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Johann Richard zur Megede: Félicie - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJohannes Richard zur Megede
titleFélicie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrun7. und 8. Auflage
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070709
projectid215aeb8e
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Drittes Kapitel.

Le duc et la dichesse de Lièges ... vendredi ... à sept heures ... habit de rigueur ...

An einem Freitag segelt freilich kein alter Seemann, der nicht muß. So weit geht mein Aberglaube nicht. Ich mache mit Vergnügen von dem leichtgehenden Coupé Gebrauch, das mir die Frau Herzogin um fünf Uhr nachmittags schickt. Im Hotel gelinde Aufregung. Uebrigens wirklich eine wahre Reise. Ueber das Wasser gesehen kein Granatschuß Entfernung – aber der riesige Bogen, in dem die Küstenstraße sich hinüberschwingt, heißt zwei deutsche Meilen ungefähr. Eine köstliche Fahrt bei flutendem Licht – eine trübselige bei wallenden Wolken und rauschenden Regenmassen. Tief unten eine unsichtbare dumpfe Brandung, hoch oben die grünbewaldeten Bergkämme in Dunst gehüllt.

Das Schloß erkannte ich erst aus nächster Nähe – grau, alt, die Lichter unsicher flimmernd. Ein schmiedeeisernes Portal mit einem vergoldeten Herzogshut – eine schmale Rampe. Ein Diener mit geöffnetem Schirm, der, mir am Schlag entgegenkommt. Dann eine Burgtreppe in die Höhe, finster, mit Nischen, unheimlich, als ginge es in ein Verließ – ein schweres, uraltes Fallgatter, das aber geräuschlos zur Seite rollt. Dahinter die Halle, hoch, feierlich; von den gotischen Spitzbogen senken sich verblaßte Paniere, zwischen den engen, gemalten Fenstern starren echte Waffen, rostig, zerfressen; die stumpfe Spitze einer Turnierlanze blinkt. Am großen Kamin ein völlig geharnischter Mann – die wehende Helmzier blauweiß, in den Farben des herzoglichen Hauses. Die Schloßfrau empfängt mich am Gitter. Silberbrokat – am Hals wieder das kranke Grün des Türkisen schimmernd. Ein Phantast könnte wähnen, Ritter luden ihn zu einem Bankett. Der Phantast hier sieht in die lächelnden Opalaugen der Herzogin und ist beruhigt. Sie reicht ihm zum Willkommen die schlanke, kühle Hand, die er nur flüchtig mit den Lippen berührt.

»Wie hübsch, daß Sie kommen, Baron! ... Charles, wenn ich bitten darf!«

Am prasselnden Kaminfeuer stehen einige Herren und besehen den spiegelnden Lack ihrer Schuhe. Einer löst sich aus dem Kreis: »Du befiehlst, Félicie?«

»Gestatten Sie, Baron von den Raben, daß ich Ihnen meinen Mann, den Herzog von Lièges, präsentiere.«

»Ich bin entzückt« ... Es ist eine schlanke, sehnige Figur, sehr braun, mit ungewöhnlich mattem Auge (ich hätte mindestens einen Vierziger vermutet, aber gegen dieses etwas fade, junge Gesicht erscheint mein brünettes direkt alt) – sonst weder übermäßig gewandt noch Causeur. Unsre Unterhaltung stockt sofort.

»Charles, präsentiere ihm, bitte, die andern Herren.« Dies in dem leichten Französisch der grande dame. Darauf geht die Herzogin weg mit einem freundlichen Kopfnicken noch für den Neuling.

Die Herren am Kamin unterbrechen eine schlaff geführte Unterhaltung. »Prinz ... Marquis ... Graf... Baron von den Raben.« Es sind alles Verwandte, ein Onkel, zwei Vettern. Dazu die leicht elegante Verbeugung, die von dem englischen Händedruck begleitet wird.

Die Unterhaltung flackert wieder auf – mit Rücksicht auf mich deutsch, ein flüssiges Deutsch, und so charakterlos glatt wie das Diplomatenfranzösisch.

»Ballantine hätte die Stute vom Fleck reiten müssen ...«

»War Edmonds Hengst eigentlich sehr hoch gewettet?«

»Werden Sie im nächsten Monat zu den Regatten nach Nizza kommen, Baron?« Die Herren ziehen mich sofort zuvorkommend ins Gespräch.

»Ich denke, die ›Félicie‹ hat auch diesmal Chancen« ... Also auch Segelfatzken sind dabei.

