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Fluch der Schönheit

Hermann Heiberg: Fluch der Schönheit - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHermann Heiberg
titleFluch der Schönheit
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170801
projectid0a40fd1d
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Es war an demselben Nachmittag zwischen vier und fünf Uhr. Durch den Unterbau trat Wilhelm Lornsen in die Mühle. Der ganze Raum war angefüllt mit weißen Kornsäcken und überall lag, dem Innern ein einziges, gleiches Kolorit verleihend, auf Balken, Vorsprüngen, Fußboden und Decke der dichte, weiße Mehlstaub.

Zur Rechten führte eine starkgeaderte, holzblanke, tiefe Spuren der Abnützung tragende Treppe empor. Wilhelm stieg hinauf, während das laute, unruhige Lärmen oben, das hastige Stampfen und Stoßen der Maschine, das geräuschvolle Ineinandergreifen des inneren Räderwerks und das Rauschen in den Korntrichtern an sein Ohr schlug. Leben, Bewegung, rastloses Arbeiten, wohin man blickte. Mit kurzem Gruß nickte der Müllerbursche, der eben auf einem Vorsprung den angehäuften Mehlstaub zusammenfegte.

Es war, als ob alles hier oben mit fiebernder Hast eile, zu Ende zu gelangen. Und ringsum Stützbalken und Mahlsteinkasten, unbenützte Korntrichter und eingeschnürte Säcke, mattbeleuchtete Ecken und bestaubte Winkel: jegliches auch hier bedeckt mit dem weißen Pulver, bestäubt selbst das in der Lukenöffnung schwebende Hanfseil zum Hinaufwinden des Getreides.

Und dasselbe Bild eine Treppe höher nochmals! Eine von einer unsichtbaren Macht getriebene, aber gleichsam eigenes, bewußtes Leben in sich bergende, gegen des Menschen bezwingende Hand stumm boshaft sich auflehnende Gewalt! Fast angstvoll überfiel's heute den Mann in diesem einsamen, aber von polterndem Geisterlärm erfüllten Raum, und als unwillkürlich das Auge Umschau hielt und der Blick auf die zwischen den schmalen Fenstern stehende Bank fiel, ließ er sich darauf nieder, wandte das Haupt und schaute hinaus. Zur Linken die noch dunkeln Fluren, Felder und Wiesen. Hier und dort ein Haus, eine hellere Wand neben fast schwarz erscheinenden Bäumen. Und vor ihm das Mühlengebiet mit der Bucht, dem weitläufigen Besitz der Familie Lornsen.

Zuletzt trat er auf die Brüstung der Mühle und schaute in die eben einen feinen Dunst aus ihrem Schoß hinaufsendende Natur. Jüngst war er auch hierhergeeilt, um sein seliges Glück hinauszurufen, jetzt suchte er Trost für sein zerrissenes Herz an demselben Ort durch dieselbe, weithin dem Auge sich aufschließende, sanft hingelagerte Welt. Aber heute zog Furchtbares durch seine Seele. Der Schmerz schuf Vernichtungsgedanken; sie richteten sich auf die, welche seinem Glück im Wege standen, aber auch gegen sich selbst.

Es ist der Lebenstrieb der gemarterten Kreatur, daß sie im Schmerz nach jeder Hilfe die Hände ausstreckt.

Aber während es für die körperliche Pein der Mittel viele gibt, sieht der von Seelenschmerz Gefolterte oft nur eine Rettung im Sterben.

Wilhelm war im letzten Augenblick nun doch betrogen, obschon er mit allen Mitteln gekämpft hatte. Alles war eitel Lug und Trug. Dieser Geistliche, dieser Bjelke, war um kein Haar besser als all die übrigen. Ein solches Rachegefühl gegen ihn und gegen sie, die eines andern Blick und Lächeln, Stand und Würde ihm vorzog, hatte Wilhelm bereits in der Nacht ergriffen, daß er emporgesprungen war und überlegt hatte, auf welche Weise er beide töten könne. Den Triumph sollten sie wenigstens nicht haben, daß sie über sein Verderben hinweg in den Tempel der Wonne einzogen!

Jetzt, allmählich, während er hier verharrte, ward er erst ruhiger. So Entsetzliches stieg nicht mehr in ihm empor, aber die Qualen der Ungewißheit, der Liebesschmerz und die tobenden Gefühle der Eifersucht hatten ihn nicht verlassen. Während er noch dastand, vernahm er, daß jemand die Treppen in der Mühle emporstieg. Dann knarrte die Tür hinter ihm, und im nächsten Augenblick stand einer der Hofknechte vor ihm und meldete, daß ein Herr da sei, der ihn zu sprechen wünsche.

Schon während der Knecht berichtete und Wilhelm ihn kopfnickend abfertigte, sah er drüben aus dem Gehölz Carlos von Wulfsdorff, Türenna und Hans hervortreten. Das berührte sein Gemüt besänftigend. Da er nun erkannt hatte, daß es nicht Carlos war, den Wiebke liebte oder geliebt hatte, waren Reue und der Wunsch nach Verständigung in ihm wachgeworden. Die engen Beziehungen seines Neffen zu jenem würden eine solche Aussöhnung leicht machen.

Aber ebenso rasch floh die gehobene Stimmung. Wie gleichgültig war jetzt eines Carlos' Haß oder Neigung gegenüber dem, was seine Seele bewegte. Große Not erstickt die kleine. Auch ergriff Wilhelm der Pflichtdrang. Er mußte in die Bucht, wo jemand seiner wartete. »Er wisse nicht, wer es sei!« hatte der Knecht auf Wilhelms Frage erklärt.

Kurze Zeit darauf trat der Mann ins Haus; einige Sekunden später stand er – Pastor Bjelke gegenüber.

Ein heißer Schauer lief über Wilhelms Körper, als er denjenigen vor sich fand, mit welchem sich seine Gedanken in den letzten achtundvierzig Stunden fast ausschließlich beschäftigt hatten. Nicht zweifelhaft waren auch Wilhelm die Gründe, weshalb Bjelke ihn aufsuchte. Er hörte jedes Wort vorher, und er war entschlossen, jeglichem mit einem trotzigen Nein zu begegnen.

Nachdem sie in dem lichtgedämpften Gemach Platz genommen, sagte Bjelke:

»Ich nahe mich Ihnen, Herr Lornsen, um Ihnen zu sagen, daß Ihre Braut, obschon sie übermenschlich mit sich gekämpft hat, dennoch erklären muß, daß sie ihnen nicht angehören kann.«

Bjelke hielt für Sekunden inne, weil aus Wilhelms Brust ein dumpfer Quallaut drang.

Dann fuhr er fort:

»Fräulein Nissen bittet sie inständigst, sich in das Unabänderliche zu fügen, sie nicht zu verdammen, ihr nichts nachzutragen und namentlich nicht zu glauben, daß sich in den Gefühlen der Achtung und herzlichen Zuneigung für Sie etwas geändert hat. Die letzten Geschehnisse führt sie auf eine begreifliche Erregung Ihrerseits zurück; sie weiß zudem, daß sie Ihnen nicht minder Schroffheiten abzubitten hat.

