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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 13
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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11

Warwick saß in seinem Bungalow vor dem Schreibtisch. Durch die offene Tür blickte er über die Veranda hinweg nach Westen auf das leuchtende Abendrot und die untergehende Sonne. Tiefhängende, violettgraue Wolkengebilde von phantastischen Gestaltungen türmten sich vor dem hellen Firmament auf. Je tiefer das Tagesgestirn sank, um so weitere Himmelsräume wurden von den Zauberstrahlen erschlossen. Die einzelnen Wolkenschichten hoben sich in Gold und Lachsrot von dem opalfarbenen Untergrund ab, der in ungezählten Farbenschattierungen schillerte. Es war, als ob ein Maler den Pinsel in flüssiges Feuer getaucht und die zackigen Umrisse damit nachgezeichnet hätte.

Aber alle Schönheiten der Natur sah Warwick heute nicht. Wichtige Probleme beschäftigten ihn und nahmen seine Gedanken vollkommen in Anspruch. Ein Ereignis war eingetreten, das ihn vor schwere Entscheidungen stellte. Vor ihm lagen offizielle Schreiben und Aktenstücke, die er am Nachmittag mit der Europapost erhalten hatte.

Sein Onkel, Sir Maxwell Warbury, war in England gestorben, und Warwick hatte als nächster Verwandter dessen großes Vermögen geerbt. Mit einer solchen Möglichkeit hatte er nie gerechnet, und die Nachricht kam ihm deshalb vollständig unerwartet.

Sir Maxwell, der erst achtundvierzig Jahre gezählt hatte, war bei einem Autounfall schwer verunglückt und einige Stunden später im Krankenhaus gestorben, ohne das Bewußtsein noch einmal wiedererlangt zu haben. Er war der um viele Jahre jüngere Bruder von Warwicks Vater. Warwick hatte aber nie Verbindung mit ihm gehabt und ihn auch niemals gesehen, da sein Onkel in früher Jugend nach Kanada ausgewandert war, wo er auch den Grundstock zu seinem großen Vermögen gelegt hatte. Der Tod dieses Mannes berührte Warwick zwar schmerzlich, aber er löste keine tiefere Trauer in ihm aus.

Die Erbschaft war so bedeutend, daß sich Warwick nicht länger in den heißen Tropen als Leiter einer Exportfirma abzumühen brauchte. Er war jetzt sechsunddreißig. Vor vierzehn Jahren hatte er das Studium der Rechte in Cambridge abbrechen müssen, weil sein Vater in den geschäftlichen Wirren der Nachkriegszeit verarmte und kurz darauf starb. Er hätte seine akademische Ausbildung beenden und sein Examen machen können, wenn er sich damals an Sir Maxwell gewandt hätte. Sicher hätte ihm dieser die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt. Aber er war zu stolz gewesen, das zu tun, und außerdem hatte sich ihm eine andere günstige Gelegenheit geboten.

Mr. James Breyford, der eine große Überseefirma besaß und ein entfernter Verwandter Warwicks war, erkannte das Organisationstalent, den Weitblick und die große kaufmännische Begabung des jungen Mannes und veranlaßte ihn, in sein Geschäft einzutreten.

Zuerst fiel es Warwick schwer, die juristische Laufbahn aufzugeben, und er hatte immer noch die stille Hoffnung, nach einigen Jahren doch noch sein Examen machen zu können. Aber er arbeitete sich bald in seinem neuen Beruf ein und fand Freude daran, da er hier weit größere Möglichkeiten hatte, seine Fähigkeiten zu entfalten. Selbst jetzt, da er ein unabhängiger Mann war und ihm reiche Mittel zur Verfügung standen, dachte er nicht mehr daran, sein Studium wieder aufzunehmen. Er hatte sich ein kleines Vermögen gespart, aber nach seinem Vertrag mußte es in der Firma stehenbleiben. Nun war er aber plötzlich in den Stand gesetzt, in die Heimat zurückzukehren und seinen Neigungen zu leben.

