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Flucht aus Buddhas Gesetz

Ravi Ravendro: Flucht aus Buddhas Gesetz - Kapitel 10
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typefiction
authorRavi Ravendro
titleFlucht aus Buddhas Gesetz
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H. Berlin
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8

Die großen Kontore und Dampferanlegestellen der Firma Breyford lagen im südlichsten Teil der Stadt am Menamfluß, der hier so breit war, daß er ein natürliches Hafenbecken bildete.

Viele Schiffe aus aller Herren Ländern ankerten im Strom, oder sie machten vor den großen Lagerhäusern und Reismühlen fest, wo sie ihre Fracht nach Europa an Bord nahmen. Am Heck der Schiffe flatterten die Landesflaggen luftig im Winde. Am häufigsten sah man die chinesische und die Siamesische. Europa war durch englische, deutsche, französische, italienische und dänische Dampfer vertreten. In letzter Zeit zeigten auch die Japaner öfter ihre weiße Fahne mit der aufgehenden Sonne, und selbst die Flagge von Sarawak wehte auf einem großen, schwarzen Schiff mitten im Fluß.

Vier Wochen waren seit Warwicks Unfall vergangen. Seit zwei Tagen arbeitete er wieder im Büro und fühlte sich wieder gesund und kräftig. Glücklicherweise hatte der Autounfall keinen dauernden Schaden hinterlassen. Die Narben im Gesicht und auf der Stirn waren gut geheilt.

Sein Wohnhaus lag abseits von Breyfords Bungalow, befand sich aber auch auf dem ausgedehnten Grundstück der Firma, das eine lange Strecke am Flußufer einnahm.

Er hatte sich zur Ausfahrt angekleidet und trat auf die breite, schöne Veranda, die ein wenig ins Wasser hinausgebaut war.

Die Uhr schlug halb fünf vom großen Bürohaus. In einer halben Stunde begann die Zeit der Abendkühle, die Schönste Stunde in den Tropen.

Etwas zerstreut und nervös schaute Warwick auf das bunte Leben und Treiben hinaus, das sich vor seinen Augen abspielte.

Dampfbarkassen und Motorboote verkehrten zwischen den großen Schiffen, und flinke Sampanboote schossen von einem Ufer zum anderen. Wie venezianische Gondolieri standen die Ruderer am Ende ihrer Fahrzeuge und regierten sie mit einem Ruder. Schlepper brachten lange Reihen von Reisbooten den Fluß hinunter, während einige große chinesische Dschunken mit malerischen Rippensegeln die steigende Flut benützten, um stromauf zu fahren.

Die Besatzung war froh, daß sie die Fahrt von Kanton sicher überstanden hatte. Am Vordermast hatten die Leute ein niedriges Brettergestell errichtet. Rote Tücher mit schwarz aufgemalten chinesischen Buchstaben schmückten dielen Altar, vor dem die Chinesen Weihrauchstäbchen anzündeten. Nachdem sie sich kniend unzählige Male verneigt hatten, steckten sie die Stäbchen in sandgefüllte Porzellanschalen. Zu gleicher Zeit brachten sie viele Pulverfrösche und Kanonenschläge zur Explosion, die einen unheimlichen Lärm machten und sogar das Getöse im Hafen übertönten. Ein alter Matrose schlug während dieser Zeremonie dauernd einen großen Gong, und blaue Pulverschwaden zogen über das Wasser zum Ufer. Durch den Lärm wurden sämtliche Hunde der Gegend rebellisch und begannen wild zu heulen.

»Boy! – Boy!« rief plötzlich jemand mit lauter Stimme unten an der breiten Holztreppe, die zur Veranda hinaufführte.

Das Haus besaß kein Erdgeschoß und ruhte auf hohen, gemauerten Pfeilern, damit der Wind darunter herwehen und alle Krankheitskeime forttragen konnte.

Warwick trat ärgerlich einen Schritt zurück, damit man ihn nicht sähe. Die Besuchszeit begann doch erst um fünf! Unglücklicherweise hatte er den Boy fortgeschickt, um seinen neuen Wagen zu holen. Der alte hatte beim Unfall stark gelitten und befand sich noch in Reparatur. Das Auto stand in der großen, gemeinsamen Garage der Firma, und der Weg dorthin war etwas weit, da sie am anderen Ende des Grundstücks lag.

Der Besucher war kein anderer als Ronnie, und als er niemand fand, der ihn anmeldete, stürmte er einfach die Treppe hinauf.

