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Fluch der Schönheit

Hermann Heiberg: Fluch der Schönheit - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHermann Heiberg
titleFluch der Schönheit
publisherBuchverlag fürs Deutsche Haus
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170801
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Während Wilhelm Lornsen in solcher Weise damit begann, den Dingen ein anderes Gesicht zu verleihen, dies zunächst vornahm, weil er wußte, mit welcher Zärtlichkeit Wiebke an ihrer Mutter hing, sich auch klarmachte, daß nichts gegenwärtig deren Entschließungen mehr befestigen konnte als die Aussicht, der Mutter Zukunft gesichert zu sehen, fand er in seiner eigenen Umgebung durchaus nicht das Entgegenkommen, das er wünschen mußte.

Frau Lornsen hatte bisher noch keine anderen Entschlüsse kundgegeben, und Timm war noch nicht in der Bucht erschienen, um in Annas und Wilhelms Pläne fördernd einzugreifen.

Da sie infolgedessen nicht mit Wilhelm sprach, so schob auch er die Erörterung über die Zukunft vorläufig auf.

Frau Lornsen hatte nur einmal hingeworfen, daß sie erst noch mit Wiebke reden wolle; nachdem das geschehen, werde sie das letzte Wort sagen.

So sah Wilhelm vorläufig nur noch Schwierigkeiten. Wiebke hatte ihm erzählt, was sie seiner Mutter geschrieben. Durch diese Zeilen hatte sie sicher das Herz der alten Frau gewonnen; es war nicht unmöglich, daß sie sich den Wünschen Wilhelms in irgendeiner Weise fügen werde, aber keineswegs sicher.

»Du meinst, es geht durchaus nicht, daß Mutter bleibt, Wiebke?« hatte Wilhelm seine Braut gefragt.

»Ja, es geht alles, was sein muß, Wilhelm! Ich will nur jeglichem, was irgendwie Unfrieden herbeiführen könnte, weniger um meinet- als um deiner Mutter willen ausweichen. Wenn du mich fragst, so sage ich, ich möchte am liebsten mit dir allein sein, und herrlich wäre es, wenn du die Mühle und die Landwirtschaft behalten und das andere abgeben könntest.«

»Ja – ja – so denke ich auch! Du weißt es. Aber wie ist's zu machen, Wiebke!«

»So ordne es, wie du meinst, Wilhelm. Ich will nicht als die erscheinen, welche Forderungen stellt! Du weißt am besten, was gut und nützlich ist, damit wir glücklich werden,« hatte sie mit sanfter Fügsamkeit geschlossen.

Es war dann auch noch einmal von Hans die Rede gewesen, aber Wiebke hatte der Angelegenheit jede Bedeutung abgesprochen. Er habe eine jugendliche Schwärmerei für sie gehabt, sich jedoch bereits darin gefügt, daß sein Onkel der Auserwählte sei, und werde – wie sie ihn kennen gelernt – fortan nie vergessen, was er ihm und ihr schuldig sei. Sie rate, die Sache ihm gegenüber gar nicht zu berühren, auch seine Mutter möge er bitten, zu tun, als ob sie nichts wisse. Er habe sich in sie verliebt, wie eben in jungen Menschen eine Neigung aufflackere. Die sei aber schon wieder überwunden, und überhaupt sei's nichts anderes gewesen als eine flüchtige Erregung.

Wiebke nahm diese Haltung an, weil sie wußte, daß sie dadurch in Hans' Sinne handelte. Die geschwisterliche Zuneigung, die sie für ihn empfand, ließ sie so sprechen. Durch ihren Brief hoffte sie überdies, jeglicher Wiederholung in der Folge ein Ziel gesetzt zu haben.

So lagen die Dinge, als Wiebke sich am Sonnabend nach Tisch mit der Fähre übersetzen ließ und, unten am Strande in Halk von Wilhelm empfangen, in der Bucht eintraf.

So seltsam war ihr zumute, als sie über den Korridor schritt und, einen Blick in den Laden werfend, dort ein inzwischen neu angestelltes junges Mädchen hantieren sah.

Wie anders war's heute im Vergleich zu dem erstenmal, wo sie dies Haus betreten hatte. Bald würde sie hier herrschen und befehlen statt zu dienen.

Die Tür über dem Eingang des Hofhauses war reich bekränzt.

Sie sah's und drückte Wilhelm die Hand.

Ein weißbestäubter Müllergeselle von der Mühle und Knechte, die zufällig über den Hof schritten, grüßten sie ehrerbietig. Wiebke bemerkte, daß sie sich neugierig nach ihr umschauten. Anna ließ sich nicht sehen, aber aus der Wohnstubentür, die auch mit hübschen Blumen reizvoll geschmückt war, trat die alte Frau, zog sie vor dem Eintritt zu sich herab und küßte sie zärtlich auf die Wangen.

Im Eßzimmer stand auf dem gedeckten Tisch bereits der Kaffee. Die Alte hatte ihr Silberzeug hervorgeholt. Aus der schweren, silbernen Kanne strömte ein lieblicher Duft, ein großer, flacher, mit Zucker und Sukkade bestreuter Kuchen und kleineres Backwerk waren, wie stets bei festlichen Gelegenheiten, aufgetischt.

Timm und seine Frau hätten ihr Kommen zugesagt, erklärte die Alte; auch übergab sie der Braut einen in herzlichen Worten abgefaßten Brief von ihrer Tochter Annie aus Hamburg. Das alles machte Wiebke weich und glücklich. Sie trat nicht wie eine Geduldete ins Haus, sondern sie ward mit allen Ehren gefeiert.

Freilich ließen auch wiederum Enttäuschungen nicht auf sich warten. Justizrats sandten einen Boten mit der Meldung, daß sich Klara beim Herabschreiten der Treppe den Fuß verstaucht habe, und daß Timm durch eine unaufschiebbare Angelegenheit zurückgehalten werde. Nach dieser, die alte Frau stark erregenden Absage erschien auch ein Mädchen aus der Küche und berichtete im Auftrage von Anna, daß sie sich habe hinlegen müssen. Das alte Kopfweh plage sie in erschreckender Weise.

Wilhelm schaute auf Wiebke. Um ihre Lippen zuckte es, die alte Frau aber holte mit finsterer Miene tief Atem.

Rasch zu seiner Braut sich neigend, flüsterte er:

»Na, warte, meine Wiebke, sie sollen es mir büßen!«

Aber die Worte waren nicht leise genug gesprochen worden. Die Alte hatte sie gehört und sie sagte, mit fortgerissen:

»Ja, von denen in der Stadt ist es unerhört! Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg! Aber Anna tut ihr unrecht! Ihr war schon den ganzen Morgen sehr schlecht. Und ereifert euch nicht, Kinder. Es wird sich schon alles legen, sie werden schon gut Wetter machen.«

Freilich glaubte sie selbst nicht, was sie sagte, nur ihr Herz redete. Und um noch etwas hinzuzufügen, schloß sie:

»Wart, ich will doch klingeln, daß Hans kommt. Er ist oben in seinem Zimmer. Merkwürdig, daß er sich nicht selbst gemeldet hat.«

Und nachdem sie die seidengeflochtene Schnur gezogen, um eine Magd herbeizurufen, schloß sie:

»Übrigens wollen wir jetzt Kaffee trinken. Bitte, liebe Wiebke, bedien dich – nimm von dem Teekuchen. Ich hoffe, er ist gut, ich hab' ihn selbst gebacken.«

Nach einer Weile, in der es recht gezwungen herging, obgleich sich Wilhelm die denkbarste Mühe gab, die unvorteilhaften Eindrücke zu verwischen, erschien der Student.

