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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 22
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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20

Kurz bevor Warwick an der großen Treppe landete, die in bequemen Stufen vom Hauptbüro zum Wasser hinabführte, gab er mit der Sirene ein Signal.

Der Wachtmann eilte herbei, um das Boot zu übernehmen und festzuschließen.

Als Warwick in das obere Geschoß hinaufstieg, in dem sein Büro lag, lächelte er vor sich hin. Ronnie meinte es immer sehr gut, aber seine Ansichten waren zu einseitig und zu übertrieben, als daß man sie ernst nehmen konnte. Trotzdem dachte Warwick über die Worte seines Freundes nach. Es war unangenehm, wenn nicht geradezu gefährlich, daß man im Klub über ihn in Verbindung mit Amarin gesprochen hatte. Die Warnung Ronnies wollte er beherzigen, denn er durfte den Leuten keinen weiteren Grund zum Reden geben. In diesem einen Punkt hatte Ronnie ausnahmsweise recht.

Als er ins Vorzimmer seines Büros trat, wurde er von anderen Dingen in Anspruch genommen. Der Boy kam auf ihn zu, reichte ihm eine Karte und sagte ihm, daß Pra Vanit schon eine Viertelstunde auf ihn warte.

Schnell ging Warwick ins Empfangszimmer und begrüßte den siamesischen Oberst herzlich. Er hatte ihn im Kriege an der Westfront als einen der besten Kampfflieger kennengelernt. Pra Vanit war inzwischen schnell vorwärtsgekommen und leitete jetzt die Abteilung für das Flugwesen im Kriegsministerium.

Auf Warwicks Wink rollte der Boy eine kleine Bar herein. Nachdem er beiden ein Glas Whiskysoda eingegossen hatte, stellte er noch Zigaretten und Feuerzeug bereit und ließ die beiden wieder allein.

»Ich habe die Erweiterung des Flugplatzes bei Paknam besichtigt und bin auf der Rückfahrt vorbeigekommen, um Ihnen guten Tag zu sagen. Gleichzeitig möchte ich Ihnen auch noch einmal danken für Ihre Hilfe beim Einfliegen der neuen Maschinen, die wir aus Japan bekommen haben.«

»Darüber brauchen wir doch kein Wort zu verlieren. Ich habe es mit dem größten Vergnügen getan. Auf diese Weise bleibe ich wenigstens dauernd in Übung und lerne auch die letzten Neuerungen kennen.«

»Ihre Berichte über die neuen Typen und über Ihre persönlichen Versuche mit den einzelnen Maschinen sind wirklich vorbildlich. Besonders wertvoll ist mir Ihre Kritik. Ich bin der gleichen Meinung, daß die Flugzeuge einen großen Fortschritt darstellen, was die Schnelligkeit anbetrifft, aber sie sind auch mir nicht wendig genug. Ich freue mich, daß Sie meine Ansicht in jeder Weise bestätigen.«

»Wichtig ist vor allem auch, daß die Motoren zu hart laufen.«

»Richtig. Sie wissen ja, was ich denke. Ich halte die englischen Maschinen für besser, und ich gäbe viel darum, wenn wir eine Lizenz auf die neuen englischen Modelle erwerben könnten, die Sie uns angeboten haben. Aber bei der augenblicklich herrschenden Strömung kann ich das wohl kaum durchsetzen.«

»Ja, ich weiß, Pra Vanit, daß Sie von der neuen Japanpolitik nicht gerade sehr entzückt sind.«

Der Siamese stand etwas nervös auf und wollte zur Tür gehen.

»Sie können ohne Sorge sein. Hier hört man uns nicht«, beruhigte ihn Warwick. »Aber ich will trotzdem den Boy mit einem Auftrag fortschicken, so daß er mindestens eine Viertelstunde wegbleibt. Ich werde auch den Wachtmann anweisen, niemand heraufkommen zu lassen.«

»Ich wollte Ihnen noch mitteilen«, sagte Pra Vanit, als Warwick zurückkam, »daß ich Ihre Berichte zusammen mit den meinen dem Minister weitergegeben und Sie im Anschluß daran zu einer Dekoration vorgeschlagen habe. Ich bin davon überzeugt, daß mein Antrag durchgehen wird.«