Wohl kam ihm flüchtig der Gedanke, nach England zu gehen und die Erbschaft sofort anzutreten, zu der auch großer Grundbesitz gehörte. Die Versuchung lag nahe, in der Londoner City sich an der Börse zu betätigen und einer der Finanzleute zu werden, die die Märkte der Welt kontrollieren. Aber nach einiger Überlegung entschied er sich dagegen. Seine Rechtsanwälte in England würden das große Vermögen und die Liegenschaften auch ohne ihn zu seiner Zufriedenheit verwalten können.

Kurz entschlossen packte er die Akten zusammen und verschloß sie in dem Safe. Dann ging er nachdenklich im Zimmer auf und ab.

Er hatte die bedeutenden Entwicklungsmöglichkeiten Siams erkannt und wollte sie zum Vorteil seiner Firma ausnützen. Deshalb hatte er großzügige Unternehmungen begonnen. Von Mineningenieuren hatte er Abbaurechte auf reiche Zinn- und Wolframvorkommen auf der Malaiischen Halbinsel erworben. Auch plante er, ausgedehnte Reisplantagen anzulegen. Seine unverbrauchte Energie und Kraft verlangten danach, sich in großen, wirtschaftlichen Aufgaben auszuleben, und er war zäh. Einmal gefaßte Entschlüsse führte er durch, und da er ein ungewöhnlich starkes Verantwortungsgefühl hatte, wäre es ihm wie Fahnenflucht erschienen, wenn er die eben erst begonnenen Projekte jetzt fallen gelassen hätte. Er fühlte sich wie ein Feldherr, der nach sorgfältiger Vorbereitung zum Angriff übergegangen ist und den Kampf nicht abbrechen will.

Schließlich trat er auf die Veranda hinaus und setzte sich dort in einen Liegestuhl.

Der Boy hatte ihn während der ganzen Zeit unauffällig aus dem Hintergrund beobachtet. Geräuschlos kam er nun auf seinen dicken Filzsohlen herbei und stellte vorsorglich den Ventilator an, damit der Luftzug die Moskitos vertreiben und seinem Herrn Kühlung spenden sollte. Schon zehn Jahre diente er bei Warwick und war ihm treu ergeben. Im Lauf der Zeit hatte er sich in die Gewohnheiten und die Eigenart seines Herrn eingelebt, so daß er ihm den leisesten Wunsch an den Augen ablesen konnte.

Aber Warwick achtete nicht auf ihn. Er war zu sehr in Überlegungen vertieft, die der Durchführung seiner Pläne galten. Im Geist sah er schon die großen Reismühlen und Speicheranlagen vor sich, die er am Menamufer für die Firma errichten wollte.

Seit Beginn seines Aufenthaltes in Bangkok hatte er sich bemüht, das Geschäftsleben im Osten zu studieren, und er hatte auch die Methoden der Taukes, der großen chinesischen Kaufleute, genau beobachtet. Warum sollten sie allein diese bedeutenden Möglichkeiten ausnützen? Er traute sich zu, es ihnen mindestens gleichzutun, wenn nicht gar sie zu übertreffen.

Die Chinesen nützten die siamesischen Reisbauern rücksichtslos und kaltblütig aus und waren eine große Plage für das Reich, da sie die Landleute fast um all ihren Verdienst brachten und der Verarmung entgegentrieben.

Als altes, kriegerisches Volk lehnten es die Siamesen ab, Handel zu treiben, und die Chinesen füllten diese Lücke aus. Überall hatten sie sich derartig festgesetzt, daß sie den gesamten Handel auf dem Land in ihre Hand gebracht hatten. Selbst im kleinsten Dorf saß ein chinesischer Händler und lieh den Bauern bereitwillig Geld, das sie dann wieder in seiner Spielhölle verloren. Die Regierung hatte zwar diesem Unfug ein Ende gemacht und sämtliche Glücksspiele im Lande verboten. Nur noch am Wan Krut, dem siamesischen Neujahr, durfte drei Tage lang gespielt werden, und dann auch nur in Privathäusern.

