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Fluch der Schönheit

Hermann Heiberg: Fluch der Schönheit - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHermann Heiberg
titleFluch der Schönheit
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Letzte Winterstürme! In der Höhe heulten die Winde, boshafte Hexen der Luft schrien sich in frenetischem Freudentaumel zu, daß endlich die Zeit ihres vollen Triumphes gekommen. Nun sollten sie das letzte Werk der Vernichtung auf der zitternden Erde beginnen. Die von feuchten Nebeln umwallten Fluren erhöhten den Eindruck der traurigen Verödung. In lebloser Erstarrung lag die Welt. Ringsum, wohin das Auge schaute, alles leer! Die Bäume kahl entblättert, ihre Stämme triefend von Wasser, daneben schmutzige Lachen; die Felder schwarz und tot, der Himmel grau verdunkelt und schwer herabhängend, Schneemassen bergend. Die Wälder gleich finsteren Hainen, und der Flüsse dunkle Fluten unheimlich gekräuselt oder kalt sich dahinwälzend, sofern nicht die rasende Gewalt deren Schoß wild aufwühlte.

In dem Wohngemach ihrer Mutter saß Wiebke um die Spätnachmittagsstunde. Die Nebel hatten sich verzogen, aber aus dem düsteren, schweren Himmel entluden sich unaufhörlich vom Winde gepeitschte Schneeflocken.

Kalt und feucht drang ihr Hauch durch die Wände. Wiebke schauderte fröstelnd zusammen, zuletzt schnellte sie empor, umhüllte den Körper mit einem Tuch und ergab sich – eben fiel die Dämmerung auf die Straße, verfinsterte das Innere der Häuser und vollends ihr Gemüt – ganz ihren todestraurigen Gedanken. Die Erinnerungen gingen zurück an alles, was sich ereignet hatte seit ihrer letzten Unterredung mit Bjelke, aber auch alle Qualen, die sie mit starker Seele erduldet, drangen, sich vereinigend, von neuem auf sie ein. Ihr Herz hungerte und schrie nach Nahrung!

Wiebke war an dem Abend ihrer Rückkehr niedergestürzt auf den Fußboden und hatte, schier wahnsinnig vor Schmerz, gerungen und gestöhnt:

»Ich schreie nach Brot und du reichst mir Steine! Was soll mir Pflicht und Ehre, wenn ich sterbe bei lebendigem Leibe? Wer gab das unmenschliche Gesetz, daß ein durch die Verhältnisse abgerungenes Wort nicht gebrochen werden darf; daß ein Irrtum bestehen bleiben muß mit allen Schrecken und qualvollen Folgen, weil die künstlichen Begriffe von Moralität höher stehen als die reine Vernunft! Ist's moralisch, unter einer fortwährenden Lüge zu leben, den andern mit glattem Angesicht täglich zu betrügen? Wie kannst du, ein Mann, der Gottes Lehren vertritt, dich zum Handlanger der Lüge, gar des Verbrechens machen? Mußt du dich nicht jenem nahen und ihm sagen, wie es in mir aussieht? Kann er berechtigterweise einen Vorwurf gegen mich erheben, wenn ich erst jetzt mein Herz erkannt habe? Hat er mir die Bedenkzeit nicht abgeschnitten, mich zweimal zu einem Jawort förmlich gezwungen?

»Nein, ich will nicht in einer solchen Welt der Begriffsverwirrung leben! Ich will mich nicht auf den Opferaltar legen, weil einen Wilhelm die Leidenschaft zum Selbstsüchtigen macht, weil ein Bjelke starre Grundsätze über Natur und Vernunft stellt.

»Auch er besitzt nicht die Eigenschaften, nach denen ich bei einem Manne ausluge. Ein Mann schlägt um das Weib seiner Liebe tausend Schlachten, weil alles, was die Welt bewegt, zerschellt vor ihrem Wert und Reiz. Was ist Geld und Gut, Forschung und Sterben, Erfolg und Ruhm gegen den Inhalt dieses süßen Schalles?

»Ohne Nahrung für euer Herz schleppt ihr ein künstliches Dasein elend hin. Wie kann etwas erfreuen, an dem man nicht einen andern teilnehmen läßt?«

Freilich erhoben sich nach diesen leidenschaftlichen Ausbrüchen wieder andre Stimmen, die ihr zuriefen:

»Weshalb sprachst du ›ja‹, wo es noch in deiner Macht stand, mit einem ›nein‹ zu antworten! Du setztest die Sorge um dein leibliches Wohl höher, denn die Mahnungen deines Innern, denn die Pflichten, die du gegen dein Herz hattest. Nicht du allein, jeder muß für seinen Mangel an Selbstzucht, Kraft und Willen büßen. Erst wägen, nochmals und nochmals wägen und dann handeln! Aber du hast nicht einmal, du hast sogar zum zweitenmal dein Wort verpfändet! Welche Opfer brachte dir Wilhelm schon an Geduld und Liebe, was alles hat er mit den Seinigen aufgerührt um deinetwillen! Und ferner: auf dir ruht nun einmal der Makel der Liebeständelei, des Wankelmuts! Zeige, daß du dennoch wahre Sitte, daß du einen Willen und die Fähigkeit hast, ihn zu betätigen, daß du dein Ich nicht allein in den Vordergrund stellst! Folge auch dem Rat derer, die es gut mit dir meinen. Deine Mutter und Bjelke, sie, denen doch dein Schicksal am Herzen liegt, zeigen auf die Bucht hin!

»Und endlich! Stellt der Mann deiner Wahl, stellt Bjelke Pflichten und Ehre über alles, so nimm an ihm ein Beispiel, statt ihn anzuklagen, und vergiß auch nicht, daß oft das Schicksal gerade da am sorgsamsten auf unser Glück bedacht ist, wo wir glauben, daß es uns den Rücken gewandt hat. Nimm das viele Gute, das Wilhelm dir bietet, und vergiß darüber, was ihm mangelt!«

Bald nachdem Wiebke zurückgekehrt war, trat Hans mit einem Anflug von Verlegenheit bei ihr ein. Er wollte ihr und ihrer Mutter ein letztes Lebewohl sagen. Am folgenden Tage ging's fort.

Er hatte aber offenbar noch etwas andres auf dem Herzen, das er nicht in Gegenwart der Alten aussprechen wollte, und weil Wiebke ihm solches anmerkte, wußte sie ihrer Mutter einen Wink zu geben, sich zu entfernen.

Er faßte nach deren Fortgang in starker Bewegung Wiebkes Hand, sprach seine Wünsche für ihr Glück aus und fragte in rührender Unterordnung, ob er nun alles recht gemacht habe?

Und da trat in Wiebkes Mienen ein liebewarmer Ausdruck und sie erwiderte:

»Sie können mich fragen, lieber Herr Appen? Ich weiß überhaupt nicht, wie ich Ihnen für Ihre Ritterlichkeit danken soll! Sie haben sie, wie keiner, durch Ihren Trinkspruch an den Tag gelegt! Es gehörte wahrlich Mut dazu, sich der verhaßten Wiebke, verhaßt, obschon man ihr kein andres Vergehen nachweisen kann, als daß sie auch ein fühlendes Geschöpf ist, anzunehmen.

