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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 23
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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21

Mitten in der inneren Altstadt, in dem lautesten Teil des Geschäftsviertels von Bangkok stand früher ein sonderbarer Bau, Pratu Sam Jot oder das Tor der drei Turmspitzen. Die gewaltige graue Portalanlage mit den drei hohen Aufbauten hatte eine malerische Umrißlinie: Sie war ein bemerkenswertes Beispiel des älteren Mischstils zwischen Siamesischen und europäischen Bauformen.

Als jeden Abend bei Beginn der Dunkelheit die rotgestrichenen Türflügel der drei Tore geschlossen wurden, erfüllten sie ihren Zweck. Aber nun hatte das Gebäude längst der modernen Zeit weichen müssen.

Reger Verkehr herrschte an dieser Straßenkreuzung. Umsichtig lenkte der siamesische Verkehrspolizist in seiner schmucken Khakiuniform und dem schwarzen Tschako die verschiedenen Personenautos, Lastwagen und von Pferden gezogenen Fuhrwerke, die sich über die nahe Brücke herandrängten. Zahllose Rikschas suchten sich mühevoll ihren Weg zwischen den größeren Fahrzeugen und nahmen trotzdem die Konkurrenz mit der hupenden Straßenbahn auf, sowohl im Preis als auch in der Schnelligkeit.

Starke, dunkelbraune Chinesenkulis bewegten sich im Laufschritt hintereinander durch das Gewühl und schleppten an Bambusstangen unter viel Geschrei laut quiekende Schweine in weitmaschigen Tragkörben. Sie waren nur mit einem spärlichen blauen Lendentuch bekleidet und trugen die charakteristischen kreisrunden, leichten Hüte, die aus Palmblättern geflochten sind und in eine Spitze auslaufen. Die Sonnenstrahlen brannten auf ihre schweißbedeckten Rücken und Arme.

Nur selten zeigte sich noch ein altertümlicher Ochsenwagen mit übermannshohen Rädern, der eine Ladung von Blättern der Attap-Palme oder sonstige ländliche Erzeugnisse zur Stadt brachte und durch sein langsames Tempo den lebhaften Verkehr empfindlich störte.

Wenn auch das alte Tor nicht mehr stand, so führte doch der Platz noch immer den Namen Pratu Sam Jot, und viele alte Leute konnten sich noch gut auf den Bau mit seinen vielen sonderbaren Profilen besinnen.

Hier, unmittelbar in der Nähe des brandenden Verkehrs der Großstadt, lag das altmodische Palais des Prinzen Murapong. Aus Höflichkeit gaben ihm die Leute diese Bezeichnung, denn es bestand eigentlich nur aus einem großen, kastenartigen Haus ohne jeden architektonischen Reiz und aus vielen kleinen Nebengebäuden, deren glattgeputzte weiße Wände mit den gleichmäßigen Fensterreihen ebenfalls keinen Anspruch auf Schönheit erheben konnten.

Der prächtige, streng abgeschlossene Park des Palastministers aber, der sich am Kanal hinzog, war wegen seiner wunderbaren chinesischen Gartenarchitektur berühmt. So kahl und trostlos der äußere Anblick der Gebäude auch sein mochte – um so anheimelnder und eindrucksvoller war die erlesene Schönheit des kühlen, schattigen Gartens.

Die schmucklosen Mauern des Haupthauses und der Nebengebäude waren durch geschickte Anordnung von Bäumen und Sträuchern dem Blick entzogen.

Keiner der sorgsam gepflegten Wege führte direkt auf ein Tor oder eine Tür des Hauses zu. Regelmäßig waren diese Zugänge durch eine grüne Wand von seltenen, blühenden Sträuchern verdeckt.