Aber die Chinesen verstanden es auch auf andere Weise, die Bauern in ein Schuldverhältnis zu bringen und durch unglaublich hohe Wucherzinsen auszusaugen. Die Reisernte mußte dann gewöhnlich schon auf dem Halm zu einem Spottpreis verkauft werden.

Die Regierung wollte große Silos in der Hauptstadt und in den Provinzen bauen und selbst die Reisvorräte zu einem guten Durchschnittspreise aufkaufen, aber bis jetzt waren das alles nur fromme Wünsche geblieben, denn die Unterhaltung eines modernen, schlagkräftigen Heeres nahm fast alle verfügbaren Mittel in Anspruch.

Hier wollte Warwick als Kaufmann eingreifen und die wohlgemeinten Pläne der Regierung selbst ausführen. Dabei ließen sich große Gewinne erzielen, ohne daß die siamesischen Bauern übervorteilt wurden. Bei diesem Entschluß fühlte er sich glücklich, denn er gab ihm das Bewußtsein der wachsenden Macht.

Nach einer Weile wanderten seine Gedanken zu Evelyn. Sie kannte das Leben in den Tropen und war großzügig. Als er ihr von seiner Mia Me Talap erzählte, machte sie ihm nicht den leisesten Vorwurf. Das Verständnis für diese Lebensnotwendigkeit in den ersten Jahren seines Tropenaufenthaltes und die Natürlichkeit, mit der sie alles beurteilte, zogen ihn noch mehr zu ihr hin.

Unter seiner Veranda rauschte der große, breite Menam vorüber. Da die Flut gerade fiel, war die Strömung besonders stark.

Warwicks Blick schweifte nach Norden, wo der Fluß in großem Bogen das Chinesenviertel Sampeng umgab. Dort, in der Nähe von Tapan Han, lag der Laden, den er für Me Talap kaufte, als er sich nach Seiner Verlobung von ihr trennte. Jahrelang hatte sie ihm den Haushalt geführt und war ihm treu und ergeben gewesen. Es war ein eigenartiges Verhältnis. Öfter hatte er im Anfang versucht, mit ihr über Dinge zu reden, die über den Alltag und das gewöhnliche Leben hinausgingen. Sie hatte ihm aufmerksam zugehört und nie widersprochen oder eine andere Meinung geäußert. Aber später merkte er, daß sie ihn falsch oder überhaupt nicht verstanden hatte.

Als er sie zur Mia nahm, hatte er ihrer Mutter eine Morgengabe von zweihundert Tikals gegeben. Oberflächliche Europäer mochten das vielleicht einen Frauenkauf nennen, aber das war es in keiner Weise. Die Mias der Europäer nehmen eine eigentümliche Stellung ein; sie erhalten wie auch in manchen Siamesenfamilien monatlich eine feste Summe, von der sie ihre persönlichen Einkäufe und Bedürfnisse bestreiten.

Was erfuhr ein Europäer eigentlich von dem Innenleben einer Asiatin? Me Talap hatte ihn geliebt und für ihn gelebt, aber im Grunde wußte er nichts von ihr. Ohne geheimnisvoll sein oder erscheinen zu wollen, war sie ihm immer ein Rätsel geblieben.

Oft kehrten seine Gedanken zu der Zeit zurück, in der sie im Hause gewaltet hatte. Der Chinesenboy besaß auch ein feines Einfühlungsvermögen und versorgte ihn aufopfernd, aber Me Talaps Gegenwart konnte er nicht ersetzen. Sie hatte in Warwicks Leben eine viel größere Rolle gespielt, als er früher gedacht hatte, und ihre blumenzarte Schönheit und ihre schlichte Natürlichkeit fehlten ihm überall.

Sie wartete noch auf ihn. Wenn er sie heute abend rufen ließe, würde sie wiederkommen. Etwas rührend Naives lag in ihrer Lebensauffassung. Als er ihr sagte, daß er eine weiße Frau heiraten wolle, bat sie ihn, sie als kleine Nebenfrau zu behalten. Sie würde der weißen Mem so treu dienen wie ihm selbst, sagte sie, und er wußte, daß sie ihr Wort gehalten hätte. Aber er mußte es natürlich ablehnen, wenn Me Talap es auch nicht verstehen konnte.