»Niemals kann und werde ich Ihnen das vergessen, überhaupt werde ich mich immer erinnern, welch ein vortrefflicher Mensch Sie sind.

»Es ist schon viel gewesen, daß Sie Ihre Mutter zu solchem Entgegenkommen überredeten. Hoffentlich bleibt es nicht bei äußerlicher, glatter Miene, und es wird mir gelingen, ihre Achtung und ihre Liebe zu erwerben. Es soll schon deshalb an mir nicht fehlen, weil ich immer eingedenk bleiben werde, daß es, lieber Herr Appen, Ihre Mutter ist.

»Und was den Bund betrifft, den ich mit Ihrem Onkel geschlossen habe, so will ich mich dem lieben Gott anvertrauen und ihn bitten, mich immer mehr erkennen zu lassen, welch ein Glück mir geworden: daß ein so braver und rechtschaffener Mann sein Auge auf mich geworfen hat. So, da haben Sie mein Bekenntnis und ich bitte Sie, mir Ihre gute Gesinnung zu bewahren.

»Halten Sie zu mir als Freund auch ferner, wie immer die Verhältnisse sich gestalten mögen. Denken Sie nicht schlecht von mir, wenn schon meine Handlungen Ihnen nicht immer verständlich sind. Sie können glauben, daß ich stets das Gute will. Möge auch alles nach Ihren Wünschen sich gestalten und einst, bald, Ihr Herz diejenige finden, die« – hier senkte sie die Stimme und eine mädchenhafte Befangenheit machte sich an ihr bemerkbar – »Ihnen das Glück bietet, welches ich Ihnen nun einmal nicht gewähren konnte. Das ist mein sehnlichster Wunsch! Adieu, adieu –«

Die letzten Worte waren von flutenden Tränen begleitet, und Hans, der mit starkbewegtem Gemüte das alles vernommen, ward dadurch noch mehr erweicht. Aber er ward auch bekümmert. Trotz aller äußerlichen Ruhe und Fassung schien doch Wiebkes Inneres noch stark belastet.

Als er jedoch noch einmal auf sie einsprechen wollte, schüttelte sie sanft mit einer Bewegung das Haupt, wie jemand, der um Schonung bittet, weil Reden ihm schwere Qual auferlegt.

»Ich bitte, gehen Sie jetzt,« hauchte sie abgewendet und den Druck seiner Hand erwidernd. »Adieu – nochmals adieu!«

Nun ging er. Draußen sah er noch auf dem Flur die Alte, dann trat er in starker Bewegung auf die Gasse.

»Armes Mädchen!« murmelte der junge Mann. »Sie ist auch jetzt nicht glücklich und wird es nie werden, weil sie nicht gefunden hat, was mir geworden ist! Ah, meine Türenna, wie ich dich liebe!« schloß er begeistert, und die letzten Worte nicht mehr denkend, sondern laut hervorstoßend.

Und dann schlug er zum letztenmal den Weg zur Bucht nach Halk ein.

*

Monate waren dahingeflogen. Wiebke war fleißig an der Aussteuer beschäftigt gewesen. Jeden Sonntag war sie mit ihrer Mutter in der Bucht erschienen. Jeden Tag sprach Wilhelm eine Zeitlang vor, aber nicht immer war er abends um sie. Rücksichtsvoll ihrem knappen Drang nach Zärtlichkeiten Rechnung tragend, vermied er alles, was wie ein Druck, gar wie ein Zwang erscheinen konnte, und er wußte auch mit Erfolg jegliches in sich niederzukämpfen, was zufolge Wiebkes gelegentlichem stillen, etwas ausweichenden Wesen an Eifersucht in ihm emporsteigen wollte. Wohl aber war er unerschöpflich in Aufmerksamkeiten. Bald brachte er dies, bald das und schwelgte bei den Gesprächen in der Erwartung seines künftigen Glückes.

Aber nicht nur seiner Braut begegnete Wilhelm mit rücksichtsvoller Güte, sondern auch der alten Frau und förderte dadurch fast noch mehr als durch alles andre Wiebkes Vorsätze.

Wollte sich wieder die alte Sehnsucht nach Freiheit regen, stellten sich Vergleiche ein und erfaßten sie, sobald Bjelkes Bild vor ihrer Seele auftauchte, ein Widerstand gegen Wilhelms Liebesbeweise, so biß sie die Zähne zusammen und rief sich ein »Ich will und ich muß!« zu. Auch der alten Frau Lornsen Freundlichkeit und herzliches Wesen halfen im Laufe dieser vielen öden, das Nachdenken fördernden Monate ihr Inneres erstarken. Zudem wuchs durch die Freude am Gelingen ihre Kraft. Es würden, hatte sie auch häufig gehört, Vernunftheiraten meist die glücklichsten, und sie glaubte an die Richtigkeit, weil sie auf ihre eigene Lage paßte.

Am heutigen Tage aber war nun wieder alles in Verwirrung und Aufruhr geraten. Die Föhrder Nachrichten hatten einen Aufsatz gebracht, in dem mitgeteilt wurde, daß Bjelke vom Konsistorium zum Propsten ernannt sei. Er habe demgemäß seine ursprüngliche Absicht aufgegeben, einem Rufe nach Hannover zu folgen, und werde nach Kiel übersiedeln.

An diese Notiz waren Worte der Verherrlichung des Mannes geknüpft und zugleich dem tiefsten Bedauern Ausdruck gegeben, daß dieser Mitbewohner, unersetzlich als Mensch und Prediger, Föhrde verlassen werde.

Nichts ist dem Vergessen schädlicher als Lob und Schätzung dessen, was wir liebten und verloren! Die Erhöhung des Wertes steigert sich ins Ungemessene, die klare Unterscheidung wird getrübt, und an ihre Stelle tritt eine verschwommene Vorstellung, in der die Glorie des Vermißten sich ebenso steigert, wie der Mut und das Berechtigungsgefühl sich verringert, danach abermals die Hand auszustrecken.

In gleicher Weise erging's Wiebke. Der Mann, den man öffentlich in alle Himmel erhob, gehörte ihr, aber sie durfte weder neben ihm noch an seinen Triumphen teilnehmen. Welch ein Gedanke, plötzlich hervortreten und der ahnungslosen Welt zurufen zu können: »Seht hier, der, dem ihr solche Palme zuerkennt, liebt mich. Ich bin die Auserwählte unter allen! Glaubt ihr nun, ihr Zweifler, an meinen Wert?« Wiebke sah die Gesichter von Timm und seiner Frau, Anna Appens Mienen, das Erstaunen und die krummen Rücken der vielen, die in Föhrde ihre Gegner waren.

Ehrgeiz, Drang, beachtet; bewundert, beneidet zu werden, und die Sehnsucht, über ihre Gegner zu triumphieren, erfaßte Wiebke mit fortreißender Gewalt. Aber auch die alte, sehnsüchtige Liebe zu Bjelke drängte sich wieder in den Vordergrund und ließ sie zuletzt immer mehr sich ihrem Grübeln hingeben und verzweifelnd die Hände gegen die Stirn schlagen. Einem machtlos an den eisernen Stäben rüttelnden Gefangenen glich sie, und es entstand aus diesem verzweifelten Kampfe zwischen Liebe, Pflicht und Zwang, sich dem Unabänderlichen fügen zu müssen, der sich in ihr wie eine Krankheit festsetzende Gedanke: allen Wirrnissen durch einen, bisher immer wieder als sündhaft und gottlos zurückgewiesenen freiwilligen Tod ein Ende zu machen.