»Großartig siehst du wieder aus! Als ob überhaupt nichts geschehen wäre!« rief er erfreut, als er Warwick sah. »Der alte Pra Nivet ist doch ein feiner Kerl, er hat dich blendend wieder zusammengeflickt. Ich habe ihn in seinem Haus besucht und mir etwas über siamesische Medizin erzählen lassen – ich sage dir, irrsinnig interessant!«

Warwick war an diesem Nachmittag bei Prinzessin Chanda zum Tee geladen, und Ronnies Besuch kam ihm sehr ungelegen. Sein Gruß fiel daher etwas kühler aus als sonst.

»Tag, Ronnie. Wie hast du dich denn mit Pra Nivet unterhalten?«

»Ich wollte natürlich siamesisch mit ihm sprechen, aber er hat englisch geredet.«

»Das war jedenfalls sehr gut für dich, denn wenn du auch schon ein paar Brocken siamesisch aufgeschnappt hast, wie es die Kulis miteinander reden, so kannst du dich doch noch lange nicht mit einem vornehmen Siamesen in seiner Muttersprache unterhalten, besonders wenn es sich um ein so schweres Thema wie Medizin handelt.«

»Sage das nicht, Warwick. Ich habe inzwischen eingehende Sprachstudien getrieben, und ich habe dabei sogar eine ganz neue Methode entdeckt. Ich schreibe auch einen Sprachführer –«

»Irrsinnig interessant«, unterbrach ihn Warwick ironisch.

»Ich teile alle Worte in Sprachreihen auf«, fuhr Ronnie unbeirrt fort. »Die prägen sich dem Gedächtnis von selbst ein und sind so leicht, daß jedes Kind sie sofort begreift.«

»Du kennst doch bis jetzt nur die Sprache, die vom gemeinen Volk gesprochen wird. Wenn du einen Sprachführer schreiben willst, mußt du aber viel mehr wissen. Neben dem sogenannten Kulisiamesisch gibt es noch das Hochsiamesisch, das die Beamten und die bessere Gesellschaft gebrauchen, und außerdem die Hofsprache, die stets in Gegenwart des Königs gesprochen wird. Da heißt jeder Gegenstand anders, und davon würdest du kein Wort verstehen. Und selbst wenn du das alles beherrschtest, könntest du noch immer nicht die heiligen Schriften lesen oder die alte klassische Literatur, wie zum Beispiel das Ramakien, übersetzen.«

»Ach, mein lieber Luftbrummer, du bist immer so pedantisch und vertrocknet wie ein altes Ölgemälde. Du machst alles so furchtbar schwer! Du mußt das Leben nur frisch und unbefangen anpacken, dann gehört es dir. Aber nun passe einmal auf, welche fabelhafte Reihe ich aufgestellt habe. Da hast du auch gleich ein Beispiel für meine neue Methode.

Rot‹ heißt Rad oder Wagen, › ma‹ heißt das Pferd und › rot ma‹ die Pferdedroschke. › Tchek‹ der Chinesenkuli – › rot tchek‹ der Wagen, der von einem Kuli gezogen wird, oder die Rikscha. Aber es kommt noch viel besser: › fai‹ das Feuer, › rot fai‹ der Feuerwagen oder die Eisenbahn. › Fa‹ der Himmel, › fai fa‹ Feuer vom Himmel oder Elektrizität. Und › rot fai fa‹ heißt die Straßenbahn. › Rot motorcar‹ das Auto –«

»Das stimmt nicht. Diesen Ausdruck gebraucht heute kein anständiger Mensch mehr. Dieses Fremdwort ist längst ausgemerzt, und heute sagt man › rot jon‹. ›J on‹ heißt gleiten, und dieser bildhafte Ausdruck bezeichnet das mühelose, abgefederte Fahren im Auto sehr gut.«

»Da hast du recht. Aber sag mal, du hast dich ja so fein herausgeputzt wie ein Märchenprinz – was hast du denn vor? Brillantknöpfe in den Manschetten! Junge, Junge, daß mir keine Klagen kommen!«

Um Ruhe zu haben, erklärte ihm Warwick, wohin er gehen wolle.

»Hört, hört! Erst muß ich Reklame für dich machen, wenn ich die niedliche, kleine Prinzessin im Tempel treffe, und dann läßt du dich allein von ihr einladen, als ob ich gar nicht vorhanden wäre!«

»Du vergißt, daß mich ihre Tante eingeladen hat, nicht sie selbst.«

Unten hupte der Chauffeur, und der Boy eilte gleich darauf nach oben.

