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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 31
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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29

Der Chauffeur fuhr in scharfer Kurve vor und brachte den großen, eleganten Sedan zum Stehen. Am Fuß der breiten Treppe zur Veranda verabschiedete sich Warwick von Evelyn und ihrem Onkel.

Evelyn reichte ihm die Hand.

Länger als sonst hielt er sie in der seinen. Verständnisvoll begegneten sich ihre Blicke.

Auf der Heimfahrt vom Ball im United Club hatten die beiden in Breyfords Gegenwart nur über gleichgültige Dinge sprechen können. Breyford hatte sich auch täuschen lassen. Er ahnte noch nichts von den Dingen, die hinter seinem Rücken vorgingen, er war mit sich und dem Gang der Ereignisse mehr als zufrieden.

Nach außen hin erschienen Warwick und Evelyn ruhig, aber die innere Spannung war gewachsen.

Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihm, als er zu seinem Bungalow ging.

Zuerst hatte er die Absicht, den Boy zu rufen, der im Dienerhaus schlief, damit dieser ihm aufschließen und ihm behilflich sein sollte. Aber er unterließ es, da er keinen Menschen mehr sehen wollte.

Langsam stieg er die äußeren Stufen zur Veranda hinauf und nahm einen Schlüssel aus der Tasche.

Als er die Mitte der großen Veranda erreicht hatte, tauchte plötzlich eine dunkle Gestalt vor ihm auf.

Er fuhr aus seinen düsteren Gedanken auf.

Erschrocken blieb er stehen, aber der Schatten war sofort wieder in der Dunkelheit verschwunden.

Einbrecher! war sein erster Gedanke.

Blitzschnell zog er seinen Browning, entsicherte und sprang hinter einen Pfeiler, um gegen einen unerwarteten Angriff gedeckt zu sein.

Angestrengt lauschte er, aber nur die einförmigen Wellen des Menam schlugen leise plätschernd gegen die Pfähle der Uferbefestigung, und die Blätter der hohen Bambusbüsche hinter dem Hause raschelten geheimnisvoll im Nachtwind.

Nach einer Weile drehte er vorsichtig die Taschenlampe an und leuchtete die Veranda ab. Aber er entdeckte nichts. Und doch konnte er sich nicht getäuscht haben. Deutlich hatte er gesehen, daß eine dunkle Gestalt vor der hellen Öffnung der Veranda vorüberglitt.

Behutsam ging er zu der Tür, die ins Innere führte, um zu sehen, ob sie aufgebrochen war. Aber er fand sie unberührt.

Befremdet drehte er sich wieder um.

Eine Diele knarrte in der linken Ecke.

Sofort richtete er seine Pistole nach der Stelle. Er wollte dem Eindringling wenn möglich zuvorkommen und ihn durch einen Schuß kampfunfähig machen. Dadurch würden auch die Wachtleute aufmerksam werden und herbeikommen.

»Warwick!«

Eine leise, verängstigte Stimme rief seinen Namen, und Amarin tauchte langsam aus ihrem Versteck hinter einem Korbsessel auf.

Aufs tiefste erschrocken, verbarg er den Revolver und eilte auf sie zu. Sie zitterte am ganzen Körper und konnte vor Erregung nicht sprechen.

Schnell öffnete er mit seinem Schlüssel die Wohnungstür und führte sie ins Innere. Er mußte sie fast tragen. Rasch schob er ihr einen Sessel hin, sonst wäre sie kraftlos zu Boden gesunken.

Vorsichtig schloß er die Tür nach der Veranda wieder, bevor er Licht machte, damit der Wachtmann sie nicht von außen beobachten konnte, wenn er auf seiner Runde am Hause vorbeikam.

Amarin starrte ihn mit entsetzten Augen an; sie mußte Furchtbares erlebt haben.

»Was ist geschehen?« fragte er teilnehmend und streichelte ihre Hand, um sie zu beruhigen.

Als sie nur verzweifelt seinen Namen wiederholte, ohne seine Frage zu beantworten, erhob er sich, ging zum Büfett und brachte ihr ein Glas Wein.