Er begegnete Wiebke mit großer Herzlichkeit, ließ in seinen Augen einen Ausdruck erscheinen, der ihr zeigte, daß er ihr ganz zu Willen sein wolle, und erhärtete es noch dadurch, daß er in überzeugendem Ton berichtete, daß seine Mutter gern hätte kommen wollen, daß es ihr aber ganz unmöglich sei. Sie habe nicht nur die alte Migräne, sondern fiebere stark.

Letzteres beunruhigte nun die Alte doch so sehr, daß sie gleich nach ihrem Stock griff und hinübereilte. Und wenn schon dadurch der Gemütlichkeit starker Abbruch geschah, so nicht minder auch durch die übrigen Umstände. Es lag gleichsam ein kalter Hauch über allem, ein Hauch, der Wiebkes Seele frösteln machte.

Auch Hans empfahl sich sehr bald nach Frau Lornsens Rückkehr. Seine Mutter sandte nach ihm. Er ging um so lieber, weil allzuviel auf ihn einstürmte. Wilhelm und Wiebke Zärtlichkeiten austauschen zu sehen, während er wußte, wie sehr sie bis zum letzten Augenblick geschwankt hatte, vermochte er nicht. Auch gab der Gedanke, wieviel sie an dem heutigen Tage in der Bucht zu überwinden hatte, seinem weichen Herzen Beschwerungen, die er nur durch eine Entfernung abstreifen konnte. Nach Rückkehr seiner Mutter nahm Wilhelm, sich zu sorgloser Miene mit aller Gewalt zwingend, auch bemüht, durch verstärkte Güte und Zuvorkommenheit seiner Braut die Enttäuschungen weniger fühlbar zu machen, Wiebke an der Hand, um mit ihr einen Spaziergang anzutreten.

»Ja, ja, geht nur ein büschen in den Garten und ins Dorf,« pflichtete die alte Frau, beide streichelnd, bei und küßte auch Wiebke, die äußerlich alles bescheiden, leicht und geduldig über sich hatte ergehen lassen, auf Stirn und Mund. »Ich bekümmere mich inzwischen ums Abendbrot, und nachher – möchte ich denn auch 'mal mit dir sprechen, Wiebke. Wilhelm wird denn wohl 'mal nach der Mühle sehen!«

»Ja, liebe Mutter! Du bist gut, du bist meine einzige, gute Alte!« stieß der Mann, seinem Dankgefühl für die liebevolle Rücksicht, die sie seiner Braut erwiesen, Ausdruck verleihend, frohbewegt heraus.

Dann faßte er Wiebkes Arm und schritt mit ihr über den Hof in den kleinen, schmucken Garten mit seinen hohen, dichten Dornhecken.

*

Frau Lornsen faßte das Ausbleiben von Justizrats nicht nur als eine Beleidigung gegen Wiebke, sondern als eine noch größere gegen sich selbst auf. Sie hatte seit langer Zeit wiederholt gebeten, daß sie sich einmal in der Bucht sehen lassen möchten. Nach der scharfen Auseinandersetzung an jenem Tage in Timms Kontor war dafür noch eine besonders dringliche Veranlassung gegeben. Jetzt handelte es sich um ein wichtiges Familienereignis und eine Rücksicht gegen Anna. Die Alte wußte von ihrer Tochter, daß Timm kommen wollte, um in deren Angelegenheiten mit ihr zu sprechen.

Der grenzenlose Egoismus und der herzlose Hochmut dieser beiden erfüllten sie heute mehr denn je mit Zorn und Ingrimm, und diese schufen ein Gefühl von Auflehnung, die sich in erhöhter Liebe für Wilhelm verwandelte.

Dieser Vorfall führte die Entscheidung herbei. Er gab ihren Gedanken eine unumstößliche Richtung. Sie war entschlossen, Wilhelm eins der größten Opfer zu bringen, dessen sie fähig war. Sie wollte Wilhelm die Bucht nicht nur käuflich überlassen, sondern war auch entschlossen, sich drüben auf dem Felde mit dem Ausblick über den Föhrder Fluß und seine Ufer ein eigenes Haus zu bauen, dort Vieh, Kühe, Schafe, Hühner und Tauben zu halten und sich so den Ersatz für das Verlorene zu schaffen.

Dadurch wurde dann auch die Frage wegen Annas Zukunft gelöst. Sie wollte ihr anbieten, die Wohnung in dem neuen Hause oben zu nehmen, während sie selbst unten zu wirtschaften die Absicht hegte. Was ward, wenn Hans sich etwa in Föhrde als Arzt niederließ, würde sich finden, und was Timm noch ferner wollte, meinte oder dachte, war ihr gleich. Er hatte Rücksichten durch sein Benehmen verwirkt. Bei der resoluten Frau hatte alles eine bestimmte Grenze. Darüber hinaus war mit ihr nicht mehr zu paktieren.

An einem der nächsten Tage, wenn Frau Nissen mit Wiebke zu Tisch kam, wollte sie mit ihren Plänen herausrücken, und weidete sich bereits im Geiste an den überraschten und glücklichen Mienen der Beteiligten.

Aber sie schrieb auch Timm einen Brief, der ihn genügend über ihre Stimmung aufklärte.

Er lautete kurz:

»Wenn ihr selbst zu einer Zeit, wo so Wichtiges in der Familie vorgehen soll, keine Veranlassung fandet, meine Bitte zu erfüllen: in der Bucht zu erscheinen, so kann ich das nur als eine persönliche Beleidigung empfinden. Das als Antwort auf deine gestrige Zuschrift, Timm. Ich will aber noch etwas hinzufügen:

Wundert und beklagt euch nicht, wenn nun auch ich ganz meine Wege gehe und da Liebe durch Taten zurückgebe, wo sie entgegengetragen wird. Deine Mutter

Annie Carin Lornsen.«

Dieser Brief, das dachte sie, würde seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn Timm und Klara Gefahr liefen, materiell etwas einzubüßen, hatten sie plötzlich, statt verstauchter Füße, Schwalbenflügel an den Schuhen, und ihre steifen Nacken beugten sich tief.

