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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 26
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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24

Am Donnerstagabend saßen Evelyn und Warwick auf der Veranda des Breyfordschen Hauses und rauchten um die Wette Zigaretten, denn die Moskitoplage war groß, obwohl mehrere elektrische Fächer an der Decke und an den Wänden surrten.

Kurz vorher waren beide vom Tee der Königin zurückgekehrt, wo man sie überschwenglich gefeiert hatte.

Es war das erstemal, daß sie längere Zeit allein miteinander sprechen konnten.

Das Fest in der englischen Gesandtschaft hatte sich bis in die späte Nacht hingezogen, und in den frühen Morgenstunden war ein Dampfer von Singapur mit Europapost angekommen.

Während Warwick die Beantwortung der wichtigsten Briefe vornahm und außerdem die versäumte Arbeit der beiden letzten Tage nachholte, fuhr Evelyn zum Flugplatz hinaus, wo sie den »Meteor« nach der anstrengenden Reise einer gründlichen Prüfung unterzog.

Mr. Armstrong, ihr Mechaniker, der sie auf dem Flug von England nach Bangkok begleitet hatte, war schon seit dem frühen Morgen eifrig damit beschäftigt, den Motor wieder zusammenzusetzen. Am vergangenen Tag hatte er ihn trotz der vielen Störungen teilweise auseinandergenommen und nachgesehen.

Er war sehr stolz auf den »Meteor« und hatte nur die notwendigsten Begrüßungsfeierlichkeiten mitgemacht. Sobald wie möglich war er wieder zum Flugplatz hinausgefahren. Er wollte sich sofort um die Maschine kümmern, denn für ihn war es oberster Grundsatz, sie immer startbereit zu halten.

Evelyn begrüßte ihn und sah selbst alle Verstrebungen im Innern nach. Das war in der großen Hitze keine leichte Arbeit. Dann erholte sie sich einige Zeit in der kühlen Brise vor dem Erfrischungsraum der Flugstation und nahm einen geeisten Trank.

Sie saß an einem leichten Tisch, den man ihr auf die Veranda gestellt hatte, und machte nachträglich noch einige Eintragungen in ihr Bord- und Tagebuch. Auch die Ereignisse des vergangenen Tages hielt sie mit wenigen kurzen Sätzen fest.

Als Mr. Armstrong gegen zwölf Uhr meldete, daß der »Meteor« wieder startbereit sei, machte sie einen kleinen Probeaufstieg mit ihm.

Es war erstaunlich, daß sich die Maschine so gut gehalten hatte. Mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, die Mr. Armstrong schnell wieder in Ordnung bringen konnte, hatte sich das große, dreisitzige Flugzeug während der Reise bewährt.

Evelyn konnte sich nur schwer von ihrer geliebten Maschine trennen, aber der Mechaniker bestand darauf, daß sie die weiteren Arbeiten ihm überlassen und im Auto zur Stadt zurückkehren solle.

Durch die ausführlichen Artikel der Reporter war bekanntgeworden, daß sie auch anderen Sport trieb, zum Beispiel schwimmen, Rudern und Tennis. Daraufhin hatte sie vom siamesischen Damensportklub eine Einladung zu einem Schaufechten für den nächsten Vormittag erhalten und auch angenommen.

Sie lernte viele Europäer und auch Siamesen kennen, und ihre heitere, sonnige Lebensanschauung machte es ihr möglich, sich mit Humor in alle Situationen zu finden. Ihr natürliches, unvoreingenommenes Wesen eroberte ihr auch in ihr vollständig fremden Kreisen alle Sympathien.

Als sie nun am Abend mit Warwick zusammensaß, unterhielten sie sich nicht über wichtige Dinge, sondern über tausend belanglose Kleinigkeiten, aber jeder fühlte sich glücklich in der Gesellschaft des anderen.

Evelyns harmonische Ausgeglichenheit übte wieder den alten Zauber auf ihn aus. Lebensfreude und Lebensbejahung klangen aus ihrem hellen, frohen Lachen. Wie hatte er auch nur einen Augenblick daran denken können, diese Frau aufzugeben!

Der Entschluß, heute für immer von Amarin Abschied zu nehmen, gab ihm seine äußerlich sichere Haltung zurück. Die leisen Zweifel, die sich manchmal in seinem Inneren regten, unterdrückte er.