Es ist eben die Unterhaltung von Leuten mit einem kleinen, scharfbegrenzten Gesichtskreis, einem wohl ausgefüllten Nichtsthuerdasein. Wie oft hörte ich nicht in Berlin dieselben Unterhaltungen und machte sie mit, ebenso wie ich sie hier mitmache! Die schnelle Orientierungsgabe kommt mir zu nutze, die eine scharfgelebte Bummlervergangenheit verleiht. Wie schnell ist man über die Rennangelegenheiten au fait, sogar unter den Pferden findet man noch alte Bekannte, unter den Jockeys selbstverständlich. Sogar ein deutsches Pferd wird nächstens in Nizza über die Bahn gehen unter lächerlichem Gewicht, ohne Chance, aber immerhin doch ein deutsches Pferd. – Bei der Segelei ist das Mitkommen schon schwieriger. Wassergigerl war ich nie. Aber man sah so viele Regatten, griff ein paar Handwerksausdrücke auf, die man jetzt wieder anwendet. – Warum ist nicht einer Radmensch? Wir sind außer dem Herzog ja unsrer vier. Rad und Tennis sind höchster Modesport, aber die Radrennbahn gilt als etwas gemein. Ja, man hat sich doch höllisch geändert, alter Gert! Das wird mir hier zu Gemüte geführt. Ich liebe Sport, Gesellschaft, große Welt – ich könnte ohne eins davon dauernd kaum existieren – aber ich liebe sie als Satiriker. Die sinkende Welt tanzt mir da ihren Totentanz; im Prunk, im rauschenden Fest schwebt er vorüber. Und wo die andern alles im Licht sehen, im Glanz und schönen Gewändern – da sehen wir nur das welkende Fleisch und die schleichende Krankheit. Wir sehen es mit dem mitleidlosen Blick des Vivisektors, dem das Zucken zerreißender Nervenbündel nur ein Symptom, das stumme Stöhnen auch, der langsame Tod aber eine Thatsache. Die andern hören das Rauschen der Freude, wo wir das Klappern der Knochen vernehmen. Solche Auffassung ist weder schön noch macht sie glücklich – aber reiß Dich von ihr los, wenn Dir jedes Vergnügen nur eine hüpfende Welle und nur der tiefe Strom der Arbeit der Bezwinger trübseligster Gedanken ist. Gewiß giebt's auch Oasen in der grauen Wüste des Lebens, grüne, wonnige Oasen, wo die klugen Thoren es sich lange wohl sein lassen. Wir haben manche Oase hinter uns – aber des Bleibens war auf keiner. Wir stampfen stiernackig weiter durch den glühenden Wüstensand, und wen der mitleidige Samum nicht begräbt, der kühlt wohl am rettenden Brunnen die lechzende Zunge und pflückt die goldene Oasenfrucht von Zeit zu Zeit. Genuß ist's ihm nicht. Er will nur die Kraft daraus saugen zum Weiterwandern, bis er gar nichts mehr vor sich sieht, als den unendlichen Sonnenbrand und die schweigende Wüste. Dann thut der Kluge sich resigniert nieder zum Verenden, die Narren aber schleppen sich weiter ... weiter ...

Das Diner nahmen wir im Zimmer der Herzogin. Eine Laune von ihr, die Sinn für das Intime hat. Der Raum ist klein, lauschig-grüner Plüsch mit hellem, englischem Holze. Ein runder Eßtisch. Die Diener rücken die Stühle zurecht. Das weiche Acetylenlicht gleitet über weiche Formen, weiche Farben. Ich habe ein Gefühl von Gemütlichkeit, Wärme. Das dauert bei mir aber nie lange. Wenn ich unter Menschen bin, muß die Lippe in kaltem Hohn zucken. Ich sehe mir meine Leute an. Wir sind ein ganz kleiner Kreis, eine beinahe illustre Gesellschaft, die sich giebt wie sie ist – frei, distinguiert, sicher. Keine Standesunterschiede. – Neben mir der Prinzonkel: weißer Schnurrbart, rotes, gesundes Gesicht, ein Seemann aus Neigung, nicht aus Beruf. Dann der Marquis: jung, elegant, blonder Franzose, durch die Rennpassion von der steifen, englischen Art etwas angekränkelt. Dann der Duc: ich beschrieb ihn schon. Mir der interessanteste ist der Graf – vielleicht Ungar – mit gelblichem Teint, tief brünett – ohne Passionen – aber in dem zerstreuten Blick der beinahe weibischen Sammetaugen liegt für mich etwas Schreckliches. Ich wundere mich nicht, wenn er liebenswürdig lächelnd heute in Monte Carlo eine Million verspielt und morgen ebenso lächelnd bei einem scheußlichen Verbrechen ertappt wird. Es ist der Vetter des Herzogs – der vielleicht degenerierte Typ, wo Gleichgültigkeit und Laster sich mischen und im Grunde beide recht haben, die da sagen: ›Der harmlose Mensch – oder das Scheusal –‹ Wenn diese Leute ihr Geld mit der Arbeit verdienen sollen – o weh! ... Die bösartige Kritik habe ich mir bewahrt. Ja, warum ging ich unter die Arbeiter? Wenn die Gesellschaft meine Gedanken ahnte! ... Denn auch die soziale Frage kam aufs Tapet – nur getippt natürlich, ohne Aufregung oder Verständnis.

»... Was verlangen diese Arbeiter eigentlich noch?« »Nachher werden die anständigen Leute hungern müssen...«

»Die anständigen Leute?« frage ich.

»Wir alle. Aber die Ueberhebung dieser Leute wird schon bestraft werden, zu spät werden sie erkennen, wo ihr wahrer Vorteil liegt. Wenn die Völker erst die Könige verachten und Gott verhöhnen, – sogar Gott ...« Und da werden alle die Gesichter ernst, demütig. Es sind wirklich fromme Leute – sie fürchten Gott und thun nichts. Was sie sagen, ist objektiv gewiß richtig – aber subjektiv aus solchem Munde, wie dumm und hoffärtig!