Willenlos nahm sie es und trank mechanisch davon.

Beim Schein der kleinen Tischlampe sah er, daß sie gewöhnliche, schwarze Kleider trug. Sie ging barfuß und hatte ein dunkles Tuch um den Kopf geschlungen, so daß sie in ihrem äußeren von einer Frau der niedersten Stände nicht zu unterscheiden war.

Warwick setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Schulter. Er versuchte sie zu beruhigen, und allmählich gewann sie ihre Fassung wieder. Sie erzählte ihm alles, was sich nach ihrer Trennung ereignet hatte.

»Ich kann den Gedanken nicht ertragen, Surja sofort zu heiraten. Wir müssen fliehen – noch diese Nacht! Warwick, ich habe auch solche Angst um dich! Die Polizei ist schon auf unserer Spur, und wenn Prinz Murapong alles erfährt, wird er sich furchtbar an dir rächen.«

Sie kämpfte nur mit äußerster Mühe die Tränen nieder, und ihre Blicke hingen verzweifelt an seinem Gesicht.

»Hilf mir und bringe mich aus dem Lande. Außerhalb Siams haben König Rama und Surja nichts mehr zu befehlen, dort sind wir freie Menschen.«

Warwick fuhr verstört aus dem Schlaf. Die Sonne schien durch das offene Fenster, und Schatten von Bambuszweigen, die im Wind hin und her getrieben wurden, spielten auf dem Fußboden.

Die Uhr zeigte acht – zu dieser Stunde hatte er aufwachen wollen.

Über Nacht hatte sich die Lage sehr verschlimmert.

Erst nach vier Uhr morgens war er wieder nach Hause gekommen. Über Amarins plötzliches Erscheinen in der Nacht und ihre aufregenden Mitteilungen war er in große Bestürzung geraten, und seine eigenen Sorgen traten vollkommen in den Hintergrund. Da sie selbst keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, mußte er für sie sorgen und handeln.

Als er aber länger über die Lage nachdachte, kehrten Ruhe und Überlegung zurück. Eins stand bei ihm fest: er mußte Amarin helfen, Siam zu verlassen, mochte kommen, was wollte. Um den Fluchtplan möglichst gut vorzubereiten, brauchte er vor allem die Schiffslisten der verschiedenen Dampfergesellschaften, Fahrpläne, Zeittafeln und Tabellen über Flut und Ebbe.

Es war Freitagmorgen. Am Montagnachmittag sollte die Trauung stattfinden. Es blieb also noch mehr als drei Tage Zeit.

Warwick war kein Heißsporn. Die Jahre im Kriege und in den Tropen hatten ihn gelehrt, daß vorschnelles, überstürztes Handeln nicht zum Ziele führt. Im allgemeinen blieb er kühl und zurückhaltend, nur in Augenblicken der Gefahr faßte er blitzschnelle Entschlüsse und führte sie mit zäher Energie durch. Amarins Furcht, daß die Nachforschungen der Polizei gefährlich werden könnten, hielt er zunächst für unbegründet, aber immerhin mußten sie auf der Hut sein.

Sie wollte sich zuerst bis zur Flucht in seinem Bungalow verstecken, aber er beruhigte sie so weit, daß sie mit Me Kam nach Hause zurückkehrte, um dort auf seine Weisungen zu warten. Er selbst hatte sie in seinem Wagen bis in die Nähe des Palais Akani gebracht.

Mit Evelyn hatte er verabredet, sie um neun Uhr auf ihrer Veranda zu treffen. Vorher ging er noch kurz ins Büro, um die wichtigsten Dinge zu erledigen.

Evelyn sah ihn schon von weitem kommen. Sie empfing ihn ruhig und freundlich und lächelte ihm tapfer zu. Sie litt unter der schweren Enttäuschung, aber sie bemühte sich, der Welt ein gelassenes Gesicht zu zeigen.