»Dennoch haben diese Vorkommnisse neben der Erwägung, daß die Abneigung der Lornsens gegen ihren Eintritt in die Familie Unfrieden und neuerdings schwer eingreifende Zerwürfnisse heraufbeschworen haben, Ihrer Braut Entschlüsse wesentlich befördert. Sie sieht, daß sie Sie nicht glücklich zu machen imstande ist. Sie erkennt, daß sie, obschon sie die Zweifel darüber in ihrem Innern immer wieder unterdrückt hat, doch nicht füreinander passen. Sie überlegt auch, daß die Familie durch ihren Rücktritt das alte Gleichgewicht des Friedens zurückgewinnen wird. Sie leidet unaussprechlich bei dem Gedanken, Ihnen diesen Enttäuschungsschmerz nun doch bereiten zu müssen, meint aber, es sei besser, jetzt diese Wunde zu schlagen, als Ihnen beiden ein ganzes Leben voll Reue, Qual und Kummer zu bereiten.

»So, Herr Lornsen, das habe ich Ihnen zu sagen. Es war ein Gang für mich, der seinesgleichen sucht. Ich fühle aus tiefinnerem Herzen mit Ihnen und wünschte, daß ich andres Ihnen mitzuteilen hätte. Ich bitte, wappnen Sie sich mit Gerechtigkeit, Gleichmut und Edelsinn. Hadern Sie weder mit dem Schicksal noch mit den Menschen. Ertragen Sie wie ein Mann, was Ihnen auferlegt wird. Geben Sie, ich bitte herzlich, dem Fräulein ihre Freiheit zurück!«

»Und wenn ich sie freigebe, dann werden Sie sie nehmen? Nicht wahr? Darauf kommen die wohlgesetzten Worte doch heraus, Herr Pfarrer!« entgegnete Wilhelm, seine unheimliche Ruhe brechend, mit finsterer Miene.

»Das wird Gott befinden, Herr Lornsen! Darum handelt es sich jetzt nicht! Heute lebt ein Mensch, morgen hat ihn der Tod hinweggerafft. Wer kennt die Zukunft? Wenn aber trotzdem die Freigewordene einem Freier die Hand bietet, vergessen Sie nicht, daß ihr Verzicht niemand nützen würde.«

»Nun ja, nun ja, Herr Pastor! Daß es Ihnen an ausgleichenden Worten nicht gebrechen werde, habe ich nicht bezweifelt, das gehört zu Ihrem Amt! Für mich aber bleibt bestehen, daß ich um das betrogen werden soll, was Sie nehmen wollen. In Wirklichkeit handelt es sich doch darum. Und so sage ich denn: Nein! Ich verlange, daß meine Braut ihr Wort hält. Ohne spitze Ecken geht's überhaupt nicht ab; wir leben alle in einer kantigen Welt. Der Hinweis auf die Familienverhältnisse ist demnach nichts als der Hinweis auf irgend etwas Unliebsames, das uns sonst in unserm Lebenslauf begegnen kann! Und ferner: wenn wir bis dahin füreinander paßten, so wird's auch jetzt gehen! Ich bin über Nacht kein Schakal geworden, und da Sie selbst hervorheben, daß meine Braut mich achtet und warm für mich empfindet, so wird sie auch mit mir glücklich werden. Ich bin dessen sicher, da ich weiß, was ich wert bin, und was ich von ihr zu halten habe! Ich meine nun so: meine Braut entfernt sich für einige Zeit von hier, um aus Ihrer Umgebung herauszukommen. Wir haben noch Verwandte in Jütland. Dahin kann sie gehen. Inzwischen werde ich alles also zu ebnen wissen, daß sie in ein wohlbereitetes Heim einzieht. Meiner Familie werde ich Konzessionen machen und dadurch den äußeren Frieden wiederherzustellen wissen. Ich bringe damit Opfer an Geld, aber sie sind mir nichts gegen die Gaben, die Wiebke gewährt.

»Wir haben nun einmal ›Ja‹ gesagt, und wollen der Welt nicht das Schauspiel des Wankelmuts geben, es uns selbst nicht aufbürden! Schwankte schon einmal meine Braut und fand sich doch wieder in Recht und Gewissen, so wird sie auch diese Zweifel überwinden. Sie kann es, wenn sie will! Von Zwang gegen sie zu reden, ist unangebracht. Sie ist eben eine Natur, die der Leitung bedarf, obschon es anders aussieht. Ich kann ihr alles nachfühlen, ich zürne ihr nicht, nein, ich empfinde bei ruhigem Nachdenken nur Mitleid! Diese meine Veranlagung wird mich auch in Zukunft in unsrer Ehe befähigen, die Härten auszugleichen. Ich will heute noch selbst mit ihr sprechen, ich bin überzeugt, daß ich nicht vergeblich sie anrufen werde. Sollte es dennoch nicht gelingen, nun, so mag sie die Folgen tragen. So ohne weiteres lass' ich mich nicht mehr beseitigen.«

Die letzten Worte waren finster und drohend gesprochen, ein furchterregender Ausdruck von Entschlossenheit war in Wilhelms Zügen erschienen.

Bjelke aber senkte, nachdem Wilhelm geendet hatte, mit stiller Miene das Haupt und sagte:

»Ich würde, Herr Lornsen, vielleicht ebenso oder ähnlich sprechen, wie Sie, wäre ich in gleicher Lage! Es ist menschlich und begreiflich, und ich versage Ihnen meine Achtung und Teilnahme nicht, obschon ich glaube, daß Sie Anlaß hatten, mir mit größerer Rücksicht zu begegnen, als es geschehen ist. Erlauben Sie, daß ich Ihnen aber noch einmal antworte.

»Sie haben bei Ihrer Auseinandersetzung eines vergessen. Was Fräulein Nissen heute durch mich erklärt, ist im Grunde nichts anderes, als was sie Ihnen bei Ihrer ersten Werbung schon bekannt hat. In ihrem Schwanken damals, Ihren Antrag anzunehmen, lag schon das halbe, fast das ganze Nein! Mitleid für Sie, Rücksicht gegen ihre in Sorgen lebende Mutter waren fast die alleinigen Gründe, die sie zustimmen ließen. Gibt Ihnen das nicht jetzt zu denken? Und ferner: Sie deuten an, daß Sie sie bei einer festen Beharrung auf ihrer Absage strafen wollen? Gibt's denn nur ein Christentum, wenn die Welt im Sonnenschein liegt?

»Soll sich der wahre Christ nicht gerade bewähren, wenn die Prüfung an ihn herantritt, wenn die Frage der Entäußerung seiner selbst zugunsten seines Mitmenschen zu lösen ist?

»Wenn Sie wirklich Ihre Braut so lieben, wie Sie behaupten, müssen Sie dann nicht ihr Glück vor Augen haben? Ich sage Ihnen, daß ich in unbefangener Prüfung – ganz abgesehen von meiner Stellung zu dieser Angelegenheit – die Überzeugung besitze: Sie beide passen nicht füreinander, Sie werden doch nicht finden, was Sie erwarten!

»Dieses Mädchen gehört ihrer ganzen Veranlagung nach in einen Kreis, in dem vorzugsweise geistige Interessen gepflegt werden. Gott hat sie so erschaffen, sie braucht diese Nahrung zur Ausfüllung ihres Innern. Sie braucht ein stilles Leben, sie eignet sich nicht für ein breiteres Treiben, schon deshalb nicht, weil sie vermöge ihrer ungewöhnlichen Schönheit und der ihr deshalb zufallenden Aufmerksamkeiten den Versuchungen leichter ausgesetzt ist und bezüglich dieser Tatsache genügende Selbsterkenntnis besitzt. Ich bitte deshalb noch einmal: fügen Sie sich, da Sie etwas besaßen, was wirklich nur ein Scheinbesitz war. Zum Heiraten gehört doch gegenseitige Liebe! Seien Sie der, der Sie wirklich sind. Ich schwöre Ihnen vor dem Allmächtigen, daß diese meine Rede nicht von Eigennutz diktiert wird, daß sie sich mit meiner innersten Überzeugung deckt. Ich möchte Ihr und Wiebkes Glück. Nachdem sie gestern mit mir gesprochen, weiß ich, daß jeder Versuch, sie umzustimmen, völlig aussichtslos sein wird.«

Wilhelm hatte halb abgewendet zugehört, und Bjelke war es nicht entgangen, daß er wiederholt zusammengezuckt war. Die Hoffnung stieg deshalb in ihm auf, daß seine Worte den beabsichtigten Eindruck hervorgerufen hätten.

