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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 4
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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2

»Hallo, Ronnie!«

Im dichten Menschengewühl drehte sich ein junger Mann um, dessen schlanke, sehnige Gestalt sofort den Engländer verriet. Er schüttelte dem Freund aus Cambridge vergnügt die Hand.

»Warwick, alter Junge, warum kommst du denn erst jetzt auf die Rennbahn? Hast mich ja schön warten lassen!«

»Kaufleute in Bangkok haben eben mehr zu tun als so ein reicher, träger Globetrotter wie du, der nur zum Spaß in der Welt herumreist, um sich andere Länder und Leute anzusehen. Sei zufrieden, daß ich dich heute morgen in diesem wildfremden Land vom Dampfer abgeholt und sicher im Dusit-Hotel untergebracht habe!«

Ronnie Maynard schlug Warwick Warbury geräuschvoll auf die Schulter.

»Ja, das hast du fein gemacht, alter Luftbrummer und Kriegskamerad, aber ich würde deshalb den Mund nicht zu weit aufreißen, denn sich selbst zu loben schickt sich nicht. Aber du hast mich wirklich glänzend versorgt, wie eine Amme ihr Baby, das will ich gern anerkennen«, entgegnete er und lächelte den Freund mit seinen offenen blauen Augen strahlend an. Schon auf der Universität hatte er zu dem älteren Kameraden aufgeschaut. »Ich freue mich ja so unbändig, daß ich dich einmal wiedersehe und wie früher mit dir reden kann, Warwick, altes Haus!«

» Pai läopai läo – sie sind ab!« ertönten plötzlich laute Rufe aus der Menge.

Das Feld war eben gestartet, und wie elektrisiert folgten die Zuschauer dem Verlauf des Rennens. Aber nirgends herrschte unangenehmes Gedränge, die Leute nahmen Rücksicht aufeinander.

»Wir wollen doch lieber auf die Tribüne gehen, damit wir auch etwas sehen«, schlug Ronnie vor und schaute sich nach der Bahn um. Er nahm Warwicks Arm, und sie stiegen die breite Holztreppe hinauf. Überall bewegten sich festlich geschmückte Menschen unter den farbigen Sonnensegeln.

Warwicks imponierende Gestalt zog viele Blicke auf sich. Seine sonnengebräunten, scharfgeschnittenen Züge sprachen von langem Aufenthalt in den Tropen. Er war nicht schön im landläufigen Sinne des Wortes, aber sein glattrasiertes Gesicht fesselte durch den ruhigen Blick seiner blauen Augen, die sich reizvoll von den schwarzen Haaren abhoben.

»Fast könnte man denken, wir seien in Epsom«, meinte er. »Die Rennbahn ist genau so ellipsenförmig und langweilig. Auch hier Pferde, Schiedsrichter, bunte Jockeis, Waage, Totalisator, Sattelplatz, Buchmacher –«

»Die Menschen machen aber doch einen ganz anderen Eindruck«, unterbrach ihn Ronnie lebhaft, der seine Umgebung neugierig musterte. »Soviel Brillanten, Rubinen und Smaragde, wie heute nachmittag hier getragen werden, gibt es ja kaum in ganz England! Die Leute müssen unheimlich viel Kröten haben! Und wieviel verschiedene Volkstypen man hier beobachten kann – die reinste Arche Noah!«

»Ruhe, Ronnie! Hier versteht fast jeder Englisch, und wir Europäer sind sowieso nicht besonders beliebt. Das Selbstbewußtsein der Asiaten ist in den letzten Jahren bedeutend gestiegen, und sie sind für Kritik doppelt empfindlich geworden. Du mußt dich mehr in acht nehmen.«

Die Menge verfolgte gebannt das Rennen, und alle Blicke waren auf die große Kurve gerichtet, in die das Feld jetzt einbog.

Auch Ronnie hatte sein Glas eingestellt.

»Ramesuen liegt vorn!« rief er aufgeregt.

»Das hat noch nichts zu sagen.«

»Doch – ich habe auf den Gaul hundert Tikals gesetzt! Er muß unbedingt zuerst durchs Ziel gehen.«

Warwick, den das Rennen weniger interessierte, lächelte nur und grüßte dann zur Loge des englischen Gesandten hinüber.

