Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Heinrich Ulrichs >

Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe Band 2

Karl Heinrich Ulrichs: Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
authorKarl Heinrich Ulrichs
titleForschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe Band 2
publisherVerlag rosa Winkel
editorHubert Kennedy
year1994
isbn3-86149-025-0
firstpub1868
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20161013
projectide434e0f9
Schließen

Navigation:

Abtheilung I.

Einleitung.

I. Im Jahr 1866 erschien zu London ein bis dahin völlig unbekannt gebliebenes Gedicht Lord Byron's, seinem Nachlaß entnommen, (s. unten § 134, 10) worin der Dichter, zur Ueberraschung ja zum Entsetzen seiner Verehrer, folgende Worte ausspricht (Vers 129–314): Anmerk. d. Herausgebers: Das Gedicht Don Leon, das 1866 zum erstenmal erschien, wurde damals Lord Byron zugeschrieben. Eine genaue Analyse des Gedichtes zeigt, daß Byron nicht der Verfasser sein kann, der bis heute unbekannt geblieben ist. Nach Louis Crompton, Don Leon, Byron, and Homosexual Law Reform, in: Journal of Homosexuality, Bd. 8 Nr. 3/4 (– Literary Visions of Homosexuality, ed. by Stuart Kellogg, 1983) S. 53-71, handelt es sich bei dem Gedicht um ein einzigartiges Zeugnis:
      Der Verfasser von Don Leon hat nicht nur die wichtigsten Hinweise zu Byrons Homosexualität gegeben, und zwar ein ganzes Jahrhundert bevor Byrons mehr konventionelle Biographen dieses Thema überhaupt anzusprechen wagten, er verfaßte mit dem Gedicht in beredter und eindrucksvoller Weise auch den frühesten publizierten Protest gegen die Unterdrückung der Homosexuellen in England, der uns überliefert ist, und zugleich das erste Plädoyer für mehr Verständnis. (S. 69 f.)
     Zu dem Zitat hat Hirschfeld in der Neuausgabe von 1898 (S. 12 f.) folgende Übersetzung gegeben: Dann, sage, war ich oder Natur im Unrecht, da, noch ein Knabe, eine Neigung, heftig in seltsamen Anwandlungen, meine Seele beherrschte, und völlig Trotz bot dem Zwange? ... Unter den Pächterssöhnen auf meinem Landsitz sollte ein reizender Junge bei meinem Hause aufwarten. Und jetzt, da die Zeit mein Haar fast gebleicht hat, erkenne ich recht wohl, ob schon Schicklichkeit untersagt dieselben Liebkosungen einem Jungen vom Lande: Liebe, Liebe war es, das meine Augen sich ergötzen ließ, seine Person immer vor meinem Blick zu haben. ... Von niedriger Geburt war er, Patrizier ich, und doch war diese Jugend meine Anbetung. O! Wie liebte ich, seine Wange an meine zu pressen, wie innig wollten meine Arme seinen Leib umschlingen, ’s war wie ein Liebestrank, in meine Adern gegossen. ... Was löscht dies Feuer? Mädchen und nicht Knaben pflegen sonst Liebe zu erregen. War’s eine unerlaubte Liebe! O, trauriges Geschick! Aber, was treibt Natur denn an, die Falle zu stellen? Warum schwebt Nacht und Tag sein süßes Bild vor meinen Augen? Oder weswegen bin ich vernarrt in dieses teure Antlitz mit so heftiger Glut? Warum unterliegt Vernunft der Begierde? Zwar das Gesetz ruft: »Halt!“: doch Leidenschaft treibt vorwärts. Allein Natur gab uns Leidenschaften, der Mensch Gesetze! Woher entspringen diese Neigungen, üppig und stark und niemanden schädigend? Weshalb sie Unrecht nennen? ... Wie viele Kriegsführer, berühmt durch Waffenthaten, haben ihren Trost gefunden in eines Lieblings Armen. Sage, warum, als der große Epaminondas starb, wurde Cephidorus an seiner Seite beigesetzt? Oder warum sollte Plutarch mit Lob anführen dieses Helden Liebe für seinen jungen Genossen: und wir sollen gezwungen sein, seine Lehre in Verruf zu erklären, oder den bitteren Kelch der Schande zu trinken?
     Plutarch über Epaminondas: Eroticus 761 D.

