Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Heiberg >

Fluch der Schönheit

Hermann Heiberg: Fluch der Schönheit - Kapitel 6
Quellenangabe
authorHermann Heiberg
titleFluch der Schönheit
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170801
projectid0a40fd1d
Schließen

Navigation:

Als Hans Appen am folgenden Morgen das Eßzimmer in der Wohnung seiner Großmutter betrat, war Wiebke allein anwesend.

Die Alte hatte sich noch einmal fortbegeben, um eine Anordnung auf dem Hof zu treffen, und Wilhelm war schon in der Mühle.

Infolgedessen stand Wiebke unbeschäftigt wartend da und schaute, nun eben in Gedanken verloren, durch das Fenster ins Freie.

Als Hans sich ihr näherte, wandte sie, seinen Morgengruß erwidernd, in ihrer gewohnten, ruhig gelassenen Weise den Kopf und sagte, seinen Gedanken begegnend:

»Frau Lornsen kommt gleich, der Kaffee ist schon fertig. Herr Lornsen hat sich heute ganz früh nach der Stadt herübersetzen lassen. Er hat bereits gefrühstückt. – Soll ich Ihnen vielleicht den Kaffee einschenken, Herr Appen?«

Hans machte eine dankend ablehnende Bewegung, dann sagte er in einem warmen Ton:

»Ist es denn nun wirklich Ihr Ernst, daß Sie uns verlassen wollen, Fräulein Wiebke? Hoffentlich haben Sie sich inzwischen beruhigt und sehen das Geschehene mit anderen Augen an.«

Für Sekunden trat der Ausdruck einer großen Unschlüssigkeit in der Angesprochenen Züge. Auch in den Augen erschien ein solcher von Unruhe, und die Lippen, eben zur Antwort geöffnet, schlossen sich wieder. Dann aber stieß sie, durch ihre Mienen und Bewegungen eine gleichsam schon lange gehegte und nur zurückgedrängte Vertraulichkeit an den Tag legend, heraus:

»Da Sie mich fragen! Es ist inzwischen viel geschehen, Herr Appen. Ich wollte Sie – da ich fühle, daß Sie mir freundlich gesinnt und mir gut raten werden, – ohnehin um eine Unterredung bitten. Aber jetzt, hier, vermag ich nicht zu sprechen. Ihre Großmutter kann jeden Augenblick zurückkehren, und zudem – ich bin augenblicklich nicht ruhig genug. Können Sie vielleicht nachher ins Kontor kommen? Ich komme dann zu Ihnen hinein. Freilich, Ihre Mutter, wenn sie mich mit Ihnen sieht –«

»Ich komme!« bestätigte Hans ohne Bedenken und rasch antwortend, da nun eben die Tür sich öffnete. Beide wichen zurück, und schnell gefaßt trat Hans mit möglichster Unbefangenheit auf seine Großmutter zu.

Die Alte zeigte sich gleich sehr lebhaft. Während sie den Kaffee einschenkte und die beiden jungen Leute sich bedienen hieß, erzählte sie von den Dienstboten, von der Mühle, von Wilhelms frühem Fortgang und gleich im Beginnen auch von Hans' Mutter, indem sie berichtete, daß sie eben von ihr komme und sie wegen ihrer starken Erkältung veranlaßt habe, den Vormittag liegen zu bleiben. Sie, die Alte, werde schon alles besorgen. Es sei gar nichts Bedenkliches, es werde nur rascher besser werden, wenn sie den Körper einige Stunden warm halte.

Wiebke und Hans kamen diese Mitteilungen sehr erwünscht. So hatten sie nun die größere Sicherheit, ungestört miteinander sprechen zu können.

Nachdem sich das Mädchen fortbegeben hatte, sagte die Alte:

»Ik hev güstern abend lang up di töft, abers du leetst niks vun di hör'n, min Jung. Ik dach, du wust to Hus blieven? Ne, ne, dat deiht ja gar niks,« fuhr sie, Hans' befangener Miene begegnend, fort, »ik frei' mi man blots, wenn du bi mi büst.«

Der letzte Satz war von einem zärtlichen Blick begleitet. Sie liebte ihren Enkel über alles. Diese Liebe war ohne allen Eigennutz. Sie stellte sich stets zurück und hörte erst, was ihm genehm war.

