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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 15
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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13

Bei einem offenen Pavillon, dessen hochragende Pfeiler als Bekrönung ein vergoldetes, vielgeschossiges Dach trugen, blieb Warwick stehen. Der Fußboden lag etwa einen Meter über der Erde und diente als Bühne. Eine größere Menge von Zuschauern hatte sich hier angesammelt, denn es wurde altsiamesisches Lakhon gespielt.

»Das ist das Privattheater des Prinzen Surja«, erklärte ein vornehmer älterer Siamese auf Warwicks Frage bereitwillig. »Die Rollen werden von den kleinen Frauen des Prinzen gespielt, von deren Schönheit viel gesprochen wird. Auch wegen der prachtvollen Ausstattung sind seine Aufführungen berühmt. Nur sehr selten hat man Gelegenheit, eins dieser wundervollen Spiele zu sehen.«

Schlanke junge Frauen in kostbaren Gewändern spielten gerade eine Liebesszene. In ihren hohen, spitzen Kronen blitzten kostbare Edelsteine, und wunderbar gewebte Brokatstoffe schlossen sich eng um die geschmeidigen Gestalten. Goldene Arm- und Fußspangen, mit Brillanten übersät, funkelten bei jeder Biegung und Wendung ihrer Körper. Mit hinreißender Anmut schmiegten sich die Liebenden aneinander. Jede Bewegung war ausgeglichen und vollendet, und das Spiel wurde mehr symbolisch angedeutet als ausgeführt. In dem starken, aber verhaltenen Ausdruck ihrer Gesichtszüge spiegelte sich das innere Miterleben der Rollen wider.

Vor der erhöhten Plattform hatte das Orchester seinen Platz. Die Musik einiger leise geschlagener Silberzymbeln und einer Handpauke begleitete das Spiel, im feinen Rhythmus den Schlägen des Herzens vergleichbar.

Neben den Musikanten saßen mehrere ältere Frauen in weißen Gewändern, die kurze Stäbe in den Händen hielten. In den Spielpausen rezitierten sie in feierlich-singendem Ton die uralten Strophen der Dichtung.

Düster glühend brannte Weihrauch in vier großen Bronzebecken an den Ecken der Bühne, und die zarten, bläulichgrauen Wolken legten sich wie ein durchsichtiger Schleier um die kleine Plattform, so daß das Bühnenbild wie eine Vision wirkte.

Warwick fühlte sich seltsam davon angezogen, und er konnte sich nur schwer von dem bezaubernden Anblick trennen. Noch vor wenigen Tagen hatte er ebenso harmonische Bewegungen an Prinzessin Amarin bewundern können.

Tausende von elektrischen Lampen verwandelten den ausgedehnten Festplatz in ein Lichtermeer. Die Elektrizitätsgesellschaft hatte ihre Reservemaschinen eingesetzt, um mehr Strom nach dem Dusitpark liefern zu können.

Wieder und wieder bewunderte Warwick die einzigartige Dekorationskunst, die jedes dieser provisorischen Gebäude zu einem Kunstwerk machte.

Phantastische Fabeltiere waren mit Hilfe von Lattengerüsten und Papiermaché aufgebaut, und drohend hielten große Rachasi von abenteuerlichen Formen vor einem Eingang Wache. Ihre rotgoldenen Gestalten leuchteten weithin.

Ein Riesenkoloß, der in der Erde zu stecken schien, ragte nur mit dem Kopf und den Schultern aus dem Boden hervor. Die unheimliche Gestalt war aber so groß, daß in dem Haupt eine Tanzdiele eingebaut war. Die langen Fangarme des Riesen umgrenzten einen großen, kreisrunden Platz.

Allmählich kam Warwick auf seiner Wanderung zu den kleineren Zelten, in denen die Damen der vornehmen Gesellschaft alle möglichen kunstreichen Gegenstände ausstellten und verkauften.

In einem kleinen, aber geschmackvoll eingerichteten Stand sah er Prinzessin Chanda. Sie grüßte ihn mit einem freundlichen Lächeln und zog ihn sofort ins Gespräch.

