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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 42
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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40

Große Generalstabskarten lagen auf dem Konferenztisch im Beratungszimmer der englischen Gesandtschaft ausgebreitet. Von der Funkstation im obersten Geschoß wurden dauernd telefonisch Meldungen durchgegeben. Prinz Surjas Befehle waren, wenn auch nicht vollständig, aufgefangen worden.

Sir John Brakenhurst beugte sich über die Pläne. Nach außen hin verriet kein Zeichen seine innere Spannung und Erregung. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln war es nun also doch zum offenen Konflikt gekommen. Er war über alle Vorgange informiert. Die Flüchtlinge waren an der Mündung des Meklong gesichtet und vom »Meteor« aufgenommen worden.

Immer noch hoffte er, daß das Flugzeug entkommen würde.

Der Militärattaché und einige andere Beamte verfolgten mit höchster Aufmerksamkeit die Nachrichten der Beobachtungsstationen. Der neueste Geheimcode der siamesischen Regierung lag auf dem Tisch, aber die Befehle kamen bis jetzt in offener Sprache. Manche Meldungen waren verstümmelt, aber aus den verschiedenen Mitteilungen ergab sich doch ein klares Gesamtbild.

Der »Meteor« befand sich augenblicklich in schnellstem Flug zwischen Raheng und der Grenze. Das Spitzenflugzeug der Grenzsperre mochte etwa die gleiche nördliche Höhe erreicht haben. Wie weit Prinz Surja mit seiner Verfolgungsstaffel zur Zeit schon vorgestoßen war, konnte man nur vermuten. Jedenfalls mußte er dem »Meteor« gegenüber stark aufgeholt haben.

Sir John Brakenhurst hatte das zähe Bestreben, jede Situation, auch die schwerste, zu gutem Ende zu führen. Er überlegte. Unter keinen Umständen durfte es zu einem Zusammenstoß in der Luft kommen. Als geübter Menschenkenner beurteilte er Surja nur zu richtig. Mit allen Mitteln mußte er verhindern, daß eine englische Maschine von siamesischen Luftstreitkräften abgeschossen wurde. Und dieses Unheil mußte eintreten, wenn Surja die Flüchtlinge einholte. Noch konnte der »Meteor« entkommen, aber die Aussichten wurden immer geringer.

Entschlossen erhob er sich, sprach kurz mit dem Militärattaché und ließ sich dann mit dem Auswärtigen Amt verbinden. Während er wartete, skizzierte er in aller Eile schriftlich die Richtlinien der beabsichtigten Unterredung.

Gleich darauf meldete sich das Außenministerium, der Minister war selbst am Apparat.

»Ist dem Auswärtigen Amt bekannt«, fragte der Gesandte nach der üblichen, sehr höflichen Begrüßung, »daß das englische Flugzeug ›Meteor‹ von siamesischen Marinefliegern nördlich von Raheng in feindlicher Absicht verfolgt wird?«

Prinz Montri versprach sogleich sich zu informieren.

»Ich bitte Königliche Hoheit dringend darum, aber die Sache eilt so sehr, daß ich das Gespräch selbst fortsetzen möchte.«

Der Minister gab Anweisung, die Sache augenblicklich zu klären, und meldete sich dann wieder.

»Ich lege im Namen meiner Regierung den allerschärfsten Protest gegen ein derartig feindliches Vorgehen der siamesischen Seestreitkräfte ein«, begann Sir John mit fester Stimme. »Das ist unvereinbar mit den geschlossenen Friedens- und Freundschaftsverträgen, und meine Regierung muß sich weitere Schritte vorbehalten. Ich bitte dringend, die verfolgende Jagdstaffel unter dem persönlichen Kommando des Prinzen Surja abzuberufen, da ich sonst die schwersten Komplikationen befürchte. Mit dem Ersuchen um sofortige Nachricht, ob die siamesische Regierung interveniert, bitte ich Königliche Hoheit, den Ausdruck meiner tiefsten Hochachtung und Verehrung entgegenzunehmen.«

Damit hängte er ein.

Prinz Montri war wie vom Schlage gerührt. Immer gab es wegen dieses Surja Zusammenstöße mit fremden Mächten! Den Streitfall mit den Franzosen hatte er erst kürzlich nach langwierigen Verhandlungen wieder beilegen können.