Dennoch sagte Wilhelm, während er sich mit der bisherigen kalten Miene zu ihm wandte:

»Es ist vergeblich! Ich bin kein Knabe, dessen Meinung einiger Minuten Zureden ändern kann. Es muß so bleiben, wie ich sagte. Ich will meine Braut sprechen. Das übrige weiß Gott allein.

»Ich habe nichts mehr zu erwidern.«

»So lassen Sie uns wenigstens in Frieden scheiden, Herr Lornsen,« betonte Bjelke sanft und streckte Wilhelm mit einem wahrhaft herzbezwingenden Ausdruck die Rechte entgegen. »Gewähren Sie mir Gerechtigkeit und üben Sie Einsicht. Wenn wir die anwenden, wird wenigstens die Zukunft nicht allzu dunkel für uns alle sein. Bedenken Sie, daß ich bei diesem Gespräch nicht minder leide als Sie. Leben Sie wohl!«

Wilhelm neigte den Kopf und machte eine steife Verbeugung. Bjelkes Hand aber faßte er nicht. In seinen Zügen stand geschrieben: »Ich will nicht!«

*

Der Winter hatte, obschon es nicht den Anschein gehabt, doch noch einige seiner wilden Gefährten zurückgelassen, die, nun endlich auf seinen gebieterischen Wink Gehorsam leistend, beim Abzug ein zügelloses Wesen an den Tag legten.

Schnee stob noch einmal von oben herab, und starke Stürme, mit Kälte vermischt, rasten über das Land. Gestern hatte die Welt in Schneeglöckchen gestanden, nun lag eine dichte weiße Decke über den Fluren, und die grünen Spitzen der Bäume trugen, bis ins Mark frierend, des Himmels kaltes Naß. An diesem Tage, dem der letzten Unterredung folgenden, machte sich Wilhelm trotz des Unwetters zu Wiebke auf. Daß er nicht schon am vergangenen Tage sie aufgesucht, hatte seine guten Gründe gehabt. Er hatte sich überlegt, daß es besser sei, die Bjelke gegebenen Erklärungen auf seine Braut vorerst wirken zu lassen. Klugheit leitete ihn und half ihm, den schier ungeheuren Aufruhr seines Innern zu bemeistern. Alles stand jetzt auf dem Spiel. Es war das Letzte und Entscheidende in dem Kampfe um ihren Besitz. Übereilung konnte alles verderben, kluges Warten von höchstem Nutzen sein. Aber er schrieb ihr einige Zeilen, von denen er wußte, daß sie mehr Eindruck auf sie machen würden als sonst irgend etwas:

»Ich baute auf Dich, Wiebke, wie auf Gott! Ich weiß auch, trotz allem, daß Du am Ende doch die sein wirst, als welche ich Dich erkannte. Und höre es noch einmal: Dein ›Ja‹ ist der Himmel, Dein ›Nein‹ gibt Schrecken und Tod. Lasse mein Vertrauen nicht zu Schanden werden. Wilhelm.«

Hierauf war keine Antwort erfolgt. Das hatte Wilhelms Mut gestärkt. Am Morgen war er sogar seinen Geschäften nachgegangen, als sei alles im gewohnten Geleise. Er stieg, wie sonst, in der Arbeitsjacke zur Mühle hinauf, verhandelte mit den anfahrenden Fuhrleuten, guckte unten in die Ställe und stand später an seinem hochbeinigen Pult im Kontor. Seiner sich abgespannt und schwerfällig dahin schleppenden, bei seinem Anblick aber doch für ihn von zärtlicher Sorge erfüllten Mutter entdeckte er sich und berichtete über den Besuch des Pastors. Er erklärte, daß er dennoch das Beste hoffe, und gab ihr Andeutungen, wie er die Dinge zu aller Beteiligten Gunsten zu gestalten gedenke. Auch begegnete er seiner Schwester Anna und seinem Neffen Hans mit freundlicher Gelassenheit.

Immer wieder rief er sich Bjelkes letzte Worte ins Gedächtnis zurück. Sie hatten ihm den Eindruck hinterlassen, daß der Pastor den Glauben an den Erfolg seiner Ansprache verloren habe, daß er vielleicht doch sein Fürsprecher sein werde.

Wilhelm verstand sich kaum, daß ihn eine solche Zuversicht ergriffen hatte. Er sah sie aber als eine gute Vorahnung an und tat auch nichts, sein Vertrauen durch neues Grübeln zu erschüttern.

In solcher fast unbegreiflich hoffnungsvollen Stimmung nahm er zwischen vier und fünf den Weg zum Fährstrand, kam, bei dem starken Wellengang, fast nicht ohne Gefahr ans jenseitige Ufer und schritt, unbekümmert um den eisigen Schneesturm, der Wohnung der Witwe Nissen zu.

Es fiel ihm auf, als er den Flur betrat, daß sich drinnen nichts rührte. Er wartete eine Weile, dann klopfte er und trat, ohne Antwort abzuwarten, hinein. Niemand war im Wohngemach. Nun räusperte er sich, und noch einmal. Nun endlich öffnete sich die zu den Schlafräumen führende Tür, und die alte Frau erschien mit arglos fragendem Blick in der Öffnung.

»Ah, Sie, Wilhelm!« stieß sie sichtlich höchst erschrocken und stark erbleichend heraus, wischte sich nach einer ihr von ihrer früheren Beschäftigung zurückgebliebenen Gewohnheit die Hand an der Schürze ab und streckte ihm, ihren Zügen eine äußerst bekümmerte Miene verleihend, die Rechte entgegen.

»Wiebke ist krank, recht krank. Sie liegt fest im Bett seit gestern nachmittag,« hob sie an. »Und Sie können sie nicht sehen, lieber Wilhelm,« fügte sie übereilig hinzu.

Wilhelm Lornsen richtete seine forschenden Augen auf die Sprechende, aber sie hielt den Blick aus und sagte, seinen Worten zuvorkommend, eifrig:

»Sie meinen, ich mache bloß Reden, lieber Wilhelm. Aber es ist so, leider wirklich so, sonst hätte Ihnen auch meine Tochter auf Ihren Brief schon geantwortet. Eben erst, vor einer Stunde, hatte sie die Kräfte dazu. Ich sollte ihn gerade einstecken, hier, hier sehen Sie –«

Dabei machte sie eine Bewegung mit der Hand nach der Tasche, zauderte aber auf halbem Wege und zitterte, weil sie in Wilhelms Angesicht etwas Furchtbares aufsteigen sah.

»Geben Sie,« herrschte er sie an, löste das Schriftstück aus ihrer bebenden Hand und nahm den Weg zum Fenster, dahin, wo seine Braut, fleißig die Nadel rührend, auf einem kleinen Thron hinter wohlgepflegten Blumen stets zu sitzen pflegte. Ein heißbrennendes Gefühl umkrampfte sein Herz, als er sich vorstellte, er werde sie dort niemals wiedersehen.

