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Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers

Karl Philipp Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Philipp Moritz
titleFragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers
publisherChristian Friedrich Himburg
firstpub1787
senderwww.gaga.net
created20050613
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An...

den 27sten Juli. Abends.

Lieber * * * ich gedenke dein bei meiner einsamen Lampe – wenn du dieß einst liesest, so denk' an unser Losungswort – vergangen ist nicht vergangen. Liegt dein Hund vor deiner Hütte und wacht? Hast du den Riegel inwendig vergeschoben – pfeift der Wind noch durch die Ritzen deiner Fensterladen – sitzest du fein einsam und sicher bei deiner Lampe mit dem hellen Tocht wie ich? – Ist das Gewebe der großen Spinne in der Ecke am Fenster noch immer nicht zerstört – Hast du dein altes Klavier mit dem geborstnen Resonanzboden wieder gestimmt? und bauest du noch immer an deiner Orgel? –

Heute früh' habe ich zum erstenmal meine Morgenandacht auf dem Sonnenberge verrichtet, den du aus meinem gestrigen Briefe kennst. –

Der Hirtenknabe hatte sich wieder an denselben Platz hingelagert, wo ich ihn gestern traf. –

Aber welch ein Hirtenknabe!

Ich stand hinter einem Gebüsch und lauschte, und hörte ihn sagen:

alme sol – aliusque et idem nasceris.

Nach einer Pause hub er an: Hail holy Light –

Ich wußte kaum, ob ich meinen Ohren trauen sollte – Von Bewunderung und Erstaunen hingerissen, konnte ich mich kaum hinter dem Gebüsche halten, bis der Knabe seine Morgenandacht, wofür ich diese Ausbrüche hielt, vollendet hatte. –

Als er nun stille war und[*Typo korrigiert] noch mit gefaltenen Händen da saß, eilte ich hervor, und setzte mich neben ihn – er schien sich nicht in seiner Betrachtung stören zu lassen, richtete seine Augen unverwandt nach Sonnenaufgang hin, indes seine Heerde in dem bethauten Grase weidete –

Ich folgte seinem Beispiele; denn ich wußte keinen edlern und schönern Gegenstand meiner Betrachtung, als den, welchen er sich gewählt hatte, den Anbruch des jungen Tages –

Das Hinwegeilen der Nacht; die eine Hälfte des Himmels noch im nächtlichen Dunkel, indes die andre schon lange mit der Klarheit des Tages strahlte; die vergoldeten Spitzen der Hügel in der Nähe und in der Ferne; die kleinen Winzerhäußchen auf den Weinbergen, die mit ihren hellrothen Dächern und weißen Wänden aus dem dichten Grün hervor schimmerten, tief unten der sich schlängelnde Fluß, und dicht neben mir ein frohes jugendliches menschliches Antlitz, in dessen Zügen stille Heiterkeit wohnte, wodurch sich eine reine Seele offenbarte, die in diesem Augenblick die ganze Fülle ihres gegenwärtigen Daseyns genoß – und ich hätte dieser lebendigen Fülle nicht auch genießen, ich hätte diese herrlichen Augenblicke nicht für Lebenszweck halten sollen? Keine neugierige Frage kam über meine Lippen, bis diese Fülle des Daseyns allmälig abnahm, und kältere, bedürftigere Lebensmomente an ihre Stelle traten, die den Stachel des Erweiterungstriebes der Gedanken wieder schärften. –

»Lehrte dich dein Vater die Bücher lesen, die »er dir hinterlassen hat? –«

Einige davon –

»Hast du die Bibel gelesen?

Ja – Die Schöpfungsgeschichte.

