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Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers

Karl Philipp Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Philipp Moritz
titleFragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers
publisherChristian Friedrich Himburg
firstpub1787
senderwww.gaga.net
created20050613
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Die Behutsamkeit:

Eines Abends kamen drei Wanderer in einer Herberge zusammen, und weil es sich gerade fügte, daß sie alle drei einerlei Ziel ihrer Reise hatten, so beschlossen sie, sich unterwegs zusammenzuhalten, um sich theils durch angenehme Gespräche den Weg zu verkürzen, und theils auch in Gefahr einander beizustehn.

Jeder ergriff also am folgenden Morgen früh seinen Wanderstab, und sie traten zusammen ihre Reise an. –

Die Sonne ging schön auf, und mahlte ihnen mit ihren ersten Strahlen die schönsten Aussichten auf ihren Weg hin, woran sich ihr Auge ergötzen konnte. –

Sie freuten sich alle drei des schönen Morgens, und keiner unter ihnen war traurig oder niedergeschlagen. –

Als aber das Gespräch unter andern auf den Weg fiel, den sie an diesem Tage noch zurücklegen wollten – so fing der eine an zu zittern und zu zagen, weil sie durch einen Wald mußten, den man, wegen Rubereien und Mordthaten, die darin verübt wurden, für unsicher hielt. –

Der andre schalt diesen eine feige Memme, und sagte, daß er seinen Mann schon stehen wolle, wenn er es auch allein mit sechsen aufnehmen sollte.

Der dritte sagte nichts, als daß er seine beiden Gefährten ermahnte, ihre Schritte zu verdoppeln, damit sie noch vor Sonnenuntergang durch den Wald kämen.

Sie waren noch nicht viele Schritte gegangen, so kamen sie an einen schmalen Steg, der über einen ziemlich breiten und tiefen Fluß führte. –

Hier zeigte sich nun die große Verschiedenheit dieser drei Wanderer, die sich am Morgen früh noch so ähnlich schienen, sehr auffallend. –

Der eine blieb furchtsam und zitternd am Ufer stehen, ihnen schauerte schon vor dem Gedanken, diesen schmalen Steg zu betreten. –

Der andre, der gesagt hatte, daß er seinen Mann schon stehen wolle, dachte dem Furchtsamen recht zu beschämen, und indem er ohne vor sich hinzusehen, über den Steg hinspringen wollte, als ob er zu beiden Seiten festen Boden hätte, stürzte er Hals über Kopf ins Wasser. –

Während daß der dritte behutsam, vor sich nieder sehend, und mit festem Schritt über den Steg ging, und den Tollkühnen rettete, indem er ihm vom gegenseitigen Ufer einen Ast zuwarf. –

Er ging darauf zurück, und bot auch dem Furchtsamen die Hand, um ihn über den Steg zu leiten, und jener während der Zeit keinen Blick auf eine von beiden Seiten warf, um die ihm drohende Gefahr nicht zu sehen. –

Ohne den behutsamen Wandrer würden also weder der Tollkühne noch der Furchtsame jemals das andre Ufer des Flusses erreicht haben.

Die nun folgenden Aufsätze scheinen nicht lange vor seinen Tode niedergeschrieben zu seyn.


Die Nacht ist lang, aber meine Augen sind schwer.
                                                        Ossian.


Den Kopf auf die Hand gestützt saß ein Lebenswandrer auf den Stamm einer abgehauenen Eiche, und blickte in den vorbeifließenden Strom.

Der Strom war tief und schnell, das Wasser gelb und leimicht, und hie und da bildeten sich kleine Wirbel auf der fortschießenden glatten Oberfläche.

Seit dem frühen Morgen hatte der einsamtrauernde mit unverwendtem Blick in die Fluth hinabgesehn, und schon neigte die Sonne sich wieder zum Untergang.

Da hob er sein Klagelied an, und sprach:

»Ich weinte, da meine Mutter mich mit Schmerzen gebahr.«


Zum erstenmale habe ich heute die unaussprechliche Seeligkeit empfunden, mich außer mich selbst zu sehen.– –

Ich sah mich in einem Winkel der Stube sitzen, und schreiben, das Licht mir näher rücken, und den Schirm vorschieben.– –

Ich war ein Gott in dem Augenblick, – ich hätte mich können sterben sehen – – hätte meinen Leib zu Asche verbrennen sehen – und gelächelt. – Ich untersuchte meine Gesichtszüge; und fand erst mürrischen Ernst mit Bitterkeit vermischt darinn.

Dann sahe ich mein Auge sich allmählig erheitern, – und wo war ich, da ich dieß sahe? –

Wo? – – ich hatte keinen Gedanken mehr für das wo – ich war nirgend und doch allenthalben. – Ich fühlte mich aus der Reihe der Dinge herausgedrängt, und bedurfte des Raums nicht mehr.

Nun fühl' ich mich wieder eingekerkert in dieses Beinhaus, in diese zerbrechliche Hütte von Leimen.

Süße Freiheitsstunde, wann erscheinst du wieder?

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