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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 18
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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16

Während draußen das Volksfest geräuschvoll seinen Verlauf nahm, war im Haupttempel die Klostergemeinde zu heiliger Feier vereinigt. Aber auch die Laien wurden betreut. Bekannte Mönche predigten in den weiten Versammlungshallen vor der dichtgedrängten Volksmenge.

Und selbst innerhalb der Umfassungsmauern der geweihten Stätte, sogar in den Wandelgängen, die den Hauptbau mit dem großen, goldenen Buddhabild umgaben, hatten sich Sterndeuter und Verkäufer von Süßigkeiten und Amuletten niedergelassen. Ja, ein Künstler hatte eine große Anzahl von durchstochenen Zeichnungen ausgestellt. Er erbot sich, gegen geringe Bezahlung diese zauberkräftigen Figuren in die Haut einzutätowieren, als Schutz und Abwehr gegen die Angriffe böser Dämonen oder Verwundungen durch Hieb und Stich.

Ein anderer verkaufte Amulette gegen den bösen Blick.

Daneben saßen Siamesinnen, die schöngewundene Kränze von wohlriechenden Mali- und Dok-Keo-Blumen sowie Weihrauchstäbchen und Wachskerzen feilhielten. Die Gläubigen kauften davon, um Sie als Opfergaben auf dem Altare Buddhas niederzulegen. Ronnie steuerte sofort auf einen Wahrsager zu, der gerade einem hübschen jungen Mädchen die Zukunft enträtselt hatte. Sie mußte mit der Auskunft zufrieden sein, denn sie reichte dem Mann als Entgelt eine große Silbermünze. Ronnie hätte gern gewußt, wie der Astrologe arbeitete. Fleißig wie eine Biene trug er von allen Seiten Material für sein Buch zusammen. Hier fand er ein neues Gebiet, mit dem er sich bisher noch nicht beschäftigt hatte und das ihm höchst wissenswert erschien.

Da gerade kein anderer vortrat, ließ er sich selbst das Horoskop stellen. Er beherrschte jedoch das Siamesische nicht genügend, so daß Warwick den Dolmetscher spielen mußte.

Daß ein Farang sich das Horoskop von einem Siamesen stellen ließ, war den Eingeborenen etwas Neues, und schnell sammelte sich eine Gruppe von neugierigen Leuten um ihn, die es nicht an witzigen und schlagfertigen Bemerkungen fehlen ließen.

Der Wahrsager blätterte eifrig in einem umfangreichen Faltbuch aus schwarzem Koipapier mit vielen merkwürdigen Zauberfiguren und Bildern. Nach langen Berechnungen verhieß er dann Ronnie eine glänzende Zukunft. Flammen und Feuer würden in der nächsten Zeit eine große Rolle in seinem Leben spielen, erklärte er.

»Feuer ist das Element des Südens, und der Süden bedeutet Leben, Macht und Glück in irdischen Dingen, besonders im Beruf«, sagte der Astrologe.

Ronnie war entzückt und wollte mehr wissen.

Darauf versprach ihm der Sterndeuter noch eine ungewöhnlich schöne Frau, die es mit Sita, der Gemahlin Pra Rams, aufnehmen könnte.

Ronnie geriet darüber in solche Begeisterung, daß er das große Faltbuch mit den vielen sorgfältig gemalten Bildern sofort kaufen wollte.

Astrologie interessierte Warwick nicht, und der Menschenauflauf war ihm peinlich. Er trennte sich daher von Ronnie, als dieser den Sterndeuter noch zu dessen nahegelegenem Haus begleiten wollte, um weitere Bücher zu sehen.

»Ich warte hier im Tempelhof auf dich. Wenn du aber länger als eine halbe Stunde ausbleibst, gehe ich fort«, sagte er etwas verstimmt.

Ronnie versprach, sich zu beeilen, und verschwand mit dem Sterndeuter.

Warwick trat in die Wandelhalle und ging langsam an den Reihen der vielen Buddhabilder vorüber, die in stiller Ruhe thronten. Dünne Wachskerzen brannten hier und dort auf zierlichen Bronzeleuchtern. Im Halbdunkel glühten sie auf wie Märchenblumen, und ihr Licht weckte das Gold der Statuen zu geheimnisvollem Leben.

