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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 6
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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4

Üppige Schlinggewächse mit breiten, farbenprächtigen Blütendolden rankten sich vom Erdboden her an den Mauern des Palais Akani in die Höhe und formten sich über der Dachkante zu hohen, langen Laubengängen, die sich nach den Seiten hin in großen Bogen öffneten. Ein Dachgarten, der zu den Wundern moderner Architektur und orientalischer Gartenkunst gehörte, zog sich über das große, flachgedeckte Gebäude in seiner vollen Ausdehnung hin.

Im Schatten der dichtblättrigen Lianen ging Prinzessin Amarin in früher Vormittagsstunde dort oben spazieren. Sie trug ein schlichtgeschnittenes Sportkleid aus feinster chinesischer Rohseide, das ihre schöngeformten Arme frei ließ. In der leichten Brise umspielte der zarte, weiche Stoff schmeichelnd ihre anmutige Gestalt.

Ihr Gesicht war von Sorgen beschattet. Seit dem Autounfall, der sich vor einigen Tagen zugetragen hatte, lebte sie in steter Unruhe. Immer wieder sah sie Warwicks fahles Gesicht mit der blutenden Wunde und den schwarzen, in die Stirn fallenden Locken vor sich.

In der vergangenen Nacht hatte der Arzt die Krise erwartet. Wie jeden Tag hatte sie sich auch heute im Hospital nach dem Ergehen von Mr. Warbury erkundigt. Doch konnte sie aus den vorsichtigen Auskünften der Oberschwester nur entnehmen, daß der Patient nach einer schweren, unruhigen Fiebernacht gegen Morgen eingeschlafen war. Deshalb hatte sie Me Kam Schon seit längerer Zeit ausgeschickt, damit diese direkte Nachrichten einholen und womöglich mit den Krankenwärtern sprechen sollte, was die Prinzessin selbst nicht tun konnte. Me Kam war nicht furchtsam, sie verstand es, überall das zu erfahren, was sie wissen wollte.

Große Teakbäume wuchsen dicht an der Hinterfront des Palais aus dem Park empor. Die Gärtner hatten von Anfang an stets die unteren Äste fortgenommen und dadurch das Wachstum der Stämme gesteigert, so daß die Kronen jetzt viele Meter über den Boden des Daches hinausreichten und köstlichen Schatten verbreiteten. Weithin streckten sich selbstbewußt die riesigen Zweige aus, und man wandelte auf der Parkseite des Dachgartens wie in einem Teakwald.

Amarin ließ sich auf einem schwebenden Ruhelager nieder, das von vier Seilen getragen wurde. Im Hintergrund waren ihre Dienerinnen mit Blumenwinden beschäftigt. Sie verehrten die junge Prinzessin abgöttisch und folgten ihr unauffällig mit den Blicken. Um ihre innere Unruhe zu beschwichtigen, rief Amarin zwei von ihnen zu sich.

»Me Tong, lies mir ein Kapitel aus dem Ramakien vor«, sagte sie freundlich, während das andere Mädchen auf ihren Wink an einem Seile zog und dadurch die prachtvolle Schaukel langsam in Bewegung setzte.

Mit halbgeschlossenen Lidern gab sich die Prinzessin ganz dem Zauber ihrer Umgebung hin, und die Stimme Me Tongs klang nur wie das Plätschern eines fernen Springbrunnens in ihre Gedanken, die bei Warwick Warbury weilten. Immer wieder fühlte sie seinen tiefen, fragenden Blick, der ein seltsam beunruhigendes Verlangen nach Glück in ihr ausgelöst hatte. Je länger sie aber darüber nachsann, desto mehr kam ihr zum Bewußtsein, daß sie sich schon von jeher danach gesehnt hatte, ohne es zu ahnen und zu wissen.

Warburys Blick hatte etwas Wesensgleiches in ihr berührt und geweckt, und sie hatte das Gefühl, daß sie ihn schon von früheren Leben her kennen mußte.

Auch in den Wiedergeburtsgeschichten der heiligen Schriften begegneten sich zwei Menschen in verschiedenen Daseinsformen stets aufs neue und standen in gleichen oder ähnlichen Beziehungen zueinander. In Europa hatte sie all die buddhistischen Vorstellungen im Licht der strengen Logik und der modernen Naturwissenschaften nicht mehr geschätzt und aus ihrem Denken ausgeschaltet. Aber jetzt erwachten sie plötzlich um so stärker.