Die erste Rückwirkung dieser krankhaften Gemütsstimmung war ihr ernstes und verändertes Verhalten gegen Wilhelm, als dieser am nächsten Tage vorsprach. Freilich wurde der Mann anfangs kaum davon berührt, weil er durch inzwischen eingetretene Vorfälle in solche Aufregung versetzt war, daß er auf ihr Wesen nicht in der gewohnten Weise achtete. Er berichtete etwas, was er ihr bisher verschwiegen, weil er gehofft hatte, daß doch noch eine Einigung zustande kommen werde. Er erzählte, daß seine beiden Brüder nachträglich auch gegen die »Verpachtung« der Bucht zu dem bisherigen Preise Protest bei seiner Mutter eingelegt hätten, und daß nach wiederholten, höchst erregten Erörterungen und wiederholter, sehr bestimmter Zurückweisung von seiten der Alten die Söhne nunmehr einen Prozeß gegen sie anstrengen wollten.

Die Alte sei außer sich! Jedes Band zwischen ihr und ihren Söhnen sei dadurch zerrissen.

»Mutter liegt,« so schloß er, »völlig zerschlagen im Bett. Ich fürchte, daß sie einen Stoß bekommen hat, von dem sie sich nicht wieder erholt. Du glaubst nicht, wie sie sich während eines einzigen Tages verändert hat.«

Wenn Wilhelm die geringste Ahnung gehabt hätte, wie es eben jetzt in seiner Braut Seele aussah, er hätte sicher vermieden, ihr gerade diese ihre Absichten und verzweiflungsvollen Pläne nur noch mehr erhärtenden Mitteilungen zu machen. Nichts konnte geeigneter sein, sie in ihren Vorstellungen über eine dunkle Zukunft zu bestärken als diese Zerwürfnisse in der Lornsenschen Familie. Alles war doch nur durch sie hervorgerufen. Sie allein war schuld, wenn heute Mutter und Kinder einen erbitterten Kampf begannen, einen Kampf, dessen Umfang und Ende gar nicht abzusehen war.

Wilhelm nahm, weil er sich zu dem von seiner Mutter bestellten Advokaten begeben wollte, von seiner Braut sehr bald Abschied, fragte noch, was ihr fehle, hörte besorgt ihre Erklärung, daß sie sich sehr unwohl fühle und vielleicht zu Bett legen wolle, und verließ, mit herzlichen Wünschen für ihre Besserung und ein Wiedersehen auf morgen, die Wohnung.

Als er fortgegangen war, fragte die alte Frau, die fast immer bei Wilhelms Kommen das Zimmer verließ und erst hervorkam, wenn ihr Schwiegersohn sie herbeirief, in sehr dringlicher Weise, was ihn so aufgeregt hätte. Sie habe nebenan zwar nichts verstehen können, wohl aber durch den Ton seiner Stimme den Eindruck empfangen, daß ihn etwas außerordentlich beschäftigen müsse.

Wiebke gab keine Antwort. Sie saß da, finster vor sich hinstarrend, fast wie ein lebloses Gebilde. Anfangs bewegte die kleine, blasse Frau mit den dunkeln Augen traurig den Kopf. Sie machte sich still fügend ans Ordnen und Abwischen der Möbel, rückte an den Blumentöpfen im Fenster und sagte erst dann zu der wie abwesend vor sich Hinbrütenden:

»Sag doch, Wiebke, ist 'was passiert? Hat Wilhelm Verdruß gehabt? Mich dünkt, du bist schon den ganzen Tag verändert, gestern abend schon! Was hast du, mein Kind, erzähl es mir. Hat's etwas zwischen dir und Wilhelm gegeben? Oder ist 'was mit Frau Appen?«

»Nein – nicht–s, nicht–s dergleichen, Mutter.« Und dann im Ton der Verzweiflung: »Ach – ach! Ich wollte, – alles hätte ein Ende –«

Nun geriet die alte Frau in die furchtbarste Aufregung, Ihr ahnte, daß sich einmal wieder – nach langer Zeit wieder – Böses in Wiebke regte, daß Zweifel über sie gekommen. Sie hatte inzwischen dafür ein besseres Verständnis gewonnen, da sie selbst mit starkem Unbehagen der Bucht gedachte. Jedesmal kostete sie ein Gang dahin die größte Überwindung. Anna Appen begegnete ihr ausnahmslos mit steifer Förmlichkeit. Sie ward dadurch immer wieder erinnert, wie ablehnend die Lornsenschen Familienmitglieder sich dauernd zu ihr und ihrer Tochter stellten. Äußerlich würde zwar um Wiebke alles geebnet sein, wenn sie als Herrin in der Bucht schaltete und waltete, aber diese verletzende Mißachtung und diese hochmütige Überhebung würden die Verwandten auch ferner gegen sie herauskehren und dadurch ihrer Tochter fortwährend neue Stachel in die Brust drücken.

Man sah einmal Wiebke als einen in jeder Weise zu bekämpfenden Eindringling an. Jetzt, wo Frau Nissen von der Daseinsschwere nicht mehr berührt ward, wo sie infolgedessen mehr Zeit zum ruhigen Nachdenken gewonnen hatte, betrachtete sie die Verlobung mit andern Augen.

Die Schattenseiten der Heirat, und die Opfer, die ihre Tochter zum größten Teil auch um ihretwillen auf sich genommen, traten deutlicher vor ihre Seele, und nur der Umstand hatte sie bisher über ihre Sorgen hinweggeholfen, daß Wiebke sich während der letzten Monate zwar nicht als eine heiter und glücklich frohe Braut, doch sanft und fügsam gegeben hatte.

Nun war aber sicher die bereits vernarbte Wunde abermals aufgebrochen. Ihr ahnte es, und sie beschloß, alles aufzuwenden, um Wiebke zum Sprechen zu bringen. Teilnahme, Schmerz, aber auch Drang nach Klärung leiteten sie.

Anfangs widerstand Wiebke ihrer Mutter Zureden und Bitten. So sehr sie sich durch Aussprechen nach Erleichterung sehnte, so sehr zitterte sie bei der Vorstellung, ihrer Mutter durch offenes Darlegen der eingetretenen Verhältnisse, besonders aber durch Einblick in ihren Gemütszustand Kummer zu bereiten. Dennoch siegten Schmerz und Überlegung, daß jene die Ungewißheit womöglich noch mehr erregen würde. Sie berichtete von dem, was Wilhelm erzählt hatte, und schloß mit der kurzen Bemerkung, daß sich ihr abermals in den letzten Tagen der Gedanke unwiderstehlich aufgedrängt habe, daß sie doch für Wilhelm nicht passe. Es müsse und solle trotzdem ja alles bleiben, wie es sei, sie wäre nur grenzenlos unglücklich darüber, daß sich immer und immer wieder Zweifel in ihr regten.

