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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Florian Geyer

Gerhart Hauptmann: Florian Geyer - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleFlorian Geyer
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1896
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160403
projectidae102dfc
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Erster Akt

Die Kapitelstube des Neumünsters zu Würzburg. In der Hinterwand eine Bogentür nach der Kirche. Rechts Fenster mit Nische. Im übrigen Chorstühle an den Wänden und ein langer leerer Tisch, von Stühlen umgeben, in der Mitte des großen Raumes. Martin ist beschäftigt, grüne Reiser anzunageln, welche Finkenmäuslin und Kunzlin aus einem Korbe ihm zureichen. Am Tisch sitzt Lorenz Löffelholz, ein nasses Tuch um den Kopf gewunden, und hat Schriften vor sich aufgehäuft. In einer Fensternische der Rektor Besenmeyer und Bezold, der Schultheiß von Ochsenfurt, die Vorgänge auf der Straße durchs offene Fenster beobachtend. Stephan von Menzingen, ein etwa vierzigjähriger Ritter in vollem Harnisch, sitzt nachlässig in einem der Chorstühle.

Der Schultheiß. Setzt Euch, Bruder Rektor, Ihr seid müde!

Rektor Besenmeyer. Schütt dich der Ritt, Bruder Schultheiß! Necdum omnis hebet effoeto in corpore sanguis: noch ist nicht alles Blut im alten Leibe vertrocknet. Was denkt Ihr von mir? Wer ist dieser, der auf dem weißen Gaul?

Der Schultheiß. Der Fettwanst, den das Rößlein kaum tragen kann?

Löffelholz. Wenn Ihr nit wißt, was eine volle Sau ist, Bruder Rektor, so seht Euch den Jacob Kohl an.

Rektor Besenmeyer. Ist es der Jacob Kohl? Sieht nit fast aus wie ein großer Kriegsmann.

Der Schultheiß. Sind ihm auch zuallererst die Federn ein wenig gewachsen; hat bis' hieher schwerlich wohl ein'n toten Mann gesehen gehabt.

Löffelholz. Versteht er sich nit auf Kriegshändel, so tuet er sich desto meh herfür, stehet mit dem Maul und der Weinkannen in der Trinkstuben desto baß seinen Mann. Höret doch zu, wie sie ihn anschreien! »Hans um und um« ist gar wohlgelitten, wird aber dem Bischof sein Schloß wohl schwerlich ab dem Berg stoßen.

Der Schultheiß. Es war dann Sach, daß es vor Dräuen umfiel – –

Menzingen. Wird der Versammlungsrat hie Sitzung halten?

Löffelholz. Ja, Bruder, an alle Hauptleut aller Haufen um Würzburg ist Ladung ergangen.

Menzingen. Es tat not, daß wir uf fürgebrachte Instruktion und Handlung Bescheid erhielten, damit anheims zu reiten gen Rothenburg.

Löffelholz. Leid dich, Bruder Menzingen: fasse dich mit der Geduld. – –

Martin. Gib her, Finkenmäuslin!

Löffelholz. Mach flugs, Martin! Du mußt mit Schriften aufs Rathaus!

Martin. Wohl, wohl, Bruder. Er singt.

Winter, du mußt Urlaub han,
das hab ich wohl vernommen.
Was mir der Winter hat angetan,
das klag ich diesem Sommer.

Was machst du für ein Gesicht, Finkenmäuslin? He, du, Kunzlin! Weißt nit, daß sich das Jubeljahr anfahet?

Kunzlin. Ei freilich, Bruder!

Martin. So mach einen Sprung und schrei juhu!

Kunzlin springt und schreit. Juhu!

Martin. Kotz Lung, wo ist mein Hammer? Gib her!

Finkenmäuslin. Ich hab ihn nit!

Martin. Gib her!

Menzingen. Er hat ihn nit. Hörst du dann nit, du Partekenhengst?

Martin. Wohlan, Bruder! ich hab oft genung den Brotreigen vor der Bauern Türen mitsingen helfen. Itzt singen die Bauern den Brotreigen vor den Schlössern und Häusern ihrer Herrschaft. Aber einen so großmerklichen hab ich mein Tag nit mitgesungen. Gib her den Hammer!

Finkenmäuslin. Potz dieser und jener, ich hab ihn nit.

Martin greift in Finkenmäuslins Tasche und holt ihn heraus. Jez, was ist das? Bah!

Finkenmäuslin. Wie ist das zugangen?

Martin. Wie ist das zugangen? Ja, itzt ratet! Wofür hab ich Occams Schule genossen? Was wißt Ihr von all meinen Subtilitäten? Zum Beispiel, Bruder Menzinger: kann Gott sich mit der Kreatur vereinen oder nit? Gott kann sich mit der Kreatur vereinen. Der Vater ist der Sohn der Jungfrau Maria. Der Heilige Geist ist ein Mensch und der Sohn der Jungfrau. Der Vater, der nie gestorben, hätte sterben können, und der Sohn, welcher gestorben, hätte nie sterben können. Glaubt Ihr's nit? Euer Körper, Bruder, kann intensiverweise an einem Orte unendlich weiß und intensiverweise ins unendliche schwarz sein. Verstehet Ihr das, oder nit?

Menzingen, lachend. Gott helfe mir, nein, ich hab's nit gelernet!

Rektor Besenmeyer, lachend. So freuet Euch, denn Ihr brauchet nichts zu verlernen. Hinderlich und elend ist uns unser Lernen. Wir haben genung verdorbene Gehirne und Theologaster. Sie verstehen ihre eigenen Bücher nit. Mit ihren exercitiis, copulatis, summis und dergleichen labyrinthis ist nichts getan. Mit ihren Quästionen werden sie die Hölle nit auslöschen, mit ihren Distinktionen den Himmel nit aufschließen.

Der Schultheiß. Bruder Rektor!

Rektor Besenmeyer. Oha!

Der Schultheiß. Kennt Ihr den Berlinger von Angesicht?

Rektor Besenmeyer. Den Götzen von Berlichingen mit der eisernen Hand?

Der Schultheiß. Der dort auf dem magern Klepper sitzt.

Rektor Besenmeyer. Das kurze Männlein?

Der Schultheiß. Das Nußknackerlein. Mit dem er spricht, ist der Henneberger.

Menzingen. Der Henneberger ist auch in der Einung?

Löffelholz. Die Henneberger sind in der Einung, die Hohenlohe sind in der Einung, die Wertheims und viele andre meh.

Rektor Besenmeyer. Was disputieret er doch wohl so eifrig?

Der Schultheiß. Kotz Blau, was wird es sein!? Die Geschichte vom Bamberger Bischof, mit dem er alleweil in Händel gelegen.

Martin. Wollt Ihr sie hören, Bruder Rektor? Ich will sie Euch Wort für Wort aufsagen, und wann Ihr ein alt Weib findet im Lande zu Franken, das sie nit herbetet wie das Paternoster, so möget Ihr mich lassen mit einem Kürißbengel totschlagen. – Es ist Sag, sie wollen den Berlinger zu eim Obersten Hauptmann über uns alle setzen.

Löffelholz. Das hat Hans Fürzlin ersonnen. Der Götz ist nit viel meh dann ein hölzern Schüreisen und als ein Gefangener im eigenen Haufen. Er darf nit seine Notdurft verrichten, es ist einer dabei, der ihm aufpaßt. Was soll er ausrichten, wenn man ihn wollte zum Herrn machen über dreißigtausend wütige Leut?!

Der Schultheiß. Hat kein Marks in den Händen, der ganze Götz.

Menzingen. Wo liegt der evangelische Häuf, Bruder?

Löffelholz. Zu Hugberg und Randersacker.

Rektor Besenmeyer. Wieviel schätzet Ihr itzt Bäurische in und um Würzburg?

Der Schultheiß. Potz Leichnam, sie könnten den Main aussaufen!

Menzingen. Meinet Ihr, daß sie sich in der Besatzung ernstlich werden zur Wehre schicken und unterstehen, das Schloß zu halten wider die Übermacht?

Der Schultheiß. Es ist eine tapfre Anzahl guter, gedienter Leut in der Burg.

