohne in das verdrießliche Abzehrende zu verfallen. Es erfordert schon Standhaftigkeit, Sachen zu lesen, die man mit eben so viel Zeit oder etwas mehrerer Zeit, aber mehr Vergnügen, selbst finden könnte; allein Dinge zu lesen, die man leichter selbst herausbringt, ist in allem Betracht eine Kasteiung der Seele, die mancher guter Tropf von einem Studenten, wie Mönche die Kasteiung des Fleisches, in dem Wahn, ein gutes Werk zu tun, unternimmt, und sich dabei heimlich mit der zukünftigen Belohnung, Ruhe, Ehre und Unsterblichkeit schmeichelt. – Aber vergeblich –. Wenn wir im Studieren keine Sprünge machen, niemals wider unsere Empfindung und Überzeugung reden, so machen wir den individuellen Menschen aus, und sind für uns richtig; wir können widerlegt werden, das schadet nicht; ein Menschengesicht verdient immer diesen Namen, wenn es gleich nicht das schönste ist. Etwas, das durch verschiedene Stufen zur Vollkommenheit steigt, ist demohngeachtet richtig, wenn es gleich noch unvollkommen ist, dafür ist es im Steigen begriffen. Es gibt mehr vernünftige Kinder und alte Leute, als zwischen 18 und 45, und doch ist diese Zeit von 27 Jahren die Zeit, wo die vorteilhaftesten Winde wehen, wenn der Steuermann etwas taugt, so muß es gut gehen.

Das Allgemeine in der Lehre von Bestimmung der Grenzen der Fehler, welche die Mathematiker seit einiger Zeit sehr erweitert haben, kann auch hier genutzt werden. Unser ganzes System von Leib und Seele können wir als ein Instrument ansehen, welches uns in die Hände gegeben ist, unsern Weg durch dieses Jammertal geschickt durchzufinden. Erziehung und andere äußere Umstände haben ihm schon eine gewisse Form gegeben, ehe wir es eigentlich zum rechten Gebrauch bekommen. Wir finden uns in Neigungen und Meinungen mitten inne, wenn wir so zu sagen aus dem tierischen Leben in das menschliche erwachen, wenn wir uns umsehen, da finden wir uns in einer ganzen Gesellschaft von Dingen.

Daß ein Ding oft ist gesagt worden, beraubt keinen Menschen des Rechts, es noch einmal zu sagen. Es fragt sich, ob es oft ist gelesen worden, und ist auch dieses geschehen, ob es ist verstanden worden. Wenn man alles, was von sogenannten Wahrheiten auf zwei Messen einkommt, nach 3 Jahren wieder betrachtet, so wird man sicher finden, daß in 3 Jahren 50 Prozent ausgeschossen werden, um 30 Prozent wird gestritten, die übrigen werden wieder verloren, oder nicht genutzt. Ich dächte, von den letzteren könnten manche Schriftsteller welche nehmen, und damit hausieren gehen, wer selbst etwas zu verkaufen hat, gut, der biete es mit an. Unsere meisten Schriftsteller, auch etliche von den sogenannten besten, sind bloße Trödler, aus der zweiten, dritten und vierten Hand haben sie ihre Waren, aufgefärbt gehen sie doch noch den Bogen à. 1 Dukaten.

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