»Sie meinen es immer sehr gut mit mir, Pra Vanit. Vielleicht wäre es aber im Augenblick besser gewesen, wenn Sie das nicht getan hatten. Ich helfe Ihnen, weil es mir Freude macht. Sie kennen doch den Prinzen Surja, der sich wahrscheinlich darüber ärgern wird.«

»Ach, der hat wohl bei der Marine etwas zu sagen, aber im Kriegsministerium beachtet man ihn nicht sonderlich«, entgegnete Pra Vanit. »Er hat sich neulich einen Übergriff erlaubt, und nun hat er keinen Einfluß mehr im Heer. Außerdem ist es doch schließlich nur recht und billig, daß Ihre großen Verdienste einmal anerkannt werden.«

»Ich danke Ihnen, Pra Vanit«, erwiderte Warwick kurz, aber herzlich.

Die beiden sprachen dann eine Weile über die Aufgaben des Aero-Klubs, an dessen Förderung und Ausbau sie seit langem arbeiteten.

»Sie haben recht, Warbury. Die vier Flugzeuge, die wir zur Zeit unterhalten, genügen nicht«, meinte Pra Vanit. »Wir sollten mindestens drei bis vier Maschinen modernster Konstruktion mit größerer Tragkraft und weiterem Aktionsradius anschaffen.«

»Im Vertrauen darf ich Ihnen wohl mitteilen, daß ich auch ohne Auftrag des Klubs dafür gesorgt habe. Die Regierung hat ein lebhaftes Interesse daran, das Privatfliegen zu unterstützen, und das Kriegsministerium hat reichliche Mittel zur Verfügung gestellt. Schon in den nächsten Tagen werden uns die Staatlichen Flugzeugwerke zwei neue Maschinen schicken.«

»Schade, daß ich nicht vorher mit Ihnen darüber sprechen konnte. Man hätte doch noch so manches berücksichtigen können«, erwiderte Warwick bedauernd.

»Trösten Sie sich. Wir hatten vor einigen Monaten einmal eine Privatunterhaltung, bei der wir über dasselbe Thema sprachen. Besinnen Sie sich noch darauf? Sie entwickelten mir damals Ihre Ansichten. Ich habe mich nachher sofort hingesetzt und alles genau aufgeschrieben, was wir besprochen haben. Seien Sie versichert, daß fast alle Ihre Anregungen befolgt worden sind.«

Warwick nickte befriedigt.

Nachdem er sich noch kurze Zeit mit Pra Vanit über andere Dinge unterhalten hatte, verabschiedete sich der Siamese, und Warwick machte sich an die Arbeit.

Er ging zu dem großen Safe und nahm die Mappe über Lieferungen an das Kriegsministerium, Abteilung Flugwesen, heraus. Dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück. In Europa konnte man sich von der Vielseitigkeit einer großen Export- und Importfirma in Bangkok kaum eine Vorstellung machen. Es gab keinen Gegenstand, angefangen von der Stecknadel und dem Streichholz bis zum Kreuzer und Dreadnought, den die Firma Breyford noch nicht geliefert hätte. Auf jedem Gebiet suchte sie die Bedürfnisse des Landes kaufmännisch auszuwerten, besonders nachdem Warwick Einfluß auf die Leitung gewonnen hatte. Die ersten Flugzeuge in Siam waren aus Frankreich eingeführt worden. Aber als Warwick in die Firma eintrat, gelang es seinem Einfluß, einen vollkommenen Umschwung herbeizuführen. Er verstand es, den Nationalstolz der Siamesen für seine Zwecke einzusetzen. Eigene Flugzeugfabriken wurden errichtet, und er begnügte sich damit, wichtige Einzelteile, die in Siam nicht hergestellt werden konnten, und besonders die Motoren aus England zu liefern.

In den letzten Monaten hatten nun die Japaner der siamesischen Regierung eine Anzahl von Flugzeugen geschenkt. In dieser Zeit erwies sich die Freundschaft zu Pra Vanit als besonders wertvoll, denn Warwick hatte dadurch die Möglichkeit, diesen japanischen Vorstoß abzuwehren. Er hatte die maßgebenden Stellen im Kriegsministerium mit Erfolg darauf hinweisen können, daß Siam seine eigenen Flugzeugfabriken nicht aufgeben dürfe. Immerhin würde in nächster Zeit auch auf diesem Gebiet ein scharfer Konkurrenzkampf mit Japan auszutragen sein. Aber Warwick hoffte, daß am Ende die Qualität siegen würde.

