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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 10
Quellenangabe
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typemisc
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Beiträge zu Rabeners Wörterbuche

 

1. Aber

Aber ist ein kleines, aber bei der heutiges Tages so sehr florierenden Medisance unentbehrliches Wörtgen. Mancher sieht sich oft in den Fall gesetzt, in einem Stücke einem Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dessen Lob sonst ein Dekokt von Ipecacuanha für ihn ist. Doch um den Beifall etwas zu modifizieren, weiß er die schlechte Seite mit der gerühmten durch ein geschickt angebrachtes Aber sehr gut zu verbinden. Es gibt Leute, und ich habe deren mehrere gekannt, die niemanden loben, noch nicht einmal jemanden loben hören konnten, ohne das Lob auf eine witzige Art zu glossieren; und solche Herren oder Damen würden sich nun freilich in einer mitleidenswürdigen Verlegenheit befunden haben, oder noch befinden, wenn es kein Aber gäbe. Und nun wollen wir uns einmal eine Gesellschaft von Titulär-Hofräten und Sekretären, Damen, die vom gefälligen Herrn Gemahl von allen Haushaltsgeschäften dispensiert und auf Pension gesetzt sind, von Prälaten, die das Arbeiten im Weinberge andern überlassen, und sich nur die Früchte vorbehalten, von Schwestern, deren Mund zur Liebe des Nächsten, Beförderung seiner Bekehrung, nie stille steht, vorstellen. Was sollten diese Leute vor langer Weile anfangen, wenn ein abwesender Kosmopolit, oder Nicht-Kosmopolit, durch seine Fehler und Gebrechen, die er als Mensch, oder weniger als Mensch, an sich hat, keinen Stoff zur Vertreibung der Zeit hergäbe? Und lange Weile ist ja für ein Wesen, wie ein Mensch, das denken kann, und zuweilen würklich denkt, etwas Entsetzliches, etwas Unausstehliches. Spielen könnten sie ja wohl, Whist, Trisett und Besset oder wie das Ding sonst heißt? Aber da behüte uns Gott vor, höre ich die Dame rufen, die heute Assemblee hält, und die stets weiß oder schwarz gekleidet gehet, deren Besuchzimmer voll Psalter und geistlicher Lieder liegt, und in deren Schlafkammer die Gedichte des Herrn von Grécourt und die Gedichte à la mode de Grécourt in schwarzem Korduan-Bande mit Gold auf dem Schnitte hinter dem Vorhange stehen.

Nun wie gefiel Ihnen gestern Herr X.? fing Madame an, er soll der ordentlichste rechtschaffenste Mann sein; – aber letzthin wollte jemand einen Menschen von seiner Statur in ein gewisses Haus hinein- und aus demselben mit einer Frauensperson wieder heraus spät über den Kirchhof haben gehen sehen. Man muß zwar von jedem Menschen das Beste denken und reden; aber das kann niemand anders gewesen sein, als er. Der Pastor Z. predigt sehr gut, nimmt sich seiner Gemeinde sorgfältig an, besucht Patienten sehr gerne, – aber (warf der Herr Sekretär mit einer vielbedeutenden Miene ein) Patientinnen noch lieber. Frau Y. ist ein rechtes Muster von Tugend und ehelicher Treue, sie verläßt das Bette ihres kränkelnden Mannes nie; – aber wohl – fiel der Herr Abt ins Wort – wenn er schläft und ihr Doktor da ist. Der Herr Rat R. ist ohne Zweifel einer der geschicktesten und arbeitsamsten Beisitzer, die wir zu C. haben; – aber – rief ein suspendierter Richter hinterm Ofen – vorgestern will jemand um Mitternacht in aller Stille ein Faß Wein vor seiner Tür haben abladen hören. Die Frau von P. muß sehr edel und großmütig sein, kein Bettler geht unbefriedigt vor ihrer Tür vorbei; – aber – setzte der Herr Kanonikus H. hinzu – sie hält, wenn ihr Herr Gemahl krank oder verreist ist, sich einen Kaplan von 24 Jahren, dem sie – jedoch nur aus bloßer Menschenliebe – ein besonderes Stipendium gibt, und mit welchem sie sich oft in ihr Betzimmer einschließt, um – Sachen vom strengsten Geheimnisse mit einander abzutun. Herr G. ist eben so freigebig, – aber die Leute sagen, er täte es aus Gewissens-Angst, weil er das meiste von seinem Vermögen seinen Geschwistern bei der Teilung gestohlen habe –

Dies letzte Aber war nun ein bißgen ziemlich grob – allein sind jene feineren Aber christlicher, menschenfreundlicher? –

L.