Erst schwieg die Alte tiefbeschwert, dann sagte sie, Vernunft und Klugheit allein walten lassend und rücksichtslos alles hervorholend, was sich ihr aus Nützlichkeitsgründen aufdrängte:

»Was sollte denn auch werden, wenn du alles wieder umstößt? Wir sitzen hier in dem warmen Nest, das der chute Wilhelm für uns zurechtgemacht hat. Die Aussteuer mit allen großen Kosten ist fast fertig. An dem neuen Haus der Alten in der Bucht, das um euretwillen für sie gebaut ist, fehlen nur noch die Malereien und Tapeten, und all das Unanchenehme mit der Familie haben Mutter und Sohn um deinetwillen auf sich chenommen. Wo bleiben wir, Wiebke? Soll ich wieder die alten Hände ins Wasser stecken? Willst du wieder zu fremden Leuten chehen? Ja, wenn du jemand hättest, dem du chut wärest und der auch was zu bieten hätte! Aber so! Wer sieht sich heute nach einem armen Mädchen um?«

Während die ersten Sätze Wiebke in eine nur noch tiefere Bedrückung versetzt hatten, wirkten die letzten gleichsam lebenerweckend auf sie. In ihrem ersten Impuls wollte sie aufspringen und rufen:

»Ich habe ja einen solchen Mann, einen Mann sondergleichen, Mutter! Du wirst staunen, wenn ich dir seinen Namen nenne! Pastor Bjelke, derselbe, der eben zum Propsten ernannt ist, liebt mich! Meine Augen und mein Herz täuschen mich nicht! Ich fühle es, als sei's Gewißheit, daß er mir gut ist, und ich liebe ihn mehr als mein Leben. Ein einziges Wort, und ich kann frei sein.«

Aber sie sprach's nicht. Pflichtgefühl und Scham, sich untreu zu werden, hielten sie zurück, und statt solcher Worte lenkte sie vielmehr völlig ein, bezeichnete ihr Schwanken als einen Ausfluß von Stimmungen, die sicher der nächste Tag schon wieder verwischen werde, und redete ihrer Mutter zu, sich keine Unruhe zu machen, sich der Sorgen zu entschlagen.

Aber am Spätnachmittag hielt es sie doch nicht im Hause. Ihr war, als müsse sie ersticken, wenn sie sich nicht etwas für den Hunger ihres Innern verschaffte. Einen Gang zu Bekannten gegen ihre Mutter vorschützend, nahm sie den Weg in das Schloßviertel. Sie näherte sich auf Umwegen der Pastoratwohnung und blieb, nachdem sie diese vorsichtig umkreist hatte, zuletzt an einer Umzäunung, die den Garten von einem kleinen, sich an dem Gebäude hinziehenden stillen Landweg trennte, stehen. Von hier aus schaute sie, nur um die Fenster vor sich zu haben, hinter denen der Mann sich aufhielt, hinüber.

In der Aufwallung ihrer Gefühle kam gar nicht der Gedanke in Wiebke auf, daß sie sich, wenn man sie bemerkte, der Gefahr falscher Beurteilung aussetzen könne, ja, sie schritt – und begriff sich selbst kaum – zuletzt auch noch an die Pforte, die den Ausgang vom Garten ins Freie vermittelte, und machte den Versuch, sie zu öffnen. Sie mußte wenigstens einmal einen Blick hineinwerfen.

Doch eben in diesem Augenblick schlug das Geräusch der Schritte einer sich nahenden Person an ihr Ohr, und als sie ihr Auge erschrocken dem Ausgang des in die Chaussee einmündenden Weges zuwandte, sah sie – ihr hämmerte das Herz – Carlos von Wulfsdorff herankommen.

Im Nu wich sie zurück, tat, als ob sie ihn nicht bemerkt habe, und eilte der Hauptstraße zu. Bevor sie diese aber erreicht hatte, war er an ihrer Seite, sprach zwar ehrerbietig, aber doch mit dem alten Blick verhaltener Leidenschaft auf sie ein, und fragte, wohin sie wolle, und ob er ihr seine Begleitung anbieten dürfe. Er komme zu Fuß von Hege, habe die Absicht, den Rest des Abends in der Stadt zu bleiben, und sei unendlich glücklich, daß sich auf diese Weise doch noch einmal Gelegenheit finde, ihr mündlich sein tiefes Bedauern über den damaligen Vorfall und überhaupt über alles das auszusprechen, was er ihr Ungelegenes bereitet habe.

Daß er sich völlig füge, habe sie ja erprobt, sie möge auch nicht fürchten, daß er heute alte Dinge berühren werde. Ihn leite nur die Freude, sie wiederzusehen und hoffentlich Gutes von ihr zu hören.

Unter solchen Auseinandersetzungen fand Wiebke keinen Mut, einen Einspruch gegen seine Begleitung zu erheben, obschon ihr in ihrer Lage und in ihrer Stimmung nichts unerwünschter war, als Personen wie Carlos und Hans zu begegnen. Sie fand auch in der Folge nicht den rechten Ton bei ihren Erwiderungen. Sie wußte überhaupt nichts zu sagen, weil sie dasjenige, was für beide Teile am nächsten lag, eben nicht berühren konnte und wollte. Unter solchem Bann schritt sie einsilbig und gesenkten Hauptes neben Carlos her, bis – sie hatten eben die Hauptstraße gewonnen – zu ihrem Entsetzen aus einem auf der linken Seite belegenen Getreidegeschäft Wilhelm Lornsen hervortrat. Er war offenbar auf dem Wege zur Stadt, sicher heute nochmals zu seiner Braut – zu ihr!

»Um Gottes willen – um Gottes willen, entfernen Sie sich, Herr von Wulfsdorff,« hauchte Wiebke, bis an die Stirn erbleichend, und schob sich an die Häuserreihe zur Rechten. – Aber schon war Wilhelm in beider Nähe, erkannte seine Braut, dann Carlos und trat mit einem Ausdruck höchster Erregung an sie heran.

»Wie, du hier – und mit – diesem Herrn?« stieß er bebend heraus. Und sich zu Carlos wendend: »Wollen Sie mir eine Erklärung geben, weshalb Sie abermals meine Braut belästigen, mein Herr?«

»Sie brauchen sich durchaus nicht aufzuregen, Herr Lornsen,« entgegnete Carlos von Wulfsdorff, zu kalter Ruhe sich zwingend. »Ich traf zufällig Ihre Fräulein Braut und nahm lediglich Veranlassung, mich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen.«

Und als Wilhelm dennoch in sichtlich beleidigender Weise ihm ins Wort fallen wollte, fuhr er mit stolzer Abwehr fort:

»Sie können sich wirklich alle Ihre Invektiven ersparen, mein Herr. Ich kann heute, wie zuvor, verantworten, was ich tue. Ich bin ein Kavalier, und Unkavaliermäßiges ist deshalb in meinen Handlungen allezeit ausgeschlossen. Ich empfehle mich Ihnen, Fräulein Nissen! Ich bedaure herzlich, Ihnen ohne meine Schuld abermals Unannehmlichkeiten bereitet zu haben.«

Nach diesen Worten nahm Carlos, mit einem kurz herablassenden »Gott befohlen!« das Haupt neigend, den Weg ins Schloßviertel.