Ich ließ mich darauf mit dem Knaben in ein Stundenlanges Gespräch über einige der erhabensten Gegenstände des Denkens ein – und wußte am Ende nicht mehr, ob ich träumte, oder wachte – mir wandelten plötzlich alle meine ehemaligen egoistischen Zweifel an, und ich fing im Ernst an zu fürchten, daß dieser Hirtenknabe kein wirklicher Hirtenknabe, sondern ein bloßes Geschöpf, meine Einbildungskraft, und seine Reden vielleicht das bloße Echo meiner eigenen Gedanken seyn möchten.–

Ich fühlte daher eine unwiderstehliche Neigung in mir, die Möglichkeit dieser Erscheinung zu entwickeln, um an ihrer Wirklichkeit ferner nicht zweifeln zu dürfen–und forschte so tief ich konnte, wie der Hirtenknabe wohl das geworden seyn möchte, was er war, und wie er bei dem was er geworden war, noch bleiben konnte, was er war? – wie sich bei aller dieser Verfeinerung des Denkens und Empfindens, seiner Seele die tiefe Resignation eingeprägt hatte, und gleichsam bei ihm eingewurzelt war, wodurch er sich in seinem Stande, ohne gekannt und bemerkt zu werden, als Hirtenknabe, so glücklich fand? – Aber es war mir unmöglich auf den Grund zu kommen – Vielleicht, weil ich die Kunst zu fragen nicht verstand, und er nur dann eine Frage beantwortete, wenn sie ihm wichtig genug schien, sein Nachdenken, das sich vielleicht mit ganz andern Gegenständen beschäftigte, zu einer Antwort zu sammlen – Seine Antwort konnte daher gemeiniglich der Probierstein meiner Frage seyn, ob es mir gelungen war, sie zweckmäßig, einzurichten oder nicht. –

Die Sparsamkeit mit Worten schien eine von den vollkommensten Früchten der herrlichen Pädagogik seines Vaters zu seyn – Die organischen Werkzeuge nie ehe zur Hervorbringung eines artikulirten Schalls in Bewegung zu setzen, bis sich erst die gehörige Fülle des Gedankens gesammlet hatte, der dem artikulirten Schall die Seele gab, welcher nun wie die gereifte Frucht vom Baume abfiel– und nie vor der Zeit mit Zwang oder Gewalt gepflückt wurde –

Auf die Weise blieb dieß herrliche Organ, immer heilig, rein, und unentweiht, und stark genug, die Fülle der zuströmenden Gedanken in die ausgewähltesten und nachdrücklichsten Laute zusammenzufassen – so war auch bei ihm Miene und Bewegung, keinen Augenblick, bloß um sein selbst willen, und Gedankenleer – sondern das Resultat von der innern Fülle; sie waren das bis an den höchsten Rand vollgegoßne Maaß, welches bei dem mindesten Zuguß überläuft – Es war mir, da ich von dem Berge zurückkehrte, als hätte ich mit einem der Unsterblichen Unterredung gepflogen – denn ich hatte das Meisterstück der erhabensten Pädagogik, den Ernst und Tiefsinn eines Mannes umgeben mit der Blüthe der Jugend gesehn. –

Wir andern kommen gemeiniglich erst dann zu dem völligen Genuß unsrer Seelenkäfte, wenn die erste Blüthe des Lebens schon verwelkt ist.

Wir können uns keine Idee davon machen, was die umgebende schöne Natur auf die jugendlichen Sinne, wenn sie mit einer gewissen Stärke der Denkkraft vereinigt sind, für einen paradisischen Eindruck machen muß. –

Die Jugend beschaut sich selbst in ihrer Wirklichkeit – der aufkeimende Gedanke bemerkt sein eignes Entstehen – die Morgenröthe des Verstandes freuet sich ihres Werdens. –

Diesen Himmel in einer Knabenseele hervorzubringen – verdient vielleicht die Aufopferung einer Manneswirksamkeit. –

Scheint doch die Natur so manches eigentlich um sein selbst willen gebildet zu haben, das sie mit verschwenderischer Sorgfalt ausschmückt, nicht sowohl um irgend noch einen fremden Zweck dadurch zu erreichen, als vielmehr, um gleichsam zu zeigen, was sie vermag. –

Hatte vielleicht des alten Sonnenbergs Pädagogik auch hier der Natur nachahmen, und etwas liefern wollen, was nicht allgemein seyn, sondern in seiner Art einzeln bleiben muß, wenn nicht das Mannesalter der Menschen, und ihre nützliche Bestimmung untergraben werden soll? –

Aber warum drängte er denn gerade bei seinem Sohne, alle künftige Lebenswirksamkeit, wie es schien, in den gegenwärtigen Lebensgenuß zusammen? –

Was bewog ihn, ein seiner Natur nach wirkendes Wesen, aus dem Zusammenhange ähnlicher wirkender Wesen, so herauszusondern, und, statt es in dieses große Drehwerk eingreifen zu lassen, alle Kräfte und alle Wirksamkeit desselben in sich selbst zurückzulenken?