Löffelholz, zu Menzingen. Mauerbrechend Geschütz, Bruder, als ihr zu Rothenburg habt; es fehlt uns an guten Stücken; schafft uns eure zwo Notschlangen herbei. Ist Bresche gemacht, so lasset Gott und den Florian Geyer für das andre sorgen.

Martin. Bruder, der Florian Geyer verstehet sich auf Kriegshändel meh dann die übrigen Hauptleut samt und sunders, und seine Schwarzen richten meh aus dann alle andern Haufen der Bauernschaft. Wer den Geyer und seine Schwarzen bei Weinsberg gesehn hat, der weiß, daß ich vor Gott red und die lautre Wahrheit.

Löffelholz. Ich stund auch dabei, als sie den Sturm antraten ... Ihr wißt, daß, inwährend wir mit dem Helfensteiner in Handlung stunden, er uns ließ hochverräterischerweis seine Reuter im Rücken abbrechen mit Stechen und Brennen. Alsbald es ruchbar ward in den Lägern, war jedermanns Meinung darauf, daß man sollte mit dem Ernst herfür und stürmen gesamter Hand. Zuvor aber waren sie Herolde senden, aber die schoß man uns darnieder wider Kriegsbrauch und Recht. Kam einer von den Geschickten blutig und mit Geschrei daher, und nu war kein Halten, rennete alles wider die Stadtmauer. Itzt trat der Florian Geyer zu seinen Schwarzen und schrie sie an: »In einer halben Stunde sind wir tot, Brüder, oder die schwarze Fahne steckt uf'm Schloßturm.« Was sag ich, Brüder, es sind nit meh dann viertausend Kerls; aber wenn sie die Erde über den Kopf geworfen haben und her! her! schreien, so wollt ich dem Teufel lieber begegnen. So risch dir drei Rosen am Paternoster durch deine Finger mögen gleiten, alsobald brachen sie in die Weinberge, stäubten den Berg hinauf, hingen an der Mauer und sprangen darüber wie Katzen, wurfen alles nieder und ließen die Bauernfahne von allen Türmen wehn. Wilhelm von Grumbach tritt ein, prachtvoll geharnischt. Dawider nehmet den Berlinger, der will den Fuchs nindert nit beißen. Ihm sind alle Fuhrten und Gräben zu tief und die Moräste zu breit, den setze der Teufel über sich.

Der Schultheiß. Walt's Gott, wir erwählen den rechten Mann.

Martin. Hoch Florian Geyer! Sieger von Weinsberg! Der Geyer soll unser Hauptmann sein!

Löffelholz. Sie denken nit alle so wie wir.

Wilhelm von Grumbach. Ich wünsch euch gute Zeit, ihr Herren!

Löffelholz. Es ist aus und hin mit der Herrlichkeit; hie sind keine Herrn. Was willst du, Bruder?

Wilhelm von Grumbach. Des Junkers Florian von Geyer Feldschreiber such ich.

Löffelholz. So wirst du ihn ebensowenig finden, als wenn du ausgegangen wärst, des Teufels Feldschreiber zu suchen.

Wilhelm von Grumbach. Kotz Schweiß, wo find ich den Lorenz Löffelholz?

Löffelholz. Kotz, ich bin der Lorenz Löffelholz, aber niemals nit eines Edelmanns Feldschreiber. Meinest du, ich sollt sitzen und mich brauchen lassen – Gott weiß es, daß ich meh tot dann lebendig bin! –, so es im Herrendienst wäre?

Menzingen. Gott grüß dich, Wilhelm!

Wilhelm von Grumbach. Gott dank dir, Stephan!

Menzingen, zu Löffelholz. Es ist der Junker von Grumbach, Bruder, dessen Schwester der Florian Geyer zur Eh hat.

Löffelholz. Das schiert mich den Teufel. Was willst du, Bruder?

Wilhelm von Grumbach. Es ist mir im Läger zu Heidingsfeld ein Schutz- und Sicherheitsbrief zugesagt.

Löffelholz. Dacht ich's doch gleich! Ein armer Ritter, der einen Schutzbrief erbettelt.

Wilhelm von Grumbach, jähzornig. Itzt, Schreiber, gib acht, wer vor dir steht.

Löffelholz. Willst du vom Leder zucken!? Ich weiß, daß du ein Wehr hast. Ich weiß auch, wer vor mir steht: ein Bruder Bauer stehet vor mir! Wie heißt du, Bruder?

Wilhelm von Grumbach. Ich bin der Ritter Wilhelm von Grumbach.

Löffelholz. Streich dein Wappen aus, Bruder. Es hat kein Art meh damit. Du wirst ein Bauer so gut wie ich, dawider kann dir kein Schutzbrief nit helfen. Grumbach nimmt den Schutzbrief, der ihm hingeworfen wird wie dem Hunde der Brocken, und unterdrückt seine Wut. Er tritt zu Menzingen in eine Nische und redet leise mit ihm. Ist nichts dann Fliehen und Flehen in der Ritterschaft. Denken an nichts anders, dann daß sie ihre festen Häuser und Äcker erretten wollen. Da sehet den Florian Geyer an, der schonet des Seinen in keinem Weg. Haben ihm itzt die Stammburg mit Feuer niedergelegt, hat aber nit mit der Wimper gezuckt.

Der Schultheiß, leise zu Löffelholz. Ich hab gemeint, der Grumbach wär in der Besatzung.

Löffelholz. Ei, wär es so, ich vergunnt es dem Bischof; es ist nichts gelegen an solcher Bruderschaft. Es ist ihnen nit ums göttliche Recht. Sie suchen ihren Vorteil, wie die Raben nach Aas fliegen.

Glocken beginnen zu läuten.

Martin, an der Tür nach der Kirche. Brüder, die Kirche ist ganz voll Menschen, stehen Kopf an Kopf.

Rektor Besenmeyer. Sagtet Ihr nit, der Pater Ambrosius werde predigen?

Der Schultheiß. Ja, Bruder Rektor!

Rektor Besenmeyer. Es ist wahrlich ein großer Tag, und nun ich ihn gesehen hab, will ich gern und getrost dahinfahren.

Löffelholz. Mere, liebe Brüder, das Glück schneiet mit großen Flocken und ist, Gott! Wunders genug. Es ist sichtbarlich und mit Händen zu greifen; Gott hat sich in den Handel geschlagen und sich der armen teutschen Nation erbarmt.

Rektor Besenmeyer. Es ist Sag: von wo unser Herr Jesus ist aufgefahren gen Himmel, im Mittelpunkt der Erden, da, heißt es, hangt eine große Glocke, die soll einst laut und fürchterlich anschlagen, so laut und so fürchterlich soll sie anschlagen, daß selbst die Tauben sie hören werden. Wohlan! knäufelt die Ohren auf, ihr Tyrannen und Peiniger Leibes und der Seele, und merket, daß euer Jüngster Tag nahet.

Bubenleben kommt.

Martin, triumphierend. Hörst du das Geschrei, Bruder Bubenleben? Der Florian Geyer reitet ein.

Löffelholz. Bruder Bubenleben, ich verhoff, daß Gott Euch itzt wird die Augen auftun und Euch zeigen, wen er sich in diesen Lauften zu seim Helden gemacht.

Bubenleben legt eine Druckschrift vor Löffelholz. Da, leset: An die Versammlung der Bauernschaft deutscher Nation, ausgangen von oberländischen Mitbrüdern. Hie stehet geschrieben die gleiche Meinung, uf der ich verharre: die Anführer sollen Bauern sein, unsresgleichen. Nimmt man einen von Adel darein, verschleicht man Wolfshaar unter die Schafwollen. Das kann sich nit reimen, liebe Brüder!

Martin, in Begeisterungsraserei am Fenster. Vivat der schwarz Geyer!

Rektor Besenmeyer, außer sich. Vivat St. Georg! Vivat St. Georg!

Löffelholz. Sitzt er nit auf dem Gaul so richt und strack als ein Bolz?

Rektor Besenmeyer. Wahrlich ein echter, rechter Gotteshauptmann!

Der Schultheiß. Hat Rost am Harnisch, aber nit am Schwert!

Rektor Besenmeyer. Ein brennendes Recht fließt durch sein Herz.

Martin. Vivat der schwarze Geyer! Vivat Florian Geyer! Er rennt nach der Tür zur Kirche. Er ist in die Kirche getreten.