Die großen Bambussträucher rauschten im Abendwind; dazwischen mischten sich die feinen Stimmchen der kleinen Chinchok-Eidechsen, die sich im Liebesspiel an den Wänden und an der Decke entlang jagten und neckten.

Plötzlich wurde Warwick unsanft aus seinen Gedanken gerissen. Das Grammophon spielte einen schmetternden Militärmarsch. Heftig sprang er von seinem Liegestuhl auf. Was fiel denn dem Boy ein? War der Junge verrückt geworden?

Aber im nächsten Augenblick ertönte von der Tür des Wohnzimmers her ein unbändiges Gelächter. Ronnie hatte sich heimlich nach oben geschlichen und den Apparat angestellt.

»Warum hast du dich noch nicht angezogen?« rief er. »Wir wollen doch heute zum Dulitbalar gehen.«

»Ach, das hatte ich im Augenblick ganz vergessen. Trinke inzwischen ein Glas Whiskysoda, ich bin gleich fertig.«

Vom Schlafzimmer aus hörte er, wie das Grammophon den letzten Walzerschlager spielte. Ronnie tanzte dazu und sang die Melodie bald richtig, bald falsch mit.

Kurze Zeit später saßen sie nebeneinander im Wagen.

»Warwick, du bist ja heute so aufgekratzt und menschlich«, meinte Ronnie, nachdem sie sich eine Weile lebhaft unterhalten hatten.

»Das kommt von deinem herrlichen Gesang«, entgegnete sein Freund gutgelaunt. »Außerdem fahren wir doch zum Dusitparkfest! Heute kannst du einmal die vornehme und höchste siamesische Gesellschaft kennenlernen; der Basar gehört zu den wenigen Festlichkeiten, bei denen der Hof und viele Prinzen und Prinzessinnen erscheinen. Auch die Europäer sind zugelassen. Es wird reiche Ausbeute für dein Buch geben. Wie weit bist du denn eigentlich damit?«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wieviel Stoff ich schon gesammelt habe! Heute habe ich das Kapitel über Wat Po oder den Tempel des schlafenden Buddha mit den großen Füßen fertiggemacht.«

»Na, das wird sicher merkwürdig genug ausgefallen sein! Laß es mich bitte einmal durchlesen, bevor du es in Druck gibst, damit ich wenigstens den größten Unsinn ausbessern kann.«

»Ach, du alte Unke, immer hast du etwas auszusetzen! Warum schreibst du denn nicht selbst ein Buch, wenn du alles so gut weißt? Aber ich habe die Fußsohlen gemessen – denke dir, sie sind zwei Meter siebzig lang«, erwiderte Ronnie eifrig.

»Hast du vielleicht auch schon ausgerechnet, welche Schuhgröße dazu paßt?«

»Warwick, du mußt solche Dinge nicht ins Lächerliche ziehen. Ich sage dir, das ist eine ernste, wissenschaftliche Angelegenheit. Diese Sohlen zeigen interessante Bilder von einem großen Teil der Vorgeburten Buddhas, zum Beispiel, wie er als Fels, als Mauer, als Säule existierte und dann später in höhere Daseinsformen aufstieg. Er ist auch dargestellt als blühender Salabaum, als Fisch, als Elefant und dergleichen. Fabelhafte Symbolik!«

»Woher hast du nur all die Weisheit?«

»Me Kam hat mir viel gesagt, und auch Prinzessin Amarin hat mir geholfen. Außerdem war ich mit den Fotos, die ich gemacht habe, in der Königlichen Bibliothek. Dort sitzen ein paar alte Knaben, die den Titel ›Maha‹ haben. Das muß ungefähr dasselbe sein wie ›Professor‹ in England. Sie sprechen gut englisch und haben mir alles erklärt.«

»Du nimmst ja derartig zu an Alter, Gnade, Weisheit und Verstand, daß du nächstens ein buddhistischer Mönch werden könntest!«

