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Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers

Karl Philipp Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Philipp Moritz
titleFragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers
publisherChristian Friedrich Himburg
firstpub1787
senderwww.gaga.net
created20050613
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Gegenwart und Vergangenheit.

Wenn ich eine Stadt besehen will, und befinde mich unten an der Erde, so muß ich eine Straße nach der andern durchgehen, und es abwarten, bis sich mir nach und nach, durch Hülfe meines Gedächtnisses, die Vorstellung von der ganzen Stadt darbietet.

Stehe ich aber auf einem Thurme, von dem ich die Uebersicht der ganzen Stadt habe, so sehe ich nun dasjenige auf einmal und neben einander, was ich vorher nach einander sehen mußte.

Wir sagen, eine Straße folget auf die andere; und dieser Ausdruck ist selbst ein Beweiß von unsrer Täuschung, indem wir die Folge unsrer Vorstellungen von den Straßen, mit den Straßen selbst verwechseln.

Was wir die Folge der Dinge nennen, ist also vielleicht bloß die Folge unserer Vorstellungen von diesen Dingen. Aber die Folge in diesen Vorstellungen selber muß denn doch wohl wirklich seyn? – –

Vielleicht auch nur für einen eingeschränkten Geist, der sie eine nach der andern hat, aber wohl nicht für ein höheres Wesen, das auch alle diese Vorstellungen schon neben einander sieht.

Unser künftiger Zustand in jedem Augenblick unsers Lebens wäre also wirklich schon da, und unsre Vorstellung, welche denselben umfaßt, und zu demselben ganz unentbehrlich ist, müßte also auch schon da seyn, das ist sie aber nicht, folglich scheinet jene Behauptung ein Wiederspruch zu seyn.

Wollten wir sagen, die Vorstellung von unserm jedesmaligen künftigen Zustande ist schon in dem göttlichen Verstande da; so ist dieses doch nicht unsre Vorstellung, weil wir sie noch nicht gehabt haben.

In sofern also die die Vorstellungen von unserm künftigen Zustande unsre Vorstellungen sind, findet doch immer eine Folge in denselben statt, oder unser eigenes bleibendes Daseyn müßte auch nur anscheinend seyn.

Und wie kann die Bewegung ohne Wiederspruch, als etwas neben einander bestehendes und nicht auf einander folgendes gedacht werden? Wie kann der Mann, welcher jetzt noch hier steht, auch in diesem Augenblick schon eine Meile weit entfernt seyn? Wie kann auch der allumfassendste Verstand mein Hierstehen und Dastehen neben einander stellen?

Wo ich gestanden habe, da stehe ich doch jetzt nicht mehr, und wo ich künftig stehen werde, da stehe ich jetzt noch nicht. Ein neuer, oder wenn man will, derselbe Wiederspruch.

Was ließe sich hierauf antworten? – Wenn ich ein Feuerrad mache, oder einen Funken schnell umherdrehe, so scheinet er mir da zu seyn, wo er doch noch nicht ist, und scheinet noch da zu seyn, wo er doch nicht mehr ist, anstatt eines Punktes bemerkt mein Auge einen Zirkel, welcher stille zu stehen scheinet, da doch die Bewegung sehr schnell ist.

Dieses scheint offenbar eine Täuschung unseres Gesichts, eine unvollkommene Vorstellung zu seyn.

Wie, wenn es umgekehrt wäre, wenn unser Gedächtniß, oder das zurückbleibende Bild von dem Funken, vielleicht der eingeschränkten Sehkraft unserer Augen zu Hülfe gekommen wäre, so daß wir sagen müßten: ich erblicke den Funken nun wirklich da, wo er sonst noch nicht zu seyn scheint?

Wie, wenn wir uns hier, auf einige Augenblicke, dasjenige, was nur auf einander zu folgen schien, wirklich als neben einander vorgestellt, und gleichsam im Kleinen einmal das Gegenwärtige, Vergangene, und Zukünftige mit einem Blick umfaßt hätten? –

Nach dieser Bemerkung müßte sich alles, was wir uns als einen sich fortbewegenden Punkt gedenken, in dem göttlichern Verstande, wie ein Zirkel darstellen.

Wenn sich ein Rad schnell herumdrehet, so macht jeder hervorragende rauhe Punkt einen Zirkel, und das Ganze bekommt dadurch ein schönes, ebenes, und wohlgeordnetes Ansehen.

Ein Mann steht unter einem Baum, er geht weg; in meiner Seele aber bleibt noch das Bild von dem Manne, der unter dem Baume stand, zurück.