Fand er den Zusammenhang der wirkenden Kräfte zu schlecht, um die Wirksamkeit seines Sohnes darin eingreifen zu lassen, oder fand er diese Wirksamkeit zu schwach, um gehörig, darin eingreifen zu können? –

Um diese Zweifel einigermaßen zu lösen, will ich folgende Aufsätze aus Sonnenbergs Papieren mittheilen:

Ueber Zusammenhang, Zeugung und Organisation.

Sey mir gesegnet du kleine Hütte – ich weihe dich durch die Gegenwart eines menschlichen Geistes, der in dir wohnet, und noch einen Geist außer sich bildet, zu einem Heiligthume, so wie dieser Körper, den ich trage, durch den inwohnenden Geist geheiligt wird.

Eine Hütte wohnet in der andern; beide werden in Staub zerfallen. Mein Leib noch früher, als du von Leimen zusammengesetztes Haus. Aber ich murre deswegen nicht.

Das Zusammengesetzte kann nicht immer dauren, und bleibt desto zerstörbarer, je zarter sein Bau ist.

Es ist nur Zwang, der die Theile der Körper zusammenhält; ihre eigentliche immerwährende Natur ist, aufgelößt, außereinander, nicht mehr zu einem Ganzen untergeordnet, sondern sich gleich zu seyn, wie die Theile des Staubes sich einander gleich sind.

Darum ist des Zusammengesetzten, Organisirten so wenig, und des Außereinanderbestehenden, aufgelößten, unorganisirten Stoffes, in der Vergleichung, so erstaunlich viel.

Die Zusammensetzung ist gleichsam ein Zwang eine Unterjochung der Theile, die wieder in ihrer natürlichen Freiheit zu seyn streben, so wie die in einen Staat zusammengezwängten Menschen, diß natürliche Freiheitsgefühl nie ganz unterdrücken können.

Das Zusammengesetzte läßt sich nie ohne Streit, Krieg, Gegeneinanderstreben denken, die Ruhe ist in der Auflösung, in der Gleichwerdung, in der Absonderung der Theile.

Allein, wenn Leben, Organisation, und Bewegung seyn soll, so kann sie nicht anders, als durch diesen Zwang der wiederstrebenden Theile zu einem Ganzen erhalten werden. Und der stärkste Grad des Zusammenhanges zweier belebter Wesen ist es, welcher immer erst wieder einen neuen Zusammenhang von Theilen hervorbringt, die sonst ewig von einander abgesondert geblieben wären, nun aber durch die Fortpflanzung des Zusammenhanges eine ihnen bis dahin ungewöhnliche Tendenz bekommen, sich zu einem Körper zu bilden.

Zur Hervorbringung eines neuen Zusammenhangs von Theilen gehört nothwendig der stärkste Grad des Zusammenhangs zwischen zwei Körpern, die außereinander sind.

Hier sind zwei Wesen, deren jedes durch den Zusammenhang seiner Bestandtheile für sich ein Ganzes ausmacht, und die nun, als zwei ineinander überströmende Ganze, einen neuen Zusammenhang erhalten, der nun den Zusammenhang aller innern Bestandtheile eines jeden zusammengenommen, in sich faßt.

Man könnte sagen: diß sey der mit sich selbst vervielfältigte Zusammenhang aller Theile eines organisirten Körpers. Dieser höchste Grad des Zusammenhangs ist nun auch das höchste Leben, wodurch neues Leben da entsteht, wo es vorher noch nicht war. Und wenn nun jeder Zusammenhang an sich schon Vergnügen macht, so muß dieser höchste Grad desselben auch der höchste Grad des Vergnügens, welcher Wollust heißt, werden.

Die wundervolle Entstehung des Lebens, wo vorher nicht Leben war, und dieser Uebergang vom Nichtseyn zum Daseyn, ist der geheimnißvolle, dunkle Vorhang der Natur, welchen kein sterblicher Blick durchdringt.

Wie ist das mit sich selbst Vervielfältigte von der mit sich selbst Vervielfältigung verschieden, – und wie kann es, von dieser abgesondert, ein neues für sich bestehendes Wesen seyn?