Am folgenden Tage, am Sonntag, beschloß Wiebke, da das ursprünglich verabredete Mittagessen in der Bucht wegen Annas und Klaras Unpäßlichkeit verschoben war, in die Kirche zu gehen und dort ihr Gemüt zu stärken. Wilhelm wollte am Nachmittag kommen und auch den Abend bei ihr zubringen. So stand dem Kirchenbesuch, der ihr schon im voraus ein starkes Frohgefühl verschaffte, nichts im Wege.

Während sie durch das Schloßviertel schritt, raunten ihr freilich die unbequemen Stimmen in ihrem Innern zu, daß sie zwar das Gotteshaus aufsuche, um sich zu erbauen und das Gute in sich zu befestigen, aber eigentlich doch, um wieder in Bjelkes Nähe zu gelangen. Und da wogte es denn kämpfend in ihr auf und ab. Sie wollte und mußte doch jegliches von sich fernhalten, was irgendwie von Wilhelm sie ablenken konnte. Das war echte Treue, und solche war sie dem Manne, den sie achtete und dessen Liebe sie rührte, schuldig.

Dennoch wandte sie die Schritte nicht zurück. Bei ehrlicher Prüfung fand sie sich entlastet; sie wußte ja jetzt, was sie wollte, und nichts konnte ihre Entschlüsse erschüttern. Weshalb also nicht dahin sich wenden, wo sie sicher in diesen gestärkt wurde?

Als sie die Kirche betrat und den Kirchenstuhl einnahm, rauschten eben die letzten Orgelklänge herab. Die Töne des unschuldsvollen Gesanges der Chorknaben schlugen noch gemütergreifend an ihr Ohr. Und dann erschien, nachdem sie Platz nah der Kanzel gefunden, droben Bjelke mit seinem scharfumrissenen, gewaltigen Kopf, der hohen Stirn und den gefestigten Zügen. Auch ließ er kurz den Blick durch die Kirche schweifen, und als dann ihre Augen auf ihn wirkten, als wollten sie sich unwillkürlich zu ihm drängen mit ihrer Seele, schien er jählings wie verwandelt. Er verfärbte sich und nahm die Rede nicht sogleich auf. Seine Hände griffen unstät in die Blätter, die vor ihm lagen, und erst nach einem wiederholten Räuspern begann er zu sprechen.

Und alles, was er in der Folge sagte, schien auf Wiebke berechnet.

War's Zufall, Absicht? Ein heftiges Zittern überfiel sie, als sie hörte:

»Ihr sollt in allen Dingen eurem Herzen und Gewissen folgen! Wenn es zu euch spricht, sollt ihr nicht links und rechts schauen. Am schlimmsten, wer an sich selbst zum Verräter wird.

»Der gute Lohn bleibt nicht aus, wenn wir kämpfend der Wahrheit aufhelfen. Sie befreit unsere Seelen: Lüge, Schein und Verstellung machen uns unzufrieden mit uns selbst. Nicht Vorteil und sklavischer Sinn soll uns leiten: Sieht's auch schimmernd aus, so hat's doch keinen Bestand.

»Kurzes Scheinglück einhandeln, dem sicher fressender Kummer und nagendes Herzeleid folgt! Hat das Sinn?

»Und niemals ist es zu spät zur Umkehr. Hundertmal kann der Mensch straucheln, wenn er zum Schluß sich findet und tut, was recht ist. Viele meinen auch, sie dürften deshalb nicht den geraden Weg gehen, weil sie dadurch anderer Ruhe vernichten, anderen Leid zufügen. Das ist eine ganz falsche Vorstellung.

»Auch dem andern erwächst aus der Wahrheit Gutes und Segensreiches, wenn's auch nicht gleich sichtbar! Zu spät! Welche ein furchtbares Wort. Grabt's in eure Seelen. Solang es Zeit, kehrt um! Und noch einmal hört's: bei allen Zweifeln im Leben fragt euer Herz, das allein rät euch das Richtige.«

Das klang doch alles, als ob er damit sie und ihre Beziehungen im Auge habe, als ob er zu ihr heute so reden wollte, obschon er jüngst ihr geraten hatte, das zagende Herz zu bemeistern.

Als er das letzte Wort des Vaterunsers gesprochen, als dann nach dem letzten Gesangvers alle Kirchengänger sich erhoben, blieb Wiebke noch sitzen in stummer Versunkenheit.

Sie achtete wohl auf das, was sie umgab, aber sie wog die Wirkung auf sich nicht ab. Nur der eine Gedanke hatte Raum in ihr, ihm, Bjelke zu begegnen. Sie wußte, er nahm den Weg aus der südlichen Seite des Gotteshauses, und wenn sie noch ein wenig zögerte und sich vor dem Haupteingang hielt, war's wahrscheinlich, daß er an ihr vorübergehen werde.

Endlich drängten sich die letzten hinaus. Der Küster klappte mit rücksichtslos hartem, unheilig wirkendem Geräusch die Stuhlsitze empor. Nun endlich erhob sich Wiebke und wandte sich zur kleinen Pforte. Und wirklich! Als sie eben aus dem gedämpften Licht des eingeschlossenen Raumes in den hellen, milden Sonnenstrahl trat – der Sommer neigte sich seinem Ende, schon waren die Hände der beiden Brüder zum ewigen Abschied gelöst –, schritt Bjelke gemessenen Schrittes um die Ecke und stieg mit seiner hohen Gestalt vor ihr auf. Und als er sie sah, zog er mit belebter Miene den Hut und jetzt – rascher sich bewegend – war er an ihrer Seite.

Auf dem die Kirche umgebenden Friedhof war keine menschliche Seele mehr sichtbar. In Mittagsruhe und Stille lag alles ringsum, nur ein paar Vögel haschten sich, nur ein Kätzlein huschte trotz des Friedens ringsum mit ängstlichem Sprung über die Grabmäler.

»Fräulein Nissen!« hob Bjelke mit seiner herzgewinnenden Sprache an. »Guten Tag, guten Tag! Ich sah Sie in der Kirche.« Er reichte ihr die Hand. »Immer glaubte ich, daß Sie noch einmal kommen würden! Oder ist alles gut geworden? Ich wünsche es von ganzem Herzen – ich habe Ihrer viel gedacht –«

Er brach ab, löste jetzt erst seine Rechte aus der ihrigen und ließ auch ferner sein Auge mit tiefem Blick auf ihr ruhen. Solche Schauer seligen Glücks durchrieselten Wiebkes Inneres, daß sie hätte laut aufjauchzen mögen.

Alles verschwamm in nichts neben der Wonne, in seiner Nähe zu sein. Was galt ihr in diesem Augenblick die Bucht, die Mühle, der gesamte Besitz, was waren ihre Hans, Carlos, Wilhelm, was scherte sie der Hochmut von Timm und seinem Weibe, was kümmerte sie Anna Appens Haß, wenn er sie wert hielt!

Und sie hatte auch nicht die Kraft, zu heucheln und dadurch jede Anknüpfung an Bjelke zu verlieren. Still sich gebend, begann sie und legte einen demütigen Ton in ihre Stimme.

