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Fluch der Schönheit

Hermann Heiberg: Fluch der Schönheit - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHermann Heiberg
titleFluch der Schönheit
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170801
projectid0a40fd1d
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Inzwischen öffnete sie, um die Wilhelm sich so schwerem Herzeleid hingab, stillen Blickes die Tür in dem Hause des Pastors Bjelke, das in dem Schloßviertel von Föhrde lag.

Bjelke, ein Junggeselle, war vor einer Reihe von Jahren einem alten, würdigen Manne im Amte gefolgt und erfreute sich zufolge seines reinen Charakters als Mensch, besonders aber auch wegen seiner tief durchdachten und herzergreifenden Kanzelreden der allgemeinen Beliebtheit und der allgemeinen Wertschätzung.

Wiebke hatte Konfirmationsunterricht bei ihm empfangen, war seinen Augen dann aber durch ihre Abwesenheit von Föhrde entrückt worden. Sie wußte nicht einmal, ob er sich ihrer unter der großen Anzahl von Schülerinnen aus der damaligen Zeit erinnerte. Bei ihrer Anwesenheit in der Halker Kirche, nach der Predigt, war ihr die Idee gekommen, ihm sich rückhaltlos anzuvertrauen, ihn zu fragen, was sie beginnen solle. Sie hatte ja niemand, der ihr unbefangen raten konnte, sie hatte überhaupt keinen Vertrauten, und seine Predigt hatte sie gefaßt, wie kaum je etwas zuvor. Sie hatte keinen Blick von ihm gewandt, er erschien ihr wie ein Abgesandter von oben; seine Stimme hatte ihr wie Musik geklungen, und seine Rede hatte erlösend auf ihr Herz gewirkt.

Aber nicht allein das war's, was sie zu ihm führte. Der stete innere Widerstreit hatte eine wahrhaft fiebernde Sehnsucht geweckt nach Belehrung, ob solcher Kampf zwischen Gut und Böse ein Teil sei aller Menschen, oder ob Gott nur sie so unglücklich geschaffen habe. Etwas, worauf sie früher nicht einmal in ihren Vorstellungen hätte gelangen können, nämlich einem Fremden ihr tiefstes Inneres aufzuschließen, schien ihr in ihrer jetzigen Gemütsverfassung unbedenklich. Wer so zu der Gemeinde zu sprechen vermochte, der hatte sicher Balsam für alles! Er sollte entscheiden; was er riet, das wollte sie blindlings tun!

Der Herr Pastor sei oben in seinem Zimmer, geradezu, erklärte eine bejahrte Person, seine Wirtschafterin, die bei Wiebkes Erscheinen aus dem Zimmer trat und nach ihren Wünschen fragte.

Wiebke neigte dankend das Haupt und stieg empor, dann klopfte sie, und im nächsten Augenblick stand sie Bjelke, einem kräftig gewachsenen Manne mit einem stark entwickelten Hinterkopf, breiter Stirn, bartlosem Antlitz und ernsten, aber überaus milden Zügen gegenüber.

Das Gemach war durchflutet von der Nachmittagssonne, und sie verlieh allen Gegenständen einen reizvollen Glanz. Zur Linken, an der großen Wand, stand des Pastors Schreibtisch, über ihm hing ein schöner Kupferstich, eine Kreuzabnahme darstellend.

Ein Fenster war nach dem großen Garten geöffnet. Die sonnige Luft drang herein, aber auch das vergnügte Zwitschern der Vögel war deutlich vernehmbar.

Ein wenig gestört schob der große Mann an seinem langen Hausrock, als das schöne Mädchen vor ihm erschien. Dann aber gewann er rasch seine Haltung zurück und bat sie mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit, Platz zu nehmen.

»Doch, doch, ich erinnere mich, mein Fräulein!« bestätigte er, als Wiebke sich ihm als seine frühere Schülerin zu erkennen gab. »Ich glaube, gehört zu haben! Sie waren in Hamburg und Dresden, jedenfalls immer von hier abwesend?

»So – so – in Halk bei Lornsens sind Sie jetzt? Das war mir nicht bekannt. Bei seiner Frau?«

»Nein, Herr Pastor. Herr Lornsen ist nicht verheiratet. Und ebendeshalb komme ich. – Aber auch noch aus anderen Gründen. Wollen Sie mich gütigst anhören? Es ist viel, was ich verlange, doch seien Sie auch meines herzlichen Dankes versichert.

»Ratlos, aufs tiefste bedrückt, von Zweifeln gequält – als eine Unglückliche komme ich zu Ihnen, obschon die meisten, nach dem äußeren Anschein urteilend, sagen werden, ich sei besonders bevorzugt.

»Ungewöhnlich, ganz ungewöhnlich ist auch der Schritt, den ich tue. Ich bin mir dessen bewußt, aber ich habe es doch gewagt. Ich habe mich dazu aufgerafft, obschon ich gewohnt bin, daß alles, was ich vornehme, mir falsch ausgelegt wird, immer, wenn ich auch das Beste im Auge habe. In dieser Beziehung verfolgt mich geradezu ein Unstern und dies Verhängnis entfremdet mir auch diejenigen, die mich lieb hatten –«

Heiße Tränen stahlen sich in die dunklen Augen des Mädchens bei den letzten Worten; Bjelke aber, der mit allen Anzeichen warmer Teilnahme zugehört hatte, sagte in einem einfach gewinnenden Ton:

»Beruhigen Sie sich! Weinen Sie nicht, liebes Fräulein! Und nun – Sie taten recht, daß Sie zu mir gekommen sind! – Lassen Sie mich weiter hören, damit ich Ihnen zu helfen versuchen kann.«

Und dann begann Wiebke Nissen, oft unterbrochen durch Schluchzen und Ausbrüche tiefster Erregung, bisweilen auch mit einem harten, gegen sich selbst gerichteten Ausdruck, wie folgt:

»Es ist Ihnen vielleicht bekannt, Herr Pastor, daß mein Vater seiner Stellung verlustig ging, weil er sich in seinen letzten Jahren dem Trunk ergab. Wir wissen es, meine Mutter und ich, daß den bisher so gewissenhaften und ordentlichen Mann dazu besondere, ihn entlastende Umstände trieben. Aber geglaubt hat's niemand. Als er starb, übertrug sich der ungünstige Eindruck, den mein Vater in den letzten Jahren hervorgerufen, in so ungünstiger Weise auf meine Mutter, daß sich fast alle von ihr zurückzogen, statt ihr in ihrer schweren Lage beizustehen. Gerade weil meine Eltern mir eine sehr sorgfältige Erziehung hatten geben lassen – ich habe das Lehrerinnenexamen bestanden und bin später sowohl als Erzieherin als auch als Hausrepräsentantin in angesehenen Familien tätig gewesen –, empfand ich den Druck der Verhältnisse doppelt schwer. Um bloß leben zu können, griff meine Mutter nach dem Tode meines Vaters zur Feinwäscherei, und ich ging wiederholt in die Fremde, um mir selbst mein Brot zu verdienen.

»Das wäre ja nun auch alles recht gut gewesen, und unser Los hätte sich weit besser gestaltet, als das von Millionen anderer Menschen, wenn ich nicht das Unglück gehabt, überall anzustoßen. Fast alle Männer« – hier stockte Wiebke und schlug die Augen zu Boden – »verliebten sich in mich. Daß das geschah, daran bin ich vielleicht auch schuld. Ich habe durch freundliches Verhalten oder durch Zuvorkommenheiten wohl dazu Veranlassung gegeben. In jedem Fall aber beabsichtigte ich nichts von dem, was man mir unterlegte, und ich mußte stets aufs bitterste dafür büßen, nicht gleich eine Schroffheit hervorgekehrt zu haben, die sich meiner allezeit nachher in solchem Umfange bemächtigt, daß ich oft die gewöhnlichste Rücksicht außer acht lasse. So bin ich den meisten ein vollkommenes Rätsel, in Wirklichkeit aber ein in sich unsicheres, nach dem Rechten vergeblich suchendes Geschöpf. Ich habe mich oft schon so grenzenlos unglücklich gefühlt, daß ich niedergekniet bin und Gott gebeten habe, mich zu sich zu nehmen.

»Und mein Gesicht war ich – um mir die Möglichkeit zu rauben, daß dieses die Männer anziehe – schon oft im Begriff zu verunstalten. Ich habe mein Angesicht gehaßt und mein Aussehen unzählige Male verflucht.

»Nachdem ich das alles vorausgesandt habe, komme ich zu dem, was mich eigentlich zu Ihnen geführt hat, Herr Pastor. Nehmen Sie, ich bitte von ganzem Herzen, auch diese einem Fremden seltsam erscheinenden Bekenntnisse mit gleicher Güte und Nachsicht entgegen.«

Nach dieser Einleitung berichtete Wiebke über ihren Eintritt in das Lornsensche Haus, schilderte die Familienverhältnisse und die Umstände, unter denen Carlos, Wilhelm und der Student sich ihr genähert, berührte auch deren Charakter und schloß mit den Worten:

»So, das ist es, Herr Pastor, was ich Ihnen zu eröffnen habe, und alles berichtete ich genau, wie es ist, ohne Beschönigung und ohne Herabsetzung der Verhältnisse, mit unbefangenem Urteil über mich und die Personen. Auch das habe ich noch hinzuzufügen:

»Mit mir zu leben, ist nicht leicht! Ich bin guter Handlungen und der größten Opfer fähig, wenn mein Herz angerufen wird, wenn gutes Beispiel mich kräftigt. Aber ich vermag auch böse zu sein, wenn die Zeit der Versuchung über mich kommt. Und dann gibt's gar keine Vernunft und Besinnung: ich folge ganz meinem Temperament.

»Nur eins habe ich, gottlob: diese Selbsterkenntnis und den Willen, es zu ändern. Wo ist die beste Schule für mich?

»Soll ich dem rechtschaffenen Manne folgen, der mich endlich von Sorge, Abhängigkeit und Demütigung befreit, meiner alten, guten Mutter auch einen ruhigen Lebensabend bereitet, oder ist es besser, zu verzichten? Man soll doch nicht heiraten, wenn man nicht mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen liebt?«

Wiebke brach ab. Mit gesenkten Augen hatte sie das gesprochen; nun erhob sie wieder das Haupt und forschte nach den letzten Worten in den Zügen des Mannes, dem sie – obschon er ihr ein Fremder – in so schrankenloser Offenheit ihr Inneres dargelegt hatte.

Und sie fand in seinem Angesicht, was sie suchte; sie begegnete nicht nur einem Blick inniger Teilnahme, sie sah auch in seinen Augen etwas, was mehr als bloßes flüchtiges Mitfühlen verriet.

Auch hatten seine Worte einen andern Klang, als ihr Ohr gewohnt war. Er sagte:

»Zuerst will ich Sie beruhigen, mein liebes Fräulein! Was in Ihnen vorgeht, vollzieht sich in jedes Menschen Brust.

»Wir alle ringen mit unserem schwankenden Ich. Unsere Veranlagungen sind nur verschieden. Einer hat mehr Kraft als der andere. Die Furcht ist der meisten Triebfeder zum Guten, obschon sie sagen, es sei der Gehorsam ihres gläubigen Herzens.