»Me Tong!« rief sie leise und traumverloren. »Lies die Geschichte von König Rama und seinen Kämpfen um Langka nicht weiter. Berichte mir lieber von dem Korallenbaum, dessen starker Duft die Macht des Wiedererkennen und der Rückerinnerung an frühere Wiedergeburten gibt, und dann erzähle mir auch von dem Paradies des Westens, wo sich die Liebenden wiederfinden, die sich auf dieser Welt nicht angehören dürfen und durch böse Schicksalsmächte getrennt werden.«

Amarins mandelförmige Augen leuchteten freudig auf, als Me Tong die schönen, alten Liebesgeschichten der Jatakas rezitierte. Sie lehnte sich zurück und lauschte. Wenn sie diese Märchen hörte, glaubte sie alles selbst mitzuerleben. Immer trug der Prinz Warburys Züge, und sie war die Prinzessin, die er liebte. Sie schwebte nicht mehr in der Schaukel, sondern war in ferne Zeiten entrückt und atmete den Duft des Korallenbaums. Seine Kraft erschloß die Tiefe ihrer Erinnerungen: es war ihr, als ob sich vor ihr viele hintereinanderliegende Tore auftaten, die in immer weiter zurückreichende Zeiten und Daseinsformen führten.

In feinen Wellen durchzitterte der süße Hauch zarter, weißer Kakteenblüten den Garten, und wie Segel zogen große, weiße Wolken über das tiefe Samtblau des Himmels dahin. Amarins Gedanken wanderten mit ihnen ... Me Tong sah, daß ihre Herrin eingeschlummert war, setzte sich behutsam zu ihren Füßen nieder und bewachte ihren Schlaf, während die andere Dienerin mit einem großen Fächer aus Pfauenfedern Amarin Kühlung zufächelte und die leise summenden Moskitos fernhielt.

Im Traum aus Zeit und Wirklichkeit entführt, durchwanderte Amarin ihre früheren Leben. Bald wohnte sie in Palästen, bald lebte sie in ärmlichen Hütten. Aber ob kostbare, seidene Brokatgewänder oder einfaches Leinen sie kleideten, immer begegnete ihr der fremde, schöne Mann mit den tiefen blauen Augen, und immer sehnte sie sich nach ihm und seiner verstehenden Liebe. Bald waren sie glücklich vereint, bald getrennt durch feindliche Lebensschicksale oder jähen, unerbittlichen Tod.

Die Dienerinnen merkten, daß die Prinzessin fest eingeschlafen war und nicht so leicht aufwachen würde, und als Me Kam kurze Zeit später zurückkam, gaben sie ihr einen Wink, Amarin nicht zu stören.

»Wir wollen die große Punka in Bewegung setzen, so daß wir nicht mehr zu fächeln brauchen«, sagte Me Tong leise zu den anderen.

»Ach ja, und dann erzählst du uns die Geschichte vom Riesen Nontuk, Me Kam«, bat Me Wong. »Du hast es uns schon gestern versprochen.«

Me Kam sträubte sich erst ein wenig, aber schließlich gab sie nach. Sie gehörte noch zu der älteren Generation und war vertraut mit den siamesischen Märchen und Sagen, ja, sie lebte noch ganz in diesen alten Vorstellungen und glaubte auch fest an alle Götter und Helden. Für sie waren die großen Wälder wirklich mit Riesen, Unholden, unheimlichen Fabeltieren und Ungeheuern bevölkert.

Die Mädchen rückten eng zusammen, und Me Kam begann zu erzählen.

»Im Mittelpunkt der Welt erhebt sich der große Berg Meru, und auf seinen Abhängen liegt der Himapanwald, in dem viele wunderbare Ginari und Ginara leben. Das sind eigenartige Wesen mit Menschenleib und Menschenkopf. Am unteren Teil des Körpers und an den Füßen gleichen sie großen Vögeln. Auch hausen dort schreckliche Gilen, starke Tiere, so groß wie Wasserbüffel, aber nicht so plump und träge wie diese. Sie haben einen Panzer von goldenen und schwarzen Schuppen und Köpfe wie chinesische Drachen, sonst aber sind sie wie Hirsche gestaltet und tragen zackige Geweihe auf ihren Häuptern. Flink und behende sind sie, und sie können unheimlich schnell laufen ...«