»In Ihre Wohnung kam ich nicht wieder, Herr Pastor, weil mir der Mut fehlte. Auch Rücksicht leitete mich. Soviel liegt auf Ihren Schultern, daß es mir als ein Unrecht erschien, Sie noch mit meinen Angelegenheiten zu belästigen. Da Sie es aber sagen, so bitte ich, noch einmal Sie besuchen zu dürfen. Ach nein, ich bin noch nicht ganz ruhig, besonders kämpft mein Herz nach der eben gehörten Rede. Sie war so schön, aber meine Seele ist wieder dadurch aufgerührt.«

»Mein armes, liebes Fräulein!« fiel Bjelke weich ein, und unwillkürlich legte sich seine Hand auf Wiebkes Schulter. Und dann: »Ich bin jeden Tag nach fünf Uhr zu Hause, und immer sind Sie mir willkommen. Denken Sie, daß Sie zu einem Freunde gehen, von dem Sie wissen, daß er an allem teilnimmt, als ob's ihm selbst geschehen sei!«

Er sah sie gütig an und streckte ihr die Hand entgegen, Wiebke aber ergriff sie und neigte sich darauf hinab.

»Ja, ja, ich danke Ihnen aus tiefster Seele. Ich komme!« stieß sie bewegt hervor. Nun trennten sie sich. Aber noch etwas geschah.

Als sie an die Biegung des von der Höhe zur Linken herabführenden Kirchhofweges gelangte, drängte es sie mit unsichtbarer Gewalt, sich nach ihm, der zur Rechten herabgeschritten, noch einmal umzuschauen.

Und da trafen sich, da auch er das Haupt beim Kreuzpunkt des sich windenden Pfades seitwärts wandte, ihre Augen und jeder schob den Kopf, wie ertappt, rasch zur andern Seite.

*

Timm hatte, wie es schien – aufgeschreckt durch den entschiedenen Ton in Mutter Lornsens Zeilen – am Morgen einen Boten mit der Anfrage abgesandt, wann es ihr recht sei, daß er mit Klara zum Mittagessen erscheine.

Seine Frau werde die Unbequemlichkeit überwinden können, wenn sie sie in einem Wagen abholen lasse. Er hoffe, eine Aussprache werde rasch alle Mißverständnisse beseitigen.

Und auch Frau Appens Widerstand hatte Hans nunmehr gemildert.

»Denke, wie du willst, Mutter, obgleich du dem Mädchen sehr unrecht tust. Ich habe doch auch meine Augen und sie während dieser Zeit erprobt wie keiner!« hatte er gesagt. »Mach wenigstens äußerlich gute Miene. Nicht allein in Wiebke schaffst du dir eine Gegnerin – es ist fast zuviel verlangt, daß sie noch ferner sanftmütig die Kränkungen über sich ergehen lassen soll –, sondern auch in Wilhelm und Großmutter. Begegne ihr freundlich! Ich bitte dich inständigst, Mutter. Tu's aus Klugheit. Du sollst doch später mit ihr leben, und du willst doch Großmutters und Wilhelms Hilfe für deine Pläne! So denke auch an mich, der ich an dem Gelingen beteiligt bin –«

Das alles hatte zwar Frau Appens Abneigung gegen Wiebke keineswegs gehoben, aber doch bewirkt, daß sie sich möglichst zu beherrschen versprochen.

Die alte Frau Lornsen war durch die Ergebnisse so befriedigt, daß sie die fröhlichste Miene zeigte. Es trat hinzu, daß Wilhelm ihr über Beziehungen zwischen Hans und Wiebke die beruhigendsten Aufklärungen gegeben hatte.

Er hatte Wiebke stark angeschwärmt, aber sich lange wieder gefunden.

Das Mißtrauen war in der Alten Seele geschwunden, und der Inhalt des Briefes und Wiebkes Verhalten am gestrigen Tage hatte sie so gerührt, daß sie nun ganz auf deren Seite stand. Alles schien sich jetzt überhaupt nach Wunsch zu gestalten. Timm und Frau kamen, Anna gab ihren Widerstand auf!

Frau Lornsen war überglücklich, lief in die Küche, um schon Rücksprache wegen des kommenden Tages zu nehmen, und ging selbst ans Schlachten von Hühnern und Enten.

Auch Hans fühlte sich täglich mehr erleichtert, und heute wahrhaft selig. Abermals war eine schwere Last von seinem Innern gelöst. Von Türenna von Wulfsdorff war ein Brief eingelaufen, der folgenden Inhalt hatte:

»Lieber Herr Appen! Mit Carlos habe ich meiner Zusage gemäß gesprochen. Seine Antwort, die er mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, lautet: Er dankt Ihnen herzlich und bittet, daß Sie sich heute abend nach dem Abendbrot unten an der Fähre treffen, um mit ihm einige Stunden in der Stadt zu verleben.

Habe ich es so recht gemacht? Und wenn, wollen Sie es dadurch zeigen, daß Sie vor Ihrer Abreise uns auch noch einen Abend schenken? Wir alle würden uns darüber außerordentlich freuen, besonders aber Ihre Sie herzlich grüßende

Türenna von Wulfsdorff.«

Und so brach denn mit dem nächsten der feierliche Tag an, an dem sich zum erstenmal erproben sollte, in welcher Weise sich die Lornsensche Familie zu der Verlobung Wilhelms mit der Tochter der Waschfrau Nissen stellen würde.

Schon war die Anzeige in dem Föhrder Abendblatt erschienen. Wilhelm hatte dafür gesorgt, daß sie rasch erfolgte. Diese öffentliche Ankündigung schnitt ab, was noch an Bedenken sich etwa breitmachen konnte. Er wollte ein Ende haben, und es ward dadurch befördert.

In nicht geringer Aufregung befand sich die alte Frau Nissen, die vorläufig nur in einem geringen, dunklen Kleide auftreten konnte.

Sie am Tisch mit Justizrat Lornsen und Frau, sie nunmehr eine Verwandte dieser angesehenen und gesellschaftlich streng sich abschließenden Familie! Es war ein märchenhafter Gedanke, an dessen Fortsetzung man kaum zu denken wagen konnte. Und dennoch sah die kleine, schmächtige Frau mit den klugen Augen und feinen, blassen Zügen weit anziehender aus als die Frau Justizrat, da sie nun mittags in gesonderten Kutschen aus dem Wagen stiegen.

Und sie, Wiebke, erschien in einer Gesellschaftsrobe, die noch aus der früheren Zeit stammte, die niemand bei ihr vermutet hatte und die ihr wahrhaft königlich stand.

Ein schwarzseidener Stoff umschloß ihren vollendeten Leib, an Ärmeln und Kragen saßen wertvolle Spitzen und wetteiferten in den Farben mit dem Schnee ihres Halses und ihrer Arme. Und dazu das goldblonde Haar und die schwarzen Augen und die dunklen Wimpern. In der Tat war sie die Königin und die übrigen die Vasallen. Besonders machte Klara Lornsen mit ihrer verletzenden Magerkeit neben ihr ein äußerst schlechtes Bild. Sie glich einer dürren Strickbeutel-Jungfer aus dem vorigen Jahrhundert.