»Sie, mein Kind, regiert nicht die Furcht, sondern der Schmerz, nicht immer ein tadelloser Mensch zu sein. Zudem beschönigen Sie nichts! Das ist die rechte Liebe zum Guten, und Sie haben keinen Grund, zu verzweifeln! Gerechte werden nicht über Sie richten! Aus allem aber, was Sie sagen, geht hervor, daß Sie sich nicht glücklich fühlen, daß Sie bei Ihrer Veranlagung schwere Kämpfe bestehen, und das tut mir sehr weh. Mein Rat, meine Mittel zur Abhilfe? Sie sagten selbst: Beispiele wirken veredelnd auf Sie, ein gutes Wort verwandle das Böse in Gutes. Nun, so suchen Sie Verhältnisse, wo Ihnen ein gutes Beispiel wird, wo Sie wissen, daß man Ihnen die Opfer zu bringen bereit ist, die Sie gut – und damit glücklich machen. Und damit ist auch die Heiratsfrage entschieden.

»Sie äußerten, Herr Lornsen sei ein braver Mann. Er gilt auch allgemein dafür und genießt überall Achtung. So wird er auch gerecht sein und ein versöhnliches Gemüt besitzen. Glauben Sie, daß er gut gegen Sie sein wird? In der Bejahung dieser Frage sollte ich meinen, liegt die Entscheidung für Ihr zukünftiges Glück.

»Sie sagen endlich, daß Sie keinen dieser Männer so recht von Herzen lieben. Gewiß, es wäre gut, wenn Sie sich zu dem Manne Ihrer Wahl völlig hingezogen fühlten. Aber entscheidend für das Glück der Ehe ist das nicht immer. Die ruhigen Flammen halten länger als die lodernden.

»Aus Sympathie und Achtung entwickelt sich Liebe, und sie dauert.

»So, das habe ich Ihnen zu erwidern, und ich hoffe, mein liebes Fräulein, daß meine Worte Ihre Entschlüsse zu klären vermögen, wenn aber noch nicht, so kommen Sie zu mir, so oft Ihnen verlangt. Steter Tropfen höhlt zuletzt den Stein! Immer werden Sie an mir einen aufrichtigen Freund und wahrhaft treuen Berater finden.«

Die letzten Worte waren von einem so gütigen Blick begleitet, aus den Zügen des Angesichtes leuchtete soviel herzliche Teilnahme, daß etwas nie Gekanntes an Aufrichtung des Mädchens Seele durchzuckte.

Sie beugte sich herab, ergriff die Hand Bjelkes, drückte sie in tiefer Bewegung und stieß belebt heraus:

»Sie haben mir soviel Gutes getan, Herr Pastor, so ganz anders zu mir gesprochen, daß es wie ein Gottessegen über mich gekommen ist! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen. Und auch in der wichtigen Frage, vor deren Entscheidung ich stehe, glaube ich jetzt zu einem richtigen Entschluß gelangen zu können. – Ich werde –«

Sie stockte, da sie sah, daß ein noch überlegender Ausdruck in seine Züge trat, ihm noch ein Bedenken zu kommen schien.

Aber entweder täuschte sie sich über ihre Eindrücke, oder er hatte sich anders besonnen. Statt auf den Inhalt ihrer Rede einzugehen, sagte er, nachdem er nur beipflichtend den Kopf geneigt:

»Noch eins vergaß ich, Sie zu fragen, welche Stellung haben Sie in der Bucht eingenommen? Waren Sie bei der alten Frau Lornsen?«

»Nein, ich war Verkäuferin im Laden.«

»So, also nicht als Stütze –?«

Wiebke verneinte unbefangen, dann sagte sie:

»Ich war aus Dresden zurückgekommen, weil ich in dem Hause eines Grafen Fink nicht mehr bleiben konnte. Die Frau war maßlos eifersüchtig auf mich.

»Zu Lornsens trieb mich eine Art Verzweiflung. Auf dem Lande unter einfachen Menschen, von früh bis spät abends beschäftigt und gebunden, das schien mir das Rechte zu sein.

»Es fand sich etwas, das mir Tätigkeit und Verdienst bot. Das genügte. Alles andere trat zurück, von Frau Lornsen hatte ich zudem nur das Beste gehört; ich wurde gleich in die Familie aufgenommen. Und Arbeit schändet ja nicht, und das Auge hatte auch viel Abwechslung. Ich habe einen stark ausgeprägten Sinn für die Lebenserscheinungen, für das Land, für Tiere und die freie Natur. So kam's denn. In Föhrde – ich gestehe es – wäre ich vor Scham erstickt, hätte ich hinter dem Ladentisch stehen sollen. Aber dort war's eben anders. Diese Lornsens sind auch besonderer Ort. Obgleich keineswegs ungebildete und überdies sehr reiche Leute, setzen sie ihre Gastwirtschaft fort. Am wenigsten gebildet ist Wilhelm, eben der, der meine Hand begehrt. Das macht mir ja auch Bedenken. Es wird mir eine große Entbehrung sein, daß ich gar keine geistige Anregung habe. Und doch – ob es nicht so gut ist? Körperliche Arbeit schafft einen gesunden Geist. Ich habe es bereits erfahren –«

So sprach Wiebke noch einmal rasch und lebhaft und weckte durch ihre Rede Bjelkes Interesse in noch höherem Grade als bisher. Man sah's, als er ihr nach wiederholter sanfter Zurede zum Abschied die Hand reichte. Und dann wandte sie sich dem Ausgang zu, und wenige Minuten später befand sie sich auf der Straße.

*

Während Wiebke den Weg zurücknahm, beschäftigte sie alles, was sie gehört und was sie gesehen, so ausschließlich, daß sie kaum einen Blick für ihre Umgebung hatte. Namentlich eines gestaltete sich immer wieder vor ihrem inneren Auge: des Pastors Arbeitsgemach. Als sie vor dem Abschied noch eine Weile neben ihm gestanden hatte, war ihr Blick auf eine alte Standuhr gefallen, deren Zeiger unbeirrt um den Sonnenschein draußen, um das Geräusch fröhlicher Kinderstimmen, das von unten emporgedrungen, aber auch unbeirrt um alles das, was sie, die Bedrückte, von ihrer Seele gelöst, unter einem aus dem Eichengehäuse hervordringenden gleichmäßig tickenden Pendelschlag vorwärtsgerückt war. Und die mild hereinflutende Sonne hatte dem friedlich sauberen Raum mit seinen vielen Büchern, sauberen Möbeln und gemütlichen Ecken etwas unbeschreiblich Anheimelndes verliehen, und in ihr, Wiebke, war's emporgestiegen, welch ein beneidenswertes Glück sich dieser Mann erobert hatte.