Und dann sagte sie, an das Vorangegangene anknüpfend:

»Gestern hätte ich doch nicht mit dir sprechen können, da Onkel Wilhelm dabei war, Hans. Aber heute will ich dir doch gleich sagen, mein Junge: was da von deinem Onkel Wilhelm gesagt wurde, mußt du nicht so genau nehmen. Hm – hm – ich meine, ich bin doch auch noch auf der Welt und hab' ein büschen zurückgelegt. Es wird ja auch alles gut werden. Man streitet sich 'mal und hält dann um so fester zusammen, wenn nur Onkel Wilhelm nicht auf den ernstlichen Gedanken kommt, das Mädchen, die Wiebke, zu heiraten. Ich steh' an und für sich nicht auf deiner Mutter Standpunkt, im Gegenteil, ich halte 'was von ihr – und ich glaube mit Recht. Aber besser wäre es schon, sie ginge aus dem Dienst. Wenn sie ihm aus den Augen kommt, wird er sich besinnen. Es wird nichts mit den übrigen, wenn er sie heiratet. Und was die Verwandtschaft anbetrifft,« – nun fiel die Alte wieder ins Plattdeutsche – »ehr Vatter sturv toleds int Delirium, he wär fröher Magistratssekretär, keem abers gans torüg. Und ehr Mudder? Ja, dat is ja sowit en sehr respektable Person, abers se hett ja weniger as gar niks – se wascht för Geld und hett mitunter nich das Solt up't Brot –«

Nun unterbrach Hans der Alten Redefluß. Was sie eben äußerte, erregte den Wunsch in ihm, in Erfahrung zu bringen, wie denn Wiebke überhaupt in diese Stellung gelangt sei.

Ihrer Worte übrigen Inhalt vorerst übergehend, sagte er:

»Wie kam sie denn eigentlich hierher, Großmutter?«

»Ja, wie's so kommt!« entgegnete die Alte. »Sie saß zu Hause und konnte keine Stellung kriegen. Da hatte sie in unserem Föhrder Blatt gelesen, daß Wilhelm ein Ladenfräulein suchte, und da ließ sie sich gleich am Morgen mit dem Fährboot übersetzen und sprach erst mit mir und dann mit Onkel. Er meinte, das ginge ja gar nicht, das wäre nicht gut genug für sie, aber sie wollte durchaus. Und sie war auch so anstellig, daß sie schon nach ein paar Tagen gar nicht mehr zu fragen brauchte. Alles besorgte sie, und sie mochten sie alle leiden, und es kamen viele bloß ihretwegen, wie es auch noch heute ist! Onkel Wilhelm hatte immer volle Tageskasse. Aber deine Mutter sagte gleich am ersten Tag: es wäre ein Unglück. Sie hätte 'was im Blick; sie traute ihr nicht! Sie wollte sich bloß hier hereinsetzen.

»Ach ja, min Jung, een weett jümmers beter as de anner, abers daför geiht dat Schicksal doch sinen eegen Weg.

»Und deshalb, mein Junge, ich, ich tue gar nichts, und kommt's, so soll sie, soweit es an mir ist, eine gute Mutter haben. Na ja, mit de ole Fru Nissen ward sik Willem denn ok affinn'n un ehr en warmes Nest torech maken. He hett et ja!

»Dein Onkel hat in all den Jahren soviel über die Pacht zurückgelegt, daß er wohl schon ein reicher Mann ist. Ik weet nich, wat he erövrigt hett, aber he hett veel. Da wüllt de annern am lefsten, dat he gar nich heiraten schall. Se wüllt nich,« schloß die Alte und zog mit feinem Spott die Lippen, »dat dat Geld an fremde Lüd verluddert ward. Fremde Lüd nennt se nämlich en Mäden, de niks hatt. All min Kinner sind nährig, min Söhn, de Senator in Hamburg, is en Gizhals, de Justizrat hett keenen annern Gedanken as Geld, din Mudder, na, de hett ok de Speziesdahler lev – blots Annie, min jüngste Dochder un du! Ihr seid nicht von der Art! Na, abers nu ward Tid. Ik mut nah't Backhus.«

Nach diesem Durcheinander von Hoch und Platt begab sich die Alte hinaus, und Hans schritt, nachdem er seine Mutter besucht, ins Vorderhaus die Treppe hinauf, wo sich oben sein Zimmer zur Linken nach der Landstraße befand. Nachdem er hier einige Anordnungen getroffen, eilte er, plötzlich von der Besorgnis ergriffen, er könne die geeignete Zeit verpassen, in den Laden hinab.

Eben reichte Wiebke einem kleinen Burschen, der kaum mit der Nase an den Ladentisch heranzureichen vermochte und auch nur auf den Zehen stehend sich bemerkbar machen konnte, ein Paket Schwefelhölzer, öffnete die Ladenkasse und schob das gewechselte Geld nach Abzug des ihr zukommenden Groschens hinüber.