Ist die Zahl vier eine neue Zahl, oder haben wir dem zweimal zwei nur einen andern Nahmen gegeben? Die Zahl vier ist der Abdruck, das Resultat der Selbstvervielfältigung von zwei.

Eine Zahl mit allen ihren Einheiten zusammengenommen, tritt mit einer ihr ähnlichen Zahl in eine so genaue Verbindung, daß ein Zusammenfluß zwischen ihren beiderseitigen Einheiten entsteht, und was daraus zurückbleibt ist eine neue Zahl.

Wenn ein Ganzes mit einem andern Ganzen außer sich in Verbindung tritt, so wird der innere Zusammenhang seiner Theile erst recht fest und merkbar; denn alle bekommen nunmehro eine gemeinschaftliche doppelte Beziehung nicht nur gegeneinander unter sich, sondern zusammengenommen gegen ein andres ihnen ähnliches Ganze außer sich, mit dem sie sich in allen möglichen Punkten wechselseitig zu berühren streben.

Ein solcher im höchsten Grade gereitzter Trieb der Körpertheile, sich zusammenzuhängen, ist nun etwas von den beiden sich in allen Punkten berührenden wirklichen Wesen verschiedenes, und kann an sich nicht aufhören, wenn gleich sich diese beiden Wesen wieder trennen; sondern er ergreift, was ihm am nächsten liegt, und giebt ihm Zusammenhang, Bildung, und Form, wodurch der aufgehobene höchste Zusammenhang der Körpertheile zweier ähnlicher und doch von einander verschiedener Wesen wieder ersetzt wird.

Der Zusammenhang der Theile eines einzelnen körperlichen Ganzen muß also durch den höchsten Grad der Vereinigung mit einem andern, ihm ähnlichen Ganzen, in sich selbst zurückgedrängt, und dadurch verstärkt werden, um die zusammenhängende Kraft gleichartiger Körpertheile, oder das Leben in der Natur, welches sonst verlöschen würde, fortzupflanzen.

Diese zusammenhängende Kraft der Theile, der die auflösende, auseinander strebende immer entgegen arbeitet, muß immer aufs neue wieder aufgefrischt werden, um fortzudauren; diß kann aber nur auf dem Flecke geschehen, wo sie sich am stärksten äußert. Da entsteht dann wieder neue Bildung und Form zum Ersatz der aufgehobenen höchsten Vereinigung zweier sich ähnlicher außereinanderbestehenden körperlichen Wesen.

Der auf die Weise neu erweckte Zusammenhangstrieb der Theile ergreift hier den nächsten Stoff, den er bildet, und auch die nächste Form, nach welcher er ihn bildet.


Das Wort Zusammenhang ist ein großes Wort, welches einen vollen herrlichen Sinn in sich faßt. –

Der Hang eines Dinges irgendwohin ist seine ganze zusammengedrängte Schwerkraft nach irgend einer Richtung, die sich auch ohne Bewegung äußert.

Das zu bezeichnet den Zweck, auf welchen sich das Mannichfaltige hin vereinigt – zusammen nenne ich das, was auf einen gewissen Zweck hin vereinigt ist, und Zusammenhang, nenne ich die innere Natur und Beschaffenheit der Dinge, wodurch sie auf einen Zweck hin vereinigt sind. – Das voneinander abgesonderte hat einen Hang, eine Tendenz, ein Streben, zusammen zu seyn.

Diese Tendenz oder diß Streben aber bleibt demohngeachtet immer etwas zwangvolles, welches durch die Fortpflanzung immer aufs neue wieder erweckt und aufgefrischt werden muß, wenn es fortdauren soll.

Es ist leichter
voneinander als aneinander
lose als fest –
zu seyn. –

Man konnte sagen, daß es leichter sey, Staub, als eine Blume oder Pflanze zu seyn, wo jedes Staubtheilchen seinen bestimmten angewiesenen Platz einnehmen und behalten muß, wenn die Ordnung und Schönheit des Ganzen nicht zerstört und zerrüttet werden soll.

Das Zusammenhalten ist immer mit Anstrengung, das Loslassen mit Erleichterung verbunden.