Der Funke im Feuerrade bewegt sich fort, an dem Orte aber, wo er selbst nicht mehr ist, ersetzt sein Bild in meiner Seele seine Stelle.

Wenn ich mir den Mann zugleich unterm Baum, und in seinem Hause wirklich vorstellen wollte, so müßte der Baum und sein Haus eins seyn.

Das Bild des Untermbaumstehens aber liegt noch immer in der Seele, wenn auch der Mann schon wieder in seinem Hause ist.

Das Untermbaumstehen war vorher eben so wirklich, als jetzt das Zuhauseseyn ist; aber ich kann mir doch unmöglich beides zugleich und auf einmal als wirklich denken.

In dem vollkommensten Verstande aber muß beides wirklich neben einander bestehen, und nicht eines auf das andere folgen, weil sich dieser vollkommenste Verstand alles auf einmal und neben einander bestehend vorstellen muß, wenn es anders einen vollkommensten Verstand giebt.

Von den Bewegungen des Menschen wissen wir weiter nichts gewiß, als daß es Veränderungen seiner Vorstellungen sind.

Nun liegen aber alle Vorstellungen, die der Mensch haben soll, in dem göttlichen Verstande schon neben einander da, und der Mensch muß sie nur eine nach der andern durchgehen, und selbst diese jedesmaligen Durchgänge sind in dem göttlichen Verstande schon alle neben einander da.

Bei Gott ist das Vergangene noch eben so wirklich, als das Gegenwärtige. Bei uns bleibt, beim Anschauen des Gegenwärtigen, doch das Bild vom Vergangenen noch zurück. Das macht uns ihm ähnlich.

In ihm steht das ganze Leben des Menschen ewig, wie ein Gemählde neben einander da, worinn Licht und Schatten auf das herrlichste vermischt sind, der Mensch aber muß es erst durchleben, ehe er dies einsehen kann.

Und giebt es denn wirklich einen solchen vollkommensten Verstand?

O dann freuet sich der erste Mensch in ihm noch seines Daseyns, athmet noch immer paradisische Luft ein, und freut sich seiner reizenden Gehülfin; in ihm verscherzt er noch jetzt sein Glück, und baut mit Mühe den Acker; aber in ihm ist auch sein verklärter Körper schon wieder aus der Verwesung hervorgegangen, und glänzt in ewiger Glorie! –

Welch ein unbegreifliches Gemählde, Kindheit, Jugend, Alter, Tod, Verwesung, Wiederhervorgehen aus dem Grabe, das alles, wie Licht und Schatten neben einander gestellt, mit einem Blick zu umfassen, welch ein wunderbartröstender Gedanke!

Ach, also ist das Vergangene nicht vergangen; so ist alles noch so da, wie es war von Anbeginn, aufbewahret in den allumfassenden Gedanken des Ewigen? –

Wie es mich mannchmal kränkte, wenn ich, beim Vergehen eines Dinges dachte: mit dem ist's nun ganz vorbei, das ist nun auf ewig dahin!

Drum will ich nicht klagen, daß jener Tag mir entflohen ist, an dem ich die ganze Fülle meines Daseyns genoß, wie ich sie auf Erden vielleicht nicht wieder genießen werde.

Dieser Tag dämmert auch jetzt am Horizonte, und ich weiß, daß ich ihn wieder finden werde, wenn mein Gedanke sich dereinst in dem einzigen großen Gedanken Gottes verliehren wird.

Ich will nicht klagen, daß mein Freund im Staube vermodert. –

Er blühet noch in seiner schönsten Jugend. Die unschuldsvollen Jahre seiner Kindheit sind noch nicht verfloßen. Ob er gleich jetzt im Staube zu verwesen scheinet.

Ich bin nur grade in solchen Verhältniß gegen ihn, daß ich den gegenwärtigen Punct seiner Veränderung, Verwesung im Grabe, nur bemerken kann; das Verhältniß aber des Ewigen gegen ihn ist so, daß sein Verwesen im Grabe, und das Aufblühen seiner ersten Jugend, in diesem Augenblicke, zugleich vor ihm dasteht, und daß vielleicht in eben diesen Augenblick sein verklärter Körper aus der Verwesung hervorgeht.

Wo unser Verhältniß aufhört, das scheinet uns vergangen zu seyn. Wir täuschen uns.

Vielleicht wird auch uns einmal die Wonne gewährt, unser ganzes auf einander folgendes Daseyn neben einander zu sehen.

Vielleicht hört auch bei uns einmal, obgleich im eingeschränkten Maaße, die Folge auf, so daß auch wir alles, was wir sind, auf einmal sind, und unsre Ewigkeit zur immerwährenden Gegenwart wird.

