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Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers

Karl Philipp Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Philipp Moritz
titleFragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers
publisherChristian Friedrich Himburg
firstpub1787
senderwww.gaga.net
created20050613
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An...

Am 24sten Juli 1782.

Noch find' ich also, selbst bei einem siechen Körper, hier das Glück, daß ich in der weiten Welt vergeblich suchte. – Die Erndte beginnt nun, und ich kann ein Zuschauer von den frölichen Festen der Landleute seyn. – Ich kann mich so nahe an die liebevolle Natur halten; sie ist meine Mutter, meine Freundinn.

Ihr wohlthätiger Hauch gießt Balsam in meine verwundete Seele. –- Meine kranke Phantasie wird immer reiner und heller wieder, indem sie allenthalben reizende wohlthätige Bilder sammlet, und sie harmonisch ordnet; jedes Blättchen am Baum, das ich mit Wohlgefallen betrachte, flößt mir sanfte Empfindungen ein.

Ich kann mich wieder der hangenden Birke und der hohen Fichte freuen, die ohngeachtet der Verschiedenheit ihrer Natur, ihre Zweige von oben gesellig zusammen flechten.

Der Anblick der wollichten Heerde unter dem Schatten eines Baumes, in das grüne Graß gelagert, hat etwas Aug' und Herz erquickendes für mich, das zugleich die Seele unvermerkt erhebt, und sie für jeden Eindruck aus der Natur empfänglicher macht – die weisse weiche wolle– das sanfte Grün – die ovalgerundeten Blätter – der zierlich gekräuselte Schatten – vereinigen sich zusammen, um in der Seele ein Bild auszumahlen, wodurch jede Nerve harmonisch vibriret, und indem auf die Weise unser Blick das Weltall, auch nur in einem einzigen seiner Punkte, gleichsam von der rechten Seite faßt, von welcher es der höchste Verstand selbst mit Wohlgefallen durchschaut, wo sich alle anscheinende Disharmonie in Harmonie auflöset – so erhebt auch dieser Anblick die Seele, und macht sie fähig, nach einem verjüngten Maßstabe die Grüße und Schönheit dieses unbegreiflichen Weltalls zu messen – ihr wird ein Blick in das innerste Heiligthum der Natur eröfnet – sie staunet nicht über das eigentlich sanfte Grün, die weisse Wolle, die ovalgeründeten Blätter, und den zierlich sich kräuselnden Schatten, sondern über die großen, bewundernswürdigen Verhältnisse, die sie in dem Augenblick, ohne es selbst zu wissen, überrechnet.

Als ich gestern dieses Anblicks eine halbe Stunde lang genossen hatte, da erheiterte sich meine trübe Seele wieder – mein Blick wurde freier – meine Brust athmete leichter – so will ich denn öfter zu diesem Anblick meine Zuflucht nehmen, ich darf ja aus meiner Wohnung nur wenige Schritte darnach thun. –

Kehrte ich nicht getröstet, und mit herzerhebenden Gedanken wieder heim – o, wen hast du liebevolle Natur, wohl je ungetröstet von dir gelassen, der Trost bei dir suchte?

Und was war mein Kummer ? – war er nicht eben in dieser Verstimmung meiner Phantasie gegründet, die der feste Anblick der mich umgebenden Natur wieder heilte. – Was war es anders, als daß mein Auge den unrechten Gesichtspunkt gefaßt hatte, aus der ich diese schöne Welt betrachtete, in der ich nun anfing, Verwirrung und Unordnung, Unglück und Jammer zu sehen, wohin ich blickte, und zu ahnden, wohin ich nicht blickte?

Ist nun nicht meine Seele wieder gestärkt? meine Denkkraft nicht wieder in Thätigkeit gesetzt? Und das Heiligungsmittel liegt mir so nahe – ich darf das Kraut nur pflücken, das zu meinen Füßen wächst, um meinen Schmerz zu lindern.

Ich stehe da, und betrachte die arbeitsamen Landleute – wohin ich blicke, sehe ich Leben und Bewegung – Erreichung der mannichfaltigen Endzwecke der Natur – im gleichen Takt heben die Arme der Erndter sich mit den Sensen auf, und die vollen Aehren sinken nieder – der Schweiß tröpfelt von der Stirn des Arbeiters, aber er freuet sich seiner Gesundheit und seiner Stärke – und auf den Ersatz seiner aufgewandten Kräfte durch die zubereiteten Nahrungsmittel und den süßen Schlaf. –

Mit jedem wiederhohlten Sensenschlage kommt Takt und Ordnung in sein Leben, und in alle seine Gedanken – Er erfüllt in jedem Augenblick den Zweck seines Daseyns, indem er durch die Thätigkeit seines Körpers unvermerkt seinen Geist zur Ordnung zum Ausdauren im Denken gewöhnt, das ihm, wenn er dereinst ohne Körper seyn wird, noch zu statten kommen soll, und indem er zugleich die großen Endzwecke der Natur zur Erhaltung und Ernährung der Körper befördern hilft, in denen und durch die noch mehrere Geister zu einem Daseyn höherer Art gebildet werden sollen.