Durch das mit Anstrengung verbundene Zusammenhalten soll immer nur ein gewisser Zweck erreicht werden, und wenn dieser Zweck erreicht ist, so kommen alle einzelnen Theile wieder in ihre natürliche, ruhige Lage.

Wenn das Haus gebauet ist, so gehen die Arbeiter wieder auseinander. –

Warum soll ich die Erleichterung nicht nutzen, wenn sie sich mir von selber darbietet? Warum soll ich noch immer Materialien zu einem Gebäude hinzutragen, das schon längst mehr als vollendet ist, und durch seine eigene Größe den Einsturz drohet.

Es ist endlich einmal Zeit, diß Gebäude zu bewonen, woran seit Jahrtausenden bloß gebaut, und gebessert ist.

Oder, um mich eines andern Gleichnisses zu bedienen, warum soll ich nicht lieber aus den Trümmern des Schiffbruches noch retten, was ich kann, da es doch nicht möglich ist, den zerstörten Bau je wieder herzustellen.

Warum nicht diese Kenntnisse, diese Bildung eines Geistes, die ich freilich der Gesellschaft verdanke, warum diese nicht für mich nutzen, ob ich gleich durch dieselbe nicht mehr außer mich wirken kann und mag?

Ach, diß zerrüttete, den Einsturz drohende Gebäude der menschlichen Einrichtungen, wie manchen wird es noch unter seinen Ruinen begraben!


Aus diesen Aufsätzen scheint zu erhellen, daß Sonnenberg den Zusammenhang der menschlichen Dinge für zu schlecht und verschoben hielt, als daß ein Mensch von vollkommener Ausbildung des Geistes sich ferner darin verflechten sollte.

Er scheint diß Ganze wie einen Schiffbruch zu betrachten, und sich bei dieser Gelegenheit das Strandrecht zuzueignen.

Indem ich in Sonnenbergs Papieren weiter blättere, welche nach keiner Seitenzahl geordnet sind, sondern aus lauter untereinandergeworfenen Quart- und Oktavblättchen bestehen, so finde ich folgendes noch hierher gehörige, das vielleicht zu einem spätern Gebrauch an seinen Sohn gerichtet zu seyn scheint, und in Ansehung seiner Grundsätze noch mehr Aufschluß gibt. Der Aufsatz, welcher hin und wieder abgebrochen ist, hat die Überschrift:

Leben und Wirksamkeit.

Soll das Leben erträglich werden, so muß erst Interesse hineinkommen, eben so wie in ein Schauspiel, wenn es uns nicht unausstehliche Langeweile machen soll.

Interesse erhält es aber allein dadurch, wenn alles Einzelne darin zu einem Ganzen übereinstimmt, und wenn selbst das Kleine und Unbedeutende Mittel zu irgend einem großen Zweck wird.

Der Taglöhner kömmt über das Bedürfniß eines solchen erhabenen Interesse des Lebens hinweg, indem er genöthigt ist, zur Erhaltung seines thierischen Lebens ununterbrochen zu arbeiten, ohne daß er die Zeit oder die Lust hätte über seinen Zustand nachzudenken.

Wem diß thierische Leben nicht gnügt, der kann kein Taglöhner bleiben, sondern arbeitet sich ans dem Staube empor, um über die Tagelöhner zu herrschen.

Gelingt ihm diß nicht, so ist er unglücklich, und das Leben ist ihm eine Last.

Aber was zugleich mit Klugheit und Eifer unternommen wird, gelingt fast immer. Der Eifer muß die Klugheit beseelen, wenn sie sicher leiten soll. Ja, der wahre Eifer zwingt zur Klugheit; je stärker jemand etwas wünscht, desto weniger wird er der dazu gehörigen Mittel zu verfehlen suchen.


Ein fortdauernder wehmüthiger Zustand ziemt einem Mann nicht; nur die Anstrengung, womit er selbst seine Wehmuth zu unterdrücken sucht, erregt unser Mitleid.

Eben das ist auch der Fall mit der Freude: man fühlt sich nie ruhig, bis man sich durch einen Gedanken an die Ungewißheit und Vergänlichkeit aller menschlichen Dinge, erst in das ordentliche gewöhnliche Gleis des Lebens wieder zurückgebracht hat. Alsdann ist man auch erst wieder fähig, außer sich zu wirken, und mit Klugheit dabei zu Werke zu gehen.