Im Gegensatz zu der Zuversichtlichkeit, mit der er ins Haus getreten, war ihm gleich beim ersten Anblick der alten Frau die Gewißheit geworden, daß alles aus sei, ja, er sah's, die Mutter war bereits mit ihrer Tochter im Bunde. Ihr Erbleichen, ihr verlegenes Wesen, ihre Sprechart – alles anders als sonst – hatten ihm darüber genügende Belehrung gegeben.

»Sie sollten sich nicht aufregen, Wilhelm. Nehmen Sie den Brief mit. Lesen Sie ihn in Ruhe. Was soll ich dazu sagen, was kann ich –?« setzte die Frau an. Sein Verhalten flößte ihr die größte Furcht ein. Ihr ganzes Denken war nur darauf gerichtet, daß er das Haus wieder verlassen möge.

Aber Wilhelm breitete, nachdem er einen kurzen Blick der Verachtung auf sie geworfen, das Schreiben auseinander, bestieg den Thron, setzte sich auf Wiebkes Platz und las.

Und während er las, verfärbte er sich solchergestalt, daß die Frau, die zitternd dastand und in seinen Zügen forschte, unwillkürlich vor Angst die Hand aufs Herz drückte. Sie sah, daß etwas Entsetzliches bevorstehe, ja, eine durch bange Furcht hervorgerufene, ahnungsvolle Gewißheit kam plötzlich über sie, daß dieses Mannes Zorn nicht das Schlimmste sei, daß von diesem Tage das Leben für sie wieder ein Dasein der Qual, Not und Sorge werden würde, obschon sie und ihre Tochter von der Zukunft jetzt gerade die Erfüllung aller Wünsche erwarteten.

»Wissen Sie, was in dem Briefe Ihrer Tochter steht?« hob Wilhelm mit vernichtender Stimme an.

Die Frau schüttelte rasch und abwehrend den Kopf. Sie besaß keinen Mut, die Wahrheit zu sagen.

»Doch, Sie wissen es! Sie stecken sogar mit ihr unter einer Decke, obschon Sie hundertmal mir zugeschworen haben, Sie würden zu mir halten, solange ein Atem in Ihnen wäre. Aus Dankbarkeit versprachen Sie, beschworen Sie es! Aber nun, da Sie etwas Besseres haben, verlassen Sie den, der Ihnen Gutes tat, der Ihnen so ganz vertraute!

»Ah!« schrie er auf, »nichts, nichts als elendeste Erbärmlichkeit in der Welt, nichts als Lug und Trug. Nichts als niedriges, selbstsüchtiges, wortbrüchiges Geschmeiß, um das ein ehrlicher Mann nicht die Hand aufheben sollte. Fluch eurer ganzen Sippe! Möget ihr verdorren und verderben wie räudige Hunde am Wege. Zur Seite du, die Buhlereien deiner ehrlosen Tochter unterstützendes, erbärmliches Weib! Eure Freiheit sollt ihr wieder haben, aber auch fühlen, welche Hand sich von euch wandte!«

Nach diesen, sein ganzes Ich verleugnenden Worten wollte er an der vor Angst und Entsetzen einer Ohnmacht nahen alten Frau vorübereilen, als sich jäh die Tür öffnete und Wiebke, im weißen Unterkleide hoch aufgerichtet, vor seinen Blicken erschien.

Der Mund in dem kreideblassen Angesicht war halb geöffnet, die dunklen Augen glänzten unheimlich, wie irrsinnig, die seidenblonden Haare fielen, durch die Bettruhe gelöst, an der fahlen Stirn herab, und ihre Glieder zuckten krankhaft.

Aber nicht Zorn war's, was alle ihre Fibern in Bewegung setzte, Verzweiflung, Schmerz, Angst und Drang nach Versöhnung durchwühlten ihr Inneres.

Sie hatte alles gehört. Aber sie streifte mit höchster Aufbietung seelischer Selbstbeherrschung die furchtbaren Eindrücke ab. Sie wollte den fürchterlichen Inhalt seiner Worte nicht in sich aufnehmen. Sie flog auf ihn zu, fiel nieder, umklammerte seine Knie und ächzte, indem sie das stumme Auge flehend zu ihm erhob, herzzerreißend.

Aber Wilhelm Lornsen riß sich von ihr los:

»Was willst du, fort von mir! Geh – geh – dein Anblick ist mir so widerwärtig, daß ich mich an dir vergreifen könnte. Es gibt nichts auf der Welt, was ich so verachte, so hasse wie dich! Und spare dir dein Komödiantentum, du brauchst nicht zu betteln, du bist frei! Du sollst deinen Willen haben und meinen Fluch dazu!«

Unter diesen wuterfüllten, in besinnungslosem Jähzorn hervorgestoßenen Worten stieß er die abermals flehend ihn Umfassende wie einen leblosen Gegenstand von sich und faßte die Türklinke. Aber sie eilte ihm nach, nachmals krallte sie sich an seinen Arm, erhob das Haupt, legte alles, wozu ihre demütige Seele imstande war, in ihre Blicke und hauchte:

»Ich beschwöre dich, Wilhelm, geh nicht so von mir, denn wenn es geschieht, so ist es der Tod. Es gibt ein Wasser oder einen Strick, die mich dem Dasein entreißen! Ich kann nicht leben mit deinem Fluch, denn ich bin eingedenk all dessen, was du an Güte und Nachsicht mir und meiner alten Mutter getan. Sieh, alle deine Worte, deine fürchterlichen, prallen an mir ab, weil ich nicht vergessen kann, was du mir warst, vergib mir, sei gut! Geh nicht so von mir! Zerfleische nicht noch mehr mein Herz und Gemüt. Es ist zerrissen von Angst und Schrecken an allen Enden – Verzeih! Verzeih! O, sei ein Mensch, da du bisher ein halber Gott an Güte und Gerechtigkeit warst! Habe Nachsicht, Erbarmen mit deiner armen, grenzenlos unglücklichen Wiebke!«

Es hatte, während sie gesprochen, in seinem Gesicht gezuckt, als ob die Muskeln zerreißen müßten. Es zerrten die Hände hin und her, um sich ihrer Umklammerung zu entwinden. Die Brust arbeitete in der übermenschlichen Leidenschaft, und den Körper durchflog's siedendheiß.

Auch stiegen aus der von Schmerz und Pein zerrissenen Seele Tränen empor und füllten seine Augen.

Abgewendet, um durch ihren Blick nicht weich zu werden, löste er mit einem gewaltigen Ruck ihre Hände von seinen Gelenken, und während er tief und schwer ausatmete, stieß er, den Irrsinnsschmerz in den Augen, zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor:

»Ich kann nicht und ich will nicht! Und lasse mich, damit nicht Schreckliches geschieht! Ich sagte dir, daß ich dich frei gebe. Du hast also alles erreicht. Was die Zukunft bringt, weiß Gott allein!«

Hierauf schlossen sich seine Augen, als ob das Leben von ihm weiche. Aber nur für Sekunden. Dann raffte er sich auf, erhob kraß abwehrend die Hand, da sie noch einmal auf ihn einsprechen wollte, und stürzte aus dem Zimmer.

Wiebke aber brach wie vernichtet zusammen. Doch auch die alte Frau schüttelte sich in Grauen, denn der Sturm riß in diesem Augenblick mit einer Gewalt an den Fenstern, als ob er sie zertrümmern wolle.

*

Erst an der Scheide zwischen Nacht und Morgen kam Wilhelm wieder in die Bucht zurück, trat, ohne Blick für seine Umgebung, ins Arbeitsgemach, entzündete Licht und fiel todeserschöpft in seinen Sessel nieder.