Kaum war er gegangen, als Wilhelm von Wiebke noch weitere Erklärungen forderte, durch seinen herrischen Ton berührt, mit einem kurzen: »Du hörtest doch bereits, wie die Sache liegt!« beantwortete, stieß Wilhelm, ohnehin aufs äußerste gereizt, heraus:

»Nun ja, Wiebke, ich will glauben, daß er dich in ehrerbietiger Weise angeredet hat. Darf ich aber fragen, wie du überhaupt um diese Zeit hierherkommst, was dich in so später Abendstunde in diese Gegend führt? Heute morgen erklärtest du, du seiest so elend, daß du das Bett aufsuchen müßtest. Eben dieser Umstand trieb mich noch einmal in die Stadt. Und nun finde ich dich hier mit dem Burschen von Hege.«

Und spitz schließend, verletzend und mit bebender Stimme:

»Du vermutetest wohl jedenfalls, daß, wenn ich noch einmal zur Stadt käme, ich von der andern Seite eintreffen würde, und nahmst deshalb für alle Fälle diese Richtung?«

Ein solcher Sturm der Auflehnung gegen den Bauern von Halk erhob sich in Wiebke nach diesen Worten, daß ihr im ersten Augenblick alle Folgen gleich waren. Ja, sie konnte aus diesem so tief verwundenden Mißtrauen und diesem Heftigkeitsausbruch Wilhelms den Anlaß nehmen, mit ihm zu brechen. Es drängte sich ihr auch blitzschnell auf, daß solche Rauheit noch oft ihr Teil sein werde in der Ehe. Aber dennoch bezwang sie sich, den Umständen und seiner dadurch hervorgerufenen Eifersucht Rechnung tragend, und erwiderte – wie meist, wenn ihr Gemüt sich in höchstem Aufruhr befand – keine Silbe. Da sie sich einer Schuld bewußt war, wenn auch einer andern als der, durch die sie Wilhelms Leidenschaft hervorgerufen, hatte sie kein Recht, ihm empfindlich zu begegnen.

Wilhelm aber deutete dieses Verstummen als den Ausfluß ihrer zu Unrecht verletzten, stolzen und reinen Seele und ebenso rasch, wie der Zorn sich geregt, wich dieser dem Gefühle heißer Reue. Er bestand nicht auf einer Antwort, schritt wortlos neben ihr her und seufzte nur einigemal in schwerer Bedrückung auf. Wiederholt beobachtete er, und wie er sah, unbemerkt, ihr Antlitz. Die Lippen in dem bleichen Gesicht waren fest geschlossen, die Augen erschienen noch dunkler als sonst, und in ihren Zügen und in ihrer Haltung lag ein Ausdruck grenzenloser Verlassenheit.

»Willst du mir denn nicht sagen,« hob der Mann endlich bittend an, »was dich hierher führte? Ich sehe, daß ich dir unrecht tat, Wiebke! Ich bedaure tief, daß mich der Zorn hinriß, dir wehe zu tun. Laß es, ich bitte, vergessen sein!«

Für Sekunden schwankte Wiebke, dann aber stieg etwas Gewaltsames empor in ihrer Seele. Überwältigt von der Macht ihres Gewissens, dem sie plötzlich erlag, aber auch von der furchtbaren Qual ihres Innern, stieß sie, alles zusammenraffend, heraus: »Die Wahrheit ist, daß ich es in der Enge des Hauses nicht ertragen konnte und hierher ging, weil ich hoffte, daß ich vielleicht Pastor Bjelke begegnen könne. Ich hatte Sehnsucht nach ihm. Er hat mich schon früher oft getröstet und mein Inneres gestärkt. Ich brauchte das heute mehr als je. So, nun weißt du alles!«

»Wie, Bjelke? Wie kommst du nun plötzlich wieder zu dem? Nie sprachst du von ihm. Du hast also Heimlichkeiten vor mir! Ah, ah! Abermals ein Mann! Kannst du denn nicht stille sein, dich nicht mit einem begnügen? Hat wirklich die Welt recht?« hauchte Wilhelm mit entstellter Miene. Alle Ruhe und Besonnenheit waren abermals von ihm gewichen.

Wiebke aber hob, den Mund fest schließend, um so der Wirkung der entsetzlichen Worte, die sie gehört hatte, Herr zu werden, bloß die Schultern.

Nun schritten sie, obschon sie an der Unruhe ihres Innern fast vergingen, abermals stumm nebeneinander her. Als sie jedoch in die Nähe der Nissenschen Wohnung gelangten, preßte Wilhelm, unfähig, sich ferner zu bemeistern, heraus:

»Fast will es mir scheinen, als ob du Unfrieden mit mir suchst? Du hast es darauf abgesehen, mich zu reizen, du möchtest dich abermals meiner entledigen? Ist dem so?« schloß er rauh und herrisch und maß sie mit feindseligen Blicken.

»Nein, bis jetzt nicht,« entgegnete sie, erhob das Haupt und sah ihn nunmehr so kalt und so fremd an, daß es ihm über den Körper rieselte.

»Was willst du denn?« Er sprach's mit heißhauchender Stimme, ohne Rücksicht, ohne zu bedenken, daß sie sich auf der offenen Gasse befanden.

»Ich möchte mein Wort halten, Wilhelm Lornsen, aber ich kämpfe einen schier unmenschlichen Kampf. Und wisse es denn, da ich ehrlich sein will gegen dich bis ans Ende. Ich liebe und liebte Bjelke, bevor ich dir ein endgültiges Jawort gab! Doch nun lasse mich ziehen! Es war zu viel heute. Morgen werden wir beide ruhiger sein und beide ruhiger reden können. Ich will zu Gott beten, daß er mich stark macht!«

Nach diesen Worten streckte sie ihm mit einem Ausdruck grenzenloser Gemütsbeschwerung, sanft versöhnend, die Rechte entgegen. Er aber faßte sie nicht, und da dem so war, entwich sie, schwer Atem holend und ohne einen neuen Versuch zu machen, einen andern Blick zu erhaschen, ins Haus.

Für Sekunden stand der unglückliche Mann da wie versteinert. Dann aber stürzte er fort, suchte eine einsam dunkle Gasse und lehnte das von Qual entstellte Angesicht gegen die kaltfeuchte Mauer eines fensterlosen Stalles. Erst nach längerer Zeit schwankte er den Weg in das Fischerviertel nach dem Fährufer zurück, und nur der Höchste wußte, was Furchtbares in seiner Seele wühlte

*

Nachdem Wiebke eine entsetzlich unruhige Nacht erlebt und den folgenden Tag bis zum Spätnachmittag fast wie eine Irrsinnige dahingeträumt hatte, griff sie abermals, wie tags zuvor, nach Hut und Mantel und begab sich auf die Straße.

Eine unsichtbare Macht zog sie von neuem zu ihm, zu Bjelke. Sie sah ihn in seinem Zimmer, er streckte die Arme nach ihr aus und rief sie zu sich. Und nichts von Unruhe, Angst und Reue erfüllte dabei ihre Brust. Es durchdrang sie vielmehr ein Gefühl seliger Erlösung. Er wollte, sie sollte kommen. Alle seine Bedenken hatte er abgestreift. Er rief und schaute sie mit einem unendlich zärtlichen Blick an: »Komm, meine Wiebke. Nun ist's genug der Prüfung. An meinem Herzen findest du Ruhe, und nicht Tränen werden folgen, sondern aller Glückseligkeit Fülle.«

Sie schritt, als ob sie eine Botschaft von oben empfangen habe, die Straße hinab. Sie sah nicht rechts und nicht links, und wenn ihr jetzt jemand von den Ihrigen begegnet wäre, würde sie dadurch nicht einmal erschreckt, viel weniger von ihren Absichten abgelenkt worden sein.

