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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 34
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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32

»Wo steckt denn eigentlich Warwick?« fragte Gregory Breyford verwundert.

Wie gewöhnlich trank er seinen Whiskysoda nach dem Abendessen in dem geräumigen Moskitohaus auf seiner Veranda, auf dessen Größe er besonders stolz war.

»Gestern hat er sich noch so sehr darüber beschwert, daß er dich bei all den vielen Feiern nicht sprechen kann. Nun habe ich heute mit großer Mühe das Essen im Britischen Klub auf nächste Woche verschieben lassen, damit ihr einmal Zeit füreinander habt, und er ist nicht da! Dabei ist er heute schon sehr früh aus dem Büro fortgegangen.«

»Er hat etwas Wichtiges vor«, entgegnete Evelyn ausweichend, errötete aber leicht und neigte sich tiefer über eine illustrierte Zeitschrift, damit Breyford ihre Verlegenheit nicht merken sollte.

Ihr stilles, nachdenkliches Wesen war ihm schon bei Tisch aufgefallen, aber er war in so gehobener Stimmung, daß er der Sache weiter keine Bedeutung beilegte.

Obwohl Evelyn unruhig und aufgeregt war, beherrschte sie sich nach außen hin. Sie dachte dauernd an Warwick und Ronnie. Vor zwei Stunden, um halb sieben, hatten die beiden Freunde Amarin befreien wollen.

Jeden Augenblick konnte nun Ronnie eintreffen, um ihr Nachricht zu bringen.

Wie mochte das Wagnis ausgegangen sein, das sie so sorgfältig zusammen vorbereitet hatten?

Ihrer Veranlagung nach war Evelyn aktiv und hilfsbereit, und sie hätte am liebsten Warwick bei der Durchführung seiner schwierigen Aufgabe persönlich unterstützt. Es erschien ihr fast unerträglich, still zu Hause zu sitzen und abzuwarten, was geschehen würde.

Das Telefon klingelte plötzlich in einem der inneren Räume des Hauses, und kurz darauf kam der Boy, der den Apparat ins Moskitohaus brachte und dort anschloß.

»Nai, der englische Gesandte möchte dich sprechen«, meldete er.

Breyford schaute auf die Uhr. Es war noch nicht nachtschlafende Zeit, aber doch schon reichlich spät. Wahrscheinlich fehlte Sir John der vierte Mann zur Bridgepartie. Die Unterbrechung kam ihm nicht ungelegen. Warwick mußte ja bald kommen, und dann war es besser, wenn die beiden nicht durch seine Anwesenheit gestört wurden.

Die Ungewißheit hatte Evelyn so nervös gemacht, daß sie überall Gefahren sah. Ein Anruf des Gesandten bedeutete im allgemeinen nichts Außergewöhnliches, aber heute fürchtete sie, daß Amarins Flucht mißglückt und Warwick bei dem Befreiungsversuch verhaftet worden sei.

Sie erhob sich rasch und ging auf die Veranda, um vielleicht noch einige Worte der Unterhaltung aufzufangen. Aber ihr Onkel hatte das Gespräch bereits beendet und kam wieder zu ihr heraus.

»Kann eigentlich ein Engländer in Siam verhaftet und gefangengesetzt werden?« fragte sie ihn unvermittelt.

Er schaute sie erstaunt an.

»Sag mal, wie kommst du denn auf eine so merkwürdige Idee?«

»Ach, ich wollte nur wissen, ob uns die Polizei hier festnehmen könnte, wenn wir einmal bei einer strafbaren Handlung ertappt würden.«

»Was ist denn in dich gefahren? Hast du am Ende den Tropenkoller bekommen, daß du gemeingefährliche Verbrechen planst?« fragte er scherzend. »Aber Spaß beiseite, leider ist das heutzutage möglich. Ich habe allerdings noch die schönen alten Zeiten erlebt, als wir unsere eigene Konsulatsgerichtsbarkeit hatten. Da konnten uns die siamesischen Gerichte nicht soviel anhaben!« Er schnappte mit den Fingern. »Aber jetzt, nach dem Kriege, sitzen diese braunen Kerle über uns zu Gericht. Sie haben ja jetzt auch eine eigene Universität, wo sie ihre Richter und Anwälte ausbilden...« Er war bei seinem Lieblingsthema angekommen, und er hätte noch lange weitergeschimpft, wenn Evelyn ihn nicht kurz unterbrochen hatte.