»Dennoch ...« Hier ist der Moment, wo die Schläfen mir plötzlich glühen und die Augen unangenehm flackern. Ich habe eine unglaubliche Malice auf der Zunge – ich schlucke sie hinunter, weil die Herzogin mich ängstlich ansieht. – Der Sozialist wird lebendig. Mein lieber Gert, trotz allen Hochmutes, trotz aller Feudalität sind wir Rabens doch Revolutionäre. Ich könnte ein Fräulein Müller nie anders lieben als par amour, und wenn sie ein Engel an Schönheit und Güte wäre – in dieser Gesellschaft aber trage ich die Jakobinermütze. Ich gehöre plötzlich zu denen da unten, ich fühle, ich leide, ich grolle mit ihnen. Sie sind meine Brüder – freilich nur solange ich's will, und wehe, wenn sie's von mir verlangen wollten! Das ist die Arbeit, die gleich macht. Du verstehst mich, wenn ich sage: mir thun die großen Summen direkt weh, die sie jetzt für meine Bilder zahlen; ich muß dabei immer an die Armen und Elenden denken, die schweißtriefend mit der Arbeit eines ganzen Lebens das nie verdienen können. Früher, als ich nichts that, nur verschwendete, kamen mir solche Gedanken nie. Die Arbeit ist demokratisch – uns wenigstens macht sie dazu ... Und wenn heute die Revolution käme, wer würde an dem nächsten Pinienast baumeln? – Ich! – Und wenn ein Mitleidiger mich nachträglich abschnitte, mich der Reaktion zu bewahren, wen würde die zuerst füsilieren? – Mich! – Nein, solche Leute gehören trotz aller weltmännischen Allüren nicht in die Welt. Sie sind die unglücklichen Modernen, die Girondisten dieses Jahrhunderts, bereit, Könige zu stürzen, wenn sie allmächtig sind, und ebenso bereit, sie zu schützen, wenn sie rettungslos verloren ... Problematische Naturen – wenn einer, so bin ich's!

Dieser Widerspruch meines Wesens quälte mich während des ganzen Diners. Die Granden merkten davon freilich nichts. Der Schweigsame berührt ja immer sympathisch. Die Herzogin sprach auch nicht viel, sie streifte mich manchmal nur mit einem hellen, klugen Blicke.

Nach Tisch schlenderten wir durch das Schloß.

Ich habe Zeiten, wo meine Sinne stumpf. Das passierte mir unglücklicherweise gerade heute. Uebrigens schöne Räume, alte Möbel. Wer die Phantastik liebt, der mag sich an den Antiquitäten freuen, die überall wahllos hingestreut sind. Auf den Kaminsimsen venetianische Gläser – in einer Fensternische tiefdunkle, geschnitzte Chorstühle aus Urbino. Vergilbte Elfenbeinfiguren neben zerfetzten Gobelins. An den Wänden nachgedunkelte Heilige, mythische Darstellungen, Schäferspiele. Ausgegrabene Marmorstatuen, verstümmelt oder ungeschickt restauriert, neben einem Renaissancekruzifix von geradezu wundervoller Reinheit. Und das Zimmer auf Zimmer, so daß man nichts mehr unterscheidet und als Spieltisch ansieht, was Betpult ist. Selbst in dem engen, hohen, gotischen Korridor gruppieren sich um die lange Reihe erlauchter Ahnen diese Kunsttrümmer, zuweilen frappierend wertvoll, zuweilen traurig wertlos. – Bric-à-brac – die Herzogin hat's getroffen. Es ist ja Mode heute, die Leute finden's stilvoll. Mich ödet's an. Ich halte Museen und Galerien mit ihrer historischen Anordnung für ein notwendiges Uebel, das den Kopf mit fremden Vorstellungen belastet, aber den eignen Geist tötet. Künstliche Rumpelkammern sind weit schlimmer. Wo die Tradition, das Altehrwürdige einen Sinn haben soll, muß es aus dem Einzelnen herauswachsen und über dem Ganzen wie die seine Patina echter Bronzen schimmern. Dann fühlt man historisch, der Geist des Vergangenen umspinnt uns und führt uns sänftiglich zurück in sogenannte bessere Zeiten. – Nein, teurer Duc, deine Kostbarkeiten gefallen mir gar nicht! Sie sind sogar beleidigend für den Künstler, dessen Werk du in falsche Rahmen hineinzwingst. Vielleicht, daß es bei Tage besser aussieht und die lichten Punkte wirklicher Schönheit heller aus diesem Chaos leuchten. Ich habe keine Ahnung, was du für Bilder hast – eins von mir aber würde ich hierher um keinen Preis verkaufen. Die »Liebe« neben einer ramponierten Antike? – Nein! Sollen wir uns da sinnlos bekämpfen, die ganz Alten und die ganz Modernen?

Groß war Deines Bruders Beredsamkeit nicht, als er mittrollte, ein Gelangweilter unter Gelangweilten. Kaum das unumgängliche: »Sehr hübsch!... Antik?... Wie haben Sie nur all die Sachen sammeln können?«

Der Herzog mit seinen matten Augen, der neben mir den Cicerone spielt, ist beglückt von dieser faden Bewunderung. Aber hinter mir hörte ich deutlich ein Zwiegespräch – »Un grand artiste?« – »Je crois bien« – »C'est drôle«... Eine hübschere Charakteristik giebt's gar nicht.

Gott sei Dank, als alles endlich vorüber. Die Herzogin war auch mitgegangen, etwas verlegen lächelnd – sie kennt mich doch am besten. Den Kaffee nehmen wir im Stehen.

»Spielen Sie Karten, Baron?«

»Ein wenig.«

»Auch Whist?«

»Keine Ahnung!«

»Sehr schade!«

Ich finde es dagegen reizend, daß ich so vortrefflich lügen kann. Herrgott ja – ich und nicht spielen! Der alte brave Jener Rolf, der mit so viel Glück pointierte, bis er eines Tages so schwer niederbrach. Wenn ich noch denke, wie ich zu Dir kam als Beichtender! Du dachtest immer, es handle sich nur um blaue Lappen – und es handelte sich doch um braune, viele, viele braune. Uns beiden standen die Haare ein wenig zu Berge – Dir mehr... Du – nee, nee! – wenn man als alter Kerl sich sagen muß: ›Du hast nichts gethan und wirst nichts thun, und eine Strychninlösung ist das Vernünftigste.‹

... Schön ist die Erinnerung nicht! Aber es hatte doch das Gute, daß dieser schwerste Peitschenhieb des Schicksals mir das Vollblut endlich weckte.