Erst als sie, das Gitter hinter sich lassend, in den kahlen Vorgarten trat und die Stufen zum Pastorat emporstieg, wich die ihr Kraft verleihende Illusion, und jäh bemächtigte sich ihr die alte Nüchternheit der Wirklichkeitsvorstellung. Die Hand zitterte, und das Herz pochte, als sie die Tür öffnen wollte, und nur mit äußerster Gewalt vermochte sie die Stimme ihres Innern zu dämpfen, die ihr zuflüsterte:

»Flieh, flieh! Was du beginnst, ist der Anfang gänzlicher Vernichtung. Dein Platz ist anderswo!«

Diesmal ward sie nicht von der Wirtschafterin empfangen, vielmehr erschien eine Magd, die erklärte, fragen zu wollen, ob der Herr Pastor noch so spät zu sprechen sei.

Wiebke nickte stumm und lehnte sich an das Treppengeländer. Die Qual der Ungewißheit schuf eine Angst, die kaum zu ertragen war. Die letzten Kräfte, sich aufrechtzuerhalten, mußte sie zusammenraffen.

»Ich sollte um Ihren Namen bitten und fragen, was Sie wünschen?« ließ sich alsdann die Magd, schon auf der Treppe redend, vernehmen.

»Wiebke Nissen.«

Nun eilte jene wieder fort, und die Erschöpfte suchte von neuem nach einem Stützpunkt.

Doch nicht lange währte diese Ungewißheit.

Während die Magd Wiebke mit dienstfertigem Eifer verständigte, daß der Pastor ihr auf dem Fuße folge, erschien dieser bereits oben auf dem Treppenflur, und wenige Augenblicke später waren sie in seinem Arbeitsgemach. Aber als er mit liebevoller Gebärde ihr nähertreten wollte, sank sie jählings vor ihm nieder, beugte ihre Lippen auf seine Hände und verharrte so stumm in ihrer ungeheuren Bewegung. Dann aber hauchte sie:

»Ich stehe nicht eher auf, teurer, geliebter Mann, als bis du mir schwörst, daß du mich nicht ferner von dir lassen willst. Da ich fühle, daß du mir gut bist, komme ich zu dir in meiner grenzenlosen Verzweiflung. Ich kann, ich kann nicht, obschon ich mit mir gerungen – einen übermenschlichen Kampf gekämpft habe. Ich verdorre und sterbe bei lebendem Leibe ohne dich. Alles ist leer, öde und schal! Sei mein Retter! Ich will dich lieben und ehren bis an mein Lebensende. Du sollst der Mittelpunkt meines Fühlens und Denkens sein, bis mich Gott abruft. Und höre, wenn du mich von dir stößt, beendige ich mein Dasein. Nichts vermag mich davon zurückzuhalten. Ich kann in diesem entsetzlichen Zwiespalt, in dieser Unwahrheit und künstlichen Sanftmut nicht mehr sein. Ich hatte die Wahl, Wilhelm Lornsen ein zweifelhaftes Glück zu schaffen, oder unterzugehen. Ich entschied mich durch diesen Schritt zu dir für mein eigenes Wohlergehen. Der allen Kreaturen innewohnende Drang nach Selbsterhaltung hat gesiegt. Ich möchte noch leben, weil ich dich liebe, unsagbar liebe!«

Der Mann, der diese Worte hörte, zitterte und schwankte wie ein vom Leidenschaftssturm ergriffener Jüngling. Sein Blut tobte so mächtig, seine Sinne waren so erregt, daß er dem ersten ihn fortreißenden Impuls folgend, sie jauchzend in seine Arme schließen wollte. Aber sich nochmals wie ein Held bezwingend, beschränkte er sich auf eine sanfte Liebkosung, und indem er sie zärtlich streichelte und emporhob, sagte er weich:

»Laß hören, was Neues geschehen ist, mein teures Mädchen. Als wir uns trennten, waren wir, ohne Worte, beide davon durchdrungen, daß unsere Liebe ein Unrecht gegen andre sei. Gelitten habe ich, der Schöpfer weiß es, wohl noch mehr als du! Also teile mir alles mit. Wir werden nochmals als gerechte und tugendsame Menschen wägen.«

»Ich habe meinem Verlobten gestern bekannt, daß ich dich liebe. Ich ward dazu gedrängt, weil er mich ins tiefste Herz verwundete. In seiner Eifersucht stieß er Worte heraus, die ich nicht wiederholen mag. Er weiß, daß ich keinen andern Gedanken habe, als frei zu sein. Er hat's mir selbst erklärt, und ich habe nicht nein gesagt, sondern nur erwidert, ich wolle kämpfen und zu Gott beten, daß er mich stark machen möge.

»So liegt's zwischen uns! Er ist gefaßt darauf, daß der Faden dennoch reißt. Aber ich tue auch Gutes gegen die Familie, die durch mich in einen furchtbaren Widerstreit geraten ist.

»Die älteren Söhne prozessieren gegen die Mutter, weil sie Wilhelm die Bucht verkaufen oder zu dem alten Preis zu verpachten entschlossen ist. Anna Appen ist gleichfalls mit der Alten auseinander, da sie sie zwingen will, mir freundlich zu begegnen. Die Hauptsache aber bleibt, daß ich nun unwiderruflich eingesehen habe, dennoch Lornsens Frau nicht werden zu können. Ich kann ihm nicht so zugetan sein, wie ich es soll, und ich empfing Proben seiner Rauheit, die mich zittern lassen, später an seiner Seite zu leben. Seine Eifersucht wird mich und ihn zugrunde richten. Ich weiß es, daß die Männer nicht aufhören werden, nach mir sich umzuschauen und sich um mich zu bemühen.

»So also ist es! Nun sage, was ich beginnen soll. Ich gehe gern in den Tod, wenn du mir befiehlst, mich von dir zu lösen. Das Leben hat dann für mich nur Qual! Ich bin sicher, daß du meine Mutter nicht verlassen wirst. Das macht mir den Entschluß leicht. Willst du aber, daß ich dein Eigentum werde, so gehe zu Wilhelm und sage ihm: ›Seien Sie ein Mensch und geben Sie dem armen Geschöpf seine Freiheit zurück‹.«

Wiebke hielt inne und heftete ihre dunkeln, müden Augen auf den, von dessen Worten ihr Dasein abhing. Mit ihrer ganzen heißen Seele drängte sie sich zu ihm.

Bjelke gab zunächst keine Antwort; er starrte düster vor sich hin. Was Wiebke ihm vorschlug und was sie daraus ableitete, hatte einen süßen Klang. Aber anders gestaltete sich die Welt der Wirklichkeit, in der jeder nur an sich dachte. Er fragte sich, wie er selbst urteilen würde, wenn Wiebke seine Braut wäre und ein andrer ihm solchen Verzicht zumuten würde.