Then, say, was J or nature in the wrong,
If, yet a boy, one inclination, strong
In wayward fancies, domineered my soul,
And bade complete defiance to control ?.....
Among the yeomens’ sons on my estate
A gentle boy would at my mansion wait.
And now, that time has almost blanched my hair,
Full well J know, though decency forbad
The same caresses to a rustic lad:
Love, love it was, that made my eyes delight
To have his person ever in my sight .......
Of humble birth was he, patrician J,
And yet this youth was my idolatry.
Oh! how J loved to press his cheek to mine;
How fondly would my arms his waist entwine!
’t was like a philter poured into my veins.
                    ... What lights this fire ?
Maids and not boys are wont to move desire;
Else ’t were illicit love? Oh, sad mishap!
But what prompts nature then to set the trap?
Why night and day does his sweet image float
Before my eyes? or wherefore do J doat
On that dear face with ardour so intense?
Why truckles reason to concupiscence?
Though law cries »hold«: yet passion onward draws.
But nature gave us passions, man gave laws!
Whence spring these inclinations, rank and strong
And harming no one? Wherefore call them wrong? ...
How many captains, famed for deeds of arms,
Have found their solace in a minion’s arms.
Say, why, when great Epaminondas died,
Was Cephidorus buried by his side?
Or why should Plutarch with eulogiums cite
That chieftain’s love for his young catamite:
And we be forced his doctrine to decry
Or drink the bitter cup of infamy?

II. Mir wurden folgende Anerkennungen:

Der Professor der Medicin, Hofrath Dr. von Bamberger zu Würzburg, dem ich »Memnon« I. zugesandt hatte, schreibt mir:

»Würzburg, 26. Mai 1868. ...Ich gestehe, daß die geistreiche Art, wie Sie das Thema behandelt haben, sehr geeignet ist, das wissenschaftliche Interesse dafür rege zu machen. Einer ernsten Discussion würden sich vielfache Anhaltspuncte darbieten. ... Ihre Behauptung von der angebornen und in der individuellen Organisation begründeten Natur dieser Anomalie halte ich, wenigstens für eine gewisse Anzahl von Fällen, für richtig.« (S. unten § 131.)

Auf »Gladius furens« antwortet mir der Oberjustizrath a. D. Feuerbach zu Stuttgart am 24. Mai 1868:

»... Ich bin ganz einverstanden mit Ihren Ausführungen hinsichtlich des von einem Theile des Juristentags Ihnen widerfahrenen Unrechts. ... Ihre Ansichten über die nothwendige Verbesserung der Gesetzgebung theile ich vollkommen. Ich bin der sichern Ueberzeugung, daß Ihre Bemühungen für die Abänderung der Gesetzgebung auch dann nicht ohne Erfolg sein werden, wenn Sie mit Ihrem – so wohl begründeten – Antrage beim Juristentag nicht aufkommen sollten. ... Wenn ich daher demselben auch nicht beitrete: in der Sache bin ich ganz Ihrer Ansicht. ...

Unter allen Arten von Furcht kenne ich Menschenfurcht am wenigsten. Was ich sage und schreibe, vermag ich stets gegen jedermann zu vertreten.«

Auf »Gladius furens« antwortet mir der Professor Dr. Otto Seyffer zu Stuttgart am 26. Mai 1868:

»... Die Gerechtigkeit fordert von uns, einer Sache, die von Ihnen mit so viel Geist und Freimuth geführt wird, unsre Theilnahme zu bezeugen. Ihre Schriften, die ich verschiedenen angesehenen Persönlichkeiten mittheilte, haben in mir und meinen Freunden der vollsten Ueberzeugung Raum gegeben, daß in diesem Punct der Strafgesetzgebung ein großer Irrthum vorhanden ist und daß, wenn man sich anders von alten Vorurtheilen losreißen kann, die von Ihnen geführte Sache siegreich durchdringen wird. ... Die psychologische Seite der Frage ist mir klar. Neben Ihren Erörterungen sind mir dabei im Gedächtniß die Aussagen eines alten Mannes Ihresgleichen, der, längst gestorben, offen und unumwunden darüber sprach und sich ganz und gar auf Ihren Standpunct stellte: dazu geboren zu sein. ... Wie dem aber auch sei: ich bin davon zurückgekommen, darin etwas strafwürdiges oder unehrenhaftes zu finden. Man sagt: Verirrung. Doch diesem ist Verirrung, was jenem Nothwendigkeit des Lebensganges ist.«

Ein englischer Urning schreibt mir folgendes:

»Londres, 1. Janvier 1868. ...
Vous me permettrez de vous écrire quelques lignes pour vous exprimer la sympathie profunde que j’éprouve pour la tache que vous avez entreprise: l’émancipation d’une classe nombreuse et innocente d’un joug si cruel, des lois injustes et du mépris immérité. Vous méritez, monsieur, les rémercimens de tous vos confrères sexuels, surtous de ceux qui se cachent derrière la visière. Il me semble qu’il ne faut que de la capacité et du courage tels que les vôtres pour poser nettement – devant la raison publique de tous les pays – les suites logiques de votre appel à l’argumentation, du moins avec la persévérance et l’honorable hardiesse que vous n’avez pas eu peur de montrer etc.

Anmerk. d. Herausgebers: London, 1. Januar 1868.
     ... Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen einige Zeilen schreibe, um Ihnen gegenüber meine tief empfundene Sympathie zum Ausdruck zu bringen für die Aufgabe, die Sie unternommen haben: die Befreiung einer zahlreichen und unschuldigen Gruppe von einem so grausamen Joch, von ungerechten Gesetzen und unverdienter Verachtung. Sie verdienen, mein Herr, den Dank aller ihrer sexuellen Mitbrüder, vor allem derer, die sich verborgen halten. Mir will scheinen, es bedarf Ihrer Fähigkeit und Ihres Mutes, um vor der öffentlichen Vernunft in allen Ländern klar und deutlich die logischen Schlußfolgerungen aus Ihrer Argumentation darzulegen, und das mit der Hartnäckigkeit und ehrenhaften Unerschrockenheit, die zu zeigen Sie keine Furcht hatten ...

III. Ich schrieb auch für jene Männer der Wissenschaft, welche aus dem Angeborensein des Uranismus andre Consequenzen ziehn als ich, welche insonderheit sich noch scheun, auf Grund desselben die volle sittliche Berechtigung urnischer Liebe anzuerkennen, welche vor dem Sittengesetz und vor der sittlichen Weltordnung einstweilen nur einen Anspruch auf Entschuldigung, auf ein Urtheil der Milde, ihr zugestehn mögen. Ich schrieb aber auch für jene, welche einstweilen gar keine Consequenzen aus demselben ziehn, für welche der naturwissenschaftlichen Erscheinung vielmehr um ihrer selbst willen ihr Werth innewohnt. Demnach ist diese Schrift denn vorzugsweise eine naturwissenschaftliche. Consequenzen zu ziehn darf ich getrost der Zeit überlassen.

Tempus in apricis maturat collibus uvas.

Anmerk. d. Herausgebers: Tempus in apricis: Tibull (ϯ 19), Elegie 1, 4, 19: das Jahr läßt auf besonnten Hügeln Trauben reifen (Übersetzung G. Luck).
     Der Satz ›anima muliebris virili corpore inclusa‹ wird stehn, einer aufgerichteten Säule gleich, und der Zahn der Zeit wird ihn nicht zerfressen: das Bild von der weiblichen Seele, die in einen männlichen Körper eingeschlossen ist, gibt Ulrichs’ Theorie eindrucksvoll wieder.