Gott hat einen unendlich vollkommenern Begriff von uns, als wir selber haben.

Je mehr wir uns mit ihm vereinigen, desto tiefere Blicke werden wir in uns selber thun. –

Und da wir uns dieses vollkommenste jetzt wenigstens schon denken können, sollte es denn wohl unwahrscheinlich seyn, daß wir dereinst genauer mit ihm vereiniget werden? –

Und würden wlr wohl etwas verliehren, wenn wir in diesem Fall auch unser Selbst aufopfern müßten?


Indem ich unter Sonnenbergs Papieren umherblättere, finde ich Freimaurerreden und Predigten; eine Freimaurerrede, die er bei einer Gesellenaufnahme gehalten hat, und wovon das Manuscript schon sehr alt zu seyn scheint, theile ich hier mit:


Eine Gesellenaufnahme in unsern Orden, meine Brüder, hat für mich allemal, so wie gewiß für einen jeden unter uns, sehr etwas Rührendes und Herzerhebendes.

Welch ein schönes Symbol des immerthätigen aber zugleich mit Gefahren umringten Lebens, sind diese Reisen mit dem auf die Brust gekehrten tödtlichen Stahl, der aber vor dem, der muthig fortschreitet, wie Nebel zurückweicht, indes dem Wanderer jene Music aus der Ferne entgegentönt, die seinen sinkendem Muth belebt, und ihn aufs neue anspornt, nicht eher zu ruhen, bis er das Ziel erreicht hat.

Dem reifer gewordenen sind nun die Augen eröfnet, er sieht nun die Gefahren, die ihm drohen, keine wohlthätige Binde umhüllt nunmehr, wie vormals, seinen Blick.

Darum bedarf er jetzt eines tröstenden Zuspruchs mehr, wie sonst, und sein Ohr ist zugleich eröfnet, den aufmunternden Gesang zu hören, der ehemals für ihn schwieg, und es wächst mit der Gefahr sein Muth. –

Doch, m. Br., wir wollen nicht Bilder durch Bilder aufzuklären suchen! Laßt uns eilen, aus der Region der Phantasie in das Gebiet der ruhigen kalten Vernunft herabzusteigen, damit auch wir desto sicherere Schrite thun. – Laßt uns die einfache Frage beantworten:

Was heißt ein Freymaurerlehrling, ein Freimaurergeselle? Was heißt ein Freimaurer überhaupt? –

Ein freier Maurer heißt eigentlich ein freier Mensch. – Maurer aber sagt mehr; es bedeutet einen thätigen unternehmenden Menschen, der etwas bauet, das heißt, etwas mit Zweck und Absicht unternimmt. –

Wer nicht auf eine vernünftige weise thätig ist, der braucht auch nicht frei zu seyn. – Der unthätige Mensch sey sein ganzes Leben hindurch in einem Kerker eingesperrt – die Welt wird nichts dabei verlieren. – Der Maurer soll noch mehr, als bloß mit Zweck und Absicht, thätig seyn – denn wer ist das nicht. –

So lange wir bei Vernunft sind, haben wir immer einen gewissen Zweck und Absicht bei allem, was wir unternehmen. – Nur Schade, daß wir so oft dieser Zweck selber sind. – Ein Maurer bauet ja nicht für sich allein, indes sein Nachbar ohne Obdach Frost und Regen ausgesetzt ist – auch bauet er nicht bloß für die Zeit, worin er lebe; sondern seine festen Mauern sollen noch lange nach seinem Tode, dem Einwohner ein süßer Schutz, den Gast und den Fremdling eine willkommne Herberge seyn. –

Die Maurerei auf die Weltverbrüder oder Gebrüder nicht einmal als Bild, sondern an und für sich selbst betrachtet, ist auf die Weise schon eine der größten, gemeinnützigsten und edelsten Unternehmungen des menschlichen Geistes. –

Als Bild betrachtet aber ist sie das schicklichste Symbol, um eine große edle uneigennützige Thätigkeit zu begehen, wobei wir nicht uns selber zum Mittelpunkte machen, sondern außer uns ins Ganze wirken – und nur eine solche Thätigkeit ist es, die freie Spielrade haben muß. –

Also ein mit Zweck und Absicht uneigennützig thätiger Mensch, der bei seinen Unternehmungen so wenig wie möglich eingeschränkt ist – ist ein Freimaurer. –

Diese Thätigkeit ist eine edle Thätigkeit, edel war nur dasjenige, was nicht gemein ist, wie z. E. ein Edelgestein – nun sind aber eigennützige Unternehmungen einmal gemeiner, als uneigennützige, weil sie so viele Anstrengung erfordern, ja man hält sie sogar der menschlichen Klugheit gemäßer. –