Haar und Kleidung trug sie nach altsiamesischer Art. Trotz der grauen Haare sah man ihr aber nicht an, daß sie schon über fünfzig Jahre alt war. Ihr gepflegtes, faltenloses Gesicht und die dunklen, glänzenden Augen ließen sie bedeutend jünger erscheinen.

Warwick sah sich während der Unterhaltung unauffällig nach Amarin um und entdeckte sie im Hintergrund, wo sie eifrig beschäftigt war.

Sie wandte sich plötzlich um, als sie seine Stimme hörte, und ihr Blick leuchtete freudig auf, als sie ihn erkannte. Schnell trat sie auf ihn zu.

»Mr. Warbury, ich freue mich sehr, daß Sie auch unser Zelt besuchen und etwas bei uns kaufen wollen«, sagte sie und lächelte ihn schelmisch an.

Auf einen Wink der Prinzessin zeigten ihm die Dienerinnen sofort herrliche Seidenschals mit märchenhafter Stickerei und noch märchenhafteren Preisen.

Amarin legte selbst einige Schals um, damit er die Wirkung sehen sollte.

Am liebsten hätte er alles auf diese Weise bewundert, aber kurz entschlossen kaufte er mehrere Stücke.

»Ich habe auch noch etwas für Sie persönlich«, sagte Amarin liebenswürdig.

Auf ihren Wink brachte eins der Mädchen ein elfenbeingeschnitztes Kästchen. Als sie es in die Hand nahm und öffnete, entströmte ihm ein feiner Duft, der Warwick an ihr letztes Zusammensein beim Tee erinnerte. Sie nahm ein kleines Ziertuch heraus, wie es die Herren zu tragen pflegen, und überreichte es ihm.

Er dankte ihr mit einer leichten Verbeugung und steckte es in die Brusttasche.

Prinzessin Chanda hatte es nicht bemerkt, da sie sich inzwischen mit einem anderen Besucher unterhielt, aber die Dienerinnen schauten sich verständnisvoll an.

Plötzlich wich das Lächeln aus Amarins Zügen, und Warwick folgte der Richtung ihres Blickes.

In einiger Entfernung stand Prinz Surja mit mehreren Offizieren und schaute zu ihr hinüber. Warwick gab sich den Anschein, als ob er ihn nicht bemerkt hatte, und auch Amarin sah absichtlich an ihrem Vetter vorbei.

»Das diesjährige Dusitfest ist schöner und prachtvoller als in den letzten Jahren«, sagte er, um sie abzulenken. »Sie erleben es doch zum erstenmal seit langer Zeit wieder in Ihrer Heimat – wie gefallen Ihnen denn alle diese wundervollen Bauten und Dekorationen?«

»Ich bin bisher den ganzen Abend in unserem Zelt hier gewesen und habe eigentlich noch sehr wenig von dem Fest selbst gesehen.«

In diesem Augenblick trat Prinzessin Chanda wieder zu ihnen. Ihre aufrechte, hoheitsvolle Haltung zeigte, daß sie sich ihrer Stellung wohl bewußt war und zu repräsentieren verstand. Sie hatte die beiden einige Minuten lang beobachtet und hielt es für richtig, der Unterhaltung ein Ende zu machen. Es war nicht gut, den Europäern zu viele Vorrechte einzuräumen.

Warwick ahnte ihre Absicht und versuchte rasch, ihr zuvorzukommen.

»Würden Königliche Hoheit gestatten, daß ich Prinzessin Amarin ein wenig auf dem Platz umherführe und ihr die Sehenswürdigkeiten zeige?« fragte er kühn.

Chanda war nicht damit einverstanden, aber auf dem Dusitbasar verkehrten die Mitglieder des Hofes mit den Europäern auf gleichem Fuße, und sie konnte ihm die Bitte außerdem nicht gut abschlagen, da sie sich ihm besonders verpflichtet fühlte.

Amarin warf ihm einen dankbaren Blick zu.