Wiederholt hatte er, dem entsetzlichen Unwetter entgegen, die Stadt umkreist.

Einmal hatte er in einem kleinen Wirtshaus am Westende, für die Außenwelt gefühllos, dumpf vor sich hinstarrend, einige Gläser Grog hinuntergestürzt. Und dann war er wieder hinausgestürmt und hatte ohne Mahl des Weges, nur getrieben von seinen fiebernden Sinnen, die Gegend durchmessen. Das Fürchterlichste, das eine menschliche Brust zu erfüllen vermag, hatte sein Inneres durchwühlt.

Nur die Gedanken an Haß, Rache und Totschlag hatten fürder darin Raum. Jede Einzelheit hatte er bereits an seinem Geiste vorübergehen lassen. Und wenn einmal das kochende Blut sich besänftigt hatte, wenn, im völligen Gegensatz, Milde, Gerechtigkeit und Versöhnung in ihm eingezogen waren, erhob er gegen sich selbst die geballte Faust und schalt sich einen erbärmlichen Weichling.

Er wollte unter allen Umständen Sühne für das Geschehene. In ihrem Briefe hatte sie geschrieben, sie habe sich entschlossen, wieder in die alte Armut und Abhängigkeit zurückzukehren. Sie könne ihm nicht angehören; es sei ihr letztes, unabänderliches Wort, so furchtbare Überwindung es sie koste. Jedes Reden sei vergeblich: es sei das Produkt eines Muß, das stärker sei als alle Überlegung und alle Willenskraft. Sie sei darauf gefaßt, daß ihr Leben vernichtet sei, sie wisse, sie setze ihrer Mutter Dasein aufs Spiel. Aber sie könne, nachdem sie endlich den Mann gefunden, den sie wirklich liebe, einem andern nicht angehören. Der höchste habe das in ihr Herz gepflanzt, von ihm, dem Schöpfer, nicht von ihr müsse er Rechenschaft fordern, daß sie ihren Schwur breche.

Wilhelm suchte auch jetzt nicht sein Lager auf, sondern stieß die Fenster des dumpfen Gemaches auf und ließ den nach dem Ausrasen des Unwetters nun gegen Morgen wieder mild und verheißend die Erde umfächelnden Atem der Natur ins Zimmer dringen. Erst nachdem er sein tobendes Blut besänftigt hatte, schloß er die Läden und begab sich an das Hervorsuchen von Papieren und ans Schreiben. Aus den schier übermenschlichen Kämpfen dieser Stunde hatte sich ein unumstößlicher Entschluß entwickelt. Die kommenden Tage sollten es ans Licht bringen, was sich in seiner Seele Ungeheuerliches gestaltet hatte.

Erst als er draußen bereits die Schritte der Knechte vernahm, schlug er das Bett zurück, seufzte, nach Ablösung von der fürchterlichen inneren Qual ringend, tief auf und verfiel endlich in einen bleiernen, bis zum Vormittag dauernden Schlaf.

Einmal war morgens die alte Frau, da er nicht erschien, leise an sein Lager geschlichen. Sobald sie sich überzeugt hatte, daß er atmete, trat ein Zug sanfter Beruhigung in die ernsten, schwermütigen Züge.

Sie erwartete nicht, daß er ihr Gutes zu melden haben werde. Ihr Ahnungsvermögen, sein spätes Kommen sagten ihr, daß alles aus sei. Aber er lebte! Ein entsetzlicher Traum, der sie abermals heimgesucht, sie aus dem Bett getrieben und horchend an sein Zimmer geführt, war zum Glück nicht Wahrheit!

*

Als Wilhelm, versehen mit dem, was er brauchte, gegen zehn Uhr am nächsten Vormittag aus seinem Zimmer trat und eben, ohne zu frühstücken, sich auf die Mühle begeben wollte, sah er seine Mutter nach alter Weise auf dem Hof hantieren.

Mit erhobenem Stock wies sie auf eine Schubkarre, die neben dem Speicher stand, und hieß den Hofknecht sie fortschaffen.

Sodann gab sie einem bereits wartenden alten Bauern Arbeitsaufträge für den Garten und wandte sich endlich, nachdem sie dem die beiden schwerfälligen Ackergäule hinter sich herziehenden Stallknecht auch noch ein Wort zugerufen, in die Bäckerei.

Erst nachdem er sicher war, nicht von ihr bemerkt zu werden, trat Wilhelm heraus und nahm den Weg über das Feld zur Mühle hinauf. Er wollte seiner Mutter unter allen Umständen ausweichen, er fürchtete, er werde weich werden, wenn ihr Anblick auf ihn einwirken, wenn ihr treues, liebes Auge sich auf ihn richten, ihn ihre Zärtlichkeit berühren werde.

Er wollte jetzt überhaupt niemand sehen und sprechen. Er wünschte, völlig mit sich allein zu sein. Aber es zog ihn noch einmal nach oben, dorthin, wo Gottes Natur, wo ein so herrliches Stück seiner Heimat ausgebreitet lag.

Die Mühle war nicht in Tätigkeit. Sie streckte ihre mächtigen Flügel, auf denen sich ein paar zwitschernde Vögel sorglos niedergelassen, untätig in die sonnendurchwirkte Luft hinaus. Als Wilhelm unten eintrat, saßen die beiden Müllergesellen auf Kornsäcken und verzehrten das zweite Frühstück. Auf seine Fragen gaben sie die den Leuten eigenen phlegmatischen Antworten.

Nun stieg er die beiden Treppen empor. Ihm war, als ob jegliches von einer unheimlichen Lähmung ergriffen sei, und dann wieder, als ob die Gegenstände ein inneres Auge hätten und mit ihm fühlten, mit ihm empfänden, daß nun doch alles mit seinem Glück vorbei sei.

Den Mann ergriff eine bedrückende Wehmut. Er setzte sich auf einen Sack, ließ den Kopf in die Linke sinken und ergab sich einem tiefen Grübeln. Wozu war nun alles gewesen seit seiner Knabenzeit her? Wozu die zärtliche Sorge seiner Mutter bei Krankheiten und sonstiger Not, wozu die ihm durch Lehren und Beispiel gewordene Verfeinerung des Herzens und Gemütes? Wozu alles Drehen und Wenden und Vergleicheschließen mit der ihn umgebenden Welt, das Ausweichen, Überlegen, Ablehnen, Versprechen und Halten, die Pflege des Körpers, das sorgsame Sparen und das nutzbare Anlegen des Ersparten? Wozu? Für wen? Es war ja gänzlich ohne Wert!

Er seufzte schwer auf. Wie hatte, trotz seiner inneren Zerrüttung, seiner alten Mutter rührige Sorge draußen auf dem Hof so tief sein Gemüt berührt. Sie, die fast am Grabe stand, verfuhr, als ob sie, gleich der Jüngsten, noch im vollen, hoffnungsreichen Leben stünde. Er aber, der noch alle Ansprüche ans Dasein zu erheben berechtigt war vermöge seiner Jugend und Kraft, er, der doch im Grunde die alleinige Verantwortung für all das besaß, was draußen sich befand, er dachte nur an Sterben und an noch Schrecklicheres. Noch einmal durchdrang ihn die alte Lebenslust. Tieferes Nachdenken regte sich. Um was handelte es sich denn? Er sollte die vollen Lippen in einem blassen Angesicht nicht mehr küssen. Er sollte ein Mädchen vergessen! Auf seiner Wanderschaft durch die Welt hatte auch sein Herz geschlagen. Mit Tränen hatten ihm junge Dirnen beim Abschied an der Brust gelegen. Adieu! – Vorbei! – Eine Zähre, die herabgeflossen, hatte er getrocknet, dann hatten neue Bilder die Erinnerung an die alten ausgelöscht. Und nun wollte er um diese verzweifeln, sich in Leidenschaft und Eifersucht sogar an ihr vergreifen? Es schauderte ihn. Ja, es schauderte ihn, daß ihn ein körperliches Frösteln überfiel. Er erhob sich, stieß die kleine Tür nach der Brüstung auf und trat hinaus.