Zum uneigennützigen Handeln gehört also Uebung, welche bei dem Freimaurerlehrling vorzüglich statt finden muß, so daß er, wenn er in den Gesellengrad tritt, schon einige Fertigkeit darin erhalten hat. –

Und wer sich solcher Handlungen nicht bewußt wäre, und vielleicht nicht einmal den Gedanken gehabt hätte, etwas zu thun, wovon der Nutzen nicht auf ihn zurückfiele, und wobei er gewissermaßen seinen eigenen Vortheil aufopfern mußte, der verdiente auch sicher den Nahmen eines Freimaurers nicht. –

Wodurch werden aber nun diese edlen und uneigenuützigen Bestrebungen anders eingeschränkt, als durch die Frucht?

Daher schienen auch alle Symbole vorzüglich mit darauf abzuzwecken, wie ein Freimaurer die Furcht verlernen soll. –

Eins der größten Hindernisse einer uneigennützigen Thätigkeit ist dann aber die Menschenfurcht oder eine falsche Gefälligkeit, wodurch gewiß mehr Gutes in der Welt verhindert ist, als man glauben sollte. –

Denn es ist ja natürlich, daß einer der uneigennützig handelt, dem Eigennützigen, welcher alles auf sich bezogen haben will, sehr oft in den Weg kommen, und alsdenn die Gesetze der Höflichkeit mit denen der Gerechtigkeit und Billigkeit zusammenstoßen. –

Hier ist es eben, wo der Freimaurer frei, und nicht nach Menschenfurcht und Menschengefälligkeit handeln muß. – Darum übt er sich bei unsern Zusammenkünften, die Menschen als sich alle gleich und als Brüder zu betrachten, damit er sich nicht durch das Verhältniß der Stände abhalten läßt, das zu thun, was er für recht hält. –

Er wird deswegen kein Aufwiegler – denn er lernt sich der Nothwendigkeit unterwerfen – wo er keine Möglichkeit sieht, der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung abzuhelfen, da verschwendet er seine Kräfte nicht vergeblich, um sie auf Fälle zu sparen, wo sich lhm bessere Aussichten eröfnen. –

Er weiß, daß er sich dem Sturm, dem Ungewitter, der Krankheit, dem Tode, unterwerfen muß, die alle stärker sind, als er, weil es vergeblich, weil es lächerlich seyn würde, dagegen anzukämpfen. –

Eben so wie dem unwiderstehlichen Druck der Luft unterwirft er sich jeder stärkern Macht, der er nicht widerstehen kann, und in dieser Unterwerfung, in dieser Resignation findet er eben seine höchste Freiheit. –

Er findet sie darin, daß er nichts will, was er nicht könne, aber daß er auch alles will, was er kann. –

Und der Mensch kann erstaunlich viel, wenn er alle seine Bestrebungen auf ein einziges Ziel hinrichtet. –

Er hat sich auf die Weise die thierische Schöpfung, er hat sich die Elemente unterwürfig gemacht. –

Wie vielmehr können also nicht die vereinigten Kräfte vieler Menschen ausrichten, wenn sie alle auf ein Ziel hinarbeiten – sich untereinander zu vervollkommnen, untereinander wechselseitig ihren Muth zu beleben, und sich gemeinschaftlich in der Mäßigkeit, Standhaftigkeit und Uneigennüßigkeit zu üben. –

Eine geringe Anzahl mäßiger, standhafter, und uneigennütziger Menschen, die sich alle zu einem Zwecke vereinigten, würden, wenn sie mit der gehörigen Klugheit zu Werke gingen, in der Welt Wunderdinge ausrichten. –

Allererst muß freilich auf die innere Vervollkommnung hingearbeitet werden. –

Der Mensch, der andern Glückseligkeit und Zufriedenheit mittheilen will, muß erst selbst völlig glücklich und zufrieden seyn. –

Das wird er aber bloß durch Mäßigung seiner Begierden, und einer völligen Resignation.