Aber Evelyn hatte trotzdem in manchen Sekunden das ungewisse Gefühl, daß er ihr in irgendeiner Weise fremd geworden sei, wenn sie auch nicht klar hätte sagen können, was sich in ihm geändert hatte.

Als Breyford ins Eßzimmer trat, sah er die beiden von weitem durch die große Schiebetür und freute sich, daß sie sich so lebhaft unterhielten. Er wollte sie nicht stören, denn er konnte ihnen nachfühlen, wie ungelegen ihnen der ganze Festtrubel von gestern und die vielen Störungen von heute kamen. Sie sollten endlich einmal Zeit füreinander haben.

Er verschwand wieder, ohne daß sie ihn gesehen hatten, winkte den Boy beiseite und ordnete an, daß das Abendessen, das ursprünglich auf sieben Uhr angesetzt war, eine Viertelstunde später aufgetragen werden solle.

Daß sich der Reklamefeldzug für Evelyn derartig auswirken würde, hatte er nicht geahnt. Jede Post brachte Berge von Telegrammen, Huldigungen, Gedichten und Einladungen. Boten kamen und lieferten Blumen und Kränze ab. Der Aero-Klub stiftete einen goldenen Pokal, die Königin einen prächtigen Tafelaufsatz, und die Prinzessinnen schenkten Evelyn ein kostbares Teeservice. Auch aus England und anderen Ländern liefen bereits die ersten Glückwunschdepeschen ein.

Alle Schreiben mußten gelesen, sortiert und beantwortet werden. Zur Erledigung dieser ungeheuren Arbeit war Breyford gezwungen, ein eigenes Sekretariat einzurichten, und wenn nicht Sir John Brakenhurst, der dies alles vorausgesehen hatte, seinem Freunde einige Hilfskräfte aus der Gesandtschaft zur Verfügung gestellt hätte, wäre Breyford mit der Arbeit nicht fertig geworden.

Im Brennpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen widersprach Evelyns zurückhaltendem Wesen, und wenn sie auch alle Huldigungen über sich ergehen ließ, so erklärte sie ihrem Onkel doch sofort lachend, daß er nun auch selbst zusehen müsse, wie er den leichtsinnig heraufbeschworenen Sturm wieder beruhigte. Sie kannte seine Vorliebe für Bequemlichkeit und wußte, wie zufrieden er war, daß sein jüngerer Teilhaber die Geschäfte sonst nahezu allein führte. Aber sie wollte nicht dulden, daß Warwick nun auch noch mit dieser Mehrarbeit belastet würde. Einmal sollte er auch für sie Zeit haben.

Warwick vergingen die Stunden wie im Fluge, und es kam ihm überraschend, als der Boy meldete, daß der Tisch gedeckt sei.

Hastig sah er auf die Uhr, und seine Züge verdüsterten sich plötzlich, als er bemerkte, wie spät es schon war. Er dachte wieder an die Verabredung mit Amarin, und er überlegte, daß er heute seinen Wagen benützen müsse, da das Motorboot Breyford gegenüber zu auffällig sein würde. Auch hätte es zuviel Zeit gekostet, den Umweg durch die Kanäle zu machen. Mit dem Auto kam er schneller ans Ziel.

Evelyn fühlte sofort, daß ihn etwas bedrückte.

»Warum machst du denn ein so sorgenvolles Gesicht?« fragte sie teilnehmend.

»Ach, mir ist im Augenblick nur eingefallen, daß ich um acht noch etwas erledigen muß«, erwiderte er schnell und ausweichend.

»Denke daran, daß wir versprochen haben, in den United Club zu kommen. Dieser Einladung können wir nicht entgehen. Die Leute wollen mich nun leider einmal feiern. Im Grunde benützen sie die Gelegenheit ja nur dazu, sich zu amüsieren, aber ich darf eben nicht dabei fehlen.«

»Du hast recht. Meine Sache ist bald erledigt. Ich komme bestimmt zum Tanz.«

Mr. Breyford hatte ein besonders festliches Menü zusammengestellt, und das Essen dauerte deshalb länger als gewöhnlich.

Warwick fluchte heimlich.

Breyford und Evelyn fiel es auf, daß er während der Mahlzeit zerstreut war und daß sich seine Gedanken offenbar mit anderen Dingen beschäftigten.