Wonnevoll war's. Vögel, die bereits aus dem Süden zurückgekehrt waren, bevölkerten die Luft. Ein förmliches Jubilieren ging durch die Welt. Grüne Schleier hatten sich eben über die Waldungen gelegt. Blauer Rauch wälzte sich aus dem Heger Herrenhaus heraus und hob sich malerisch ab von dem zarten Frühlingslaub. Drüben der Spiegel des Flusses. Über seine stahlblaue Fläche zog mit braunem Segel, langsam, der Fährkahn. Im Vordergrund die belebtere Welt, das Dorf mit seinen Häusern, Katen und Dächern, Wie oft war Wilhelm in den vergangenen langen Monaten in diesem Boot nach Föhrde gefahren!

Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten ihn erfüllt, nicht nur für den Tagesdrang – für die ganze Zukunft! War's doch alles die süße Vorbereitung für einen noch herrlicheren Ausgang!

»Warten können!« hatte er einmal gelesen, sei einer der vornehmsten Sprüche aller Weisheit. Ach, es war alles leerer Schall, was in den Büchern stand. Es gab nur ein großes Lehr- und Lernbuch: das Leben selbst. Arzneien für den Körper ließen sich in den Apotheken kaufen, für Seelenschmerz gab's keinerlei Rezepte.

Was war's überhaupt mit der menschlichen Weisheit? Das Schicksal warf dem Lebenswanderer ein Hindernis unter die eilenden Füße, worüber er stolperte. Das konnten die Klugen nicht vorher bemessen, und so zerschellten alle ihre Kunst und alle ihre Sprüche.

Wilhelm trat zurück in die Mühle, ließ das Haupt tief sinken und verharrte für eine Weile wie leblos. Er wog alle seine Entschlüsse, das Nein und das furchtbare Ja. Die Gerechtigkeit und die Sünde schwankten in ihren Schalen auf und ab. Aber immer fiel die Wage, welche die Leidenschaft barg, tiefer.

Das Bild des Pastors Bjelke und die Worte, die in Wiebkes letztem Brief gestanden, traten immer wieder vor seine Seele. Wenn sie sich wieder in seine Erinnerung drängten, floh die Vernunft wie ein Windhauch. Nur das Raubtier der Rachsucht nahm von ihm Besitz und umkrallte seine Seele.

Sie sollte sterben, und dann wollte er sich selbst vom Leben befreien, das ihm nichts mehr bot. Selbst seiner Mutter entsetztes und gramverzehrtes Gesicht, das er vor sich auftauchen sah, wenn sie die Nachricht von dem Gräßlichen empfing, vermochte ihn in diesem Zustand der Zerrüttung nicht zu berühren. Endlich würde sie sich auch trösten. Wie nun? Wenn er natürlichen Todes gestorben wäre? Dann mußte sie ihn doch auch missen.

Als der Mann endlich wieder hinabstieg, war eben das Mühlenwerk in Bewegung geraten. Hastiges Leben umtobte ihn, das unruhige Stoßen und Stampfen schlug an sein Ohr. Auch ein kurz zischendes Geräusch ward draußen vernehmbar.

Die Maschine, die wegen der Windstille die Mühle trieb, stieß den Dampf aus einem Seitenrohr. Ein scharfer, unheimlicher, Vernichtung in sich bergender Ton! Die durch menschliche Überlegenheit in Tätigkeit gesetzte Naturkraft gehorchte, aber in wildverbissener Auflehnung.

Wilhelm nahm jegliches in sich auf. Aber er mochte doch jetzt von alledem nichts wissen, sich Gedanken darüber nicht hingeben. Er hatte keine Freude und keinen Sinn mehr an Arbeit und Gelingen, an Nachdenken über Ursprung, Wert und Bestimmung der Dinge. Nur das Bild des blassen Mädchens mit den dunklen Augen, dem verführerischen Lächeln und der kalten Seele hatte Raum in seiner Brust.

Dennoch bezwang er sich zeitweilig. Als ihm an der Gartengrenze Hans begegnete, ließ er sich freundlich mit ihm ins Gespräch ein, stellte die Erfüllung seiner Wünsche bereits als Tatsache hin und half ihm, sich auszumalen, wo und wie er mit seiner Mutter in der Stadt wohnen und Praxis gewinnen werde. Und in gleicher Weise begegnete der Mann, sich hinten herum ins Vorderhaus begebend, auch Anna, die, nach dem Rechten sehend, zufällig im Laden war.

Er zog sie mit sich ins Kontor, erklärte, er habe den Weg gefunden, wodurch sich für alle alles sicher glätten werde, und trug ihr auf, ihn bei der Mutter zu entschuldigen, daß er ihr keinen guten Morgen geboten habe. Er müsse sogleich, ohne Aufenthalt, in die Stadt, könne wohl auch schwerlich vor Nachtzeit zurückkehren, werde aber dann am nächsten Morgen ihr jegliches unterbreiten. Nachdem er auf diesem indirekten Wege auch die alte Frau verständigt, bot er seiner freudig überraschten Schwester, leicht und anscheinend gutgelaunt, die Hand, trat, um unter allen Umständen Mutter Lornsen auszuweichen, wiederum durch die Haustür des Vorderhauses ins Freie und schritt rasch auf dem Chausseeweg nach Föhrde hinein.

*

Es war gegen zwölf Uhr nachts, als Wilhelm Lornsen, der sich während der Tagesstunden in der Nähe der Stadt auf dem Hof einer ihm bekannten Familie aufgehalten und erst mit Einbrechen der Dunkelheit in die Stadt zurückgekehrt war, eine kleine Kneipe in einer der Nebenstraßen verließ und den Weg zu der Wohnung seiner Braut nahm.

Sie sollte nicht mehr leben und er wollte mit dem Dasein abschließen! Das war während der ganzen Tageszeit das Alphabet seines Denkens geblieben, und das wollte er nun endlich ausführen. Die krankhaft sich steigernde Unruhe, die ihn während dieser Stunden beherrscht, hatte er mit atembeklemmender Willenskraft unterdrückt. Auch bei seinen Bekannten hatte er sich völlig gelassen gegeben, hatte denselben Gleichmut an den Tag gelegt, welchen er Anna und Hans gegenüber zur Schau getragen.

Jetzt erst, in der Nacht, obschon er durch Trinken starker, heißer Getränke den furchtbaren inneren Tumult in andere Bahnen zu lenken und Kraft und Entschlossenheit zur Tat zu befestigen gesucht, verließ ihn diese, – bemächtigte sich seiner im Augenblick der Entscheidung eine starke Willensschwäche, erfaßte ihn dennoch ein heftiges Schwanken.