»Du wolltest uns doch aber vom Riesen Nontuk erzählen«, unterbrach sie Me Tong. »Die wunderbaren Tiere im Himapanwald kennen wir doch genau. Sie sind ja auf den Wandmalereien in den Tempeln abgebildet.«

»Du mußt mich nicht unterbrechen. Wenn du schon alles weißt, brauche ich ja nichts mehr zu erzählen.«

Die anderen Mädchen warfen Me Tong mißbilligende Blicke zu und machten ihr Zeichen, daß sie schweigen sollte.

Me Kam sah es wohl, tat aber so, als ob sie es nicht bemerkt hätte.

»Also, auf dem höchsten Gipfel des Berges Meru«, fuhr sie fort, »erhebt sich ein gewaltiger goldener Thron. Der Götterbaumeister Pra Wetsukam selbst hat ihn aus eitlem Gold errichtet, und der Nagakönig hat viele kostbare Steine aus seinem Schatz dazu hergeben müssen. Darüber wölbt sich ein Baldachin von elf Stockwerken, und über dem Thron ist ein weißseidener, goldgestickter Ehrenschirm mit ebenso vielen Etagen aufgehängt.

Auf dem Thron selbst aber sitzt der oberste und höchste Gott Sajompuvanat und regiert die Welt mit hoher Weisheit und unendlicher Güte. Alle Götter kommen von Zeit zu Zeit zu seinem Thron, um ihre Ehrerbietung zu zeigen und um ihm Geschenke zu bringen. Wenn sie sich dann einige Zeit mit ihm unterhalten haben, machen sie sich wieder auf den Weg, steigen den Berg hinunter und wandern zu ihren Palästen zurück, die in allen Gegenden der Welt stehen.

Nun wohnte vor vielen, vielen tausend Jahren der Riese Nontuk am Fuß des Berges Meru in einem Holzhause, das mit vergoldeten Schnitzereien geziert war. Davor stand eine prächtige Halle. Wenn nun die Götter von den Enden der Welt kamen, um Pra Sajompuvanat ihre Aufwartung zu machen, hatten sie auch manchen sumpfigen Weg zurückgelegt. Dann setzten sie sich in die Halle und riefen den Riesen Nontuk herbei. Der mußte ihnen die Füße waschen, damit sie vor dem obersten Gott sauber erscheinen konnten.

Nontuk war früher ein böser und gefürchteter Rakschasa gewesen und hatte sich einst mit anderen Riesen aus dem Geschlecht der Asuren gegen den obersten Gott empört. Als dann die Unholde der Finsternis von Sajompuvanat und den anderen guten Göttern besiegt worden waren, erhielt Nontuk zur Strafe am Fuße des Weltenberges eine Wohnung zugewiesen und mußte seine Freveltaten dadurch abbüßen, daß er den Göttern diente.

Jahraus, jahrein versah Nontuk sein Amt und hoffte, in einer späteren Wiedergeburt auch als ein schöner Tevada auf die Welt zu kommen.

Aber die Götter, die in sein Haus eintraten, waren übermütig und demütigten Nontuk. Wenn er sich bückte, um ihnen die Füße zu waschen, packten sie ihn an den Haaren und zausten ihn. Dabei rissen sie ihm immer einige aus, und so kam es, daß er schließlich einen kahlen Kopf hatte.

Darüber ärgerte er sich gar sehr und dachte nach, wie er diesem Elend abhelfen könne. Nachdem er manche Nacht in Meditation zugebracht hatte, fiel ihm ein, daß der große Gott Sajompuvanat ein gütiges Herz besitzt, und so machte er sich denn am nächsten Morgen auf den Weg zum Gipfel des Berges Meru.

Als er dort angekommen war, ließ er sich auf die Knie nieder, grüßte den obersten Gott ehrerbietig durch Aufheben der gefalteten Hände und verneigte sich dreimal tief vor ihm bis auf die Erde.

Sajompuvanat saß schon seit vielen Stunden auf seinem Thron, war in tiefes Nachsinnen versunken und sah den Riesen Nontuk nicht. Darüber wurde dieser sehr traurig und seufzte so laut, daß Sajompuvanat die Augen ein wenig öffnete und endlich den Besucher entdeckte.