Sir John Brakenhurst dankte. Seine vornehme, etwas hagere Gestalt mit der leicht vorgeneigten Haltung ließ den alten, erfahrenen Diplomaten erkennen.

Reges Treiben herrschte auf der nach englischem Muster angelegten Rennbahn der siamesischen Hauptstadt, deren Einwohnerzahl schon seit einigen Jahren die Millionengrenze überschritten und Peking überflügelt hatte.

Auch der König und die Königin waren erschienen und schauten von einer besonderen Tribüne aus dem Rennen zu. Darüber war in altsiamesischen, prunkvollen Formen eine offene Halle errichtet. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich in dem kunstvollen Mosaikwerk und den herrlichen Schnitzereien der übereinandergetürmten Dächer wider, die von schlanken Teakholzsäulen mit Lotoskapitellen getragen wurden. Strahlend hob sich das flammende Gold des königlichen Pavillons von dem tiefblauen Tropenhimmel ab.

Auch die verschiedenen Gesandten der europäischen und exotischen Staaten, der ganze Hof und der siamesische Adel hatten sich zu dem Rennen eingefunden, und es bot sich den Blicken ein farbenprächtiges Bild von brokatdurchwirkten Seidengewändern und kostbaren Juwelen. Man konnte Vertreter fast aller Völker bemerken, die innerhalb der Grenzen Siams wohnten. Die ernsten, schweigsamen Laoten trugen ihre alte Landestracht: schwarzseidene, enganliegende Gewänder mit Goldknöpfen aus Filigranarbeit. Die Birmanen erschienen in ihren typischen Kopftüchern. Auch Peguaner waren zu sehen und schöne Monmädchen mit langem, blumengeschmücktem Haar und heiteren, allzu bereit lachenden Augen.

Brillantengeschmückte Goldknöpfe zierten die enganschließenden Leinenröcke der siamesischen Adeligen, die ihre bauschigen, blauseidenen Panungs in der malerischen Form weiter Pluderhosen geschlungen hatten. Viele Damen der siamesischen Gesellschaft hatten elegante europäische Kleidung angelegt, aber manche trugen auch noch das alte Nationalkostüm und dieselben Panungs wie die Männer.

»Warum haben eigentlich alle Siamesen dunkelblaue Beinkleider?« fragte Ronnie interessiert.

»Weil heute Donnerstag ist«, antwortete Warwick.

»Aber das ist doch kein Grund! Das soll ich mir einreden lassen?«

»Du wirst es gleich verstehen. Der Donnerstag steht unter der Herrschaft des Planeten Jupiter, der nach siamesischer Auffassung dunkelblaue Farbe hat. Deshalb tragen die Leute hierzulande an diesem Tag dunkelblaue Panungs.«

»Fabelhaft!« rief Ronnie begeistert. »Und wie ist es an den anderen Wochentagen?«

»Das erzähle ich dir später einmal genauer, jetzt führt es zu weit. Aber sieh dir einmal die reichen chinesischen Kaufleute dort an, die mit ihren herrlichen Kostümen prunken. Die haben sie den Staatskleidern der höchsten Mandarinen genau nachbilden lassen, und hier in Bangkok, außerhalb der Grenzen des Chinesischen Reiches, können sie diese Gewänder ungestraft tragen.«

In der Menge der Zuschauer befanden sich verhältnismäßig nur wenig Europäer; in ihren schneeweißen Anzügen, Schuhen und den breitrandigen Tropenhüten wollten sie nicht recht in die bunte Farbenpracht der Tropen passen. Außer der besten siamesischen Gesellschaft waren auch Parsenkaufleute und Inder erschienen, die sich in der Hauptstadt des Landes niedergelassen hatten und dort heimisch geworden waren.

Viele Siamesen trugen Uniform. Das Nationalbewußtsein war seit dem Weltkrieg bedeutend gestiegen, das Volk war stolz auf das Heer, die Marine und besonders auf die Luftwaffe.

Zahlenmäßig waren die Chinesen neben den Siamesen an erster Stelle vertreten, aber auch die Japaner fehlten nicht. Früher hatte man die Siamesen geringgeachtet, aber seitdem sich ihr Land als Macht neben den anderen asiatischen Mächten fühlte, gewannen sie immer größeren politischen Einfluß.