Schließlich kam er zu dem weiten Platz, der auf allen Seiten von Wandelhallen umgeben war.

Mitten in der feierlichen Abgeschlossenheit des Hofes erhob sich der blendend weiße Tempel. Hinter Mauerbrüstungen, die wie schwarze Rampen wirkten, verborgen hingen zahllose Kokoslampen, deren warme Strahlen den ragenden Bau zauberhaft erstrahlen ließen. Auf den glasierten Dachziegeln spielte der Mondschein, und am grünlich-schwarzgrauen Nachthimmel blitzten die Sterne wie Diamanten.

Ziellos und ohne besondere Absicht ging Warwick auf den Haupttempel zu, in dem der Oberpriester vor einer großen Menge von Gläubigen sprach. Er konnte die Stimme des Predigers deutlich hören, deren Wohllaut eine sonderbar beruhigende Wirkung auf ihn hatte.

Helle Pfeiler wuchsen schlank empor, umweht von dem schmeichelnden Duft weißer Dok-Keo-Blüten und dem zarten Tönen zahlloser silberner Glöckcken an den steilgetürmten Dächern.

Festliche Helle strahlte aus dem Innern: die mit leicht aufstrebenden Goldornamenten bedeckten Tür- und Fensterflügel standen weit offen.

In Gedanken versunken wandelte er an der Langseite des mächtigen Gebäudes vorbei. Immer noch klang die kräftige, volltönende Stimme des alten Mönches klar und vernehmlich zu ihm herüber.

Der Oberpriester sprach über den Kreislauf der Wiedergeburten und zeigte die Ursachen des Leidens, ihre Wirkungen und die Verkettung der menschlichen Schicksale. Dabei fand er manch wundervolles Bild und manchen treffenden Vergleich.

Zu seinen Füßen lauschte eine große Gemeinde, darunter viele Frauen. Die herrlichen Wandgemälde mit den Goldflächen erstrahlten im Licht der glänzenden Kronleuchter, und der weite Raum duftete nach Weihrauch. Nach oben hin verloren sich die Malereien in verworrenes Wurzelwerk von Ornamentranken, die den Übergang zur Decke bildeten. Ragende Lotossäulen mit goldenen Blumenkapitellen trugen das Dach, und das große Kultbild sah milde durch die Weihrauchschleier auf die Gemeinde hernieder.

Dicht neben einem der Fenster im Seitenschiff saß Amarin mit Me Kam, und ihr Auge hing an dem Mund des Predigers. Alles, was er sagte, war ja nur eine Bestätigung dessen, was sie selbst fühlte und hoffte, und was sie in früheren Jahren von ihrem Vater gehört hatte.

Wie beruhigend war doch der Gedanke, daß es nicht mit diesem einen Leben zu Ende ging, daß man in kommenden Daseinsformen wieder gutmachen konnte, was man in dieser Existenz versäumt oder gesündigt hatte. Die Vergangenheit verlor ihre Schrecken, weil die Zukunft die Möglichkeit eines verlohnenden Ausgleichs bot. Und Liebende, die hier nicht das Ziel ihrer Sehnsucht erreichten, hatten wenigstens die tröstliche Hoffnung, im nächsten Leben glücklich vereint zu werden. So blühte ihnen, wenn vielleicht auch erst in später Zukunft, die Freude höchsten Glücks. Durch gute Werke konnte man auf das Schicksal der folgenden Existenz günstig einwirken.

Amarin faßte den festen Entschluß, die volle Kraft ihrer Seele darauf zu richten, daß sie mit Warwick noch in diesem Leben vereint würde, und sie geriet dadurch in freudige Erregung.

Als sie ein paar Räucherstäbchen zur Besiegelung ihres Gelübdes entzünden wollte, bemerkte sie, daß sie die Kerzen im Wagen liegengelassen hatte. Sie wandte sich um und warf ihrer Amme einen Blick zu.