»Das Auto steht bereit, Nai«, meldete er.

»Nun, wenn du für deinen ältesten und treuesten Freund nicht zu sprechen bist, dann bringe mich wenigstens zum Klub«, sagte Ronnie gekränkt.

Warwick verwünschte ihn heimlich, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn mitzunehmen.

»Sag mal, Warwick, hier in Siam herrscht doch die Vielweiberei?« begann Ronnie, als sie kurze Zeit unterwegs waren. Er hatte einen viel zu großen Wissensdurst, um sich lange beleidigt zu zeigen. »Me Kam hat mir neulich im Wat Po davon erzählt, aber ich habe nicht alles verstanden. Sie sagte, man könnte schon an dem Haus eines Bauern sehen, wieviel Frauen er hätte.«

»Ja, das ist richtig«, antwortete Warwick, der innerlich über den Quälgeist seufzte. »In den furchtbaren Kriegen, die die Siamesen mit ihren Nachbarvölkern führten, wurden viele Männer erschlagen. Die Kämpfe waren so grausam und blutig, daß zum Beispiel von dem großen Volk der Peguaner nur noch wenige Tausende übrigblieben. Dadurch entstand ein großer Überschuß an Frauen, und so war es ganz natürlich, daß ein Mann mehrere Frauen nahm, die für ihn zugleich wertvolle Arbeitskräfte waren. Durch Kriege und Seuchen wurde Hinterindien entvölkert. Heute hat Siam zehn Millionen Einwohner, vor der Zerstörung Ayuthias besaß es aber mehr als die doppelte Anzahl von Menschen. Für den siamesischen Reisbauer ist die Mehrehe natürlich und gegeben, denn Siam ist noch stark untervölkert. Das gesamte Land gehört dem König, und jeder Siamese kann von ihm ein Stück Reisland verlangen, das gewöhnlich sechzig bis achtzig Tagewerke groß ist. Zuerst nimmt er sich eine Frau, mit der er dieses Stück Land bestellt. Er baut auf seinem Grundstück ein Haus auf Pfählen an einem Kanal, und nach einigen Jahren vergrößert er seinen Besitz. Da es ihm an Arbeitskräften fehlt, nimmt er eine zweite und später eine dritte Frau und erweitert jedesmal sein Haus durch einen neuen Anbau.«

»Die Mehrehe ist hier also durch Gesetz erlaubt, und jeder Siamese kann mehrere Frauen nehmen?«

»Ja.«

»Dann braucht man ja nur Siamese zu werden, um soviel Frauen heiraten zu können, wie man will.«

»Du hast doch nicht etwa die Absicht, das zu tun?«

Warwick warf seinem Freund einen fragenden Blick zu.

»Warum nicht?«

»Weil du todunglücklich werden würdest. Eine Ehe mit einer Frau ist schon schwierig genug, und bei zwei und mehr Frauen steigern sich die Schwierigkeiten immer mehr.«

»Das muß aber doch nicht so ganz stimmen, denn König Pra Paramin von Siam hatte zum Beispiel vier Haupt- und achtzig Nebenfrauen, wie ich erfahren habe. Außerdem noch Tausende von Favoritinnen. Und er hätte doch sicher nicht so viele genommen, wenn er dadurch unglücklich geworden wäre!«

»Zunächst war Pra Paramin Siamese und durch Abstammung und Vererbung zur Mehrehe prädestiniert. Und was du von den Tausenden von Favoritinnen erzählst, stimmt nicht genau. Jede der vierundachtzig Frauen hatte zwanzig bis vierzig Dienerinnen. Dazu suchten Sie die schönsten Mädchen aus, und diese standen dem König natürlich auch zur Verfügung. Wenn er eine der Dienerinnen wählte und zur Favoritin machte, zählte ihr Verdienst für ihre Herrin mit, und Sie konnte dadurch im Rang steigen.«

»Wieso?«

»Die achtzig Nebenfrauen hatten eine gewisse Rangordnung, die sich jedoch ändern konnte.«

»Sie richtete sich wohl nach den persönlichen Verdiensten und der Anzahl der Favoritinnen, die aus ihren Dienerinnen hervorgegangen waren, wenn ich dich recht verstanden habe?«

»Ja, aber vor allem nach der Anzahl der Kinder, die eine Frau dem König geschenkt hatte. – Aber hier sind wir beim Klub angekommen. Über die Mehrehe in Siam können wir uns ein andermal länger unterhalten, jetzt mußt du mich schon entschuldigen.«

Warwick ließ Marbin vor dem Eingang zum Klubgarten halten und war froh, daß er Ronnie endlich absetzen konnte.