»Es ist unglaublich!« Ronnie hielt nervös das Glas und packte seinen Freund mit der anderen Hand am Arm. »Ramesuen hält nicht durch!«

Die Reiter kamen jetzt von der anderen Seite her in Sicht, und unter den ersten fiel ein feuerroter Jockei auf einem schwarzen Pferd auf.

»Hanuman!« schrien einzelne, dann schwollen die Rufe immer lauter an.

Die Pferde fegten vor der Tribüne vorbei und passierten das Ziel.

»Hanuman! Hanuman hat gewonnen!« ertönte es begeistert von allen Seiten.

»Verdammt, und ich hatte doch auf Ramesuen gesetzt!« brummte Ronnie ärgerlich.

Alles strömte nun zum Totalisator. Warwick ging mit Ronnie zur Waage, wo die Pferde einzeln vorbeikamen, zuerst der von der Menge umjubelte Hanuman.

»Schade, daß du mich nicht eher gefragt hast, Ronnie. Du hättest natürlich wissen müssen, daß Hanuman aus dem königlichen Marstall kommt. Gegen den darf doch kein anderes Pferd gewinnen.«

»Also eine ganz gemeine Schiebung!« erklärte Ronnie empört.

»Ruhe, sei doch nicht so unvorsichtig! Und sprich nicht so laut. Wir sind hier in einem absolut regierten Land. Eine Schiebung kannst du das außerdem nicht nennen. Wenn ein Pferd aus dem königlichen Marstall an einem Rennen teilnimmt, wagt eben niemand, ein besseres und schnelleres aufzustellen. Die Leute sind hier monarchistisch-loyal.«

Indische Buchmacher zahlten die Gewinne aus, die diesmal sehr niedrig ausfielen, da in Siam nur Ausländer gegen ein Pferd des Königs wetten.

Am Totalisator drängten sich Vertreter aller Nationalitäten: reiche Chinesen in violettseidenen Anzügen und großen, breiten Panamahüten, persische Kaufleute in Gehrock oder schwarzem Kaftan, Malaien von der südlichen Halbinsel mit edelsteingesckmückten Dolchen im Gürtel, und Inder mit ihren Frauen, die in auffallend bunte Seide gekleidet waren und reichen Brillantschmuck trugen.

Dazwischen blitzten die feuerroten, goldgestickten Uniformen der Gardekapelle auf, die in der Pause konzertierte und die neuesten amerikanischen und englischen Schlager spielte. Die Musiker waren mit den dazu nötigen Instrumenten und allen Arten von Saxophonen ausgerüstet.

»Weißt du, wer von unseren Bekannten aus Cambridge noch hier ist?« fragte Warwick. »Dort hinten in der Loge des Königs steht Prinz Surja.«

»Donnerwetter, das ist er wirklich! War eigentlich früher ein ganz netter Kerl. Kommst du oft mit ihm zusammen?«

»Nein. Das ist hier anders als in England. Er hat übrigens gute Karriere gemacht – zur Zeit führt er das Kommando über die Torpedobootflottille, außerdem untersteht ihm das Marineflugwesen.«

»Ich muß ihm sofort die braune Männerpranke schütteln«, sagte Ronnie freudig. »Wir wollen gleich zu ihm gehen.«

»Ich möchte nicht zur Hofloge«, wehrte Warwick ab. »Ich muß noch einige andere Bekannte sprechen.«

»In die Hofloge selbst gehe ich auch nicht, ich lasse ihn herausbitten. Wir können uns ja nachher bei dem Musikpavillon wiedertreffen.«

»Nimm dich aber in acht mit ihm – er ist ein eifriger Vorkämpfer für den Zusammenschluß aller asiatischen Staaten unter Japans Führung, und er haßt die Europäer«, warnte Warwick leise.

Ronnie Maynard nahm die Ermahnung aber nicht besonders ernst, denn seiner Meinung nach war sein Freund immer zu vorsichtig und zu skeptisch.

Als er in seinem hochmodernen, etwas auffälligen Anzug davoneilte, schaute ihm Warwick lächelnd nach. Schon in England war Ronnie dafür bekannt gewesen, daß er seine Freunde häufig zur Unzeit überfiel und gewöhnlich dort erschien, wo man ihn am wenigsten erwartete. Was für ein Gesicht würde Prinz Surja wohl machen, wenn Ronnie plötzlich vor ihm auftauchte?