Me Kam verstand den leisen Wink ihrer Herrin und entfernte sich unauffällig aus dem Tempel.

Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie zurück, ohne ihren Auftrag ausgeführt zu haben, und berührte Amarin leicht am Arm. Triumphierend leuchteten die klugen Augen der Amme in dem rundlichen Gesicht auf.

»Mr. Warbury geht draußen auf und ab«, flüsterte sie der Prinzessin zu, »direkt unter diesem Fenster. Ich habe ihn deutlich erkannt.«

Plötzliche Freude überkam Amarin. Sie war überglücklich, denn sie glaubte fest, daß die Nachricht Me Kams die Antwort auf ihr Gelübde war. Vorsichtig erhob sie sich und sah scheu auf den Hof hinaus. Im selben Augenblick ging unten Warwick mit gelenktem Blick vorüber. Sie schrak leicht zusammen, als sie ihn sah. Wenn er doch jetzt heraufschauen wollte!

Aber ihr Wunsch erfüllte sich nicht.

Sie wandte sich dem Ausgang zu, als ob sie unter einem zwingenden Bann stände. Deutlich fühlte sie, wie stark ihr Herz klopfte, als sie zögernd die hohen Stufen zur Vorhalle und von dort zum Tempelhof hinunterstieg.

Nun erreichte auch Warwick die Ecke des Tempels und wollte wieder umkehren, aber unwillkürlich sah er sich um, beeinflußt und angezogen durch Amarins Blick. Sofort erkannte er ihre schlanke Gestalt und blieb wie verzaubert reglos stehen. Ihm war, als ob er eine Vision vor sich sähe. Erst nach einigen Sekunden konnte er sich wieder fassen und ging schnell auf sie zu, um sie zu begrüßen.

Wortlos reichten sie sich die Hand und sahen einander froh und beglückt an.

»Wie seltsam, daß wir uns hier wiederbegegnen«, sagte er nach einem kurzen Schweigen.

»Seltsam ist es nicht«, erwiderte sie leise. »All unser Tun und Lassen, unser Kommen und Gehen wird durch unser Hoffen und Wünschen bestimmt.«

Die Predigt hatte so stark auf sie gewirkt, daß sie unbewußt diese Worte des Oberpriesters wiederholte. Alles fügte sich, als ob sie durch ihre starke Sehnsucht den Lauf des Geschehens beeinflußt hätte. Sie schaute ihn an, und in ihrem Blick lag das Bewußtsein dieses Glücks.

Ohne ein bestimmtes Ziel gingen sie langsam dem Ausgang des Tempelhofes zu und wandten sich, ohne daß es ihnen zum Bewußtsein kam, nach der entgegengesetzten Seite, wo der Lärm des Volksfestes nicht die Ruhe des Abends störte.

Amarin hatte Warwick frei und unbefangen begrüßt, aber jetzt erinnerte sie sich plötzlich daran, wie sie sich bei ihrer letzten Begegnung getrennt hatten. Sie wurde ein wenig verlegen und sah ihn scheu von der Seite an.

Es überraschte ihn, daß sie Tempelfeiern besuchte und Predigten hörte. Wohl hatte er große Achtung vor der buddhistischen Religion, aber er hatte nicht geglaubt, daß hochgestellte Frauen mit europäischer Erziehung und Bildung aufrichtig an Buddhas Lehre glauben könnten.

»Hier in Siam fühle ich mich sehr einsam, da mein Vater als Oberpriester in Ceylon lebt. Der Besuch der Andachten im Tempel ist so wohltuend und tröstend für mich«, sagte sie, als ob sie ihm Antwort auf seine unausgesprochene Frage geben wollte.

Ihr Weg führte sie an der äußeren Mauer entlang, und sie kamen zu einer der beiden breiten Steintreppen, die zur Spitze des Goldenen Berges hinaufführten.

»Sie besuchen die Predigten in den Tempeln wohl häufiger?« fragte er freundlich und zartfühlend, nachdem er diese Erklärung gehört hatte.