Rektor Besenmeyer. Mit allen Trabanten.

Martin. Sind an hundert Trabanten mit ihm im vollen Harnisch.

Löffelholz und der Schultheiß flüstern miteinander.

Bubenleben. Da verspür ich wohl höllische Tyrannei, aber nichts nit von christlicher Demut.

Tellermann, geharnischt, kommt herein in einem Freudenrausch von Wein - und Einzugsbegeisterung.

Tellermann steht, schwingt das Schwert hoch. Grüß euch Gott, liebe Brüder, segne euch Gott, liebe evangelische Brüder! Morbleu, liebe Brüder. J'ay gaigné mon procès. Entendez-vous? Der große Tag ist da! Écutez, écutez! Sehet mich nit darauf an, was ich red, wie ich red. Der Wein ist mir in'n Kopf krochen. Das Glück ist mir ins Herz krochen. Brüder, – mit den Fäusten auf den Tisch trommelnd – itzt bin ich daheim – und wie sind wir eingeritten! Mort de ma vie, Pfaff! Itzt sind wir daheim! Wo aber bist du, Bischöflein? Hast davongemußt, dich flüchten aus deinem Pracht. Bugre! larron! menteur! fils de putain! traître! faquin! brutal! bourreau! Hast uns verjagt und vertrieben wie schlechte Hunde. Outrage pour outrage!

Der Schultheiß. Wie sieht's aus uf der Gassen, Bruder?

Tellermann, den Schultheiß umarmend. Brüderlein, liebes Schultheißlein, es ist meh des Segens, dann einer kann im Busen behalten. Gott, Gott! Was eine glückselige Widerfahrt! Je Jene, je Jene. Juch! Der Florian Geyer soll leben! Oberster Feldhauptmann über alle Haufen. Ein Hundsfott, der nit Bescheid tut!

Der Schultheiß. Walt's Gott! Ich tu dir Bescheid!

Tellermann. Morbleu! Wie haben sie ihn geehrt! Am Hauger Tor hat er still gehalten. Ist wie alle Tore sperrangelweit ufgewest. Hat aber dannoch dawider gebocht mit dem Schwertknauf und hinaufgeschrien gen den Frauenberg. »Hie kehre ich heim, Florian Geyer, in Kaisers Acht und Papstes Bann, aber von Gott erweckt, erwählet und geführet! Hie kehre ich heim, Florian Geyer, des Sickingen Freund und der Pfaffen Feind, wie ich bei mir selbst gelobt und geschworen, und will nit rasten, bis daß ich dein hochstolz Schloß, du hochstolzer, teuflischer Pfaffe Konrad, in Grund verstört.« So hat er geschrien, so sind wir einritten. War des Jubeljauchzens kein Ende; wehten mit Tüchern aus allen Fenstern. Die Weiber wollten gar auf die Straßen springen vor Jauchzen und Lust; sein Gaul konnte kaum fortschreiten. Sie küßten ihm den Stegreif und leckten ihm den Rost vom Harnisch. Waren dieselben Plätze und Straßen, wo römisch-kaiserliche Majestät offne Acht über uns ausblasen, verrufen und ausschreien lassen. Mit Beziehung auf Bubenleben. Was will der Pfaff hier? Alle in einen Sack und unter die Schindbrücke mit ihnen!

Der Schultheiß. Sei ruhig, Bruder, fasse dich, Bruder!

Ein Domherr, der Schreiberdienste tut, kommt.

Tellermann. Kotz Blut, kenn ich dich nit, bist du nit ein verfluchter Domherr vordem gewest? Mort de ma vie! Hat nit der Sendpfaff mit dir zu Morgen gessen, nachdem er den Stab gebrochen über meine Mutter selig?

Domherr. Ach Lieber, mein Herr, Ihr irret Euch wahrlich!

Tellermann. Hast du nit Scheiter herbeigeschleppt und Öl, Pech und Schwefel daraufgossen, als man sie verbrannt auf dem Jüdenplatz? Da, hier, schau mich an! Ich bin der Tellermann, ich bin ein Begard, ich bin ein Kunde, ich bin ein heimlicher Ketzer. Meine Mutter selig wollt's nit gestehn, man hat sie aufgezogen eine Hand hoch, so lang man drei Paternoster spricht. Sie hat's nit gestanden, Gott verzeih ihr's. Ich aber bekenn freiwillig: ich hab allezeit das Evangelium liebgehabt, meh dann Menschentand. Ich leugne nit: ich gehör zu den freien Geistern. Frei sind wir, weil Gott uns befreit hat und unsre Bedrücker, Feinde und Seelenmörder zerstreuet wie Mehl. Frei sind wir, weil wir kein Gewissen nit haben und von diesem bösen Tier nit zerfetzet und zerrissen werden. Und, Pfaffe, so hindert mich nichts, daß ich dich niederschlag ...

Der Schultheiß. Friede! Friede!

Tellermann, vom Schultheiß und den andern gehalten und verhindert, in Raserei, schreit. Schlagt tot! Schlagt tot! Der Domherr flüchtet sich, und Tellermann sinkt, erschöpft und nahezu besinnungslos, auf einen Stuhl.

Der Schultheiß. Es ist der Tellermann, eines Roßhändlers Sohn. Haben ihm vor zehn Jahren hie zu Würzburg die Mutter verbrannt. Da hat es ihn itzunder übermannt, ansonsten kein besserer Kriegsmann im ganzen hellen Haufen dann er. Der Geyer und er sind eine Hand.

Rektor Besenmeyer. Ein rasender Ajax, Brüder!

Der Schultheiß. Hunderte für einen allenthalben im Volk!

Rektor Besenmeyer. Gottesgeißeln!

Der Schultheiß. Saat von Drachenzähnen, ausgesäet von Papst, Kardinälen, Bischöfen und Meßpfaffen, aufgangen ihnen selbst zum Verderben.

Rektor Besenmeyer. Schweig stille, der Pater Ambrosius spricht! M an hört aus der Kirche den Tonfall einer Predigt, ohne Worte zu verstehen.

Durch die Nebentür links treten auf Sebastian von Rotenhahn, Wolf von Kastell, Hans von Lichtenstein, Hans von Grumbach, Kunz von der Mühlen. Sie werden geführt von Sartorius.

Sartorius, mit Gravität zu Löffelholz tretend, der, im Anhören der Predigt begriffen, sein Herankommen nicht bemerkt hat. Ihr werdet mir verzeihen ... Ich habe die Legation hergeführt, Euer Hochgelahrt.

Löffelholz. Zu früh, Bruder.

Sartorius. Ich bin von Wendel Hipplern auf diese Stunde befohlen, Euer Hochgelahrt.

Löffelholz. Ei, nennet mich doch nicht Hochgelahrt, Bruder. Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms.

Sartorius. Mere, lieber Bruder, Ihr habt recht. Sie fahren fort, leise miteinander zu sprechen. Derweil hat die Gruppe der Gesandtschaft untereinander geflüstert. Wilhelm von Grumbach hat eine Wendung gemacht und sie bemerkt. Er stößt Menzingen an, und beide blicken sich um. Möglichst unauffällig treten beide der Gesandtschaftsgruppe näher.

Sebastian von Rotenhahn, gepreßt. Bei der Liebe Gottes! seid ihr zu schwarzen Bauern worden?

Wilhelm von Grumbach. Ich bin in des Markgrafen zu Ansbach Diensten hie.

Sebastian von Rotenhahn. Hast aber doch das bäurische Kreuz am Arm.

Wilhelm von Grumbach. Muß wohl, es sei mir lieb oder leid. Ist ohn das nit durchzukommen.

Sebastian von Rotenhahn. Junker von Menzingen? Wo hat Euch der Teufel hergetragen?

Menzingen. Ich bin in der Legation von Rothenburg.

Sebastian von Rotenhahn. Seid Ihr dann zu Rothenburg Bürger worden?

Menzingen. Ei freilich, Junker! Wußtet Ihr das noch nit?

Sebastian von Rotenhahn. Wußt ich es schon nit, so begreif ich es dennoch zu wohl, daß Ihr hinter den Mauern der Reichsstädte Schutz suchet.

Menzingen. Ihr beliebet zu scherzen, Ritter!