»Was wollte der Gesandte von dir?« fragte sie ihn interessiert.

»Ach, er will mich einmal sprechen. Es ist nichts Besonderes. Vielleicht gehen wir nachher noch zusammen zum Britischen Klub. Ich komme jedenfalls erst spät wieder nach Hause – warte nicht auf mich.«

Breyford wandte sich zum Gehen. Als er sich an der Treppe noch einmal umdrehte und Evelyn freundlich zunickte, kam der Boy eilig auf ihn zu.

»Nai«, sagte er aufgeregt, »in der Garage ist eingebrochen worden!«

Das war also die Ursache des Lärms gewesen!

»Da haben die Strolche wohl wieder Öl und Benzin gestohlen«, sagte Breyford gleichgültig.

Als alter Tropenmann war er an derartige Zwischenfälle gewöhnt. Er hatte den Schuß und den Spektakel auch gehört, sich aber weiter nicht darum gekümmert. Es kam öfter vor, daß ein Wachtmann oder einer der Angestellten auf dem ungewöhnlich großen Grundstück mit den weitausgedehnten Speicheranlagen einen Schreckschuß abgab, um einen wirklichen oder vermeintlichen Dieb zu verscheuchen.

»Nein, es ist nichts gestohlen worden. Die Blechtanks mit Öl und Benzin sind alle noch vorhanden«, erwiderte der Boy schnell.

»Dann sind sie wahrscheinlich gestört worden und so davongelaufen.«

»Nai, es muß ein Verbrechen geschehen sein: das Tor der Garage ist gewaltsam von innen geöffnet worden. Das Schloß ist mit dem Beil zertrümmert, das sonst immer an der Wand hängt. Und drinnen und draußen sind frische Blutspuren zu sehen!«

»In Zukunft müssen eben die indischen Wachleute gleich bei Einbruch der Dunkelheit, um halb sieben, auf dem Posten sein. Aber ich habe jetzt keine Zeit mehr, mich mit der Geschichte noch abzugeben. Wenn Mr. Warbury zurückkommt, meldest du ihm die Sache. Er kann es dann genauer untersuchen.«

Mit raschen Schritten ging er die Treppe hinunter und stieg in den offenen Wagen, der inzwischen vorgefahren war.

»Gute Nacht, mein Kind!« rief er seiner Nichte zu, die an das Geländer der Veranda getreten war.

*

Eine Viertelstunde später saß Breyford dem englischen Gesandten in dessen einfach, aber vornehm ausgestattetem Arbeitszimmer gegenüber.

Nach einigen einleitenden Bemerkungen kam Sir John sofort auf die Sache zu sprechen, die ihm in den letzten Tagen soviel Mühe und Arbeit gemacht hatte. Er wollte alles daransetzen, die peinliche Geschichte doch noch für alle Teile zu einer annehmbaren Lösung zu bringen. Bei dem ständig wachsenden japanischen Einfluß wurde die politische Lage immer gespannter, und unter keinen Umständen durfte das englische Prestige irgendwie leiden.

»Ich habe dich hergebeten, um einmal streng vertraulich mit dir über Warbury zu sprechen. Ich hätte es nicht getan, wenn ich nicht durch die unvorhergesehene Entwicklung der Dinge in den letzten Stunden dazu gezwungen worden wäre.«

Breyford sah seinen Freund aufs höchste erstaunt an.

»Über Warwick?«

»Ja. Er hat sich in der letzten Zeit sehr verändert. Ich hätte schon eher mit ihm sprechen sollen, aber die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen überstürzt. Prinzessin Amarin hat sich in ihn verliebt, und er erwidert ihre Zuneigung.«

»Aber das ist doch unmöglich!« fuhr Breyford auf.

»Nichts ist unmöglich. Ich kann es ja schließlich auch verstehen, daß man dem Zauber einer solchen Frau verfällt, ohne es zu wollen. Aber die Sache treibt auf einen politischen Skandal zu.«

Breyford schüttelte ungläubig den Kopf.