Er schrieb kurz den Inhalt seiner Besprechung mit Pra Vanit auf und fügte das Blatt der Mappe bei. Er hatte sie gerade wieder in den Safe eingeschlossen, als der Boy hereinkam und meldete, daß Mr. Breyford ihn zu sprechen wünsche.

Das war ungewöhnlich, denn sein Partner kam nachmittags sehr selten ins Büro. In seiner Jugend war er sehr tatkräftig gewesen, jetzt aber allmählich bequem geworden. Er fand es richtiger, andere für sich arbeiten zu lassen. Warwick hatte überall das Haustelefon eingeführt, und der Seniorchef hätte ihn ebensogut anrufen können, doch er zog die alte Sitte vor, den Boy zu schicken, obwohl er nur nach dem Hörer hätte zu greifen brauchen.

Breyfords Anwesenheit in Bangkok war eigentlich nicht mehr nötig; er hätte sich in England zur Ruhe setzen können. Aber er liebte nun einmal das Leben in den Tropen, und wenn er sich einige Monate in Europa aufhielt, bekam er stets Sehnsucht nach Siam.

Warwick ging sofort ins andere Büro hinüber.

Breyford schien in ungewöhnlich guter Stimmung zu sein. Er bot Warwick eine Zigarette an und lud ihn ein, sich in den geflochtenen Rattansessel neben dem Schreibtisch zu setzen. Dann sah er ihn vergnügt an.

»Ich habe eine große Überraschung für dich!«

Er nahm ein Telegramm vom Schreibtisch auf und reichte es Warwick.

»Ich wußte nicht, wo du warst, sonst hätte ich es dir durch einen Boten nachgeschickt. Es kam heute mittag, gleich nachdem du gegangen warst. Inzwischen habe ich wie gewöhnlich mein Nachmittagsschläfchen gehalten und bin erst vorhin aufgewacht.«

Warwick war gespannt, welche Nachricht es enthalten würde, und las:

»Mit Flugzeug glücklich in Karachi angekommen stop starte morgen Delhi stop ankomme Bangkok voraussichtlich in vier Tagen via Kalkutta-Rangun stop herzliche Grüße Evelyn.«

Zuerst konnte er den Sinn der Worte kaum fassen.

»Nun, was sagst du dazu, mein Junge? Ich hätte dir das Telegramm ja auf den Schreibtisch legen können, aber ich wollte doch einmal sehen, was für ein Gesicht du machen würdest, wenn du das liest.«

»Das verstehe ich nicht«, erwiderte Warwick betroffen.

»Na, das ist doch nicht so schwer zu verstehen!« meinte Breyford. Umständlich erhob er sich und klopfte Warwick auf die Schulter. »Evelyn ist mit ihrem neuen Flugzeug, dem ›Meteor‹, nach Indien geflogen! Das Mädel hat Mut! In den nächsten Tagen kommt sie schon hier an. Man sollte es allerdings kaum für möglich halten.«

Warwick sagte nichts.

»Freust du dich denn gar nicht?« fragte Breyford verwundert. »Bist du denn nicht Stolz auf Evelyn? Wenn mir in meiner Jugend ein so tüchtiges Mädel begegnet wäre, hätte sogar ich geheiratet. Verstehst du denn gar nicht, daß sie das deinetwegen getan hat?«

»Doch, natürlich, aber –«

Warwick brach plötzlich ab, erhob sich und ging mechanisch zu der großen Wandkarte. Er suchte Karachi auf und verfolgte die Route über Delhi-Kalkutta-Rangun nach Bangkok, um Zeit zu gewinnen. Nachdem er sich etwas gesammelt hatte, wandte er sich wieder um.