Von dem Augenblick datiert die Arbeitsära ... Wir beide jammerten freilich, obgleich mir gar nichts Besseres passieren konnte. Denn so allein war es noch möglich, ins Rennen zu kommen.

Der Diener macht einen Spieltisch zurecht in der Ahnengalerie, dicht unter einem finster blickenden Marquis von Lièges. Indessen wandere ich mit der Herzogin auf und ab. Als die Partie zusammengetreten, führt mich die reizende Frau in das anschließende Gemach. Eine Art Verandazimmer. Weiße, niedrige Möbel mit Strohgeflecht. Aus den Ecken drängen sich wuchernde Schlinggewächse, aus der Majolikaschale auf dem Tisch quillt ein riesiger Blumenstrauß. Darüber eine seegrüne Ampel, die leise schwankt. Hier ist Siestastimmung – verschwiegenes Licht – wohlige Dämmerung. Der feine Mimosenduft wallt fast betäubend durch das Zimmer. Das Saftgrün des Blattwerks blinkt traulich. Die Frau Herzogin liebt am meisten dieses Zimmer, das mir vorher nicht gezeigt ward. Ich muß mich neben sie setzen auf ein zierliches Sofa. Und während die weiße Hand mit dem Rokokofächer spielt, schweift das Opalauge ernst, träumend durch die weit geöffnete Thür in die Ahnengalerie, wo die Whistpartie lautlos tagt. Ich schiele zu der reizenden Frau hinüber – das reine Profil reizt den Künstler. Sie mag die Bewunderung fühlen. Denn vom Hals steigt langsam helles Rot zu den feingeäderten Schläfen.

Nach einer Weile wendet sie mir graziös den Kopf zu. »Nun, wie gefällt Ihnen das Schloß, Baron?«

»Sehr kostbare Einrichtung, Herzogin.«

»Ist das alles?«

»Pardon...«

»Also gefällt's Ihnen auch nicht?... Keine Ausflüchte! Was fürchten Sie? Ich bin auf Ihrer Seite... Kostbar: das stimmt... Weniger wäre mehr. Es sieht auch so aus, als wenn wir furchtbar reich wären, was wir aber gar nicht sind. Wir haben eben unsre Revenuen und keine Schulden. Sie dachten natürlich auch, wir wären furchtbar reich?... Ach, natürlich!... Und ich möchte es nicht mal sein. Was sollte ich mit hundert Millionen anfangen? Läßt sich das Glück vielleicht kaufen?...«

»Kaufen freilich nicht!...«

»Ach, Sie werden sentimental, Baron – und ich werde undankbar. Ich habe zum Beispiel einen Bruder, den ich leidenschaftlich liebe. Er ist verlobt, wird bald heiraten... Eigentlich ist es doch schon ein großes Glück, wenn man jemand hat, den man so lächerlich liebt, daß man ihm alles opfern könnte – alles – auch sich selbst.«

»Da sind Frau Herzogin in einer ähnlichen Lage wie ich. Mein Bruder Gert...«

»Erzählen Sie mir von diesem Bruder!« unterbricht sie eifrig. »Ich streite mich nämlich ernstlich mit Leuten, die da behaupten, nur die gleichen Geschlechter zögen sich an bei Geschwistern. Ich habe eine jüngere Schwester, die mag ich gar nicht. Es ist mir eine fremde Rasse, schwerblütig, düster. In manchen dumpfen Kirchen hat man so ein Gefühl... Also, Ihr Bruder, Baron?«

Ich hätte so viele hübsche Züge von Dir, Gert, parat. Du, der Du mein bester Mentor und nachsichtsvollster Freund immer gewesen bist. Hier kann ich nicht sagen, was ich möchte. Der berühmte Pfropfen steckt mir in der Kehle. Als wenn dies feudale Schloß unsre kleinen brüderlichen Leiden und Freuden nicht verstehen könnte, als wenn's Entweihung wäre vor dieser fremden Dame, Das ist die falsche Gêne – der Kopf giebt nur, wo das Herz geben sollte. So erzähl' ich denn nur, daß Du früher sehr hübsch, sehr elegant warst (ganz das Gegenteil von mir auch noch heut), und daß Du mit Deinem hellen, scharfen Verstände, Deinem ungutmütigen Witz, eigentlich für die große Welt bestimmt, dennoch ganz früh unter die Krautjunker gegangen seist, einem sentimentalen Zuge unsers Wesens folgend, – was Dir das Glück zwar nicht brachte, dafür die gesunde Sorge für Heimatscholle und Kinder.

Und sie, erst verwundert, daß ich an solchen Aeußerlichkeiten klebe, sieht mich klug an – und versteht doch. »Sie wollen nicht, Baron! Sie denken: was will diese Frau von uns, die wir gar nicht kennen?... Ich will unvorsichtiger sein, weil ich Sie schon sehr lange zu kennen glaube. Mein Bruder ist ganz mein Ebenbild, natürlich Mann, sogar ein leichtfertiger Mann, dem's aber gar nicht schlecht gehen kann, weil er bald unten ist, bald oben, bald traurig, bald vergnügt, das letzte viel häufiger. Er lächelt lange nicht so oft als ich. Trotzdem bin ich immer viel länger unten, viel länger!... Ich kann gar nicht erwarten, bis er verheiratet ist. Sie ist zwar nur Marquise, aber vom besten französischen Adel aus dem Faubourg St. Germain. So treue Royalistin, daß es Ihnen passieren könnte, in einem Gespräch über den großen Napoleon die Antwort zu hören: ›Ich kenne den Mann nicht! ...‹ Etwas verbohrt? Aber mokieren Sie sich nicht! ... Wenn Sie meine Schwägerin sehen würden, so jung, so frisch, so lustig! Sie haben in Deutschland ein komisches Wort: herzig – und das ist sie! ... Außerdem dürfen die Bragans unter keinen Umständen aussterben. Ich werde meine Nichten und Neffen kindisch lieb haben, ich werde für sie sparen, mein Schloß in Flandern vererbe ich ihnen ganz gewiß! Und die Mädchen sollen so aussehen, wie meine schöne Mutter ...«