Warbury richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sah sich auf den weiten Tribünen um. Er blickte oft mit verengten Augen, wenn er in die Ferne sah, wie Leute, die häufig der blendenden Tropensonne ausgesetzt sind.

Plötzlich bemerkte er den englischen Gesandten, der auf ihn zukam und ihn freundlich begrüßte.

Sir John Brakenhurst trug einen rohseidenen Anzug von dunkler Tönung. Sein Tropenhut war mit demselben Stoff überzogen und geschmackvoll mit einem dazu passenden braunen Band garniert. Trotz eines fast dreißigjährigen Tropendienstes hatte er sich vorzüglich gehalten, und man sah ihm seine fünfzig Jahre nicht an. Ein starkes, etwas vorspringendes Kinn betonte die energischen Züge seines glattrasierten Gesichts, und sein Auftreten verriet den vornehmen Weltmann.

»Ich kann Ihnen gratulieren, mein lieber Warbury, die siamesische Regierung hat die Konzession für Ihre Reisplantagen bewilligt.«

»Auf Ihren Rat hin konnten wir die Sache ja auch glänzend vorbereiten. Sie sind ein Menschenkenner, Sir John. Kleine Geschenke – zur rechten Zeit, am rechten Platz!«

»Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß man in solchen Fällen durch Großzügigkeit zum Ziel kommt. Und das Geschenk an den Prinzen Murapong wird wohl nicht zu unbedeutend ausgefallen sein«, entgegnete Sir John. Ein humorvoll ironisches Lächeln spielte um seinen Mund, und in seinen Augenwinkeln zeigten sich viele Lachfältchen. »Aber für die Firma Breyford sind das natürlich nur Kleinigkeiten.«

Aus vielen Gründen war der Gesandte Warwick besonders gewogen. Er schätzte in ihm einen der besten Vertreter der englischen Nation auf diesem vorgeschobenen Posten, und er achtete ihn, weil sich Warwick im Weltkrieg als verwegener Kampfflieger ausgezeichnet hatte. Abgesehen davon, war Warbury ein vorzüglicher Sportsmann, mit dem man ausreiten, Polo und Golf spielen konnte. Auch über siamesische Verhältnisse war er sehr gut unterrichtet und hatte Sir John schon manche wichtige Nachricht zukommen lassen.

»Ihre Stellung bei Breyford wird sich ja jetzt wohl bald ändern, wenn ich recht gehört habe?«

Warwick lachte nur, und nach einigen liebenswürdigen Worten verabschiedete sich der Gesandte wieder von ihm.

Gleich darauf fühlte Warwick, daß ihn jemand am Arm packte, und als er sich umwandte, sah er Ronnie in Gesellschaft des Prinzen Surja vor sich. Er begrüßte den Siamesen mehr höflich-formell als herzlich.

Der Prinz war kleiner als Ronnie. Seine etwas weichen, regelmäßigen Züge machten einen sympathischen Eindruck, und unter seinen Landsleuten galt er als Schönheit. Wenn er den Mund öffnete, blitzten seine weißen Zähne herausfordernd zwischen den braunroten, bogenförmig geschwungenen Lippen. Die Uniform bedingte eine militärische Haltung, aber seine Bewegungen wirkten abgerundet und gleitend. Seine dunklen Augen hatten einen leicht melancholischen Ausdruck, doch leuchteten sie manchmal in der Erregung leidenschaftlich auf.

»Mir scheint, daß erst ich nach Siam kommen muß, um die alten Kameraden von Cambridge wieder einmal zusammenzubringen!« erklärte Ronnie gönnerhaft.

Surja und Warwick lachten über seinen Eifer; beide kannten ihn gut genug.

»Ronnie Maynard hat mir eben erzählt, daß er ein Tagebuch über seine Weltreise herausgeben will. Wer hätte früher gedacht, daß er einmal unter die Schriftsteller gehen würde!« sagte der Prinz.

»Ihr Siamesen müßt euch ordentlich anstrengen, damit ihr gut abschneidet. Ich habe eine seltene Beobachtungsgabe, und man fürchtet meine scharfe Feder. Oh, ich kann Zustände geißeln!« erwiderte Ronnie überzeugt.