Sebastian von Rotenhahn. Hat nicht Euer Name auch unter der Absag gestanden, die der Landes Vertriebene Ulrich von Württemberg gen Stuttgart getan, bevor ihn der Helfensteiner so böslich und meisterlich hat heimgehen heißen?

Menzingen. Der Handel ist nit zu Ende, Ritter! Ist darnach dem Helfensteiner übel bekommen. Hat müssen zu Weinsberg sein Leben lassen.

Sebastian von Rotenhahn. Je, saget Ihr das!? – So spricht dann die Red wahr, die unter dem Volke gehet: der König von Frankreich und der verlorne Fürst hätten die Karten gemischt, der Geyer hätt sie zu Hohentwiel vom Tische genommen und ausgeben: und also das große bäurische Spiel angehoben!?

Menzingen. Da fraget Ihr nach!?

Sebastian von Rotenhahn. So wird man ein jedes Tröpflein adligen Bluts, zu Weinsberg vergossen, dereinst von Euch fordern. Menzingen wendet sich mit Achselzucken.

Lichtenstein. Will die hochstolze reichsfreie Stadt sich auch mit dem Unrat vermengen und sich in die höllische Einung tun?

Menzingen. Das wird geschehen, wie Gott es fügt, Ritter.

Hans von Grumbach, zu Wilhelm. Kotz Leichnam, Vetter, sollen wir einer dem andern Feind sein? Wie reimet sich das?

Wilhelm von Grumbach. Blau, Hans! Da siehe du zu!

Wolf von Kastell. Hat dich der Bischof nit ufgemahnet, dich in die Besatzung zu tun?

Wilhelm von Grumbach. Ich bin dem Markgrafen zu Ansbach mit Diensten verbunden und für ihn zu reiten und reisen verpflicht.

Lichtenstein. Der Junker von Grumbach hat es niemalen anders gehalten: wann er die Klepper im Dienste des Markgrafen abgetrieben, so stunden sie bald danach am Hof unsers Bischofs in Habern bis an den Hals.

Wilhelm von Grumbach. Kotz Bauch, dafür hab ich nit meh dann fünfhundert Schweine im Gramschatz und der Bischof ihrer zweitausend auf Eichelmast, und ist doch mein Wald. Dafür schießen seine Domherrn und Diener das Wild in meinem Forst und fischen in meinen Bächen.

Wolf von Kastell. Bist du unbillig beschweret, so hast du den Weg Rechtens.

Wilhelm von Grumbach. Die Pfaffen tun mit Liebe nichts, man ziehe ihnen dann das Fell über die Ohren.

Wolf von Kastell. Bist du nit schuldig, dem Bischof zuzuziehn?

Wilhelm von Grumbach. Leichnam! So hat der Pfaff wahrlich gut Riemen schneiden, wenn die reichsfreie Ritterschaft ihre Haut also billig und knechtswillig zu Markte bringt. Ich bin nit schuldig, dem Bischof in eigner Person zuzuziehn! ist wider Herkommen fränkischen Adels.

Hans von Grumbach. Hast du nit deine Güter vom Stift zu Lehen?

Wilhelm von Grumbach. Unsere Lehne sind nit Gnaden- und Dienstlehne, sondern freie Lehne.

Wolf von Kastell, zu Sartorius, der herantritt. Ist wohl Eure Weisheit, Herr Magister?

Sartorius. Ich fürchte Gott und liebe meinen Herrn, Euer Edel. Ich diene Seiner Gestrengen mit meinem Paternoster und guten Rat, solange es Gott und meinem gnädigen Herrn gefällt.

Wilhelm von Grumbach. Brav gered't, Meister!

Wolf von Kastell. Die Juristen und Räte, das ist die Pest; treiben ihre Herren in Unrat und Verderben. Hole der Teufel alle roten Schuhe!

Menzingen. So seht doch zuallererst euren Bischof an! Der ist mit Juristen behängt wie ein Jakobsbruder mit Muscheln.

Sebastian von Rotenhahn, zu Sartorius. Das Üble bei dem Handel ist: Ihr kommet um Eure Verehrung, Magister.

Sartorius. Das soll mich nit kränken, Euer Hochgelahrt!

Sebastian von Rotenhahn. Entlaufet Ihr schon des Bischofs Nachrichter, so zieht man Euch desto sicherer an dem bäurischen Galgen auf.

Sartorius. Steht zu bedenken, Euer Edlen. Ich tue das Gute nit um schnöder Handsalben willen, Euer Hochgelahrt; und vermeide das Rechte nit aus niederer Furcht.

Lichtenstein. Das Kurze und Lange ist: der Junker von Grumbach verrät seinen Lehnsherrn.

Wilhelm von Grumbach. Der Kaiser ist mein Lehnsherr und kein Pfaffe zu Würzburg; ich bin kein Pfaffenknecht.

Sebastian von Rotenhahn. Das ist itzt der Ton, danach alle singen. Wer itzt das Rechte will und das Gute tut, der heißt ein Pfaffenknecht.

Wilhelm von Grumbach. Kotz Dreck, itzt auf einmal, itzt war ich dem Bischof gut genung, itzt soll ich ihm seine Schmalzgruben und den Domherren ihre seidenen Betten und ihren Wollust verteidigen. Das tue der Teufel!

Löffelholz. Was reden die Ritter untereinander?

Sartorius. Ihr Herren, tretet zurück, folget mir! Wir sind zu früh kommen.

Wolf von Kastell. Kotz Blau, ich möcht mit der Wehre dreinschlagen.

Von Sartorius geleitet, ziehen sie sich zurück.

Rektor Besenmeyer, immer noch der Predigt zuhörend. Der Pater Ambrosius schließt die Predigt in Latein. Er weiset die Brüder und Schwestern auf Wiclefs evangelischen Zukunftsstaat. Tunc necessitaretur respublica redire ad politiam evangelicam, habens omnia in communi ... Brav, Bruder, in deiner Predigt war Gottestreiben. Du hast wahrlich nit von blauen Enten und von Hühnermilch gered't! War ein ander Ding als damalen, zu Erfurt in der Burs, als ich Kollegiat war und täglich eine Rede über die Jungfrau hinunterschlucken mußte.

Die Gemeine singt in der Kirche. Zu Beginn des Gesanges ist Tellermann auf beide Füße gesprungen. Regellos und gruppenweise betreten jetzt bäurische Hauptleute und Räte von der Kirche aus die Kapitelstube. Sie flüstern und reden lebhaft miteinander, ohne daß man etwas versteht. Die Ritter werden bemerkt und mißtrauisch betrachtet. Unter den Hereingekommenen ist Wendel Hippler, welcher sogleich lebhaft mit Löffelholz disputiert und gestikuliert. Er wird von den meisten äußerst respektvoll behandelt. Sartorius, wieder hereingekommen, bemüht sich ehrfurchtsvoll um ihn. Der dicke Jacob Kohl ist auch zugegen. Er ist sogleich mit Bubenleben ins Gespräch geraten. Man erkennt, wie sie unzufrieden, ja über irgend etwas entrüstet sind. Eine gelbschwarze Fahne und eine weiß-damastene werden hereingetragen; auf der einen ist mit Goldfäden eine Sonne und ein Bundschuh gestickt, dazu die Inschrift: »Wer da frei will sein, der zieh in diesen Sonnenschein.« Götz von Berlichingen, der kaum andere als hämische Beachtung findet, tritt ein im Gespräch mit Georg Metzler. Sie nähern sich Hippler und bilden im Verein mit diesem und Sartorius eine Gruppe. Götz erscheint unwirsch und ablehnend. Wilhelm von Grumbach gliedert sich an diese Gruppe und begrüßt sich mit Götz und dem Grafen Georg von Wertheim, der sich auch angefunden hat. Flammenbecker, ein Weinsberger, gestikuliert wild unter Genossen. Link, ein Würzburger Bürger, hat auch eine kleine Gemeine um sich gebildet. In der Gesamtheit verrät sich bei allem Hochgefühl eine Besorgnis, Erregung, ja Spannung.

Florian Geyer, schwarz geharnischt, schwarze Straußenfedern auf dem Helme, kommt, ein großes Gefolge hinter sich. Zwei schwarze Fahnen werden hinter ihm dreingetragen. Mit Geyers Eintritt schweigt der Gesang in der Kirche, die Glocken schweigen, und in der Kapitelstube wird es plötzlich totenstill. Konrad von Hanstein ist an Geyers Seite eingetreten.

