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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 44
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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42

Weit draußen auf der Reede von Penang lag der schnelle englische Passagierdampfer »Mauretania«. Nach Ankunft der Passagiere von Bangkok sollte das Schiff bei Sonnenuntergang nach Colombo in See stechen.

Auf dem Promenadendeck ruhte Warwick in einem Deckstuhl und überdachte wieder die aufregenden Erlebnisse der letzten Wochen, die nun zu einem gewissen Abschluß gekommen waren. Seit der Flucht waren zehn Tage vergangen.

Als er nach dem Sturzflug und der Notlandung am Ufer unter dem großen Bambusgebüsch hielt, waren sie im Augenblick der Gefahr entronnen. Dann erst konnten er und Evelyn sich um Amarin kümmern.

Vorsorglich klappten sie die Rücklehnen der Sitze zurück und betteten die Prinzessin darauf, die immer noch ohnmächtig war. Evelyn legte ihr einen Verband an, aber sie hatte Mühe, Amarin zum Bewußtsein zurückzubringen.

Warwick, der trotz der Wunde in der Schulter während der Flucht tapfer durchgehalten hatte, war bleich und erschöpft, und Evelyn sah, daß er einen Schwächeanfall bekam.

Schnell öffnete sie den Vorratsraum unter dem Führersitz und schenkte ihm ein Glas Rotwein ein. Dann reichte sie es Amarin und stärkte sich selbst.

Die Uhr am Bordbrett stand auf zwei dreißig. Evelyn dachte daran, daß sie erst vor dreieinhalb Stunden in Bangkok aufgestiegen war. Und wieviel hatte sich seitdem ereignet!

Amarin, die in der Kabine lag, gab sie ein Beruhigungs- und Schlafmittel. Warwick kletterte auf eine Tragdecke und untersuchte die Einschläge, dann legte er sich dort zur Ruhe, während Evelyn bei Amarin blieb und Wache hielt.

Als sich nach einigen Stunden nichts weiter ereignet hatte, stiegen sie wieder auf, was in dem engen Tal große Schwierigkeiten machte und Evelyns ganze Geschicklichkeit erforderte. Sie ließ es sich diesmal nicht nehmen, den »Meteor« selbst zu steuern.

Schon kurz vor dem Salvenfluß hatte der eine Motor vorübergehend ausgesetzt, und ihre Lage war bedrohlich, denn in dieser entlegenen Gegend konnten sie auf keine Hilfe rechnen. Auf dem Weiterflug nach Rangun versagte der rechte Motor vollständig, und Evelyn hatte große Mühe, weiterzukommen.

Schließlich mußte sie sich in der Nähe des Flugplatzes von Rangun zur Notlandung auf freiem Feld entschließen. In flachem Gleitflug ging sie auf einem halb überschwemmten Reisfeld nieder, wo das Fahrgestell im Schlamm steckenblieb. Glücklicherweise hatte sie zum Schluß nur geringe Eigengeschwindigkeit. Außerdem ließ sie den noch brauchbaren Motor rückwärts laufen und konnte dadurch vermeiden, daß sich das Flugzeug überschlug.

Unter diesen Umständen konnten Sie unmöglich an einen Heimflug von Rangun nach Europa denken. Deshalb nahmen Sie den nächsten Küstendampfer nach Penang und gingen hier an Bord des großen englischen Postdampfers »Mauretania«, der über Colombo nach Europa fuhr.

Nach England wollten sie, denn nach Bangkok konnten sie nicht zurückkehren. Wohl hatte Warwick ein vertrauliches Telegramm des englischen Gesandten aus Bangkok erhalten, in dem er ihn zu absolutem Schweigen verpflichtete und in Aussicht stellte, alles für sie zu tun. Er hatte erwartet, hier in Penang weitere Nachrichten von ihm vorzufinden, und war enttäuscht, als sie ausblieben.

Was würde die Zukunft bringen?

Plötzlich legte sich eine leichte Hand auf seine Schulter, und Evelyn sah ihm lachend ins Gesicht.

»Warum so sorgenvoll? Es droht doch jetzt keine Gefahr mehr.«

Seine Züge hellten sich auf.