›Was ist dein Begehr?‹ fragte Sajompuvanat.

›O du oberster Gott unter den Göttern des Lichts, der du die ganze Welt beherrschest! Schon viele hundert Jahre lang wohne ich nun unten am Fuße des Berges Meru, am Rande des Himapanwaldes, wo die große Treppe mit den diamantenen Stufen beginnt, die zu deinem Thron emporführt, und immer habe ich nach deinem Befehl gehandelt und den Göttern die Füße gewaschen, wenn sie von weit her durch sumpfiges Gelände kamen. Aber zum Dank haben sie mich nur verspottet und mir die Haare ausgerissen, so daß ich kahl geworden bin. Und so ist mir jede Lust und jede Freude genommen, und mein Leben hat keinen Zweck mehr. Ich bin so todtraurig, elend und verzweifelt, daß ich nicht mehr weiß, was ich tun soll.‹

Als er diese Worte gesprochen hatte, sank er in sich zusammen wie ein Häuflein Asche, und bittere Tranen rollten über seine Wangen.

Sajompuvanat, der mit allen Wesen auf dieser Welt Mitgefühl hatte, tat der Riese Nontuk leid, und er beschloß in seinem Herzen, ihm zu helfen und ihn zu trösten.

›Was soll ich denn tun, damit du wieder froh wirst?‹ fragte er voll Güte.

›Ich habe eine große Bitte‹, entgegnete Nontuk arglistig. ›Wenn du mir die erfüllen willst, wird mein Herz wieder freudig in meiner Brust schlagen, und ich kann dann wieder frohgemut mein Amt am Fuße des Berges Meru verrichten.‹

›Nun, dann sprich deine Bitte aus, und wenn ich sie erfüllen kann, so soll sie dir gewährt sein.‹

Nontuk, der in seinem Herzen frohlockte, machte sich noch kleiner und armseliger, kroch näher herbei und legte die Füße des obersten Gottes auf sein Haupt.

›O großer Sajompuvanat, So wie ich dich mehr verehre als sonst etwas auf der Welt, so bitte ich dich in tiefer Demut: Lasse den Zeigefinger meiner rechten Hand zu Diamant werden, und lasse jeden Gegenstand, auf den ich mit dem diamantenen Finger zeige, durch den Zauber meiner Macht zu Staub zerfallen.‹

Zum Zeichen der Bejahung hob Sajompuvanat leicht das Haupt und gewährte dem ränkevollen Nontuk diese große Bitte.

Der Riese dankte untertänig und ließ sich nicht merken, wie sehr er sich darüber freute, daß seine List gelungen war. Den ganzen Weg bis zur Treppe ging er rückwärts und verneigte sich bei jedem Schritt dreimal vor dem obersten der Götter, um seine Ergebenheit zu zeigen.

Als er aber an eine Biegung kam, eilte er die Treppe schnell hinunter. Sobald er in seinem Haus angekommen war, schaute er erwartungsvoll den Weg entlang.

Bald kamen auch wieder einige Götter in heiterem Gespräch daher und setzten sich auf die hohen Thronsessel, die in der Halle standen.

›Heda, Nontuk, wo bleibst du denn?‹ riefen sie. ›Warum läßt du uns so lange warten?‹

Nontuk verbarg ein grimmiges Lächeln, holte Wasser und Tücher herbei und beugte sich nieder, um den Göttern die Füße zu waschen. Als aber eine schöne Göttin ihn an den letzten drei Haaren zauste, die hinter seinen Ohren stehengeblieben waren, sprang er plötzlich auf.

›Wißt ihr nicht, wen ihr vor euch habt, ihr Hochmütigen? Bin ich nicht der gewaltige Riese Nontuk aus dem Geschlecht der Asuren? Glaubt ihr, daß ihr mich ungestraft verspotten und verhöhnen könnt?‹

Einer der Götter hob seinen Stab und schlug nach ihm, aber Nontuk machte sich riesengroß.

›Jetzt werde ich mich an euch rächen, ihr Schwächlinge, die ihr vor dem Thron des großen Sajompuvanat auf dem Bauche kriecht!‹

Er öffnete blitzschnell die rechte Faust, in der er den diamantenen Finger verborgen hatte, und zeigte damit auf die Götter, die elend umkamen und in Staub zerfielen.