»Sie war Ihnen ähnlich, Herzogin?«

»Man sagt..,«

»Dann allerdings...«

»O, Sie Schmeichler!... Pour l'amour la mort! Ist das nicht ein wunderhübscher Wappenspruch? Das Geschlecht Bragan hat ihn immer hoch gehalten. Bragan, das hat Klang. Lièges, das klingt so weich und weibisch. Obgleich ich den Namen trage, liebe ich ihn nicht. War's Irrtum oder Malice, daß Sie in der Adresse é geschrieben haben? Liéges heißt Kork, Lièges Lüttich. Liéges ist aber richtig. Die Herren von Lièges bestreiten das zwar und heißen doch so und führen eine Korkeiche im Schilde seit Olims Zeiten. Ich finde nichts dabei, ich finde es aber auch weder hübsch noch ritterlich. Vielleicht trieben sie wie Kork auf den Wogen des Lebens und wählten sich selbst das Emblem. Ziehen Sie aber daraus keine Schlüsse, Baron! Die Lièges hier, Mann und Frau, treiben nicht so leicht auf den Wogen... Der Herzog allerdings...« Sie spricht nicht weiter. Wieder derselbe ernstträumende Blick die Ahnengalerie entlang, wieder das nervöse Zucken der feinen Nasenflügel... Lieben sich die beiden Leutchen nicht? Es ist eine Konvenienzehe, und die geflickten Töpfe halten ja am längsten.

Dann sagt die Herzogin noch einmal langsam: »Pour l'amour la mort« – und bewegt langsam den geschlossenen Fächer dazu. Es ist, als wenn etwas häßlich Kühles durch das Zimmer wehte.

»Pour l'amour la mort,« wiederhole auch ich leise. Es klingt wirklich hübsch.

Das feine Ohr der Herzogin hat es erfaßt... »Ja, das war einmal... Eigentlich doch glückliche Menschen, die das zur Wahrheit machen konnten, Wir, glaube ich, können's nicht mehr...«

»Nein, wir nicht mehr...«

Da suchen mich ihre Augen ungläubig fragend. »Sie auch nicht, Baron?«

»Ich auch nicht, Herzogin.« »Und Ihr Bild?«

»Haben Sie es gesehen?«

»Sie haben recht. Aber man schrieb mir doch...«

»Man schrieb Ihnen Thörichtes, Herzogin. Ich will Ihnen etwas sagen: Ich stehe noch heut als ein Fremder vor meinem Machwerk. Ich habe niemals geliebt – niemals! – Heute sind meine Fähigkeiten der Art wohl schon erschöpft – ich erschöpfte sie im kleinen Krieg... Ich habe viel gelebt, viel genossen und werde darin fortfahren, so gut es geht. Für den Künstler ein Glück. Denn wer das eine erlebte, der erlebt nie etwas mehr!... Hätte ich bei meinem Bilde das gefühlt, was ich malte – es wäre mein letztes Bild. Ich käme über den einen Eindruck nie hinweg...«

»Und wenn Sie das Unmögliche doch noch einmal an sich erlebten?«

»So würde es mich überfluten wie ein Strom – und ich würde daran zu Grunde gehen...«

Woher weiß ich das alles? Warum sage ich es gerade dieser Frau? ...

Wir könnten das Thema weiter fortsetzen – Félicie mag aber nicht. Sie sagt nur mit feiner Anerkennung: »Als Sie von der ›Liebe‹ sprachen, sprachen Sie leise – Sie flüsterten beinahe. So hab' ich's gern... Ich möchte Ihr Bild doch sehen...«

»Nein, Herzogin, in meinem Bilde liegt etwas ganz andres als Sie denken. Das ist ein stummer Verzweiflungsschrei, der doch bis ins Mark dringt.«

»Dann weiß ich doch nicht, ob ich's gern haben könnte... vielleicht bewundern... Die Liebe flüstert – das verstehe ich ... Aber wir wollen von etwas anderm sprechen – von Ihrer Kunst überhaupt. Künstler stehen mir immer auf einem Postament, zu dem die Sterblichen interessiert hinaufschauen.«

»Kunst ist Arbeit, Herzogin.«

Sie lächelt. »Nicht so hart, Baron! Sie sollen leise sprechen wie vorhin. Das steht Ihrem Organ am besten.«

Zum Scherz flüstre ich kaum hörbar etwas Fades. In dem Augenblick dreht sich von den Spielenden einer nach uns um – es ist der Herzog.

»Neigt der Herr Gemahl zur Eifersucht?« frage ich mokant. »Vielleicht – vielleicht auch nicht. Flüstern dürfen wir Ewigkeiten – aber wehe, wenn ich ein einziges Mal hell auflachte!«

»Der Herzog liebt die große Welt?«

»Sie wollen sagen: er kennt sie schlecht? Er kennt sie in der That schlecht!«

»Herzogin, ich bin weit entfernt...«

»Die Wahrheit einzugestehen. Und Sie sollen doch ehrlich zu mir sein, so ehrlich, wie ich es sein will... Sie sollten sich übrigens zu Ihrem Scharfblick gratulieren. Mein Mann wird die Welt nie kennen, und wenn er tausend Galabälle mitgemacht hätte. Das liegt in seiner Natur ...«

»Und lieben Sie dies Genre sonst?«

»Ich muß wohl. Denn sonst hätte ich meinen Mann nicht geheiratet.«

Ich ging viel zu weit, um diese Zurechtweisung nicht ruhig zu ertragen.