Die bis fast zur Besinnungslosigkeit gesteigerte Eifersucht hatte ihn nicht verlassen, sie wühlte auch jetzt wie Feuer in ihm. Nicht Feigheit beherrschte ihn. Aber der Gedanke, daß das Gelingen durch Zufälle gestört werden könne, die Form, in der er sein entsetzliches Werk ausführen wollte, beschäftigten ihn. An ihr Fenster wollte er hinten auf den Hof gehen, sie ersuchen, ihm zu öffnen, scheinbar versöhnt bei ihr eintreten und dann vollenden, was seine kranke Seele ausgebrütet hatte. Ein Messer wollte er ihr in die Brust stoßen. Das hieß aber heimtückisch morden! Und davor schauderte er zurück.

Als Wilhelm nicht mehr weit von der Wohnung seiner Braut entfernt war, sah er einen dort in der Nachbarschaft wohnenden Mann, einen Krämer, die Haustür aufschließen. Gerade fiel das Laternenlicht auf beider Gestalt, und so Wilhelm erkennend, verschob jener den Eintritt in die Wohnung und eilte auf ihn zu.

»Ah, verehrter Herr Lornsen,« hob er an. »Daß ich Sie noch sehe! Hat mir wirklich sehr, sehr leid getan. Die gute, brave Frau! Und so plötzlich! Gerade, als ich heute abend aus dem Hause wollte, war's eben geschehen – hörten wir davon! Wer hätte gedacht, daß die alte Frau Nissen zu Schlaganfällen neige? Na, andererseits ein schöner Tod. Plötzlich umgefallen und – dahin! Nicht wahr, so ist's?«

Wilhelm hörte, und das Herzblut stockte ihm. Aber auch das Unnatürliche kam über ihn. So entfremdet war er der, die doch noch seine Braut war, daß irgendeiner ihm mitteilen mußte, die Mutter sei am Schlage gestorben.

Aber eben dadurch gewann er die Kraft, seine Unkenntnis über das Geschehene zu verbergen. Nach einer paßlichen Erwiderung verfolgte er, sich rasch dem Sehkreis des Mannes entrückend – taumelnd vor Aufregung und in Minuten mehr durch seine Seele wälzend, als sonst in Stunden – den Weg nach der Nissenschen Wohnung.

Plötzlich aber stand er still, reckte ächzend, als ob er eine niederschmetternde Last von sich abwälzen müsse, den Körper und streckte stöhnend die Arme aus.

So verharrte er eine Weile, dann trat er durch den Seiteneingang auf einen einsamen, eben von dem die Wolken durchbrechenden Monde mild beleuchteten Hof, stützte die Stirn gegen eine Mauer und blieb, fernere Kämpfe mit sich ausfechtend, so stehen. Und dann raffte er sich wieder auf, betrat die Gasse und eilte, sich scheu umblickend, auf dem nächsten Wege in den hochgelegenen Stadtpark. Hier schritt er wohl eine halbe Stunde ruhelos auf und ab, der Zeit und des Ortes nicht achtend, und nahm endlich, mechanisch handelnd, gehetzt von seinem fiebernden Innern, den Weg über die Felder bis ans Schloßviertel, durchmaß dieses, stieg abermals auf die Höhe und gelangte nach wiederholtem, fast einstündigem Dahinrasen an das entgegengesetzte Ende bis an den Marktplatz, ohne jedoch zu einer Entschlußfähigkeit gelangt zu sein, viel weniger das Gleichgewicht seiner Seele zurückgewonnen zu haben.

Und so stürmte er denn wiederum vorwärts bis in die Nähe von Wiebkes Wohnung, mied sie aber, obschon er endlich zum grauenhaften Handeln sich stark gefühlt, und betrat, wie mit unsichtbaren Fäden dahingezogen, genau denselben stillen Ort, von dem er ausgegangen.

Was ein Mensch in seiner Seele Fürchterliches und Widerstreitendes zugleich hin und her wälzen kann, das war in der seinen geboren während dieser Mitternachtsstunden. Bald hatte ihn vor der Ausführung seiner grausigen Tat geschaudert, bald ihn die Leidenschaft solchergestalt fortgerissen, daß er, stolpernd, wie von Furien verfolgt, dahingeflogen war, weil er es nicht erwarten konnte, das Gräßliche zu vollenden.

Wie bei einem gierigen Raubtier hatte nichts anderes in seiner Seele Raum als unbezähmbare Leidenschaft, bis dann wieder mahnende Stimmen sich erhoben, endlose Zweifel sich regten und ihn völlig unschlüssig machten.

So war's im Wechsel gegangen, während Schweiß seinen Körper bedeckte, Schweiß von der Stirn geronnen, das Herz tobend geschlagen, und oft vor innerer und äußerlicher Überanstrengung ihm die Knie gewankt und den Dienst hatten versagen wollen. Meilen hatte er zurückgelegt während dieses Dahinrasens.

Endlich ergriff ihn ein Gedanke, den er zur Tat machte. Er verließ den einsamen Ort, wandte sich zu Wiebkes Wohnung, schlich leise durch den Nebeneingang auf den Hof, nach dem hin ihr Schlafgemach lag, und forschte, ob dort noch Licht und Leben sei. Ja, die Fenster waren erleuchtet und die Vorhänge nicht völlig herabgelassen. Ein siedend heißer Strom quoll durch des Mannes Glieder. Nun trat er, mühsam den Atem anhaltend, dicht heran und schaute in das Innere des Gemachs.

Und da sah er die alte Frau wie ein Wachsbild auf dem Totenbett liegen und neben dem Bett in einem Stuhl, kreidebleich, von Qual und Gram entstellt, wie eine Irrsinnige vor sich hinstarrend, Wiebke Nissen. Ein solches Bild menschlicher Verlassenheit, ein solch herzergreifendes Bild von Verzweiflung, daß es dem Mann eisig schaudernd durch die Seele rieselte.

War sie schuldig, wahrlich, dann fand sie hier auf Erden schon die furchtbarste Strafe. Der Tod war gegen eine solche Seelenpein Erlösung. Und nun kam endlich die Krisis zum Ausbruch, was ursprünglich in ihm aufgezuckt war, als jener Fremde ihm den Tod der alten Frau gemeldet, das erfaßte ihn nun mit elementarer Gewalt, riß solchergestalt an seinem Innern, daß er, wie ein Ohnmächtiger nach Fassung ringend, zurückwich.

Gott hatte einen Lebenden, die Mutter erschlagen, und er wollte einen Mord begehen an der, welcher dieses furchtbare Herzeleid geschehen. Das war nicht Rache, das war ein bestialisches Vorhaben! Das bis zur besinnungslosen Leidenschaft fortgerissene Ich wich dem gesitteten Menschen, welcher der Welt der Wirklichkeit mit ihren tieferen, in Vernunft und Gerechtigkeit wurzelnden Anschauungen zugehörte.

Die Binde fiel. Ekel über sich selbst ergriff ihn. Glühende Scham, Reue nahmen von ihm Besitz. Besonnenheit kehrte zurück. Und als Sühne für das Ruchlose, das er vorgehabt, und was doch für immer seine Lippen von ihrem Munde entfernte, was verhinderte, daß sein Auge je wieder frei zu ihr emporschauen konnte, wollte er verzichten, verzichten für immerdar.

Zu all diesen Gefühlen und Betrachtungen gesellte sich ein zehrendes Mitleid, der Drang, diejenige, die er liebte aus tiefster Seele, nun noch glücklich zu machen, ja, ein brennendes Verlangen nach Selbstentäußerung, nach Bußen und Opfern erfüllte seine Brust.

Noch einen langen, letzten, zehrend wehmütigen Abschiedsblick auf sie werfend, entwich Wilhelm Lornsen, und durch die inzwischen vom Himmelslicht verlassene dunkle Nacht, eilte er, ein innerlich neugeborener, wenn auch für ferneres Lebensglück verlorener Mensch, dem Fischerviertel zu.