Nach chinesischem Glauben soll man es auf diese Weise den furchtbaren Dämonen, die in der Luft umherschwirren und die Menschen quälen, möglichst schwer oder gar unmöglich machen, ins Haus einzudringen und Schaden zu tun, denn die bösen Geister können nicht um eine Ecke gehen, fliegen oder schweben. Dieser chinesische Aberglaube hatte mit den chinesischen Gartenkünstlern seinen Einzug in das Palais des Prinzen Murapong gehalten. Aus diesem Grunde waren auch durchgehende gerade Achsen ängstlich vermieden.

Die an sich nicht übermäßig große Fläche des Grundstücks war so meisterhaft in Miniaturlandschaften aufgeteilt, daß man in einem großen Park zu wandeln glaubte, und die Führung der schmalen, gewundenen Wege war so geschickt, daß man bei jeder Biegung durch ein neues, anziehendes Bild überrascht wurde.

Ein künstlicher Teich mit gekrümmter Uferlinie zog sich durch den Garten. Er bildete viele kleine, anmutige Buchten und Inseln und gab so Gelegenheit zu mannigfachen Brückenbauten, die sich meist in hohen, halbkreisförmigen Bogen über einen Wasserarm spannten, und deren Spiegelbild die kreisrunde Öffnung schloß.

Überall stieß man auf kleine Gebäude aus grüngrauem Granit. So kunstvoll waren die Platten und Bauteile aus diesem harten Gestein herausgearbeitet, daß man glauben konnte, sie wären aus Holz geschnitzt.

Zwergpagoden mit vielen übereinandergetürmten, geschwungenen Dächern aus Fayencekacheln oder Porzellan Standen am Fuß alter Baumriesen und ließen die mächtigen Stämme durch den gewollten Gegensatz um so größer und majestätischer erscheinen.

Farbige Blumenstauden belebten die kurzgeschorenen Rasenflächen. Die einzelnen Sträucher und Pflanzengruppen waren geschickt nach Farbe und Größe angeordnet, und durch die meisterhafte Verwendung von Zwergbäumen vertiefte sich die perspektivische Wirkung und ließ alle Entfernungen größer erscheinen.

Aber all diese kleinen Bauten und Anlagen paßten sich der Größe des Menschen an, so daß man in den einzelnen Hallen sitzen oder liegen konnte. Immer hatte der chinesische Künstler Wert darauf gelegt, daß man von diesen Punkten aus auf schöne Gartenbilder schaute.

Jede Einzelheit war bis ins letzte durchdacht. Schlinggewächse und Orchideen mit märchenhaft farbigen Blüten wuchsen an der altersgrauen, zerklüfteten Rinde der Baumstämme. Feine Farne und seltene Bopflanzen mit vielfarbigen, buntgezeichneten Blättern unterbrachen den weichen Moosteppich.

Große Tropenfalter taumelten, trunken von Blütenduft, im Halbschatten oder spielten in wildem, hastigem Flug im Sonnenschein miteinander. Trotzdem vielfache Kulissen von Bäumen und Sträuchern den Blick jeweils in eine bestimmte Richtung lenkten, konnte doch die regelmäßige Brise von Süden unter den breitausladenden Ästen hindurchwehen und angenehme Kühlung bringen.

Eine Reihe uralter, verwitterter Bobäume hütete nach dem Kanal zu die Einsamkeit und Verschwiegenheit dieses Platzes. Wie Polypenarme rankten sich ihre zerklüfteten Wurzeln um die altersmüde, an manchen Stellen zerfallene Umfassungsmauer und umkrallten von der Seite die steinernen Stufen der breiten Treppe, die zum Kanal hinunterführte und an der die Boote der Besucher und Händler anhielten.

Vor einem der mächtigen Stämme stand die schlichte, kleine Kapelle des Pratipum. Die Siamesen verehren unter diesem Namen eine Gottheit, den Herrn des Grund und Bodens, auf dem ihr Haus steht, mit Einschluß aller Gärten und Felder. Opfergaben von Reis, Blumen und Früchten waren in kleinen, sauberen Porzellanschalen davor aufgestellt, und auch einige Weihrauchstäbchen steckten in den Spalten des hölzernen Unterbaues.