 

2. Afterreden

Afterreden, oder, in einem vornehmern Ausdruck, Medisieren ist eine moralische Modekrankheit dieses Jahrhunderts der verfeinerten Sitten; eine sittliche Pest kleiner Seelen, und auch oft solcher, die sich für groß halten, gegen welche sich kein Kordon ziehen läßt; das ungeselligste sittliche Übel, das es vielleicht gibt, aber ohne das manche große Gesellschaft von privilegierten oder nicht privilegierten, betitelten oder unbetitelten Müßiggängern in tötender langer Weile dahinsterben würde. Dies Unglück zu verhindern, muß dieser seine Frau, jener seine Töchter, der dritte seine eigne Ehre herleihen; und dadurch, daß diese mit der Zunge todgeschlagen werden, rettet sich jene. Und wie sollten diese Schlachtopfer dies Schicksal nicht dulden, da sie es nicht ändern können; zwar schändlich fallen sie, aber wo ist der, welcher sie rächt? Abwesende zu verteidigen, ist ein Ruf, den nicht jeder für den seinigen hält, und noch gibt es unter den öffentlichen Bedienungen keinen advocatum absentium. Abwesende anzugreifen ist eine leichte Kunst für die, welche bloß nach Beispielen, nicht nach Grundsätzen handeln; sie mögen übrigens den 10ten Pfennig den Armen geben, oder nicht. Ein eingewurzeltes Übel zu heben, dazu gehört mehr, als Predigt, so lange es nicht in Statuten verboten ist. Und wird dies jemals geschehen? würde es Nutzen haben wenn es geschähe? Kennt jemand den Menschen, den frage man, und höre auf zu glauben, daß er ihn kenne, wenn er ja sagt.

Als der Teutsche noch weiter nichts war, als tapfer und ehrlich, als der, welcher dem Feinde den Rücken zeigte, als ein Abschaum im Morast ersticken mußte; da war der Teutsche bloß durch Waffen, durch die Zunge nie, gefährlich. Fürchterlich war sie zwar, wenn er drohte, verräterisch niemals. Aber Eroberer haben von jeher nach der Geschichte etwas von den Sitten der Überwundenen angenommen, nicht immer das Beste. Schwelgerei gab dem Mazedonier der Perser, Weichlichkeit China dem Tatar, unreines Geblüt Haiti (St. Domingo) dem Spanier. Züge nach Frankreich brachten französische Feinheit unter die Teutschen, Römerzüge machten italienische Verstellung mit ihnen bekannt. Kultur wuchs, Lüx nahm überhand, und im 18ten Jahrhundert konnte der Teutsche schon so geläufig mit der Zunge fechten, als zu Augustuli Zeiten der Merowinger mit dem Degen. Nun wird, sagt Herr W., kein Teutscher eher wieder groß, stark, wieder ein Held, wieder ein Teutscher, ehe er nicht in den Ardenner- oder Herzyner-Wald zurückgehet und wiederum Eicheln isset. Wehe dem Teutschland, wehe dem Europa, wehe der Welt, wovon man sagen müßte, wahrhafte Rechtschaffenheit treffe man nur unter dem Eichelnesser zwischen Sümpfen in undurchdringlichen Wäldern an. In einer Welt voll Lästerer sie zu finden, dazu braucht man mehr Licht als einst jener griechische Philosoph, da er Menschen suchte.

L.

3. Instinkt

Instinkt ist ein innerlicher Trieb, etwas zu tun oder zu lassen, den die Natur in ein Geschöpf gelegt hat. Nach diesen Trieben nehmen alle unvernünftigen Tiere ihre Handlungen vor, und sie bestehen in der Begierde der Selbsterhaltung und Fortpflanzung ihres Geschlechts. Selbst Raubtiere haben keine andern Triebe, keinen von der Natur ihnen eingepflanzten Trieb zur Grausamkeit, oder andere Tiere umzubringen; tun sie solches, so tun sie es durch ihren mächtigsten Feind, den Hunger, getrieben; ist der gestillt, so hört auch ihre Grausamkeit auf, und je hungriger sie sind, desto wütender sind sie. Und daher kömmts, daß der weiße Bär von Nowaja Zembla seinen Raub stundenlang ins Eismeer verfolgt, selbst Leute in Kajüten zittern macht.

Wäre dies nicht so, wäre die Begierde, andere Tiere umzubringen, ein Naturtrieb, wie wollte man sie zähmen? Denn Naturtriebe im Zaum zu halten, dazu gehört Vernunft, und zwar eigne Vernunft, nicht die Vernunft des Leiters, wenn der auch immer welche hätte. Oder wäre es nicht gegen die Weisheit des Schöpfers, wenn man behaupten wollte, er habe mit den Erhaltungs-Gesetzen der Natur eines verbunden, wobei das Tierreich unmöglich bestehen könnte?