»Wann ist denn das Telegramm aufgegeben worden? Ich freue mich selbstverständlich sehr – es kam mir nur zu unerwartet!«

»Ach, die Geschichte muß ich dir noch erzählen. Der Postbote hat es am Sonnabend nach acht Uhr gebracht und dummerweise in den Bürobriefkasten geworfen, statt es in die Privatwohnung zu bringen. Heute, am Montagmorgen, bekam ich es endlich, aber der Text war vollkommen verstümmelt, so daß ich nichts daraus machen konnte. Ich ließ mir also den Wortlaut von Karachi her wiederholen. Der berichtigte Text kam aber erst kurz nach halb eins. Aufgegeben ist es am Samstagabend um sechs Uhr dreißig. Soviel ich verstehe, wird Evelyn am Mittwochmorgen hier ankommen.«

Warwick nickte und bemühte sich, seine Bestürzung zu verbergen.

»Bis Karachi ist es ihr geglückt, den Flug geheimzuhalten«, fuhr Breyford fort. »Sie hat ihre Absicht, nach Bangkok zu fliegen, offenbar niemand mitgeteilt. Aber durch ihr Telegramm hat sich die Nachricht wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet, und das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Zeitungsleute. Zwei Reporter waren vorhin schon hier und haben mich ausgefragt. Zuerst wollte ich ihnen nichts sagen, aber dann dachte ich mir schließlich, Schaden kann es nichts, höchstens wird es eine glänzende Reklame für unsere Firma. Morgen stehen also sicher Bombenartikel über Evelyns Flug in allen Zeitungen.« Breyford wertete auch persönliche Erfolge von Angehörigen stets zum Vorteil der Firma aus.

Warwick hatte sich endlich gefaßt und bemühte sich, Evelyns Tat zu würdigen. Es war ihm selbst unfaßbar, daß die plötzliche Nachricht von ihrer baldigen Ankunft ihn mehr erschreckt als erfreut hatte.

»Ich weiß nicht, was ich von der jungen Generation halten soll«, scherzte Breyford. »Die Leute sind im Kriege gewesen und haben die Brust voll Auszeichnungen, aber wenn sie ein Telegramm mit einer überraschenden Nachricht erhalten, verschlagt es ihnen die Sprache. – Boy!«

Sofort erschien der Chinese.

»Bringe zwei Gläser und eine Flasche mit goldenem Hals«, sagte Breyford.

Kurz darauf kam der Boy wieder, öffnete kunstgerecht die Sektflasche und füllte die Gläser.

»Wir müssen doch auf Evelyns großen Erfolg einmal anstoßen«, erklärte der Seniorchef in bester Laune.

Als sie die Gläser wieder auf den Tisch setzten, erschien der Boy aufs neue und reichte Breyford ein weiteres Telegramm.

Hastig riß Breyford den Umschlag auf und las den Text laut vor:

»Starte heute morgen von Delhi stop Ankunft Bangkok Dienstagvormittag halb elf stop an Bord alles wohl stop Gruß Evelyn.«

*

»Nicht mehr ganz achtzehn Stunden«, sagte Warwick leise vor sich hin, als er zur Zeit der Abendkühle sein Auto im Dusitpark zum Stehen brachte. Um seiner Erregung Herr zu werden und wieder klare Gedanken zu fassen, hatte er eine Rundfahrt in die weitausgedehnte Stadt gemacht, aber überall hatte er Bekannte getroffen.

Am Rande des Sees stieg er aus und ging einen schmalen Weg entlang, der nur wenig benutzt wurde. Bald kam er zu seinem Lieblingsplatz, einer schattigen Steinbank, von der aus man einen schönen Ausblick hatte.

Jenseits der breiten Wasserfläche erhob sich die himmelanstrebende Kuppel der Thronhalle. Wie ein Märchenschloß leuchtete der majestätische Bau aus weißen karrarischen Marmorblöcken und Spiegelte sich in dem See.

Die Nachricht von Evelyns Ankunft war zu plötzlich gekommen und hatte einen Sturm widerstreitender Gefühle in ihm erregt.

Um für sie frei zu werden, hatte er sich von Me Talap getrennt, aber fast zur gleichen Zeit war Amarin in sein Leben getreten.

Seit ihrem ersten Zusammentreffen in der Villa hatte er sie mehrmals dort wiedergesehen. Nur zweimal in der Woche, am Wan Pra, dem wöchentlichen Feiertag der Siamesen, und an einem anderen Tage, an dem ein bekannter Priester eine Predigt hielt, konnte sie unter dem Vorwand eines Tempelbesuches für kurze Stunden zur Sapatumstraße kommen.