Sie wußte, daß sie sich in entscheidenden Augenblicken nur auf sich selbst verlassen konnte und gab sich keinen trügerischen Illusionen hin. Für alles Echte in Menschen und Dingen hatte sie einen instinktiv sicheren Blick. Und Warwick war ein so aufrichtiger Charakter, daß sie ihn immer verstehen würde.

In der Nacht hatte sie die qualvolle Bitterkeit aufkeimender Eifersucht durchlebt, aber schließlich siegte ihre klare Urteilskraft über ihre Gefühle. Das Schwerste war überwunden: Warwick hatte sich von der anderen Frau getrennt. Die Zeit würde ihn über den Schmerz hinwegbringen, und sie selbst mußte ihm helfen als sein bester und zuverlässigster Kamerad.

»Wie geht es dir heute?« fragte sie freundlich. Besorgt sah sie ihn an und suchte in seinen Zügen zu lesen. Wie bleich und übernächtig er aussah!

Ihre verständnisvolle, hilfsbereite Art half ihm über die Verlegenheit hinweg.

»Ich habe eine sonderbare Nacht hinter mir«, erwiderte er äußerlich ruhig. Dann erzählte er ihr, wie sich Amarin und Me Kam verkleidet von Hause fortgeschlichen und bei ihm Zuflucht gesucht hätten, daß es ihm aber gelungen sei, sie zur Rückkehr in ihre Wohnung zu überreden.

Evelyn erschrak. Die Lage war also viel gefährlicher und schwieriger geworden als vorher.

»Muß Amarin wirklich fliehen?« fragte sie besorgt, da sie die Zusammenhänge noch nicht ganz übersehen konnte.

Während sie noch sprach, schrillte im Nebenzimmer das Telefon.

Gleich darauf erschien der Boy und brachte den Apparat ins Zimmer.

»Nai Maynard wünscht die Mem zu sprechen.«

Evelyn griff nach dem Hörer.

»Ja, Ronnie? Was gibt es? ... Ob Warwick hier ist? Ja, er ist gerade bei mir. Willst du ihn sprechen ... Ach so, du bist in der Firma, und dort hat man dir gesagt, daß er hier ist.« Sie hielt die Muschel zu. »Ich weiß nicht, was der Junge hat«, sagte sie verwundert zu Warwick. »Er scheint furchtbar aufgeregt zu sein.« Sie reichte ihm den Hörer.

»Tag, Ronnie, was willst du denn? ... Prinzessin Amarin ist gefangengesetzt worden?« Warwick glaubte, nicht richtig verstanden zu haben. »Komm herüber! ... Ja, sofort!«

»Ist Amarin mit der Prinzessin Amarin identisch, von der Ronnie mir gestern soviel erzählt hat?« fragte Evelyn betroffen.

»Ja«, entgegnete er niedergeschlagen. Es hatte nun keinen Zweck mehr, noch etwas zu verschweigen, und ohne etwas zurückzuhalten erzählte er ihr, was sich in der vorigen Nacht zugetragen hatte.

»Das kann allerdings zu einer furchtbaren Katastrophe führen«, sagte Evelyn bestürzt.

Während ihres früheren Aufenthaltes in Siam hatte sie mancherlei über die unmenschliche Strenge des königlichen Hausgesetzes gehört, es aber nicht ganz ernst genommen.

Wenige Sekunden später stürmte Ronnie die Verandatreppe herauf.

»Tag, Evelyn, Tag, Warwick!« rief er außer Atem. »Ich komme eben vom Palastministerium, und es ist gut, daß ich gerade heute morgen hinging. Ich wollte mir eine Eintrittserlaubnis für den großen Stadtpalast besorgen. Dort kenne ich schon viele Beamte, und alle sprechen darüber. Es muß eine ganz unheimliche Geschichte sein!«

»Was hast du denn gehört?« fragte Warwick nervös und ungeduldig.