Die Turmuhr von der nahen katholischen Missionskirche schlug schon zehn Uhr vormittags, aber der Prinz war noch nicht erschienen.

Am Eingang der geräumigen, offenen Pfeilerhalle am Kanaltor, die außerhalb des eigentlichen Ziergartens lag, warteten, wie jeden Morgen, geduldig Pächter, Klienten und Leute, die irgendein Anliegen an den Prinzen hatten oder eine Gunst von ihm erbitten wollten.

Murapong belaß zwar lange nicht mehr seine frühere Macht, aber immerhin galt sein Einfluß noch viel. Deshalb saßen die Leute seit den frühen Morgenstunden mit untergeschlagenen Beinen geduldig auf dem Steinboden und warteten.

Der Prinz war noch ein Siamese von alter Art und liebte es, als Schutz- und Lehnsherr aller seiner Angehörigen und Dienstleute aufzutreten. Aus diesem Grunde brachten sie ihm, um ihn gnädig zu Stimmen und ihn ihren Bitten geneigt zu machen, nach altem Brauch Tributgeschenke. Murapong aber betrachtete es nun auch als Ehrensache, die Interessen seiner Leute zu vertreten und ihnen Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Daß geschickte Kaufleute sich diesen Umstand zunutze machten und ihm durch schöne junge Siamesinnen kostbare Gaben überreichen ließen, erschien ihm als selbstverständlich und vollkommen in der Ordnung. Man munkelte, daß die Lieblingsfrau des reichen Parsenkaufmanns Simha Gopinata dem Prinzen eine große goldene Schale mit Mandarinen gebracht habe, in der unter jeder Frucht eine Hunderttikalnote versteckt gewesen sei. Gopinata hatte dann auch nach einiger Zeit die gewünschte Teakholzkonzession erhalten, trotzdem der Minister des Innern und andere einflußreiche Leute dagegen gewesen waren.

Die junge Generation nannte das Bestechung, aber Murapong war anderer Ansicht.

Am vergangenen Abend hatten ihn seine Frauen bis zu später Stunde mit Gesang, Tanz und Theaterspiel unterhalten. Trotzdem plagte ihn schlechte Laune, denn eine seiner Favoritinnen war verschwunden.

Ein alter Diener kam vom Hause zur Halle und erzählte im Flüsterton den wartenden Leuten davon.

Einige Bittsteller packten daraufhin ihre Geschenke sorgsam wieder ein und ruderten mit ihren Booten davon, um an einem anderen Tag wiederzukommen, an dem die Konstellation günstiger sein würde.

Der Pächter Nai Kim wäre gern mit ihnen davongefahren, aber er mußte bleiben, denn unglücklicherweise war er der Vater der entlaufenen Lieblingsfrau. Freiwillig war er nicht gekommen, sondern der Prinz hatte in seinem ersten Zorn seine Boten ausgesandt und ihn rufen lassen, nachdem die Flucht der Tochter entdeckt worden war.

Endlich erschien Murapong.

Mehrere Diener gingen ehrfürchtig hinter ihm her. Sie trugen ein schönes Tablett mit allen Zutaten und Gerätschaften zum Betelkauen, einen goldenen Spucknapf, einen reichgeschnitzten, niederen Thronsitz, eine Matte und mehrere Kissen. Das goldene, mit reicher Emailarbeit verzierte Betelnecessaire hatte ihm noch der alte König Pra Paramin als Zeichen seines hohen Ranges geschenkt.

Der Prinz war gewöhnt, laut zu sprechen, und seine scharfe, befehlende Stimme schallte schon von weitem durch den Park. Der Mund, der vom vielen Betelkauen etwas zu groß geworden war, entstellte seine regelmäßigen, ansprechenden Züge.

