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Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers

Karl Philipp Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Philipp Moritz
titleFragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers
publisherChristian Friedrich Himburg
firstpub1787
senderwww.gaga.net
created20050613
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An...

den 26sten Juli.

Sie ging auf – noch eben so jung und schön, wie vor Jahrtausenden – Sie ist das Bleibende unter dem Vergänglichen; das Maaß wonach wir das Fortrückende abmessen – sie bildet Tage und Jahre, und Jahreszeiten, die immer in gleicher Ordnung wiederkehren.

Ihr milder Strahl kann dem Verzweiflenden wieder Muth, dem Betrübten Trost einflößen – sollte er nicht auch dem Zweifler ein Licht in seiner Seele anzünden, und den undurchdringlichen Nebel, der auf seinem Gesichtskreis ruhet verscheuchen können? – dacht' ich, da ich den Gipfel des Berges erstiegen hatte. –

Ein Hirtenknabe, hatte sich ins Gras hingelagert, und blickte starr in die aufgehende Sonne – sein Antlitz war von ihrem Schein geröthet – ich setzte mich neben ihn, und fragte ihn, woran er dächte? – an meinen Vater, antwortete er mit Seufzen. Ich seh' ihn in dem hellen Ringe stehn, den die Sonne um sich her hat.

Der Vater des Knaben war vor wenigen Wochen gestorben – einer der rechtschaffensten Männer, im Dorfe, bei dessen Grabe alles weinte, denn er hinterließ keinen einzigen Feind.

Siehst du deinen Vater in dem hellen Ringe, der um die Sonne her ist? Wie sieht er denn aus, dein Vater?

Er ist so hell wie die Sonne, er ist nun verklärt.

Er hat mir immer gesagt, ich sollte des Morgens früh in die Sonne blicken, da würde ich ihn wiedersehn, wenn er gestorben wäre.

Ich hatte diesen Mann wohl gekant, und wußte, daß er immer still und nachdenkend gewesen war, und dabei äußerst arbeitsam, fromm, und gewissenhaft – Uebrigens war er, so weit ich ihn kannte, nichts weniger, als ein Schwärmer – weil er besser, wie die übrigen Einwohner des Dorfs lesen und schreiben konnte, so machte er von dieser Geschicklichkeit zuweilen Gebrauch, wenn er jemanden einen Dienst leisten konnte.

Der Knabe zog ein Papier aus der Tasche und sagte, das habe ihm sein Vater auf dem Todbette gegeben, daß er die Worte auswendig lernen solle, damit, wenn er etwa das Papier verlöre, doch die Worte noch in seinem Gedächtniß wären. –

Wie erstaunte ich, da ich in schön geschriebner Schrift laß:

»Blicke alle Morgen früh in die Sonne, so »wirst du meinen Geist sehen.«

»Staub kehrt zu Staub – Licht zu Licht. In den Strahlen der Sonne, werd' ich wohnen. Die kühle Morgenluft wird vor mir her wehen.« –

Mir fielen, da ich diese Worte laß, alle die erhabnen ossianschen Bilder ein – wie die Geister der Helden nun als glänzende Meteore auf den Wolken reiten – wie sie in ihren luftigen Hallen sitzen, und den Gesängen des Barden lauschen, der in dumpfen Tönen die halbsichtbare Harfe schlägt. –

Ich wandte das Blättchen um, und laß weiter:

»Betrachte die Blumen auf dem Felde, wenn du deine Heerde weidest, und dann schlage dein Auge wieder in die Höhe, und denke: Himmel und Erde!«

«Und wenn du Himmel und Erde gedacht hast, so betrachte wieder die Blumen auf dem Felde, und die Grashalmen um dich her!«

Dieß schrieb ein Bauer? – wie kam er dazu? – In den letzten Worten schien mir ein großer Sinn zu liegen – Ich fand hier das Resultat meines eignen langen Nachdenkens wieder. –

Wenn du dir Himmel und Erde gedacht hat, so betrachte wieder die Grashalme um dich her! – Was heißt das anders, als gewöhne deinen Geist beim Einzelnen das Ganze und in dem Ganzen stets das Einzelne zu denken! – Ist das nicht die einzige wahre Vervollkommung unsrer Denkkraft – scheint nicht alles darauf abzuzwecken, uns in dieser beständigen Uebung zu erhalten? – Und warum sollte denn ein Bauer am Ende seines Lebens nicht eben so gut auf dieß große Resultat, auf diesen letzten Zweck seines ganzen irdischen Daseyns gekommen seyn, als irgend ein andrer Sterblicher, wenn dieser Zweck vielleicht im höhern Grade bei ihm erreicht war? –

Warum sollte auch seine Sprache und sein Ausdruck, zugleich mit der Erhabenheit seiner Gedanken und seines Gegenstandes sich nicht veredelt haben? –

Indem ich mir so die Entstehung dieser Zeilen wahrscheinlich zu machen suchte, schien mir in dem Antlitz des Hiertenknaben etwas einzuleuchten, das ich erst für bloße Täuschung hielt, welche bei einer solchen Scene sehr natürlich war – allein eine Thräne, die in seinem Auge stand, erhöhte so sehr seine Bildung, welche einen gewissen Adel der Seele verrieth, daß ich mich nicht enthalten konnte, genauer nachzuforschen, und wegen seines verstorbnen Vaters verschiedne Fragen an ihn zu thun. –