Die plumpe Figur des Justizrats konnte keinen Eindruck hervorrufen. Es fehlte die Verfeinerung. Auch Frau Lornsen und Anna, die sich stets sehr einfach kleideten und auch heute nur ein einfaches Sonntagsgewand angelegt, traten vor Wiebkes Erscheinung völlig in den Hintergrund.

Als die Gäste in die schmucken Räume der Alten eingetreten waren, nahm Frau Lornsen Wiebkes Mutter zu sich aufs Sofa. Neben sie setzte sich der Justizrat, nachdem er und seine Frau mit bittersüßen Mienen einen Glückwunsch ausgesprochen. Anna ging aus und ein, um noch das letzte für den prächtig gedeckten Tisch nebenan zu besorgen, und Hans unterhielt sich, während das Brautpaar Hand in Hand verharrte und jener Gruppe zuhörte, mit seiner Tante Klara, die, aus Klugheit weiter simulierend, sehr laut von ihrem noch stark schmerzenden Fuß sprach.

Endlich war der Augenblick gekommen! Die Vorgänge in der Mühle, auf dem Hofe, im Laden und in der Wirtschaft, denen überdies verantwortliche Personen vorstanden, waren heute Nebensache. Ihnen hatte man sich am Vormittag gewidmet, jeglichem im Hause Ordnung und blitzende Sauberkeit verliehen. Jetzt galt es, ein Familienfest feiern, sich an diesem der Lust und Fröhlichkeit hingeben. Aber freilich blieben letztere fast ganz aus, obgleich die alte Frau ihr möglichstes tat, und jeder aus verschiedenen Gründen eine gute Miene aufsteckte.

In großer Spannung saß Wilhelm da, ob sein Bruder bei all den Herrlichkeiten: bei dem Fisch mit Meerrettichsahne, dem gekochten Schinken mit Champignonsauce, bei den Hühnern und Enten, wohl sein und seiner Braut Wohl ausbringen werde. Geschah das, war's dem Justizrat Ernst. Aber die zarten Knochen des wundervoll gebratenen Federviehs wurden abgenagt, der schwere, feurige Rotwein und der kühle Champagner genossen, auch das süße Kompott von den alten, geriffelten Kristalltellern der Fülle der Speisen nachgesandt, ohne daß Timm sich rührte. Als sogar der Käse herumgereicht ward, sank Wilhelms letzte Hoffnung, und unwillkürlich warf er einen Blick zu seiner Mutter hinüber, um zu erspähen, wie sie diese Unterlassung auffasse.

Wie anders würden sich sein Bruder und dessen hochmütiges Weib gegeben haben, wenn er, Wilhelm, sich mit einer aus der reichsten Sippschaft der Großkaufleute verlobt haben würde. Wie hätte dann Timm seine Beredsamkeit zur Geltung gebracht. Mit Frau Nissen sprach überhaupt niemand außer der Alten. Und sie wußte auch entweder aus Befangenheit wenig zu antworten, oder Instinkt und Klugheit rieten ihr, sich möglichst zurückzuhalten. Je bescheidener sie auftrat, desto größere Anwartschaft auf gute Behandlung hatte sie von denen, die mit ihr aus der Stadt herübergekommen waren.

Frau Appen unterhielt sich meistens mit ihrem Bruder Timm, und Hans hielt sich auch ferner an seine Tante, die ihm eine lange Geschichte von ihrem Hund, einem abscheulichen, verwöhnten Kläffer, erzählte.

Hans Appens Augen richteten sich ab und zu auf das Brautpaar. Er allein erhob mehrmals das Glas und trank ihnen beiden zu, und sie lohnten ihm seine Warmherzigkeit durch dankbare Blicke.

Und auch er fühlte voll tiefer Beschämung, was fehlte, und als er dem finster zornigen Ausdruck in seines Onkels Wilhelm Angesicht begegnete, als er sah, daß Wiebke ihm beruhigend zuflüstern, gar zur besseren Wirkung unter dem Tisch nach seiner Hand greifen mußte, da kam ihm plötzlich, mächtig ihn beherrschend, der Gedanke, das zu tun, was Timm in herzloser Niederträchtigkeit unterlassen hatte und auch nicht mehr nachholen wollte.

Nun war Gelegenheit gegeben, ihr, die seine Freundschaft angerufen hatte, die den größten Teil der Erfüllung ihres Glückes in seiner tatkräftigen Beihilfe erkannte, den ersten Ausdruck seiner hingebenden Gesinnung an den Tag zu legen.

Nachdem er sich erhoben, ans Glas geschlagen und sich an dem froh zustimmenden Ausdruck seiner Großmutter den noch fehlenden letzten Mut eingeholt hatte, sprach er in zündender Rede, schilderte den Charakter seines Onkels und den Wiebkes, betonte, daß ihre Tugenden zwar an sich eine Gewähr für ihr späteres Glück böten, bat aber, zugleich der alten Frau begeisterte Worte der Anerkennung spendend, alle Anwesenden mitzuwirken, daß sich das künftige Leben des jungen Ehepaares glücklich gestalte.

»Darauf,« schloß er, »erhebe ich mein Glas! Onkel Wilhelm und Tante Wiebke, sie leben hoch, hoch, hoch!«

*

Sie waren bereits seit einer Viertelstunde aus der Bucht fort, Timms sowohl, wie die alte Frau Nissen und Wiebke. Auch Anna und Hans hatten sich in ihre Zimmer begeben, nur Wilhelm saß, noch eine Zigarre rauchend, zerstreut, finster und grenzenlos aufgebracht, neben seiner Mutter und berichtete ihr von dem, was nach Tisch vorgefallen war.

Er war mit Timm hinüber in sein Zimmer gegangen. Er wollte seinen Bruder Farbe bekennen lassen, jetzt, gleich heute! Ob er mit der Heirat einverstanden war, galt Wilhelm gleich, ob er ihm ferner wohlwollte oder ihn haßte, war für ihn nach diesen Vorgängen völlig wertlos. Er war mit den beiden in Föhrde ein für allemal fertig. Aber er wollte Klarheit in den Geschäften, und in dieser Klarheit keinerlei Aufschub.

Als sie sich drüben niedergelassen, den von Anna herbeigebrachten Kaffee und Kognak zu sich genommen und sich die Zigarren angezündet hatten, war Wilhelm, der zwar ernst, aber sonst äußerlich ohne Empfindlichkeit sich gegeben, gleich auf die Sache gekommen. Er hatte Rücksichten auf seine Entschlüsse und das Vorkaufsrecht auf die Bucht – gleichviel, wann ein solcher Verkauf zustande kommen werde – verlangt. Timm hatte sich auch durchaus nicht geweigert Wilhelms Wünschen zu entsprechen, aber nunmehr sogar den Preis von zweihunderttausend Mark zur absoluten Bedingung gestellt. Unter dieser Summe – darüber sei er mit dem Senator in Hamburg einig – könne das Gesamtwesen nicht abgegeben werden. Durch diese überhaupt gar nicht zu bewilligende Forderung verlieh er seiner Rache für den letzten Brief der Alten Ausdruck, wenn er von Bevorzugungen sprach, so sollte sie wenigstens sehen, daß ihre Söhne auch ihren Willen hatten.