Das fremdartig Reizvolle und die selbstlose Reinheit ihres Wesens, ihre blumenhafte Erscheinung, der innere Reichtum ihrer Gefühle und Gedanken hatten ihn seit ihrer ersten Begegnung so stark angezogen, daß alles andere demgegenüber zurücktrat. Wieder lebten in seiner Erinnerung die gemeinsamen Stunden mit ihr auf wie strahlendweiße Salablüten mit berauschendem Duft.

Lange saß er an diesem stillen Platz und ruhte von der Unrast des Tages. Lebendig stand Amarins Bild vor ihm: die unbeschreiblich feinen Züge, der unergründliche Blick ihrer dunklen Augen, die leise Kurve des Halsansatzes, die zarten Gelenke, die bezaubernde Melodie ihrer Bewegungen.

Um ihn her hauchten Jasmin- und Maliblüten ihren Duft in die Abendkühle. Er gab sich seinen Träumen hin und versuchte Amarins Bild festzuhalten. Wie Feuerfliegen tauchten in seinem Unterbewußtsein immer wieder quälende Fragen auf über den Gegensatz zwischen gelber und weißer Rasse, aber er wehrte sie ab und ließ sie nicht an die Oberfläche kommen.

Obwohl Amarin von seiner Verlobung mit Evelyn wußte, war diese Tatsache noch nie zwischen ihnen erwähnt worden. Beide hatten gefühlsmäßig darüber geschwiegen.

Es kam ihm der Gedanke, sich von Evelyn zu trennen, und er überlegte diese Möglichkeit. Es schien ihm, als ob dies der einzige Ausweg wäre.

Aber konnte er denn mit Amarin vereint leben? In Siam war es unmöglich, denn schwere Strafen drohten der Prinzessin. Die mittelalterlich grausamen Vorschriften der Königsfamilie hatten jedoch nur innerhalb des Landes Geltung, in der weiten Welt wurde Amarin von keinem überlebten, veralteten Hausgesetz eingeengt.

Er selbst war unabhängig, und niemand konnte ihn zwingen, hierzubleiben. Wie harmonisch und grenzenlos glücklich würde seine Zukunft an Amarins Seite sein! Er lehnte sich zurück und schloß die Augen.

Langsam klangen die Glocken der Turmuhr vom Schlosse im Dusitpark herüber. Fragend und bang kam der Ton über die Wasserfläche.

Warwick blickte nach Westen. Die Sonne senkte sich tiefer und hatte den Horizont fast erreicht. Ihre Strahlen übergossen die aufgetürmten Wolkenberge und die Marmorbauten mit feurigem Rot, und die Fenster glühten auf, als ob die Thronhalle in Flammen stünde. Aber nur wenige Minuten leuchteten die hochragenden Mauern auf wie der strahlende Palast des Gottes Indra... Bald verlor sich diese fast überirdische Schönheit, die blaugrauen Schatten der Dämmerung wuchsen, und nach dem Untergang der Sonne brach die Tropennacht schnell herein.

Leise sangen und summten die Moskitos um Warwick. Unwillkürlich, ohne daß es ihm bewußt wurde, nahm er eine Zigarette, um sie zu vertreiben.

Warwick dachte an Amarins Schilderung vom Paradies des Westens. Auf einem See, den die himmlische Ganga mit ihren silbernen Wassern speiste, blühten Tausende und aber Tausende von weißen, blauen und roten Lotosblumen. Die breiten, grünen Blätter wiegten sich auf leisen Wellen, und zur Zeit der Abendkühle erschlossen sich die Blüten mehr und mehr. Und wenn der aufgehende Mond die feurigglühende Pracht des Tagesgestirns ablöste, erhoben sich wie Elfen die Gestalten der Seligen, die in dieser Welt letzter Schönheit wiedergeboren wurden. Es waren die Seelen der Menschen, die auf der rauhen Erde nicht das Glück erfüllter Liebe erleben konnten und durch widrige Geschicke getrennt waren.