Da aber die unbehilflichen Finger des kleinen, strohgelbhaarigen Burschen mit den ängstlich blickenden Augen die Geldstücke vergeblich zu fassen suchten, half sie ihm, indem sie alles wieder zusammenraffte und es in seine Hand drückte. Und endlich griff sie in einen großen, links von der Wage stehenden Glashafen und nahm ein paar spindelartig geformte Bonbons für ihn heraus.

Ein scharfer Pfefferminzgeruch drang auf Hans ein, während er ihrem Beginnen zuschaute und auch den Blick auf der Umgebung ruhen ließ. Die ganze Decke des Ladens hing voll von Bürsten, sogenannten Eulen, Schrubbern und hölzernen Klotzen. In den Ecken neben der Tür standen Harken, Schaufeln, Spaten, Grasstoßer, aber auch Sensen und anderes Feldgerät.

Meist roch's im Laden gemischt nach getrockneten Pflaumen, Seife und Kattun; es war überhaupt ein Geruch von allem möglichen zusammen. Heute aber hielt sich der Pfefferminzduft, der dem Hafenglas entströmt war, und mit einer Bemerkung darüber leitete Hans das Gespräch, nach Fortgang des kleinen Käufers, ein.

Er fühlte sich plötzlich unfrei, da er Wiebke gegenüberstand, auch an ihr machte sich eine gewisse Befangenheit bemerkbar.

Indem er selbst die Klappe des Ladentisches, durch die man den Weg zu dem Kontor gewann, in die Höhe hob und das Gemach gleich betrat, sagte er: »Wenn's Ihnen also recht ist, Fräulein Wiebke? Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Hoffentlich werden wir nicht gestört.«

Zufällig trat gerade in diesem Augenblick ein Bauer, die brennende Pfeife im Munde, in den Laden, suchte nach einem Zettel, der in der Westentasche saß, und sagte, ihn endlich findend und entfaltend:

»Min Dochder hett dat hier upschrev'n: Neihgarn und Neihnadeln, abers vun de mit de finen Oogen.«

Mit größter Ungeduld beobachtete Hans, einen vor dem in der Kontortür angebrachten ovalen Glasfenster sitzenden roten Vorhang zurückschiebend, den Käufer und die Verkäuferin und geriet in eine höchst ungeduldige Stimmung darüber, daß der Alte, den Wiebke mit größter Schnelligkeit bedient hatte, in seiner langsamen Umständlichkeit nicht zum Schluß zu kommen vermochte. Jetzt endlich ging er mit einem »Adjüs ok!« davon, und nun öffnete Hans die Tür und ließ Wiebke unter einer höflichen Bewegung eintreten.

Und als sie nun allein vor ihm stand mit ihren stillen, nichts verheißenden und die Seele doch so verwirrenden Augen, als ihre üppige Schönheit vor ihm aufstieg, mußte er an sich halten, sie nicht stürmisch zu umfassen.

Wer vermochte dieser verschlossenen Glut standzuhalten? Aber jetzt auch zu hören, was sich ereignet hatte, drängte den jungen Mann mit fiebernder Ungeduld.

»Nun, liebes Fräulein Wiebke,« begann er, faßte treuherzig ihre Hand und drängte die Leidenschaft mit ganzer Gewalt zurück. »Sagen Sie mir, womit ich Ihnen raten und helfen kann, und eins gleich: was es auch ist, und wenn es auch gegen die Meinigen sich richtet, ich bin fortan bei Ihnen in jeder Not.«

Eine Mischung von Überraschung und plötzlicher Unruhe trat für Sekunden in des Mädchens Züge, dann aber, die Mienen wieder glättend, sagte sie in gewohnter, stiller Gelassenheit:

»Ich danke Ihnen, Herr Appen, ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Und nun, bitte, hören Sie –«

In diesem Augenblick klopfte jemand im Laden mit einem Groschen auf den Tisch. Mit einem Ausdruck leiser Auflehnung wich das Mädchen zurück, und auch Hans berührte in gleicher Stimmung mit dem Fuß den Boden.

Aber es half nichts. Sie mußte gehen, und er wanderte erregt auf und ab.

Doch ward sein Warten nicht belohnt. Nachdem das kleine Mädchen, das einen Milchkrug nach Muster holen sollte (weiß mit breiten blauen Ringen), sich entfernt hatte, traten erst eine Nachbarsfrau und dann zwei junge Hofbesitzerstöchter in den Laden. Während Wiebke diese bediente, erschien ein Knecht, der Branntwein in eine Flasche gegossen haben wollte, und um das Ungemach voll zu machen, steckte auch noch Mutter Lornsen mit kurzem, forschendem Auge den Kopf in die Tür.