»Näheres weiß ich auch nicht. Der Minister hat mitten in der Nacht verschiedene Beamte rufen lassen, und heute morgen um sechs Uhr sind dann mehrere Leute des Palastministeriums ins Palais Akani geschickt worden, um Prinzessin Amarin dort zu bewachen.«

»Wenn ich dich recht verstehe, ist sie in ihrem eigenen Palais gefangengesetzt worden?« fragte Warwick schnell. »Weißt du denn nicht, warum das geschehen ist?«

»Nein. Die wildesten Gerüchte gehen um. Jeder weiß etwas anderes. Die meisten glauben, daß eine Geheimkorrespondenz mit ihrem Vater aufgedeckt worden ist. Es soll sich um eine Verschwörung gegen den jetzigen König handeln, die von Frankreich ausgeht.«

»Das ist doch heller Wahnsinn! Hast du sonst nichts erfahren?«

»Pra Upatet hat mir im tiefsten Vertrauen erzählt, daß sie auch ein Verhältnis mit einem Europäer gehabt haben soll. Er sagte, daß es eine bekannte Persönlichkeit wäre, die in der Gesellschaft eine Rolle spielt. Die Polizei will das alles in der vorigen Nacht entdeckt haben. Aber das ist ganz ausgeschlossen! Für Prinzessin Amarin wette ich meinen Kopf!« erklärte Ronnie aufgeregt. »Pra Upatet sagt, dem Farang würde es sehr schlecht gehen. Nach altem Gesetz müßte er gevierteilt werden. Es läuft mir eine Gänsehaut den Rücken hinauf und hinunter, wenn ich nur daran denke. Aber zum Glück existiert dieser Farang ja nicht!«

Ronnie atmete erleichtert auf.

Der Boy brachte einige Gläser, eine Flasche Whisky und Sodawasser.

Ronnie schenkte sich eine kräftige Mischung ein, wartete nicht auf die anderen und trank sein Glas hastig in einem Zuge leer.

»Die Verhältnisse hier in Siam sind unerhört!« fuhr er dann hitzig fort. »In meinem Buch werde ich diese schandbaren Zustände ohne Rücksicht auf irgendeine Person an den Pranger stellen! Schonungslos will ich die unerhörte Grausamkeit und Unmenschlichkeit bloßstellen!«

Bei diesen Worten zog er eine Browningpistole heraus und legte sie auf den Tisch.

»Unser Gesandter muß einen gemeinsamen Schritt der gesamten Diplomaten veranlassen! Das ist schlimmste Barbarei! Murapong tut Dinge, die ins finsterste Mittelalter gehören. Ich werde zum König selbst gehen und ihm die Sache vorstellen!«

Ronnie ereiferte sich immer mehr, aber Evelyn trat zu ihm und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Du hast recht, Ronnie. Nur müssen wir die Sache etwas anders anfangen. Ich freue mich, daß du so ritterlich denkst und für die Frau eintrittst, die du verehrst. Selbstverständlich helfen Warwick und ich dir, soviel wir können.«

Ronnie nahm Evelyns Hand und drückte sie bewegt.

»Wir wollen in Ruhe überlegen«, fuhr sie fort, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. »Vor allem mußt du herausbringen, was wirklich geschehen ist, und wie es augenblicklich mit der Prinzessin steht. Es darf keine Zeit verloren werden. Gehe deshalb gleich und komme zurück, sobald du etwas mehr erfahren hast.«

Ronnie wurde plötzlich ernst und feierlich.

»Jetzt wird mir alles klar – es steht in meinem Horoskop! Der Sterndeuter prophezeite doch, daß ich eine Prinzessin retten werde.«

Einige Sekunden schwiegen alle.

»Amarin ist in der größten Gefahr«, fuhr Ronnie dann langsam fort. »Pra Upatet sagte, daß sie mindestens lebenslänglich in den Kerker geworfen wird, wenn sie nicht noch schwerere Strafen treffen.«

Warwick wußte das selbst nur zu gut. Er sagte nichts, preßte aber die Lippen zusammen.

Ronnie, der zu Boden geschaut hatte, blickte plötzlich auf, denn es war ihm ein Gedanke gekommen.