Der juristischen Seite gebührt hier kaum Erwähnung. Der Satz »anima muliebris virili corpore inclusa« wird stehn, einer aufgerichteten Säule gleich, und der Zahn der Zeit wird ihn nicht zerfressen. Seine Consequenzen für das Sittengesetz werden zu den höchsten Problemen der Weisheit gehören, wenn man längst wird vergessen haben, welch eines Ringens es bedurfte, die Natur zu befrein aus den Händen ihrer Peiniger, und man kaum noch der Völker und Städte bemitleidend gedenken wird, welche einst ihre Verfolgung zum Gesetz erhoben.

IV. Die Behandlung des Gegenstandes hat eine schwierige Seite. Hie und da konnte und durfte ich nämlich rein geschlechtliche Puncte nicht übergehn. Die Wissenschaft befahl. Sie gestattete freilich umhüllende Ausdrucksweise und Wohlanständigkeit in der Art der Darstellung. Oft aber ist eine Handlungsweise, welche naturwissenschaftlich von entscheidender Bedeutung ist, sittlich betrachtet geradezu frivol und verwerflich. Wenn ich daher geglaubt habe, auch solche Handlungsweise hie und da anführen zu sollen (früher z. B. die Nero's, Heliogabalus', Blank's, unten im Abschn. XX. die einiger lebender Urninge), so leitete mich dabei selbstverständlich nur deren naturwissenschaftliche Bedeutung und ist an einen Versuch sie zu rechtfertigen nicht gedacht worden. In der Sittenkritik stehe ich vielmehr auf dem Standpunct des Lesers, welcher sie verwirft. Mein Grundsatz ist, wie ich Ara spei § 152 ihn aus sprach: Standesunterschiede und das Ceremoniell der Etiquette verachten, Sittlichkeit und Schamhaftigkeit aber hochhalten. Eine entsprechende Erklärung gab ich auch Formatrix Note 3. Für die Naturwissenschaft ist Gewinn zu ziehn aus sittlich reinen Handlungen wie aus verwerflichen. Aerntet nicht die Biene Honig und Wachs auch aus der Giftblüthe der Belladonna? Wollte ich eigentlich geschlechtliche Dinge von meiner Darstellung ganz ausschließen, oder auch nur diejenigen Aeußerungen der Geschlechtsliebe, welche sittlich verwerflich sind, so geschähe das zum erheblichen Nachtheil der Wissenschaft. Der Uranismus ist nun einmal ein specifisch geschlechtswissenschaftlicher Gegenstand. Auf seine Behandlung würde ich dann besser überhaupt verzichten. »Difficilior haec explanatio est simul et pudorem et artis praecepta servantibus. Nec tamen ea res a scribendo deterrere me debuit« sage ich mit Cornelius Celsus (medicinae lib. 6, 18, 1). Anmerk. d. Herausgebers: Celsus: siehe zu IV. Formatix S. 5

Ich schrieb für jeden wissenschaftlich gebildeten. Für den, der dem Gegenstande tiefere Studien widmen will, bestimmte ich die längeren enggedruckten Partien.

V. Urnische Poesie. Auf jeder Seite, bei jedem Satze, dieser Schrift wolle der Leser eingedenk sein, daß auch der urnischen Liebe jener edle Keim gegeben ward, welcher Lenzesblüthen treibt. Ihr entsproß eine Liebespoesie, welche der dionischen wahrlich ebenbürtig zur Seite steht.