Seine Träume schienen Wirklichkeit zu werden. Hinter der seinen Rundung der Kuppel hob ein magisches Leuchten an, das immer stärker wurde und die Umrißlinien des königlichen Bauwerks wie in einen Glorienschein einhüllte. Dann erhob sich die volle Mondscheibe und übergoß den See mit ruhigem, sanftem Licht. Die Lotosblumen am Ufer wiegten sich leicht im Abendwind, ihre Kelche öffneten sich...

Ein unangenehm brennender Schmerz durchzuckte plötzlich die Finger seiner rechten Hand, und das Zauberbild zerriß.

In weitem Bogen schleuderte er den Rest der Zigarette ins Wasser, wo ihre Glut zischend verlosch.

Warwick erhob sich und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Dann ging er mit schnellen Schritten zu seinem Wagen und fuhr zurück.

Trennung von Evelyn?

Ihre Freundschaft war zu tief und zu stark, als daß er sie aus seinem Leben fortdenken konnte. Nein, die Lücke wäre zu groß gewesen.

Sie hatte einen ganz anders gearteten Charakter als Amarin. Weiche Sentimentalität und weltabgewandte Träumereien waren ihr fremd. Sie stand ganz auf dem Boden der Wirklichkeit und versuchte nicht, den Tatsachen des Lebens auszuweichen, mochten sie auch noch so hart sein. Sie setzte sich siegreich mit ihnen auseinander oder fand sich mit ihnen ab.

Ihr Vater hatte sie nach modernen Grundsätzen erzogen. Schon in früher Jugend hatten Sport und Training sie ertüchtigt und ihren Körper abgehärtet und gestählt.

Warwicks kühne Taten an der Front in Frankreich begeisterten sie so sehr, daß sie später auch das Fliegen lernte, und sie hatte sich so weit vervollkommnet, daß sie nun sogar den gewaltigen Flug über Indien und Birma nach Bangkok hatte planen und durchführen können.

An Evelyn band ihn vertraute Gemeinsamkeit. Jahrelang hatte sie Hoffnungen, Wünsche und Erfolge mit ihm durchlebt. Er liebte ihren selten offenen und großzügigen Charakter, ihre freie, souveräne Denkungsart, ihr intuitiv feines Verständnis seiner Persönlichkeit und seiner Ideen und Pläne, ihr selbstloses Eingehen auf die Lebensaufgabe, die er sich gestellt hatte.

Dringend sehnte er in diesem Konflikt eine Aussprache mit Amarin herbei, denn er mußte zu einer klaren Entscheidung kommen. Aber er konnte ihr weder schreiben noch an sie telefonieren, da sie fürchten mußten, daß ihre Gespräche und ihre Post überwacht wurden. Er hatte keine Möglichkeit, sie noch vor Evelyns Ankunft zu sprechen: erst am nächsten Donnerstag konnte er sie wiedersehen.

Warwick raffte sich auf und sah nach der Uhr.

Es war dreiviertel acht geworden.

Er erschrak. Wie konnte er die Zeit so nutzlos verträumen! Für acht Uhr hatte der Vorstand des Aero-Klubs, zu dem auch er gehörte, eine Besprechung angesetzt. Man wollte sich über die Maßnahmen zu Evelyns Empfang einig werden, und er durfte unter keinen Umständen fehlen.

Er riß sich zusammen und gab Gas. Wenn er den kurzen Feldweg fuhr, konnte er einige Minuten gewinnen, aber auch dann würde es ihm kaum gelingen, zur rechten Zeit zum United Club zu kommen, wo die Sitzung stattfand.

Noch fünfzehn Stunden –

Erschreckt und entsetzt sprangen die Rikschakulis beiseite, als Warwick in rasendem Tempo die Straßen entlang fegte. Empört riefen sie ihn an, aber er hörte es nicht. Er achtete auch nicht auf die Signale der Polizisten.

» Farang ben ba!« (Der Europäer ist verrückt) sagte der indische Wachtmann am Eingang zum United Club und schüttelte den Kopf, als Warwick auf zwei Rädern von der Hauptstraße in den Fahrweg einbog und beinahe den linken Torpfeiler gestreift hätte.

Scharf zog Warwick die Bremsen an und hielt zwei Minuten nach acht vor dem Haupteingang, dicht hinter dem Wagen des Prinzen Surja.

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