*

Amarin hatte in aller Eile den Tempel Sutat aufgesucht und ließ Me Kam dort geweihte Kerzen besorgen. Zehn Minuten nach acht kam sie bei der Villa in der Sapatumstraße an und bemerkte bestürzt, daß Warwick nicht zugegen war. Bis jetzt hatte er sie noch nie warten lassen. Aber würde er heute überhaupt kommen?

Sie hatte alle Zeitungsartikel gelesen, die von Evelyns Flug handelten.

Bei den ersten Zusammenkünften mit Warwick war sie so sehr von ihrem Glück erfüllt gewesen, daß sie sich nur der beseligenden Gegenwart hingab. Es erschien ihr als ein kaum faßbares Wunder, daß sie einen Menschen gefunden hatte, dem sie rückhaltlos vertrauen konnte, dem sie ihre geheimsten Gedanken sagen durfte, und der sie trotz verschiedener Rasse, Kultur, Religion und Gesellschaftsschicht verstand.

Vor sechs Wochen hatte sie ihn zum erstenmal in der Villa getroffen.

Am Dienstagvormittag wollte sie anfangs zu Hause bleiben, aber schließlich gab sie dem Drängen der Prinzessin Chanda nach und fuhr mit ihr zum Flughafen hinaus. Sie hatte Evelyn aus der Entfernung beobachtet und deren beispiellosen Triumph miterlebt. Später hatte sie in den Zeitungen verschiedene große Abbildungen gesehen.

Im Überschwang ihres Glücks hatte sie bisher kaum an Evelyn Breyford gedacht, die für sie nur ein farbloser Schatten war.

Jetzt aber, in den bangen Minuten des Wartens, stand das Bild dieser Frau scharf umrissen und fast drohend vor ihr. Noch glaubte sie den fesselnden Blick der klaren, zwingenden Augen zu fühlen, der sie bis ins Innerste zu durchdringen schien, und sie kam sich dieser starken Persönlichkeit gegenüber wie ein Kind vor, obwohl auch Evelyn erst vierundzwanzig Jahre zählte. Und wenn das Bild schon solche Wirkung ausübte, welchen Eindruck mußte erst Evelyn hervorrufen, wenn sie einem selbst gegenübertrat!

Staunend hatte Amarin von der tiefen Liebe der fremden weißen Frau gelesen. Auch sie wäre dem Geliebten auf dem schnellsten Wege entgegengeeilt!

Ein wehes Lächeln umspielte ihre Lippen, und stechender Schmerz durchzuckte sie. Unwillig und beschämt erkannte sie, daß brennende Eifersucht sie quälte, und sie versuchte dieses verhaßte Gefühl zu überwinden.

Ohne sich vollständig klar darüber zu sein, hatte sie im stillen gehofft, Warwick so stark an sich zu fesseln, daß sie ihn nie wieder verlieren könnte. Aber jetzt rang sie sich doch zu der schmerzlichen Erkenntnis durch, daß Evelyn größere Bedeutung als sie selbst für ihn hatte und seiner würdiger war.

Minuten verrannen, während sie oben auf der Veranda saß und ihren traurigen Gedanken nachhing.

Plötzlich war es ihr, als ob sich unten im Garten etwas bewegte. Sie stand auf und eilte zu Me Kam hinunter, der sie leise ihre Wahrnehmung mitteilte.

Die Amme hielt es aber für nervöse Ungeduld und ging nicht weiter darauf ein.

»Der Nai muß jeden Augenblick kommen«, tröstete sie die Prinzessin, denn sie fühlte Amarins Unruhe und Verzweiflung.

Sie selbst war bedrückt und niedergeschlagen. Auch sie hatte Amarin auf den Flugplatz begleitet und später die Bilder in den Zeitungen gesehen. Die weiße Mem Farang mußte einen noch kräftigeren, wirkungsvolleren Liebeszauber haben als sie selbst. Wohl hatte sie unter Zauberformeln das Bild der Fremden verbrannt, aber als sie sich dann das Horoskop von einem Sterndeuter stellen ließ, war es ungünstig für sie und die Prinzessin. Sie hatte nur geringe Hoffnung, daß Warwick an diesem Abend Zeit zu einem Besuch finden würde.