Weil dieser Werth ihr innewohnt, konnten eure Gelehrten nicht stumm an ihr vorübergehn. Aber unsägliche Qual hat sie ihnen bereitet. Zu Plato's Phädrus (eine Probe daraus: unten § 113, eilte größere: Ara spei, Motto vor § 41) hat ein englischer Gelehrter bei nächtlicher Lampe herausgegrübelt: nur als Allegorie, im Sinne der Mysterien, habe Plato »Knabe« geschrieben; stets habe er »Mädchen« gemeint. (S. die engl. Vorbemerkungen zu einer neueren Ausgabe der lateinischen Uebersetzung des Phädrus von Ficinus, von etwa 1840.) Virgil's Ecloge an Alexis gilt den meisten, weit entfernt vom Gefühl eingegeben zu sein, nur als kunstvolle Uebung in der Poesie. (S. Heyne's Commentar zu diesem Ort.) Anacreon's παίς παρθένιον βλέπων (unten § 113) ist in einer älteren Athenäus-Epitome ohne alle Umstände in ein Mädchen umgefälscht worden, βλέπων sans phrase in βλέπονοα gewandelt trotz aller Beleidigung des Versmaßes. (S. Schweighäusers Commentar zu Athenäus 13, 17.) Graf Stollberg hat den Theocrit übersetzt. Im 12. Idyll (dessen Anfangsverse: unten § 113) hat des Grafen sorgliche Hand, eine 2. Schöpferin, den Aïtas umgeschaffen in eine Lycoris. (Hößli I S. 261, welcher noch mehr Beispiele, und ebenso starke, solch frommer Täuschung meldet, z. B. den gleichen Act, verübt durch den Uebersetzer Levesque an Xenophon's Memorabilien. Der Betrug geschieht natürlich stets »im Interesse der Sittlichkeit.«) So trug man keine Scheu, nach dem prangenden Baum des Uranus begehrlich die Hand auszustrecken. Man hat ihn angetastet, um ihm seine duftenden Blüthen zu rauben, um Dione's Haar mit gestohlenem Kranze zu schmücken. Andre sind bescheidner. Sie fälschen nicht, auch stehlen sie nicht. Zu solchen Stellen sagen sie nur: »Es ist aufrichtig zu beklagen, daß der Dichter sein Talent, statt an ein Mädchen, so nichtssagend an einen Knaben verschwendete.« Die meisten haben indeß vorgezogen, diese unsterblichen Gedichte des Alterthums hinter Schloß und Riegel zu legen und so den Blicken ganz zu entziehn.

Hier von denselben einige Proben, aus meiner Mappe für »Nemus sacrum«.

Pindarus. Athenäus (13, 76) hat uns ein Fragment des Pindarus aufbewahrt, des »hochtönenden«, »ο μεγαλοδνοτατο ς«, welcher von dem jungen Tenedier Theoxenus, des Agesilaus Sohn, folgendes sagt:

»Ich hätte sollen zeitig pflücken die Blüthen der Liebe, als ich noch jung war. Τας δε Θ εοξ ενο υ αχτινα ς οσσω ν μαρμαρι ξ οις δραχει ς, ος μη ποδ ω χυ μαινεται, εξ αδαμαντο ς ηε σιδαρο υ χεχσλχε υ ται μελαιναν ψυ χαν ψυ χρα φ λιγι, »Wer aber die leuchtenden Strahlen der Augen des Theoxenus sieht und nicht vor Sehnsucht fluthet schäumenden Wogen gleich, dem ist aus hartem Eisen oder aus Stahl zusammengegossen eine schwarze Seele an frostiger Schmelzflamme,« von der Liebesgöttin verworfen; .... oder er dient weiblichem Uebermuth (d. i. liebt Weiber.) Ich aber: wie Wachs der Bienen zerschmelze ich, wenn ich hinschaue auf der Jünglinge ( παιδω ν) jugendliche Reife. Auch zu Tenedos aber weilte die Charis (Göttin des Liebreizes, Grazie); sie erzog den Sohn des Agesilaus.«

Virgil an Alexis. (Ecloge 2.)

Anmerk. d. Herausgebers: Virgil an Alexis: Ekloge 2, Verse 45-47 und 66-68 unter Einbeziehung von Vers 12 (tua nam vestigia lustro). Dulce satus (h)umor stammt aus Ekloge 3, Vers 82, dessen zweite Hälfte Ulrichs in V. Ara spei S. 38 zitiert.