Und bezüglich Wilhelms Verlobung hatte sich der Justizrat unaufgefordert, in plump überhebender Weise und in den abfallendsten Worten ausgesprochen. Er betrachtete diese – Wilhelm möge über seine Offenheit denken, wie er wolle – als eine rechte Torheit. »Wenn ich dir raten soll,« hatte er in roher Gemütlosigkeit geäußert, »so besinne dich noch im letzten Augenblick und füge lieber zu den Opfern, die du unbesonnenerweise schon gebracht hast, noch einige, als daß du dich fürs Leben unglücklich machst. Das Mädchen hat und ist nichts, ihr Ruf ist durchaus nicht tadellos. Dabei besitzt sie, wie es scheint, recht viel unberechtigtes Selbstgefühl und versteht von Küche, Haus und Landwirtschaft absolut nichts. Also gib den Unsinn auf!«

»Ich denke nicht daran,« hatte Wilhelm, ohnehin schon aufs äußerste empört über die Unverschämtheit, mit der Timm den Verkauf der Bucht behandelt, erwidert. »Und ich bin starr, mit welcher Unzartheit du über diejenige sprichst, die ich zu meiner Frau machen will.

»Es scheint dir dasjenige durch deine Tätigkeit abhanden gekommen zu sein, worauf man sonst bei Gebildeten rechnen darf. Ich sehe, wir verstehen uns ganz und gar nicht! Du behandelst jegliches als Geschäft. Es ist denn auch besser, daß wir fern voneinander bleiben! Wenn du nicht einmal das mit Worten zu schonen vermagst, was ich liebe und was mir das Höchste auf der Welt, kann doch nichts Gutes aus unserm Verkehr herauskommen.

»Und merk's dir! Ich gehe in allen diesen Fragen, sowohl was meine Heirat betrifft, als bezüglich der Bucht, fortan rücksichtslos meinen Weg und weiß sicher, daß ich mit Mutter in allem mich zurechtfinden werde. Du scheinst ganz zu vergessen, daß sie freie Verfügung über ihr Vermögen hat und euch gar nicht zu fragen braucht!«

»Du irrst vollständig, mein Bester!« war ihm Timm kalt in die Rede gefallen. »Du bist eben nicht Jurist und weißt nichts von den gesetzlichen Vorschriften. Ich werde euch aber anders belehren. Das sei dir dagegen gesagt. Und über deine Drohung, mich ferner zu meiden, werde ich, wenn du sie ausführst, auch schon wegkommen, bester Wilhelm! Sofern du meinst, daß du mir etwas Betrübendes antust, wenn du mir den Rücken zukehrst, irrst du dich. Ich kann wohl eher ohne dich als du ohne mich leben! Ich nehme deine Worte auch nicht so tragisch. Wenn du wirklich das Frauenzimmer heiratest, wirst du schon von selbst kommen, um schön Wetter zu machen.«

»Erstens verbiete ich dir auf das entschiedenste, daß du von meiner Braut in solcher herabsetzenden Weise sprichst, sodann –«

»Ach, ja! Sie ist ein vom Himmel gefallener Engel, obschon gar darüber die Meinungen sehr verschieden –«

»Noch ein Wort!« schrie Wilhelm Lornsen, ergriff einen der schweren, eichenen Stühle, schwang ihn über seines Bruders Haupt und stand da wie ein aus dem Fußboden emporgeschossener Riese.

»Aber nein! Nein!« unterbrach er sich und ließ, keuchend vor Erregung, den Stuhl auf den Erdboden zurückgleiten. »Du bist ein so unnobler Geselle, daß sich das edle Holz, aus dem dieser Sessel geschnitten ist, durch eine Berührung mit dir entweihen würde. Auch vergesse ich nicht, daß du mein Bruder bist. Wir stehen einander so fern, daß wir im Leben nimmer zusammengehen können! So, und nun verlaß das Zimmer und verlasse mit deinem hochmütigen Weibe die Bucht! Ich will nichts, nichts ferner mit euch zu tun haben –«

»Ja, ja,« stieß Timm, sich zur Tür wendend, voll Hohn heraus.

»Es ist die alte Geschichte, daß Verliebte ihren Verstand verlieren. Zum Glück aber kommt er ihnen wieder, es würde sonst ja auch bös in der Welt aussehen.«

Nach diesen Worten nickte er kalt und kurz und entfernte sich.

Wilhelm aber war in den Stuhl zurückgefallen und hatte hier lange Zeit in finsterem Grübeln verharrt.

*

Die nächste Zeit schuf in den Gemütern der Buchtbewohner wiederum keine Ruhe. Die alte Frau litt unter der Ungewißheit der kommenden Dinge, unter dem Zerwürfnis der Brüder und den Einsprüchen, die ihr Sohn Timm gegen ihre Entschließungen erhoben, mehr als sie sich selbst mit ihrer starken Seele gestehen wollte. Ein unruhfördernder Druck lag auf ihr und machte sie ernst und schwermütig. Dazu kam, daß Anna, für die Timm keine Gelegenheit genommen hatte, zur Förderung ihrer Pläne einzutreten, mit einer nicht minder beschwerten Miene einherging. Der alten Frau Liebe und Sorge regten sich auch für diese, und endlich nahm sie – im Verfolg der Dinge – auch die Zukunft ihres Enkels Hans in Anspruch.

Sein Fortgang stand bevor, der Ausfall des Examens beschäftigte sie, und wenn er es glücklich bestanden, trat die Überlegung heran, wo er sich niederlassen solle und wie die Mittel für ihn bis zu einer einträglichen Praxis bereitzustellen waren. Fast all das hing mit der Entscheidung über Wilhelms Zukunft zusammen, und sie war, bei Timms Haltung, durchaus nicht geklärt.

Der einzige in der Bucht, der freien Gemütes den neuen Tagen entgegenschritt, war Hans. In erster Linie durchdrang ihn wegen der am Abend vorher erfolgten völligen Aussöhnung mit Carlos ein starkes Frohgefühl. Überdies aber stand am nächstkommenden Tage ein Fest auf Helge bevor, und daß er hier mit Türenna in eine engere Berührung gelangen werde, hoffte er sicher. Er war jetzt ausschließlich bei ihr. Sie erfüllte alle seine Gedanken.

*

In dem prachtvollen Heger Hause war alles erleuchtet. Die mit farbenreichen, schweren Teppichen belegten und mit kostbaren Möbeln angefüllten Gemächer strahlten in Licht und Glanz, und festlich gekleidet, empfingen die Mitglieder der Wulfsdorffer Familie die von ihnen geladenen Gäste. Und zu letzteren gehörte auch Hans Appen, der nur noch zwei Tage in Halk bleiben und dann nach Kiel abreisen wollte.