Es war also heute vormittag nichts! Hans machte sich klar, daß es unmöglich sein werde, die Unterredung fortzusetzen. Es galt vielmehr jetzt nur, ohne Aufsehen das Kontor zu verlassen, jedenfalls aber Wiebke ein Billett mit einem Vorschlag für eine andere Unterredung zuzustellen.

Während Hans an dem hohen, steifbeinigen, nahe am Fenster stehenden Pult, auf dem im bunten Durcheinander Warenproben, Papiere, Fakturen, Briefe und Schreibutensilien herumlagen, einen Brief schrieb, kam ihm die angstvolle Besorgnis, daß sein Onkel jetzt gerade wieder zurückkehren könne. Er beeilte sich deshalb, so sehr er konnte, und schritt, dem Mädchen im Vorbeigehen zuflüsternd, daß er etwas für sie unter die leere Zigarrenkiste in dem Regal gelegt, zum Laden hinaus.

Als er eine halbe Stunde später, nach einigermaßen wiedergewonnener Ruhe, einen Spaziergang unternahm und, über den Feldweg schreitend, das zu dem Wulfsdorffschen Gute gehörende Gehölz betrat, tauchte plötzlich, einen Jagdhund hinter sich, Carlos von Wulfsdorff hinter ihm auf. Er rauchte aus einer kurzen Jagdpfeife, sah äußerst vergnügt aus und erhöhte den vorteilhaften Eindruck seiner Gesamterscheinung durch die kavaliermäßige Wahl seiner Kleidung.

Alle Wulfsdorffs hatten einen stark ausgeprägten Sinn für eine sorgfältige Toilette, aber auch alle besaßen einen auserwählten Geschmack. Und im Gegensatz zu Hans, der mit einem Anflug von Unterordnung die Kopfbedeckung zog, streckte ihm Carlos, nachdem er zum Gegengruß den Rand des Jagdfilzhutes berührt, freundschaftlich-vertraulich die Hand entgegen.

»Das ist ja famos, daß du da bist, liebster Hans Appen,« stieß er heraus. »Nun, wie geht's? Ich war schon wiederholt im Laden, um mir Zigarren zu kaufen, aber es war immer zu spät, um noch in der Familie vorzusprechen. Ich komme in diesen Tagen! – Wie ich übrigens schon von dem Fräulein Wiebke hörte, steht's in der Bucht gut. Nach dir erkundigte ich mich nicht, da ich gar nicht voraussetzte, daß du schon da seist. – Wo willst du hin? Wolltest du mich etwa besuchen?«

So stieß Carlos von Wulfsdorff die Sätze rasch und lebhaft heraus, schob, ganz seiner liebenswürdigen Art entsprechend, seinen Arm unter den des Freundes und kehrte mit ihm um.

»Ich wollte eigentlich hier tüchtig arbeiten! Aber es ist gerade, als ob ich plötzlich unter die Faultiere geraten wäre! Ich träume den ganzen Tag umher und tue fast gar nichts. – Sowie ich hier wieder in der Natur bin, treibt's mich heraus. Es ist zu schön, und ich denke schon mit Unbehagen daran, daß ich wieder fort muß.«

»Du willst dich demnächst in Föhrde als Arzt niederlassen, Appen, nicht wahr?« fiel Wulfsdorff ein.

»Wann bist du durch mit der Geschichte? So – so – ja, da bist du besser dran als unsereiner. Ich muß nun erst hier beim Amtsgericht arbeiten. – Ich bleibe nämlich hier, weniger aus Passion, und gehe übers Jahr nach Flensburg.

»Na, einstweilen ist es schon eine sehr angenehme Sache, daß ich dich gefunden habe, liebster Appen. Was machst du heut abend? Wollen wir uns bei Gregori in der Kneipe treffen?

»Übrigens, Liebster, was ist doch diese Wiebke Nissen für ein famoses Mädel! Ich kenne sie ja schon von Dresden her, wo sie bei meiner Cousine als Stütze tätig war. Aber hier in der frischen Landluft hat sie noch mehr an Schönheit gewonnen. Sie kann einen wirklich ganz verrückt machen. Gestern hatte sie etwas im Blick! – Sag', ist sie eigentlich ein kleiner koketter Teufel? Was hältst du von ihr?«

Nichts konnte Hans Appen ungelegener kommen als Erörterungen über Wiebke. Eben hatte er mühsam seine Gedanken von ihr abgelenkt, und nun war schon wieder einer da, dessen Art, über sie zu sprechen, seine Eifersucht weckte und überhaupt sein Nachdenken in eine heftige Bewegung versetzte.