Jede Antwort, die er mir gab, machte mich aufmerksamer – aus seiner allerfrühesten Kindheit sey es ihm erinnerlich, daß er mit seinem Vater in einer Stadt gelebt habe – und dann wäre es ihm noch ganz wie im Traume, als ob er einmal eine weite, weite Reise über viele hohe Berge gemacht hätte. –

Sobald ich zu Hause kam, erkundigte ich mich im Dorfe nach dem verstorbenen Vater des Hirtenknaben, und erfuhr daß er sich vor zwölf Jahren ein kleines Gut angekauft, und seit der Zeit ganz wie ein gemeiner Bauer gelebt habe – Er sey gegen jedermann liebreich und freundlich gewesen – habe aber nie viel gesprochen – seinen Sohn habe er damals, als einen Knaben von zwei bis drei Jahren mitgebracht, und ihn ganz allein für sich erzogen – er habe ihn bis jetzt die Schafe hüten lassen – mit dem Schäfer habe er fast noch den meisten Umgang gehabt, bei dem sey auch jetzt der Knabe. – Sein Gut sey verkauft, und das Geld für den Knaben zurückgelegt – Er habe sich Sonnenberg genannt, niemand aber wisse, woher er gekommen sey.

Dieß alles nebst dem, was mir der Hirtenknabe gesagt hatte, flößte mir eine brennende Begierde ein, von dem Schicksal dieses sonderbaren Mannes mehr zu erfahren – ich eilte zu dem Schäfer, mit dem er noch dem meisten Umgang sollte gehabt haben, und bei dem sich jetzt sein Sohn aufhielt – ich fand aber an diesem Schäfer gar nichts besonders – Er schien mir ein ehrlicher Bauer zu seyn, dessen Kenntnisse sich nicht viel weiter, als auf seine Schäferei erstreckten.

Er wollte erst nichts mehr als andre von dem Verstorbnen wissen, da ich ihn aber etwas zutraulicher gemacht hatte, so führte er mich in ein Kämmerchen, wo die kleine Büchersammlung des alten Sonnenbergs in einem verschloßnen Schränkchen stand – es waren Homer, Ossian, und Milton sauber gebunden; eine kleine schöngedruckte Taschenausgabe vom Horatz; Geßners Idyllen, und Roußaus Emil. –

Hinter den Büchern lag eine Anzahl Blätter in demselben Format, wie das, welches der Hirtenknabe aus der Tasche gezogen hatte. –

Und in einer Ecke stand ein verschloßnes eisernes Kästchen, zu welchem sein Sohn den Schlüssel aus den Händen des Schäfers nicht ehr erhalten sollte, als bis er mündig wäre, stürbe er, so sollte das Kästchen mit ihm begraben werden.

Der Schäfer schien mir ein Mann von unerschütterlicher Rechtschaffenheit und Treue zu seyn, dem so etwas mit großer Sicherheit anvertrauet werden konnte. –

Die zusammengebundnen Blätter waren dazu bestimmt, daß sein Sohn eins nach dem andern eine gewisse Zeit in der Tasche tragen, und es so oft für sich lesen sollte, bis er den Sinn davon gefaßt hätte.

Diese Blätter zu bekommen, dahin ging jetzt alle mein Trachten – der Schäfer aber schien sie nicht aus den Händen geben zu wollen – Ich konnte mir keine Hoffnung machen, sie anders, als nach und nach aus der Tasche des Hirtenknaben zu erhalten.

Ein beschriebnes Buch, sagte der Schäfer, sey ihm nicht verboten, aus der Hand zu geben, er habe es auch nicht einmal verschlossen, dieß versprach er mir mitzugeben – begierig eilte ich damit zu Hause, und als ich nur ein wenig darin geblättert hatte, fand ich einen neuen Busenfreund, ich begrüßte in ihm einen Geisterseher von der edlern Art mit dem ich nun Hand in Hand den Weg meiner Untersuchungen fortwandeln konnte. – Was ich besaß, war ein Theil von den Aufsätzen des Verstorbnen über sich selbst, das ich nun meinem Tagebuch über mich selbst, welches ich dreien Freunden hinterlasse, mit einverleiben will – Er ist den Weg zum Ziele vor mir vorangegangen – und hat mir den Pfad gebahnt, den ich bald betreten werde. – Ich will mich nun mit seinem Geiste unterreden, so lange ich noch hienieden walle – bis die Scheidewand in Staub zerfällt, die jetzt mein Wesen noch von dem seinigen trennt und eine undurchdringliche Kluft zwischen uns befestiget.

Mit dem Hirtenknaben will ich nun oft den Gipfel des Berges besteigen, und unverwandt mit ihm in die aufgehende Sonne schauen, um den Lichtgeist des Verweßten in ihrem Strahlenkreise zu erblicken, und aus ihrem Anblick Nahrung für das Auge meines Geistes zu schöpfen.

Und du Berg, den ich mit jedem Morgen künftig besteigen werde, sollst der Nahmensgenosse meines Verklärten seyn – Dein Nahme auf der Karte meiner Wandrungen durch dieß Leben sey der Sonnenberg!

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