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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 11
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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9.

Weit öffneten sich die Flügel des kunstvoll geschmiedeten Parkportals: ein indischer Pförtner in malerischer Tracht, der einen hohen, weißen Turban und einen langen, silberbeschlagenen Stab trug, verneigte sich tief und ehrerbietig vor dem Besucher.

Als Warwich zwischen den hohen, mächtigen Teakbäumen hindurchfuhr, bot sich ihm ein überraschender Anblick. Vor dem Palais dehnte sich eine weite, gutgehaltene Rasenfläche aus, die von einzelnen Baum- und Sträuchergruppen umrahmt war. Unwillkürlich wurde er an die schönen, gepflegten Gartenanlagen in seiner Heimat erinnert. Weitausladende Tamarinden mit gefiedertem Laub und schwarzgrüne Bobäume, deren breite, schattige Kronen durch starke Luftwurzeln gestützt wurden, erhoben sich zu beiden Seiten des Mittelbaues und bewachten den Haupteingang. Der mit hellen, gelblichgrün schillernden Fayencekacheln verkleidete Bau leuchtete in den schrägen Strahlen der Abendsonne wie ein Märchenschloß aus dem dunklen Grün des Parks.

Sträucher und Bäume warfen lange Schatten auf die Zufahrtsstraße. Warwick fuhr die langsam ansteigende Rampe hinauf und hielt schließlich vor der geräumigen Säulenhalle des Haupteingangs.

Zwei Diener in dunkelblau-silberner Livree eilten herbei und geleiteten ihn in die hohe, angenehm kühle Halle, wo der Hausmeister Kun Anchit ihm in silberdurchwirktem Gewande entgegentrat und ihn nach altsiamesischem Brauch begrüßte. Dann führte er ihn die Treppe zum Obergeschoß hinauf.

»Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Chanda ist leider erkrankt, aber Prinzessin Amarin wird Sie empfangen, Mr. Warbury«, sagte der alte Mann freundlich und öffnete die Tür zum Teesalon.

Erwartungsvoll trat Warwick ein. Er war allein und sah sich interessiert in dem nicht allzu großen Raum um. Früher hatte er öfter Gelegenheit gehabt, siamesische Prinzen in ihren Häusern zu besuchen, aber nirgends hatte er eine so seine Kultur gefunden, wie sie sich hier selbst in den kleinsten Dingen äußerte.

Intarsiatäfelung deckte verschwenderisch die Wände, und hell leuchteten Kranokranken von goldfarbenem Kopraholz in bronzebrauner Sapanmaser. Schlanke, vortretende Pilaster aus demselben prachtvollen Material gliederten die Wände. Die glatte, einfarbige Altgoldfläche des weichen Smyrnateppichs und die seidenglänzenden Bezüge der Polstermöbel im gleichen Ton wirkten als reizvoller Gegensatz zu den krausen, flammenden Ornamenten. Aber trotz aller Pracht herrschte eine wohltuende Harmonie in dem Raum.

Während Warwicks Blick noch staunend über die kostbare und doch so einheitliche Ausstattung des Zimmers glitt, fühlte er plötzlich die auffallend erfrischende Kühle in dem Salon. Er wunderte sich darüber, da er keine Fächer entdecken und keine Luftbewegung wahrnehmen konnte. Erst nach einigem Suchen entdeckte er einen modernen elektrischen Luftkühler, der so geschickt in die Wand eingebaut war, daß man ihn kaum bemerkte. Als er noch überrascht diese neuartige technische Anlage betrachtete, von der er in den letzten amerikanischen Fachzeitungen gelesen hatte, öffnete sich die gegenüberliegende Tür, und Prinzessin Amarin trat herein.

Das dunkle Olivgrün ihres Kleides und das Mattgrün der feinen Spitzen bildeten mit dem ungewöhnlich hellen Bronzeton ihrer Haut einen wundervollen Farbenakkord. Die zarte, leichtfließende Seide schmiegte sich um ihre federnd schlanke Gestalt und lief in weichen Falten aus.

Einen Augenblick blieb sie in der Tür stehen, und auf Warwick wirkte sie in dem Rahmen und in dieser Umgebung wie ein zum Leben erwachtes Gemälde. Schwarze, halblange Locken umschmeichelten das weiche Oval ihres Gesichtes. Wieder traf ihn der sehnsuchtweckende Blick ihrer unergründlich tiefen Augen, und alle halbbewußten Träume erwachten aufs neue. Sie trat auf ihn zu und reichte ihm unwillkürlich beide Hände.

»Wie freue ich mich, daß Sie wieder gesund und wohlauf sind«, sagte sie herzlich.

Warwick war so verwirrt, daß er nur einige herkömmliche Begrüßungsworte fand.

»Meiner Tante tut es unendlich leid, daß sie krank ist und sie nicht persönlich begrüßen kann. Sie wünschte so sehr, Ihnen für Ihre Geistesgegenwart und Kühnheit zu danken. Sie haben Ihr Leben für uns aufs Spiel gesetzt, ohne uns überhaupt zu kennen.«

Sie sprach so unbefangen und natürlich, daß er allmählich wieder sicherer wurde. Mit höflichen Worten dankte er für die Einladung.