Im Gegensatz zu diesem stillen, behaglichen Frieden tauchte vor ihrem Geist die wilde Szene im Korridor in der Bucht auf: die trunkenen, raufenden Zimmergesellen, die erregten Bauern, der Qualm, die Hitze, die Schlägerei. Dazwischen Wilhelm, genötigt, sich in solcher Weise lästiger Menschen in seinem Hause zu erwehren! Dem Abschreckenden dieser letzteren Vorstellung folgte eine Wiebke schier verzehrende Sehnsucht, ein solches Heim zu finden, wie es das Pastorhaus bot. Hier würde sie für ihren Geist ebensoviel finden, wie für ihr Herz und ihre tätigen Hände, welchen Segen konnte die Frau eines Pastors verbreiten! Welche Aufgaben lagen gerade ihr ob!

Unmöglich erschien's ihr, daß aus dem Munde dieses Mannes etwas anderes laut werden könne als Güte und Versöhnung, daß diese Räume etwas anderes bergen könnten als freundliches Glück! Sie suchte unter den vielen, die sie kennen gelernt hatte, ob einer ihm vergleichbar sei, aber das Bild aller trat vor dem seinigen zurück. Was als Ergebnis der Erfahrung und eines kräftigen Willens bei tüchtigen Menschen zu unwandelbaren Grundsätzen sich formt, das war sein eigen. Und nicht nur der flüchtige Eindruck, den sie gewonnen, bestätigte es; wenige Personen genossen in Föhrde ein so unbedingtes Ansehen, wie er.

Aber das waren jetzt doch eben nur abschweifende, nutzlose und törichte Gedanken. Es galt nunmehr, eisern festzuhalten an dem, was sich in ihr zufolge dieser Unterredung zu einem unabänderlichen Entschluß erhoben hatte.

*

Um dieselbe Zeit durchwanderte Hans Appen nach einem Besuch, den er seinen Verwandten in Föhrde gemacht, das Dorf Halk, um sich in die Bucht zurückzubegeben. Eben hatte sich die Sonne gesenkt, und nur noch ein sanftes Licht, als Widerstrahl ihrer Schönheit, lag über Feld und Flur.

Hans Appen schaute um sich.

Vor einem der Bauernhäuser stand ein steinalter Mann und harkte das beim Abladen draußen liegengebliebene Stroh sorgfältig zusammen. Neben ihm aber lag ein wie eine Katze gefleckter Teckel, die Vorderbeine gemütlich von sich gestreckt, und sah zu.

»Ja, Arbeit! Arbeit!« dachte Hans. Sie lenkte selbst des Greises Inneres von dem Gedanken ab, daß der Tod bereits an der Schwelle hockte, um ihn mit sich zu nehmen.

Dann aber trat er auf den Alten zu, erkundigte sich nach seinem Befinden, sprach auch von dem Hunde und hob die Stimme, als jener mit den Bewegungen der Tauben sich zu ihm neigend, ein »Wo meenen Se?« hervorstieß.

»Ja – ja – das en hübschen een! Ik hev em von de Snider int Dörp. Da wärn veer, dat is en eegen Art! Een hett de Pastor, dat's en swarte, een is över nach Föhrde kam'n nah de Watermöller, dat is en witte, een hett he sülven beholen, dat is en geele! Min hett Flecken.

»Ah ne! Faten Se em man an, he bitt nich – he is man wat schu –«

Als Hans von dem Alten Abschied genommen hatte und um die Ecke bog, fand er eine Anzahl Kinder, Knaben und Mädchen, an einem Walle sitzen und ein gemeinsames Spiel spielen. Eine etwas größere Blonde, mit einem Kleinen auf dem Arm, stand barhäuptig dabei. Ihre Kindermädchenobliegenheiten hielten sie zurück, sich gleich den übrigen zu beteiligen.

Sie alle grüßten, auch das Mädchen mit dem pflichttreuen Ausdruck in dem hübschen Gesicht nickte freundlich bescheiden.

Von einer gutmütigen Regung für diese der ärmeren Bevölkerung von Halk angehörenden Kleinen erfaßt, griff Hans in die Tasche und warf ein Geldstück in den Sand.

Wer es zuerst fand, dessen Eigentum sollte es sein. Später zählte er, wie viele da waren und erklärte, jedem ein Zehnpfennigstück schenken zu wollen.

»Hier, wechselt die Mark und verteilt!« sagte er.

Die Augen der Jungen und Mädchen wurden groß, alle blickten begierig auf das Silberstück, aber auch alle wählten in stillschweigender Verständigung das blonde Mädchen aus, für sie die Verteilung vorzunehmen.

So gab er es ihr, und nachdem sie gedankt, flog sie, den Bruder auf dem Arm, zum nahegelegenen Bäcker fort, um dort zu wechseln. Schon in diesem Kinde fanden sich alle die Züge eines fürsorglichen, einst die unabweislichen Lasten und Pflichten geduldig und freundlich auf sich nehmenden Hausmütterchens ausgeprägt.

Weiter hinab ließ Hans sein Auge auf einer einstöckigen, niedrigen Kate mit einem übergroßen Dach ruhen.