Dennoch erkannte er, daß er den Dingen nicht mehr untätig zusehen konnte; er vermochte es auch nicht, da er, wenn schon gefaßter als dieses arme, kranke und zermarterte Geschöpf, keine Kraft mehr besaß, ihr zu widerstehen.

Er hob deshalb an:

»Ja, mein Kind, ich will zu ihm gehen und mit ihm reden, obschon es ein sehr ungewöhnlicher und ein kaum aussichtsvoller Schritt ist. Wer gibt auf bloße Bitte dem andern sein halbes, fast sein ganzes Leben? Du sahst, wir wollten Gleiches und erlagen selbst schon auf kurzem Wege. Aber wohlan! Ich werde ihm alles sagen, wie es ist. Unser ehrlicher Kampf, unsre redlichen Absichten entschuldigen der Frage Inhalt und Form. – Immer bleibt noch eins zurück! Nicht der Tod, den Gott verboten und der unsühnbar ist, aber ein Anruf an das Herz deines Verlobten von deiner Seite! Verläuft dann auch der nutzlos, so sprich mit Gott und deinem Ich! Er wird dich stärken, das Rechte zu finden, weil du wenigstens alles getan hast, was in deiner Macht stand.

»Ist's so in deinem Sinne, mein teures Mädchen?« schloß Bjelke weich und zärtlich.

Aber statt ihm zu antworten, gar ihm beizupflichten, sah sie ihn mit so todestraurigen Augen an, daß er zusammenschrak.

»Nun, Wiebke, meine teure Wiebke. Rede! Was hast du? Was gefällt dir nicht? Sprach ich etwas, was dich enttäuschte?«

»Nein – nichts,« hauchte das Mädchen, aber ihre Mienen straften sie Lügen. Plötzlich fiel ihr Haupt tief herab, und sie weinte herzerbarmend.

Durch des Mannes Brust zogen furchtbare Schauer. Er wußte wohl, weshalb ihr Angesicht von Tränen benetzt war, er wußte wohl, was ihr Inneres zermarterte.

»Dir fehlt des Satzes Ende? Dich enttäuschte, daß ich nur von deinen Entschließungen sprach?« stieß er heraus. »Du willst, er soll lauten: Was auch immer kommen mag, Wiebke, wir wollen uns nicht ferner trennen. Ist's so?«

Zunächst blieb sie auch jetzt stumm. Sie schreckte vor dem Eingeständnis zurück, weil sie trotz des Enttäuschungsschmerzes fühlte, daß er vordem nicht anders hatte sprechen können.

»Nun? Ist's so, mein einziges, teures Mädchen?« wiederholte er, beugte sich zu ihr herab und liebkoste sie sanft wie ein Kind.

Und da erhob sie das Haupt, und wenige Sekunden später schlang sie, ohne daß er es wehren konnte, ihre Arme mit heißer Inbrunst um seinen Hals.

Das war die hingebende, tiefe Liebe, deren sie fähig war, jene Liebe, die Wilhelm und die andern ersehnt und nicht bei ihr gefunden hatten!

Und »Ja!« hauchte sie dann. »Das war, was ich entbehrte. Ohne diese Worte falle ich wieder zurück in den alten Abgrund! Ach, hab Erbarmen, Geliebter! Ich umklammere deine Knie und flehe: Laß mich nicht mehr, wenn auch Wilhelm erklärt, nicht verzichten zu wollen. Es ist genug der Opfer, die mir die künstlichen Gesetze auferlegt haben. Und noch einmal höre es, trotz der Mahnungen und trotz Gottes Gebote, nach denen zu leben ich mich bestrebte: ich will nicht mehr auf dieser Erde sein, wenn ich dir nicht angehören kann.«

Sie war bei diesen Worten abermals niedergesunken und hatte sich an ihn geschmiegt. Er aber hob sie in tiefer Bewegung auf und sagte:

»Wir wollen zunächst tun, was wir vorhaben, Wiebke. Morgen begebe ich mich in die Bucht und suche deinen Verlobten auf. Den Erfolg teile ich dir mit. Ich bitte dich, mich gegen Spätabend aufzusuchen.

»Wenn ich vorläufig nichts andres als dein Fürsprecher sein kann und will, so vergiß nicht, daß ich als Geistlicher am wenigsten Eingriffe in andrer Eigentum machen darf. Ich muß die Fortsetzung und das Ende der Dinge bedenken, mehr als jeder andre. Ein Beispiel zu geben in jeglichem, erfordert mein Amt – aber dazu drängt mich auch meine tiefste, innerste Natur! Glaube, ich kämpfe und leide furchtbarer, als Worte beschreiben können. Nun, bist du zufrieden, mein teures Kind? Nun, Wiebke, nun?«

»Ja, du bist ein Mann, ein Mann, nach dem mich meine Sehnsucht trieb, seit mein Denken, meine Lebensvernunft wachgeworden,« rief das junge Geschöpf und warf sich in begeisterter Hingebung an seine Brust. »Und verzeih, mein einzig Unvergleichlicher, daß ich auch nur Sekunden mich auflehnen, mehr verlangen wollte, als du zu geben imstande warst. Ach! Ist's auszudenken, von einem solchen Mann ausgezeichnet, gar geliebt zu werden?!«

»Nicht so, nicht so, Wiebke,« wehrte Bjelke bescheiden ab. »Nicht der ist der Größere, dem die innewohnende größere Kraft auch größere Verzichtsstärke verleiht, sondern der schwer und dabei mutig Streitende. Und weit mehr gibst du mir als ich dir, da du mir durch dein heutiges Kommen bewiesen hast, wie sehr du mich liebst.«

Dann schritt Wiebke, eine Welt von Hoffnung im Herzen und wie von Flügeln getragen, die Treppe hinab, dem Hause ihrer Mutter zu.

*

Frau Lornsen hatte es nicht mehr im Bette gehalten, obschon jene trostlose Gemütsverfassung bei ihr anhielt, die stärker den Körper zerreibt als der Glieder Schmerzen.

Der an die Fenster pochende Frühling war's, der sie heraustrieb. Seine Vorboten regten sich. Die Natur zeigte, daß nunmehr die Herrschaft des Winters völlig abgetan war. Ein Hauch jener lebensprühenden Kraft stahl sich durch die Ritzen des Krankengemaches und erweiterte die Brust der alten Frau. Aber noch ein andrer Umstand trat hinzu. Hans, der inzwischen sein Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, sollte heute wieder eintreffen. An ihm hing der Alten Herz, an ihm insbesondere von allen, die zu ihrem Stamm gehörten. Ihn hatte das Leben noch nicht zu einem Selbstling gemacht gleich den meisten übrigen; an seinem freundlichen Auge, an seiner Zärtlichkeit würde ihr frierendes Herz sich erwärmen. Sah doch jegliches sie so kalt an in der Bucht.

Als Wilhelm am Abend vorher an ihr Bett getreten war, hatte sie etwas in seinem Auge gesehen, das sie entsetzt hatte.

»Ja, es ist wieder etwas drüben in Föhrde, Mutter, etwas Schwereres als alles, was bisher war. Und ich fühle auch, diesmal geht's nicht mehr sanft ab.«

Mehr zu reden hatte er, finster den Kopf schüttelnd, abgelehnt.