Wie gewöhnlich, war er siamesisch gekleidet. Europäische Tracht haßte er und legte sie nur an, wenn er bei offiziellen Gelegenheiten in Uniform erscheinen mußte.

Als er in die Halle trat, musterte er die wenigen Klienten, die noch geblieben waren und sich mit gefaltet erhobenen Händen vor ihm verneigten.

»Dahinten sitzt ja der niederträchtige Nai Kim«, sagte er böse und mit Strenger Stimme, nachdem er umständlich auf dem erhöhten Thronsitz Platz genommen hatte.

Siamesen gegenüber betonte er stets die Vorrechte seiner hohen Stellung.

»Erst kommt dieser nichtsnutzige Sohn eines lahmen Hundes in meinen Palast gekrochen und schenkt mir seine Tochter. Und seine Frau erzählt mir so lange, daß meine Ohren von den vielen Lügen müde werden, welch ein Juwel von Tugend und Schönheit dieses Mädchen sei. Und kaum ist sie ein halbes Jahr bei mir, da läuft sie weg und nimmt allen Schmuck mit, den ich ihr geschenkt habe!«

Nai Kim schaute niedergeschlagen zu Boden. Die Pacht für seine ausgedehnten Reisfelder war bedeutend herabgesetzt worden, nachdem seine Tochter zuerst eine der Tänzerinnen und später die kleine Frau Murapongs geworden war. Er wußte, daß er diese Vergünstigung jetzt verlieren würde.

»Nun, wo hat sich denn dieser falsche Hund versteckt?« fuhr der Prinz polternd fort. »Natürlich ist sie in euren Hof geflohen, damit ihr sie wieder verheiraten könnt. Du hast sie behalten und versteckt! Ihr wollt wohl aufs neue eine reiche Morgengabe von zweihundert Tikals für sie einstecken? Man sieht ja diesem dürren Nai Kim die Gemeinheit und Bosheit schon tausend Klafter weit an!«

Murapong wußte, daß dies alles nicht zutraf, aber er mußte seiner bösen Laune Luft machen. Der Wind wehte erfrischend durch die offene Pfeilerhalle und spielte mit den zusammengefalteten, von der Decke herabhängenden Palmblattstreifen, in die mit einem Stahlstift magische Figuren und Zauberformeln eingekratzt waren. Das taten die Siamesen, um böse Geister zu vertreiben.

Nai Kim schwieg noch immer. Er schämte sich vor den anderen, weil ihn der Prinz so sehr verspottet hatte.

Aber seine Frau legte sich jetzt ins Mittel. Mit einem unglaublichen Aufwand von Worten pries sie in überschwenglichen Lobeshymnen die Güte und Schönheit des Prinzen bis in den Himmel. Dann beteuerte sie ihre Unschuld.

»Ich habe meine Tochter streng und gut erzogen«, schloß sie ihre Rede. »Sie ist in allen Liebeskünsten von ihrer Großmutter unterrichtet worden, bevor wir sie hierherbrachten, und sie hat die zweiunddreißig Tanzstellungen genau gelernt, und ihre Gelenke sind gelockert: sie kann ihre Hände so weit zurückbiegen, daß sie mit den Fingerspitzen den Unterarm berührt.«

Murapong war etwas gnädiger gestimmt, nachdem Me Tong ihn mit Indra, Brahma und allen Bewohnern des Himmels der dreiunddreißig Götter verglichen und seine Tugenden entsprechend gewürdigt hatte.

Während der Zeit kaute er bedächtig Betel und nickte ab und zu beifällig mit dem Kopf, wenn Me Tong einen seiner Meinung nach besonders gelungenen Vergleich vorgebracht hatte. Dann spuckte er in den Goldtopf und nahm sich eine andere gespaltene Betelnuß und ein mit rotem Kalk gefülltes Makblatt, die er zusammen in den Mund schob und kaute.

»Aber sie ist doch fortgelaufen«, brummte er nach einer Weile.