Alle Telefonapparate des Ministeriums arbeiteten fieberhaft an der Erledigung der Angelegenheit, und bald stellte sich heraus, daß Surja seine Maßnahmen rein persönlich getroffen hatte, ohne sich vorher mit den höchsten Kommandostellen in Verbindung zu setzen.

Fast zwanzig Minuten waren vergangen. Der englische Gesandte hatte nicht geglaubt, daß die siamesischen Behörden in diesem ernsten Fall so langsam handeln würden. Wieder läutete er das Auswärtige Amt an. Prinz Montri war auch gleich zur Stelle und vertröstete ihn damit, daß wohl sofort Gegenbefehl gegeben würde.

»Königliche Hoheit, die Verantwortung für die Folgen dieses schweren feindlichen Aktes muß ich der siamesischen Regierung zuschieben. Ich habe getan, was in meinen Kräften steht.«

»Aber Exzellenz, wie festgestellt worden ist, befinden sich an Bord des verfolgten englischen Flugzeugs Flüchtlinge, gegen die ein Haftbefehl des Justizministeriums vorliegt. Insofern ist die Rechtslage nicht vollständig geklärt.«

»Es tut mir leid, das zu hören. Aber in diesem Fall hätte mir nach den bestehenden Verträgen sofort von dem Verhaftungsbefehl Mitteilung gemacht werden müssen. Schon aus diesen formellen Gründen protestiere ich.«

»Aber die Engländer stehen nach dem Gesetz von neunzehnhundertundzwölf unter siamesischer Jurisdiktion!«

»Königliche Hoheit, ich bin über alles informiert. Die Vergehen, derentwegen die Verhaftungsbefehle erlassen worden sind, verstoßen nicht gegen ein Gesetz des allgemeinen siamesischen Rechtes, sondern gegen das Hausgesetz der königlichen Familie, das in dem Vertrag über Aufgabe der Exterritorialität nicht erwähnt wird. Meine Regierung hat ausdrücklich erklärt, daß sie dieses Gesetz nicht als bindend für britische Untertanen anerkennen kann. Hierüber ist bis jetzt keine Einigung zwischen unseren Regierungen zustande gekommen, und ich muß es leider zu meinem allergrößten Bedauern ablehnen, Königlicher Hoheit in diesem Punkt Zugeständnisse zu machen. Da aber die Angelegenheit immer dringender wird, bitte ich, die sofortige Entscheidung Seiner Majestät anzurufen, falls es Königlicher Hoheit nicht gelingen sollte, die Admiralität zur augenblicklichen Zurückrufung der Verfolgungsstaffel zu bewegen.«

Wieder folgten die üblichen Formeln der Bezeugung tiefster Hochachtung und Ergebenheit.

*

Seit fünfzehn Minuten war der »Meteor« gesichtet worden. Vorgebeugt saß Surja auf dem Beobachtersitz, und seine scharfen Augen hingen an dem silberglänzenden Flugzeug, das als kleiner, leuchtender Punkt in der Luft durch das Glas sichtbar war.

Im Führerflugzeug, das den Namen »Ramesuen« führte, befanden sich außer dem Prinzen noch zwei Offiziere, der Pilot und der Funker. Alle hatten Kopfhörer angelegt und waren durch das Bordtelefon miteinander verbunden.

Die großen, schweren Maschinen hielten Kurs auf den breiten, mächtigen Salvenfluß. Die Staffel flog noch in Formation, aber auseinandergezogen: die Führermaschine war weit voraus, die vier Begleitflugzeuge, zwei rechts und zwei links, lagen ziemlich zurück.

Surja fluchte innerlich, weil er die nördlichen Staffeln in Raheng nicht zur Verfolgung heranziehen konnte. Wenn sie aufgestiegen waren, hätten sie Warbury den Weg verlegt, so daß jedes Entkommen unmöglich gewesen wäre. Aber sie unterstanden dem Oberbefehl der Armee und nicht seinem Kommando.

Diese wilde Jagd peitschte alle seine Leidenschaften auf, und sein fanatischer Haß gegen die Europäer machte ihn blind gegen Gesetz und Vernunft.

Er hätte auch die Grenzstaffeln V und VII von Ratburi nicht so weit nach Norden vorziehen dürfen. Aber im Augenblick war es ihm vollkommen gleichgültig, daß er seine Machtbefugnisse überschritt.