Florian Geyer, zu Hanstein. Das alte Kaiserrecht bestätigt es uns. Die Gemeinfreien haben Konföderationsrecht. Wir sind freie Franken, und überdas: haben die Fürsten nit die Kreiseinung, haben sie nit den Bund zu Regensburg gestiftet wider die evangelische Lehre? Einung wider Einung! Die Fürsten wollen's nit gelten lassen; das machen die verfluchten Barettlinsleut und römischen Juristen. Ich glaube, daß kein Tyrann jemalen hat so viel Schaden gestift't als Justinian. Das fremde, ausländische Recht ist über uns kommen gleich einer Sintfluß. Ich lobe mir unser deutsches Herkommen, die freien Ringe statt der Amtsstuben.

Rektor Besenmeyer, ergriffen und ehrfurchtsvoll. Kennet Ihr mich noch, Bruder Geyer?

Florian Geyer. Potz Zäpfel, Euch sollt ich nit kennen, Rektor Besenmeyer? Hab ich nit gemustert in Eurer Landwehr? Haben wir nit in Philipp Tuchscheerers Haus zu Rothenburg die Beine unter den gleichen Tisch gestellet? Was macht der Karlstatt?

Rektor Besenmeyer. Er will je eher, je lieber zu Euch ins Läger kommen.

Florian Geyer. Das verhüte Gott! Ihr wollt ihm wohl und der Sachen wohl, so machet, daß er von seinem Vorsatz absteht. Wir haben Prädikanten meh dann zu viel in den Lägern. Die Glaubenssachen und himmlischen Dinge soll man einstweilen dahinten lassen, keine Theologie in Kriegshandwerk mengen und sich der irdischen Dinge allein befleißen.

Bubenleben, zu Kohl. Ei, was eine bübische, höllische Weisheit! Er hat, St. Velten, den Schulsack gefressen.

Kohl. Sehet den Rektor an, wie er gramanzet und ihm die Hand küsset.

Bubenleben. Lieber, ich kenne den stinkigen Bacchanten allzuwohl. Sein Gott ist der Aristoteles; der Cicero, Vergil und Livius seine Heiligen. Eine gute Latinität gilt ihm meh denn das ganze Christentum.

Besenmeyer hat, von Rührung übermannt, Geyers Hand geküßt.

Florian Geyer. Was machet Ihr doch, lieber Vater! Das will ich Euch tun. Ich bin ein grober und ungelehrter Kopf. Und hat doch selbst der herrliche, durchlauchtigste Kaiser Max gesagt: die Gelehrten seien es, die da regieren und nit untertan sein sollten und denen man die meiste Ehre schuldig war, weil Gott und die Natur sie uns anderen vorgezogen.

Rektor Besenmeyer. Lasset es zu, Bruder! Es tut meiner armen Seele wohl. Denket Ihr noch daran, wie wir miteinander das Symposion hatten, damalen, zu Gotha, bei dem Mutian? Ihr hattet den Ulrich von Hutten zur Rechten und mich zur Linken sitzen. Der Eitelfritz von Zollern saß uns gegenüber.

Florian Geyer. Ich weiß es wohl.

Rektor Besenmeyer, mit verhaltener Begeisterung. Wißt Ihr auch wohl, wie Ihr dazumalen aufstundet, den Kranz aus dem Haar nahmet und ausriefet: »Es ist zu früh, sich mit Rosen bekränzen, dieweil noch der Antichrist zu Rom sich mästet von unserm Mark, der deutsche Kaiser nach Brot betteln muß, das Recht um Geld feil ist, der Ewige Landfriede auf dem Papier stehet und das Evangelium unterdrücket ist.« Wo stunden wir damalen, und wo stehen wir itzt?!

Geyer, froh. Die Glocke ist gar gegossen, und der Pfeifer mag aufpfeifen: das wollen wir Gott im Himmel danken!

Martin, begeistert. Das danken wir Gott und dem Florian Geyer.

Geyer nimmt am oberen Ende des Tisches Platz; hinter ihm stellen sich auf Tellermann und der Schultheiß, rechts neben ihn setzt sich Hippler, links Löffelholz, hinter diesem steht Martin, gewärtig seines Winkes. Hippler rückt für Sartorius neben sich einen Stuhl zurecht. Sartorius setzt sich mit vielen demütigen Reverenzen. Hanstein ist mit Grumbach und Menzingen ins Gespräch gekommen.

Löffelholz, aufstehend. Brüder, Hauptleute und Räte! Nehmet Platz! Es ist vieles zu bewegen, beraten und zu beschließen. Nehmet Platz, liebe evangelische Brüder! Nehmet Platz!

Götz von Berlichingen setzt sich zugleich mit Georg von Wertheim, dem Grafen von Henneberg, Georg Metzler und anderen nieder. Herolde blasen eine Fanfare.

Geyer, nach Schluß der Fanfare sich erhebend. Der Versammlungsrat aller Haufen gemeiner Bauernschaft in und um Würzburg ist hiemit eröffnet.

Löffelholz. Fast viel Arbeit, Brüder! Viel zu bewegen und beschließen. Es sind Boten und Posten herein von Hohenlohe, Nürnberg, aus vielen Orten der Oberpfalz, von Bamberg, von Mainz, von Straßburg; aus dem Läger des Truchsessen von Waldburg haben wir Kundschaft, aus dem Elsaß, aus dem Tirol, aus dem Salzburgischen, von Thomas Münzer aus Thüringen und anderen Leuten und Orten meh. Erheischet alles ein Antwort. Es mangelt an Schreibern in der Kanzlei, hab aber dannoch niemalen meh Freud an der Feder gehabt. Der Markgraf Kasimir hat Boten von Ansbach gesandt, und hie ist die Kredenz – warten in der Sakristei. Rothenburg ob der Tauber hat eine Legation abgefertigt – wartet in der Sakristei. Beschließlich erheischet die Gesandtschaft ein Bescheid, die der Markgraf Dompropst von Unserer Frauen Berg gütlicher Handlung willen an die Versammlung gemeiner Bauernschaft abgeordnet – wartet in der Sakristei. Es ist meine Meinung, Brüder, daß wir uns diese zuerst anliegen lassen.

Flammenbecker, unwirsch hingeflegelt. Man soll auf nichts eingehen, die Besatzung übergebe dann das Schloß mit allem, was darin ist.

Bubenleben, beiläufig. Ich sag ja und amen dazu, und mag die Besatzung abziehen unter Versicherung Leibes und Lebens.

Götz, halb für sich, halb für die andern. Was will man meh, dann wozu sich die Besatzung uf Unserer Frauen Berg gütlich erboten hat? Sie wollen die Zwölf Artikel annehmen mit handgebenden Treuen und unsere evangelischen Brüder sein.

Flammenbecker. Faule Possen, potz Lung!

Bubenleben. Eine Krähe hacket der andern die Augen nit aus. Man soll keinem Ritter in dieser Sache trauen.

Link. Ein Grindiger krauet den andern gar sanft. Der Bruder Berlinger hat gute Gesellen und Freund in der Burg, da liegt der Hase im Pfeffer, Brüder!

Götz. Man soll nit vor festen Schlössern verliegen. Es tut not, von Statt rucken.

Bubenleben. Es liegt ihm hart an, daß wir je eher je lieber auf und wider seinen alten Feind, den Bamberger, ziehen.

Geyer. Der Bruder Berlinger hat wahr, ich kann's nit unbilligen. Wollen sie in der Besatzung auf die Artikel geloben und schwören, blau! so lasse man sich benügen. Es mangelt uns vorhero mauerbrechend Geschütz; ohn das ist nichts zu verrichten, der Feste nichts abzubrechen.

Link. Brüder! ich bin ein Würzburger; die Würzburger aber sind eines Kopfs: das Schloß muß herunter. Du sagst von Geschütz, Bruder Geyer! Da steht der Bruder von Wertheim, hat uns Geschütz zugesagt, und damit gedenken wir, ob Gott will, schnelle Arbeit zu tun! Soll denen in der Besatzung der Reif am Kübel dermaßen werden angezogen, daß sie wie Fische sollen daraus springen, auf Gnad und Ungnad sich uns ergeben. Zöget ihr aber itzt ungestürmter Weis gen Bamberg oder Ansbach, so haben wir Schlimmeres zu Würzburg von den Bischöflichen zu befahren als vordem jemalen erhört ist worden.