Endlich fand auch Nai Kim die Sprache wieder.

»Großmächtiger Prinz und Herr, Beschützer der Schwachen und Hort aller Verfolgten, die Geschichte mit unserer Tochter ist eine böse Sache. Als wir gestern abend die traurige Botschaft erhielten, forschte ich sofort nach. Dok Tong ist gestern zu den französischen Missionaren ins Kloster geflohen und Christin geworden! Ich ging zur Polizei und wollte sie wieder zurückholen lassen, aber die französischen Mönche mit den schwarzen Gewändern haben sie nicht herausgegeben, selbst nachdem der Polizeioffizier unserer Wache lange mit ihm verhandelt hatte. Der hat mir nachher erzählt, daß es unmöglich sei, sie zurückzubringen, da sie gleich den Taufzauber mit ihr vorgenommen und ihr einen ganz anderen Namen gegeben haben.«

Prinz Murapong spuckte in seiner Erregung aufs neue heftig und fluchte laut.

Er wußte genau, daß in diesem Falle alle Hoffnung vergeblich war. Diese Jesuiten hatten es ja durchgesetzt, daß für christliche Glaubensangehörige die Gesetze der Vielehe keine Geltung hatten! Nachdem Dok Tong Christin geworden war, konnte er sie nicht mehr zwingen, zu ihm zurückzukehren. Die Zeiten waren wirklich elend! Wer herrschte nun eigentlich im Lande – die Siamesen oder diese unverschämten Farangs?

Ein Diener kam eilig vom Hause her, bahnte sich einen Weg durch die Leute, die am Boden kauerten, und kniete vor dem Prinzen nieder.

»Was bringst du für Neuigkeiten?« fragte der Prinz immer noch schlechtgelaunt.

»Herr, der Chauffeur der Prinzessin Chanda ist gekommen. Soll ich ihn herführen?«

»Bringe das häßliche Nachtgespenst her«, erwiderte Murapong wütend.

Nai Kim atmete auf, denn der Prinz hatte nun anscheinend einen neuen Blitzableiter für seinen Zorn gefunden.

Mit scharfen Worten fuhr Murapong den Malaien an, der gleich darauf vor ihm auf dem Boden kauerte und bekümmert in sich zusammensank. Dann entlud er über das Haupt des Schuldigen eine Sintflut von ehrenrührigen Namen. » Korap, zu Befehl«, sagte Krabu kleinlaut, als dem Prinzen der Atem ausging und dieser eine Pause machen mußte. Bei jedem beleidigenden Wort krampfte sich die Seele des Chauffeurs zusammen. »Hoher Herr, ich krümme mich als Wurm unter deinen Fußsohlen«, fuhr er trotzdem untertänig fort.

»Du leichtsinniger Schuft, wie darfst du es wagen, als Chauffeur deiner hohen Herrin Opium zu rauchen? Bisher habe ich gedacht, daß nur die schiefäugigen Chinesen diesem gemeinen Laster frönen. Weißt du denn nicht, daß du im Opiumrausch überhaupt nicht imstande bist, ein Auto richtig zu steuern?«

» Korap!« wiederholte Krabu und senkte den Kopf noch ein wenig tiefer.

»Du streitest also nicht ab, daß du Opium geraucht hast?«

»Ich streite es nicht ab.« Krabu war nicht wohl zumute. Er wußte, daß Murapong streng, ja furchtbar grausam sein konnte, wenn man ihn zum Zorn reizte. Obwohl in Siam Prügelstrafe, Folter und dergleichen in der öffentlichen Rechtspflege längst abgeschafft waren, übten die Prinzen doch noch eine Art Privatjustiz in ihren Palästen aus.

Diese bereitwillige Ergebenheit überraschte Murapong und Stimmte ihn gnädig, denn die Malaien waren im allgemeinen stolz und unbeugsam.