Eine wohlthätige Unwissenheit umhüllet euren Blick, ihr Arbeiter im Schweisse eures Angesichts – Um euch her ist die große unendliche Welt, ihr aber seyd auf den Fleck der Erde geheftet, wo ihr euer Leben empfingt – hier wohnet ihr eine Zeitlang in euren engen niedrigen Hütten – dem Boden, den ihr bewohnt zwingt ihr auch eure Nahrung ab – und dann legt ihr euch auf einen kleinen Fleck eures väterlichen Bodens schlafen, und versammlet euren Staub zu dem Staube eurer Vorältern. –

Es hat euch nie eingeleuchtet, was ihr einst seyn werdet, die ihr dort schlummert – Eure Kinder die jetzt auf eurem Staube gehen, werden entschlummern wie ihr – aber einst muß die große Erndte erscheinen – es kann nicht Blendwerk, kann nicht Täuschung seyn. – Sollte die große Natur, die kein Röhrchen, keine Faser ohne Zweck und Absicht schuf – hier so plötzlich aufhören nach Zweck und Absicht zu handeln – sollte sie ewig säen, und säen, und säen – ohne je zu ärndten? – sollte dieß Erdenleben dessen so mancher nur wenige Stunden froh wird, ihr letzter Zweck seyn?

Sind nicht die Gedanken des Menschen, womit er die Ordnung und Harmonie in der ganzen Natur bemerkt, das edelste in der ganzen Natur. –

Und dieser reinste abgezogenste Stoff, auf dessen Bildung alle Eindrücke aus der Körperwelt unaufhörlich hinarbeiteten, der sollte sich wieder, ohne nun weiter genutzt zu werden, mit der übrigen Körpermasse mischen? So verschwenderisch sollte die sonst so sparsame Natur zu Werke gehen, daß sie alle ihre Kräfte aufböte, um durch den umgebenden Körper den Geist eines Menschen zu bilden, den sie zugleich mit diesem Körper wieder zerstörte?

Zwar bildet sie im Frühling ein Blatt am Baume, ründet es sorgfältig, und versieht es höchstkünstlich mit unzähligen Röhrchen, wodurch es seinen Nahrungssaft in sich saugt, und seine Bestandtheile sich vermehren – und eben dieß Blatt läßt sie im Herbst wieder welken, abfallen, und in den Staub zertreten werden – denn sie liebt die Verjüngung; sie zerstört, um immer aufs neue wieder hervorzubringen – sie scheint das Altgewordne das Verwelkte zu vernachläßigen – aber sie thut es nicht; sie läßt kein Stäubchen von dem Verwelkten verlohren gehen – und dann läßt sie auch dasjenige, auf dessen Wachsthum und Bildung sie mehr Mühe gewandt zu haben scheint, immer länger dauren, als das worauf sie weniger Sorgfalt wendet, – der Baum, der Jahre zu seinem Wachsthum bedurfte, dauert länger, als seine Blätter, die ein Frühling zur Vollkommenheit brachte. –

Zwar finden sich die Bestandtheile eines verwelkten, in Staub verwandelten Blattes vielleicht in Ewigkeit nie wieder so zusammen, wie sie einmal am Baum saßen, da das Blatt seinen vollkommnen Wachsthum erreicht hatte – Aber die Natur wirkt den Stoff der verwelkten Dinge in einander, und formt ihn nach und nach zu neuen Wesen um. –

Nur ein Wesen, dem sie Bewustseyn und Selbstgefühl verlieh, kann ohne seine gänzliche Vernichtung nie der Stoff zu einem andern Wesen werden – Hier wäre also allein der Faden der die Zerstörung sonst immer an neues Daseyn knüpft, gänzlich abgeschnitten – Hier wäre Mangel an Zusammenhang, Verwirrung und Unordnung. –

Oder sollte ich lieber glauben, daß die Natur nur auf die Erhaltung und Fortpflanzung der Körperwelt, als ihren eigentlichen Zweck, hinarbeite, und daß die Erhöhung der Denkkraft und die Veredlung des Geistes, nur eine zufällige Folge bei dieser ihrer immerwährenden Bestrebung sey, woran sie selbst nie dachte, wodurch sie etwas edleres hervorbrachte, als sie eigentlich hervorbringen wollte? –

Was sollte mich denn bewegen, so herabwürdigend von ihr zu denken, daß ich sie unter mich selbst herabsetzte, da ich sie in allen übrigen so viel weiser und verständiger, als mein eignes denkendes Wesen finde, daß ich kaum mit aller meiner Denkkraft ihrem großen großen Plane von ferne nachspähen kann, geschweige denn, daß ich an ihrer Stelle ihn hätte entwerfen können.

Es scheint mir also, als ob das, was ich die Natur nenne, weiser und verständiger ist, als ich – In so fern ich mir aber nun unter der Natur die Einrichtung der Dinge außer mir denke, so wie sie ohne mein Zuthun sind, sehe ich wieder nicht, wie eine blosse Einrichtung an und für sich selber, schon als ein verständiges und weises Wesen betrachtet werden kann, noch wie sie sich selbst habe machen können. –

Hier bleib ich für jetzt mit meinem Nachdenken stehen – und ruhe sanft in dem Gedanken, daß ich in der Ordnung der Dinge mit getragen und erhalten werde, worin nur die Formen aber nicht die Bestandtheile der Dinge vernichtet werden – Bei meinen denkenden Ich fällt selber Form und Bestandtheile in eins zusammen – wenn es also vernichtet wird, so muß es ganz vernichtet werden, ohne daß es irgend zu einem neuen Wesen je wieder umgearbeitet werden könnte; und weil nun alles in der Natur gegen eine solche Verschwendung streitet, so sichert mir das die Fortdauer meines Daseyns, bis neue Zweifel meine Ueberzeugung wankend machen.

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