Aber da es ihm infolge dieser Gemütserregung sehr daran gelegen war, mehr zu hören, erwiderte er, die an ihn gerichtete Frage umgehend, und zur um so sichereren Erreichung seines Zweckes einen gleichgültigen Ton annehmend:

»So? Meinst du, daß sie gefallsüchtig ist? Ich finde im Gegenteil, daß sie eher etwas Schroffes, etwas Abstoßendes an sich hat. Mich wundert, daß sie gegen dich zuvorkommend, gar mehr als das gewesen ist. Aber du hast ihr wohl auch stark den Hof gemacht?«

»Na, so ein bißchen. Wie man denn gegen solche Mädchen einen etwas leichteren Ton annimmt. Sie wehrte meine Elogen zwar jedesmal ab, aber dann hatte sie doch etwas so, so – sagen wir, versteckt Leidenschaftliches im Blick.«

»So, also sie kokettierte mit dir?«

»Na, das will ich nicht gerade gesagt haben, liebster Appen, durchaus nicht! Aber du kennst ja diese gewisse Art bei Frauen, sie geben und nehmen in derselben Sekunde in einer Weise, daß man völlig irre wird, ob man mit richtigen Augen gesehen hat. Wer wird überhaupt aus den Weibern klug!?

»Übrigens apropos! Was macht die wunderschöne Annie, deine Schwester? Ich höre, daß sie in Hamburg ist. Bleibt sie noch lange?«

Während die beiden jungen Leute in solcher Weise plauderten, waren sie an den Ausgang des Gehölzes und bereits so weit vorwärts gelangt, daß sie eine nach dem Schloß heraufführende, durch einen Landweg von dem Walde getrennte Lindenallee zu überblicken vermochten. Und da sahen sie in der Mitte des langen Baumweges, und zwar Hans Appen zuerst, einen offenen Zweispänner in einem Tempo herankommen, das keinen Zweifel darüber ließ, daß die in demselben sitzende Dame – Türenna von Wulfsdorff – die Gewalt über ihre scheu gewordenen Pferde verloren hatte. Blitzschnell stürzte Hans, ohne Worte, nur seinem Impuls folgend, vorwärts, hielt sich anfangs zur Seite, sprang dann den rasend dahinsausenden Gäulen todesverachtend in die Flanken, griff in die Zügel und ließ sich, sich mit fast übermenschlicher Kraft rückwärts stemmend, von den jetzt in einem womöglich noch stärkeren Karriere dahinfliegenden Gäulen mitschleppen. Und dann kreischende Angstrufe des Fräuleins, lautes Hallo des nicht minder erschrockenen, aber sich ebenfalls den Tieren entgegenstellenden Carlos, ein einziger furchtbarer Krach, wie wenn Balken zersplittert seien – und – endlich Stillstand.

Durch Hans geleitet, war ein Anprall der Deichsel gegen den breiten Stamm einer der letzten Linden der Allee erfolgt. Bebend und schnaubend standen die Gäule. Türenna von Wulfsdorff aber sprang, von Hans aufgefangen, todesbleich aus dem Wagen. Auch glitt nach tiefem Atemholen ein: »Dank, tausend Dank, Herr Appen!« über ihre Lippen, und ein fester Händedruck und ein Blick aus ihren schwarzbewimperten Augen vervollständigten den Ausdruck ihrer überquellenden Empfindungen.

Auch Carlos schüttelte, nachdem er die Tiere zur Ruhe gebracht, Hans stürmisch die Rechte und erging sich in Ausdrücken seiner Verbindlichkeit.

»Türenna hätte den Tod von der Sache haben können, wenn du die Gäule nicht an die Linde dirigiert hättest, liebster Appen.