Als sich der Wagen wieder in Bewegung setzte, wanderten Warwicks Gedanken zu Amarin, die er seit dem Unfall nicht wiedergesehen hatte.

Während Seiner Abwesenheit vom Büro war viel Arbeit liegengeblieben, und er hatte deshalb ungewöhnlich viel zu tun. Im Hospital hatte er oft an die Prinzessin gedacht. Der Blutverlust hatte ihn sehr geschwächt, so daß er während seiner Genesung viel ruhen mußte. Seine sonst so wache Tatkraft und seine Lebensenergie waren eingeschläfert, und Amarin schwebte wie eine lichte Erscheinung aus einer anderen Welt durch die Träume, denen er sich widerstandslos hingab.

Jetzt aber hatte ihn das tätige Leben wieder in seine Kreise gezogen, und zum klaren Tage gehörte Evelyn. Amarins Bild verblaßte, und die Wochen, die er im Hospital verlebt hatte, erschienen ihm wie ein unwirkliches Zwischenspiel, das seinem eigensten Wesen fremd war. Seine Lebensaufgabe und sein Lebensweg waren scharf vorgezeichnet – dazu brauchte er einen ruhigen Kopf und keine Abenteuer.

Und doch war eine geheime Unrast über ihn gekommen. Diese Teestunde mußte der Abschluß sein. Sicher hatte er Amarins Blick zu kühn gedeutet. Hatten doch alle Siamesinnen feurig glänzende Augen ...

Er sah nach der Uhr. Noch dreizehn Minuten vor fünf – Unmöglich konnte er jetzt schon zum Palais Akani fahren. Das sah ja aus, als ob er es gar nicht erwarten könnte, und dabei ließ ihn diese Einladung doch vollständig kalt. Er war ruhig ... wirklich?

Er sagte Marbin, daß er die Sapatumstraße zurückfahren solle.

Als sie sich der Eisenbahnschranke näherten, wurden die rotweißen Schlagbäume niedergelassen. Marbin bremste und hielt dicht vor der Schranke an.

In der Nähe lagen mehrere Läden, in denen Durians, Ananas, Pampelmusen und andere Früchte feilgehalten wurden. An der Ecke befand sich ein Verkaufsstand mit Betelnüssen, die in ganz Süd- und Ostasien von der Bevölkerung leidenschaftlich gern gekaut werden.

Es dauerte einige Zeit, bis der Zug nach Korat naher kam, und inzwischen sammelte sich eine Anzahl von Fußgängern vor dem Bahnübergang. Ein hübsches junges Mädchen trat mit einem Tablett, auf dem zubereitete Betelnüsse lagen, aus dem kleinen Laden und bot sie den Wartenden zum Kauf an. Mehrere nahmen ihr auch eine Kleinigkeit ab.

Als Warwich zufällig zu ihr hinübersah, lächelte sie, kam ein paar Schritte näher und bot auch ihm scherzend ihre Nüsse an.

Der Chauffeur Marbin rief ihr empört zu, daß Europäer keinen Betel kauen. Sie erschrak, aber Warwich brachte Marbin durch einen Wink zum Schweigen, faßte in die Tasche und warf eine Silbermünze auf das Tablett.

Die Umstehenden sahen es und lachten. Das Mädchen wurde verlegen, und ihre Wangen färbten sich dunkler. Schnell eilte sie in den Laden zurück, erschien aber bald wieder mit einem Kranz weißer Maliblüten, die mit Zwirnfäden mühsam zusammengefügt waren. Sie hängte ihn an den Türgriff von Warwicks Wagen, nickte ihm noch einmal zu und verschwand dann schnell.

Im gleichen Augenblick erreichte der Zug den Straßenübergang, und keuchend fauchte die schwarze, schwerfällige Lokomotive vorüber. Die Personenwagen waren zweifarbig gestrichen, die untere Hälfte indischrot, die obere weiß. Offiziell wurde angegeben, daß die siamesischen Landesfarben dafür maßgebend wären, aber Warwich wußte es besser. Die Siamesen, die mit der Bahn fuhren, schauten unterwegs aus den Fenstern, kauten Betel und spuckten. Und die Wagen waren unten betelrot gestrichen, damit sie leichter gereinigt werden konnten.

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