»Ich kenne ihre Dienerin Me Kam – sie wird sicher alles wissen. Ich fahre jetzt sofort zum Palais Akani und versuche, mit ihr in Verbindung zu kommen.«

Ohne Abschied stürmte er die Treppe hinunter. In seiner Eile stolperte er und wäre beinahe die vielen Stufen hinuntergestürzt; er konnte sich im letzten Augenblick noch am Geländer festhalten, hatte sich aber am Fuß gestoßen und hinkte zu seinem Motorrad.

»Es war so am besten«, meinte Evelyn, die trotz aller Gefahr über Ronnie lächeln mußte. »Er darf die eigentlichen Zusammenhänge niemals erfahren. Aber wir haben einen treuen, hilfsbereiten Bundesgenossen an ihm.«

»Zuerst war ich sehr erstaunt, als du ihn hinters Licht führtest. Aber ich glaube, du hast recht. Ich kenne ihn, und ich weiß, daß man sich in Gefahr unbedingt auf ihn verlassen kann.«

»Stimmt das, was er über die Bestrafung der Prinzessin gehört hat?«

»Die Hausgesetze kenne ich«, sagte Warwick düster. »Siam ist zwar ein modernes Land, aber man weiß ja, was im Palastministerium hinter den Kulissen vorgeht. Früher haben Prinzessinnen deshalb auf die eine oder andere grausame Weise ihr Leben verloren.«

»Das kann ich nicht glauben«, entgegnete Evelyn schaudernd. »Früher sind die Strafen in allen despotisch regierten Ländern unmenschlich gewesen, aber Siam hat doch eine moderne Staatsform und moderne Gerichte. Die alten Gesetze sind heute nicht mehr in Geltung ...«

Warwick zuckte die Schultern.

»Auf jeden Fall müssen wir aber Amarin helfen.«

Der Boy erschien in der Tür.

»Eine Frau will den Nai sprechen«, meldete er.

»Wer ist es denn?« fragte Evelyn.

Warwick war bereits aufgesprungen. Er ging nach draußen und brachte Me Kam herein. Sie war niedergeschlagen und traurig, und Evelyn sah, daß sie geweint hatte. In dem schwarzen Panung wirkte ihre Erscheinung noch düsterer und bedrückender.

»Das ist die Amme der Prinzessin, die Ronnie eben aufsuchen wollte«, erklärte Warwick und rückte der Siamesin einen Stuhl hin.

Sie setzte sich aber zu seinen Füßen auf die Erde nieder.

»Kann ich den Nai nicht allein sprechen?« fragte sie verschüchtert.

»Du kannst in Gegenwart der Mem Farang ruhig sagen, was du auf dem Herzen hast. Wir sind alle Freunde der Prinzessin Amarin und wollen ihr helfen, soviel wir können. Erzähle uns schnell, was geschehen ist.«

Me Kam schaute verwundert auf und zögerte noch. Sie hatte bestimmt angenommen, daß diese Frau ihre Herrin haßte. Als Evelyn ihr aber ermunternd zunickte, schwand ihre Scheu allmählich, und sie berichtete den beiden, was vorgefallen war.

»Heute morgen, am Ende der vierten Nachtwache (sechs Uhr), kam der Palastminister mit sechs Beamten zum Palais. Kun Anchit empfing ihn in der Halle. Murapong wollte sofort Prinzessin Chanda sprechen.

Ich war schon wach und hörte, daß unten laut geredet wurde. Rasch eilte ich eine Nebentreppe hinunter, schlich mich durch den langen Hauptgang in die Nähe der Eingangshalle und versteckte mich hinter einem schweren grünen Plüschvorhang.

Inzwischen erschien Prinzessin Chanda und wollte wissen, warum Murapong schon so früh und unangemeldet ins Palais käme.

Dann gab es eine lange, scharfe Auseinandersetzung, und der Palastminister beschuldigte Prinzessin Amarin in der gröbsten Weise.

Ihre Tante war empört über seine Behauptungen und forderte ihn auf, sofort das Palais zu verlassen.