»Ja, ja – gewiß – bester Freund! – Na, und wie geht's dir, mein kleiner Kerl? Ich habe einen großen Schrecken um dich gehabt,« wandte er sich an seine schöne, zierliche Schwester und küßte sie wiederholt auf die Wangen. »Wie ist's denn eigentlich gekommen, beste Türenna?«

»Sie scheuten,« entgegnete das Mädchen, dem Wallach besänftigend den Hals klopfend, »als wir oben am Hofe an der Dampfmaschine vorüberkamen. Ich hatte sie gleich nicht mehr in der Gewalt und war schon auf das Äußerste gefaßt. Ich wäre übrigens aus dem Wagen gesprungen, wenn ich euch nicht gesehen hätte. – Welch ein glücklicher Zufall! – Bei solchem Herausspringen kann's einem den Hals kosten.«

»Ja, Gott sei Dank, kleine Puppe,« neckte Carlos, streichelte sie nochmals mit liebenswürdiger Teilnahme, faßte dann die Pferde an den Zügeln und lenkte sie, im Schritt neben ihnen hergehend, in der Richtung zum Schloß.

»Gefällt's dir, lieber Appen, in meinem Zimmer eine Zigarre zu rauchen und nachher mit uns zu frühstücken?« hob er an. »Bitte, sage ja!«

Auch Türenna sprach auf Hans ein; er müsse sich noch ihrer Eltern Dank einholen. Aber Hans lehnte, trotzdem etwas in ihm saß, das ihn gerade heute zu Wulfsdorffs besonders hinzog, in höflicher Weise ab. Er schützte vor, daß er Unaufschiebbares zu besorgen habe, nahm aber Carlos' Vorschlag an, am Nachmittag einen Spazierritt mit beiden zu machen und abends mit Carlos bei Gregori in Föhrde zusammenzutreffen.

»Na ja, dann auf fröhliches Wiedersehen um fünf Uhr. Die Pferde halten wir bereit,« entschied Carlos, und Türenna, anfänglich ihre Enttäuschung nicht verbergend, bewegte bei den Aussichten auf den Nachmittag zufriedengestellt den Kopf.

Auch wandte sie sich, nachdem Hans bereits Abschied genommen, noch einmal um, rief erst seinen Namen und wiederholte, als er rasch und ehrerbietig aufhorchte:

»Also sicher, Herr Appen, heute nachmittag! Nicht vergessen! Wir erwarten Sie ganz bestimmt!«

»Gewiß, ich komme! Verbindlichsten Dank, gnädiges Fräulein,« gab Hans zurück und lüftete nochmals den Hut.

Carlos aber flüsterte, obschon sie kaum aus Hans' Hörweite geraten, gutmütig tadelnd:

»Hättest du nicht tun sollen, Türenna –«

»Wieso, Carlos?«

»Na ja, junge Mädchen müssen sich etwas zurückhalten, liebste kleine Lebhafte! Man mißdeutet leicht allzu große Artigkeit –«

Türenna wollte etwas erwidern, aber sie unterdrückte es, während ein tiefes Rot in ihre Wangen schoß.

*

Als Hans auf demselben Wege zurückwanderte, war die Sonne ganz zum Durchbruch gekommen. Der Wald erglänzte jetzt eben in voller Sommerpracht. Da er viele Lichtungen besaß, vermochte das prangende Himmelsgestirn überall durchzudringen und es verlieh dem Laub der Eichen, Ulmen, Buchen und übrigen in großer Mannigfaltigkeit verteilten Bäume entzückende Farben.

Hier umfing die holde Schönheitsspenderin einen einzelnen grauen Stamm und glitt mit hellen Lichtern daran auf und ab, dort durchfunkelte sie zartes Unterholz, umarmte heißglühend einen grünen, freien Wiesenfleck und beleuchtete an anderer Stelle silberstrahlend das stille Wasser einer Waldquelle.

Aber sonnendurchwirkte Lichtfüllen webten auch mit goldenem Glanz zwischen den Waldwegen, und dasselbe Gold hob sich ab von der sanft verschwommenen Luft, die an ihren Ausgängen über den Feldern blaute.

Freilich, Hans Appen sah heute davon wenig; seine Gedanken nahmen ihn ganz gefangen.

Von demselben sinneverwirrenden Ausdruck, den er selbst beobachtet, als Wiebke sich mit seinem Onkel Wilhelm unterhalten, hatte auch Carlos gesprochen, und immer wieder tönte Hans in die Ohren, was seine Mutter gesagt, und was als Vermutung Carlos geäußert.

Doch auch Türenna von Wulfsdorff trat vor sein Inneres, überhaupt gedachte er der Familie im Schloß und der Gegensätze, die zwischen ihr und der seinigen bestanden.

So, wie die Welt einmal beschaffen war, erschien es als ein Wunder, daß Wulfsdorffs sich in solcher Weise zu den Lornsens stellten! Sie verkehrten mit ihnen, als seien sie ihresgleichen, luden Annie und Hans häufig ein, und die Wulfsdorffs sagten nie ab, wenn die alte Frau Lornsen sie einmal zum Abendbrot aufforderte.