Als gleich darauf ein Wagen vor dem Parktor hielt, erschrak Amarin heftig. Sollte ihr Versteck entdeckt worden sein? Aber bald verwandelte sich ihre Angst in Freude, denn sie hörte den tiefen, gedämpften Ton von Warwichs Hupe, den sie aus Tausenden herausgekannt hätte.

Amarin eilte mit Me Kam zum Tor, öffnete es und trat dann schnell zur Seite in den Schatten.

Aber diese Vorsichtsmaßregeln waren unnötig, denn Warwich fuhr mit abgeblendeten Lichtern langsam bis zum Haus.

Amarin sprang auf das Trittbrett und legte ihren Arm um seine Schulter. Ihre düstere Stimmung wich einer heimlichen Freude, daß er trotz seiner zwingenden Verpflichtungen doch zu ihr gekommen war.

Ohne zu sprechen, ging sie schnell ins Innere, während Me Kam auf der unteren Veranda wartete. Leidenschaftlich warf sie sich in Warwichs Arme, fühlte aber sofort, daß er zurückhaltender war als sonst.

Besiegt von ihrem Vertrauen und ihrer vollkommenen Hingabe zog er sie liebevoll an sich. Für immer von ihr Abschied zu nehmen erschien ihm jetzt viel schwerer, als er in Evelyns Nähe gedacht hatte. Müde Traurigkeit überkam ihn, und ein lastender Druck legte sich auf seine Brust.

Langsam führte er sie die Treppe hinauf.

Enger schmiegten sie sich aneinander, heißer und feuriger küßten sie sich. Je länger ihre beglückende Gegenwart auf ihn wirkte, desto unmöglicher wurde es ihm, sich von ihr zu trennen. Gab es denn keinen Ausweg?

Ihre Sinne waren so geschärft, daß sie wußte, was in ihm vorging.

»Warwick, hast du Evelyn wirklich lieb?« fragte sie mit zitternder Stimme.

Hundertmal hatte er sich überlegt, wie er ihr alles erklären wollte, aber nun war alles verweht wie Spreu vor dem Wind. Ja, er liebte Evelyn, und er sagte es Amarin schlicht und offen. Nachdem einmal die ersten Worte darüber zwischen ihnen gefallen waren, gelang es ihm auch, von dem tragischen Konflikt zu sprechen, in den er geraten war.

Er verschwieg ihr nichts, und sie verstand ihn.

»Ich weiß, daß du seit unendlicher Zeit zu mir gehörst. Ich weiß aber auch, daß wir nicht immer glücklich waren, und daß wir schon im vergangenen Leben viel Leid um unserer Liebe willen erduldeten.«

Ihre Gedanken über den Kreislauf der Wiedergeburten hatte sie ihm früher in dichterisch so schönen Worten vorgetragen, daß sie ihm wie zarte Wunderblumen erschienen, an die man nicht mit rauher Hand rühren durfte. Er hatte ihr nie direkt widersprochen, nur leise seine eigene Überzeugung angedeutet, weil er den buddhistischen Glauben, in dem sie verankert war, nicht zerstören wollte. Auch jetzt kostete es ihn große Überwindung, klar darüber zu sprechen und seine abweichende Ansicht vorsichtig zu äußern.

»Ich verstehe deine Auffassung von der Lehre der Seelenwanderung und fühle nach, was du empfindest, selbst wenn ich deinen Standpunkt nicht vollkommen teilen kann.«

Amarin, die vorher aufgeregt war wie ein verängsteter Vogel, wurde stiller. Ruhe und Klarheit kamen über sie, und sie erkannte die harten Tatsachen mit erschreckender Deutlichkeit.

»Zuerst glaubte ich, daß deine Verlobung mit Evelyn ein Irrtum sein müsse. Sie war fern und ihre Reise hierher unbestimmt. Wie konnte ich ahnen, daß sie so schnell zu dir kommen würde! Auch wußte ich nicht, wer sie war. Durch gute Werke und meine starke Liebe hoffte ich deine Zuneigung zu ihr zu überwinden. Aber die Zeit war zu kurz, und nun sehe ich auch, daß es unmöglich ist.«

Sie fühlte, daß sie Warwick hier nicht wiedersehen würde, und sie wollte das letzte Glück auskosten. Dann mochte die große Einsamkeit kommen.

»Von Liebem getrennt sein, bringt Leiden«, hatte der Erhabene in der Predigt im Gazellenhain gesagt.

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