»Ja. Im Ausland habe ich sie sehr entbehrt. Mein Vater sprach früher oft mit mir über Buddhas Lehre, aber seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war ich immer allein.«

Warwick hatte vor längerer Zeit von der Geschichte des Prinzen Akani gehört. Zwar kannte er die Vorgänge nicht genau, aber er war doch so weit unterrichtet, daß er die Zusammenhänge verstehen konnte. Um ihr nicht wehe zu tun, erwiderte er nichts, aber tiefes Mitgefühl stieg in ihm auf. Ihre Worte hatten so schlicht geklungen, und doch lag die Trauer über jahrelange Vereinsamung darin.

»Bei den Nonnen von Sacré-Cœur bin ich auch in den christlichen Lehren unterrichtet worden, und ich habe mich aufrichtig bemüht, in sie einzudringen und mich darin einzuleben. Aber sie sind mir fremd geblieben. Immer hatte ich die Empfindung, daß die Europäer wohl prachtvolle Dome und Kirchen bauen können, daß ihnen die Religion selbst aber gleichgültig geworden ist.«

Warwick mußte ihr recht geben. Seine Entgegnung verriet so viel verständnisvolles Eingehen auf ihre Anschauungen, daß sie den Mut fand, all ihre geheimen Gedanken über Christentum und Buddhismus auszusprechen.

Staunend hörte er ihr zu. In der feinfühligen Auslegung Amarins wirkten die buddhistischen Lehren auf ihn eigentümlich anziehend und beglückend. Ihre dunkle Stimme umschmeichelte seine Sinne wie zarte Musik, und er unterbrach sie nicht. Im sachlich kühlen Tageslicht hätte er ihre Worte sicher nicht widerspruchslos hingenommen, aber in dem Zauber dieser Mondnacht erschienen sie ihm wie eine Offenbarung. Er hatte das Gefühl, daß sich eine geheimnisvolle Tür vor ihm auftat und er einen verlockenden neuen Weg vor sich sah, der ihn zu einer tieferen und glücklicheren Welterkenntnis führte.

Die breite, weiß schimmernde Marmortreppe umklammerte in einer einzigen gewaltigen Windung den großen Berg und zog sich bis zur äußersten Spitze hin. Sie stiegen über Hunderte von Stufen und über viele Absätze bis zur obersten Terrasse.

Unwillkürlich machten sie mehrmals halt auf ihrem Wege und schauten auf die weitausgedehnte Millionenstadt zu ihren Füßen hinab.

Sie sahen nach Westen. Hoch stand das helle Nachtgestirn am Himmel, und im Hintergrund zog sich das breite Band des Menamstroms durch das ebene Land.

Von unten klang dumpf und fern der Lärm des Festes in ihre Stille herauf, und von weit her tönten die Verkehrsgeräusche der Großstadt schwach herüber, das Klingeln der Straßenbahnen und Wagen, das Hupen der Autos.

Wie rosafarbene Perlenschnüre durchzogen die Hauptstraßen mit ihren Reihen von Bogenlampen das Häusermeer, und unzählige Dächer spiegelten das gläserne Mondlicht wider. Zwischen den eindrucksvollen schwarzen Schattenrissen hoher Baumriesen glitzerten an vielen Stellen die Wasserflächen der großen Kanäle, auf denen Hausboote mit schwach brennenden Kokoslampen dahinglitten. Hier und da schaukelten große, bauchige Papierlaternen vor den chinesischen Geschäften im Abendwind.

Fern im Westen verhüllten leichte Dunstschleier den Horizont, so daß keine scharfe Linie die flache Ebene vom Himmelsgewölbe trennte.

Vorsichtig und zurückhaltend begann Amarin vom Kreislauf der Wiedergeburten zu sprechen.

Sie hatte die innere Gewißheit, daß Warwick in vielen Existenzen die wahre Ergänzung ihres eigenen Wesens und ihr treuer Gefährte gewesen sei, den ihr das Schicksal durch den Lauf der Sterne bestimmte.

Noch an diesem Abend hatte der Oberpriester in seiner wunderbaren Predigt davon gesprochen, wie ein Blick, eine Bewegung plötzlich eine Erinnerung an die Vergangenheit auslösen könne.