Wulfsdorffs seien nicht dem Namen, sondern dem Wesen nach Adelige, hatte Hans wiederholt von ihnen sagen hören.

Im Schloß fand sich ein Spruch über einer der Türen, der lautete:

»Aus eigener Seele und eigenem Haus
Kehr aus zuerst den eignen Staub!
Dann aber wirf den Blick hinaus
Und bitt' bei andern um Verlaub!«

Allmählich gelangte Hans wieder auf den Feldweg, sah das Dorf, das Lornsensche Gehöft und die hochgelegene Mühle vor sich. Und da verschwamm plötzlich alles, was hinter dem Gehölz lag, wie durch einen Zauber. Einzig und allein gingen seine Gedanken zu ihr, zu Wiebke, mit dem verwirrenden Blick, dem blassen Gesicht und dem wortkargen, unergründlichen Wesen.

Hans hatte Wiebke in dem Brief, den er ihr hingelegt, freigestellt, ob sie nach Tisch, um welche Zeit sein Onkel und seine Großmutter zu ruhen pflegten, mit ihm sich im Kontor, oder am Abend, wenn alles schon schlafen gegangen, hinter der Mühle treffen wolle.

Als sie bei Tisch saßen, forschte er in ihren Mienen. Da ein Geheimnis zwischen ihnen bestand, setzte er voraus, daß sie ihm einen Blick stillen Einverständnisses gönnen werde. Aber sooft er auch sein Auge auf sie richtete, blieb ihr Angesicht unbeweglich. Sie tat, als ob alles sei wie ehedem, aber auch als Wilhelm auf sie einsprach, begegnete sie ihm zwar höflich, aber doch in einer wortkargen Art.

Nur als Frau Lornsen zuletzt einen neckenden Ton anschlug und herausstieß: »Nun, was ist, Wiebke, warum so schrecklich ernst? Ich muß wohl 'mal schelten, daß Sie niemals ein fröhliches Gesicht machen!« erschien nach einem schmerzlichen Zucken um die Mundwinkel ein mit Dank für die Worte vermischter Ausdruck sanfter Liebenswürdigkeit in den langsam sich erhebenden Augen.

Noch mehr regte es aber Hans auf, daß sie auch nach dem Abendbrot, als er sie vorn auf dem Korridor traf, um in die Enge des Ladens zurückzukehren, einen auffordernden Blick auf sie richtete, kein Wort äußerte.

»Haben Sie meinen Brief nicht gefunden, Fräulein Wiebke?« stieß der junge Mann, seine Erregung mühsam verbergend, heraus.

Sie nickte. »Doch! Aber ich fürchte mich! Lassen wir es lieber, Herr Appen –«

Die letzten Worte sagte sie ohne jegliche Biegsamkeit in der Stimme, völlig gleichgültig.

»Wieso? Wen fürchten Sie?« fiel Hans, um sie zu fernerem Sprechen zu veranlassen, ein.

Sie zuckte die Achseln.

Nun öffnete sich die Tür zur Gaststube und Anna-Marieken, die Mamsell, erschien mit einer Flasche, die sie hinten im Spritraum füllen wollte. Infolgedessen entwich Wiebke mit teilnahmlosem Gesichtsausdruck, aber auch Hans stieg, um Mißdeutungen zu entgehen, rasch die Treppe empor.

Aber oben ergriff ihn eine schier wahnsinnige Unruhe. Sie hatte, aus welchem Grunde immer, ihren Entschluß geändert, während er sich schon ausgemalt hatte, wie er am Abend hinter der Mühle neben ihr stehen, ihre Geständnisse hören und den warmen Hauch ihres Atems an seinen Wangen fühlen werde.

Ein solches leidenschaftliches Verlangen bemächtigte sich seiner zufolge ihres plötzlichen rätselhaften Widerstandes, daß er – alle bisherige Klugheit beiseite schiebend – nach Verlauf einer kurzen Weile wieder hinabeilte. Er ertrug es nicht. Er wollte sie zum Reden zwingen. Im Fall wollte er ihr erklären, daß er auch ihr etwas zu sagen habe; er bäte sie, ihm eine Unterredung zu gewähren.

Seine Pulse hämmerten, sein Blut tobte; in diesem Augenblick galt ihm nichts als die Befriedigung seiner aufgeregten Sinne. Wenn sie jetzt eben ins Zimmer getreten wäre, würde er vor ihr niedergestürzt sein und ihr gestanden haben, daß er sie leidenschaftlich, ohne Maß und Grenzen liebe.