Mit einem Gesichtsausdruck, in dem sich seine gehobenen Empfindungen widerspiegelten, betrat er den Empfangssalon bei seinen Freunden, ward trotz des Schwarmes all der vornehmen und mit glänzenden Orden behängten Gäste in besonders herzlicher Weise von dem Baron und seiner Frau bewillkommt und sehr bald auch – noch vor dem Tischgang – von Türenna ins Gespräch gezogen. Sie sah sehr schön aus. Durch das dunkle Haar, das auf die reine, weiße Stirn fiel, ward ein reizvoller Gegensatz hervorgerufen. Mund und Ohren glühten rosig, und unter den starkbewimperten Augenbrauen glänzten zwei kluge und zugleich in tiefer Herzensgüte strahlende Augen. Aber auch Arme und Hände zeigten wahre Alabasterfarben. Dabei umschloß ein rosa Seidenkleid ihre schlanke Gestalt, und eine Diamantnadel – zwei Tauben, die von einem aus Perlen bestehenden Fruchtzweig naschten, – schmückte das ausgeschnittene, den feingebauten Hals freilassende Mieder. Alles in allem erschien sie ihm bezaubernd in ihrer Erscheinung, und die reiche Umgebung und die Artigkeiten, mit denen sie die jungen Offiziere und sonstige angesehene Personen aus Föhrde, sowie auch die Kavaliere von den umliegenden Gütern überhäuften, erhöhten ihr Ansehen in Hans' Augen.

Freilich wurde er später an diesem Abend, während dessen Verlauf andre junge Leute ob ihres Wertes oder ihres Ansehens nicht minder oder noch mehr von ihr beachtet wurden, wiederum sehr enttäuscht. Sie suchte ihn nicht einmal auf, gab sich vielmehr ganz denen hin, die sie umschwärmten. Sie genoß die Freuden des Festes in vollen Zügen, plauderte, scherzte, lachte und tanzte und hatte kein Auge mehr für ihn.

Obschon nun Hans Appen einer unbefangenen und gerechten Beurteilung zu Hilfe zu kommen suchte, indem er sich vorstellte, daß sie, indem sie sich so zuvorkommend gegen jedermann benahm, doch nur die Pflichten der Tochter des Hauses erfülle, daß es doch auch an ihm sei, sich ihr zu nähern und sich ferner um ihre Gunst zu bewerben, so vermochte er sich doch eines starken Mißbehagens nicht zu erwehren. Eine trotzige Stimme flüsterte ihm zu, daß sie ihn deshalb vernachlässige, weil sie etwas Besseres habe, ja, daß sie eben doch im Grunde nicht anders sei als alle die andern Damen der vornehmen Stände. Wenn ihresgleichen in der Nähe waren, hatten sie für die Bürgerlichen keine Augen.

Endlich, beim Kotillon, obschon Hans vergeblich um diesen zu bitten gefürchtet hatte, fügte es sich, daß sie seiner Aufforderung entsprechen konnte, und so war er nicht wenig überrascht, als sie herausstieß:

»Also wirklich, zu guter Letzt, erinnern Sie sich doch noch, daß es eine Türenna von Wulfsdorff, daß es eine Tochter des Hauses gibt?«

Überaus erschrocken sah Hans Appen empor und ein verlegenes Rot stieg in seine Wangen. Dann aber entgegnete er, rasch gefaßt, mit ehrlicher Betonung:

»Sie zeihen mich des Mangels an guter Lebensart, Baronesse! Das schmerzt mich, da ich mich durchaus unschuldig fühle. Ich habe mich Ihnen nicht genähert, weil mich meine Bescheidenheit abhielt. Sie hatten viele Pflichten zu erfüllen, waren völlig in Anspruch genommen. Mich unter solchen Umständen noch als lichtloses Meteor in Ihre Bahn zu drängen, erschien mir unstatthaft.

»Ich bitte, legen Sie meine Zurückhaltung so aus! Nur das leitete mich, ja, wenn ich reden dürfte –«

»Tun Sie es. Ich möchte es hören. Vielleicht besiege ich die Zweifel, die mir trotz ihrer Erklärungen geblieben sind –«

Türenna sprach's, Hans rasch in die Rede fallend, mit lebhaften Augen, ihm ganz zugewendet und ohne Rücksicht auf ihre Umgebung.

»Da Sie es mir gestatten, da Sie es sogar wünschen, Baronesse, so will ich es wagen! Ich litt während des ganzen Abends schwer unter Ihrer Kälte. Daß Sie mir Vorwürfe entgegenhalten würden, daran habe ich wahrlich nicht gedacht. Ich war ja der Enttäuschte! Nichts hätte mich glücklicher machen können, als mit Ihnen vorzugsweise zu plaudern, einer solchen Bevorzugung teilhaftig zu werden. Aber freilich! Welche Berechtigung stand mir dafür zu? Ich hatte keine! Mein hochfahrender Sinn, meine Wünsche verführten mich, es anzunehmen –«

Er hielt inne, er hoffte, sie werde etwas erwidern, ihm ein ferneres Sprechen erleichtern.

Aber Türenna hatte sich inzwischen wiedergefunden. Sie sah, daß durch ihre Ermunterung das Gespräch einen gefährlichen Charakter annahm. Sie wünschte seinem stillen Werben nicht auszuweichen, aber ihr jungfräulicher Zartsinn regte sich und machte sie besonnen.

Infolgedessen sagte sie, nur sachlich seinen Worten begegnend:

»Niemand hat größeren Anspruch an meine Rücksicht und Dankbarkeit als Sie, Herr Appen! So sind Sie also im Irrtum, sich –«

In diesem Augenblick trat der Tanzordner näher und erinnerte, daß an sie beide die Reihe gekommen sei. Schnell sprang Hans empor, verbeugte sich und umfaßte Türennas schlanke Gestalt.

Aber während sie dahinflogen, redete er, fortgerissen von seiner Leidenschaft, auf sie ein, wagte, sie fester an sich zu ziehen, und flüsterte:

»Sagen Sie, ich bitte, daß ich noch ein andres Anrecht auf eine Bevorzugung habe, als dadurch, Ihren Pferden einst in die Zügel gefallen zu sein, Türenna, teure Türenna?!«

Sie antwortete zwar nicht, aber er fühlte den Druck ihrer Hand, und rasch von ihr zum Tanzordentisch gedrängt, ergriff sie einen goldenen Stern und heftete ihn an seine Brust.

»Das hier meine Antwort,« sprach sie leise und begleitete ihre Worte mit einem seelenvollen Blick.

Als ob heiße Quellen in seinem Innern aufgebrochen, so war Hans Appen zumute. Alles um ihn her wollte verschwimmen, er rang nach Worten. Dann aber gab er ihr in stürmischer Seligkeit einen Strauß zurück, umschlang die von gleichem Rausch Erfaßte und flog von neuem mit ihr dahin.