Doch genügte es. Sie wußte, mit Wiebke hatte es etwas gegeben. Sicher war sie am letzten Ende doch wieder mit Bedenken gekommen. Und für sie selbst hatte Wilhelm kein Wort der Teilnahme gehabt, nicht einmal eine Frage war über seine Lippen gegangen, ob's besser oder schlechter stehe. Aber sie zürnte ihm deswegen nicht, sie quälte sich nur, wie sie ihm seine Herzenssorgen abnehmen könne. Jedoch zur Besserung des Körpers und noch weniger zur Stärkung ihres bedrückten Gemütes und ihrer Seele hatte dieser neue Kummer nicht beigetragen. Und deshalb die Sehnsucht nach Hans. Das Wiedersehen brachte auch in der Tat, was sie gehofft hatte.

Als sie gegen Mittag, nachdem sie sich langsam an ihrem Stock über den Hof in die Ställe und die Bäckerei geschleppt, endlich auch einen Blick vorn in die Gaststube und den Laden geworfen hatte, nun gegenüber zu ihrem neuen Hause sich auf den Weg machte, ward sie plötzlich hinterrücks von sanften Armen umfaßt, und als sie sich umwandte, lag ihr Hans, prächtig anzusehen, mit dunklem Schnurrbart und kräftig geröteten Wangen, in den Armen.

»Min leve, gude Jung, min Hans!« flüsterte die alte Frau gerührt. In demselben Augenblick strömten ihr aber auch heiße Tränen über die Wangen, und als ihr erschrockener Enkel voll zärtlicher Sorge auf sie einsprach, bedeutete sie ihn, sie auf das Grundstück drüben zu führen. Hier betrat sie das noch von Balken, Steinen und Geröll umgebene und drinnen nach frischer Farbe duftende Haus, setzte sich mit ihm auf eine dort an die Wand gelehnte Leiter und löste, nach kurzer Einleitung, alles ab, was ihre Seele beschwerte.

Sie sprach nicht mit ihm, als sei er ihr junger Enkel, sondern wie zu einem alten, langvermißten Freunde. Das übervolle Innere mußte sich leeren, und während es überfloß, ward sie von dem furchtbaren Druck befreit.

»Du meinst also, daß Onkel Wilhelm sehr unglücklich ist, daß zuletzt doch noch alles auseinandergehen könnte, Großmutter?

»Aber wäre es denn nicht ein Glück, wenn es einmal so steht?«

»Es könnte eins sein für uns alle, Hans, wenn Wilhelm es leicht nehmen würde. Aber ich weiß, es gibt ihm einen Stoß fürs ganze Leben. Er überwindet es nicht. Gestern nacht überfiel mich in meinen Träumen eine fürchterliche Angst. Ich sah Wilhelm mit funkelnden Augen, schrecklich anzuschauen, draußen. Er hatte seiner Braut blonde Haare gefaßt, zog die entsetzlich Wimmernde hinter sich und schleppte sie den Weg hinauf nach der Mühle. Hier band er, trotz ihres herzzerreißenden Flehens und ihrer wimmernden Angstrufe ihre Zöpfe an die Mühlenflügel, und dann setzte er das Mühlwerk in Bewegung. Ich hörte ihr verzweifeltes Schreien, als sie hoch oben emporgeschleudert ward. Als aber der Körper, mit den Füßen erst gen Himmel gestellt, auf die Kanten der Flügel zurückfiel und ihr dabei alle Glieder zerschmettert wurden, ging ein Schmerzenslaut durch die Nacht, der mir das Blut erstarren ließ. Dann wachte ich auf.«

»Großmutter! Großmutter!« rief Hans Appen entsetzt. »Welche Vorstellungen! Du lagst in schweren Träumen. Ich bitte dich, Großmutter, kannst du nicht mit Onkel in Ruhe sprechen? Sieh, ich glaube selbst nicht, daß es etwas wird. Sie liebt ihn nicht recht, ich weiß es. Sie hat nur ja gesagt, weil ihre Mutter sie drängte, weil er sie nicht ließ, weil sie sich so arm und verlassen fühlt.«

Und ohne es eigentlich zu wollen, aber in dem Drang, Unglück zu verhüten, auch völlig von der Leidenschaft befreit, die ihn einst so elend und verschlossen gemacht, erzählte er ihr alles ausführlich, was ihm mit Wiebke begegnet war.

»Woför hest du mi dat nich damals glik vertellt, min Jung? Harst keen Vertruen to mi?« stieß die alte Frau, nun aufgeklärt über alle Einzelheiten, mit schwermütigem Kopfschütteln heraus.

Und dann doch sich wieder besinnend, weil sie menschliche Herzen kannte, fügte sie besänftigend hinzu:

»Ja und doch, ich verstehe es. In einem Zustand, in dem du warst, gibt's keine Vernunft und Überlegung. Die Menschen sind krank, und zu der Krankheit gehört Selbstqual und Schweigen.«

Dann saßen sie eine längere Weile stumm nebeneinander. Als aber die Glocke von drüben zum Mittagessen rief, führte Hans seine Großmutter am Arm in den Hof der Bucht. Sie aber blieb plötzlich stehen, und, nachdem sie mit weitausschauendem Blick alles ringsumher erfaßt hatte, sagte sie mit tiefem Ernst:

»Sieh, mein Junge, ich bin so alt geworden und habe doch immer nichts von dem großen Lebensrätsel gelöst. Schau die Natur an, welch ein stilles, unschuldiges Bild von Selbstgenügen und Wunschlosigkeit. Die Geschöpfe aber alle voll Drang nach anderm und immer nach dem, was sie nicht sollen, was gegen die Natur ist, die ihnen doch ein Beispiel bietet. Sie sagen, der Schöpfer sei die Barmherzigkeit, Liebe und Güte selbst, sie sei unermeßlich. Weshalb denn solche Teufel in unsrer Brust?

»Gewiß! Sie suchen den Widerspruch auf den Kanzeln wegzudisputieren, aber sie können es nicht.

»Groß ist Gott! Wir knien vor ihm nieder, und wir haben allen Anlaß, uns in unsrer Nichtigkeit vor ihm zu beugen. Aber verständlich ist er uns nicht, und er wird uns ewig unverständlich bleiben, trotz aller menschlichen Versuche, uns sein Wesen zu verdeutlichen. Und da wir einmal über solche Dinge sprechen, mein Herzensjunge, so will ich dir etwas mitgeben auf deinen Lebensweg: Ergründe das Wort, das ich einstmals in einem alten Buch las, und laß seinen Inhalt auf dich wirken:

»Es ist sonderbar. Unter hundert Menschen befinden sich wohl neunzig eigennützige, aber doch ist unter ihnen kaum einer, dem es um echtes Eigentum zu tun ist.«

Dann sagte sie nichts mehr, umfing nochmals sanftgestimmt mit ihren Augen das Bild der ringsum zum Leben drängenden Natur, und als dann gerade ein frischsprühender Wind aufkam und dieses Frühlings-Auferstehen – für sie aber doch ein Schritt weiter zum Grabe – ihre Stirn umfächelte, da stahlen sich silberne Wehmutstränen unter ihre Wimpern.

 

* * *

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