Hippler. So laßt uns ein mehrers machen. Wessen Meinung daruf gestellt ist, daß man uf das Erbieten der Besatzung eingehe, der hebe die Hand. Götz, Geyer, Hippler, Tellermann, Metzler, Löffelholz, Sartorius, Wertheim und Henneberg usw. heben die Hand. Es ist eine kleine Minderheit. Jetzunder die Gegenprob! Die große Mehrheit erhebt die Hände.

Sartorius, durch Hippler veranlaßt, steht auf, begibt sich hinaus und kehrt mit der Gesandtschaft wieder: Sebastian von Rotenhahn, Wolf von Kastell, Hans von Lichtenstein, Kunz von der Mühlen treten ein. Es wird still, die Bauernhauptleute flegeln sich herum und gebärden sich hochfahrend und verächtlich nach Möglichkeit.

Hippler, sitzend zu der stehenden Gesandtschaft. Der Versammlungsrat gemeiner Bauernschaft stellt an euch das Verlangen, das Schloß Unsrer Frauen Berg und alle darin begriffene feste und fahrende Hab zu übergeben, gegen Versicherung für euch, eure Diener und Knecht, mit Geleit hinwegzuziehen.

Sebastian von Rotenhahn, nach einigem Nachdenken. Das zuzusagen haben wir keine Vollmacht. Aber wir wollen geloben, euer Erfordern bei eilender Post unserem gnädigen Herrn und Bischof in sein Gewahrsam zu überschicken.

Link. So sperret man uns die Mäuler uf mit Tagsatzen, Gesandtschaften hin und wider reisen und allen verfluchten, welschen, hinterhältigen Praktiken, und zielen auf nichts, dann daß sie uns ufhalten und Zeit und Weile zum Widerstand gewinnen. Man wird euch den Ernst merken lassen und euch den Ave Maria mit Stückkugeln in die Burg schicken!

Götz. Ist die Bauernschaft willens, hie zu Würzburg ein so grausam und gottverflucht Stücklein zu spielen, als es jüngst zu Weinsberg zu unwiederbringlicher Schmach und Schaden gemeinen bäurischen Handels beschehen ist, so hab ich nichts mit gemein. Aufregung.

Bubenleben. Ich frage euch hie, Bruder Götz, und dich, Bruder Metzler: hat der Markgraf Dompropst euch Geld geboten für den Abzug oder nit? – Gehet rund durch mit der Antwort! – – Es ist Sag: die Besatzung hätt sich wollen allein euch zugeloben, und sollte dafür den Hauptleuten des Haufens dreitausend Gulden Schätzung gezahlt und jedem Knecht ein halber Monatssold zugestellt werden.

Götz. Hauptleut und Rät des Odenwälder Heers sind nit gehalten, ichtwem Red und Antwort zu stehen als ganzer Gemeine des eigenen Haufs! Aufregung.

Link. Pfei der Schand!

Flammenbecker. Verdammter Finanzer! Nieder mit ihm!

Link. Auf den Schindacker mit dem Götz!

Geyer springt auf. Brüder, sind wir Leute, die Händel uf Gewinn treiben, oder haben wir zusammen geschworen, dem Evangelium und Gottes Wort beiständig zu sein? Sind wir Gutgewinner und Beutelschneider oder freie deutsche Männer und Christenleut, die ihr Vornehmen daruf gericht't haben, daß Fried, Freiheit, Einigkeit, Sicherheit Handels und Wandels in deutscher Nation anhebe und aufrecht bleibe? – Zur Gesandtschaft. Der Markgraf Dompropst bietet Geld für den Abzug. Will er uns die Ehre abkaufen? Ihr Herren, auf! und bringet ihm diesen Bescheid: der Papst verschachert Christum, die deutschen Fürsten verschachern die deutsche Kaiserkrone, aber die deutschen Bauern verschachern die evangelische Freiheit nit! Zustimmung.

Sebastian von Rotenhahn. Die evangelische Freiheit hat bessere Diener, als Ihr einer seid.

Geyer. Das gebe Gott, und das wolle Gott! Ihr aber seid ganz verrömert und Pfaffenknecht. Der Ulrich von Hutten war ein besserer als ich; er hat Euch die Trias Romana gewidmet, Ihr wart's nit wert.

Sebastian von Rotenhahn. Ich setze mich nit wider Kaiser und Reich.

Geyer. Wir tun es auch nit, niemalen und in keinem Weg. Unser Fürnehmen stehet allein darauf, dem Kaiser seine alte Macht wiederzugeben, unverkümmert von Pfaffen und Fürsten. Ihr setzet euch wider den Kaiser, die ihr Pfaffen und Fürsten beiständig seid. Was hat doch der edle Kaiser Max gesagt: Pfaffen und Fürsten hätten ihn zu Worms gebunden und an einen Nagel gehenket. Taten von Pfaffen und Fürsten für Kaiser und Reich? Trauben von den Disteln. Wenn der Kaiser die Laufte verstünd: hie sind seine Bundsgenossen.

Sebastian von Rotenhahn. Kotz Blut! Was eine Schmachbürden richtet Ihr Euch zu, Ihr, ehmals ein ehrlicher Ritter von Adel.

Geyer, den Helm abnehmend und seinen geschorenen Kopf zeigend. Ein Bauer bin ich und nichts dann ein Bauer!

Sebastian von Rotenhahn. Bei meinen adligen Ehren ...

Geyer. Zentauren seid ihr, aber keine Adelsleut. Wo waren doch eure adligen Ehren, als es dem edlen Franziskus von Sickingen, höchstem Vorbild aller adligen Tugenden, die Schanze verschlug wider den Pfaffen von Trier? Damalen sollt sich ein Edelmannskrieg anfahen. Wo blieb euer Beistand, da es not tat? In einen alten Harnischkasten haben sie des Sickingen edlen Leichnam gestopft, Köche und Spielleut haben ihn am Strick über den Berg heruntergeschleift. Wo waren da eure adligen Ehren? Euer Nam und Ehre: eine Handvoll Wind, von Pfaffen und Fürsten in Luft geblasen.

Die Gesandtschaft hat sich zurückgezogen.

Wolf von Kastell, in der Tür, schreit zurück. Ihr Männer, hütet euch vor dem Geyer! Er ist des Franzosen heimlicher Diener, er liefert euch dem Franzosen aus! Ab mit der Gesandtschaft.

Tellermann. Soll ich mich an sie machen, Kapitän?

Geyer. Gemach, Bruder, es ist Pech und Schwefel genung über meine Rüstung gelaufen. Hab gut Sorg, daß ihnen strack sicheres Geleit gehalten werd bis in ihr Gewahrsam.

Trabant kommt, meldet. Kapitän, haben sich viel hundert Weiber rottieret und dieshalb wie jenhalb der Mainbrücken ufgestellt. Sind in willens, die Gesandtschaft beim Widerritt ufzuhalten, schwören, sie wollten's nit wieder in die Burg lassen, und sollt sie der Teufel nit daran hindern, vielmeh alles, was pfäffisch sei, von den Kleppern reißen und in den Main stürzen.

Geyer. Blitz und Donner, was haben wir doch mit Weiberröcken zu schaffen! Frisch, Galgen ufgericht't! Den Profossen in sie arbeiten lassen, flugs aufknüpfen, was nit guttun will!

Flammenbecker. Hast Stock und Galgen auch nit von kaiserlicher Majestät erworben.

Trabant ab.

Link. Brüder, itzt ist eine Stunde warten zu lang. Nu frisch daran! Mit ganzer bäurischer Macht und Geschütz, mit Sturmbock, Tartsche und Leiter sei wider das Schloß gehandelt! Dran! Dran! mit Gewalt und Gotteskraft, daß sie den grimmen Ernst wohl vermerken und Rittern und Knechten in der Besatzung blutbange werd. Platzet sie an mit dem Geschütz ...