Ein schönes, kräftiges Gewächs mit dicken, saftigen Blättern war aus dem mit Moos bedeckten Stroh herausgewachsen. An der Haustür hing ein Vorlegeschloß, hinter den drei schmalen, ebenfalls vielscheibigen Fenstern schauten kräftig blühende, bunte Blumen hervor: Goldlack, Pantoffelblume, Geranien und Rosen.

Hier zwitscherte ein eiergelber, vergnügter Kanarienvogel in einem Bauer, daneben stand eine alte, weiße Zuckerdose in Fruchtform mit geborstener Glasur, und in der Ecke vereinsamte eine grüne Myrte.

Neben dieser kleinen, in sich versunkenen, zeitweilig von ihrer Bewohnerin verlassenen Kate erhob sich ein langes Bauernhaus, das gar keine Fenster nach vorn besaß. Aber die Tür zu der mit Lehm gepflasterten, rohsauberen, leeren Diele war geöffnet, von der Decke herab hingen zwei große, Schinken bergende weiße Leinwandbeutel; sonst nichts. Zur Rechten, hinten aber, in einer die Nehrigkeit des Hauswesens bekundenden, pedantisch aufgeräumten Küche stand mit hartem Ausdruck, wie ein Steinbild, eine totenbleiche Frau mit einem Kind auf dem Arm und nickte auf Hans' Gruß kalt und ausdruckslos. Die Tür zum Schlafraum war ebenfalls geöffnet, und ein hoch ausgemachtes, linnenbedecktes Bett, an eine weiße Kalkwand ohne Schmuck gerückt, war das einzige, was das Auge zu entdecken vermochte. Auch dieses rief durch seine nackte, karge Öde und Ordnung einen fröstelnd abstoßenden Eindruck hervor.

Hier wohnte das reichste Ehepaar im Dorf, und ihr Geiz und ihre Engherzigkeit waren allgemein bekannt.

Nebenan pflegte die Armut Blumen voll Schönheit und Anmut. Selbst aus dem Dach sproß die Fülle des Pflanzenwachstums. Das kleine Häuschen ein Bild der Poesie! Hier öde Engherzigkeit, keine lachende Farbe, kein fröhliches Tier; so freudelos hatte die Frau dagestanden und ihn angeblickt.

Und wie fast allezeit die uns umgebende Welt unser gramversunkenes Innere wieder aufrichtet, so blieb auch die Summe alles dessen, was des Mannes Auge nur eben geschaut, nicht ohne Einfluß auf seine Gedanken und seine Stimmung. Er zog Vergleiche zwischen dem Los dieser Menschen mit ihrem einförmig sich abwickelnden Leben und dem, was ihm der Himmel in den Schoß gelegt hatte. Und da fühlte er sich plötzlich gehoben, ward daseinsfroh und hoffnungsvoll durch die Vorstellung, was ihm vermöge seiner feiner organisierten Natur und seiner bevorzugten Lebensstellung die Welt an Reizen zu bieten vermochte.

Und da seine Stimmung sich befestigte, während er der Bucht zuschritt, um so mehr anhielt, weil der stille Abend mit seiner Schönheit und seinem Frieden auf sein Gemüt einwirkte, es weich, willig, gut und sanftmütig machte, trat er mit fröhlichem Herzen seinen sich eben zum Abendessen niederlassenden Angehörigen gegenüber. Nur Wilhelm war nicht zugegen, da ihn eine unbezwingliche Unruhe zu Wiebke getrieben. Als letztere nach längeren Umwegen nach Haus zurückgekehrt war, hatte sie ihre Mutter nicht anwesend gefunden. Schon war längst der letzte Hammerschlag verklungen und der Feuerschein der Esse hinter den Werkstattscheiben erloschen. Die Alte trug meist selbst in einem mit einer sauberen, weißen Serviette überdeckten Korbe die fertige Wäsche fort; auch heute hatte sie sich zu diesem Zweck wegbegeben. Als sie endlich zurückgekehrt, hockte Wiebke, tief zurückgesunken in einem zwischen Fenster und Sofa gerückten Lehnstuhl. Sie erhob sich auch nicht bei ihrer Mutter Kommen, nur ein gelassenes: »Ja, Mutter, ich bin hier,« drang auf deren Frage aus dem Halbdunkel hervor.

Nun nahm die Alte die Lampe von der Kommode, entzündete sie rasch und ging dann, Wiebke verständigend, fort, um zunächst das Abendbrot einzuholen.

Nach reichlich zehn Minuten kehrte sie zurück, deckte den Tisch, stellte Brot, Butter und Wurst hin und holte auch den schon bereiteten Tee herbei.

»Komm, Wiebke! Laß uns essen!« ermunterte sie ihre Tochter, füllte die Tassen, ließ sich nieder und schob ein Stück braunen Kandiszucker hinter die Backe.

Sie versüßte sich auf diese Weise, nach ihrer Gewohnheit, stets Morgen- und Abendgetränk.

In diesem Augenblick entstand draußen auf dem Hof ein Geräusch. Menschen riefen und liefen; von der Straße her drang ein lauter Tumult zu ihnen herüber.

Die Alte ließ die eben zum Munde geführte Speise auf den Teller zurückfallen, horchte und sprang dann jählings empor.

»Komm, komm, wir wollen sehen, was es gibt. Gewiß ein Unglück! Komm, Wiebke, komm, Kind!«

Unter diesem Zuruf eilte Frau Nissen fort, Wiebke aber schritt, ein Tuch umwerfend, zunächst bloß an die Ecke des Hauses und schaute von hier aus auf die mit Menschen dichtgefüllte Gasse.

Der Pferdebahnwagen hatte einem im Fahren herabgesprungenen und unter die Räder gekommenen Knaben die Beine zerquetscht. Infolgedessen hielt das Gefährt; die Insassen waren ausgestiegen, und wohl hundert Menschen umstanden den Fleck, auf dem der unglückliche, herzzerreißend wimmernde Knabe lag. Keiner fand zunächst den Mut, ihn anzufassen und fortzuschaffen, weil jede Veränderung seiner Lage ihm um so entsetzlichere Pein verursachen mußte.