»Das ist eigentlich nicht üblich, aber in Ihrem Fall will ich gern eine Ausnahme machen, denn wir schulden Ihnen ja tiefsten Dank.«

Die Worte klangen höflich, aber der Ton, in dem die Prinzessin sprach, war etwas kühler als zuvor.

Warwick fühlte es wohl, ließ es sich aber nicht merken und lächelte höflich.

»Liebste Tante, ich bin bald wieder hier, aber ich möchte mich doch zu gern ein wenig umsehen. Es ist alles wieder neu und schön für mich, nachdem ich es so lange entbehrt habe. Hoffentlich verkaufst du inzwischen den ganzen Bestand an gestickten Tüchern«, sagte Amarin schmeichelnd, um Prinzessin Chanda zu besänftigen.

Warwick verneigte sich und dankte der Prinzessin liebenswürdig.

Chanda sah den beiden unmutig nach, als sie sich entfernten.

Beglückt ging Amarin an Warwicks Seite die große Feststraße entlang. Überall herrschte ausgelassene Freude und erregte Stimmung, überall ertönte frohes, heiteres Lachen. Es war ein tropisches Märchenfest, und für diesen einen Abend schienen alle Menschen ihre Sorgen und Mühen vergessen zu haben.

An einer Würfelbude machten die beiden halt. Amarin hatte derartige Vergnügungen noch nicht kennengelernt und nahm mit kindlicher Freude an allem teil. Sie gewann eine große chinesische Puppe, die Warwick tragen mußte.

Wie bei allen siamesischen Festen bot man auch auf diesem Basar den Besuchern die verschiedenartigsten Unterhaltungen. Nicht nur von Europa, sondern auch von den angrenzenden asiatischen Ländern hatte man Spiele und Tänze übernommen.

Siamesische Ringer zeigten in einem Zelt ihre Geschicklichkeit. Daneben konnte man kambodjanische Schwertkämpfer bewundern. Jongleure und Taschenspieler führten erstaunliche Kunststücke vor, und ein quadratischer Platz in der Nähe war für annamitische Lampentänze frei gehalten.

Einige Zeit sahen Amarin und Warwick den Schattenspielen der königlichen Theater zu. Eine drei Meter hohe und etwa zwanzig Meter lange Leinwand war vor einem hellflackernden offenen Feuer aufgestellt. Männer mit nacktem Oberkörper trugen lebensgroße, aus dichtem Büffelleder geschnittene Figuren vorüber und bewegten sich im Tanzschritt, manchmal langsamer, manchmal leidenschaftlich, je nach dem Gang der Handlung. Die Träger selbst konnte man deutlich als Schattenrisse unter den Gestalten der Helden und Riesen erkennen. Die zuckenden, züngelnden Flammen und die eigentümlich ruckartigen Tanzbewegungen verliehen auch den an sich starren, feindurchbrochenen Lederfiguren magisches Leben.

In der Mitte vor der Leinwand, den Zuschauern zugewandt, standen zwei Sprecher, die den Dialog für die Figuren auf der Leinwand führten. ähnlich wie bei den Lakhonspielen gehörten auch hier ein Orchester und ein Chor zur Aufführung.

Es wurde eine Episode aus dem großen Heldenepos Ramakien gezeigt. Die Handlung war allen siamesischen Zuschauern bekannt. Hanuman, der Feldherr des Affenheeres, hatte die Tochter des Riesenkönigs, die schöne, goldfarbene Nymphe Me Macha, in eine Höhle verschleppt und nahm nun von ihr Abschied. Zur größten Freude der Zuhörer versicherte er ihr, daß er nach Beendigung des Krieges zurückkommen und sie heiraten würde.

Obwohl Warwick gut siamesisch sprach, verstand er doch manche altertümlichen Wendungen und Ausdrücke nickt, und Amarin mußte sie ihm erklären.

Lachend und in frohester Stimmung gingen sie weiter.

Kurze Zeit später ließen sie sich an einem Sektbüfett eine Erfrischung reichen und gerieten dann unversehens auf den Platz zwischen den großen Fangarmen des Riesen.