Löffelholz. Mit was Geschütz soll man sie anplatzen? – Höret mir zu, liebe Brüder! Eins tut itzt vor allem not, und so ihr derselben Meinung seid und Gott euch erleuchtet, so gibt er euch noch diese Stunde den Wurf in die Hand. Ich denke wohl, daß ihr mich genugsam kennt. Ich habe die evangelische Freiheit alleweil liebgehabt von ganzem Gemüt. Die Handvoll Bluts in meim Busen innen, die will ich getrost an den Handel setzen.

Gott hat uns bis hieher glücklich und wohl geführet. Alle großen Köpfe und gewaltigen Hansen ducken sich und haben die Flucht geben. Dannoch will mir das Herz nit so fast groß werden und lustig. Bös Ahnen nestelt sich an mich, ob ich nit weiß, warum.

Brüder, ein oberster Wille muß sein! Wir müssen ein Haupt über uns setzen, einen gewaltig machen über alle Haufen der Bauernschaft. Das uneine Gespann stürzet den Pflug um. Ein Wille ist oft meh denn tausend, eine Hand oft meh denn hundert, und dieweil ihr dreimal des Tages ein mehrers macht, kehrt sich der Pövel im hellen Haufen mitnichten daran und macht alle Ordnung und Artikel zu einem Spott, Schmach und Gelächter.

Der Truchseß von Waldburg steht mit des Schwäbischen Bundes Heer in Rüstung wider uns. Dawider ist hoch vonnöten, daß wir in Zeiten uns schicken. Da ist ein einiger Mann und einiger, fester Will Reitergeschwader und Fußknecht, ein strack, scharf Regiment ein gewaltiger Kriegshauf, gedient und erfahren im Feld. So ist mein Fürschlag und Meinung, daß man den Florian Geyer erwählen und kiesen soll mit Bestallung gemeiner Bauernschaft, sei es uf ein Jahr. Man soll ihm Räte beigeben ... Unruhe.

Metzler. Der Götz von Berlichingen soll unser Hauptmann sein!

Bubenleben springt auf. Brüder, man soll keinen Edelmann über uns setzen! Art läßt nit von Art. Ein Habicht wird niemals zur Taube, und ein Rittermäßiger wird nie zu einem evangelischen Bauern werden! Es sollt überhaupt kein Ritter in diesem Rat sitzen!

Tellermann ist wiedergekehrt, schreit dazwischen. Es sollte kein Pfaff in unserem Rat sitzen!

Bubenleben. Ei nun, es ist landkundig, daß ihr Geyerschen nit viel haltet von Gottes Wort. Nimmt mich auch nit wunder, kämpft ihr doch unter der schwarzen Fahn! Habt ihr doch in der gottlosen Bande noire gedient, wo nichts dann Ächter, Gotteslästerer und Heiden innen sind. Ihr wollet Gott absetzen, wir aber wollen ihn einsetzen und ihm allein dienen. So wird Gott uns auch einen Helden erwecken, wann das Stündlein schlägt ...

Löffelholz, zwischenrufend. Und wann er schon unter euch sitzet, so sehet ihr ihn doch nit.

Bubenleben, fanatisch. Gott wird einen Helden ausrüsten, dem großen Werke gewachsen. Der wird die Moab, Agag, Achab, Phalaris und Neros dieser Zeit von den Stühlen stoßen und ihnen die Bluttaufe geben. Gemeiner Leute Kind wird er sein und keiner von den Rittern, die, ob sie gleich in Eisen gepanzert sind, so leise und fürsichtig gehen wie die Katzen auf dem Dachfirst. Sie schonen der Ihren allerwegen; verflucht aber ist jeder Gläubige, der sein Schwert vom Blute der Widersacher Christi fernhält. Itzt heißt es die Hände baden in ihrem Blut und darin heiligen.

Der Schultheiß. Der Pfaff ist besessen.

Bubenleben. Wollt ihr jetzt einen zum Obersten Hauptmann machen, so erwählet ...

der Schultheiß, schnell. ... den Bruder Bubenleben, Pfarrer zu Mergentheim! Gelächter.

Bubenleben. Nein, nit mich, aber den Mann, welchen der fränkische Hauf über sich gesetzet: den Jacob Kohl von Eifelstadt.

Löffelholz, zwischenrufend. Er kann alle großen Schwür.

Tellermann. So feist er ist, baumelt er dannoch dem Pfaffen am Gürtel.

Geyer steht auf. Wer will halten rein sein Haus, der behalt Pfaffen und Mönche draus.

Geyers entschlossene Bewegung erregt Aufsehen in der Versammlung. Man beobachtet ihn in der Folge scharf. Er spricht intim mit Tellermann, dem Schultheiß und Löffelholz. Hippler und Götz flüstern und beobachten ebenfalls. Der Schultheiß und Tellermann gestikulieren immer heftiger auf Geyer ein.

Kohl. Brüder, wann das Löffelhölzlein auch schellig wird, das schiert mich in keinem Weg. Meine bäurischen Brüder kennen mich.

Martin, zwischenrufend. Aus der Trinkstuben!

Kohl. Potz! Daß dich das Wetter erschlag! Soll ich es leugnen, daß mir der Wein ebenso wohlschmecket als einem Ritter? Der Teufel sollt mir die Lüg gesegnen. Meinst du, man soll nit in der Trinkstuben sitzen, sundern allweg hoch und uf Stelzen einhertreten, sich meh bedünken als andere bäurische Brüder im hellen Haufen? Soll man sich alleweg aufblasen, wie die Geyerschen tun? »He da! Tretet aus dem Weg, daher fahr ich!« Das tu ich nit. Um mich ist alles glaslauter.

Martin, zwischenrufend. Lauter Gläser und Kannen! Gelächter.

Kohl. Jawohl, glaslauter ist alles um mich.

Zwischenruf. Würzburger Jüdenwein!

Kohl. Nit Würzburger Jüdenwein, sundern es ist glaslauter um mich. Ich halt mich nach meinem Schwur, und so mir vom ganzen hellen Haufen ufgelegt wird: tue das! so tu ich's, und: laß deine Hand von dem andern! so laß ich meine Hand davon. Heimliche Praktiken und verräterische Anschlag treib ich nit. Wählet man mich, so wählet man mich; wählet man mich nit, so wollt ich doch lieber am Galgen verfaulen, sollt mir der Schinder das Herz aus dem Leibe brennen, eh daß ich mich des tyrannischen Gewalts unterstünd.

Löffelholz. Wer unterstehet sich hie des Gewalts?

Kohl. Das, Bruder, fraget den Florian Geyer!

Flammenbecker. Brüder, wir brauchen keinen Hauptmann über uns alle. Stoßen wir deshalb die kleinen Tyrannen von den Stühlen, damit wir die großen daruf setzen? Es gibt hie Leute unter uns, die mögen ihre herrischen und teuflischen Gelüsten nit unterdrucken. Sie setzen Profossen über uns, Stockmeister und Schergen. Sie meinen uns mit Steckenknechten zu regnieren, schlimmer und grausamer, dann es unter dem Papsttum gewest. Sie haben hie zu Würzburg Galgen ufgericht't.

Geyer schreit dazwischen. Noch meh Galgen, und alle Weinsberger Blutbuben daran gehenket!

Flammenbecker, rasend. Alle Junker, Gutgewinner und Ächter daran gehenket! Zum Teufel mit allen gelben Sporen! Man muß euch durch die Spieße jagen wie den Helfensteiner, euch vierteilen als die verfluchten Verräter und Bösewicht! Gelächter der Ritter.

Hippler. Bruder Geyer, stehet mir Red und Antwort. Es geht das Geschrei, die Euren hätten Gemein gehalten, Hauptleute, Obriste und Feldweibel des schwarzen Haufs hätten es in sie getrieben und jedermann persuadieret meuterischerweis, und sei auch beschlossen worden im Ring: sie wollten in keinem Weg einen andern dulden, man setze dann Euch, Bruder Geyer, zum Obristen-Feldhauptmann über alle Haufen.

Geyer. Da weiß ich nichts von, was gehet mich das an!

Götz. Brüder, was sollen uns die Trabanten vor der Kirchenporten? Schicket sie doch heim.

Link. Wem stehen sie zu?

Flammenbecker. Sind vom schwarzen Häuf, stehen dem Florian Geyer zu.