Wer mit der meisten Resignation auf den Erfolg arbeitet, der arbeitet sicher am besten. Unruhe und Sorgen plagen den, der sich über seine angewandte Mühe ärgern wollte, wenn sie unglücklicher Weise vergeblich seyn sollte. Nur der arbeitet sicher und ruhig bei dem größten Plane, der das magna voluisse juvabit mit völliger Resignation von sich sagen kann.


Dafür, daß du dich durch mühsame und ungewöhnliche Anstrengung deiner Kräfte über das thierische Leben erhebst, wirst du auf eine oder die andere Weise, die belebende Seele von einem Haufen von Menschen seyn, die an sich selbst fast nur Körper sind, und also einer belebenden Seele bedürfen, um den Bewegungen ihres Körpers eine gewisse Richtung zu irgend einem großen Zweck zu geben.

Auf dein Geheiß wird sich ihr Fuß emporheben, und ihre Hand ausstrecken; dein Wille wird ihr Wille, dein Verstand ihr Verstand seyn.

Sie sind nicht unglücklicher wie du, aber du fühlst dich glücklicher wie sie; sie genießen bloß, weil sie nicht streben wollen; du strebst und genießest.

Dein Herrschen soll aber darinn bestehen, daß du die immer besser und weiser machst, die du beherrschest, und sie dir immer mehr gleich zu machen suchst.

Darum erhieltest du ein Uebermaß von Kräften, damit Leben und Wirksamkeit befördert werden, indem das Stärkere auf das Schwächere drückt, bis beide wieder im Gleichgewicht sind.

Wie das Wasser strebt, in seine Fläche, und die Luft, in ihr Gleichgewicht zu kommen, so wirken die moralischen Kräfte auf einander, und alles geräth in Bewegung und Thätigkeit.

Stürme brausen, Ströme stürzen sich von Felsen, durchbrechen Dämme, überschwemmen Städte, und wälzen sich dann ruhig wieder in ihren angewiesenen Ufern hin.

Nur der ist unglücklich, der uoch nicht in seinem Gleise ist; es sey nun das gewöhnliche oder eccentrische. Der noch hin und her wankt, ob er sich zu der gehorchenden oder befehlenden Parthei schlagen soll, weil niederziehende Trägheit und angebohrne Kraft sich einander das Gleichgewicht halten. Wehe dem, der sein ganzes Leben hindurch zwischen diesen Klippen kreuzt.

Immerwährender Sturm ist in der Seele dessen, dem die erstickte Flamme im Busen lodert.

Fühlst du ein unüberwindliches Streben nach etwas Großem in dir, so darf ich dir nicht erst sagen, daß du diesem Streben freien Lauf lassen sollst, eben so wenig, wie ich es dem Strome erst verstatten darf, daß er Dämme durchbricht.


Es ist eine traurige Sache um ein verstimmtes Leben. Wem ein großer Plan mißlungen ist, der versucht es wohl auf alle Weise, dennoch glücklich zu seyn; er will gern an den Schönheiten der Natur wieder Geschmack finden, sich an der Morgenröthe, dem Gesange der Nachtigal, und dem Hauch des Frühlings wieder ergötzen, aber die Seite will immer nicht anschlagen. – Das Interesse ist aus dem Leben, und man weiß nicht mehr, wo man das alles hinbringen soll, was man täglich sieht, hört, thut und denkt.


Dein großer Plan sey, täglich auf deine innere Vervollkommnung hinzuarbeiten; nicht Glückseligkeit von außen in dich hinein zu zwingen, sondern aus dir selbst um dich her zu verbreiten; so kann es dir nie fehlen; so muß ein immerwährendes Interesse alle deine kleinsten Begebenheiten durchflechten.

Und solltest du denn auch dein ganzes Leben hindurch allein stehen, und nie in den Zusammenhang der menschlichen Dinge eingreiffen können, dürfen, oder wollen: so denke das: einen vollkommnen Menschen hervorzubringen, ist an und für sich schon der höchste Endzweck der Natur; mag dieser vollkommene Mensch nun ich selbst, oder ein anderer seyn, genug, wenn er nur da ist, daß die vollkommene Natur sich in ihm spiegeln kann.

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