»Man müßte doch aber erst einmal hören, was Warwick zu seiner Verteidigung zu sagen hat.«

»Dazu ist es jetzt zu spät. Die beiden haben sich seit Wochen heimlich in einer leerstehenden Villa getroffen, und Prinzessin Amarin wurde deshalb heute morgen gefangengesetzt. Ich wollte Warbury daraufhin sprechen, aber es ist mir bisher nicht gelungen. An den Tatsachen selbst ist leider nicht zu zweifeln. Es hat jetzt auch keinen Zweck, über Schuld oder Nichtschuld zu reden. Wir müssen die Lage nehmen, wie sie ist, und danach handeln.

Prinzessin Amarin ist heute abend um halb sieben aus dem Palais Akani verschwunden, wo sie in ihrem Zimmer eingeschlossen war, während ein Nebengebäude in Flammen aufging. Man weiß zwar nichts Genaueres, vermutet aber, daß Warbury in die Sache verwickelt ist. Wahrscheinlich hat er die Prinzessin befreit oder durch andere Leute befreien lassen.«

Breyford erhob sich erregt, aber Sir John legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und drückte ihn leicht in den Stuhl zurück.

»Es ist ja nicht gesagt, daß Warbury die Prinzessin entführt hat. Ich denke auch noch an andere Möglichkeiten. Die Königsfamilie kann die Hand im Spiel haben, oder vielleicht wollte der Palastminister die Sache dadurch geschickt aus der Welt bringen, daß er eine Flucht der Prinzessin vortäuscht, während man sie irgendwie beiseite geschafft hat. Es mag auch sein, daß ihre Tante ihr geholfen hat heimlich ins Ausland zu entkommen. Darüber werde ich ja wohl in den nächsten Stunden Klarheit bekommen. Aber die Geschichte hat noch eine andere Seite, die für dich sehr ernst ist.«

»Ich verstehe. Weißt du Genaueres?«

»Prinz Murapong hat ein Geheimverfahren gegen Warbury wegen Entführung und Brandstiftung eingeleitet. Du kannst dir doch denken, daß er bei seinem wilden Europäerhaß diesen Fall ausschlachten will. Nur gut, daß er in seiner Aufregung immer überschäumt und laut sagt, was er vorhat. Im Postministerium war schon die Rede davon, daß die siamesische Regierung die Firma Breyford schließen werde –«

»Das wäre allerdings gefährlich!«

»Wir kennen Murapong und wissen, daß er leicht aufbraust. Aber man kann einen brüllenden Löwen besänftigen, wenn man ihm ein Stück Fleisch hinwirft. Es wäre nicht das erste Mal, daß wir uns den Palastminister günstig gestimmt hätten. Sobald wie möglich werde ich eine hübsche Siamesin mit einem entsprechenden Geschenk zu ihm schicken. Immerhin dürfen wir uns nicht darüber täuschen, daß die Lage noch nie so kritisch war wie diesmal.«

Breyford war sehr ernst geworden.

»Denkst du wirklich, daß es einen Weg gibt, die Sache beizulegen?«

»Selbstverständlich werde ich alles tun, was in meinen Kräften steht. Durch Politik mit einigen Kriegsschiffen kann man sich zwar im Augenblick gewaltsam Recht verschaffen, aber die bösen Folgen für die Zukunft bleiben nicht aus. Die Franzosen sind ja früher auf diese Weise vorgegangen, aber jetzt zeigt sich erst, wie sehr sie sich dadurch hier in Ostasien in die Brennesseln geletzt haben. Aber das alles ist im Augenblick nebensächlich. Vor allem liegt mir an Warbury, denn er ist in Gefahr.«

»Was können wir denn tun^«

»Vielleicht wäre es das beste, wenn er für einige Zeit aus dem Land verschwände und nach Singapur, Hongkong oder Java ginge, bis es mir gelungen ist, die Lage zu klären. Teile es mir bitte gleich mit, wenn du etwas von ihm hörst oder mit ihm zusammentriffst, und sorge dafür, daß er sich sofort an mich wendet.«

Breyford nickte.

»Am besten kommt er persönlich zur Gesandtschaft«, fuhr Sir John fort, »denn im Notfall kann ich ihn hier vor Angriffen schützen.«

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