*

Tage waren vergangen. Mitleidige Nachbarn hatten der Armen geholfen, aber auch Bjelke, dem sie geschrieben, war sogleich herbeigeeilt und um sie gewesen voll zärtlichster Hingebung. Aber nur solche Worte waren zwischen ihnen gewechselt worden, die sich auf die Tote bezogen. Nur der Schmerz um die Verlorene hatte Raum in Wiebkes Seele.

Für alles andere fehlte ihr gegenwärtig die Empfindung. So hatte sie denn auch einen Brief, der Wilhelms Handschrift trug, ungeöffnet beiseitegelegt. Da er nicht gekommen, da auch seine Mutter sich ihr nicht genähert hatte in dieser furchtbaren Prüfung, wußte sie ohnehin seinen Inhalt.

Ihr graute schon davor, an die drüben zu denken. Sie wollte, sie konnte nicht. Und nicht eine Silbe hatte sie gegen Bjelke geäußert über die Geschehnisse zwischen ihr und Wilhelm. Sie hatte nur in ihrem Brief gesagt: »Komme rasch zu mir! Ich bin ganz allein und verlassen. Frage mich auch nichts, wenn Du kommst, hilf mir nur, die Tote begraben. Dann – später – sollst Du alles hören und entscheiden, wenn noch zum Hören und Entscheiden Anlaß!«

Erst am letzten Tage, als die alte Frau in die Erde gesenkt war, am Vormittag, kurz bevor sie Bjelkes Besuch erwartete, öffnete Wiebke Wilhelms Brief und sank, nachdem sie gelesen, wie erstarrt, und dann mit den Augen einer Verklärten zurück. Er, der Betrogene, gab sie nicht nur frei, er hatte milde Worte der Versöhnung und Liebe hinzugefügt.

*

Tote strecken unsichtbare Hände aus und ziehen andere, die noch zaudern, aber deren Zeit gekommen, zu sich herab ins Grab.

Der alten Frau in der Parterrewohnung in Föhrde folgte kaum sechs Wochen später Mutter Lornsen. Nach einem rasenden Fieber, das sie ergriffen und das nicht hatte weichen wollen, war sie dahingegangen.

Sie hatte damals, nur früher, einen Brief empfangen, infolgedessen sie mit einem Schrei zurückgesunken war.

Er hatte gelautet:

»Heute in der Frühe, teure Mutter, bin ich über Hamburg nach New York gefahren. Ich verlasse meine Heimat, in der ich nicht mehr glücklich sein kann. Ich habe Wiebke ihr Wort zurückgegeben.

Nur eines macht mich zittern bis ins Mark, geliebte Mutter, daß ich Dich zu verlassen gezwungen bin. Aber es muß sein! Wie ich es gehalten haben will, was ich von Dir erbitten möchte, schrieb ich nieder auf die angeschlossenen Blätter. Ich fertigte sie aus, als ich beschlossen hatte, mir selbst den Tod zu geben. Ich will aber leben, um so besser vor Gott das Unrecht zu sühnen, das ich dir getan, indem ich Dir so viel Kummer und Schmerz zufügte. Ich habe auch sonst viel zu büßen. Sage meinen Geschwistern Gutes. Ich scheide mit freundlichen Gedanken von ihnen allen. Lebewohl! Verzeih mir! Aber ich konnte Dir nicht Adieu sagen. Ich hätte nicht den Schmerz überwunden. Mein letztes Wort ist: ich habe Dich sehr lieb! Auf Wiedersehen! Wilhelm.«

Das hatte der alten Frau den Tod gegeben. Nun war die Lebensfreude dahin. Auch die Zärtlichkeit und Liebe, die ihr Hans widmete, vermochte sie nicht wieder aufzurichten, wenn sie sich auch äußerlich ruhig gab, den Anschein hervorzurufen sich bemühte, sie habe sich ins Unvermeidliche gefunden. So vermochte sie denn auch nicht mehr Zeuge zu sein von zwei wichtigen Ereignissen.

Das eine erfolgte bald nach ihrem Ableben. Es fand der Verkauf der Bucht mit allem, was dazu gehört hatte, statt. Anna Appen hatte endlich ihre Freiheit erlangt und durch testamentarische Verfügung der alten Frau so viel geerbt, daß sie unabhängig in Föhrde leben konnte. Das andere, was geschah, ereignete sich drei Monate nach Wilhelms Fortgang.

Da schrieb ein kleines, zierliches Mädchen, das in Hege wohnte, einen Brief an Hans Appen.

Er lautete:

»Ich bin an den Schreibtisch gelaufen, nein, geflogen, mein Hans, um Dir zu sagen, daß meine Eltern eingewilligt haben, daß ich Deine kleine Braut werden darf! O, einziger, teurer Mann. Die Welt hat nicht Raum genug, um den Glücksschrei aufzunehmen, den ich ausstoßen möchte. Komm, komm, Geliebter, rasch, rasch in die Arme Deiner treuen Türenna.«

*

Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, gehen um die Winterzeit mittags durch die Straßen der holsteinischen Hauptstadt. Es läuten die Glocken, viele Wagen fahren, alles drängt sich der Kirche zu. Einer fragt und der andere, der jüngere, antwortet. »Der Hauptpastor Bjelke wird getraut. Es ist eine Dame aus Föhrde. Ich kenne sie. Ich bin selbst aus Föhrde und will in die Kirche. Sie ist aus kleiner Familie, aber schön und eigenartig. Ein vorzügliches Mädchen. Vor acht Tagen habe ich sie und ihren Verlobten zufällig beisammen gesehen. Ein glückliches Paar, wie nur selten. Es ist ihr auch zu gönnen, sie hat – ich weiß zufällig vieles aus ihrem Leben – sehr Schweres durchzumachen gehabt.«

Nun haben sie die Kirche erreicht. Der ältere reicht dem jüngeren zum Abschied die Hand. Aber der letztere – Carlos von Wulfsdorff – schlägt nicht ein.

»Ich habe mich besonnen. Ich gehe doch nicht hinein,« sagt er, und es fällt dem andern auf, daß er plötzlich sich verfärbt, als sei ein Unwohlsein über ihn gekommen.

»Ist Ihnen nicht gut – Sie werden so blaß?«

»Doch – doch – es ist nichts von Bedeutung, aber ich ziehe lieber vor, in der frischen Luft zu bleiben. Ich gehe hier! Adieu!«

Sie trennen sich. Carlos aber schreitet langsam, schwerfällig dahin. Er hat die da drinnen in der Kirche noch immer nicht vergessen, und somit fehlt ihm, da nun der Zufall ihn hierher geführt um diese Stunde, die seelische Kraft, Zeuge ihrer Vermählung zu sein.

Eben brausen die Orgelklänge durch das Gotteshaus. Sie dringen hinaus ins Freie. Carlos von Wulfsdorff aber beschleunigt seine Schritte. Er erträgt's nicht, er kann's nicht hören.

Bald ist er schon weit über das Weichbild der Stadt hinaus. Es drängt ihn, allein zu sein. In der freien Natur findet er Einsamkeit und Ruhe. In der Kirche aber erhebt gerade eben der Prediger die Stimme und fragt Wiebke Nissen, ob sie dieses Mannes Weib werden wolle?

Sie erhebt das Auge und antwortet. Es schwimmt ein Ausdruck darin, als ob der Himmel sich ihr geöffnet habe –

 

* * *

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