»Gefällt Ihnen übrigens mein Mann, Baron?«

Da reitet mich der Teufel, etwas Unglaubliches zu sagen: »Nein.«

»Warum?«

»Nur, weil es Ihr Mann ist, Herzogin.«

»Danke. Ich habe Sie doch richtig taxiert.«

»Wollen die Frau Herzogin die Gnade haben, mir das zu erklären?«

»Später vielleicht – jetzt wollen wir noch etwas lustwandeln.«

Ich erhebe mich gehorsam. Wir schlendern nach der Ahnengalerie. Wenn sie mir die Bemerkung übelgenommen – meinetwegen! Bei den Spielern bleibt sie stehen. Sie sieht dem Herzog in die Karten, die Hand leicht auf seine Schulter gelegt. »Hast du Glück, Charles?« – »Wenn du hineinsiehst, stets, Félicie.« – Die alte, galante Phrase! Dennoch lächelt die reizende Frau, ein verlegen liebenswürdiges Lächeln, wie ein Kind, das genascht hat und das nicht wahr haben möchte.

Wir gehen weiter durch die ganze Zimmerflucht – zwei Träumer, den Blick ins Leere. Mich drücken die Räume, so hoch sie sind. Nicht etwa, weil ich mich vielleicht unsicher fühlte oder nicht unter meinesgleichen! Und wäre es eine Versammlung königlicher Prinzen – auf meinem Wappenschild steht: ›Flieh! Der Rabe!‹ (siehe Ivanhoe – gare le corbeau) – Nein, so dumm es klingt – ich fühle das Schicksal. Das Unglück schleicht um mich herum, hat vielleicht schon die Hand an meiner Kehle. Vielleicht mag ein Bube aus Wahnsinn oder gemeinem Zerstörungstrieb die »Liebe« zerfetzt haben, und im Hotel finde ich nachher das Telegramm. Irgend jemand oder irgend etwas thut mir etwas Schreckliches – den Gedanken werde ich nicht los. Von den Kostbarkeiten um mich her sehe ich jetzt gar nichts. Ich höre nur das leise Rauschen des Seidenrocks der Frau neben mir. Auch das berührt meine Nerven unangenehm. Ich Narr! Die Frau ist höchstens mein guter Geist, aber nicht mein schlechter.

Sie haben da irgendwo in einer Ecke auf einer Staffelei eine sehr gute Kopie von Tizians »himmlischer und irdischer Liebe«. Vor dem Bilde zögert die Herzogin. Es ist die holdeste Offenbarung der Kunst – es liegt ein Duft darüber, ein Zauber, den wir lieben und hassen zugleich. Das können wir nicht mehr. Bei uns ist alles gewollt. Die Herzogin weiß das vielleicht auch. Und mit dem gänzlichen Mangel an Prüderie, der die ganz große Dame so angenehm von der Kanzleiratstochter unterscheidet, tippt sie auf die nackte Gestalt.

»Lächelt Ihre ›Liebe‹ auch so rein?«

Ich kann nur lächeln. Meine »Liebe« ist so ganz anders. Und wie sich die unsinnigsten Gedanken in nervösen Hirnen kreuzen, so fällt mir vor dem Bilde gerade das Lucrezialächeln ein, das ich einst malen wollte – und wie eine andre vorhin lächelte, die feine Hand auf ihres Mannes Schulter. Meine Herzensfrage ist empörend: »Wann lächeln die Frauen am keuschesten?«

Die Antwort vielleicht ebenso empörend: »Wenn sie verraten, Baron.«

Ich stehe eben vor dem reizendsten Rätsel, das einem in Frauengestalt erscheinen kann. Rätselraten halte ich sonst für die kindische Beschäftigung geistig Armer – aber solche Rätsel! – ... Ja, Bauer, das ist ganz was andres... Und habe die Güte, Gert, nicht zu moralisieren, indem Du erklärst: ›die Frau giebt dir gleich viel zu viel, als daß sie es dir allein geben könnte –‹ Und wenn ich nun doch der Auserwählte wäre, ganz allein bestimmt, in ein großes, krankes Herz zu schauen?