Den »Meteor« würde er wahrscheinlich kurz vor oder an der Grenze einholen – die Entfernung wurde immer geringer. Er maß die Distanz, und das Ergebnis befriedigte ihn. Noch fünfundzwanzig Kilometer bis zur Grenze! Kurz vorher mußte er auf Schußweite herangekommen sein. Rücksichtslos wollte er Warwicks Flugzeug abschießen, wenn dieser seinem Befehl zur Landung nicht sofort nachkam.

Wieder verging eine Minute: der »Ramesuen« holte weiter auf.

Surja rechnete. In der Stunde konnte er bei Höchstleistung dreißig bis vierzig Kilometer aufholen, das machte rund sechshundert Meter in der Minute, zehn Meter in der Sekunde – das genügte!

Er prüfte das Maschinengewehr und die Lage des Patronengurtes, kontrollierte das Visier und gab einige Probeschüsse ab. Es war alles in Ordnung. Er konnte die Bahnen der Leuchtgeschosse gut verfolgen, die als dünne, schwarze Rauchlinien kurze Zeit in der Luft sichtbar blieben.

Wieder warf er einen Blick auf das Maschinengewehr und entdeckte, daß ein kurzer Gurt von nur hundert Patronen eingeführt war. Diese verdammten Kerle! Keinen Befehl konnten Sie richtig ausführen!

Dauernd behielt er den »Meteor« im Blickfeld, während er sich weit vorneigte, als ob er dadurch die Entfernung verringern könnte.

Noch einmal suchte er den Horizont nach Südwesten ab – von den Schutzstaffeln V und VII war nichts zu sehen. Mit den alten Kisten war natürlich nichts anzufangen!

»Distanz zum feindlichen Flugzeug messen!« sagte er dem Funker durch.

Der Offizier war erstaunt, denn das war doch Pflicht des Beobachters. Aber er kam dem Befehl sofort nach.

»Zweitausendsechshundert Meter!« meldete er kurz darauf.

In einigen Minuten mußte es möglich sein, das Feuer mit Erfolg aufzunehmen. Im Hintergrund kam schon deutlich das breite, silberne Band des gewaltigen Salvenflusses in Sicht.

Wieder verstrich kurze Zeit.

»Neunzehnhundert!«

Surja zählte nervös die Sekunden.

»Sechzehnhundert!«

Rasch legte er den Feldstecher beiseite, denn er konnte die verfolgte Maschine jetzt mit bloßem Auge gut sehen und auch Einzelheiten deutlich erkennen.

Der »Meteor« hatte eine gute Sende- und Empfangsstation. Miß Breyford hatte Surja die Anlage selbst gezeigt und genau erklärt.

»Fünfzehnhundert!«

»Warnung und Landungsbefehl durchgeben!« rief der Prinz.

Die Taste des Senders arbeitete.

»Die englische Maschine antwortet nicht auf Anruf!« meldete der Funker kurz darauf.

»Landungsbefehl durchgeben!« erwiderte Surja heftig.

Angestrengt starrte er auf das verfolgte Flugzeug. Würde Warbury dem Befehl nachkommen und in Spiralen niedergehen?

Mit unverminderter Geschwindigkeit setzte der »Meteor« seinen Flug fort.

Aufgeregt warf Surja einen Blick in die Tiefe und fluchte. Sein Gegner hatte die Grenze erreicht und flog über dem Wasser.

Surjas Gedanken jagten. Wenn er jetzt feuerte, verletzte er britisches Hoheitsgebiet – das war ein feindlicher Akt gegen England! Grenzenlose Wut überkam ihn, daß er sein Ziel nicht erreichen und um seine Rache gebracht werden sollte. Haß und Leidenschaft verzerrten seine Züge.

Rücksichtslos, ohne vorherige Warnungsschüsse, feuerte er ununterbrochen auf den »Meteor«. Das blendende Mündungsfeuer verdeckte das Ziel.

Aber die Entfernung war noch zu groß, die Schüsse lagen zu kurz. Surja hatte in der Aufregung vergessen, das Visier richtig einzustellen.

Plötzlich verstummte das Knattern, und Surja sah zu seiner Bestürzung, daß die hundert Patronen des ersten Gurtes verfeuert waren. Das brachte ihn zur Besinnung, und er entdeckte, daß das Visier nicht hockgeklappt war.