»Der Unfall hat ja glücklicherweise keine schweren Folgen gehabt«, fuhr er dann fort, »und es war meine Pflicht, so zu handeln. Jeder Gentleman hätte das gleiche getan.«

Ein warmer Blick aus ihren Augen sagte ihm, wie sehr sie seinen Mut bewunderte. Mit einer anmutigen Bewegung lud sie ihn zum Sitzen ein. Er nahm Platz, und sie ließ sich auf einer Couch in der Nahe seines Sessels nieder.

Nur wenige Möbel in dunklem, goldbraunem Sapanholz betonten die vornehm-einheitliche Wirkung des Raums. Alles schien an seinem Platz zu sein, nirgends stand zuviel, nichts fehlte. Mit feinem Verständnis waren die Farben zusammengestellt. Das einzige große Gemälde schilderte eine Szene aus der siamesischen Sage und erhöhte durch seine verhalten glühende Leuchtkraft die festliche Wirkung. Frische Farne reckten ihre feinfiedrigen Blätter aus grünbraunen Fayencetöpfen und Vasen, und Orchideen von seltsamen Formen schillerten dazwischen wie gaukelnde Tropenfalter.

Auf ein Klingelzeichen der Prinzessin rollte eine Dienerin einen Teewagen herein.

Warwick bewunderte das chinesische, jadegrüne Service mit dem goldenen Drachenmuster, das sich den Farbenharmonien des Raumes unaufdringlich einfügte. Er sah sofort mit Kennerblick an den fünfklauigen Pranken der Drachen, daß es aus dem Kaiserpalast von Peking stammen mußte.

Seit dem Unfall hatte Amarin nur durch Me Kam und Ronnie von Warwich erfahren. Die unvermittelte Nachricht von Seiner Verlobung hatte sie zuerst schwer getroffen und traurig gemacht, doch verwandelte sich diese Stimmung bald in Resignation, und später schob sie den Gedanken daran beiseite, weil er ihr unangenehm war.

»Ihr Freund Ronnie Maynard hat mir schon viel von Ihnen erzählt, besonders aus Ihrer Jugend«, sagte sie, während Sie ihm eine Tasse reichte.

»Hoffentlich nicht zuviel Schlechtes«, entgegnete er lächelnd und nahm dankend von dem Gebäck, das sie ihm liebenswürdig anbot.

»Nein, das hat er nicht getan. Er verehrt Sie und sieht in Ihnen einen Helden. Er sagte, daß Sie sein Vorbild wären, dem er nacheifert. An ihm haben Sie einen treuen Freund, der sicher alles für Sie tun würde. Er geriet in helle Begeisterung, als er von Ihnen sprach.«

Amarins Augen leuchteten beglückt auf, während sie dies sagte.

»Er ist ein lieber, lustiger Junge, den man gern haben muß, wenn man ihn sieht.«

Warwick nickte. Er kannte Ronnie mit all seinen Vorzügen und Schwächen nur zu gut.

»Mr. Maynard versteht auch nicht, warum Sie hier in Ostasien bleiben«, fuhr Amarin fort. »Er meinte, in England würden Sie eine viel einflußreichere und höhere Stellung einnehmen können als hier in Siam. Und ich glaube auch bestimmt, daß Sie im Regierungsdienst bald eine bedeutende Rolle spielen würden.«

»Wollen Sie denn, daß ich Bangkok verlassen soll^« fragte er scherzend.

»O nein«, entgegnete sie schnell, denn sie erschrak vor dieser Schlußfolgerung. Aber in ihren Träumen und Gedanken hatte sie ihn immer als einen erfolgreichen und kühnen Staatsmann gesehen.

Sie hatte so aufrichtig und bestürzt gesprochen, daß in ihren Worten mehr als eine höfliche Erwiderung lag, und eine heimliche Freude erfüllte ihn.

»Warum sind Sie eigentlich Kaufmann geworden?« fragte sie unvermittelt. »Bei Ihrer außergewöhnlichen Begabung würden Sie es in jedem anderen Beruf weit bringen.«

»Ich halte den Kaufmannsstand nicht für schlechter oder unbedeutender als einen anderen.« Warwick richtete sich in seinem Sessel etwas auf. Es schmerzte ihn, daß auch Amarin dieses Vorurteil hatte, aber um so mehr bemühte er sich, ihr seine Auffassung darüber klarzumachen. Er sagte ihr, wie hoch er seinen Beruf schätze, und schilderte ihr mit packenden Worten, wie vielseitig und umfassend ein Handelsherr auf seine Zeit einwirken könne, und welche hohe Aufgabe darin liege, in friedlicher Weise die Gegensätze zwischen den Völkern durch Handelsbeziehungen auszugleichen und die Nationen einander näherzubringen.

Sie hörte ihm überrascht zu, denn die Siamesen verachten im Grunde die Kaufleute und halten sie nur für ein notwendiges Übel.