»Seltsam, wie du meine Gedanken errätst! Ich glaube jetzt fast, daß du auch schon in früheren Existenzen mein Freund warst. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, daß du in deiner letzten Wiedergeburt ein berühmter Handelsherr zur Hansezeit warst und ein großes Kontor im Stahlhof von London hattest. Und ich gehörte sicher zu den Begleitern von Christoph Kolumbus, als er Amerika entdeckte. Vielleicht war ich auch Kolumbus selbst, das ist gar nicht ausgeschlossen. Genies werden ja zu ihren Lebzeiten immer verkannt.«

»Nun mache aber Schluß!« Warwick legte Ronnie die Hand auf die Stirn. »Sonnenstich!« erklärte er kurz.

»Du bist ein nüchterner Europäer mit einer flachen Kaufmannsseele, der nie den Weg zum Land des Wunders finden wird. Aber nun höre einmal, wie weit ich schon in der Erkenntnis der Dinge gekommen bin. Ich habe die zweiunddreißig großen und die vierundsechzig kleinen Glückszeichen auf den Fußsohlen erklärt.«

»Dann kannst du ja nächstens dein Brot als Fußsohlendeuter verdienen!«

»Das ist eine großartige Idee, alter Junge. Irrsinnig interessant! Stelle dir zum Beispiel vor, wie entzückend es wäre, wenn ich die niedlichen Fußsohlen der reizenden Prinzessin Amarin deuten dürfte!«

Warwick bog jetzt in den Weg ein, der direkt nach dem Tempel Benchama führte. In dessen unmittelbarer Nahe hatte der Palastminister die große Zeltstadt für den Basar errichten lassen.

Schon von weitem sahen sie am Himmel den Widerschein der ungewöhnlich hellen und prachtvollen Beleuchtung.

»Die Siamesen sind wirklich übermodern«, seufzte Ronnie. »Die machen uns doch auch alles nach, selbst unsere Wohltätigkeitsfeste und Basare. Man weiß gar nicht, was man in einem Buch noch Originelles über Siam schreiben soll.«

»Du bist so wetterwendisch wie eine Primadonna! Eben hast du mir noch erzählt, wieviel Stoff du schon gesammelt hast. Das ist doch gerade der Reiz der siamesischen Hauptstadt, daß sich hier Europa und Asien so intensiv miteinander mischen. Das gibt dem Leben hier das eigenartig faszinierende Gepräge. Das Eisenbahnnetz des Landes ist zum Beispiel viele tausend Kilometer lang, und doch kann der Hofzug des Königs erst in einem Augenblick abfahren, den die staatlichen Sterndeuter als günstig errechnet haben.«

»Wie machen sie denn das?«

»Hier gibt es noch eine uralte, kleine Kolonie von echten indischen Brahmanen, die große Astronomen sind«, fuhr Warwick fort, ohne näher auf Ronnies Frage einzugehen. »Sie sind keine Buddhisten, sondern verehren an Stelle von Buddha die alten Hindugötter Schiwa, Wischnu und Brahma. In grauer Vorzeit sind sie einmal mit einem vertriebenen Prinzen aus Indien eingewandert, sie vermischen sich nicht mit den Siamesen und haben sich durch viele Jahrhunderte hindurch rasserein gehalten. Und denke doch an die weißen Elefanten, die als glückbringende Tiere von Staats wegen in prachtvollen Ställen gehalten und verehrt werden. Und wir haben doch noch eben von den buddhistischen Mönchen und ihren herrlichen Klostertempeln gesprochen.«

»Warwick, du bist ein irrsinnig gelehrtes Haus«, sagte Ronnie und Sah bewundernd zu seinem Freund auf.

Eine Lichtgarbe von Raketen schoß von dem nahen Festplatz zum dunklen Nachthimmel empor und sank als goldener Sprühregen nieder.

»Aber wenn dir auch sonst alles zu europäisch ist«, fuhr Warwick fort, »das eine mußt du den Siamesen lassen: Feste können sie feiern.«

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