Auch der Mensch hat diese beiden Instinkte der Selbsterhaltung und Fortpflanzung mit den übrigen Tieren gemein. Denn auch der Mensch gehört zum Tier-Parliament, ob er gleich Kraft seiner Geburt stets im Oberhause sitzt, und, wie der Tory in höflichen Zeiten, alles durchsetzt. Und jenes Dämchen auf dem Ruhebette, das seine leichte Kleidung durch diesen oder jenen Zephyr durchwehen läßt, mag ihr liebenswürdigstes Näschen rümpfen, so viel sie will, so ist doch auch sie zwar nicht ein Tier, aber doch ein – Tierchen. Seine Kaiserliche Majestät zu Rom, Herr Heliogabel der Große, erhob den ersteren Trieb, Ibrahim der Großtürk den letztern, zur Ehre der Menschheit, zum Gipfel seines Flors. Sonst aß man Butter, Käse und Kalbfleisch, wurde doch satt, brachte sein Leben auf 969 Jahr 6 Wochen und 3 Tage, starb mit Augen, dunkel, nicht von Oskopa, auch nicht von Persiko, sondern von Freudenzähren über den schönen Kranz, den der bärtige Urenkel bei Feier des neunzehnten Jubeljahrs ihm brachte. Zu Rom, unter den Kaisern, lernte man die Kunst, Fische zu essen, die gegen ein gleiches Gewicht von Silber oder Gold abgewogen wurden, ward nie satt, starb, nicht lebenssatt, nicht wohlbetagt, sondern nachdem man erst angefangen hatte zu leben. In der alten Zeit, da muß es Leute mit Waden gegeben haben, wenn anders ihre Heuraten und Befriedigung des Geschlechtstriebes in einen Zeitpunkt fielen. Isaak, der Großvater der Israeliten, war über 40 Jahr alt da er um die Rebekka anhielt, und lebte nachher noch 100 Jahr; denn unter hundert vierzig pflegte zu seiner Zeit kein Patriarch sich zu seinen Vätern versammlen zu lassen. Das soll heutiges Tages wohl einer bleiben lassen, der sich so ein hübsches Weibgen, als Frau Isaaken gewesen sein soll, beilegt. Noch im 187sten Jahre hatte der Geschlechtstrieb des Herrn Methusalah so viel vigueur, daß er noch einen starken Knaben zeugen konnte, aus dessen Lenden wir, als vermutliche Kinder des Noah, unsere Ahnen zählen. Im 40sten Jahre brauchen unter 10 Spaniern, vielleicht auch Franzosen und Deutschen, schon 9 alle Künste des Venette, um ihren Geschlechtstrieb auf die Nachwelt wirkend zu machen, und sind doch ungewiß, ob das ihr Blut sei, dessen Vater sie heißen. Alle Mittel und Erfindungen im Seraglio Seiner Hoheit, Ibrahims, im Harem seines wollüstigsten Untertans, hatten nicht die Wirkungen, die ein saftiges Stück eines feisten Farren, oder vielleicht auch eines Böckleins, auf die Hüften Gideons, des Richters in Israel, hatten. Dies bei Gelegenheit dieser beiden Instinkte. Damit ist aber der Mensch nicht zufrieden, sondern er schafft sich noch zu jeder besondern Handlung einen besondern Trieb an, dem er nicht widerstehen kann, und den er oft zur Entschuldigung einer nicht zu entschuldigenden Tat anführt. Daher kömmts, daß jede Leidenschaft ihren eigenen Trieb hat, daß es einen Trink- Spiel- Rauf- Fenstereinschmeißungs- und Mause-Trieb gibt. Aber auch bei guten und lobenswürdigen Dingen läßt sich so ein Trieb, oft mit verändertem Namen, anbringen. So nennet es z.E. Seine Hochehrwürden einen innern Beruf, wenn Sie einen Trieb hat, eine Pfarre von 400 Talern mit einer von 800 zu vertauschen; und das mit dem besten Grunde von der Welt. Denn sehe ich in die Geschichte der mittlern Zeiten, so hatte das jus publicum der Geistlichkeit zwei Rubriken; die erste hieß Geld, und die andere hieß auch Geld. Ich sage aber ausdrücklich: in den mittleren Zeiten; denn heutiges Tages ist es anders, und wenn es nicht so wäre, würde ich es doch sagen, um keinen Religionskrieg zu veranlassen, dessen Urheber der ärgste Feind des Staates ist.

Ob es gut sei, daß der Mensch bloß nach Instinkten lebe, kann nur beim absoluten oder hypothetischen Naturstande in Frage kommen. Nach dem absoluten Recht der Natur gibt es vielleicht keine sicherern Richtschnuren, als Triebe der Natur, denn wer nach diesen verfährt, handelt wohl der Natur nicht entgegen; Schmauß gründete unter andern hierauf sein Naturrechts-System und wurde verketzert. In wie ferne er Recht oder Unrecht hatte, mag ich hier nicht untersuchen. Ein Mensch der bloß nach Instinkten in einem kultivierten Staate handelt, kann Ärgernisse geben, kann die Ordnung im Staate beunruhigen; wenn er es tut, so tut er es aber bloß in Rücksicht auf seine Person; im ganzen hat der Staat nichts von ihm zu befürchten; ein Bösewicht par principe wird er nie; das kann nur der werden, der gegen die Natur und ihre Vorschriften handelt.

– – –tt– – – –                          L.

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