»Distanz messen!« rief er in den Hörer, wahrend er mit der Linken den leeren Patronengurt herausriß.

So schnell wie möglich packte er einen der vollen Gurte und schob ihn ein. Wertvolle Sekunden vergingen, weil seine Nervosität ihn an schnellem Arbeiten hinderte.

»Vierhundert!« rief der Funker.

Surja riß sich zusammen. Wenn er jetzt nicht ruhig zielte, verlor er seine letzte Chance.

Er feuerte – die Schüsse lagen gut, wahrscheinlich hatte er getroffen. Der verhaßte Farang würde jetzt nach unten gehen und auf dem Wasser landen oder über dem dichten Wald abstürzen.

Aber schon nach den ersten Schüssen ging die silberne Maschine unvermittelt in scharfem Winkel nach unten und setzte zum Looping an.

Warbury manövrierte geschickt, aber er konnte sich doch nicht mit der Staffel in einen Luftkampf einlassen!

Surja blieb nichts anderes übrig, als dem »Meteor« zu folgen. Auch er ging in eine senkrechte Schleife über.

Wütend setzte er das Feuer fort, obwohl er das englische Flugzeug nicht vollkommen in der Schußlinie hatte. Nur die ersten Geschosse waren Leuchtmunition gewesen, der Rest des Gurtes war mit gewöhnlichen Patronen gefüllt.

Er ärgerte sich darüber, daß die ersten Schüsse das Ziel verfehlt haben mußten. Im anderen Fall hätten sie gezündet.

Aber was war das? Auf der Höhe der Schleife machte der »Meteor« eine seitliche Rolle nach rechts, darauf eine zweite. Er bog in scharfer Kurve wieder nach Westen und setzte dann abermals zum Looping an, als der »Ramesuen« gerade die erste Schleife beendet hatte.

Surja war in der Kampfeshitze über das birmanische Ufer hinausgeflogen. Die vier anderen siamesischen Maschinen hielten sich dem ursprünglichen Befehl nach zurück und kreuzten über siamesischem Gebiet.

Der Prinz bemerkte es nicht – er hatte die Umwelt vergessen. Sein Pilot flog ausgezeichnet – aber mit Warbury konnte er sich an Gewandtheit nicht messen. Er folgte dem Gegner, aber es dauerte einige Zeit, bevor er die schwere Maschine wieder in eine solche Lage gebracht hatte, daß Surja feuern konnte.

Wieder ratterte das Maschinengewehr. Der »Meteor« flog in kurzem Zickzackflug, verlor aber wenig an Höhe und manövrierte so geschickt, daß Surja mit seiner Geschoßgarbe ihm kaum folgen konnte.

Die Entfernung zwischen beiden Maschinen wurde immer geringer. Wie ein Raubvogel folgte der »Ramesuen« dem leichteren, schlanker gebauten englischen Flugzeug.

Kurze Zeit hielt sich Warwicks Maschine in verhältnismäßig gerader Linie. Nun hatte Surja die Führerkabine direkt in der Visierlinie, aber nach wenigen Schüssen blieb der Patronengurt stecken. Ladehemmung – gerade in diesem entscheidenden Augenblick!

Enttäuscht sah Surja zum »Meteor« hinüber. Doch er mußte getroffen haben!

Zwei Personen sprangen aus der Führerkabine ab. Die Spitze des Flugzeugs senkte sich nach vorn ...

Nur einer der Fallschirmspringer kam frei, der andere verfing sich mit seinen Leinen und blieb an der Tür hängen.

Senkrecht ging der »Meteor« in die Tiefe.

Plötzlich zeigte sich ein kleiner, weißer Fleck wie ein Wölkchen. Bald wurde er größer. Der eine Fallschirm hatte sich geöffnet und senkte sich sanft in die Tiefe. Ein Mensch pendelte darunter.

Surja stieß einen Freudenschrei aus. Es mußte Warbury sein! Mit einem kurzen Ruch hatte er die Ladehemmung beseitigt. Der »Ramesuen« stieß auf den Fallschirm zu, um ihn in engem Radius zu umkreisen. Und Surja schoß.

Eine Hand legte sich auf seinen Arm, und unwillkürlich stellte er das Feuer ein.

»Direkter Befehl von Seiner Majestät!« meldete der Funkoffizier erregt. »Sofort umkehren!«

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