Warwick besaß die seltene Gabe, mit wenigen Worten eine Sache treffend zu schildern und dem Verständnis seiner Zuhörer nahezubringen. Bald hatte er sie auch von seinem Standpunkt überzeugt. Voll Bewunderung erkannte Amarin, von welch hoher Warte aus Warwich das Leben betrachtete. Wenn sie etwas nicht verstand, fragte sie ihn, und sie unterhielten sich so leicht und fließend, als ob sie sich schon seit langer Zeit kennen würden.

Sein warmer, freimütiger Blick weckte ein Gefühl von Sicherheit und Zutrauen in ihr, und Warwick, der sonst verschlossen war, konnte zu ihr von seinen hochfliegenden Plänen sprechen.

Interessiert sah sie ihn von der Seite an. Nur eine feine, schmale Narbe erinnerte noch an die schreckliche, blutende Wunde, die ihn nach dem Unfall entstellt hatte. Welche kühnen Gedanken verbargen sich hinter dieser hochgewölbten Stirne! Sie betrachtete sein scharf umrissenes, vornehmes Profil mit der geraden Nase und dem kantig geschnittenen Kinn. Dieser Mann war ein geborener Führer, aufrecht und stark. Seine großzügigen Ideen begeisterten Amarin.

Später sprachen sie von der Pracht der Tropenwelt und von siamesischer Kunst und ihrer Eigenart.

»Sie schätzen natürlich die europäische Kunst höher als die asiatische, und sicher haben Sie in gewisser Weise auch recht. Ich denke zum Beispiel an die große gotische Kathedrale in Reims und an andere herrliche Dome. Ihnen gegenüber sind unsere Tempel wenig monumental, und an Höhe können sie auf keinen Fall mit ihnen wetteifern«, sagte Amarin, aber ihre Stimme klang fragend. Sie wollte wissen, ob sich Warwick auch auf den ablehnenden Standpunkt der meisten Europäer in Bangkok stellte.

Einen Augenblick dachte er nach, dann wandte er sich wieder lebhaft zu ihr und sah ihr voll in die Augen.

»So fasse ich den Unterschied nicht auf. Man kann jede Kunst nur aus sich selbst heraus beurteilen. Vergleiche sind schwer möglich und führen auch meist nur zu einem einseitigen Urteil.«

»Dann kann die siamesische Kunst Ihrer Meinung nach also doch nicht den Vergleich mit der europäischen aushalten?«

»Nein, das Gegenteil wollte ich damit sagen. Sowohl die siamesische als auch die europäische sind in ihrer Art groß, schön und vollkommen. Ich schätze die siamesische Kunst, weil sie den lebendigen Zusammenhang mit dem Leben und der Religion noch nicht verloren hat. Sie ist noch fest im Volksbewußtsein verankert und im besten Sinn des Wortes eine Nationalkunst, während wir in Europa ständig nach neuen Ausdrucksformen suchen und nicht zur Ruhe kommen können. Wir erleben unsere große alte Kunst schon vom kunstgeschichtlichen Standpunkt aus. Wenn aber erst die Geschichte einer Periode geschrieben wird, ist diese gewöhnlich abgeschlossen und erledigt. Unsere große Kunst ist gestorben. Hoffentlich erleben wir in der Zukunft noch einmal eine neue Blüte.«

Amarin war beglückt über sein freies, unparteiliches Urteil. Aber während sie über diese hohen Dinge sprachen, dachten beide in Wirklichkeit an anderes. Nach einiger Zeit kam ihnen das auch zum Bewußtsein, aber sie wollten es sich nicht eingestehen.

Als er ihr seine Tasse reichte, berührten sich ihre Hände unwillkürlich einen Augenblick, und es war Amarin, als ob ein elektrischer Funke auf sie überspränge. Sie hatte gerade von dem herrlichen Perlmutterportal im Wat Pra Keo gesprochen und erzählt, welche Rolle dieser Tempel in der Geschichte Siams spielte. Nun brach sie verwirrt ab, da sie vergessen hatte, was sie sagen wollte. Ihre Wangen und Lippen färbten sich dunkler.

Um ihre Verlegenheit zu verbergen, schob sie ihm das goldene Rauchtablett zu.

Ihre Erregung hatte sich ihm mitgeteilt, und er wählte umständlich, um seine Unruhe zu verbergen. Auch Amarin nahm eine leichte Zigarette, die in ein Lotosblatt gehüllt war, und wahrend er ihr das elektrische Feuerzeug reichte, hatten beide Zeit, sich wieder zu fassen. Aber die Unterhaltung kam nicht wieder in den leichten Fluß wie vorher.

Ohne es zu wissen, hatte sich Amarin etwas näher zu Warwick geneigt. Ein feiner Duft ging von ihr aus, und wie von ungefähr legte sie ihre schmale, feingliedrige Hand auf die niedrige Lehne seines Sessels.

Er hatte die Augen halb geschlossen und sah nur die eine Hand. Ein unwiderstehliches Verlangen packte ihn, sie liebkosend zu fassen und zu küssen.

Plötzlich klopfte es an der Tür, und beide fuhren erschreckt auf.

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