»Gut, daß du es gleich zugibst. Leugnen hätte dir auch nicht viel geholfen, mein Sohn. Ich hätte dich schon zum sprechen gebracht! Du kennst doch die halbe Kokosschale, die man mit Wasser füllte?«

Der Chauffeur schauderte, denn das war eine der gefürchtetsten Folterqualen Altsiams. Einen Meter über dem Kopf des gefesselten Delinquenten wurde eine mit Wasser gefüllte Kokosnußschale aufgehängt. Sie war mit einer winzig kleinen Öffnung versehen, die nicht größer war als der Einstich einer Stecknadel. In Zwischenräumen von wenigen Minuten fiel dann immer ein Tropfen auf den glattrasierten Schädel des Mannes. Nach einer Stunde schrien die Leute vor Qual und Pein, und wenn man sie nicht bald aus ihrer Lage befreite, verloren sie den Verstand.

Da jedoch kein Blut dabei floß und sich keinerlei körperliche Verletzungen zeigten, war es eine bisher unentschiedene Streitfrage, ob diese Strafe nach dem Gesetz zulässig oder verboten war.

»Die Amme Me Kam hat gesehen, daß du Opium geraucht hast! Und in solchem Zustand wagst du es, das Auto der Prinzessin Chanda zu steuern! Natürlich warst du im Opiumrausch, als das Unglück auf der Sapatumstraße passierte. Leugnest du das?«

Prinz Murapong spuckte verächtlich in die kostbare, ziselierte Vase, die neben ihm auf dem Boden stand. Dann schob er wieder ein neues Betelblatt mit rotem Kalk in den Mund und kaute weiter. Mit halbgeschlossenen Augen beobachtete er den Chauffeur.

Krabu schwieg. Me Kam, diese hinterhältige Katze, hatte ihn also verraten! Das wollte er ihr aber bei der nächsten Gelegenheit heimzahlen!

»Nun, ich höre nichts«, fuhr ihn der Prinz scharf an. »Ich glaube, ich muß doch die Kokosnuß holen lassen. Oder kannst du besser sprechen, wenn du fünfundzwanzig Peitschenhiebe bekommst? Ich will jetzt wissen, ob du damals Opium geraucht hast oder nicht!«

» Korap, sagte Krabu heiser, denn er fürchtete, daß der Prinz ihn aus jeden Fall schwer bestrafen würde, nachdem seine Schuld einwandfrei festgestellt war.

In diesem Augenblick wurde laut an dem äußeren Tor gepocht. Einige Diener sprangen hinzu und öffneten es.

Prinz Surja war mit seinem Elfruderer angekommen. Lachend sprang er aus dem Boot und begrüßte seinen Onkel nach siamesischer Art, obwohl er das nur ungern tat. Er besaß auch ein Motorboot, aber da Murapong die alten Sitten über alles schätzte, hatte Surja den Elfruderer gewählt, der in dem regen Verkehr der Kanäle fast ebenso gut vorwärts kam wie ein modernes Fahrzeug.

»Wie geht es dir denn? Wenn mich meine Augen nicht täuschen, spielst du wieder einmal den Toten- und Höllenrichter Jamarat? Worüber ärgerst du dich denn heute morgen? Was hat der Kerl ausgefressen?«

»Setze dich einen Augenblick zu mir«, erwiderte der Palastminister unwirsch. »Ich bin gleich mit diesem Malaienhund fertig, dann können wir miteinander reden.«

Diener hatten inzwischen Matten, Kissen und einen Sitz herbeigebracht, der etwas niedriger war als der des Palastministers.

Surja ließ sich mit untergeschlagenen Beinen darauf nieder, nachdem er seinen Säbel abgenommen und ihn einem der Leute gegeben hatte.