Von diesem Abend an setzte sich in Hans Appen die Hoffnung fest, daß es ihm gelingen könne, dieses schöne, liebe Mädchen zu seinem Eigentum zu machen.

Freilich mußte das Schicksal noch kräftig helfen. Wenn sie ihm auch wirklich so zugetan war, daß sie ihm ihre Hand nicht verweigern würde, so war damit nur ein Tor von den vielen geöffnet, die zu erschließen waren. In Halk lag eine Mühle, ein Wirtshaus und ein Kramladen, und dort hantierten seine Verwandten, in der Stadt wohnte eine Frau Nissen, die bisher Waschfrau gewesen, und hier im Schloß wohnten Menschen in so völlig andrer Lebensstellung, daß es überhaupt unmöglich erschien, diesen Gegensatz zu überbrücken.

*

Nun war endlich der Augenblick gekommen, nach dem sich Wiebke gesehnt hatte, als ob von ihm alles abhinge, was die Zukunft klären könne. Nun stand sie wieder vor dem Pastorat und stieg, von der Alten empfangen, wie damals, die Treppe hinauf und klopfte an Bjelkes Tür.

Ein helles Herein erklang, und ein heftiges Beben flog bei dem Ton seiner Stimme durch ihren Körper.

Drei Tage war Wiebke mit sich zu Rate gegangen und hatte die furchtbarsten Kämpfe bestanden.

Und doch hatte der Entschluß gesiegt, noch einmal den zu hören, der wie ein Gott über den Wolken alles wissen und künden zu können schien.

Daß sie auch ihrer Sehnsucht, ihn wiederzusehen, nicht minder Genüge tat, ließ sie nicht in sich aufkommen. Sie leugnete es vor sich selbst, weil sie allzusehr die Mahnungen ihres Gewissens fürchtete.

»Ah! Sie, Sie, mein liebes Fräulein,« stieß Bjelke bei ihrem Anblick in nicht zurückgehaltener Bewegung heraus, sprang empor und machte fast eine Bewegung, sie an sich zu ziehen.

Sie aber zitterte wie ein Kind und wagte den Blick nicht emporzuschlagen, ja, von der Fülle der Gefühle völlig und jählings überwältigt, entfärbte sie sich, sank mit einem leisen, gleichsam ersterbenden Laut zurück und blieb, obgleich sie sich mit allen Kräften dagegen sträubte, für Sekunden fassungslos in seinen Armen ruhen.

Und da begann der Kampf der Gewalten. Das Gute und das Böse rangen um den Besitz dieser Seelen.

Nun galt es, sich bewähren. Der Mann wollte, obschon er dieses Mädchen liebte seit der ersten Begegnung mit der ganzen Kraft seiner Seele, nicht links und nicht rechts blicken. Er wollte sie ihrem Bräutigam zuführen mit allen Mitteln! Und sie hatte sich den Schwur geleistet, nichts anderm in ihrem Innern Raum zu geben als der Pflicht. In diesem Augenblick aber ward alles zertrümmert. Was kümmerte sie die Menschheit draußen, die ganze Welt! Sie wollten versinken in den Taumel stummer Liebe, sie wollten den unnennbar süßen Rausch der Zusammengehörigkeit genießen.

Und so berührte er mit seinen Lippen sanft ihre Stirn und nochmals. Dann aber legte er, nach einem ungeheuren Ringen nach Selbstbeherrschung, mitleidsvoll wie ein liebevoller Vater, die Hand auf ihr Haupt und sagte:

»Wachen Sie auf, mein teures Mädchen, und fassen Sie sich. Ich bin bei Ihnen in dieser ernsten Stunde und will Ihnen Rat und Trost zu geben suchen, wie ein Bruder.«

Unter diesen Worten löste er die Wiedererwachende aus seinen Armen und ließ sie auf einen Sessel niedergleiten.

Freilich fiel stückweise nun die Herrlichkeit wieder ab, die Wiebke geworden.

»Sie müssen,« sprach er, nachdem sie alles erzählt und ihm gebeichtet hatte, wie sie immer noch nicht bei Wilhelm sei mit ihrem ganzen Herzen, »nunmehr Ihr Wort halten und, nur geradeaus blickend, den Weg der Pflicht einschlagen. Ihr Lebenszweck muß sein, den lieben zu lernen, den Sie achten, und der diese Achtung und Liebe verdient. Sie wollen es ja auch selbst?«

Sie nickte stumm, da er sie so fragte. Wie ein Schlachtopfer saß sie da, und fürchterliche Vorahnungen erfaßten sie. Sie fühlte in diesem Augenblick das kalte Wehen des Todes, sie sah sich verloren, als starre Leiche hingestreckt.

Sie hätte sich niederwerfen, seine Knie umklammern und schreien mögen: »O, heiße mich nicht gehen, stoße mir die Messer nicht in die Brust. Ich kann, ich kann dich nicht lassen. Ziehe mich an dein Herz und sage mir, daß auch du ohne mich ferner nicht zu leben vermagst. Habe Erbarmen, sei gut, liebe mich! Ich stehe nicht auf, bevor du mir nicht sagst, daß du für mich den Kampf aufnimmst.«

Aber dennoch erstickte sie jeglichen Laut. Was Ehre und Pflicht ihm eingegeben, das wagte sie nicht anzutasten, auch sträubten sich ihr Stolz und ihr weiblicher Sinn, um Gewährung zu betteln.

Bei jeglichem, was er ferner sprach, neigte sie nur totenblaß das Haupt. Ihr Mund hatte keine Sprache mehr, zuletzt tötete der Schmerz des Verzichts auch die Fähigkeit des Empfindens. Nicht einmal das Begehren stieg in ihr empor, ein letztes Zeichen seiner Neigung zu empfangen. Kalt und feucht waren ihre Wangen und tot ihr Herz, als er, um den Trost zu geben, den er zu geben vermochte und geben durfte, vor dem Abschied noch einmal über ihre Haut strich.

Endlich erhob sich Wiebke. Ihr schauderte. Draußen lag die weite, öde Welt. Liebeleer für sie, weil sie das Organ, durch welches das Gemüt Nahrung empfängt, ihr Herz, hier zurückließ. Inhaltleer, nichtig, ohne Wärme und ohne jegliche Farben war, was draußen sich befand. Es gab nur einen Ort, wo zu leben für sie Wert hatte, neben ihm, der sie gehen hieß! Ach! Ein zehnfaches Leben würde sich ihr an seiner Seite auftun. Das herrlichste, was eine Menschenseele zu durchdringen vermag, konnte ihr werden durch ein Wort aus seinem Munde: »Sei mein! –« Aber es blieb unausgesprochen.

Als sie die Treppe hinabstieg, hatten ihre Gedanken und Sinne überhaupt keine Kraft mehr. Nur war ihr Schicksal entschieden für immerdar.

 

* * *

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