Bubenleben. Brüder, was will das werden? Nit weit von hie, uf der Gassen, bin ich auf ein stark Fähnlein gewappneter Knecht gestoßen.

Löffelholz. Sind für das Barfüßer-Kloster bestimmt, sollen Quartier darin nehmen um Friedens und Ordnung willen, damit es nit hie zu Würzburg mit Plündern, Stehlen und Beschädigung Leibes und Gutes also türkisch zugehe wie anderwärts.

Link. Die Bürgerschaft hat ein gut Fähnlein aus allen Vierteilen ausmustern lassen und in das Barfüßer-Kloster gelegt. So werden wir selbst wissen Ordnung und Fried aufrechterhalten.

Der Schultheiß. Ei, Link, das Fähnlein im Barfüßer-Kloster tuet es allen voran mit Schatzen, Ranzionen und durch die Häuser laufen! Und war es nit so, unter allen Haufen der Bauern sind unnütze Leut genung. Jaufkinder, Luderer und anderes Gesindel webert ein und aus durch die Tore. Dawider ist gut, daß man ihnen ihr eigen Regiment zeige und Bäurische wider Bäurische uf biete.

Link. Wird einer Bürgerschaft hie zu Würzburg nit wohl eingehen.

Flammenbecker. Es seien kein unnütze Leut im hellen Haufen!

Geyer. Es gehe der Bürgerschaft wohl oder übel ein, es tut not, daß wir beizeiten anfahen, Ordnung und Zucht in die Haufen zu treiben. Lassen wir den Teufel fürder gewähren mit Verwüstung Proviants, Getreid in den Main schütten, Wein aus den Fässern lassen laufen, wahrlich, meiner Seel, es wird bald dahin kommen, daß ein evangelischer Bruder im hellen Haufen wird müssen mit blutigen Fingern nach einem Stück Hungerbrot graben!

Götz. Was hab ich gesagt, Brüder? Stoßen die Geyerschen zu uns, so fahet sich Zwietracht an und nimmt niemalen kein Ende meh.

Geyer. Bruder Berlinger, wer hat meh Zwietracht gesäet in die Haufen, ich oder Ihr?

Götz. Ein jeder beuget und bücket sich, allein die Geyerschen bleiben auf ihrem Kopf, kümmern sich um den gemeinen Handel nit.

Tellermann. Kotz Schweiß, Bruder Berlinger, habt ihr wohl unsrer geachtet, saget mir doch, als ihr, du und der Metzler, euren Zug nähmet, wo wir und der schwarze Häuf vordem gezogen? Neun Städte uf'm Odenwald haben sich uns ufgetan und zugelobt. Hat es der Florian Geyer durchgesetzt, ward von den Unseren keinem Bürger ein Fensterlein zerworfen, keiner Magd ein Fürfleck verrückt. Aber hernacher seid ihr kommen, alles gebrandschatzt, über Kisten und Keller gefallen, Weiber geschändet, viel hundert Wägen Plunders fort lassen schleppen. Bruder, als das ist ruchbar worden in ganzer Gemeine des schwarzen Haufs, was Wunders, daß ihnen die Wut ist ankommen. So habt ihr Zwietracht unter die Brüder gesäet! Die Städte, mit Eiden und Pflichten uns verstrickt, ihr habt gemacht, daß sie mußten Eide und Pflichten brechen und euch wiederum zugeloben.

Götz. Sollte man euch lassen gewähren, ihr Geyerschen, der teuren evangelischen Freiheit erstünden meh Feinde über Nacht, dann es Krämer gibt in Venedig, Säufer in Sachsen, Säue in Pommern und Huren in Bamberg insgesamt.

Geyer. Wißt Ihr noch meh, Bruder Berlinger?

Götz. Ihr habt uns den ganzen Adel feind gemacht.

Geyer. Ich hab den Artikelbrief vollstreckt.

Götz. Es tut dannoch nit not. Ihr seid selber vordem ein Ritter gewest. Ist es nit schmählich, Bruder, daß Ihr es allen vorantut mit Zerreißung fester Schlösser und Häuser des Adels, da Ihr doch jedem Pfeffersack Reverenz machet, wenn er gleich nur mit der Zipfelhauben über die Stadtmauer herausdräuet? Die Häuser des Adels ...

Geyer. Herunter mit ihnen, herunter mit allen verfluchten Rabennestern! Es muß ein Ende nehmen mit Heckenschinden und Staudenreiten. Meine weiland guten Gesellen vom Adel sollen lernen Besseres tun dann zwo Beine über ein Roß henken, Händel uf Gewinn treiben, Bauern schinden und schatzen, Kaufleut niederwerfen, verstricken oder in die stinkigen Türme werfen, ihnen Händ abhacken, Ohren abschneiden und dergleichen ritterlicher Handlungen meh. Ihr sollt fortan eine Tür haben, den Acker bauen und zu Fuß gehen wie andre Christenleut. Der Edelmann ist nit meh ...

Götz. Wie denkst du über des Edelmanns Wort, Bruder?

Geyer. Wie über jedermanns Wort, daß ein Wort ein Wort bleibe.

Götz. Denk an Möckmühlen, als du noch bestallter Hauptmann des Schwäbischen Bundes warst! Welche bündischen Hundsfötter haben mir damals Geleit zugesagt und gebrochen?

Geyer. Nimm einen Löffel und friß deine Lüge!

Hippler erhebt sich. Friede, ihr Brüder! – Man hört schießen. Kotz, was ist das?

Götz. Oha! Büberei!

Geschrei, tumultuarisch. Büberei! Verrat!

Massenruf von außen. Vivat Florian Geyer!

Tumult und Panik in der ganzen Versammlung.

Geschrei. Verrat! Meuterei!

Geyer springt auf, schreit: Ruhe, Brüder! Ein Hundsfott, wer von Verrat schreit. Hie steh ich und gelob ich, daß ich Amt und Bestallung nit anders will empfahen oder zur Hand nehmen, es sei mir denn übergeben vom Versammlungsrat gemeiner bäurischer Brüderschaft. Und wen sie über uns alle will mächtig machen, dem will ich mich gehorsam beugen und Untertan sein, als einem evangelischen Bauern geziemet und zusteht. Aber meine Meinung ist, liebe Brüder, daß man einen Kriegsrat erwähle, kundige und kriegserfahrene Leute dareinsetze und den bewegen lasse, was gen innen und außen zu tun und zu lassen sei. Wer aber der Meinung ist, daß das beschehe, der stoße sein Messer in diesen Ring. Er zieht mit Kreide einen Kreis auf der Kirchentür.

Tellermann, sein Messer zückend. Dem Truchsessen von Waldburg, bestalltem Obersten Hauptmann des Bundes zu Schwaben, mitten ins Herz! Er stößt zu.

Bubenleben. Dem Bischof Konrad von Thüringen mitten ins Herz! Er stößt zu.

Flammenbecker. Dem Georgen Truchseß von Waldburg, bestalltem Obersten Hauptmann des Bundes zu Schwaben, dem Bluthund von Wurzach, mitten ins Herz! Ebenso.

Ein Weinsberger. Rache für Wurzach! Rache für die siebentausend gemordeten Brüder! Dem Truchsessen von Waldburg mitten ins Herz! Ebenso.

Löffelholz. Allen Fuggern und Welsern mitten ins Herz! Ebenso.

Sartorius. Dem Truchsessen von Waldburg mitten ins Herz! Ebenso.

Erster Bauernhauptmann. Allen Schindern und Schabern des Volkes mitten ins Herz! Ebenso.

Zweiter Bauernhauptmann, zu Grumbach. Flugs, Bruder, sage du auch deinen Spruch!

Martin. Allen pfäffischen Königen und königlichen Pfaffen mitten ins Herz! Ebenso.

Wilhelm von Grumbach. Dem Bischof Konrad von Würzburg mitten ins Herz! Ebenso.

Hippler. Dem Kanzler der Herzöge von Bayern, bestalltem Rat des Bundes zu Schwaben, dem gottverfluchten Leonhard Eck, mitten ins Herz! Ebenso.

Dritter Bauernhauptmann. Dem Truchsessen von Waldburg mitten ins Herz! Ebenso.

Geyer. Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz! Ebenso.

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