Nontuk aber führte frohlockend einen wilden Tanz vor der Halle auf.

Pra In, der Herr der dreiunddreißig Götter im Dusitahimmel, der eine strahlend smaragdgrüne Körperfarbe hatte, schaute gerade aus dem Fenster seines dreiunddreißigstöckigen Palastes und sah, was unten am Fuße des Berges Meru geschah. Er erschrak heftig, rief alle Götter zu sich und hielt einen großen Rat mit ihnen ab.

›Sajompuvanat hat in seiner großen Güte dem entsetzlichen Riesen Nontuk eine furchtbare Macht gegeben, die dieser mißbraucht. Wehe uns! Alle Götter werden durch ihn vernichtet werden. Wir müssen beraten, wie wir das Unheil von uns abwenden können.‹

So sprachen die Götter untereinander, und endlich faßten sie einen Entschluß. Auf Wegen, die nicht am Hause des Riesen Nontuk vorbeiführten, wanderten sie zu dem Thron Sajompuvanats, knieten dort nieder und erhoben große Wehklage.

Als der höchste Gott erfuhr, was der Riese Nontuk getan hatte, wurde er sehr traurig, aber er konnte sein Wort nicht zurücknehmen. Nachdem er lange und tief nachgedacht hatte, wandte er sich an Pra In, der auf seinem dreiunddreißigköpfigen Elefanten Eirawan zu ihm geritten war.

Der Riese Nontuk hat gewaltige Macht, und es wird schwer sein, ihn zu besiegen. So fliege denn mit dem Gefolge deiner Götter durch die Luft zum Westen des großen Weltenmeeres und rufe meinen Sohn, den strahlenden Gott Wischnu, zu Hilfe.‹

Kaum hatte Sajompuvanat diese Worte ausgesprochen, so verneigten sich alle Götter vor dem goldenen Thron mit den blitzenden Edelsteinen und flogen unter Führung des Gottes Pra In auf das weite Weltenmeer hinaus. Lange flogen sie nach Westen, und endlich erblickten sie den Gott Wischnu, der mitten in den Wellen auf seinem großen Schlangenthron ruhte. Seine beiden Gattinnen hüteten seinen Schlaf und wollten ihn nicht wecken.

Pra In beriet sich mit den anderen Göttern, und schließlich stimmten sie eine herrliche Musik an und streuten weiße Maliblüten auf den schlafenden Gott, so daß er davon aufwachte. Nun richtete Pra In den Befehl des höchsten Sajompuvanat aus.

Wischnu ließ sein Reittier, den Vogel Krut, herbeikommen und flog mit Pra In und dessen Gefolge zur Spitze des Berges Meru.

Nachdem er seinen Vater Sajompuvanat gebührend begrüßt hatte, erzählte der oberste Gott, welches Unheil sich ereignet hatte, und sagte dann:

›Keiner der anderen Götter kann den Riesen Nontuk überwältigen. So geh denn du hin und vernichte diesen Feind des Göttergeschlechtes.‹

Wischnu erhob sich, und er dachte in seinem Herzen: Es wird nicht leicht sein, diesen bösen Riesen zu überwinden, aber mit Hilfe einer List wird es mir vielleicht doch gelingen.

Er verwandelte sich in eine schöne Götterjungfrau mit herrlichem Geschmeide, und sein Körper erstrahlte in hellblauem Licht. Nachdem er sich in dem klaren Wasser einer Quelle beschaut hatte, war er mit sich zufrieden, und er begann die diamantene Treppe hinunterzusteigen, die zum Hause des Riesen Nontuk führte. Nach einer Biegung schwebte er die letzten Stufen in anmutigen Tanzschritten hinab.

Der Riese Nontuk, der sich an seinem Siege berauscht hatte, saß in Erwartung anderer Götter vor seinem Hause und erblickte sofort die wunderbare Götterjungfrau. Schon wollte er seine grausige Macht auch an ihr beweisen, als ihn ein Blick aus ihren weitaufgeblühten Lotosaugen traf und sein Herz entzündete, so daß er in Liebe zu ihr entbrannte. Als sie näher und näher kam, schmolz sein Hochmut dahin, und als die herrliche Jungfrau vor ihm stand, warf er sich zu ihren Füßen nieder und flehte sie an, daß sie sich ihm schenken sollte.