Alsbald trat Wiebke dem Schauplatz näher, sah, um was es sich handelte, flog, ohne langes Besinnen, pfeilschnell ins Haus zurück, nahm hier ihre eigene Bettmatratze an sich und lief, obschon sie sie kaum schleppen konnte, hinaus.

Als sie sich durch die Menge drängte, waren zwar Männer eben im Begriff, den Knaben aufzuheben und gegenüber ins Hotel zu schaffen, ließen aber wieder davon ab, weil er geradezu herzzerreißend aufschrie.

Nun aber griff Wiebke ein.

Sie veranlaßte, daß die Matratze dem Verunglückten zu seiten gelegt ward; dann hoben ihn dieselben Männer, darunter Pastor Bjelke – Wiebke sah ihn vor sich und faßte sich unwillkürlich ans Herz – in gleicher Körperlage ein weniges in die Höhe und ließen ihn sanft auf das blitzrasch ihm untergeschobene Tragbett zurückgleiten.

Auf diese Weise war eine Bahre geschaffen, auf der nun andere, inzwischen noch Herangetretene, den armen Knaben fortschleppten.

In demselben Augenblick verteilte sich die Menge. Jeder ging seines Weges, und auch Wiebke, vergeblich nach ihrer Mutter sich umschauend, trat ans Haus zurück. Aber als sie eben in den Hof einbiegen wollte, hörte sie hinter sich ihren Namen rufen, und als sie sich unwandte, stand – zu ihrem höchsten Schrecken – Wilhelm vor ihr.

Er erklärte, daß er wegen einer geschäftlichen Besorgung nach Föhrde gekommen und beim Vorüberschreiten von dem Auflauf angezogen worden sei. Auch fügte er entschuldigende Äußerungen hinzu, daß er trotz ihrer Abmachungen sich ihr genaht habe. Dadurch war ein Ausweichen unmöglich, und nachdem ein Wort das andere gegeben, folgte er ihr in die kleine Wohnung. Nun eben öffnete auch Frau Nissen, bei seinem Anblick große Augen machend und zuerst zurückprallend, die Tür. –

Es war spät, als Wilhelm, den Weg nach der Ostseite einschlagend, um sich mit der Fähre nach Halk hinübersetzen zu lassen, die Gassen Föhrdes durchschritt. Aber ihm galt weder Zeit noch Ort! Sein Herz war so voll von Glück und Seligkeit, daß er hätte auf offener Straße niederknien und dem Himmel ein Dankgebet hinaufsenden mögen. Er hatte ihr festes Jawort; sie wollte, sie hatte es erklärt, sein Weib werden.

Als nach gemütlichem Plaudern, bei dem Wilhelm sich von seiner besten Seite gezeigt und dadurch die Herzen der Frauen für sich eingenommen, die kluge Frau sich draußen länger zu schaffen gemacht, hatte Wilhelm plötzlich die Hand über den Tisch geschoben und gesagt:

»Nun hat es der Zufall gewollt, geliebte Wiebke, daß ich nicht nur Ihnen heut abend schon wieder begegnete, sondern gar neben Ihnen in dem kleinen Zimmer hier sitze.

»Ihre Mutter ist mir zugeneigt, sie zeigt es mir deutlich! Eine brave Frau, die es, wenn Sie ›ja‹ sagen, und ich bitte Sie, sagen Sie ›ja‹, meine liebe, liebe Wiebke, fortan gut haben soll! Und ferner: Ich mache, wie ich Ihnen schon erklärte, die Bucht rein, oder ich kaufe mir den Adelshof, das Gütchen nebenan bei Wulfsdorff. Jedenfalls wollen wir für uns leben! Alles soll geschehen, wie Sie es wünschen!

»Nun, teure Wiebke, wollen Sie? Ich gebe Ihnen hier mein Manneswort und werde es halten; Sie sollen es nicht bereuen, Wilhelm Lornsens Frau geworden zu sein. Ich liebe Sie so zärtlich, daß ich Ihnen jedes Opfer bringen werde!«

Und dann hatte er Wiebkes Rechte gefaßt, sie fest gedrückt und die Augen flehend auf sie richtend, sich mit seinem ganzen Innern zu ihr gedrängt.

Noch einmal hatte es in Wiebke aufgezuckt. Sie hatte einen furchtbaren Kampf bestanden. Als aber dann nebenan der Alten Schritt vernehmbar geworden, Wiebke dadurch an ihre Mutter und deren karges Dasein, aber auch an alles das erinnert ward, was ihr eigen Teil sein würde, wenn sie ledig blieb, zuletzt noch Bjelkes Worte sich gerade jetzt ihr aufgedrängt hatten, war sie ihm dennoch erlegen. Sie hatte den Druck sanft zurückgegeben, ihn, während sie das Haupt sanft bewegt, mit einem hingebenden Ausdruck angesehen und sich von dem selig Emporspringenden zärtlich küssen lassen.

So war endlich Wiebke Nissen Wilhelm Lornsens Braut geworden!

*

Es war am folgenden Tage. Der Frühstückstisch war lange abgedeckt. Eben schlug Mutter Lornsen ein Tuch um den Kopf und faßte nach ihrem Stock, um sich auf den Hof und in die Ställe zu begeben, als Wilhelm, die kurze brennende Pfeife im Munde, von drüben aus seinem Zimmer in der Alten Wohngemach trat.

Er hatte seine Angehörigen am Abend bei seiner Rückkehr nicht mehr gesehen. Er war noch in Föhrde in ein Bierlokal gegangen, hatte auch an der Fähre, da sie eben gerade abgestoßen, warten müssen.

