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Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers

Karl Philipp Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Philipp Moritz
titleFragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers
publisherChristian Friedrich Himburg
firstpub1787
senderwww.gaga.net
created20050613
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An ...

Der weise Hirtenknabe ist jetzt fast mein beständiger Gesellschafter, oder vielmehr ich der seinige; denn ich suche ihn mehr, als er mich sucht.

Gestern Abend in der Dämmerung, da wir vom Felde zurückkehrten, wallfahrteten wir noch vorher zu seines Vaters Grabe auf dem kleinen Dorfkirchhofe.

Er schien erst ganz ungerührt zu seyn. Aber indes ich meine Blicke auf dem Boden heftete, und mir Thränen in die Augen stiegen, blickte er dahin, wo die Sonne untergegangen war, und eine himmlische Heiterkeit strahlte aus seinem Gesichte.

Er sagte, sein Vater habe ihm verboten, auf seinem Grabe zu weinen.– –

Wir gingen zu Hause; er zu dem alten Schäfer, bei dem er wohnt, durch die niedrige Thüre, in seine Schlafkammer; und ich auf meine Stube im zweiten Stock, mit dem einen Fenster nach dem Abend zu.

Hier stand ich noch eine Weile am Fenster, und sahe die Reihe von Hütten an, die hier nebeneinander stehen, mit den Thorwegen vor den einzelnen Bauerhöfen, und dann die kleinen niedrigen Fenster in den Leimwänden, und hie und da noch ein Licht, das einsam in der Dunkelheit schimmerte; und wo nun so ein Licht schimmerte, da dachte ich mir die Menschen, die da wohnten, etwa noch um den Tisch sitzend, und redend von den Geschäften des Tages, und was sie nun Morgen vornehmen wollen; und dachte mir, wie nun die Menschen, die da in irgend einem solchen Stübchen zusammen wohnen, alles übrige um sich her vergessen, und gar keinen Sinn weiter haben, als für diß Stübchen, das sie bewohnen, und das Feld, das sie bebauen, und für die nächste Stadt, in welcher sie ihre Produkte zu Markte bringen.

Wie sie die Last eines jeden Tages tragen, ohne jemals über das Ganze des Lebens nachzudenken, dessen drückende Bürde, sie eben deswegen weniger fühlen, weil sie ihnen nicht auf einmal sondern nur Tageweise aufgelegt wird. – Wie sich alle ihre Begriffe stets in der Sphäre ihrer nothwendigsten Bedürfnisse herumdrehen; wie kein Gedanke an die Zukunft sie beunruhigt, und kein nagender Zweifel ihre Seele quält. – –

Bin ich mir denn noch immer lieber mit alle der Unruhe, allen den Sorgen, und nagenden Zweifeln, die mir mein Nachdenken macht, und gemacht hat, als ich mir mit jener Einschränkung der Begriffe seyn würde, wobei man so unvermerkt von einem Tage zum andern, wie von einer Mühe zur andern, durchs Leben hingeschoben wird, und ehe man sichs versieht, auch von der täglichen Sorg' und Unruhe befreit ist.

Denn auf tägliche Sorg' und Unruhe läuft denn doch auch das ganze Leben des Landmannes hinaus.

O die Einschränkung des Denkens ist so süß, das weiß ich noch aus den allerfrühsten Jahren meiner Kindheit, da ich noch auf meiner Mutter Arm, in ihren Mantel gehüllt, getragen ward – wie ich mich damals aus Furcht vor der weiten Welt um mich her, immer dichter an sie schmiegte, und in dieser seeligen Nähe das fürchterliche Weite vergaß.

Weite, die man nicht ausfüllen kann, erweckt Furcht und Grausen. – Der Gedanke eines unendlichen Raums ist ein schrecklicher Gedanke für den eingeschränkten menschlichen Geist, eben so wie der Gedanke einer unendlichen Zeit und Zahl. –

Das große Ganze ist nicht für uns, wir müssen nur ein Stück aus dem Ganzen herausnehmen, und es für uns zum Ganzen machen, wenn wir uns glücklich fühlen wollen. –

Aber warum arbeiten sich denn diese Gedanken immer wieder in mir empor, die mich jener seligen Einschränkung, jenem glücklichen, rund umher mit Bergen umgebenen Eilande entreißen, und mich immer wieder auf das weite ungestüme Meer führen, wo ich ohne Steuer und Kompas auf einem leichten Brette umhertreibe.

Bin ich denn aus einem natürlichen zu einem unnatürlichen Zustande übergegangen?

Bin ich das? – wo war denn der eigentliche Punkt dieses Ueberganges, wo wich ich zum erstenmale von der Natur ab? und welches war der Moment, wo ich von der verbotenen Frucht der mir verderblichen Erkenntniß zuerst kostete?

Sind die Menschen von der Natur abgewichen; wann sind sie denn davon abgewichen? als sie Häuser oder als sie Schiffe erbauten; als sie die Schrift oder als sie die Mahlerei und Musik erfanden? Wo waren die Grenzen ihrer Bestrebungen von der Natur gesetzt?

Recht und gut, kann ich doch unmöglich das alles heißen, was unter den Menschen vorgeht. – Da nun allen übrigen Dingen die Natur eine Norm, ein Gleis vorgeschrieben hat, woraus sie nicht weichen dürfen, warum hat sie denn dem Menschen nicht auch eine solche Norm, ein solches Gleis vorgeschrieben, aus welchen er zwar weichen kann, aber doch lebhaft empfindet, daß er eigentlich nicht daraus weichen sollte?

Warum empfand der, welcher das erste Eisen schmiedete, das einst Menschen tödten sollte, nicht einen geheimen Schauder, der ihn warnte, diß gefährliche Werkzeug zu vollenden?

Können wohl die Erfindungen des menschlichen Geschlechts, die zu seinem eignen Verderben gereichen, ihm zur Last gelegt werden, gleichsam als wenn es sich zusammengenommen beredet hätte, diese Erfindungen zu machen? Die Erfindungen sind unschuldig, denn sie sind von einzelnen, welche keinen Ueberblick des Ganzen hatten, und ihrem Thätigkeitstriebe folgten. –

Allein hier ist wieder die Frage: wie weit sollten sie ihrem Thätigkeitstriebe folgen? Gab es bei diesen einzelnen Menschen, die Erfinder waren, nie Grenzen ihrer Bestrebungen, die sie nach einem gewissen natürlichen Gefühl nicht hätten überschreiten sollen?

Sobald das Eisen geschmiedet war, konnte es zum Pflugschar oder zum Schwerdt gebraucht werden.

Das was zugleich nützlich und schädlich seyn konnte, war nun da.

Vorher fand keine Wahl statt; jetzt mußte der Mensch zwischen dem Guten und Bösen, zwischen dem rechten und unrechten Gebrauch des einmal erfundnen wählen, und er bestand nicht in der Probe.

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