Sie selbst hatte das gleiche Glück erlebt, als sie Warwick zum erstenmal begegnet war, und seitdem fühlte Sie mit jedem Tag klarer und deutlicher, daß sie eng verbunden waren und schon seit vielen Menschenaltern untrennbar zueinander gehörten.

Nun brannte die entscheidende Frage in ihr: Ahnte auch er, daß sie seit undenklichen Zeiten zueinander strebten und sich immer wiederfanden? In seinen Augen leuchtete zuweilen ein tiefer, warmer Blick auf, wenn er sie ansah. War das der Funke des Wiedererkennen, den sie durch gläubige Zuversicht zu heller Flamme entfachen konnte?

Es drängte sie, auf diese Frage eine Antwort von ihm zu erhalten, und doch hatte sie eine fast unüberwindbare Scheu, ihm etwas davon anzudeuten. Leise Zweifel beunruhigten sie, da er aus einem anderen Volk stammte, aber die Seelen konnten auf ihrer Wanderung von allen Lebenden Besitz ergreifen. Sie waren weder an eine bestimmte Rasse noch an irgendwelche anderen äußeren Grenzen gebunden.

Salabäume mit silberfarbenen, grauweißen Rinden standen auf der Terrasse. Sie hatten noch keine Blätter; nur zarte, weiße Blüten mit goldgelben Kelchen sproßten an den weitverzweigten, wirren Ästen. Hin und wieder lösten sich einzelne Blüten und schwebten langsam in wirbelnder Bewegung zu Boden.

Warwick lehnte sich an die Brüstung. Leise tastend legte Amarin ihre Hand dicht neben die seine, ohne Sie zu berühren.

»Hatten Sie jemals das Gefühl«, begann sie zögernd und mit stockender Stimme, »sich an etwas zu erinnern, das vor Ihrem jetzigen Leben liegt?«

Sein Blick schweifte über die Menamebene zum Meer, dessen weite Wasserfläche wie ein gewaltiger, silberner Spiegel durch zarte Schleier in der Ferne aufleuchtete. Er atmete tief und schwieg eine Weile.

Ängstlich forschte sie in seinem Gesicht, um seine innersten Gedanken zu ergründen, aber er schaute in weite Fernen, und der Ausdruck seiner Züge verriet ihr nichts.

»Als ich zum erstenmal alte Kirchenmusik hörte«, begann er leise und verträumt, »kam Sie mir sonderbar vertraut vor. Aber ich konnte mir nicht darüber klarwerden, woher ich sie kannte. Und es ging mir ebenso, als Sie mir eben von Buddhas Lehre erzählten.«

Tiefe Freude erfüllte sie. Sie hatte durch die Kraft ihres Hoffens und Wünschens eine leise Rückerinnerung in ihm wecken können!

Wieder schwieg er.

Sie richtete all ihre Gedanken, die ganze Sehnsucht ihrer Seele auf das eine Ziel: Dieser glimmende Funke darf nicht wieder im grauen Meer des Vergessens erlöschen! Wie eine reine Flamme muß die Erkenntnis der Wahrheit in ihm aufleuchten!

»Bei unserem ersten Zusammentreffen war es mir, als ob ich Sie schon lange gekannt hätte«, sagte sie kühn.

Langsam wandte er sich zu ihr um, und sie hielt den Atem an, als sein voller Blick sie durchdringend traf.

»Ich hatte dasselbe Gefühl«, erwiderte er leise und erregt.

Mit einer schnellen Bewegung legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Jubelndes Glück strahlte aus ihren Augen.

Er zog sie an sich und küßte sie zart.

Beseligt und wunschlos glücklich schmiegte sie sich an ihn. Alle Freuden des Dusitahimmels verblaßten vor der Wonne dieses Augenblicks.

Ein Windhauch berührte die Äste der Bäume, und leise rieselte ein leichter Blütenschauer nieder. Fern am Strom sprühten Leuchtkugeln in weichgeschwungenen Bogen empor.

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