Als er ihr aber darauf noch mitteilte, was der Chauffeur Krabu ausgesagt hätte, und als er ihr erklärte, daß dessen Aussagen durch die Ermittlungen der Polizei bestätigt worden seien, ging Prinzessin Chanda ins Zimmer meiner Herrin, die noch schlief.

Ich konnte nicht aus meinem Versteck heraus, um Prinzessin Amarin zu warnen, und nach kurzer Zeit kam die Tante niedergeschlagen und traurig zurück, denn meine Herrin hatte in ihrer ersten Bestürzung alles zugegeben.«

Me Kam schluchzte heftig, und es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefaßt hatte.

Murapong triumphierte und wollte Amarin sofort verhaften und ins Frauengefängnis des großen Palastes einliefern, aber Prinzessin Chanda weigerte sich energisch. Sie gestattete nur, daß Prinzessin Amarin in ihrem Zimmer eingeschlossen und bewacht werden sollte. Das tat sie aber nur, damit der Palastminister sofort das Haus verließe.

Nachdem er gegangen war, telefonierte Sie in ihrer Verzweiflung direkt mit dem Dusitpalast, und trotz der frühen Stunde gelang es ihr, den König persönlich zu sprechen. Was sie sagte, konnte ich aber nicht mehr hören, denn ich mußte mein Versteck verlassen. Es war gerade niemand in der Halle – ich eilte fort und kam hierher.«

»Warum bist du nicht bei der Prinzessin geblieben?« fragte Warwick freundlich. »Sie hat doch jetzt deinen Trost und deine Hilfe dringend nötig.«

»Ich konnte nicht bleiben, Nai. Prinz Murapong hat von Prinzessin Chanda meine Auslieferung verlangt – er wollte mich auf der Folter verhören! Er sagte, es würde noch viel mehr herauskommen, wenn er persönlich die Untersuchung führte.«

»Das darf er nicht tun. Die Folter ist in Siam längst abgeschafft«, versuchte Evelyn sie zu beruhigen.

»Ja, bei dem öffentlichen Gericht stimmt das«, entgegnete Me Kam angsterfüllt. »Aber der Prinz kümmert sich überhaupt nicht um Gesetz und Gericht. Er tut in seinem Palastministerium, was er will. Als die Prinzessin nicht zugeben wollte, daß Murapong das Gebäude nach mir durchsuchte, gab er seinen Leuten Befehl, es doch zu tun. Aber Kun Anchit hatte inzwischen die acht Diener aus dem Nebenhaus herbeigerufen und mit den alten Schwertern aus der Waffensammlung bewaffnet. Von Murapongs Leuten hatte keiner eine Waffe bei sich, und so konnte er nichts unternehmen. In der allgemeinen Verwirrung schlüpfte ich in den hinteren Garten und schlich mich von einem Strauch zum anderen, bis ich eine der hinteren Türen zum Kanal erreichte. In einer Rikscha bin ich dann hierher gefahren.«

Warwick machte sich schwere Vorwürfe, denn er selbst war an dieser Entwicklung schuld. Er hatte Amarin bewogen, nach Hause zurückzukehren.

»Me Kam bleibt am besten hier«, sagte Evelyn zu ihm. »Hier ist sie vorläufig sicher.«

»Ich möchte gern zu meiner Schwester aufs Land gehen. Sie tut alles für mich, und dort kann man mich nicht so leicht finden wie hier.«

Die Amme kam näher und kniete vor Warwick nieder. Dann legte sie den Kopf auf seine Füße und streichelte seine Waden.

»Nai, rette die Prinzessin aus der Gewalt des Palastministers!« bat sie mit tränenerstickter Stimme. »Murapong läßt sie sonst heimlich umbringen – vielleicht bringt er ihr schleichendes Gift bei. Dann wird sie elend und schwach, und die siamesischen Ärzte haben Angst vor dem Prinzen. Sie werden sagen, sie hätte eine bestimmte Krankheit, an der sie sterben müsse. Und die europäischen Ärzte lassen sich immer täuschen, sie finden niemals etwas.«

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