Die Gesellschaft dauerte viel länger, als bei der aristokratischen Langweile anzunehmen. Ueber die Herren war nämlich beim Whist eine leichtfertige Stimmung hereingebrochen. Sie kamen uns nachgetrollt, den Herzog an der Tête. Unter Tizians »himmlischer und irdischer Liebe« wurde zum Schluß noch gejeut. Eine regelrechte Bank, die der Prinzonkel legte. Diese Verbrecher – was? Beruhige Dich! Und wenn wir bis zum jüngsten Tage gejeut hätten, ein Hundertfrankenschein war auch beim größten Pech nicht zu verjubeln. Ein Spiel um zusammengeklebte italienische Lirelappen – philisterhaft, reizlos für Deinen Bruder, der höchstens noch die tollen Umdrehungen des Glücksrades liebt, wo die Psychologie einheimst, was der Beutel hergeben mußte. Zum Hazard gehören glasige Augen, zuckende Lippen, erlogene Ruhe. Doch selbst bei diesem zahmen Baccarat machte ich meine Studien. – Der Prinzonkel knurrt nämlich, sobald ein Fünfer sich empfohlen, bei zehn Franken nagt er verbissen die Lippen – beim zwölften beobachtet er sogar mit bemitleidigendem Mißtrauen den Bankhalter beim Mischen. Ich mußte darob lächeln. Der Graf verstand und lächelte auch. Das ist mein Mann. Einer, der immer doublieren möchte, nie nachzählt, dabei immer ruhig, elegant, die Sammetaugen vom weichsten Glanz. Den möchte ich in Monte Carlo sehen! – Bei Spielern trügt mein Scharfblick nie. Er ist ein Verlorener, der nicht aufhören kann und aus der wildesten Glückshausse doch nackt und bloß entfliehen müßte – trotzdem ruhig, lächelnd wie ein Idiot. Der Herzog pinxert, berechnet Chancen, trennt sich aber von seinem Gelde wie von Spielmarken. Anders der Marquis – abgekühlter Franzose, uninteressiert, Gesellschaftsmensch, der mitthut, was andre nicht lassen können. Die schärfsten Pointeure sind die Herzogin und ich. Ich aus Scherz, ein gelassener Verschwender, dem es weit eher um die Gesichter zu thun ist als um das lächerliche Geld. Aber die Herzogin! Eine Jeuratze scheinbar, wie sie im Buche steht, fiebernd und doch naiv, unerfahren, erpicht aufs Gewinnen wie alle Frauen, und dann wieder von Gewissenskrupeln geplagt gegenüber den Verlierenden. Dennoch – sie ist mir rätselhaft – bei aller Passion, allem Leichtsinn ist die Grenze unverrückbar. Unsummen gewinnen – wohl möglich! Unsummen verlieren – undenkbar! Sie würde sich immer klug sagen: ›So viel kannst du verjeuen, aber darüber hinaus keinen roten Dreier mehr.‹ Hier war die Probe darauf natürlich nicht möglich – doch sehe ich viel zu scharf, um nicht Spieler von Spieler zu scheiden – die tollkühnen und die wagenden. Bis zu dem einen Punkte riskiert sie alles – nachher keinen Sou. – Darin liegt ein Charakterzug, der mich über das fernere Schicksal dieser Frau überhaupt beruhigen könnte.

Sag, bin ich in sie verliebt? Wie Du mir zugeben mußt: nein! Trotzdem empfand ich eine gewisse Enttäuschung über diese vernünftige Tollheit. Das blasse Gesichtchen ist hellrot, die Opalaugen funkeln beinahe, die nervös zitternde Hand vergißt den Gewinn einzuziehen. Ich bemerke das einmal, zweimal, und mache mir den Scherz, ihren Gewinn für mich einzustreichen. Sie muß den Betrug erst von meinem spitzbübisch lächelnden Gesicht ablesen. Dann lacht sie hell auf: »Sie sind gefährlich, Baron!« – Dagegen ich: »Allerdings, Herzogin – aber das würde wahrscheinlich jeder sein, der neben Ihnen beim Spiel pointiert. Sie haben das Zeug, in Monte Carlo die Bank zu sprengen – aber ein andrer nimmt das Geld.«

Die matten Augen des Herzogs ruhen in diesem Augenblick prüfend, fast argwöhnisch auf mir und ihr. Das helle Lachen that's ihm an – der Narr! Die reizende Frau und ich waren uns niemals ferner als in diesem Moment, wo der fremde Zug ihres Wesens hervorspringt: das sparsame Verschwenden. Nein, ich liebe diese Frau ganz sicher nicht! Setzt da vielleicht auch bei diesem holden Geschöpf die Degeneration unsers alten Blutes ein? Ist da der tiefversteckte, aber unverrückbare Pol ihres Könnens, so daß eine dürre Vernunft das üppig grünende Gefühl unfehlbar dann meistert, wo es noch nicht einmal die Blüte treiben konnte, geschweige denn die Frucht?

Ich thue der Frau sicher unrecht – jedoch für mich ist das Spiel plötzlich vorbei. Die andern mögen's als Langweile deuten, Blasiertheit, daß ich austrete. Grundfalsch! Der einzige Mensch in dieser Gesellschaft, zu dem ich mich hingezogen fühle, stößt mich ab, wird mir fremd.

Man läßt mich – man läßt ja Künstler immer gewähren, weil man für interessante Laune hält, was vielleicht nur mimosenhafte Empfindlichkeit ist. Ich gehe in das Nebenzimmer, wo die Importenkisten auf einem Mosaiktische thronen. Ich sehne mich jetzt nicht nach dem edeln Gift, an dem ich mich arbeitend immer berauschen muß. Die parfümierte Zigarette paßt heute besser. Boudoirluft wird pikant durch den feinen Rauch. Vielleicht hat diese rätselhafte Frau im Grunde auch nur Boudoirgefühle – spielend, nichtig und doch so gefährlich. Ich möchte darum in ihrem Verandazimmer vor dem Weggehen noch ein wenig träumen. In dem Raum muß ja ihre Eigenart wurzeln, weil sie ihn am meisten liebt.

In der Ahnengalerie sehe ich mir vorbeigehend noch einmal die Herren von Lièges genauer an. Katholische Köpfe darunter, Mönche in Stahlhemd oder Sturmhaube – ein fanatisch gläubiger Zug allen gemein. Bis zum siebzehnten Jahrhundert noch scharfe, herzlose Augen trotz der Gläubigkeit. Dann werden die Augen matter und matter. Die Degeneration tritt wohl ein. Sieht das der Epigonenherzog nicht, der mit den mattesten Augen selbst zu seinen Ahnen täglich aufschaut? Matte Augen sind ein Glück. Der eine sieht durch den Dunstschleier kaum, der andre verbirgt heimtückisch darunter, was er geschaut. Zu welcher von den beiden Kategorien gehörst du, Duc Charles?