»Nun, dann wollen wir uns dementsprechend in acht nehmen«, entgegnete Surja verbindlich. Aber er warf ihm einen lauernden Blick zu, der Warwick nicht entging. »Siam wird ausgerechnet auf dich gewartet haben«, bemerkte Warwick belustigt, um Ronnies überhebliche Worte etwas abzudämpfen.

»Das hoffe ich. Ein Land wie Siam muß erst entdeckt werden, ich meine, richtig entdeckt werden von einem Mann, der Bücher schreibt, ein unbestechlicher Beobachter ist und ein umfassendes, weitschauendes Urteil hat«, erwiderte Ronnie, ohne den leisen Spott seines Freundes zu fühlen.

»Damit meinst du wohl dich selbst?«

»Natürlich! Übrigens gibt es unter den Siamesinnen Mädels von außerordentlicher Schönheit. Zu Anfang wollten Sie mir allerdings gar nicht gefallen«, versicherte Ronnie und sah sich wohlwollend um.

Surja warf unmerklich den Kopf zurück, und seine feurigen Augen blitzten warnend unter den kühngeschwungenen, schwarzen Brauen. Das anmaßende Wesen des jungen Engländers kränkte sein Nationalgefühl, und Ronnies letzte Äußerung konnte er nicht unerwidert lassen.

»Es gibt auf der ganzen Erde schöne Frauen – warum sollten denn die Siamesinnen eine Ausnahme machen?« fragte er kühl.

In diesem Augenblick kamen einige Mitglieder des Hofes vorüber, und Ronnie vergaß zu antworten. Neben einer würdigen älteren Dame in mattblauem, silberdurchwirktem Panung ging eine jüngere, die allgemein auffiel. Ihre Erscheinung hatte nichts Europäisches, und doch mußte jeder Europäer ihren rassigen siamesischen Typus als schön und harmonisch empfinden.

Mehrere junge Dienerinnen folgten den beiden. Sie waren in denselben Farben gekleidet wie ihre Herrinnen, und auch sie trugen reichen Schmuck.

Warwick wunderte sich, daß er dieses schöne junge Mädchen noch nicht gesehen hatte, da er doch die höhere siamesische Gesellschaft kannte. Er wußte nur, daß die ältere Dame die Prinzessin Chanda Rajavong war, eine Tante des Königs. Fragend blickte er auf Surja, als ob er von ihm eine Erklärung erwartete.

»Wer war denn dieses entzückende Kind?« erkundigte sich Ronnie hastig. »Bei einer Schönheitskonkurrenz würde ich ihr als Preisrichter alle meine Stimmen geben.«

»Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Amarin, die Tochter des Prinzen Akani. Sie ist erst kürzlich aus Paris zurückgekehrt«, erwiderte Surja steif und von oben herab.

Das letzte Rennen war beendet. Die drei schlossen sich dem Strom der Menge an und wandten sich dem Ausgang zu. Vor dem Hauptportal hielt ein großer Rolls Royce, dahinter ein anderer Wagen. Beide hatten dunkelblaue Farbe und trugen dasselbe feine Silbermonogramm an den Türen. Chauffeure und Diener hatten dunkelblaue Samtuniform mit Silberstickerei, im Ton genau zu den Wagen abgestimmt.

Prinzessin Amarin stieg mit ihrer Tante in das vordere Auto, während die Dienerinnen in dem zweiten Platz nahmen.

Unwillkürlich sah Warwick zu ihr hinüber. Ihre Gestalt und ihr Gesicht wirkten ungewöhnlich fremdartig und reizvoll, und ihre märchenhaft tiefen Augen hatten einen rätselhaften Ausdruck.

Als der Wagen anfuhr, sah sich Amarin um, und die Blicke der beiden trafen sich in kurzem Verweilen.

Es war Warwick, als ob dieses Mädchen plötzlich eine schlummernde Sehnsucht, ein Verlangen nach ungeahnten Wundern in ihm weckte. Traumverloren schaute er ihr nach.

Surja bemerkte es und verabschiedete sich kurz.

Ronnie blieb ihm den Gegengruß schuldig, weil er nur Augen für die junge Prinzessin hatte.

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