Eine dämonische, zu dem Mädchen ihn rettungslos drängende Macht beherrschte sein Ich, und obschon er sich deren Gefährlichkeit bewußt war, und obschon er alle seine Vernunft herbeirief, vermochte er sie nicht von sich abzuschütteln.

So schritt er denn, in den Knien wankend, die Stufen hinab, trat auf den Flur und sah durch die mit Glasscheiben versehene Tür in den Laden.

Wiebke stand hinter dem Tisch und wog Wolle ab. Ein junges Bauernmädchen wartete auf Abfertigung. Aber statt eine Überraschung an den Tag zu legen, jetzt wenigstens einen entgegenkommenden Ausdruck in ihren Zügen erscheinen zu lassen oder ihm einen ermunternden Blick zu gönnen, sah sie ihn mit stillem Gleichmut an. Aber den üppigen Oberkörper reckte sie, bevor sie seitwärts nach einem Stück Papier zum Einschlagen der Wolle sich hinabbückte, und er sah, wie ihre Büste sich spannte, und abermals stieg, wie jüngst, das Bild ihrer Schönheitsvollendung vor ihm auf. Sein kämpfender Sinn lehnte sich mit ganzer Kraft dagegen auf, in seine Liebe sich etwas mischen zu lassen, was sich von einem rein geistigen Inhalt entfernte, aber wenn ihm auch das zeitweilig gelang, so vermochte er doch seine Ungeduld nicht zu beherrschen, ihr rätselhaftes Wesen zu ergründen.

So sprach er, während die junge Dirne mit dumm geöffnetem Munde zuhörte, rasch und lebhaft auf Wiebke ein und äußerte, als ob gerade das Gegenteil von dem vorliege, was der Wirklichkeit entsprach, zugleich aber in einer die Zuhörerin täuschenden Weise:

»Also bitte, Fräulein Wiebke – da ich jetzt gleich nach dem Schloß zu Wulfsdorffs eine Einladung habe, ich möchte Ihnen noch sagen: Sie schicken also den Boten zwölf Uhr nach der Mühle. Ich werde da sein, ich muß ihn sprechen.«

Aber was Hans erwartet hatte, geschah nicht. Ihn abermals völlig ausdruckslos anblickend, erwiderte sie:

»Ich weiß gar nichts von einem Boten, Herr Appen. Ich verstehe Sie nicht.« – Und fortfahrend: »In der andern Sache habe ich dem Betreffenden einen Brief geschrieben.«

»Einen Brief geschrieben, mir?« stieß Appen, die erforderliche Rücksicht auf die Zeugin in der Erregung beiseite werfend, heraus.

Aber nun winkte sie, versteckt auf die junge Person hinweisend, mit tadelnder Miene ab, wandte sich auch, ohne ihn ferner zu beachten, an die Käuferin und sprach auf diese mit der Frage ein, ob ihr sonst noch etwas zu Diensten stehe!

Infolgedessen ergriff den jungen Mann ein Gefühl wildzorniger Auflehnung, und in seine Gereiztheit mischte sich zugleich etwas von stolzem Selbstgefühl. Er wollte nicht so behandelt werden! Sie war's doch, die zuerst die Hand nach ihm ausgestreckt hatte!

So wich er denn nicht, wie sie es offenbar erwartet hatte, zurück, sondern sagte, seine Worte so rücksichtsvoll kleidend, wie es ihm in seiner Erbitterung möglich war:

»Ich bitte Sie trotzdem aufs dringendste, den Boten um zwölf zu schicken. Es ist inzwischen etwas geschehen, was auch meinerseits eine sofortige Rücksprache erforderlich macht. Ich werde da sein und abwarten, ob man meiner Bitte nicht mit derselben Zuvorkommenheit begegnen wird, die ich bei gleichen Dingen an den Tag legte!«

Als er sie dann ansah und nun abermals nichts in ihren Zügen sich rührte, hätte er gleich auf sie zustürzen und sie wegen ihres Trotzes auf die Knie zwingen mögen. Eine gewaltsame, rachsüchtige Stimmung beherrschte ihn wie eine Krankheit, der man durch bloßen Willen nicht Herr werden kann. Endlich entfernte er sich, vorher noch bemerkend, daß nun auch die junge Dirne, verstehend, daß doch wohl keine ganz gleichgültigen Dinge zwischen den beiden sich abspielten, einen ängstlich forschenden Blick auf die sich mit kalter Miene zu einer Schublade herabbeugende Wiebke richtete.

 

* * *

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.