›Das könnte wohl sein‹, entgegnete Sie. ›Aber dann mußt du erst zeigen, daß du meiner auch wert bist, denn ich will nicht die Gemahlin irgendeines plumpen, ungeschickten Riesen werden. Erst mußt du eine Probe bestehen.‹

Nontuk, der vor Liebessehnsucht zitterte, rief erfreut: ›Die Probe will ich schon bestehen.‹

›Nun gut, dann mußt du mir versprechen, alles zu tun, was ich von dir verlange.‹

›Sage mir schnell, was ich tun soll. Jeden deiner Wünsche will ich erfüllen, aber du mußt mein werden.‹

›Dann gib dir große Mühe, Nontuk. Ich will dir nur dann angehören, wenn du alle meine Tanzschritte und Bewegungen nachahmen kannst. Auch mußt du mir mit einem furchtbaren Eid bekräftigen, daß du vor keiner Bewegung zurückschreckst.‹

Nontuk lachte, denn er glaubte, daß er diese Bedingung leicht erfüllen könnte, und er war froh, daß sie keine schwerere Probe von ihm verlangte.

Langsam begann die Götterjungfrau nun einen anmutigen Tanz. Der täppische Nontuk hob seine dicken Arme und Beine genau so, wie sie es ihm vormachte. Erst bewegte sie sich langsam, aber allmählich immer wilder und stürmischer. Immer mehr fachte sie die Begierde des Riesen an, bis er vor Leidenschaft halb wahnsinnig wurde. Dann zeigte sie plötzlich mit ihrem rechten Zeigefinger auf ihr linkes Bein.

Nontuk, der im Liebesrausch alles andere vergessen hatte, tat dasselbe, und sofort sank er mit zerschmettertem Bein zu Boden.

Im selben Augenblick nahm Wischnu seine wahre Gestalt an, und bevor der Riese, der einen furchtbaren Schrei ausstieß, sich rühren konnte, packte ihn der Gott und stieß ihm den diamantenen Dreizack in die Brust.

Wohl hätte Nontuk, wenn er jetzt sein Unrecht eingesehen hätte, Vergebung für seine Missetaten erhalten können, wohl hätte ihn Wischnu erlösen können, wenn er um Verzeihung gebeten hätte. Dann wäre er als Tevada wiedergeboren worden. Aber obwohl er wußte, daß er sterben mußte, erwachte doch noch einmal der alte Riesentrotz in ihm.

›Ich weiß wohl, daß du Wischnu bist, aber nicht im offenen Kampf und nicht durch Kraft hast du mich besiegt, sondern durch gemeine Hinterlist – wie ein feiges Weib!‹

Nun aber zeigte sich der Gott in seiner ganzen Macht und Herrlichkeit.

›Nun wohl!‹ rief er. ›Du sollst wiedergeboren werden als der Riese Totsakan, dann sollst du tausend Häupter und zweitausend Arme haben, und ich werde auf der Welt erscheinen als ein Mensch mit nur zwei Armen. Dann werden wir miteinander kämpfen, und ich werde dich trotz all deiner Stärke besiegen und die Welt von dir befreien.‹

Noch einmal röchelte Nontuk schwer, dann floh die Seele aus seinem Körper.

Aber im gleichen Augenblick wurde dem Riesenkönig im Lande Langka ein Sohn mit grüner Körperfarbe geboren, der tausend Köpfe und zweitausend Arme hatte. Deshalb nannte man ihn Totsakan, den Tausendköpfigen.

Der Gott Wischnu aber senkte sich herab in den Schoß der ersten großen Gemahlin des Königs Totsarot in der Stadt Ayuthia, und er wurde als Prinz Pra Ram geboren.

Später besiegte er in schweren Kämpfen den König Totsakan, der ihm seine Gemahlin Sita geraubt hatte, wie es in dem Ramakien in vielen tausend Versen beschrieben ist.«

Me Kam hatte ihre Geschichte beendet und schwieg.

Alle hatten ihr gespannt zugehört, und Me Wong hatte ganz vergessen, die Punka zu ziehen. Auf einen Wink der Amme setzte sie sie wieder in Bewegung, und das war auch gut, denn kurz darauf schrie einer der weißen Pfauen, die Amarin um diele Zeit des Vormittags zu füttern pflegte, und die Prinzessin erwachte.

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