... Huc ades, o formose puer! Tibi lilia plenis
Ecce ferunt manibus nymphae, tibi candida naia
Pallentes violas. ...
Dulce satis humor, ... mihi solus Alexis.
... Aspice, aratra jugo referunt suspensa juvenci
Et sol crescentes decedens duplicat umbras:
Me tamen urit amor; tua nam vestigia lustro!
... quis enim modus adsit amori?

An Alexis.

»O komm zu mir, du schöner Knabe! Dir bringen Lilien dar mit vollen Händen, siehe, die Nymphen, dir bringt weiße Violen die schneeweiße Najade. ... Süß ist den Saaten der Thau, mir einzig Alexis. .... Siehe, es tragen heim, am Joch aufgehängt, die Stiere die Pflugschaar, und die wachsenden Schatten verdoppelt die scheidende Sonne; mich aber verzehrt die Liebe; ich folge ja deinen Spuren. Und welche Schranken kennt die Liebe?« (Der Halbvers tua... ist hier übrigens umgesetzt, der Vers Dulce... aus Ecloge 3 herübergenommen.) »Splendidi versus!« ruft Heyne, kopfschüttelnd, aber bewundernd.

Dieses Alexis Schönheit wird noch 100 Jahre später gepriesen. Martial (8, 56):

Adstabat mensis domini pulcherrimus ille,
         Marmorea fundens nigra Falerna manu,
Et libata dabat roseis carchesia labris,
         Quae poterant ipsum sollicitare Jovem.

»Es stand am Tisch des Gebieters der wunderschöne Knabe; mit weißer Marmorhand goß er den dunklen Falernerwein, und er reichte den Becher dar, da er ihn angetrunken hatte mit Lippen rosenroth, welche den Jupiter selbst hätten entzünden können.«

Martial. Vor einem Gemälde, welches den Jupiter darstellt, aber ohne den Blitzstrahl, wie ihn sein Adler durch die Lüfte trägt. Gedacht ist die Zeit, als Jupiter den Ganymedes zu lieben begann, ehe er ihn raubte. Ausgezeichnetes Gedicht, welches mit solcher Kürze solche Schönheit vereinigt! (Mart. 5, 56:)

Ad Jovis aquilam.

Die mihi, quem portas? volucrum regina. »Tonantem.«
         Quare nulla manu fulmina gestat? »Amat.«
Quo ca!et igne Deus? »Pueri.« Cur mitis aperto
         Respicis ore Jovem? »De Ganymede loquor.«

An Jupiters Adler.

Sag mir, wen trägst du? König der Vögel. »Den Donnerer.«
         Doch warum trägt er in der Hand nicht den Blitz? »Er liebt.«
Von weichem Feuer erglüht er, der Gott? »Zu einem Knaben.« Warum so sanft
         Schaust du dich um nach ihm mit geöffnetem Schnabel? Vom Ganymedes erzähle ich ihm.«

Martial an Telesphorus. (11, 26.)

O mihi grata quies, o blanda, Telesphore, cura,
Qualis in amplexu non fuit ante meo!
Basia da nobis vetulo, puer, uda Falerno,
Pocula da labris facta minora tuis.

»O meine süße Ruhe, o meine holde Qual, Telesphorus!
         Wie deinesgleichen nicht zuvor in meiner Umarmung war;
Küsse gieb mir, o Knabe, feucht von altem Falerner,
         Becher reiche mir dar, halb von deinen Lippen geleert.«

Martial an Diadumenus (3, 65.)

         De pueri sui basiis.
Vinea quod spirat, cum floret cana racemis,
         Quod qui Sicanias detinet hortus apes,
Gleba quod, aestivo leviter cum spargitur imbre,
         Arbore quod verna luxuriosus ager:
Hoc tua, saeve puer Diadumene, basia fragrant;
         Quid, si tota dares illa sine invidia?

Die Küsse des Diadumenus.