»Ich habe noch einmal nachgesehen, ob der ›Meteor‹ auf dem Vorderdeck gut verstaut ist«, fuhr sie fort. »Dann war ich in der Kabine bei Amarin. Nach dem Zusammenbruch in Rangun kommt sie jetzt wieder langsam zu sich.«

Sie ließ sich in einem Deckstuhl neben ihm nieder.

»Ich muß sagen, daß sie sich sehr tapfer gehalten hat, obwohl sie als Prinzessin stets vor der rauhen Wirklichkeit behütet worden ist«, erwiderte er nachdenklich.

»Und sie hat einen so rührend unerschütterlichen Glauben an dich, der ihr über alles hinweggeholfen hat. Aber die letzten Ereignisse haben sie vollkommen entwurzelt, und wir dürfen sie jetzt nicht im Stich lassen. Wir haben in der letzten Zeit ja schon oft darüber gesprochen, was nun werden soll, und als ich ihr sagte, daß wir sie nach England mitnehmen wollen, sah sie mich unendlich glücklich an.«

Die schweren Erfahrungen hatten Warwick und Evelyn reifer und vorurteilsloser gemacht. Liebevolles Verstehen leuchtete in ihren Blicken auf, als sie sich ansahen, und sie wußten, daß sie sich wieder ganz gefunden hatten.

Evelyn stand auf, und auch Warwick erhob sich.

Amarin kam gerade an Deck und ging auf sie zu. Sie sah noch angegriffen aus, aber ihre wundervollen, tiefen Augen strahlten, wenn auch unergründlich rätselhaft.

Bewundernd und dankbar schaute sie auf Evelyn. Diese Frau hatte die schweren Ereignisse, an denen sie selbst beinahe zugrunde gegangen wäre, fast spielend überwunden. Amarin hatte sich daran gewöhnt, sich vollkommen ihrer Führung anzuvertrauen.

Die beiden nahmen sie in die Mitte und traten an die Reling.

Im geheimen betrachtete sie Warwick, der gelassen und ruhig neben ihr stand. Wieviel Liebe, Güte und Aufopferung hatte er ihr gegenüber gezeigt! Sie empfand Staunen und Ehrfurcht vor diesem starken, männlichen Charakter, und fast erschrak sie vor seiner stahlharten Energie, die sich bis zuletzt durchgesetzt hatte.

Am liebsten hätte sie seinen Arm gedrückt, aber sie wagte nicht, es zu tun. Als er sich aber zu ihr umwandte, lag alle hingebende Liebe und anbetende Verehrung für ihn in ihrem Blick.

Wie ein Widerschein leuchtete es für eine kurze Sekunde in seinen Augen auf.

Keiner sagte ein Wort. Schweigend schauten sie nach dem Land hinüber.

Die brennende Farbenpracht tropischer Blütenträume versprühte in der golden aufleuchtenden Kraft der sinkenden Sonne, bis die märchenhafte Schönheit sich in bläulichgraue und hauchzarte violette Schleier auflöste. –

»Irrsinnig interessant!« hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich, und als sie sich umwandten, stand Ronnie vor ihnen. Ein Tender hatte inzwischen die Passagiere von dem Expreßzug aus Bangkok gebracht.

»Ich muß sagen: irrsinnig interessant!« wiederholte er. »Wißt ihr schon, daß in den Bangkoker Zeitungen unsere Flucht in großen Artikeln beschrieben worden ist? Fabelhaft haben wir das Ding gedreht! In der ›Bangkok Times‹ habe ich gelesen, daß ihr für heute Passage auf der ›Mauretania‹ belegt habt. Da habe ich selbstverständlich auch gleich meine Zelte in Siam abgebrochen und bin zu euch geeilt, um euch und vor allem Prinzessin Amarin mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.« Er sah sie glückstrahlend an, klappte die Hacken zusammen und verneigte sich vor ihr. »Ich habe auch noch eine große Überraschung für Ihre Königliche Hoheit – ich habe die getreue Me Kam mitgebracht.«

»Nicht so laut«, unterbrach ihn Warwick. »An Bord soll niemand wissen, daß wir eine Prinzessin unter uns haben.«

»Ach so, deshalb stand in der Passagierliste der Zeitung auch ihr Name nicht erwähnt. Jetzt verstehe ich alles.«

Die »Mauretania« stach bald darauf in See, und tiefe Gongschläge mahnten zum Umziehen für die Abendtafel.