Wer sich von der gewöhnlichen Klasse der Menschen durch ein höheres Freiheitsgefühl unterscheiden will, muß nothwendig gelernt haben, jedes Gute des Lebens zu besitzen, ohne sich zu fürchten, es zu verlieren. – Denn nur alsdann ist ihm der Genuß gesichert. –

Der genießt gewiß sicher sein Leben am meisten, der es am wenigsten zu verlieren fürchtet – und der handelt auch am freisten. –

Daher beziehen sich unsere Symbole so häufig auf eine gewisse Gleichgültigkeit und Unerschrockenheit vor dem Tode –

Die Furcht verengt das Herz, und macht es großer Empfindungen unfähig. – Wer für sich nichts mehr fürchtet, ist erst im Stande, für andere großmüthige Wünsche zu thun. –

Wer sich nun nicht täglich in dieser Mäßigung seiner eigennützigen Begierden übt, um für die großmüthigen Gesinnungen in seiner Seele gleichsam Platz zu machen, der verdient den Nahmen eines Freimaurers nicht, und wenn unsere Versammlung diese Mäßigung der eigennützigen Begierden nicht befördern hülfe, so erreichte sie ihren Zweck nicht. –

Die höchstmögliche moralische Vervollkommnung ist also das Ziel, wornach der Maurer strebt, und diese besteht in der zweckmäßigsten und uneigennützigsten Thätigkeit. –

Denn die bloßen Gesinnungen machen die Moralität nicht aus. –

Wer edel denkt muß auch edel handeln – sonst ist seine Denkungsart ein Schwerdt, das in der Scheide verrostet, und edel handeln, lernt man nicht anders, als durch Uebung und durch Beispiel – und beide, wo das Beispiel giebt sowohl als wo es nimmt, gewinnen wechselseitig dadurch. –

Weil nun in der Welt die guten Beispiele so zerstreut sind, so sollten sie in unsern Logen zusammengedrängt seyn, damit dieselben die eigentliche Schule der Weisheit des Lebens würden. –

Dazu müssen denn die einzelnen Subjekte freilich so viel Umgang wie möglich miteinander haben – denn die Maurerei soll uns ja aus unserm kleinen Umgangszirkel in einem größern ziehen, wo wir mehr mannigfaltiges Gute sehen, als wir sonst Gelegenheit haben. –

Wo wir uns in alle Rechte der Menschheit wieder eingesetzt fühlen. –

Wo alle an der Wohlfahrt eines jeden einzelnen Theil nehmen, und bei seinen Schicksalen nicht gleichgültig sind, –

Wo das, was unsere wahre Glückseligkeit ausmacht, zur Sprache kömmt. –

Wo ein jeder die Vortheile, die er durch eigne Erfahrung zu einer wahren Glückseligkeit ausfindig gemacht hat, und seine mißlungenen Versuche, den andern mtttheilt. –

Wo alles uns anmahnen soll, da< Leben zu genießen, und den Tod nicht zu fürchten – uns zu unterwerfen, wo wir müssen, und die Rechte der Menschheit zu vercheidigen, wo wir können. –

Wo wir lernen, daß wir nicht thätig seyn müssen, um zu genießen, sondern nur genießen, um wieder thätig seyn zu können. –

Daß zwar in seinem bürgerlichen Beruf getreu zu seyn, schon viel sey, aber daß der edle Mensch sich dennoch eine Mine zu eröfnen sucht, wo er mit selbstgewahlter Thätigkeit und auf eine uneigennützige Art wirksam seyn kann. –

Wo wir beständig aufmerksam auf die Kürze unsers menschlichen Lebens erhalten werden, damit wir den gegenwärtigen Augenblick nutzen lernen. –

Da nun alles darauf ankommt, immer mehr Kräfte, immer mehr Thätigkeit zu edlen Endzwecken in Umlauf zu bringen, da selbst das Leben bloß durch diese Thätigkeit sich vom Tode unterscheidet – o so laßt uns auch dahin sehen, daß in unsern Versammlungen immer Leben und Thätigkeit herrsche, daß das Band zwischen uns immer genauer geknüpft werde, daß dieß der Ort sey, wo wir uns unsre edelsten Entschließungen mittheilen, und von dem, was uns Gutes gelungen ist, einander Rechenschaft ablegen. –

Laßt uns die feierliche Pause in unserer Arbeit dazu nutzen, daß wir, von einem Geiste belebt, unsere Gedanken zu irgend eine schöne Entschließung sammlen, die wir schon lange mit uns herumtrugen und nun ausführen wollen. –

Laßt uns gemeinschaftlich darauf denken, wie wir unsre Versammlungen, so nützlich und zweckmäßig, wie möglich, machen. –

Ich wende mich noch mit wenigen Worten an euch, meine geliebten neuaufgenommenen Brüder. –

Seyd uns willkommen zu den neuen Arbeiten, welche ihr euch jetzt mit uns gemeinschaftlich unterziehet. –

Erhaltet uns eure Liebe und euer Zutrauen, und laßt uns nun Hand in Hand, dem großen Ziele der Maurerei entgegen gehen, das wir, wenn wir nur einmal den rechten Weg eingeschlagen haben, hier oder dort gewiß erreichen werden!

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