Was doch so ein Zug Zigarette in einem Frauengemach nicht thut! Als ob man selbst nicht der Übelthäter – als ob ein andrer verschwiegener Galan es eben verlassen!...

Vorhin mit der Herzogin beschäftigte mich die reizende Frau zu sehr. Da interessierte mich nur die Stimmung des Zimmers, jetzt interessieren mich die Gegenstände. Ob sie einen Galan hat? Bei halben Französinnen hat man stets den Soupçon... Nun bin ich allein und mit einem Inquisitorenblick begabt. Eigentliche Neugierde liegt mir sonst fern, hier packt sie mich plötzlich. Und da eine Kartenschale nicht vorhanden, wühle ich einen Stoß kostbarer Photographiealben auseinander. Das ist ja erlaubt. Und wie ich so blättere. – Ansichten von ihrem flandrischen Schloß, Bilder aus Ägypten, von der Riviera, langweiliges Zeug eigentlich, weil so wenig persönlich – da beginne ich zu träumen. Die schwankenden Schatten der Ampel schläfern den Stehenden ein. Ich träume natürlich von der Herzogin. Aber ich sehe sie nur in dem scharfen, häßlichen Lichte der Spieltischaufregung. Meine Bewunderung ist ein wenig kühl geworden. Der tiefe Gegensatz unsers Wesens wird mir klar: einer, der nichts wagt und dann alles – ich; eine, die alles wagt und nachher nichts – sie.

Warum ist mir das holde Bild von vorhin zerflattert? Ein liebes, junges, ehrliches Geschöpf, das die Tiefen seiner Seele noch gar nicht kennt und darum in reizender Naivität verschwenderisch ausstreut, wo Flache klug bewahren. – Und jetzt muß ich die Grenzen dieses Wesens scharf und nüchtern sehen. Hinter dem Gefühl lauert ihr stets die Vernunft. Ein guter Wächter wohl – allein ich liebe ihn bei Frauen nicht allzusehr. – Kann die Herzogin Félicie einmal einem alles geben – oder giebt sie allen etwas, so daß keiner befriedigt ist, nicht einmal sie?

Und dösend blättere ich weiter, Album um Album. Auch in der Wahl der Bilder guter Geschmack, feiner Fraueninstinkt, ein Gefühl für das Warme, Helle, für die schöngeschwungene Linie, die keine häßliche Realität stört. Oberfläche – oder Charakter? – Ich grüble...

Und das letzte kleine Album will ich gerade – doch ein wenig enttäuscht – auf die Etagere zurückschieben. Da drehe ich noch mechanisch das nächste Blatt um und da – ist eine Realität, eine häßliche Realität sogar! Ein Kind... Ihr Kind?... An ein Kind gemahnt nichts in diesem Hause. Dennoch... es ist ein mir unheimliches Kind von vielleicht drei Jahren – ganz blöde Augen, ein rhachitischer Körper, armselig auch in dem reichen Kinderkleid ... aber in dem feinen Kinn, in der schmalen, schönen Stirn ist der Typ der Herzogin lebendig. Ich kann mich auch irren. Es ist ein fahl gewordenes Bild, als wenn die Thränen einer unglücklichen Mutter darüber geflossen wären... »Nun, kleiner Duc,« sage ich halblaut, »vegetierst du noch, oder war dein blaues, dünnes Blut zu adlig für diese plebejische Welt?« – Ein widerlicher Monolog! – In dem Augenblicke fahre ich auch schon zusammen. Hinter mir knistert etwas, der Schatten eines Menschen tanzt vor mir auf der Wand. Ich drehe mich um – es ist die Herzogin, die vielleicht schon lange hinter mir gestanden. Sie sagt kein Wort, sie lächelt nur ein ödes, starres Lächeln.

In der Verwirrung frage ich: »Was ist das für ein Kind?«

»Mein Kind.«

»Lebt es noch?«

»Nein.«

Wir stehen uns gegenüber, verlegen, lange. Welch krankes, wehes Kinderlächeln selbst diese Frau doch lächelt! Und sie hat mir auf einmal so kranke, schmale, weiße Kinderhände! – Aus dem Lächeln und aus der Hand lese ich ein schweres Schicksal. Sie hat auch ein krankes, wehes Herz, die arme Frau... Ja, arme Félicie! Die Gesellschaft folgte, wir sprachen noch ein paar gleichgültige Worte. Und dann fuhr ich weg.

Auf halbem Wege schickte ich den Wagen zurück. Ich wollte noch gehen, grübeln. Wenn auch der aufgeweichte Kalk der Landstraße neue Lackschuhe unfehlbar ruiniert – um solche Kleinigkeit bekümmerte ich mich nie. Es regnet nicht mehr. Die scharfe Mittelmeerbrandung kreischt herauf, ein heller Horizont hebt sich über silberblinkendem Wasser. Ich selbst mache an mir eine merkwürdige Entdeckung – Ich liebte sonst kranke Frauen nie, nur gesunde. – Jetzt muß ich immer an diese kranke Hand und dieses kranke Lächeln denken. Sie üben beinahe eine Macht auf mich ... Kranke, schmale, weiße Frauenhände ...

Wenn ich Tip bei mir hätte, würde dieser Hund, der ein seltener Gedankenleser ist, mich die ganze Zeitlang leise wedelnd angeschaut haben. Was mir ans Herz geht, errät er stets – und will mich trösten.

Der Weg ist lang, und ich komme über Stimmungen schnell hinaus. So auch damals. Vor dem Hotel hatte ich nur noch Sehnsucht nach Dir, Gert. Und ich bin auch gar nicht sicher, ob ich nicht in dieser Woche meine Sachen packe und als seltener Gast zu Euch in den Osten komme.

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