Warwick warf Amarin einen fragenden Blick zu.

Sie verstand und nickte fröhlich.

Scherzend traten sie in den weitgeöffneten Rachen des Rakschasas, der als Portal diente. Dann stiegen sie die gewundene Treppe zu dem Parkettflur hinauf. Die Kapelle spielte gerade einen mexikanischen Tango, und gleich darauf tanzten die beiden nach der feurigen Melodie.

Der Wein und die magische Beleuchtung hielten sie in froher Festlaune, so daß sie den Boden unter den Füßen kaum spürten. Der geheimnisvoll pochende Takt riß sie mit und brachte ihre Bewegungen zu vollkommenem Einklang. Die von unten erhellte Tanzfläche wechselte langsam die Farbe, je nach dem Ausdruck der Musik.

Amarin lehnte sich unbefangen an Warwick und überließ sich unwillkürlich einem inneren Rhythmus, der sie durchpulste, ohne ihr zum Bewußtsein zu kommen. Ein Gefühl von Vertrautsein, von natürlichem, gegenseitigem Verstehen, wie Sie es bisher noch nicht gekannt hatte, kam über sie und machte sie unaussprechlich glücklich.

Mit den letzten Tönen der Melodie zerriß der Traum: es war wie ein Erwachen in kaltem Morgengrauen.

Riesengroße, künstliche Lotosblumen bildeten Nischen rings um die kreisrunde Tanzfläche. Die durchsichtigen Blütenblätter schillerten in vielfach abgetöntem Blau. Warwick und Amarin ließen sich in einer solchen Nische in bequemen Sesseln nieder.

Ein Chinesenboy brachte auf Warwicks Bestellung erfrischende Eisfrüchte und Bowle. Während der langen Tanzpause erschienen chinesische Gaukler in enganliegenden blauen Seidengewändern und zeigten ihre akrobatischen Kunststücke. Die grotesken Verrenkungen der Leute erregten stürmische Heiterkeit, und auch Amarin und Warwick lachten fröhlich.

Als die Kapelle nach Schluß der Vorstellung einen Walzer begann, erhoben sie sich wieder. Der sehnsüchtige Ton der Geigen mischte sich mit den dunklen Stimmen der Saxophone. Leiser und leiser klang die Musik, gedämpfter strahlte das Licht aus den blauen Lotosblüten und wechselte allmählich zu einem dunklen Rot hinüber, bis es ganz erlosch und nur noch der Tanzboden in phosphoreszierenden Farben leuchtete.

Die Wirklichkeit versank mehr und mehr, und Warwick und Amarin gaben sich ganz dem Zauber der Stimmung hin. Der Walzer verklang, die elektrischen Kronleuchter strahlten wieder in unbarmherzig weißer Helle.

Amarin schauerte leicht zusammen.

»Ich muß jetzt zurück«, sagte sie leise.

»Auch die Wonnen des Dusitahimmels dauern nicht ewig«, entgegnete er ernst.

Sie sah ihn glücklich an, denn seine Worte hatten für sie eine tiefere Bedeutung, als er damit hatte ausdrücken wollen.

Mit schnellen Schritten gingen sie zurück. Sie waren aber so stark mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, daß sie nicht auf ihre Umgebung achteten und auch nicht bemerkten, daß die Leute nach der entgegengesetzten Seite des Festplatzes eilten, wo das große Feuerwerk abgebrannt werden sollte.

Als sie bei dem Zelt der Prinzessin ankamen, reichte sie ihm schweigend die Hand.

Im selben Augenblick ertönte ein vielstimmiges »Ah!« und unter lauten Detonationen schossen farbige Feuergarben zum Himmel empor. Raketen und Leuchtkugeln explodierten knatternd in großer Höhe und sandten einen Regen von Silbersternen zur Erde nieder.

Warwick neigte sich über Amarins Hand und küßte sie leidenschaftlich. Scheu und zärtlich strich ihre Linke über sein Haar.

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