Infolgedessen war Mutter Lornsen ohne Kenntnis der Vorgänge. Wilhelm hatte beim Frühstück absichtlich nichts erwähnt, er wollte sich erst mit ihr vollauf verständigen.

»Du willst fortgehen, Mutter. Ich wollte dich gerade gern sprechen,« hob er an und trat tiefer ins Zimmer.

»Lat hör'n, min Jung, wat is? Ik hev ja Tid,« entgegnete die alte Frau mit gewohnter warmer Bereitwilligkeit und nahm, das Kopftuch wieder abknüpfend, in ihrem Sessel Platz.

»Also Mutter,« begann Wilhelm, sich ebenfalls niederlassend. »Ich habe mich nun doch endgültig mit Wiebke verlobt. Zufällig traf ich sie; es war, als ob alles so vorbereitet gewesen wäre!

»Wir wollen so bald wie möglich Hochzeit machen! – Ich bitte dich herzlich, liebe Mutter, finde dich freundlich in die Sache, sei gut gegen sie und mache es ihr leicht.

»Was ich mit meinen Geschwistern durchzumachen haben werde, weiß ich, und sie weiß es auch. Ich möchte deshalb auch gleich 'mal mit dir frisch von der Leber weg sprechen. Vorher aber sag 'mal – ich habe dich noch nicht gefragt, es hatte ja keinen Zweck –, was hast du mit Timm abgemacht? Ist er mit dem Verkauf der Bucht einverstanden?«

Die Alte schüttelte erst den Kopf und gab dadurch auf die letzte Frage Antwort, dann aber berührte sie die Hauptsache und sagte, einen liebevollen Blick auf ihren Sohn richtend:

»Erst mal ein Wort über deine Verlobung, Wilhelm, und dasselbe, was ich dir neulich sagte: Viel Glück, mein Junge! Und du brauchst mich nicht anzurufen! Sei gewiß, an mir soll es nicht fehlen. Ist sie das, was du meinst und was ich auch hoffe, so soll sie an mir eine gute Mutter haben –«

Nach diesen Worten streckte sie ihm mit herzgewinnender Gebärde die Hand entgegen.

»Aber was nun das andere betrifft, Wilhelm, so muß ich dir allerdings offen sagen, daß ich mich zu dem Verkauf der Bucht nicht verstehen kann, vorerst wenigstens nicht.

»Es tut mir leid um dich, aber da sind manche vernünftige Gründe. Es gibt Unzufriedenheit mit den übrigen Geschwistern, wenn ich dir den Besitz für den Preis lasse, den du geben willst, und für den ich ihn dir auch gern überlassen möchte. Dich schwer hinzusetzen aber hat um so weniger einen Zweck! Das will ich in keinem Fall.

»Aber es ist noch etwas anderes. Ich habe auch an mich ein büschen gedacht. Ich muß 'was zu tun haben, ich brauche das. Ich kann nicht in der Stadt leben, ich will auch mit Klara nicht zusammenkommen. Sie ist mir 'mal nicht sympathisch. Du weißt –

»Aber die Pacht will ich dir gern verlängern zu denselben Bedingungen. Ich höre nicht hin, wenn sie sagen, daß du dabei ein reicher Mann geworden bist. Das ist 'was anderes. Da kann ich sagen, du hättest die Geschäfte hochgebracht, das wäre dein Verdienst, und so wär' es auch billig, daß du davon den Vorteil hättest!

»Also, mein Junge, das kann so bleiben. Ich sehe nun allerdings viel Schwieriges mit Anna. Sie will von Wiebke nichts wissen, die passen gar nicht zusammen. Aber aus der Bucht jagen will ich sie auch nicht. Etwas anderes wäre es, wenn wir ihr etwas Sicheres festsetzen könnten, damit sie in Föhrde leben kann und –«

Aber die Alte kam nicht weiter. Mit einem, seine Enttäuschung durchaus nicht verbergenden Ausdruck schob sich Wilhelm in die Höhe und stieß heraus:

»Na, das sind ja schöne Sachen, Mutter. Freilich, hatte ich mir ganz anders gedacht! Ich wundere mich nur, daß du dich so hast von Timm beschnacken lassen. Ich höre ihn aus jedem Wort heraus.«

»Er hat mich gar nicht beschnackt, Wilhelm. Er hat allerdings wohl über den Preis gesprochen und war nicht sehr zugeneigt, aber wenn du gehört hättest, was er von mir zu wissen gekriegt hat, so, so – Na, gleichviel! Jedenfalls bist du da im Irrtum. Was ich dir gesagt habe, ist meine eigene Meinung, und ich kann auch nicht davon abgehen.

»Du könntest ja überlegen, ob du die Mühle und die Bäckerei allein pachten wolltest, Wilhelm. Ich behalte den Laden und die Gastwirtschaft, du hast dann mit Anna nichts zu tun. Ein hübsches Haus kannst du dir auf der Koppel bauen. Das wollte ich dir vorschlagen, damit ihr euren Kram für euch habt. Was meinst du?«

»Ne, ich danke, Mutter!« stieß der Mann schroff heraus. »Wenn du mir nicht verkaufen willst, und wenn ich hier nicht mit meiner Frau entweder als Besitzer oder Pächter allein wirtschaften kann, dann gehe ich lieber weg und suche mir etwas anderes.«

»So – also ich soll auch heraus?« stieß die alte Frau, die Summe aller ihrer schmerzhaften Empfindungen in diese wenigen Worte zusammendrängend, hervor und bewegte, traurig bestätigend, den Kopf. »Ich soll auch weg –« wiederholte sie mit leiser Stimme nochmals.

»Ja, ja, wenn man old ward, is man jederman to Last, ok sin Kinner –«

Sie fiel zurück und schloß die Augen, weil sie sich in Tränen verdunkelten.

Und dann sie trocknend, sagte sie energisch im Ton:

»Is dat din Gedanke, Willem, oder hett din Brut dat utbröd?«

»Ach, Mutter –« stieß Wilhelm heraus.