»Nun, wirst du jetzt sprechen?« fuhr Murapong Krabu wieder an. »Das ist der Chauffeur der Prinzessin Chanda«, erklärte er dann seinem Neffen etwas liebenswürdiger. »Der Kerl raucht Opium wie ein Reismühlenschlot.«

Der Malaie stieß eine leise Verwünschung aus. Heute war ein böser Unglückstag für ihn. Daß auch noch Prinz Surja, der wegen seiner schlimmen Launen allgemein gefürchtet wurde, zu dem Verhör kommen mußte!

» Korap, entgegnete er mutlos. Seine erste demütige Antwort war bei der Ankunft Surjas untergegangen.

»Also hast du das Unglück verschuldet? Nun, wir werden nachher noch darüber sprechen. Außerdem wird der Fall dem Gericht übergeben werden. Solche gemeingefährlichen Kerle müssen ins Zuchthaus gesperrt werden. Du bist am vergangenen Donnerstag in der Opiumbude von Kim Seng Li gesehen worden. Wie kommt es, daß du um diese Zeit nicht im Palais warst?«

»Prinzessin Chanda lag krank, und Prinzessin Amarin war mit Me Kam ausgefahren.« Surja horchte auf.

»Du Faulpelz, warum bist du nicht mitgefahren^ fragte er.

»Früher habe ich sie immer begleitet, aber in letzter Zeit verbietet Me Kam es mir manchmal.«

Murapong sah ihn verwundert an.

»Du weißt doch, daß es deine Pflicht ist, immer bei dem Wagen zu bleiben, damit ein gelernter Mechaniker zur Stelle ist, wenn am Motor etwas passiert oder wenn ein Reifen beschädigt wird?«

»Das habe ich auch gesagt. Aber Me Kam schickt mich in letzter Zeit einfach weg.«

»Wie kommt denn das? Weißt du noch mehr darüber?« fragte Prinz Surja.

Krabu zuckte die Schultern.

»Nein, mehr ist mir nicht bekannt. Die Prinzessin fuhr nur in den vergangenen Wochen öfter abends fort. Me Kam sagt, sie gingen zum Tempel des Goldenen Berges, um dort die Predigt zu hören. Aber neulich sah ich, daß sie in genau entgegengesetzter Richtung fortfuhren.«

Der Palastminister winkte seinen Hausmeister herbei, der hinter ihm auf dem Boden saß.

»Schicke die Leute fort, sie sollen morgen wiederkommen«, sagte er kurz. »Und ihr geht ins Haus, bis ich euch rufe.«

Der Befehl wurde sofort ausgeführt.

»Ich will den Chauffeur noch weiter verhören«, wandte sich Murapong an Surja, der sich jetzt aufs lebhafteste für den Fall interessierte. Der Prinz sah seinen Onkel gespannt und vielsagend an.

»Ich glaube, wir lassen diesen Kerl erst einmal ein wenig in dein Privatgewahrsam einsperren. Wenn er einige Tage gehungert hat, wird ihm schon bald mehr einfallen. Nun, was meinst du dazu, Krabu?« fragte er den Mann zynisch.

Der Chauffeur rückte unruhig hin und her. Surja wußte wohl, daß die Malaien sehr verschwiegen waren und vor allem ihre Herrinnen niemals verrieten. Aber dieser Mensch rauchte Opium, also war ihm alles zuzutrauen.

»Nun, wird es bald?« herrschte Murapong den Mann an.

Krabu schaute zur Seite und zögerte noch einen Augenblick, aber dann tastete seine Hand nach der kleinen Tasche in seinem Gürtel.

»Als ich am vorigen Freitagmorgen den Wagen reinigte, fand ich das neben dem Führersitz auf dem Boden.«

Er nahm einen kleinen, grünen Gegenstand heraus und legte ihn auf die Kante des Thronsitzes.

Surja beugte sich erstaunt und betroffen vor und nahm ihn in die Hand.

»Das ist doch ein Manschettenknopf!«

Er gab seinem Onkel einen Wink.

Murapong verstand, erhob sich und ging mit seinem Neffen ein paar Schritte zur Seite.