»Wie ein Weingarten duftet, wenn er grau (blaßgrün) blüht an seinen Reben, wie ein (blühender) Garten, welcher ficanische Bienen beherbergt, wie das Erdreich duftet, wenn es leicht besprengt wird von sommerlichem Regen, wie fruchtbares Land mit Bäumen im Frühling (d. i. wenn sie ausschlagen, wenn sie Laub treiben): so duften, grausamer Knabe, o Diadumenus, deine Küsse. Wenn du sie voll nur und ganz mir gäbest und ohne sie mir zu mißgönnen!« (Die beiden Verse Quod... und Arbore... sind aus 11, 9, einem Epigramm ganz gleichen Inhalts, hieher versetzt.) Merkwürdig ist der Vergleich der Empfindung der Küsse des geliebten Knaben mit dem eigenthümlich wohlthuenden Duft, der in der That gerade nach einem leichten Regen frischem Erdreich entsteigt. Martials Herausgeber ad usum delphini Anmerk. d. Herausgebers: ad usum delphini: Schulausgabe, gereinigte Ausgabe. Dixisset haec poeta: der Dichter hätte das passender über ein Mädchen gesagt. (Paris 1680), Vincentius Collesso, hängt diesem Gedicht von den Küssen seine Weisheit an: »Dixisset haec poëta de puella convenientius.«

Martial über den Namen des Earinus, des Geliebten Kaiser Domitian's. (Earinus heißt: dem Frühling entsprossen.) (9, 11.)

Nomen, cum violis rosisque natum,
Hyblam quod sapit Atticosque flores,
Nomen nectare dulcius,
Quo mallent Cybeles puer vocari
Et qui pocula temperat Tonanti:
Quod si Parrhasia sonas in aula,
Respondent Veneres Cupidinesque.

Carinus!

»O Name, mit den Veilchen und Rosen geboren,
Der nach Hybla (Hybla's Blumen) duftet und nach attischen Blüthen,
Name süßer als Nectar,
Mit welchem wünschen möchten benannt zu werden Cybele's Götterknabe
Und der dem Donnerer den Becher mischt:
Wenn du erklingst im parrhafischen (kaiserlichen) Saal,
So antworten Venus und alle Liebesgötter.«

Tibull. (I, 9.)

         Ad puerum suum perfidum.
Quid mihi, si fueras blandos laesurus amores,
         Foedera per Divos, clam violanda, dabas? ...
Ipse Deus somno domitos emittere vocem
         Jussit et invitos facta tegenda loqui. ...
Admonui quoties: »Auro ne pollue formam! ...
         Ure meum potius flamma caput aut pete pectus Ferro!« ...
Muneribus meus est captus puer! ...
         Nunc pudet ad teneros procubuisse pedes. ...
Quin etiam attonita laudes tibi mente canebam;
         At me nunc nostri Pieridumque pudet.
Illa velim rapida Vulcanus carmina flamma
         Torreat et liquida deleat amnis aqua. ......
Tunc mihi jurabas, nullo te divitis auri
         Pondere, non gemmis, vendere velle fidem.
Quin etiam flebas. At non ego fallere doctus
         Tergebam humentes, credulus usque, genas.
Illis eriperes mihi verbis, sidera coeli
         Lucere et puras fulminis esse vias!

An Marathus, den treulosen Geliebten.

»Wenn du den Willen hattest, die holde Liebe zu verletzen, wozu dann gabst du mir Eide bei den Göttern, die heimlich gebrochen werden sollten? ... Ein Gott selber läßt in den Schlaf versunkene reden und wider ihren Willen Thaten aufdecken, die sie verbergen wollten. ... Wie oft warnte ich dich: »deine Schönheit beflecke nicht durch Gold!« (Ganz dieselbe Ermahnung richtet noch heute in Albanien der liebende Gege, s. unten § 31, 32., an den Geliebten fast zu jeder Stunde.) »Lieber brenne mit Flammen mein Haupt,