Er sagte nichts mehr, wandte sich, starke Wolken aus der Pfeife hervorstoßend, ab und starrte eine Weile in schwerer Bedrückung zum Fenster heraus.

Und dann sagte er: »Ist es dein letztes Wort, Mutter, daß du mir nicht verkaufen willst? Über den Preis würden wir schon einig werden.«

»Der Preis kann uns nichts nützen, Wilhelm,« entgegnete sie, sich bezwingend, in dem bisherigen sanften Ton. »Ich mag mich nicht von der Bucht trennen. Daß ich deiner Frau nicht im Wege stehen werde, kannst du sicher sein. Anna kannst du ja abfinden. Ich hab' dir doch einen Vorschlag gemacht. Du bist es ja, der ihn nicht annehmen will. Daß ich auch noch ein büschen Ansprüche mache, mich nicht in die Einsamkeit und Untätigkeit verjagen lassen will, kannst du mir doch nicht verdenken, Wilhelm –«

»Es ist nicht deshalb, Mutter!« entgegnete Wilhelm.

»Nie kommt 'was Gutes heraus, wenn Schwiegermutter und -tochter zusammenhocken! Wenn sie auch beide die besten Menschen sind und den besten Willen haben, es geht nicht! Die Alten leben in ihren Ideen, und sie haben recht; aber die Jungen haben auch recht, wenn sie in ihrem Eigentum frei hantieren wollen. Ich weiß, es wird nichts. Ihr werdet euch nicht vertragen, und das eben will ich nicht.

»Ich will nicht, daß du gekränkt wirst, du bist meine Mutter, ich habe dich lieb und ich weiß, was ich dir schuldig bin. Ich will aber auch nicht, daß meine Frau mir die Ohren voll klagt.

»Und du hattest nicht recht, als du vorher etwas Böses auf mich und auf sie werfen wolltest. Gegen dich haben wir wahrlich nichts. Mit Anna ist's etwas anderes. Mit ihr kämen wir beide nicht aus.«

»So bau dir, ich sag's nochmals, dein eigenes Haus und wirf dich auf die Mühle und die Landwirtschaft.«

»Das wird nichts, Mutter. Die Gebäude, die wir brauchen, müssen hier unten stehen. Das gibt doch nur ein Durcheinander.«

»Willst du denn die Gastwirtschaft und den Laden beibehalten? Will deine Braut es, wenn ihr kauft, oder wir uns sonst einigen?«

»Ich bin mir noch nicht klar darüber, Mutter.«

»Nicht klar? Dachtest du denn vielleicht daran, die zu verpachten oder wieder zu verkaufen?«

»Vielleicht, Mutter –«

Alles kam zögernd heraus.

»Na, dann kann ich ja auch weiter damit sitzen, dann ist mein Vorschlag doch gut, daß du nur die Mühle und das Land allein pachtest.«

»Du willst mich nicht verstehen, Mutter –«

»Ja, ich kann schon, Wilhelm! Ich soll unter allen Umständen hier weg! Aber, mein Junge, da kann nun nichts draus werden. Solange ich lebe, will ich auf der Bucht bleiben, und da ich nichts Unrechtes gegen meine Kinder tue, wenn ich meine paar Jahre noch hier auf meinem Eigentum verlebe, deshalb schon nicht, weil ich verträglich und gerecht bin und auch sonst nur für sie alle das Beste im Auge habe, so kann ich das auch vor meinem Gewissen verantworten.

»Also, was ich will, weißt du. Nu überlege es dir, Wilhelm, und –« Sie stockte, und während sie nach ihrem Tuch und Stock griff, drang's in tiefer Bedrückung aus ihrer Brust: »Ach, wie schön hatten wir es, bevor dies Mädchen ins Haus kam. Friede und Eintracht waren in der Bucht zu Hause. Nie hattest du auch 'was mit Anna, Wilhelm. Aber von dem Tage an, wo sie hier heraufkam, gab's Streit und Tränen –«

»Siehst du, Mutter, wie du gegen Wiebke Partei nimmst. Daß Anna die Schuld hat – was tat denn das Mädchen ihr? – das willst du nicht zugestehen.«

»Wilhelm, Wilhelm! Ich habe solche Angst –« stieß die Frau, ohne auf die letzten Sätze einzugehen, heraus. »Ich hab' soviel gerade in der letzten Zeit gehört – ich wollte es dir eigentlich schon dieser Tage sagen, hätte es auch getan, wenn du mir nicht ausgewichen wärst –

»Ach, ik wull, de lewe Herrgod nehm mi to sik; denn so wär' ik keenen Minsch mehr to Last –«

»O Mutter, Mutter!« rief der Mann, dem sonst nur knappe Worte für seine Empfindungen zu Gebote standen, »nicht so. Es reißt mir ans Herz, dich so sprechen zu hören und dich weinen zu sehen! Willst du durchaus nicht, so muß es ja sein. Ich kaufe mir den Adelshof da oben und werde ganz Landmann. Ich denke aber immer: wer soll denn die Mühle aufpassen? Sollen wir einen Fremden hereinsetzen?«

Erst sah die alte Frau, in deren Zügen ein Ausdruck tiefster Schwermut haften geblieben war, noch eine Weile vor sich hin, dann aber erhob sie das Auge und sagte kurz und entschlossen, aber noch immer mit tiefem Weh im Ton:

»Wir wollen für heute das Gespräch abbrechen, Wilhelm. Ich will mir alles nochmal durch den Kopf gehen lassen. Wann wollt ihr denn heiraten? So – so –« schloß sie. »Und nu gah man! Ich will in't Dörp!«

Er neigte sich zu ihr und küßte sie; etwas, was seit seiner Jugend nicht geschehen war, und dann tat er, wie sie wollte.

 

* * *

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