»Überlasse mir bitte das weitere Verhör«, sagte Surja drängend. »Ich bringe noch mehr aus ihm heraus. Irgend etwas muß dahinterstecken.«

Der Palastminister schaute auf die Uhr. Es war hohe Zeit, daß er zur Palaststadt fuhr. Innerhalb der Umfassungsmauern lag auch das Ministerium des Königlichen Hauses.

»Unternimm aber nichts auf eigene Faust, wie du es immer so gern tust«, entgegnete er etwas nervös. »Und komme später zu mir in den Stadtpalast. Wir müssen noch weiter über diese Sache sprechen.«

Surja fiel plötzlich ein, daß er den versprochenen Bericht über die Neuorganisation des Nachrichten- und Wetterdienstes mitgebracht hatte, den er seinem Onkel übergeben wollte. Er rief einen seiner Leute vom Boot herbei und ließ seine Mappe bringen.

»Ich werde dafür sorgen, daß der König in den nächsten Tagen für dich bei Amarin anhält«, erwiderte Murapong, nachdem er das umfangreiche Schriftstück kurz durchgesehen und an sich genommen hatte. »Mir scheint, es ist hohe Zeit, daß sie sich verheiratet.«

Damit ging er.

Surja begleitete ihn noch bis zum Haustor, dann kehrte er langsam und nachdenklich zur Pfeilerhalle zurück, wo Krabu noch immer am Boden kauerte. Er trat vor den Malaien, stieß ihn leicht mit dem Fuß an und winkte ihm, daß er aufstehen Solle.

»Wie heißt du?«

»Krabu.«

»Willst du dir hundert Tikals verdienen?« fragte Surja und sah den Mann scharf an.

Überrascht schaute der Chauffeur auf, denn er hatte nicht gedacht, daß eine solche Wendung eintreten könnte. Blitzschnell begriff er, was der Prinz beabsichtigte. Seine Augen blitzten, und er warf den Kopf zum Zeichen der Bejahung ein wenig zurück.

»Weißt du noch etwas?«

»Nein, wirklich nichts.«

Surja warf einen langen, prüfenden Blick auf den Malaien. Der Mann schien diesmal die Wahrheit zu sagen.

»Dann wirst du also in Zukunft aufpassen, wohin die Prinzessin abends mit Me Kam fährt. Halte die Augen offen. Wenn du es herausbekommst und wenn deine Angaben richtig sind, schenke ich dir hundert Tikals.«

» Korap. Es wird mir aber sehr schwerfallen, den Befehl auszuführen, denn Prinzessin Chanda will mich nicht mehr als Chauffeur bei sich behalten. Der Palastminister sollte über meine weiteren Dienste entscheiden. Falls man mich entläßt, fällt es natürlich auf, wenn ich mich den ganzen Tag dort in der Nähe aufhalte.«

»Kennst du denn niemand von der anderen Dienerschaft genauer? Vielleicht erzählt dir jemand etwas, und du kannst fragen.«

»Früher ja, aber in letzter Zeit nicht mehr. Me Kam hat alle gegen mich aufgehetzt.«

»Gut, ich verstehe. Es ist wichtig, daß du weiterhin im Dienst bleibst. Das werde ich mit dem Prinzen Murapong regeln.«

Surja dachte einen Augenblick nach.

»Vorläufig arbeitest du einmal als Gärtner im Palais Akani, und im übrigen paßt du scharf auf.«

»Was soll ich tun, wenn ich herausgebracht habe, wohin die Prinzessin fährt?«

»Ich bin jederzeit für dich zu sprechen. Wenn du etwas Wichtiges beobachtet hast, kommst du sofort in mein Palais oder in mein Büro. Begleite mich jetzt zum Palast. Dort erhältst du einen Brief vom Prinzen Murapong, den du Prinzessin Chanda geben wirst.«

» Korap!«

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