oder gegen meine Brust zücke den Dolch!« ... Meinen Knaben haben Geschenke bestochen! ... Jetzt schäme ich mich, daß ich vor deinen zarten Füßen die Knie gebeugt. Ja, auch habe ich deinen Preis gesungen mit hingerissenem Gemüth. Jetzt aber schäme ich mich meiner und dieser Lieder. Möge Vulcan sie brennen mit zerstörender Flamme und mit flüssiger Fluth sie der Strom zerspülen. (Der Wunsch ist leider erfüllt: diese Lieder sind nicht mehr.) ....... Damals schwurst du mir, nicht um reichen Goldes Gewicht, nicht um Gemmen, verkaufen zu wollen die Treue. Ja, auch weintest du; und ich, nicht kundig in der Kunst zu täuschen, gläubig wischte ich dir die nassen Wangen ab. Mit jenen Worten hättest du mir es entrissen, daß des Himmels Gestirne leuchten und daß hell sind die Pfade des Blitzes!« (D. i. hättest du gewollt, alles hättest du mir entreißen können, selbst die Ueberzeugung, daß die Gestirne leuchten. Du hättest mir das Zugeständniß abschmeicheln können, sie leuchten nicht. So süß waren meinem Ohr deine Worte.)

Hier noch zwei Gedichte aus unserer Zeit.

Mich dürstet.

Ich bin im Traum und trinke
Vom Wasser so klar und hell;
Doch still wird nimmer mein Dürsten
Am zauberhaften Quell.

Mich dürstet nach deiner Liebe.
Und wieder bin ich gebannt
In's Land der Qual und der Wunder
Von grausam waltender Hand.

Wohl gabst du mir, dich erbarmend
Ob meiner Sehnsucht Begehr,
Von deinen Blicken zu trinken:
Da dürstete mich noch mehr.

Wohl hast du Wasser des Labsals,
Wohl hast du die Qual mir gekühlt;
Doch tränkst du aus zaubrischem Borne,
Der neu nur mit Dürsten erfüllt.

(Hannover April 1855; an Heinrich v. St., G. d. c.)

Numa Numantius.

Dolores.

Anmerk. d. Herausgebers: Dolores: Die ersten 14 Zeilen hat Edward Carpenter ins Englische übersetzt und in seine Anthologie Ioläus. An Anthology of Friendship (1902, 3. Aufl. 1915, S. 159) aufgenommen. Aufforderung: fehlt in der Neuausgabe von 1898.

Hab dich zum ersten Mal gesehen,
Am Tag des Glücks, in Davern's Hain;
Den Frühling fühlt ich mich durchwehen,
Der Lenz zog mir in's Herz hinein.
Ich habe deine Hand umfangen
Und hab an deinem Aug gehangen,
Du warst so hold, du warst so schön.
Dein Blick hat mir mein Herz erschüttert,
Es hat in Luft vor dir gezittert,
Vor Wonne wollt es ja vergehn.

Im stillen Hain der Abendstunden
Die Luft durch junge Zweige rauscht;
Die Lippen haben sich gefunden
Und stumme Küsse eingetauscht.
Ein Wort, ein Wort hat mich entzündet,
Das mir dein Rosenmund verkündet;
Warum doch warst du gut und traut?
Du hast, du hast das Wort gesprochen,
Das theure Wort: du hast's gebrochen!
Wie halt' ich auf dies Wort gebaut!

 

Der Abendwind küßt meine Wange;
Ich wandle durch den Buchenhain;
Wild Röslein blüht von Hügels Hange
Und lächelt mir in's Aug' hinein.
Ich aber weiß nicht, wo ich gehe,
Sein Rosenroth ich nicht verstehe;
Ich träume, daß du mein noch bist.
Mich jagt ein ungewisses Bangen
Und treibt auf's neu ein wild Verlangen
In's Herz, das ohne Ruhe ist.

(Achim 17. Jun. 1851; an Andreas F., Hus.)

Würzburg, 9. Jul. 1868.

Numa Numantius.

Karl Heinrich Ulrichs.

 

Aufforderung.

Jeder, der mir Mittheilungen zu machen oder Fragen an mich zu richten wünscht, wolle sich entweder direct (nach Würzburg) an mich wenden oder die Vermittlung der auf dem Titel genannten Buchhandlung in Anspruch nehmen.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.