Nach dem Essen saßen Evelyn, Warwick und Ronnie in einer Ecke des Rauchsalons. Amarin hatte sich in ihre Kabine zurückgezogen, und Me Kam betreute sie.

Ronnie legte ein dickes Paket Zeitungen auf den Tisch, und Evelyn und Warwick staunten, als sie die Artikel lasen.

Zunächst einmal war alles unterdrückt worden, was nach Skandal hätte aussehen können. Im Hofbericht stand, daß Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Amarin auf Rat der Ärzte und mit Genehmigung Seiner Majestät des Königs zur Festigung ihrer angegriffenen Gesundheit eine Erholungsreise ins Ausland angetreten habe.

Aber noch mehr wunderten sie sich, als Ronnie ihnen mit begeisterter Stimme einen großen Bericht vorlas, wonach Evelyn ihren Verlobten auf die Hochzeitsreise entführt hätte, um ihn endlich allein zu haben. Da die Flucht so geheimnisvoll vor sich ging, glaubte man zuerst an ein Verbrechen und setzte irrtümlicherweise den Luftdienst zur Verfolgung ein.

»Da sieht man wieder, wie fein und geschickt der englische Gesandte und die siamesische Regierung die Nachrichtenzensur ausüben. Brakenhurst ist doch ein glänzender Diplomat! Er versteht es ausgezeichnet, dem Feinde goldene Brücken zum Rückzug zu bauen, und unter seiner Suggestion glaubt der geschlagene Gegner obendrein noch, daß eigentlich er gesiegt habe«, meinte Warwick.

»Wie ihr seht«, sagte Ronnie glücklich, »steht eurer Rückkehr nach Bangkok nichts im Wege. Im Gegenteil, ihr seid die Helden des Tages. Die ganze Stadt freut sich, daß die Entführung Warwicks gelungen ist. Die Nachricht, daß ihr auf der Hochzeitsreise seid, hat Breyford selbst dem Reporter der ›Bangkok Times‹ diktiert.«

Warwick nahm die Zeitung wieder auf und blätterte darin.

»Das ist aber doch das Allertollste – sieh mal her, Evelyn! Die Firma Breyford hat man zum Hoflieferanten ernannt!«

»Wenn ihr nach Bangkok zurückkommt, wird man euch Triumphpforten errichten!« Ronnie war selig, daß mit seiner Hilfe alles so gut ausgegangen war.

Später erzählte er noch, daß er von seinen siamesischen Freunden gehört habe, Surja sei aller seiner Ämter enthoben.

»Aber hier steht doch etwas ganz anderes«, erwiderte Evelyn. »Seine Königliche Hoheit Prinz Surja wird zum Studium der modernen Schiffsbautechnik nach Japan gehen.«

Warwick erhob sich.

»Es ist kaum glaublich, was Sir John wieder fertiggebracht hat. Die Konvention triumphiert – oh, rüttelt nicht an dem Schlaf der Welt!«

»Warwick, du mußt nicht denken, daß Sir John alles allein gemacht hat«, entgegnete Ronnie mit leisem Vorwurf. »Zur Aufklärung habe ich am meisten beigetragen, denn ich habe Pra Upatet nach langen Auseinandersetzungen davon überzeugt, daß du vollkommen unschuldig bist.«

Evelyn und Warwich sahen sich lächelnd an. Es war Ronnies rührend tragisches Geschick, daß er zwar alles erlebte, aber mit einer wahren Virtuosität trotzdem daran vorbeilebte, ohne den wahren Sinn zu erkennen.

Eintönig und einschläfernd rauschte Welle auf Welle an die Bordwand. Das leise, tiefe Summen der Schiffsmaschinen gab den Grundton an, und ganz wenig, kaum wahrnehmbar, zitterte der große Koloß bei dem dumpfen Stampfen der schweren Kolben.

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